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Jahresbericht 2019
der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits-
und Veterinärwesen (LUA)

 
│1
Tabellarische Darstellung der Untersuchungsleistungen und
Öffentlichkeitsarbeit 2019
(nur als pdf-Dokument - siehe Homepage:
www.lua.sachsen.de
> Publikationen > Jahresberichte)
Humanmedizinische infektions-, hygiene- und umweltbezogene Diagnostik und Beratungstätigkeit
1.1:
Klinische Mikrobiologie (Bakteriologie, Mykologie) - Untersuchungen .................................................................................................... 1
1.2:
Gezielte Anforderungen zum Nachweis von MRSA und MRGN ................................................................................................................... 1
1.3:
Untersuchte Humanproben mit Nachweis von MRSA/caMRSA und MRGN ............................................................................................. 1
1.4: Untersuchte Humanproben mit Nachweis von Neisseria gonorrhoeae ..................................................................................................... 1
1.5:
Mykobakteriologie - Einsendungen humanmedizinischer Materialien ..................................................................................................... 2
Inhalt
Vorwort
........................................................................................................................................................................................................ 5
Humanmedizinische infektions-, hygiene- und umweltbezogene Diagnostik und Beratungstätigkeit
Übersicht über das Leistungsspektrum ........................................................................................................................................................................... 6
Nachweis darmpathogener Bakterien, Viren und Parasiten ..................................................................................................................................... 8
Tuberkulose – noch immer aktuell .................................................................................................................................................................................10
Überblick über die serologische Untersuchungstätigkeit ........................................................................................................................................11
Hygiene der Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen, Kurorthygiene ..................................................................................................14
Respiratorische Synzytial (RS)-Viren: Gefährlich für Säuglinge und Senioren .................................................................................................16
Umweltmedizinische und umwelthygienische Untersuchungs- und Beratungstätigkeit ..............................................................................17
Amtliche Lebensmitteluntersuchungen und Amtliche Futtermittelüberwachung
.....................................................................................21
Übersicht über das Leistungsspektrum .........................................................................................................................................................................21
Lebensmittelmikrobiologie und Lebensmittelhygiene ..............................................................................................................................................23
Getreideerzeugnisse, Backwaren, Süßwaren, Speiseeis, Tee, Kaffee ....................................................................................................................27
Obst, Obsterzeugnisse, Gemüse, Gemüseerzeugnisse, Gewürze, Fertiggerichte ...............................................................................................30
Getränke ........................................................................................................................................................................................................32
Nahrungsergänzungsmittel
..............................................................................................................................................................................................34
Fette, Öle, Feinkost, Zusatzstoffe ...................................................................................................................................................................................36
Bedarfsgegenstände und kosmetische Mittel .............................................................................................................................................................38
Pestizide, Schadstoffe ........................................................................................................................................................................................................42
Amtliche Außendienstaufgaben .....................................................................................................................................................................................44
Veterinärmedizinische Tierseuchen- und Krankheitsdiagnostik
Übersicht über das Leistungsspektrum .........................................................................................................................................................................47
West-Nil-Virus (WNV) – ein neuer, exotischer Zoonoseerreger in Sachsen ......................................................................................................48
Pathologische Diagnostik .................................................................................................................................................................................................50
Parasitologische Diagnostik .............................................................................................................................................................................................56
Spezielle Mikrobiologie und Mykologie ........................................................................................................................................................................57
Mastitisdiagnostik ........................................................................................................................................................................................................59
Serologie ........................................................................................................................................................................................................60
Virologie, diagnostische Molekularbiologie .................................................................................................................................................................61
Elektronenmikroskopische Untersuchungen ...............................................................................................................................................................64
Verwaltung
Einführung der elektronischen Vorgangsbearbeitung und Aktenführung in der LUA Sachsen ....................................................................65
Qualitätsmanagement
-
Akkreditierung .......................................................................................................................................................................66
Öffentlichkeitsarbeit
........................................................................................................................................................................................................67
Abkürzungen........................................................................................................................................................................................................68
Inhaltsverzeichnis
Sachberichte über wichtige Ereignisse, Untersuchungsschwerpunkte
und Untersuchungsergebnisse

2 │
1.6:
Mykobakteriologie - durchgeführte Untersuchungen (ohne IGRA) ............................................................................................................. 2
1.7: Erregerspektrum der angezüchteten Mykobakterien .......................................................................................................................................2
1.8:
Untersuchungen auf darmpathogene Erreger (Bakterien, Viren, Parasiten) ............................................................................................. 3
1.9: Spektrum der nachgewiesenen darmpathogenen Erreger ............................................................................................................................. 3
1.10: Spektrum der nachgewiesenen Salmonellen-Serovare ...................................................................................................................................4
1.11: Spektrum der nachgewiesenen Shigellen-Arten ...............................................................................................................................................4
1.12: Spektrum der nachgewiesenen Campylobacter-Arten ....................................................................................................................................4
1.13: Spektrum der nachgewiesenen Serotypen von intestinalen Escherichia coli (außer EHEC) ................................................................ 5
1.14: Spektrum der nachgewiesenen EHEC-Serovare ................................................................................................................................................5
1.15: Spektrum der nachgewiesenen Serogruppen von Yersinia enterocolitica ................................................................................................. 6
1.16: Nachweis von darmpathogenen Viren .................................................................................................................................................................6
1.17: Klinische Parasitologie - Einsendungen .............................................................................................................................................................. 6
1.18: Ergebnisse der helminthologischen Untersuchungen ..................................................................................................................................... 6
1.19: Ergebnisse der protozoologischen Untersuchungen ........................................................................................................................................ 7
1.20: Virusanzucht, Virustypisierung und Neutralisationstests ............................................................................................................................... 7
1.21: Serologisch-immunologische Untersuchungen auf Virus-Antikörper und -Antigene ........................................................................... 8
1.22: Serologisch-immunologische Untersuchungen auf Bakterien-Antikörper und -Antigene ................................................................... 9
1.23: Serologisch-immunologische Untersuchungen auf Parasiten-Antikörper ................................................................................................ 9
1.24: Untersuchungen von Asylsuchenden auf Hepatitis A, Hepatitis B, Hepatitis C, HIV-Infektionen und Syphilis in den
Erstaufnahme-Einrichtungen Sachsens nach Herkunftsländern ................................................................................................................10
1.25: Untersuchungen von Asylsuchenden auf anzunehmende Immunität gegenüber Masern-, Mumps-, Röteln- und
Varizella-zoster-Virus (MMRV) in den Erstaufnahme-Einrichtungen Sachsens nach Herkunftsländern .......................................11
1.26: Untersuchungen mittels PCR/Molekularbiologische Untersuchungen .....................................................................................................12
1.27: Untersuchungen von zentralen Trinkwasserversorgungsanlagen (ZWVA) ..............................................................................................13
1.28: Beanstandungen bei zentralen Trinkwasserversorgungsanlagen (ZWVA) ...............................................................................................13
1.29: Untersuchungen von EU-Badegewässerproben ..............................................................................................................................................13
1.30: Einstufung der mikrobiologischen Qualität der EU-Badegewässer in Sachsen in der Badesaison 2019 durch die
Europäische Kommission .......................................................................................................................................................................................14
1.31: Pollenmessstation LUA Sachsen, Standort Chemnitz, Dekadenmittel der Pollenbelastung der Luft mit 8 allergologisch
relevanten Pollenarten für die Pollenvorhersage im Vergleich der Jahre 2018 und 2019 .................................................................15
1.32: Ausgewählte hygienisch-mikrobiologische Untersuchungen .....................................................................................................................16
1.33: Erfasste Infektionskrankheiten im Freistaat Sachsen - Jahresvergleich 2019/2018 (Datenstand: 01.03.2020) ..........................16
1.34: Influenza-Sentinel 2018/2019 - Aufschlüsselung der Probeneinsendungen und der positiven
Influenzavirus-Genomnachweise nach territorialen Gesichtspunkten
.....................................................................................................18
1.35: Influenza-Sentinel 2018/2019 - Probeneinsender, Probenzahl, positive Proben und Positivenrate nach PCR-Diagnostik
......18
1.36: Influenza-Sentinel 2018/2019 - jahreszeitlicher Verlauf (Probeneinsendungen, Influenzavirus-Nachweise
(mittels PCR) und Positivenraten) .......................................................................................................................................................................19
Amtliche Lebensmitteluntersuchung
2.1: Übersicht über Probeneingänge und Beanstandungen .................................................................................................................................20
2.2: Untersuchung amtlicher Lebensmittelproben .................................................................................................................................................22
2.3:
Untersuchung von Erzeugnissen, die dem Weinrecht unterliegen ............................................................................................................25
2.4: Untersuchung von Tabakerzeugnissen ...............................................................................................................................................................25
2.5: Untersuchung amtlicher Bedarfsgegenständeproben ...................................................................................................................................25
2.6: Untersuchung kosmetischer Mittel.....................................................................................................................................................................25
2.7: Untersuchung ausgewählter Warengruppen, aufgeschlüsselt nach Produktgruppen .........................................................................26
2.8:
Zusatzstoffuntersuchungen in Lebensmitteln und Kosmetika ....................................................................................................................28
2.9:
Beispiele aus der Untersuchung kosmetischer Mittel - Coffein in Hautpflegeprodukten
..................................................................28
2.10: Elementanalytik: Anzahl der Proben und Beanstandungen .........................................................................................................................29
2.11: Untersuchungen auf Dioxine, dioxinähnliche und nicht-dioxinähnliche polychlorierte Biphenyle
(inkl. Proben NRKP und Monitoring) ..................................................................................................................................................................30
2.12: Mykotoxine, ausgewählte Untersuchungsergebnisse ....................................................................................................................................31
2.13: Untersuchungen von Lebensmitteln auf Bestandteile aus gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP),
geordnet nach untersuchter Spezies ..................................................................................................................................................................32
2.14: Untersuchungen von Lebensmitteln auf Bestandteile aus gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP),
geordnet nach Warengruppen .............................................................................................................................................................................32
2.15: Untersuchungen auf Allergene (Anzahl untersuchter Proben), aufgeschlüsselt nach Warenobergruppen ...................................33
2.16: Pflanzenschutzmittel-Rückstandssituation in Lebensmitteln pflanzlichen und tierischen Ursprungs
...........................................34
2.17: Beanstandete Proben aufgrund von Überschreitungen der geltenden Rückstandshöchstgehalte (RHG) gemäß
Verordnung (EG) Nr. 396/2005 und Rückstands-Höchstmengenverordnung (RHmV) ........................................................................35
2.18: Untersuchung auf ausgewählte organische Schadstoffe .............................................................................................................................36

│3
2.19: Untersuchung von Lebensmitteln auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) ...........................................................36
2.20: NRKP - Anzahl der Untersuchungen in den einzelnen Stoffgruppen (nach RL 96/23/EG) für verschiedene Tierarten
nach Probenahme von tierischen Erzeugnissen oder an Tieren im Erzeugerbetrieb ............................................................................37
2.21: NRKP - Anzahl der Untersuchungen in den einzelnen Stoffgruppen (nach RL 96/23/EG) für verschiedene Tierarten
nach Probenahme an Tieren im Schlachtbetrieb ............................................................................................................................................37
2.22: Untersuchung auf pharmakologisch wirksame Stoffe in Proben aus der amtlichen Lebensmittelüberwachung ........................38
2.23: Zusammenstellung von positiven Proben (MRL-Überschreitungen oder Nachweis verbotener bzw. nicht zugelassener
Stoffe) .........................................................................................................................................................................................................................39
2.24: Zusammenstellung von Proben mit Rückständen pharmakologisch wirksamer Stoffe, deren Konzentrationen die
zulässigen Höchstwerte bzw. den MRPL nicht überschreiten.....................................................................................................................39
2.25: Bakteriologische Hygienekontrolluntersuchungen, Salmonellen-Serotypen in Tupferproben ..........................................................40
2.26: Bakteriologische Fleischuntersuchung und biologischer Hemmstofftest ................................................................................................40
2.27: Salmonellenfunde und nachgewiesene Serovare in Lebensmitteln ..........................................................................................................41
2.28: Untersuchungen und Nachweise von Listeria monocytogenes in Lebensmitteln .................................................................................42
2.29: Untersuchungen und Nachweise von Campylobacter in Lebensmitteln ..................................................................................................42
2.30: Untersuchungen und Nachweise von humanpathogenen Yersinia enterocolitica in Lebensmitteln ..............................................42
2.31: Untersuchungen und Nachweise von VTEC in Lebensmitteln .....................................................................................................................43
2.32: Nationaler Rückstandskontrollplan – Biologischer Hemmstofftest .........................................................................................................43
2.33: Untersuchung loser Wasserproben .....................................................................................................................................................................43
2.34: Untersuchung von Lebensmitteln auf Aromastoffe .......................................................................................................................................44
2.35: Bestimmung der Fettsäureverteilung sowie des Milchfettgehaltes in Lebensmitteln .........................................................................44
2.36: Bestimmung von Cholesterolgehalten in Lebensmitteln ..............................................................................................................................45
2.37: Untersuchung von Frittierfetten ..........................................................................................................................................................................45
Veterinärmedizinische Tierseuchen- und Krankheitsdiagnostik
3.1: Sektionen ....................................................................................................................................................................................................................46
3.2:
Sektionen - Trend (in Klammern Anteil Sektionsprogramm) .......................................................................................................................47
3.3:
Untersuchungen zur Überwachung und Nachweis von ausgewählten anzeigepflichtigen Tierseuchen
........................................47
3.4:
Untersuchungen zur Überwachung und Nachweis von ausgewählten meldepflichtigen Tierkrankheiten
....................................48
3.5: Tollwutuntersuchungen - Tierarten ....................................................................................................................................................................48
3.6: Tollwut - Kontrolluntersuchungen von Füchsen .............................................................................................................................................49
3.7: Tollwutuntersuchungen und Nachweise - Trend ............................................................................................................................................49
3.8: TSE - Untersuchungen ............................................................................................................................................................................................49
3.9: TSE - Untersuchungen - Trend .............................................................................................................................................................................50
3.10: Bienenkrankheiten - Trend ....................................................................................................................................................................................50
3.11: Parasitologie - Proben und Untersuchungen ...................................................................................................................................................50
3.12: Parasitologie - Proben und Ergebnisse ..............................................................................................................................................................51
3.13: Parasitologie der Fische - Untersuchungen und Ergebnisse........................................................................................................................53
3.14: Bakteriologie, Mykologie - Probenarten, Anzahl und Untersuchungen ...................................................................................................53
3.15: Untersuchungen auf Salmonellen .......................................................................................................................................................................54
3.16: Ergebnisse der Salmonellentypisierung ausgewählter Tierarten ................................................................................................................54
3.17: Untersuchungen auf Campylobacter spp. aus Kot- und Organproben .....................................................................................................55
3.18: Andrologische und gynäkologische Proben und Untersuchungen .............................................................................................................55
3.19: Mastitisdiagnostik - Proben und Untersuchungen nach Kategorien ........................................................................................................56
3.20: Mastitisdiagnostik - Erregernachweise .............................................................................................................................................................56
3.21: Serologische Untersuchungen und Ergebnisse ................................................................................................................................................57
3.22: Virusnachweise - Anzüchtungen .........................................................................................................................................................................59
3.23: Sonstige Antigen - Nachweise (ELISA/Hämagglutination) ..........................................................................................................................59
3.24:
Molekularbiologie ....................................................................................................................................................................................................60
3.25: BVD-Virus - Untersuchungen und Ergebnisse beim Rind .............................................................................................................................63
3.26: BVD-Virus-Antikörper - Jungtierfenster............................................................................................................................................................63
3.27: Blauzungenkrankheit - Untersuchungen und Ergebnisse ............................................................................................................................63
3.28: Blauzungenkrankheit - Trend ...............................................................................................................................................................................64
3.29 Aviäre Influenza - Proben und Ergebnisse
........................................................................................................................................................64
3.30: Paratuberkulose - Proben und Ergebnisse ........................................................................................................................................................64
3.31: Paratuberkulose - Trend (nur Rind) ....................................................................................................................................................................65
3.32: Schmallenbergvirus - Untersuchungen und Ergebnisse ...............................................................................................................................65
3.33: Schmallenbergvirus - Trend ..................................................................................................................................................................................65
3.34: Klassische und Afrikanische Schweinepest - Proben von Haus- und Wildschweinen .........................................................................66
3.35: Klassische und Afrikanische Schweinepest - Trend........................................................................................................................................66
3.36: West-Nil-Virus - Proben und Untersuchungsergebnisse ..............................................................................................................................66

4 │
Öffentlichkeitsarbeit
Publikationen ........................................................................................................................................................................................................68
Vorträge, Lehrveranstaltungen ........................................................................................................................................................................................69
Sonstige Öffentlichkeitsarbeit .........................................................................................................................................................................................74
Mitarbeit in zentralen Gremien, Ausschüssen, Arbeitsgruppen .............................................................................................................................75
Ausbildung/Praktikantenbetreuung/Hospitationen ...................................................................................................................................................78
Abkürzungen........................................................................................................................................................................................................80

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│5
Vorwort
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen (LUA) stellt mit diesem Bericht Daten und Ergeb-
nisse aus den Routineuntersuchungen als auch besondere Schwerpunkte und Herausforderungen des Jahres 2019 vor.
Als Behörde des öffentlichen Gesundheitsdienstes obliegt der LUA vor allem die Untersuchung und Beurteilung von amtlichen Hu-
man-, Lebensmittel- und Veterinärproben.
Das Jahr 2019 hatte im Veterinärbereich zahlreiche „Höhepunkte“, so war beim Sektionsprogramm mit 1.572 untersuchten Nutztie-
ren ein neuer Einsenderekord (130 % im Vergleich zu 2018) zu verzeichnen. Infolge der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest
bei Wildschweinen in Polen bis an die Grenze Sachsens, führte die Diagnostik zur Früherkennung zu einem Anstieg der Wildschwein-
proben auf knapp 10.000 (130 % im Vergleich zu 2018). Mit dem Nachweis des ersten autochthonen Falls von West-Nil-Virus bei
einem Geflügelhalter als auch dessen Geflügel hat sich ein neuer exotischer Zoonoseerreger in Sachsen etabliert, zahlreiche
Nach-
weise bei Vögeln und Pferden belegen das.
Im Bereich der amtlichen Lebensmitteluntersuchung einschließlich der Bedarfsgegenstände und Kosmetika lag die Beanstandungs-
quote bei den ca. 22.000 Proben mit 16,7 % auf dem Niveau der Vorjahre. Insgesamt wurden nur 1,2 % aller untersuchten Proben
als gesundheitsschädlich bzw. für den Verzehr ungeeignet beurteilt; die Sicherheit der Lebensmittel war somit auch im vergangenen
Jahr gegeben. Wegen des „Hype“ um Hanfprodukte und Cannabidiol als besonders gesund wurden entsprechende Öle, Tees und
Nahrungsergänzungsmittel hinsichtlich ihres Gehaltes an halluzinogenen Substanzen analysiert. Diese zeigten zum Teil kritische
Gehalte, die beanstandet werden mussten.
Im Fachbereich Humanmedizin dominierte 2019 wiederum die Abklärung infektiöser Durchfallerkrankungen; am häufigsten wurden
Noroviren in 36,4 % der Untersuchungen nachgewiesen. Die Zahl der Einsendungen zur Tuberkulose-Diagnostik stieg um ca. 200
zum Vorjahr, jedoch blieb der prozentuale Anteil der positiven Ergebnisse seit 2017 bei 10 %. Im Rahmen des MRE-Netzwerkes
wurde im Freistaat Sachsen 2019 mit Unterstützung des SMS eine Studie zur Prävalenz von MRSA und MSSA bei Vorschulkindern
aufgelegt, deren Auswertung 2020 erfolgt. Die im Dezember 2019 erstmals in Wuhan (China) diagnostizierte COVID-19-Infektion
hat auch die LUA sensibilisiert. Obwohl das Ausmaß für Deutschland und Sachsen nicht absehbar war, wurden bereits zu Jahresbe-
ginn erste Schritte zur Etablierung der Diagnostik eingeleitet, die seit dem 01.02.2020 zur Verfügung steht.
Erheblichen Aufwand verursachte im Bereich des für die LUA essentiellen Qualitätsmanagements die Umstellung auf die neue
DIN EN ISO/IEC 17025: 2017. Frühzeitig vor Ablauf der dreijährigen Übergangsfrist erfolgte 2019 die Begutachtung durch externe
Auditoren der DAkkS. Im Ergebnis wurde der LUA die überzeugende Einführung und eine hohe fachliche Kompetenz aller Mitarbei-
ter bescheinigt. Diese Kompetenz und das umfassende Leistungsspektrum der LUA sind jedoch Mitgarant für die Gesundheit von
Mensch und Tier im Freistaat Sachsen.
Eine komplette Übersicht über Leistungen, sowie Daten und Ergebnisse der LUA im Jahr 2019 finden Sie im Tabellenteil auf der LUA-
Homepage unter
www.lua.sachsen.de.
Im Namen der LUA-Mitarbeiter und der Ersteller des Berichtes wünsche ich eine interessante Lektüre.
Dr. Gerlinde Schneider
Präsidentin

6 │
Humanmedizinische infektions-, hygiene- und um-
weltbezogene Diagnostik und Beratungstätigkeit
Übersicht über das Leistungsspektrum
Die Abteilung Medizinische Mikrobiologie und Hygiene umfasst
am LUA Sachsen-Standort Dresden die Fachgebiete, die mik-
robiologische Labordiagnostik auf bakterielle, virale, parasitä-
re und/oder Pilz-Infektionserreger aus menschlichen Untersu-
chungsmaterialien durchführen, sowie die wasserhygienischen
mikrobiologischen und chemischen Laborbereiche. Aufgrund der
Verfügbarkeit eines modernen Labors der Schutzstufe 3 kann
auch mit Krankheitserregern, die ein erhöhtes Gefährdungspo-
tenzial besitzen, also mit Keimen der Risikogruppe 3, gearbeitet
werden. Am LUA Sachsen-Standort Chemnitz der Abteilung sind
neben der Infektionsepidemiologie und Gesundheitsberichter-
stattung auch die Fachgebiete angesiedelt, die umweltmedizini-
sche und kommunalhygienische Fragestellungen sowie Themen
der Hygiene der Gesundheits-, Gemeinschaftseinrichtungen und
von Kurorten bearbeiten.
Die folgenden Ausführungen zum Leistungsspektrum sowie die
Beiträge im Textteil stellen nur einige Haupttätigkeitsfelder vor,
ohne dass sie jedoch das gesamte Arbeitsspektrum der
Abtei-
lung abbilden können.
Schwerpunktmäßig wurden in den
Laboratorien am Standort
Dresden
folgende Untersuchungsaufgaben wahrgenommen:
]
Diagnostik zum Nachweis und zur Abklärung von (Infek-
tions-)Erregern
]
beim Auftreten bevölkerungsmedizinisch relevanter über-
tragbarer Krankheiten (z. B. bei Häufungen, Ausbrüchen,
in Gemeinschaftseinrichtungen etc.)
]
nosokomialer Infektionen sowie mit speziellen und Multi-
Resistenzen (z. B. MRSA, VRE, 3MRGN, 4MRGN)
]
sexuell übertragbarer Infektionen (STI)
]
mit bevölkerungsmedizinischer Relevanz bei Asylbewer-
bern
]
im Rahmen von Sentinels (z. B. Influenza-Sentinel,
En-
terovirus-Surveillance)
]
mit bevölkerungsmedizinischer Relevanz bei derem neuen
Auftreten oder bei deren schneller Verbreitung (emerging
infectious diseases)
]
mit erhöhtem Gefährdungspotenzial (z. B. Erreger der Risi-
kogruppe 3 wie
Mycobacterium tuberculosis
)
]
Kontrolle von Trinkwasser aus zentralen Wasserversorgungs-
anlagen hinsichtlich bakteriologischer und chemischer Para-
meter
]
Kontrolle von EU-Badegewässern und „wilden Badestellen“
hinsichtlich bakteriologischer Parameter, gegebenenfalls
einschließlich Blaualgen
Ein Beispiel für die Reaktionsfähigkeit der mikrobiologisch-
diagnostischen Labore der Humanmedizin bei Auftreten eines
neuen Infektionserregers ist die - derzeit alles beherrschende -
COVID-19-Problematik. Nachdem im Dezember 2019 erstmalig
in Wuhan (China) das neuartige Betacoronavirus SARS-CoV-2
aufgetreten war, hat es sich in wenigen Wochen weltweit ver-
breitet. Aufgrund der Situation in China hat die Weltgesund-
heitsorganisation (WHO) zunächst am 30.01.2020 ein „Public
Health Emergency of International Concern“ ausgerufen, am
11.03.2020 wurde dann COVID-19 zur globalen Pandemie er-
klärt.
Weltweit wurden bislang (Stand 17.04.2020) 2.034.802 bestä-
tigte SARS-CoV-2-Fälle gemeldet, darunter 135.163 Todesfälle
(case fatality rate CFR 6,6 %). Das European Centre for Disease
Prevention and Control (ECDC) gibt für Europa die Zahl der be-
stätigten COVID-19-Erkrankungen mit Stand 17.04.2020 mit
878.222 und die Zahl der -Todesfälle mit 89.825 (CFR 10,2 %)
an. Gemäß Robert Koch-Institut (RKI) waren in Deutschland bis
zum 17.04.20 insgesamt 133.830 SARS-CoV-2-Infektionen ge-
meldet worden, 2,9 % der Patienten (Absolutzahl 3.868) sind
bis zu diesem Zeitpunkt verstorben. Im Freistaat Sachsen waren
mit Stand 17.04.2020 bei 4.048 Meldungen 95 Todesfälle (CFR
2,3 %) zu verzeichnen.
Die LUA Sachsen hat frühzeitig - als mit eines der ersten Labore
im Freistaat - die molekularbiologische Diagnostik auf SARS-
CoV-2 etabliert und validiert. Seit dem 01.02.2020 können die
Gesundheitsämter die diesbezüglichen Untersuchungsleistun-
gen der LUA Sachsen in Anspruch nehmen, zu diesem Zeitpunkt
waren außerhalb von China weltweit nur insgesamt 132 CO-
VID-19-Fälle und in Deutschland 8 Fälle in Bayern im Zusam-
menhang mit einem Automobilzulieferer bestätigt. Seit Anfang
Februar bis zum 17.04.2020 haben die humanmedizinischen
Laboratorien der LUA Sachsen, mit tatkräftiger Unterstützung
durch Mitarbeiter*innen der Veterinärmedizin und Lebensmit-
telchemie, 11.473 Proben von 10.787 Personen auf SARS-CoV-2
untersucht. Mit 1.337 Nachweisen lag die probenbezogene
Positivenrate bei 11,7 %. Die patientenbezogene Positivenra-
te betrug 11,1 % (Absolutuzahl 1.201). Bei 30 % der COVID-
19-Patienten im Freistaat wurde somit die Labordiagnose in der
LUA Sachsen gestellt.
Die Tätigkeit der in den Bereichen
Umweltmedizin, Kommu-
nalhygiene, Hygiene der Gesundheitseinrichtungen, Hygiene
der Gemeinschaftseinrichtungen und Kurorthygiene
arbeiten-
den Fachgebiete war im Jahr 2019 auf folgende Schwerpunkte
ausgerichtet:
]
Stellungnahmen zu umwelthygienischen Problemen
]
Umweltmedizinische Expositions- und Gefährdungsabschät-
zung, Immissionsprobleme
]
Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen im Rahmen von Pla-
nungs- und Genehmigungsverfahren
]
Untersuchungen im Bereich der Raumlufthygiene (z. B. In-
nenraumchemikalien, Schimmelpilze, Lüftungsproblematik in
Gemeinschaftseinrichtungen)
]
Umsetzung der Sächsischen Badegewässer-Verordnung, Be-
richterstattung zu Badegewässern gemäß EU-Richtlinie

│7
]
Untersuchungen, Stellungnahmen und Beratungen zur Um-
setzung hygienischer Anforderungen in Gesundheits- und
Gemeinschaftseinrichtungen
]
Länderübergreifende Mitarbeit an der Erarbeitung von Emp-
fehlungen und Richtlinien zum Thema Hygiene (z. B. Erstel-
lung von Rahmenhygieneplänen)
]
Beurteilung von Anträgen zur staatlichen Anerkennung als
Kur-/Erholungsort aus hygienischer Sicht
]
Pollenmessstelle in Kooperation mit der Stiftung Deutscher
Polleninformationsdienst
An die Fachgebiete herangetragen wurden unter anderem ver-
schiedene hygienische Fragestellungen, die oft einen engen Zu-
sammenhang mit mikrobiologischen Problemen aufwiesen. Im
Bereich der Umweltmedizin sei hier vor allem auf die Schimmel-
pilz-Problematik in Innenräumen verwiesen (siehe Textbeitrag
„Umweltmedizinische und umwelthygienische Untersuchungs-
und Beratungstätgikeit“), im Bereich der Hygiene z. B. auf die
Problematik der Ausbreitung multiresistenter Erreger in Ge-
sundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen (siehe Textbeitrag
„Hygiene der Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen,
Kurorthygiene“, im Abschnitt „Beratungs- und Untersuchungs-
tätigkeit“). In der Kommunalhygiene und bei der Hygiene der
Gemeinschaftseinrichtungen standen unter anderem Anfragen
zur Bau- und Siedlungshygiene (z. B. Bauleitplanungen, natür-
liche Beleuchtung, Lärmbelastung, Lüftung) und zu Bauprojekt-
Beurteilungen verschiedenartiger Gemeinschaftseinrichtungen
im Vordergrund.
Die Zusammenfassung der Meldedaten zu Infektionskrankheiten
aus den regionalen sächsischen Gesundheitsämtern sowie Über-
prüfung, Bewertung und Weiterleitung dieser Daten und von in
Sachsen erhobenen Daten zum Impfstatus von Kindern in Kin-
dertagesstätten und Schulen an das Robert Koch-Institut (RKI)
sind Aufgaben des Fachgebietes
„Infektionsepidemiologie,
Gesundheitsberichterstattung“
. Krankheitsbezogene Analysen,
epidemiologische Einschätzungen, Gesundheitsberichterstat-
tung sowie die Weitergabe wissenschaftlicher Informationen
sind weitere Tätigkeiten des Fachgebietes. Aus epidemiolo-
gischer Sicht ist für das Berichtsjahr unter anderem der erste
Nachweis einer autochthonen West-Nil-Virus-Erkrankung beim
Menschen in Sachsen bzw. in Gesamtdeutschland zu erwähnen
(siehe Textbeitrag im Abschnitt „Veterinärmedizinische Tierseu-
chen- und Krankheitsdiagnostik“ „West-Nil-Virus (WNV) – ein
neuer, exotischer Zoonoseerreger in Sachsen“). Der starke An-
stieg der Meldungen von Respiratorischen Synzytial (RS)-Viren
während der letzten Jahre wird in dem Textbeitrag „Respirato-
rische Synzytial (RS)-Viren: Gefährlich für Säuglinge und Senio-
ren“ thematisiert. Darüber hinaus war im Fachgebiet umfangrei-
che Beratungstätigkeit, insbesondere beim gehäuften Auftreten
von Infektionskrankheiten und im Rahmen von Erkrankungsaus-
brüchen, zu leisten. Auch die Auswertung des Datenmaterials
der Sächsischen Impfdatenbank in Kooperation mit dem SG IT
gehört zum Aufgabenfeld des FG 1.6.
Auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand gehaltene Empfeh-
lungen zur Verhütung und Bekämpfung bestimmter epidemio-
logisch bedeutsamer übertragbarer Krankheiten (Herdbekämp-
fungsprogramme), die fachgebietsübergreifend verfasst werden,
geben dem Sozialministerium, Gesundheitsämtern, Kranken-
häusern und Ärzten vor Ort ein wichtiges Instrument bei ihren
Anstrengungen zur Prävention in die Hand. So wurde 2019 an
der Aktualisierung der Herdbekämpfungsprogramme zu Pertus-
sis und Masern sowie der Empfehlungen für die Wiederzulas-
sung in Schulen und sonstigen Gemeinschaftseinrichtungen im
Freistaat Sachsen gearbeitet.
Die Fachgebiete der Abteilung Medizinische Mikrobiologie und
Hygiene leisteten somit auf der Grundlage des Gesetzes über
den Öffentlichen Gesundheitsdienst im Freistaat Sachsen wie in
den vergangenen Jahren auch im Jahr 2019 eine umfangreiche
umweltmedizinische, hygienische und infektiologisch-seuchen-
hygienische Untersuchungs- und Beratungstätigkeit, die er-
gänzt wurde durch eine intensive Vortrags-, Fortbildungs- und
Schulungstätigkeit sowie durch die Erstellung verschiedener
Veröffentlichungen, Informationsmaterialien, Empfehlungen
und Stellungnahmen.
In Sachsen existiert seit 2012 eine Meldepflicht für den
Nach-
weis von community-acquired Methicillin-resistente
Staphylo­
coccus aureus
(caMRSA), Panton-Valentine-Leukozidin (PVL)-
bildend, wenn die Nachweise auf eine akute Infektion hinweisen.
Seitdem steigen die Meldezahlen an. Da Kolonisationen und In-
fektionen durch PVL-MSSA (PVL-Methicillin-sensible
S. aureus
)
und Kolonisationen mit caMRSA nicht meldepflichtig sind,
feh-
len Daten zu deren Verbreitung in der sächsischen Bevölkerung.
Im Rahmen des MRE-Netzwerkes im Freistaat Sachsen wurde
im Jahr 2019 daher eine Studie aufgelegt, die die Prävalenz von
PVL-bildenden S.
aureus
(PVL-MSSA und PVL-MRSA) bei Vor-
schulkindern in Sachsen aufzeigen soll. Im Zeitraum August
2019 bis März 2020 wurden bei der Schulaufnahmeuntersu-
chung durch 7 sächsische Gesundheitsämter insgesamt 5.165
Proben (Rachen-/Nasenabstrich, gegebenenfalls Hautabstrich)
von Vorschulkindern bzw. dem begleitenden Elternteil ent-
nommen und in der LUA Sachsen untersucht. Zusätzlich sollten
mittels auszufüllenden Teilnehmer-Fragebögen möglicherweise
assoziierende Faktoren, die eine Besiedlung mit PVL-bildenden
S. aureus
begünstigen können, erkannt werden. Diese Studien-
ergebnisse werden unter anderem im Jahresbericht 2020 vor-
gestellt. Die für dieses Projekt benötigten finanziellen Mittel
wurden der LUA Sachsen, die die Projektkoordination innehat,
durch das SMS bereitgestellt.
In einem weiteren vom SMS 2019 geförderten Projekt zu
„An-
tibiotikaverordnungen in der ambulanten hausärztlichen und
gynäkologischen Versorgung in Sachsen am Beispiel unkompli-
zierter Zystitis (AvoZyst)“, welches Aspekte der Antibiotikaver-
brauchs- und Resistenzsituation im niedergelassenen Bereich im
Blick hat, sind LUA-Mitarbeiter als Kooperationspartner tätig.

image
8 │
Nachweis darmpathogener Bakterien, Viren und Parasiten
Infektiöse Darmerkrankungen sind aufgrund ihres epidemischen
Potentials von besonderer Bedeutung für den Öffentlichen
Gesundheitsdienst. Enteritiserreger können über kontaminier-
te Lebensmittel oder auch durch die direkte Übertragung von
Mensch zu Mensch zu größeren Ausbrüchen führen, insbeson-
dere in Gemeinschaftseinrichtungen wie Pflegeheimen,
Kinder-
gärten und Schulen.
Die infektiösen Gastroenteritiden gehören zu den häufigsten
meldepflichtigen Erkrankungen. Dabei ist von einer deutlichen
Untererfassung auszugehen, da bei Durchfallerkrankungen häu-
fig kein Arzt aufgesucht und auch im Fall einer Konsultation
selten eine mikrobiologische Diagnostik angefordert wird.
Die Überwachung infektiöser Darmerkrankungen und die Auf-
klärung von Ausbruchsursachen ist eine wichtige Aufgabe der
sächsischen Gesundheitsämter. Von ihnen werden Stuhlproben
bei Erkrankungshäufungen, Nachkontrollen bei bekanntem In-
fektionserreger sowie Umgebungsuntersuchungen zu erkrank-
ten Personen an die LUA Sachsen eingesandt. Des Weiteren
erfolgen Untersuchungen im Auftrag der Zentralen Ausländer-
behörde (ZAB) sowie der Justizvollzugsanstalten Sachsens.
Bakteriologische Untersuchungen
Im Berichtsjahr wurden 9.835 bakteriologische Untersuchungen
aus Stuhlproben angefordert. Diese umfassten die Diagnostik
auf Salmonellen, Shigellen, Campylobacter, Yersinien, darmpa-
thogene
Escherichia coli
, Vibrionen und die Lebensmittelvergif-
ter
Staphylococcus aureus
und
Bacillus cereus
mittels kulturel-
ler Nachweise auf Selektivnährmedien. Verdächtige Kolonien
wurden biochemisch, serologisch oder mittels MALDI-TOF-MS
(Matrix Assisted Laser Desorption Ionization – Time of Flight
Mass Spectrometry) differenziert.
Durch den Einsatz von Enzymimmunoassays (EIA) erfolgte der
Nachweis erregerspezifischer Toxine von
Clostridium perfrin­
gens
und
Clostridioides difficile
.
Die Diagnostik enterohämorrhagischer
E. coli
erfolgte im ers-
ten Schritt durch den Nachweis des Shigatoxins im EIA. Proben,
die im EIA positiv auf das Toxin getestet waren, wurden mittels
molekularbiologischer Methoden (PCR) bestätigt und auf das
Vorhandensein des Shigatoxin 1- und Shigatoxin 2-Gens un-
tersucht, was eine Virulenzprofil-abhängige Risikoabschätzung
ermöglicht. Schwere Verläufe und Komplikationen wie das HUS-
Syndrom (Hämolytisch-urämisches Syndrom) sind vor allem mit
der Produktion von Shigatoxin 2 assoziiert. Laut den „Empfeh-
lungen für die Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen
gemäß § 34 IfSG“ vom 21.11.2019 des Robert Koch-Instituts
zum Umgang mit EHEC-Erkrankten, -Ausscheidern und -Kon-
taktpersonen, soll bei alleinigem Nachweis von Shigatoxin 1
von einem nicht-HUS-assoziierten EHEC-Stamm ausgegangen
werden, der wie andere Enteritiserreger (Salmonellen) zu be-
handeln ist (Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen
frühestens 48 Stunden nach Abklingen der Symptome ohne ge-
nerelle Stuhlkontrollen). Bei Shigatoxin 2-positiven Fällen muss
von einem HUS-assoziierten Erreger ausgegangen werden, so-
weit nicht durch eine Shigatoxin 2-Subtypisierung die Subtypen
2a, 2c und 2d ausgeschlossen wurden. Die Subtypisierung des
Shigatoxin 2 wird an der LUA Sachsen derzeit nicht durchge-
führt, kann aber durch das Nationale Referenzzentrum in Wer-
nigerode erbracht werden.
Bei einem EHEC-Erstnachweis wird versucht, den toxinbilden-
den Stamm zu isolieren und serologisch zu differenzieren. Aus
der Kultur erfolgt auch der Nachweis des eae-Gens (Intiminbil-
dung), das als zusätzlicher Risikofaktor für schwerere Verläufe
gilt.
Wie bereits in den Vorjahren war die Untersuchung auf EHEC
die am häufigsten angeforderte Diagnostik im Jahr 2019. Die
Positivenrate lag bei 11,1 % (294/2.646) und entsprach 23,7 %
aller Nachweise darmpathogener Erreger an der LUA Sachsen
(Tabelle 1). Von 89 Erstnachweisen waren 56 (62,9 %) Shiga-
toxin 2-positiv (mit oder ohne Shigatoxin 1-Nachweis) . Bei 28
(31,5 %) der EHEC-Erstnachweise war die Anzucht des EHEC-
Stammes nicht möglich. Die 61 erfolgreich isolierten EHEC-
Stämme (68,5 %) wurden am NRZ für Salmonellen und andere
bakterielle Enteritis-Erreger charakterisiert. Insgesamt wurden
20 verschiedene EHEC-Serovare mit unterschiedlichen Virulenz-
merkmalen isoliert, wobei 12 (13,5 %) der Serogruppe O157
und 11 (12,4 %) der Serogruppe O91 zugeordnet wurden (LUA-
Homepage, Tabelle 1.14).
Von 1.986 angeforderten Untersuchungen auf Salmonellen
fie-
len 191 (9,6 %) positiv aus, womit Salmonellen 15,4 % aller
Nachweise von Darmpathogenen im Jahr 2019 ausmachten
(Tabelle 1). Der unter Erstisolaten am häufigsten (33 %)
dia-
gnostizierte Salmonellen-Serovar war
Salmonella
Typhimurium
Abbildung 1:
Kligler-Agar mit Salmonella Typhi

│9
bzw.
S.
Typhimurium Variante Copenhagen, gefolgt von
Salmo­
nella
Enteritidis mit 28,9 % und
Salmonella
Derby (7,2 %). Die
übrigen Serovare waren deutlich seltener vertreten (<4 % der
Erstnachweise) (LUA-Homepage, Tabelle 1.10). Es gab im Be-
richtsjahr zwei epidemiologisch nicht zusammenhängende
Erst-
nachweise von
Salmonella
Typhi aus Stuhl bei Kindern im Alter
von 5 und 6 Jahren nach Auslandsaufenthalten (Abbildung 1).
Größere Ausbrüche durch Salmonellen kamen im Berichtszeit-
raum nicht zur Meldung.
In 49 von 1.113 Stuhlproben (4,4 %) wurde
Campylobacter
spp.
nachgewiesen (Tabelle 1). Bei 76,9 % der Erstnachweise handel-
te es sich um
Campylobacter jejuni
, in 19,2 % um
Campylobac­
ter coli
und in einem Fall (3,8 %) um
Campylobacter hyointesti­
nalis
(LUA-Homepage, Tabelle 1.12).
Für
C. difficile, Shigella
spp,
Yersinia
spp. und darmpathogene
E. coli
(außer EHEC) lagen die Nachweisraten bei jeweils 6,4 %;
0,7 %; 1,5 % bzw. 1,6 % (Tabelle 1).
Tabelle 1: Spektrum der nachgewiesenen darmpathogenen
Erreger
Erreger
Anzahl der
Nachweise
Nachweise in %
zur Anzahl der
durchgeführten
Untersuchungen
Nachweise in %
zur Gesamtzahl
der nachgewie-
senen darm-
pathogenen
Erreger
Noroviren
493
36,4
39,7
Enterohämorrhagische
Escherichia coli (EHEC)
294
11,1
23,7
Salmonella spp.
191
9,6
15,4
Rotaviren
66
6,1
5,3
Campylobacter spp.
49
4,4
3,9
intestinale Helminthen
45
8,0
3,6
Giardia lamblia
25
8,7
2,0
Astroviren
15
1,5
1,2
Shigella spp.
14
0,7
1,1
Darmpathogene Escheri-
chia coli (außer EHEC)
12
1,6
1,0
Yersinia enterocolitica
12
1,5
1,0
Adenoviren
10
1,0
0,8
Clostridioides difficile
(Toxine A+B)
10
6,4
0,8
Cryptosporidium spp.
7
7,9
0,6
Bacillus cereus
0
0,0
0,0
Clostridium perfringens
(Enterotoxin)
0
0,0
0,0
Entamoeba histolytica
0
0,0
0,0
Staphylococcus aureus,
enterotoxinbildend
0
0,0
0,0
Vibrio cholerae
0
0,0
0,0
Gesamtzahl der nachge-
wiesenen darmpathoge-
nen Erreger
1.243
8,0
100,0
Parasitologische Untersuchungen
Im Berichtsjahr wurden 1.179 Untersuchungen auf
parasitologi-
sche Enteritiserreger bzw. intestinale Helminthen durchgeführt.
618 hiervon entfielen auf die Diagnostik intestinaler Protozoen
mittels EIA. Bei der Untersuchung auf Cryptosporidien wurde
zusätzlich ein nach Ziehl-Neelsen (modifiziert) gefärbtes
Prä-
parat mikroskopiert. Cryptosporidien wurden in 7,9 % (7/89)
der Untersuchungen gefunden. Die Positivenrate der
Gardia
lamblia
-Diagnostik lag bei 8,7 % (25/289),
Entamoeba histo­
lytica
wurde in keinem Fall nachgewiesen (0/240) (Tabelle 1,
LUA-Homepage, Tabelle 1.17).
561 Stuhlproben wurden mikroskopisch auf intestinale Helmin-
then untersucht, 332 davon waren Einsendungen der Zentra-
len Ausländerbehörde (LUA-Homepage, Tabelle 1.17). In 8,0 %
der Proben (45/561) wurden Wurmeier, Würmer oder Wurm-
bestandteile nachgewiesen. Insgesamt wurden 13 verschiedene
Helminthenarten diagnostiziert. Mit 41,2 % der Gesamtnach-
weise wurden am häufigsten Hakenwürmer detektiert, gefolgt
von
Enterobius vermicularis
mit 23,5 % sowie
Schistosoma
mansoni
mit 9,8 %. Alle anderen Arten wurden seltener ge-
funden (< 6 % der Gesamtnachweise) (LUA-Homepage, Tabelle
1.18).
Eine Häufung von Infektionen mit
E. vermicularis
ereignete sich
in einer Familienwohngruppe. Die Betreuerin der Gruppe wur-
de mehrfach wegen eines rezidivierenden Madenwurmbefalls
bei ihrem Arzt vorstellig. Bei einer Umgebungsuntersuchung
durch das Gesundheitsamt wurde in besagter Wohngruppe bei
6 Personen
E. vermicularis
nachgewiesen. Der weibliche Wurm
legt, vor allem während der Nachtstunden, seine Eier um den
After ab, was zu starkem Juckreiz in der Analregion führt. Eine
Verbreitung des Madenwurmes wird durch mangelnde Hygie-
ne, insbesondere nach dem Toilettengang bzw. dem Kratzen im
Analbereich, begünstigt.
Virologische Untersuchungen
Im Jahr 2019 wurden 4.480 Untersuchungen auf darmpathoge-
ne Viren an der LUA Sachsen durchgeführt. Der Nachweis von
Noroviren erfolgte molekularbiologisch mittels RT-PCR; Adeno-,
Astro-, und Rotaviren wurden mittels Antigen-Nachweis im EIA
detektiert. In 493 von 1.353 Stuhleinsendungen (36,4 %) gelang
der Nachweis von Noroviren. Mit einem Anteil von 39,7 % wa-
ren sie wie jedes Jahr die am häufigsten nachgewiesenen
Darm-
pathogene im Untersuchungsgut der LUA Sachsen (Tabelle 1).
Die Nachweisraten von Adeno-, Astro- und Rotaviren lagen mit
1,0 %; 1,5 % und 6,1 % in etwa auf dem Niveau der Vorjahre.
Größtenteils erfolgten die Nachweise im Rahmen von Gastroen-
teritis-Geschehen in Pflegeheimen und Kindertagesstätten.

10 │
Tuberkulose – noch immer aktuell
Die Tuberkulose ist weltweit nach wie vor eine sehr ernst zu
nehmende Infektionskrankheit. Wenn auch die meisten Fäl-
le außerhalb von Europa auftreten, so verdient diese Region,
trotz der noch relativ geringen Inzidenz von 10,7 Neuerkran-
kungen/100.000 Einwohner in EU/EEA-Ländern (ECDC 2017,
Bericht 2019), durch die starken Migrationsbewegungen wie-
der vermehrte Aufmerksamkeit. In Deutschland nahm seit 1991
die Inzidenz von 17,6 Erkrankungen bis 2008 kontinuierlich ab.
Nach mehreren Jahren weitgehend gleichbleibender Fallzahlen
kam es migrationsbedingt in den Jahren 2015/16 zu einem pas-
sageren Anstieg, seitdem gehen die gemeldeten Tuberkulosefäl-
le wieder zurück. Mit den Zahlen für 2019 liegen wir derzeit
noch etwas über dem Niveau von 2014.
Wie aus Abbildung 2 ersichtlich, liegt die Inzidenz in Sachsen
stets unter dem Mittelwert der Inzidenz von Deutschland, im
Jahr 2019 im Freistaat mit 3,9 pro 100.000 Einwohner jedoch
noch über dem entsprechenden Wert des Jahres 2014.
Unter den 160 Tuberkulosefällen, die im Jahr 2019 im Freistaat
Sachsen insgesamt zur Meldung kamen (Stichtag 01.03.2020),
lag der Anteil der Patienten mit ausländischer Staatsangehö-
rigkeit bei 63 % und damit etwas unterhalb des Bundesdurch-
schnitts von ca. 70 %.
Die Laboruntersuchungen sind ein wichtiger Teil der Fallfindung.
Viele Einsendungen der Gesundheitsämter werden an die LUA
Sachsen im Rahmen von Umgebungsuntersuchungen geschickt,
die teilweise sehr umfangreich sein können. Ein wichtiges Werk-
zeug dabei bildet die Untersuchung von Blutproben zur Feststel-
lung einer latenten Tuberkulose-Infektion mittels Interferon-
Gamma-Release-Assay (IGRA).
Der IGRA ergänzt nun seit dem Jahr 2007 die Diagnostik am
Tuberkuloselabor der LUA Sachsen (Abbildung 3). Inzwischen
wurden in den vergangenen 13 Jahren über 45.000 Blutproben
zu uns eingesandt, deren anfänglich noch manuelle Abarbeitung
sehr bald durch Nutzung eines Laborautomaten erleichtert wur-
de. Im Jahr 2017 erfolgte die durch eine Weiterentwicklung des
Testsystems bedingte Umstellung vom 3-Röhrchen-System auf
ein 4-Röhrchen-System. Diese Umstellung gelang reibungslos,
obwohl das zusätzliche Probenröhrchen natürlich sowohl auf
Seiten der Einsender (Blutentnahme) als auch im Laborablauf
einen höheren Aufwand nach sich zog.
Der prozentuale Anteil von Blutproben mit positivem Ergebnis
(Abbildung 4) bleibt seit 2017 relativ konstant bei 10 % und
spiegelt gut die aktuellen Verhältnisse in unserem gemischten
Probenaufkommen wider.
Die teilweise deutlich höheren Werte in vorherigen Zeiträu-
men (siehe Angaben über der orangen Kurve) erklären sich da-
durch, dass noch bis Mitte 2011 viele IGRA-Untersuchungen,
entsprechend des damaligen Stufenplanes, erst bei positivem
Tuberkulin-Hauttest (THT) angefordert wurden (Vorselektion
erwartungsgemäß positiver Proben durch den vorgeschalte-
ten THT) sowie, in den Jahren 2015/2016, durch die intensive
Einreiseuntersuchung von Migranten aus Ländern mit höherer
Tuberkulose-Inzidenz.
Abbildung 2:
Tuberkulose-Erkrankungen in Deutschland und Sachsen 1991 -
2019 (Stand 01.03.2020)
0
2
4
6
8
10
12
14
16
18
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019
Erkrankungen pro 100.000 Einwohner
Jahr
Deutschland
Sachsen
Abbildung. 3: Einsendungen und Ergebnsse der IGRA-Untersuchungen 2007 -
2019, absolut
577
1.342
1.269
1.563
1.863
2.689
2.839
2.984
3.560
5.827
7.887
6.550
6.070
0
1.000
2.000
3.000
4.000
5.000
6.000
7.000
8.000
9.000
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019
Anzahl Blutproben für IGRA
Jahr
Summe
positiv
negativ
unschlüssig
Abbildung 4:
Ergebnisse der IGRA-Untersuchungen 2007 - 2019 in %
64,1
76,2
73,3
70,2
78,2
87,2
85,9
85,1
81,9
85,6
88,3
89,4
88,4
26,0
19,7
21,8
24,3
18,1
10,2
11,4
11,9
15,9
12,6
10,4
9,6
9,9
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
80,0
90,0
100,0
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019
Jahr
negativ
positiv
unschlüssig
2007-2010
20-26%
2011
18%
2012-2014
10-12%
2015/2016
12-16%
2017-2019
10%
Abbildung 5:
Einsendungen zum kulturellen Nachweis von Mykobakterien hu-
manmedizinischer Herkunft und Anzuchtergebnisse 2007 - 2019
0
500
1.000
1.500
2.000
2.500
3.000
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019
Anzahl Kulturproben
Jahr
eingesandte Proben
Mykobakterien
davon Tb-Erreger
atypische Mb.

│11
Zum Erregernachweis wurden im Jahre 2019 insgesamt 2.506
Untersuchungsmaterialien eingesandt. Darunter waren, als Ser-
vice-Leistung für die veterinärmedizinische Abteilung, Fachge-
biet Pathologie/Bakteriologie, 24 Proben von Tieren, die mikros-
kopisch und kulturell auf Mykobakterien zu untersuchen waren.
Wie in Abbildung 5 ersichtlich, blieben die Einsendungen der
humanmedizinischen Proben seit dem Jahr 2015 auf relativ
gleichem Niveau. Im Jahr 2019 war gegenüber dem Vorjahr eine
Steigerung um ca. 8 % zu verzeichnen (2.482 gegenüber 2.298
Proben). Im Berichtsjahr wurden 87 Mykobakterien-Isolate
an-
gezüchtet, von denen 47 Tuberkulose-Erreger waren. Alle Tuber-
kulosefälle (27 Personen) waren auf
Mycobacterium tuberculo­
sis
zurückzuführen.
Die meisten Isolate waren sensibel gegenüber den bei uns rou-
tinemäßig getesteten Antituberkulotika Streptomycin (SM),
Isoniazid (INH), Rifampicin (RMP), Ethambutol (EMB) und Pyra-
zinamid (PZA). Je eine Monoresistenz wurde bei einem
40-jähri-
gen Georgier (SM) und einer 26-Jährigen aus Eritrea (INH) fest-
gestellt. Das Isolat eines weiteren Georgiers (49 Jahre) zeigte
eine 4fach-Resistenz (SM, INH, RMP und PZA) bei Sensitivität
gegenüber EMB, bei einem 27-jährigen Vietnamesen war mit
EMB zusätzlich auch das fünfte Mittel resistent. Beide Fälle
wurden in Spezialkliniken behandelt.
Das Durchschnittsalter dieser 27 Tuberkulose-Patienten lag bei
42,6 Jahren (19 - 88). Zwei Drittel der Betroffenen waren im
Ausland geboren, nur 9 Personen gebürtige Deutsche. Dieses
Verhältnis entspricht grob den für Sachsen bekannten prozen-
tualen Anteilen. Außerdem lag der Altersdurchschnitt der im
Ausland Geborenen mit 31,5 Jahren (19 - 55) nur halb so hoch
wie bei den gebürtigen Deutschen (64,7 Jahren, 44 – 88).
Bei den 40 Isolaten nichttuberkulöser Mykobakterien (in 8
verschiedenen Spezies) handelte es sich meist um einmalige
Zufalls isolate ohne pathogene Bedeutung für die betreffende
Person.
Überblick über die serologische Untersuchungstätigkeit
Schwerpunkte der serologischen Routinediagnostik im Berichts-
jahr 2019 waren - wie auch in den Vorjahren -
Antikörper-Be-
stimmungen von impfpräventablen Erkrankungen sowie Scree-
ning-Untersuchungen auf HIV-Infektion, Hepatitis und Syphilis.
Die detaillierte Darstellung der Untersuchungszahlen sowie
einen Überblick zum gesamten serologischen Untersuchungs-
spektrum des Fachgebietes Serologie/Virologie im Berichtsjahr
2019 geben die Tabellen 1.21 bis 1.25, die auf der LUA-Home-
page einsehbar sind.
Im Berichtsjahr 2019 wurden insgesamt 17.172 humane
Se-
rumproben in 81.867 Einzelanalysen untersucht (Abbildung 6).
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Gesamtzahl der
Einzeluntersu-
chungen um ca. 6 % gestiegen (2018: 77.206 Untersuchungen).
Mit 57,1 % (46.792/81.867) wurde im Jahr 2019 mehr als die
Hälfte der serologischen Untersuchungen im Auftrag von Ein-
richtungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) im
Fachgebiet ausgeführt. Im Vorjahr machte dies ebenfalls den
Großteil der Untersuchungen aus (2018: 54,1 %).
Die serologischen Analysen, die gemäß der VwV Asylbewerber-
gesundheitsbetreuung vom 29.07.2015 im Rahmen der ärztli-
chen Erstuntersuchung durch die Zentrale Ausländerbehörde
(ZAB) beauftragt wurden, lagen im Berichtsjahr anteilig bei
35,5 % (29.034/81.867). Im Vorjahr betrug ihr Anteil 39,5 %.
Insgesamt wurden im Berichtsjahr 5.004 Serumproben aus
Erst-
aufnahmeeinrichtungen (EAE) der ZAB registriert (2018: 5.513
Serumproben).
Der Umfang der Untersuchungen für Justizvollzugsanstalten
und Landespolizeidirektionen betrug im Berichtsjahr 7,4 %
(2018: 6,3 %).
Ca. 98 % der asylbedingten Serumproben aus den EAE der ZAB
in 2019 wurden gemäß der VwV Asylbewerbergesundheitsbe-
treuung auf die serologischen Parameter Hepatitis A-IgM-Anti-
körper (HAV-IgM-Ak) und Hepatitis B-surface-Antigen (HBs-Ag)
untersucht. Zum Routinespektrum gehören ebenfalls Untersu-
chungen zur Bestimmung des Immunstatus der Asylsuchenden
gegen das Masern-, Mumps-, Röteln- und Varizella-Zoster-
Virus (MMRV-Titer). In Einzelfällen wurde das serologische
Routinespektrum um zusätzliche Untersuchungsanforderungen
erweitert. Diese zusätzlich geprüften Parameter dienten zur Er-
mittlung bzw. zum Ausschluss von Infektionskrankheiten oder
von übertragbaren Krankheitserregern, wie zum Beispiel der
Ausschluss von HIV-Infektion (insgesamt 235 Untersuchungen),
Hepatitis C-Virus-Infektion (322 Untersuchungen auf HCV-An-
tikörper) und Syphilis (213 Untersuchungen). Im Vergleich zum
Vorjahr haben sich im Berichtsjahr die asylbedingten
Untersu-
chungszahlen zum Ausschluss von HIV-, HCV-Infektionen und
Syphilis nahezu verdoppelt (2018: 373 Untersuchungen/2019:
770 Untersuchungen).
Die detaillierte Darstellung der Untersuchungszahlen und der Er-
gebnisse der serologischen Diagnostik von Asylbewerberproben
zur Immunstatusbestimmung (MMRV-Titer) bzw. auf HAV-IgM-
Ak, HBs-Ag, HCV-Ak, HIV-Infektion und Syphilis getrennt nach
den verschiedenen Herkunftsländern der Asylsuchenden kann auf
der LUA-Homepage (Tabellen 1.24 und 1.25) abgerufen werden.
Im Probenpool mit Untersuchungsanforderungen aus Einrich-
tungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes wurden für 2019
wiederum auch asylbedingte Serumproben registriert, die nach
Verteilung der Asylsuchenden in die Landkreise und kreisfrei-
en Städte von dem jeweils örtlich zuständigen Gesundheitsamt
eingesandt wurden. Des Weiteren zählen zu diesem Probenpool
alle Serumproben von „Unbegleiteten minderjährigen
Auslän-
dern“ (UMA). Das für diese asylbedingten Serumproben jeweils
angeforderte Untersuchungsspektrum ist nicht standardisiert,
sondern immer eine Einzelfallentscheidung des jeweils örtlich
zuständigen Gesundheitsamtes. Größtenteils wurden für Se-
rumproben von UMA bis zu 12 verschiedene serologische Unter-
suchungsparameter angefordert.

image
12 │
HIV-Infektion
Zum Ausschluss einer HIV-Infektion wurden im Berichtsjahr
insgesamt 8.443 Blutproben untersucht. Bei der durchgeführten
serologischen Diagnostik werden die Proben zunächst auf das
Vorhandensein von Antikörpern gegen HIV-1 und HIV-2 sowie
HIV-p24 Antigen (HIV-Screening) geprüft.
Die Untersuchungsproben kamen im Berichtsjahr von den STI/
AIDS-Beratungsstellen der Gesundheitsämter, aus den EAE der
ZAB und vom medizinischen Dienst der Justizvollzugsanstalten
sowie Landespolizeidirektionen. Im Vergleich zum Vorjahr ist
dabei ein Probenzuwachs von ca. 5 % zu beobachten (2018:
8.011 HIV-Untersuchungen).
Zur Verifizierung von positiven oder nicht eindeutigen
Ergeb-
nissen im HIV-Screening-Test wird in der Serologie ein Anti-
körper-basierter Bestätigungstest (HIV-Immunoblot zum Nach-
weis von HIV1-bzw. HIV-2-IgG-Antikörpern) durchgeführt. Im
Berichtsjahr wurden insgesamt 97 Serumproben mit Hilfe des
HIV-Immunoblots geprüft. Bei 68 Seren (70,1 %) bestätigte sich
das reaktive Ergebnis des HIV-Suchtests im eingesetzten Immu-
noblot-Verfahren. Dies entspricht einer Gesamt-Positivenrate
von 0,81 % (68/8.443) in 2019. Im Vorjahr lag diese bei 0,71 %
(57/8.011).
Die bestätigt HIV-positiven Serumproben konnten 51 Patienten
zugeordnet werden. Damit liegt die patientenbezogene Positi-
venrate im Berichtsjahr bei 0,61 % (51/8.317). Im Vorjahr betrug
diese 0,51 %.
In allen Fällen handelte es sich um HIV-1-Infektionen. Bei kei-
nem der HIV-Positiven wurden eindeutig Antikörper gegen das
HI-Virus Typ 2 nachgewiesen. Bei drei HIV-infizierten Personen
war die HIV-1-Infektion zum Untersuchungszeitpunkt bereits
bekannt gewesen.
Die Positivenrate unter den auf HIV untersuchten Asylbewerbern
(Probeneinsendungen aus den EAE der ZAB) liegt im Berichtsjahr
bei 4,3 % (10/235). Im Vorjahr lag diese bei 5,1 % (6/117).
Syphilis
Der Antikörper-Nachweis gegen
Treponema pallidum
im Blut
ist ein wichtiger Bestandteil der Syphilis-Diagnostik. Die sero-
logische Laboruntersuchung basiert auf einer Stufendiagnostik.
Zunächst werden die Seren in einem polyvalenten treponemen-
spezifischen Antikörpertest (Suchtest zur
Syphilis-Ausschlussdi-
agnostik) geprüft. Bei fraglichen bzw. positiven Ergebnissen im
Suchtest schließen sich mehrere Ergänzungsteste zur
Verifizie-
rung der Befundspezifität bzw. zur Beurteilung von
Krankheits-
aktivität und eventueller Behandlungsbedürftigkeit an.
Insgesamt war im Berichtsjahr - wie bereits im Vorjahr - ein
Zu-
wachs bei den Untersuchungszahlen zur Syphilis-Diagnostik zu
beobachten. In 2019 wurden insgesamt 4.792 Serumproben für
diesen Parameter registriert. Dies entspricht im Vergleich zum
Vorjahr einem Anstieg von ca. 10 % (2018: 4.330 Seren). Die
Untersuchungsanforderungen kamen in erster Linie - wie auch
bei der HIV-Diagnostik - aus den STI/AIDS-Beratungsstellen der
Gesundheitsämter.
Bei 9,7 % (467/4.792) der im Suchtest geprüften Serumproben
waren spezifische Antikörper gegen
T. pallidum
nachweisbar. Im
Vorjahr betrug die Positivenrate 12,6 % (546/4.330).
In 64 Fällen ist im Berichtsjahr auf der Grundlage der Ergebnisse
von Such- und Ergänzungstesten die serologische Labordiagno-
se einer akuten bzw. behandlungsbedürftigen
T. pallidum
-Infek-
tion gestellt worden, darunter bei drei von 213 entsprechend
untersuchten Personen aus den EAE der ZAB. Dies entspricht
einer Gesamtrate von 1,3 % (64/4.792). Diese lag im Vorjahr
bei 1,4 %.
Von besonderer Relevanz ist die Problematik der Syphilis- und
HIV-Koinfektionen. Diese Befundkonstellation wurde im Be-
richtsjahr in 15 Fällen beobachtet.
Virushepatitis
Eine wesentliche Aufgabe im Rahmen der serologischen Hepati-
tis-Diagnostik ist die Beurteilung der Infektiosität bei Probanden
mit einer nachgewiesenen Hepatitis A-, B- oder C-Virusinfekti-
on. Durch eine Impfung kann eine Infektion mit dem
Hepatitis
A-Virus (HAV)
wirksam verhindert werden. Ist der Immunstatus
nicht bekannt, sind bei einem Erkrankungsgeschehen Umge-
bungsuntersuchungen notwendig.
Im Berichtsjahr wurden insgesamt 5.199 Bestimmungen von
HAV-IgG-Antikörpern (Anti-HAV-IgG) durchgeführt. Die Pro-
beneinsendungen kamen zu ca. 89 % (4.604 Serumproben) aus
Einrichtungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Es wurde
hier eine Hepatitis-A-Immunität (Nachweis von Anti-HAV-IgG)
von 60,4 % ermittelt (2.780/4.604).
Bei entsprechender Klinik ist der Nachweis von HAV-IgM-An-
tikörpern (Anti-HAV-IgM) im Serum für eine frische oder kurz
zurückliegende HAV-Infektion beweisend. Auch der direkte Er-
regernachweis (Virusgenomnachweis aus Stuhl und oder Blut
mittels PCR-Untersuchung) ist eine diagnostische Möglichkeit,
die unter anderem zur Klärung grenzwertiger Ergebnisse für
Anti-HAV-IgM eingesetzt werden kann.
Im Berichtsjahr wurden zum Ausschluss einer akuten
HAV-In-
fektion insgesamt 669 Serumproben aus dem ÖGD auf HAV-
IgM-Antikörper untersucht. In 86 Fällen (12,9 %) wurde der
indirekte (serologische) Nachweis einer frischen oder kurz zu-
rückliegenden HAV-Infektion erbracht. Für insgesamt 321 Pro-
ben ergab die Untersuchung ein grenzwertiges Ergebnis für
Anti-HAV-IgM.
Abbildung 6:
Vorbereitung von Patienten-Blutproben/Zentrifugation zur
Serumgewinnung

│13
Die in 2019 im Rahmen der routinemäßig durchgeführten An-
ti-HAV-IgM-Untersuchungen von Asylsuchenden umfassten
zusätzlich insgesamt 4.920 Bestimmungen (2018: 5.356). Die
Nachweisrate für HAV-IgM-Antikörper lag bei 1,6 % (79/4.920).
Im Vorjahr wurde in 0,1 % der untersuchten Serumproben Anti-
HAV-IgM nachgewiesen. Bei 5,9 % der Seren (292/4.920) ergab
die Analyse ein grenzwertiges Testergebnis für Anti-HAV-IgM.
Durch eine differenzierte Laboruntersuchung von Blutproben
auf verschiedene serologische Marker des
Hepatitis B-Virus
(HBV)
kann nach Auswertung der serologischen Ergebnismuster
zwischen Impfstatus, einer alten, klinisch ausgeheilten HBV-
Infektion oder einer noch bestehenden Hepatitis B differenziert
werden. Zusätzlich ist die Differenzierung zwischen der akuten
und der chronisch-persistierenden Verlaufsform einer bestehen-
den HBV-Infektion möglich.
Im Berichtsjahr wurde für 10 Personen der serologische
Nach-
weis einer akuten HBV-Infektion erbracht. Die entsprechenden
Probeneinsendungen kamen in fünf Fällen aus dem Öffentlichen
Gesundheitsdienst sowie in drei Fällen aus Justizvollzugsanstal-
ten. Für zwei Asylsuchende wurde eine akute HBV-Infektion im
Rahmen der Erstuntersuchung ermittelt.
Im Berichtsjahr wurde bei insgesamt 115 Personen serologisch
eine chronische HBV-Infektion nachgewiesen. Dabei waren in
90 Fällen Asylsuchende aus den EAE betroffen.
Die
Hepatitis C-Virus (HCV)-Infektion
wird vor allem durch
Blutprodukte/-kontakte übertragen. Wie in den Vorjahren
wur-
den serologische Untersuchungen zum Ausschluss einer HCV-
Infektion im Wesentlichen (95,9 %) von den STI/AIDS-Stellen
der Gesundheitsämter sowie von Justizvollzugsanstalten und
Landespolizeidirektionen angefordert. Es handelte sich unter
anderem um Kontrolluntersuchungen von Personal nach Nadel-
stichverletzungen bzw. um Verlaufskontrollen im Zusammen-
hang mit der „Anti-D-Prophylaxe 1978/79“.
Die serologische Labordiagnostik einer HCV-Infektion im Fach-
gebiet Serologie/Virologie basiert auf einem Suchtest zur Be-
stimmung von Antikörpern gegen HCV (Anti-HCV). Reaktive
Proben im Suchtest werden dann in einem IgG-Antikörper-ba-
sierten-Bestätigungstest (Immunoblot-Verfahren) geprüft. Bei
einem bestätigt positiven Anti-HCV-Ergebnis wird der direkte
(quantitative) Nachweis von HCV-RNA mittels PCR-Verfahren
zur Verifizierung der Diagnose einer akuten HCV-Infektion
emp-
fohlen.
Zum Untersuchungsumfang gehören im Berichtsjahr insgesamt
5.601 Anti-HCV-Bestimmungen. Das entspricht im Vergleich
zum Vorjahr einem Zuwachs von 15 % (2018: 4.775 Anti-HCV-
Bestimmungen). In 148 Fällen wurde im Berichtsjahr das
reak-
tive Antikörper-Ergebnis im HCV-Suchtest mittels Immunoblot
bestätigt. Dies entspricht einer Gesamt-Positivenrate von 2,6 %
(148/5.601). Bei alleiniger Betrachtung der asylbedingten HCV-
Untersuchungen in 2019 ergibt sich eine Positivenrate von
18,9 % (61 positiv bestätigte Antikörper-Nachweise bei 322
untersuchten Proben).
Das
Hepatitis E-Virus (HEV)
ist weltweit der häufigste
vira-
le Auslöser einer akuten Hepatitis. Auch in Deutschland wer-
den HEV-Infektionen als häufigste Ursache einer akuten
vira-
len Hepatitis registriert, wobei zumeist von einer autochtonen
Übertragung ausgegangen wird. Die serologische Labordiagnose
einer akuten HEV-Infektion basiert im Fachgebiet Serologie/Vi-
rologie auf der getrennten Bestimmung von IgG- und IgM-Anti-
körpern gegen HEV mittels ELISA sowie Immunoblot (Nachweis
von Anti-HEV-IgG und Anti-HEV-IgM).
Im Berichtsjahr 2019 war mit 752
HEV-Antikörper-Untersu-
chungen die Zahl der Anforderungen im Vergleich zum Vorjahr
um ca. 25 % gestiegen (2018: 576 HEV-Antikörper-Untersu-
chungen). In insgesamt 67 Fällen ergab das serologische Ergeb-
nis den Hinweis auf eine akute HEV-Infektion. Dies entspricht
einer Positivenrate von 8,9 %. Im Vorjahr lag diese bei 6,9 %.
Immunstatusbestimmungen gegen MMRV
Die durchschnittlichen Seroprävalenzen von IgG-Antikörpern
gegen das Masern-, Mumps-, Röteln- und Varizella-Zoster
(MMRV)-Virus bei den im Jahr 2019 analysierten Serumproben
von Asylbewerbern lagen bei allen Parametern zwischen 82 %
und 91 %.
Die Tabelle 1.25 auf der LUA-Homepage zeigt eine Zusammen-
fassung der Untersuchungszahlen und Immunitätsraten der un-
tersuchten Asylbewerber gegen MMRV nach den verschiedenen
Herkunftsländern.

14 │
Hygiene der Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen,
Kurorthygiene
Beratungs- und Untersuchungstätigkeit
Einen Schwerpunkt der Beratungstätigkeit für die Gesundheits-
ämter im Bereich multiresistenter bakterieller Erreger (MRE)
bildeten 2019 unter anderem Vancomycin-resistente Entero-
kokken (VRE) sowie Panton-Valentine-Leukozidin (PVL)-positive
MRSA (Methicillin-resistente
Staphylococcus aureus
) (siehe
Übersicht über das Leistungsspektrum). Daneben spielten z. B.
auch Antibiotika-assoziierte Infektionen mit
Clostridioides dif­
ficile
in den Anfragen an die LUA Sachsen eine größere Rolle.
Zum Ende des Jahres 2018 war eine Empfehlung der Kommissi-
on für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO)
beim Robert Koch-Institut (RKI) „Hygienemaßnahmen zur Prä-
vention der Infektion durch Enterokokken mit speziellen Anti-
biotikaresistenzen“ erschienen. Diese gibt eine im Vergleich zu
den bisherigen erschienen Empfehlungen für MRSA und mul-
tiresistente gramnegative Stäbchen (MRGN) andersartige Her-
angehensweise vor. Daher erreichten das Fachgebiet besonders
Fragen zum Umgang mit nicht erkrankten Trägern, die im Rah-
men von Untersuchungen bei Kontaktpersonen ermittelt wur-
den. Dies betraf neben Krankenhäusern auch Alten- und
Pfle-
geheime.
Die genannte KRINKO-Empfehlung geht beim Nachweis von
VRE verstärkt von einer individuellen Risikobewertung aus und
empfiehlt zusätzliche Hygienemaßnahmen, die über die
konse-
quente Umsetzung der Basishygiene hinausgehen, im Bereich
von Normalstationen grundsätzlich erst nach dem Auftreten ei-
ner antibiotisch-therapiebedürftigen Infektion. Im Fokus stehen
daher Risikopopulationen für das Auftreten behandlungsbedürf-
tiger Infektionen, wie Patienten auf Intensivtherapiestationen
(insbesondere beatmete Patienten oder Patienten mit zentralve-
nösen Kathetern) sowie stark abwehrgeschwächte, z. B. hämato-
onkologische Patienten. Die Inhalte der neuen KRINKO-Empfeh-
lung wurden 2019 im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen
regionaler MRE-Netzwerke, für Desinfektoren sowie für das Per-
sonal der von der LUA Sachsen extern krankenhaushygienisch
betreuten Kliniken vorgestellt.
Mit dem Erscheinen der KRINKO-Empfehlung „Hygienemaßnah-
men bei
Clostridioides-difficile
-Infektion (CDI)“ Mitte des Jahres
2019 steht eine weitere, bundesweit verbindliche Empfehlung
zu einem wichtigen Erreger, der einen ursächlichen Bezug zur
Anwendung von Antibiotika hat, zur Verfügung. Diese, bezüglich
des Umgangs mit klinisch erkrankten Patienten einerseits und
symptomlosen Trägern andererseits sehr klar strukturierte Emp-
fehlung, wurde zur Fortbildungsveranstaltung für Mitarbeiter
des Bereiches Krankenhaushygiene der Gesundheitsämter des
Freistaates Sachsen sowie Hygienefachpersonal aus Gesund-
heitseinrichtungen im November 2019 in Dresden im Rahmen
eines Vortrags vorgestellt.
Bisher wenig im Fokus des ÖGD waren Heilpraktiker. Prinzi-
piell sind diese als „sonstige humanmedizinische Heilberufe“
nach § 23 IfSG einzuordnen. Demnach können sie nach § 23
Absatz 6 IfSG durch das Gesundheitsamt infektionshygienisch
überwacht werden. Im Rahmen zweier Fortbildungsveranstal-
tungen für Heilpraktiker des Gesundheitsamtes Leipzig wurden
die Grundlagen einer korrekten Hygiene in der Praxis vermit-
telt. Die Resonanz war außerordentlich positiv. Das Fachgebiet
beteiligte sich an den Fortbildungen mit jeweils einem Vortrag
zu blutübertragbaren Erkrankungen und deren Prävention. Für
derartige Infektionskrankheiten besteht vor allem bei den zahl-
reich angewendeten invasiven Behandlungsmethoden (z. B.
verschiedenartige Injektionen, blutiges Schröpfen/Behandlung
nach BAUNSCHEIDT) ein relevantes Übertragungsrisiko.
Im Länder-Arbeitskreis zur Erstellung von Rahmenhygieneplänen
wurde im Berichtsjahr 2019 die Novellierung des
Rahmenhygie-
neplanes für Dialyseeinrichtungen zum Abschluss gebracht. Die
Veröffentlichung dieses überarbeiteten Planes erfolgte wie üb-
lich unter
www.uminfo.de/rahmenhygieneplaene-lak.html
bzw.
anschließend auch auf der LUA-Homepage.
Nach diesem Rahmenhygieneplan wurde mit der Überarbei-
tung des Rahmenhygieneplans für ambulante Pflegedienste
be-
gonnen. Die Notwendigkeit ergab sich vor allem wegen der in
den letzten Jahren zunehmenden Betreuung älterer Menschen
in Wohngruppen (siehe Jahresberichte der Vorjahre) und der
Durchführung von Intensivpflegemaßnahmen im ambulanten
Bereich, außerhalb der „klassischen“ Heimstrukturen. Parallel
gab es auch Initiativen am Niedersächsischen Landesgesund-
heitsamt (NLGA). Im zweiten Halbjahr 2019 wurde hier ein
„Länder-Arbeitskreis Außerklinische Intensivpflege“ gegründet,
in dem auch die LUA Sachsen aktiv mitwirkt. Eine erste gemein-
same Beratung fand am 28. August 2019 in Hannover statt. In-
haltlicher Schwerpunkt war zunächst, sich zu verständigen und
zu sichten, welche Materialien in den Bundesländern bereits
vorhanden sind und was es noch zu erarbeiten gilt. Das Ziel,
bundesweit weitgehend einheitliche Regelungen und Hygiene-
Empfehlungen für den Bereich der außerklinischen
Intensivpfle-
ge zu schaffen, wurde auch von unserer Seite ausdrücklich be-
grüßt und unterstützt. Durch die Novellierung des § 23 IfSG im
Dezember 2018 war bundesweit die Rechtsgrundlage geschaf-
fen worden, Pflegedienste, die ambulante Intensivpflege in
Ein-
richtungen, Wohngruppen oder sonstigen gemeinschaftlichen
Wohnformen erbringen, infektionshygienisch durch die Gesund-
heitsämter zu überwachen. Dies schließt ausdrücklich auch die
Überwachung der Orte ein, an denen die Intensivpflege erbracht
wird (das heißt das häusliche Umfeld und Wohngruppen).
Im Auftrag der Gesundheitsämter erhielt die LUA Sachsen
wiederum Bauprojekte von Gesundheits- und
Gemeinschafts-
einrichtungen zur fachlichen Bearbeitung und Stellungnahme.
Schwerpunkt des Fachgebietes ist die Beurteilung der räumli-
chen Gestaltung, von Funktionsabläufen und Hygieneplänen.
Die Bereiche Siedlungshygiene und Tageslichtbeleuchtung so-
wie Innenraumlufthygiene fallen in die Zuständigkeit des Fach-
gebietes Umweltmedizin, Kommunalhygiene und fließen in
ge-
meinsame Projektbeurteilungen ein. Im Berichtsjahr wurden im
Fachgebiet zu insgesamt 8 Bauprojekten zu Neu-, Um- und
Tei-
lersatzneubauten in Krankenhäusern, Altenpflegeeinrichtungen,

image
│15
ambulant operierenden Arztpraxen und Kindereinrichtungen
fachliche Stellungnamen verfasst.
Die operativen Tätigkeiten der Mitarbeiter des Fachgebietes
beinhalten die fachliche Unterstützung der Gesundheitsämter
im Rahmen ihrer infektionshygienischen Überwachungsauf-
gaben nach IfSG in den Einrichtungen vor Ort, einschließlich
verschiedener Probenahmen und Messungen (siehe auch Kapitel
„Öffentlichkeitsarbeit“). Schwerpunkte waren im Berichtsjahr
Krankenhäuser, Arzt- und Zahnarztpraxen sowie
Altenpflege-
heime und ambulante Pflegedienste. Weiterhin wurde die LUA
Sachsen in Ermittlungen bei nosokomialen Infektionshäufungen
(Abbildung 7) oder gehäuften Nachweisen bestimmter Erreger
in medizinischen Einrichtungen einbezogen, wie z. B. von
Acine­
tobacter baumannii
(4MRGN) in einem Klinikum.
Im Rahmen der nach den internationalen Gesundheitsvorschrif-
ten der WHO erforderlichen Zulassung von
Gelbfieberimpfstel-
len durch die Länder erfolgten 2019 erneut gemeinsam mit dem
SMS Vor-Ort-Begehungen von Impfstellen an 3 Standorten
(niedergelassener Arzt, Klinikambulanz und Gesundheitsamt)
zur Begutachtung der hygienischen Voraussetzungen.
Auch die Vermittlung von Sachkenntnissen nach Sächsischer
Hygieneverordnung (SächsHygVO) als Voraussetzung zum Be-
treiben von Piercing-, Tattoo-, Fußpflege- oder Kosmetikstudios
wurde 2019 mit 2 Kursen an jeweils 2 Tagen in Kooperation mit
dem Gesundheitsamt Meißen fortgesetzt.
Laboruntersuchungen
Die Labordiagnostik am Standort Chemnitz umfasst die gesam-
te Palette hygienisch-mikrobiologischer Untersuchungen. Diese
Laboruntersuchungen werden im Rahmen der operativen Tätig-
keit durch physikalische Methoden wie Luftpartikelzählungen,
Raumklima-, Luftströmungs- und Schallmessungen sowie den
Einsatz von Temperaturdatenloggern ergänzt.
Alle Untersuchungen wurden im Auftrag der Gesundheitsäm-
ter durchgeführt und betrafen wiederum hauptsächlich Probe-
nahmen und Messungen in Krankenhäusern, Arztpraxen sowie
Altenpflegeheimen. Ferner wurden auch Probenmaterialien für
sächsische Justizvollzugsanstalten (JVA) untersucht. Tabelle
1.32 (siehe LUA-Homepage) gibt eine Übersicht ausgewählter
hygienischer Untersuchungen (mikrobiologische Untersuchun-
gen und Messungen mit Temperaturdatenloggern) in Gesund-
heits- und Gemeinschaftseinrichtungen im Berichtsjahr.
Mitwirkung bei der staatlichen Anerkennung von Kur-
und Erholungsorten
Als Mitglied des Landesbeirates für Kur- und Erholungsorte am
Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Ver-
kehr (SMWA) obliegt der LUA Sachsen die Beurteilung der Vor-
aussetzungen der Antrag auf staatliche Anerkennung stellenden
Orte im Bereich Hygiene.
Im Berichtsjahr wurden 3 nachträgliche Prüfungen bereits
an-
erkannter Orte, deren Prädikatisierung mindestens 10 Jahre zu-
rückliegt, nach § 3a Sächsisches Kurortegesetz (SächsKurG) so-
wie eine Neuprädikatisierung nach §3 SächsKurG durchgeführt.
Bei den Wiederholungsprüfungen handelte sich 2019 um fol-
gende Städte/Ortsteile:
]
Stadt Wolkenstein mit dem Ortsteil Floßplatz (Erholungsort,
Erzgebirgskreis)
]
Stadt Schöneck mit den Ortsteilen Kottenheide und Eschen-
bach (Erholungsort, Vogtlandkreis)
]
Stadt Augustusburg, mit allen Ortsteilen (Erholungsort, Kreis
Mittelsachsen)
Die Neuprädikatisierung betraf die Ortsteile Zinnwald und
Geising der Stadt Altenberg (Erholungsort, Kreis Sächsische
Schweiz-Osterzgebirge).
Alle zu beurteilenden Anträge wurden in den Fragestellungen
der Hygiene, für die die LUA Sachsen im Landesbeirat zuständig
ist, zusammenfassend als positiv bewertet. Wie in den meisten
bereits begutachteten Orten gab es tolerierbare Richtwertüber-
schreitungen in Teilbereichen im Bereich Straßenverkehrslärm.
Im Rahmen der Wiederholungsprüfung der Stadt Augustusburg
war ein weiterführendes Schallimmissionsgutachten zur Ein-
schätzungen der Auswirkungen auf stärker befahrenen Straßen-
abschnitten notwendig, in weiteren Orten die Erhebung aktuel-
ler Belegungszahlen in Form von Verkehrszählungen.
Die vorab erforderlichen Lärmvorbeurteilungen erfolgten inner-
halb des Landesbeirates durch die LUA Sachsen für verkehrsbe-
dingte Schallimmissionen in Kooperation mit dem Sächsischen
Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG).
Im Berichtsjahr wurden 5 Lärmvorbeurteilungen vorgenommen.
Abbildung 7:
Feuchtbereiche im Krankenhaus können der Ausgangspunkt
nosokomialer Infektionshäufungen, beispielsweise durch
Pseu­
domonas aeruginosa
oder
Acinetobacter baumannii
sein

16 │
Respiratorische Synzytial (RS)-Viren:
Gefährlich für Säuglinge und Senioren
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist ein weltweit
verbreiteter Erreger von akuten Atemwegserkrankungen. Die
Krankheitssymptome ähneln denen der Influenza. Insbesondere
bei Senioren, Risikopatienten im Erwachsenenalter (chronische
Herz- und Lungenerkrankungen) sowie Säuglingen kann es zu
Lungenentzündungen und schweren, mitunter lebensbedrohli-
chen Krankheitsverläufen kommen. Wie
Influenza-Erkrankun-
gen treten auch RSV-Infektionen vor allem im Winter auf. Der
Gipfel der RSV-Saison, die in der Regel 4–8 Wochen anhält, liegt
meist im Januar und Februar. Ein passender Impfstoff steht bis-
her nicht zur Verfügung. Für Säuglinge mit Risikofaktoren, wie
z. B. Frühgeburt oder erforderliche Beatmung als Neugeborenes,
Herzfehler oder Lungenfunktionsstörung, wird während der Sai-
son eine passive Immunprophylaxe (bestehend aus der Gabe von
spezifischen Antikörpern) empfohlen.
In Deutschland besteht keine krankheits- oder
erregerspezifi-
sche Meldepflicht gemäß Infektionsschutzgesetz. In Sachsen ist
der Labornachweis einer akuten Infektion mit RS-Viren gemäß
Sächsischer Meldeverordnung zum Infektionsschutzgesetz
je-
doch meldepflichtig. Allerdings wird vor allem bei Erwachsenen
nur sehr selten eine Labordiagnostik auf RSV veranlasst. Dem-
entsprechend ist von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen
und die in Sachsen gemeldeten Fälle repräsentieren nur die
„Spitze des Eisberges“. Die tatsächliche Anzahl an Erkrankten
und Todesfällen liegt sicherlich um ein Vielfaches höher.
Die Zahl der in Sachsen gemeldeten RSV-Infektionen ist in den
letzten Jahren ständig gestiegen und erreichte im Jahr 2019 ei-
nen neuen Höchstwert (Abbildung 8). Insgesamt wurden 2019
in Sachsen 5.435 RSV-Infektionen meldetechnisch erfasst, im
Vorjahr 2018 wurden 3.811 Fälle übermittelt, der
5-Jahres-Mit-
telwert lag bei nur 2.264 RSV-Erkrankungen. Somit war 2019
ungefähr eine Verdopplung der Fallzahl im Vergleich zu den
Vorjahren zu verzeichnen. 92 % aller Erkrankungen wurden im
ersten Quartal 2019 gemeldet, der Höhepunkt der Erkrankungs-
welle lag im Februar mit 45 % aller Meldungen. 70 % der Nach-
weise im Jahr 2019 wurden bei Säuglingen und Kleinkindern
geführt. Allerdings wird in diesen Altersgruppen auch sehr viel
öfter eine entsprechende Diagnostik veranlasst als bei Schulkin-
dern und Erwachsenen. In annähernd der Hälfte der Fälle (45 %)
erkrankten 2019 Kleinkinder im Alter zwischen 1 und 4 Jahren
(45 % der Fälle), ein Viertel aller Erkrankungen wurde bei Säug-
lingen diagnostiziert, Senioren (> 65 Jahre) waren in ungefähr
10 % der Fälle betroffen. Diese Altersverteilung ist regelmäßig
zu beobachten (Abbildung 9).
Insbesondere die Anzahl der im Jahr 2019 registrierten Todes-
fälle war mit 23 Verstorbenen äußerst hoch. In den vorherigen
Jahren wurden jeweils im Mittel ein und maximal drei Todesfälle
gemeldet. 2019 verstarben insgesamt 14 Männer und 9 Frauen
im Alter zwischen 50 und 95 Jahren an einer RSV-Infektion, der
Altersmedian lag bei 83,5 Jahren. Fünf der Todesfälle traten im
Zusammenhang mit zwei Ausbrüchen in Seniorenheimen auf.
Insgesamt kamen 2019 16 Erkrankungshäufungen aus sechs
Kindertagesstätten, vier Familien, drei Seniorenheimen, zwei
Krankenhäusern und einer Bildungseinrichtung mit jeweils
zwi-
schen zwei und 13 Fällen zur Meldung.
Die Bedeutung der RS-Viren wurde lange Zeit unterschätzt. Die
hohe Zahl der gemeldeten Fälle sowie insbesondere der Todes-
fälle gerade im Jahr 2019 in Sachsen belegt die Berechtigung
der erweiterten Meldepflicht im Freistaat. Zuverlässige
Kennt-
nisse über das Vorkommen übertragbarer Krankheiten sind
schlussendlich unabdingbare Voraussetzungen für ihre Verhü-
tung und Bekämpfung.
Abbildung 9:
Gemeldete RSV-Infektionen nach Altersgruppen
1
2
4
8
16
32
64
128
256
512
1.024
2.048
4.096
0 - 1
1 - 5
5 - 15
15 - 25
25 - 45
45 - 65
über 65
Erkrankungen pro 100.000 der Altersgruppe
Altersgruppe
2019
5-Jahresmittelwert
Abbildung 8:
Gemeldete RSV-Infektionen in Sachsen 2001 - 2019, saisonaler
Verlauf nach Monaten
0
250
500
750
1.000
1.250
1.500
1.750
2.000
2.250
2.500
2001
2003
2005
2007
2009
2011
2013
2015
2017
2019
Anzahl der Infektionen

│17
Beratungs- und Untersuchungstätigkeit
Die Themenfelder Umwelthygiene und Gesundheitsschutz wei-
sen zahlreiche gemeinsame Schnittstellen auf. Entsprechende
Aufgaben der Gesundheitsbehörden sind im Gesetz über den Öf-
fentlichen Gesundheitsdienst im Freistaat Sachsen (SächsGDG
vom 11.12.1991) verankert. Konkret zählen dazu die Erfassung
und Bewertung umweltbedingter Krankheiten (§1 SächGDG),
die Hygieneüberwachung von Kinder- und Gemeinschaftsein-
richtungen (§8 SächGDG) sowie Beratungsfunktionen zu Fragen
des gesundheitlichen Umweltschutzes (§§ 1 und 11 SächsGDG)
und die Beteiligung an Planungsvorhaben, die für die Gesundheit
von Bedeutung sind (§7 SächsGDG). Struktur und Ausrüstung
im Fachgebiet Umweltmedizin, Kommunalhygiene sind darauf
ausgerichtet, die im Freistaat Sachsen tätigen Gesundheitsbe-
hörden sowie andere öffentliche Stellen und Fachbehörden im
Bezugsbereich Umwelt und Gesundheit mit Untersuchungen,
Beratungen und Stellungnahmen zu unterstützen.
Auch im Jahr 2019 wurden überwiegend aus den Gesundheits-
ämtern zahlreiche Beratungsanliegen und Untersuchungs-
anträge mit einem umweltmedizinischen Hintergrund an das
Fachgebiet herangetragen. Insgesamt wurde das Fachgebiet
im Berichtszeitraum diesbezüglich 225-mal um Unterstützung
ersucht. Hiervon wurden 178 Amtshilfeersuchen in Form einer
schriftlichen Stellungnahme abgefasst. Davon bedurften 127
mit Hygieneanfragen und/oder Gesundheitsbeschwerden zu-
sammenhängende Sachverhalte des Einsatzes spezieller Unter-
suchungsverfahren zur Prüfung der Umfeld- bzw. Expositions-
verhältnisse.
Das Fachgebiet verfügt hierfür über einen modernen akkredi-
tierten Analytik- und Laborbereich, mit welchem sowohl ein
breites Spektrum von flüchtigen organischen Verbindungen
VOC (volatile organic compounds) als auch Schimmelpilze im
Innenraumbereich untersucht und beurteilt werden können.
Insgesamt wurden im Berichtsjahr 2019 im Labor für
Innen-
raumschadstoffe 113 Luftproben sowie im umweltmykologi-
schen Labor 6.908 Schimmelpilzproben (darunter Luftproben,
Tupferproben, Materialproben-, Abklatschproben) untersucht.
Eine spezielle Kategorie innenraumbezogener Untersuchungen
sind die vom Fachgebiet vorgenommenen turnusgemäßen Hygi-
eneinspektionen von raumlufttechnischen Anlagen (RLT-Anla-
gen) auf Konformität mit den Anforderungen der VDI-Richtlinie
6022 („Hygieneanforderungen an raumlufttechnische Anlagen
und Geräte“). Insgesamt wurden im Berichtsjahr 322 Anlagen in
71 Objekten aus kommunaler und staatlicher Trägerschaft mit
einer öffentlich-gemeinschaftlichen Nutzung einer solchen Hy-
gieneinspektion unterzogen (darunter Schulgebäude, Hörsaal-
gebäude, Kindertagesstätten und Ähnliches).
Ein weiteres zum Fachgebiet gehörendes Aufgabenfeld befasst
sich mit der systematischen Messung und Analyse der allergie-
auslösenden Baum- und Pflanzenpollen in der Außenluft. Hierfür
wird am Standort Chemnitz der LUA Sachsen eine Pollenmess-
stelle betrieben, die wiederum Teil des gesamtdeutschen Pollen-
messnetzes und Polleninformationsdienstes ist (koordiniert von
der Stiftung Polleninformationsdienst
www.pollenstiftung.de).
Die Ergebnisse der hiesigen Luftpollenanalyse (LUA-Homepage,
Tabelle 1.31) fließen in die fortlaufend von der Stiftung
Polle-
ninformationsdienst und vom Deutschen Wetterdienst aktuali-
sierte Pollenflugvorhersage und in die Erstellung des gültigen
Pollenflugkalenders ein
(www.dwd.de/pollenflug).
Die Tätigkeitsschwerpunkte des Berichtsjahres 2019 von zwei
weiteren zum Fachgebiet gehörenden Aufgabenfeldern, vom
Bereich
„Badegewässerhygiene“
und vom Bereich
„Bau- und
Kommunalhygiene“
, werden nachfolgend, neben einer Zusam-
menfassung innenraumbezogener Schwerpunkte, etwas detail-
lierter ausgeführt.
Untersuchungen zur Hygiene der Innenraumluft
Flüchtige organische Verbindungen (VOC) können zu chemi-
schen Luftbelastungen in Innenräumen führen. Mit einer Pro-
benahme vor Ort und moderner gaschromatographischer Ana-
lysentechnik wird mit ca. 250 Einzelverbindungen ein großer
Teil der in die Raumluft gelangenden Chemikalien gemäß den
geltenden Normen (VDI-RL 2100 Bl. 2, DIN EN ISO 16000-5)
quantitativ bestimmt. Im Berichtsjahr 2019 wurden insgesamt
49 Amtshilfeersuchen auf chemische Raumluftanalysen an das
Fachgebiet herangetragen, was die Untersuchung von 95 Räu-
men nach sich zog. Von diesen 95 Innenräumen wurden in 25
(26 %) Überschreitungen des empfohlenen Zielwertes für die
VOC-Gesamtbelastung der Luft festgestellt. Knapp 25 % der
Innenräume wiesen für einzelne chemische Substanzen bzw.
Substanzgruppen Überschreitungen von umweltmedizinisch
begründeten Richtwerten auf. Hier wurden Luftbelastungen er-
reicht, bei denen aus gesundheitlichen Gründen oder vorsorglich
entsprechende Maßnahmen zur Ursachenermittlung und -be-
seitigung angezeigt waren.
Wie in den letzten Jahren waren die häufigsten Anlässe für
un-
sere Messaktivitäten auch 2019 wieder Geruchsbelästigungen
und Befindlichkeitsstörungen, die mit Neubautätigkeiten,
Sa-
nierungs- bzw. Renovierungsarbeiten zusammenhingen. Aber
auch in Räumen, in denen keine baulichen Veränderungen statt-
fanden, werden immer wieder Beschwerden angezeigt. Erhöh-
te VOC-Raumluftbelastungen können unter anderem durch zu
schnelle Bauabläufe, minderwertige Produktauswahl und Bau-
materialien, ungenügende Berücksichtigung der Trocknungs-
und Abklingphasen verursacht werden. Durch ein mangelndes
Lüftungsmanagement werden die ungünstigen Raumluftver-
hältnisse zusätzlich verstärkt.
Die seit Jahren bestehende Situation von kontinuierlich an die
Gesundheitsbehörden gerichteten innenraumbezogenen Be-
schwerden sprechen jedenfalls für ein nicht unerhebliches
Pro-
blempotenzial bezüglich chemischer Innenraumbelastungen.
Nach unserer Einschätzung besteht hier ein ganz erheblicher
Bedarf für eine verbesserte bzw. stärkere Einbindung von Um-
welt- und Gesundheitsaspekten in das Management von ent-
sprechenden baulichen Maßnahmen, vordringlich in den von
Kindern genutzten Gebäuden (darunter Neubau, Sanierungs-
Umweltmedizinische und umwelthygienische Untersuchungs- und
Beratungstätigkeit

image
18 │
und Renovierungsmaßnahmen sowie Neuausstattung von Kin-
dertagesstätten, Schulen, Horten, Sporträumen oder -hallen).
Wie schon in den letzten Jahren wurden auch 2019 wieder eini-
ge Fälle von Innenraumluftproblemen infolge eines Schadstoff-
transfers aus Altlasten bzw. Altmaterialien, die meistens aus
dem Fußbodenbereich oder den darunterliegenden Schichten
stammen, festgestellt. Die Problematik der Häufung von
Objek-
ten mit Naphthalinbelastungen setzte sich auch 2019 fort. Im
Jahr 2019 wurden in drei Objekten, bei denen von der LUA
Sach-
sen auf Veranlassung des jeweils zuständigen
Gesundheitsam-
tes eine Raumluftprobe bezüglich der Belastung mit flüchtigen
organischen Verbindungen untersucht wurde, auffällige Raum-
luftkonzentration an Naphthalin und Naphthalin-ähnlichen
Verbindungen gefunden.
Neben der routinemäßigen Bestimmung der flüchtigen
orga-
nischen Verbindungen konnte im Berichtsjahr 2019 eine neue
Methode zur Bestimmung einer Auswahl sehr leicht flüchtiger
Verbindungen (z. B. Formaldehyd, Acetaldehyd etc.) mittels Flüs-
sigkeitschromatografie gekoppelt mit einem
Diodenarray-Spek-
trometer etabliert werden. Nach der erfolgreichen Teilnahme
an Laborvergleichsuntersuchungen werden seit Dezember 2019
nun auch routinemäßig die sehr leicht flüchtigen organischen
Verbindungen im Innenraum bestimmt. Im FG 1.5 konnten da-
mit die Voraussetzungen geschaffen werden, das Spektrum zur
Charakterisierung der Innenraumluft entscheidend zu erweitern
und damit noch gezieltere Hinweise zur Verbesserung der In-
nenraumluftqualität zu geben.
Einen weiteren Schwerpunkt der Überwachungstätigkeit der
Gesundheitsämter stellen nach wie vor die hygienisch-raum-
klimatischen Verhältnisse in Kinder- und Jugendeinrichtun-
gen im Freistaat dar. Bei Feuchteproblemen, offensichtlichem
Schimmelbefall bzw. Verdachtsmomenten hinsichtlich eines
verdeckten Schimmelbefalls werden von den Gesundheitsäm-
tern erste Hygieneermittlungen durchgeführt und im Rahmen
dieser auch Proben zur Schadensdokumentation entnommen.
Allein seitens der Gesundheitsämter fanden im letzten Jahr 34
Kontrollen mit entsprechenden Probennahmen in verschiedenen
Kindereinrichtungen und Turnhallen in Sachsen bei Verdacht
auf Schimmelschäden statt. Zusätzlich wurden durch die LUA
Sachsen im Auftrag der Gesundheitsämter in 14 Kindereinrich-
tungen Untersuchungen zur Raumluftbelastung und weiter-
führende Untersuchungen im Zusammenhang mit Fragen zu
Schimmelproblemen in z. B. nicht einsehbaren Bereichen oder
anderen anspruchsvollen Problemstellungen durchgeführt. Für
drei dieser durch die LUA Sachsen begutachteten Kindereinrich-
tungen führten die hohen Belastungen mit Schimmelpilzsporen
in den Raumluftproben und/oder die offensichtlichen hygieni-
schen Mängel (Abbildung 10) zur Nutzungsbeschränkung und
Auslagerungen der Aktivitäten aus diesen kritischen Bereichen
und zur Untersetzung der Dringlichkeit für die Sanierung der
Schadens ursachen.
Badegewässerhygiene
In Sachsen wurden 2019 insgesamt 32 Badegewässer als EU-
Badegewässer registriert, davon werden derzeit 30 Talsper-
ren bzw. Tagebaurestseen regelmäßig als EU-Badegewässer
entsprechend der EU-Richtlinie 2006/7/EG des Europäischen
Parlaments über die Qualität der Badegewässer und deren
Bewirtschaftung bzw. deren Entsprechung in der Sächsischen
Badegewässer-Verordnung (SächsBadegewVO) vom 15.04.2008
überwacht. Zwei Tagebaurestgewässer im Landkreis Bautzen
wurden - wie bereits in den Vorjahren auch - in der Saison 2019
aufgrund langfristiger bergbaulicher Maßnahmen zur Stabili-
sierung der Uferbereiche und der Ausweisung entsprechender
Einschränkungen und Sperrbereiche nicht in die Überwachung
entsprechend oben genannten Richtlinien eingeschlossen. Der
Überwachungszeitraum der Badesaison erstreckt sich vom
15. Mai bis zum 15. September. Während der Saison werden die
aktuellen Untersuchungsergebnisse unter
https://www.gesunde.
sachsen.de/badegewaesser.php veröffentlicht. Die mikrobiologi-
sche Qualität der EU-Badegewässer wird regelmäßig und ge-
plant überwacht sowie langfristig statistisch ausgewertet. Die
Qualitätseinstufung des Berichtsjahres 2019 befindet sich im
Tabellenteil des Jahresberichtes (LUA-Homepage, Tabelle 1.30).
Auch für die Saison 2019 zeichnet sich für die EU-Badegewässer
im Freistaat Sachsen in Auswertung ihrer Untersuchungsergeb-
nisse eine durchweg positive Bilanz hinsichtlich der mikrobio-
logischen Indikatorparameter
Escherichia coli
und Intestinale
Enterokokken ab. Allen 30 Gewässern konnte entsprechend den
Vorgaben der Badegewässerverordnung eine „ausgezeichnete“
mikrobiologische Qualität bestätigt werden. Für zwei EU-Ba-
deseen wurden auch in der Saison 2019 wieder Warnhinwei-
se aufgrund einer erhöhten Cyanobakterienbelastung und dem
damit verbundenen Absinken der Sichttiefe gegeben. Für eine
Talsperre im Vogtlandkreis wurde der Wasserstand im Zuge der
Sanierungen stark abgesenkt und die Badesaison vorzeitig be-
endet, damit waren ab August auch keine Untersuchungen zur
Badegewässerqualität mehr notwendig.
Zusätzlich zu diesen 30 großen Badeseen wurden in Sachsen
ca. 100 kleinere Badestellen mit einer lediglich lokalen Bedeu-
tung von den Gesundheitsämtern anlassbezogen überwacht. Die
Proben von 87 dieser Gewässer wurden im Labor der LUA Sach-
sen untersucht. Eine langfristige Probenplanung, eine statisti-
sche Auswertung und gezielte Bewirtschaftung, wie sie für die
oben genannte EU-Badegewässer gefordert ist, erfolgt für diese
kleinen Gewässer allerdings nicht. Oft erfolgt nur eine Proben-
nahme pro Jahr oder es werden diese lokalen Badestellen nicht
Abbildung 10: Schimmelbefall unter einem Handwaschbecken einer Essenaus-
gabe in einer Kindertagesstätte

│19
einmal regelmäßig jährlich genutzt. Im Labor der LUA Sachsen
wurden während der letzten Badesaison 2019 insgesamt 415
Proben aus Oberflächengewässern hinsichtlich ihrer hygienisch-
mikrobiologischen Badegewässerqualität überprüft. Das Pro-
benaufkommen für die LUA Sachsen im Zusammenhang mit den
Badegewässeruntersuchungen ist seit Jahren etwa gleichblei-
bend.
Mit der Allgemeinverfügung über Maßnahmen zur Gefahren-
abwehr am Speicher Borna des Sächsischen Oberbergamtes
(SächsOBA) vom 11. Mai 2010 erfolgte aufgrund der Instabilität
der Böschungen und der damit verbundenen Gefährdungslage
die Ausweisung eines Gesamtgefahrenbereiches am Speicher
Borna und bereits damals eine Sperrung von Teilbereichen am
Speicherbecken. Durch die Lausitzer und Mitteldeutsche Berg-
bau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) beginnen im Jahr
2020 die Baumaßnahmen am Speicher zur Absicherung und
Sanierung. Mit den Arbeiten sind eine Verschärfung der Gefähr-
dungslage sowie die zusätzliche Erweiterung der Sperrbereichs-
grenzen durch das SächsOBA verbunden. Um eine Gefährdung
der Bevölkerung auszuschließen, erfolgt mit Beginn der Sanie-
rungstätigkeit im Jahr 2020 die Einrichtung erweiterter Sperr-
bereiche für die Probefelder. Für diese gelten ein absolutes Be-
tretungs- und Befahrungsverbot. Das Baden und Angeln sowie
das Befahren der Wasserfläche wird nach Angaben der LMBV ab
Januar 2020 untersagt. Die Arbeiten zur geotechnischen Sanie-
rung der Kippenböden sollen bis 2029 andauern. Damit wird der
Speicher mit der Saison 2020 vom Gesundheitsamt des Land-
kreises Leipzig nicht mehr als EU-Badegewässer beprobt, die
letzte Qualitätseinstufung als EU-Badegewässer für den Spei-
cher Borna erfolgt für die Saison 2019.
Bauhygiene und Kommunalhygiene
Auch im Jahr 2019 bildete die Beratungstätigkeit zu gesund-
heitsbezogenen Anfragen im Rahmen von öffentlichen Bauvor-
haben sowie von kommunal bedeutsamen Anlagen- und Ge-
bietsplanungen („Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen“) einen
weiteren Schwerpunkt der Arbeiten des Fachgebietes Umwelt-
medizin, Kommunalhygiene. Nach dem SächsGDG ist es vorge-
sehen, die Behörden des ÖGD an gesundheitsbedeutsamen örtli-
chen Planungsvorhaben zu beteiligen.
Überdies findet sich auch im Rahmen verschiedenster Gesetze
und Verordnungen anderer Ressorts der Schutz der Gesundheit
als grundlegende Säule wieder (z. B. im Baubereich das BauG
und die SächsBO, z. B. im Immissionsschutz das BImSchG). Im
Berichtjahr 2019 wurden insgesamt 22 Stellungnahmen zu
bau-, siedlungs- und kommunalhygienischen Sachverhalten für
die Gesundheitsämter und andere Behörden erarbeitet.
In den Stellungnahmen zu Bauvorhaben von Gemeinschaftsein-
richtungen, wie z. B. Neu- und Erweiterungsbauten von
Pfle-
geeinrichtungen, Kindertageseinrichtungen und Schulen, stand
insbesondere die Prüfung der Besonnungs- und Lüftungssitu-
ation der Gebäude im Vordergrund. Die Überprüfung der Be-
sonnung beinhaltet zudem die orientierende Berechnung der
Tageslichtausleuchtung der Aufenthaltsräume mit Hilfe des
etablierten Tageslichtquotienten. Insgesamt wurde festgestellt,
dass die theoretische Tageslichthelligkeit bezogen auf den Ta-
geslichtquotient sich grundsätzlich in den Planungen verbessert
hat. Die Mindestvoraussetzungen des Fenster-Raumflächen-
Verhältnisses nach Bauordnung wurden fast durchweg einge-
halten, wodurch die grundlegende Tageslichtversorgung von
Aufenthaltsräumen gesichert wurde. Nichtsdestotrotz stellt die-
se Regel der Bauordnung keine Garantie für eine ausreichende
Tageslichtversorgung von Räumen dar und sollte immer mithilfe
von etablierten Tageslichtberechnungen (unter zusätzlichem
Einbezug aller vorherrschenden Einflussfaktoren) untermauert
werden. In Hinblick auf die Thematik des sommerlichen Hitze-
schutzes könnte sich die Tageslichtversorgung durch Verkleine-
rung der Gebäudeöffnungen (z. B. Fenster) zukünftig als Ziel-
konflikt wieder verschärfen.
Des Weiteren konnten bei der Betrachtung der Belüftungssitu-
ationen von Aufenthaltsräumen immer wieder Unstimmigkeiten
in Bezug auf die Luftvolumenströme festgestellt werden. Die
Lüftungsraten in Kita- und Schulräumen waren häufig
entwe-
der unzureichend berechnet oder es wurde nur das Mindestlüf-
tungsvolumen in dem Planungsvorhaben vorgesehen.
Neben den innenraumhygienischen Aspekten zur Lüftung und
Belichtung wurden zusätzlich die Standortgegebenheiten ins-
besondere im Hinblick auf die Lärmsituation betrachtet. Es
werden offensichtlich immer häufiger sensible Einrichtungen
(Kitas, Schulen) an Standorten vorgesehen, an denen mit einer
erhöhten Geräuschbelastung (Fluglärm, Verkehrslärm) zu rech-
nen ist. Zum Beispiel wurden bei Kita-Bauvorhaben in Städten
die in Sachsen geltenden Empfehlungswerte in Bezug auf den
Schalldruckpegel an der Grundstücksgrenze teilweise vollstän-
dig ausgeschöpft, was den Anforderungen an einen vorsorgen-
den Gesundheitsschutz zuwiderläuft. Nach unserer Auffassung
sollten die Gesundheitsbehörden wieder systematisch in die
Planungsverfahren wenigstens von sensibel genutzten Gemein-
schaftseinrichtungen einbezogen werden, um den immer wieder
festgestellten gesundheitsbezogenen Defiziten bei immer
kom-
plexer werdenden Anforderungen (diffizilere Gebäudetechnik,
zunehmende urbane Verdichtung, ausweitende Zielkonflikte)
rechtzeitig entgegenwirken zu können.

20 │
Amtliche Lebensmitteluntersuchungen
Amtliche Futtermittelüberwachung
Übersicht über das Leistungsspektrum
In den Fachgebieten der beiden Abteilungen „Amtliche Le-
bensmitteluntersuchungen“ der LUA Sachsen in Dresden und
Chemnitz konnten auch 2019 wieder die in Abstimmung mit
den Lebensmittelüberwachungsämtern eingesandten Proben
zielgerichtet und risikobasiert untersucht und beurteilt werden.
Dem Probenplan entsprechend wurden insgesamt 21.722 Pro-
ben (Lebensmittel einschließlich Wein, kosmetische Mittel und
Bedarfsgegenstände) bearbeitet. Davon wurden 3.622 bean-
standet. Dies entspricht einer Beanstandungsquote von 16,7 %.
Bei weiteren 1.434 Proben wurden Befundmitteilungen erstellt.
Zumeist lag hier der Verdacht auf Nichteinhaltung von Hygiene-
vorschriften vor, wobei die abschließende Bewertung durch die
örtlichen Behörden erfolgen muss.
Die detaillierte Auflistung der Beanstandungsgründe bezogen
auf die jeweiligen Warengruppen ist in den Tabellen 2.1 bis 2.7
(siehe LUA-Homepage) dargestellt.
Die Beanstandungsquote liegt somit auf dem Niveau des Vor-
jahres (2018: 16,9 %). In den Jahren 2015 lag sie noch bei
14,3 %, 2016 bei 14,9 % und 2017 bei 16,0 %. Wie in den
vergangenen Jahren auch sind bei den Beanstandungsquoten
der einzelnen Warengruppen große Unterschiede zu verzeich-
nen. Diese reichen von 2,0 % bei Milchproben bis zu 65,5 % bei
Nahrungsergänzungsmitteln.
Insgesamt waren in 26 Warengruppen (Vorjahr 24)
Beanstan-
dungsquoten von mehr als 20 % zu verzeichnen (Abbildung 1).
Unangefochten an der Spitze stehen wie so oft in den vergange-
nen Jahren Nahrungsergänzungsmittel (65,5 %) und Diätetische
Lebensmittel (48,4 %). Mit deutlichem Abstand folgen Säug-
lings- und Kleinkindernahrung (38,2 %), Fette und Öle (35,3 %)
sowie Spielwaren (31,8 %). Krusten-, Schalen- und Weichtie-
re, Getreideprodukte, Bier, Zucker, Schokolade und Konfitüren/
Marmelade sind hinzugekommen. Aromen, Hilfsmittel, Gewürze
und Bedarfsgegenstände mit Körperkontakt fielen im Jahr 2019
wieder unter die 20 %-Marke. Über Gründe dieser Entwicklung
wird in den entsprechenden Abschnitten berichtet.
Der überwiegende Teil der Beanstandungen bei Lebensmitteln
und Kosmetika gründet sich auf irreführende oder nicht vor-
schriftsmäßige Kennzeichnung. Dies trifft vor allem auch für die
Warengruppen mit den höchsten Beanstandungszahlen zu. Wie
im Vorjahr stehen Verstöße gegen die Vorgaben der
Lebensmit-
telinformationsverordnung (LMIV) im Mittelpunkt. Hinzu kom-
men unzulässige nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben
und insbesondere bei Nahrungsergänzungsmitteln irreführende
Wirkungsversprechen. Immer mehr in den Focus rücken dabei
auch Informationen, die über das Internet bereitgestellt wer-
den. Nicht zu vernachlässigen sind auch Verstöße gegen das
Zusatzstoffrecht in Form von fehlender Kenntlichmachung bzw.
unzulässiger Verwendung von Zusatzstoffen. Schließlich stellte
die fehlende oder fehlerhafte Angabe von Allergenen bei loser
Abgabe von Lebensmitteln einen weiteren Schwerpunkt bei den
Beanstandungen dar. Bei Bedarfsgegenständen mit Lebensmit-
tel- bzw. Körperkontakt waren neben stofflichen Mängeln
eben-
falls Kennzeichnungsmängel Hauptgründe für Beanstandungen.
Im Jahr 2019 wurden insgesamt 55 Proben aufgrund des Nach-
weises pathogener Mikroorganismen nach Artikel 14 Absatz 2a
in Verbindung mit Absatz 4 der Verordnung (EG) Nr. 178/2002
als gesundheitsschädlich beurteilt. Dies entspricht 0,25 % aller
Proben und liegt auf dem Niveau der letzten Jahre. Während der
bereits qualitative Nachweis von
Campylobacter
spp, Salmonel-
len oder Verotoxinbildende
Escherichia coli
in verzehrfertigen
Lebensmitteln als gesundheitsschädlich gilt, erfolgt die Einstu-
fung als gesundheitsschädlich in Bezug auf
Listeria monocyto­
genes
erst ab einem quantitativen Nachweis von über 100 Kolo-
niebildenden Einheiten pro Gramm Lebensmittel (KbE/g).
Hinzuweisen ist aber auch darauf, dass die Gesundheit ge-
fährdende Erreger auch in Produkten nachgewiesen wurden,
die jedoch mit einem Erhitzungshinweis gekennzeichnet sind
(z. B. „Rohmilch vor Verzehr abkochen“ oder „Hackfleisch zum
Braten“) bzw. die üblicherweise nicht roh verzehrt werden.
Aufgrund dessen wurden diese Proben nicht als gesundheits-
schädlich bewertet (Tabelle 1). Da für
Yersinia enterocolitica
die
Infektionsdosis bislang nicht bekannt ist, wird der Nachweis die-
ses Erregers in verzehrsfertigen Lebensmitteln wie Hackepeter
nach Artikel 14 Absatz 2 b) der Verordnung (EG) Nr. 178/2002
als nicht zum Verzehr geeignet beurteilt.
Tabelle1:
Überblick zu Untersuchungen und Nachweisen
der 5 wichtigsten gesundheitsschädlichen Erre-
ger in Lebensmitteln im Jahr 2019
Anzahl der Un-
tersuchungen
davon
positiv
davon gesund-
heitsschädlich
Salmonellen
9.771
51
17
Listeria monocytogenes, qual.
7.771
419
Listeria monocytogenes, quant.
2.459
17*
13
Campylobacter spp.
440
113
0
VTEC
630
38
24
Yersinia enterocolitica
605
65
0
* > 100 KbE/g
0,0%
10,0%
20,0%
30,0%
40,0%
50,0%
60,0%
70,0%
Nahrungsergänzungsmittel
Diätetische Lebensmittel
Säuglingsnahrung
Fette und Öle
Spielwaren
Würzmittel
Süßwaren
Tabak, -erzeugnisse
Speiseeis
Kosmetische Mittel
Zusatzstoffe
Alkoholfreie Getränke
Feine Backwaren
Spirituosen
Krustentiere
Konfitüren/Marmelade
Getreideprodukte
Wurstwaren
Zucker
Weinähnliche Getränke
Schokolade
BG zur Reinigung und…
Honig/Brotaufstriche
Kaffee
Bier
Tee, teeähnliche…
Abbildung 1:
Beanstandungsquoten für ausgewählte Warengruppen

│21
Des Weiteren wurden insgesamt 8 Proben aufgrund anderer Ur-
sachen wie z. B. scharfkantigen Fremdkörpern oder Nachweis
von Toxinen bzw. erhöhten gesundheitsschädlichen Inhaltsstof-
fen (Tabelle 2) als gesundheitsschädlich eingestuft.
Tabelle 2: Nachweise von Fremdkörpern, Toxinen und ähn-
liches
Produkt
Beanstandungsgrund
Laugenbrezeln
Zu hoher Gehalt an Aluminium
3 x NEM mit Kieselerde
Zu hoher Gehalt an Aluminium
NEM mit Vitamin A
Zu hoher Gehalt an Vitamin A
Oregano gerebelt
Zu hohe Gehalte an Pyrrolizidinalkaloiden
Hanfblüten-Tee
Zu hoher Gehalt an
Δ
-9-THC
Hackepeter
Scharfkantiger harter Fremdkörper
Auch bei Bedarfsgegenständen und Kosmetika mussten insge-
samt 8 Proben als gesundheitsschädlich beurteilt werden (Ta-
belle 3).
Tabelle 3: gesundheitsschädliche Bedarfsgegenstände und
Kosmetika
Produkt
Beanstandungsgrund
2x Squishy Mesh Balls
Hoher Keimgehalt
Duft-Schaumbad
Hoher Keimgehalt
3x Tätowierfarben
Hohe Gehalte an PAK
1x Tätowierfarbe
Hohe Gehalte an o-Toluidin
Bleichcreme
Gehalt an Kojisäure, Anwendung am ganzen Körper
Als nicht zum Verzehr geeignet aufgrund von mikrobiologischer
Kontamination, vielfach kombiniert mit Verderbnis, wurden 170
Lebensmittelproben beurteilt. 95 weitere Proben mussten aus
anderen Gründen als verzehrungeeignet beurteilt werden. Dies
entspricht zusammen etwa 1,2 % aller untersuchten Proben.
Das Ergebnis der mikrobiologischen Untersuchung wies bei 246
Proben (1,1 %) auf eine nachteilige Beeinflussung der
einwand-
freien hygienischen Beschaffenheit des Lebensmittels durch Mi-
kroorganismen im Sinne von § 2 Abs. 1 Nr. 1 LMHV hin. In diesen
Fällen bestand der Verdacht, dass im Rahmen der Herstellung/
Behandlung oder dem Inverkehrbringen die im Verkehr erforder-
liche Sorgfalt nicht beachtet wurde, was in Verbindung mit den
Ermittlungsergebnissen vor Ort durch die zuständige Behörde
zu klären ist.
An dieser Stelle soll und muss aber deutlich herausgestellt wer-
den: Die Sicherheit der Lebensmittel, Bedarfsgegenstände und
Kosmetika ist weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Die weit
überwiegende Zahl nicht rechtskonformer Proben weisen Män-
gel in der Kennzeichnung und Aufmachung auf; die Verbraucher
werden also nicht vollständig, fehlerhaft oder irreführend über
das Produkt informiert. Gesundheitliche Relevanz hat dies in der
Regel nicht. Ausgewählte Schwerpunkte der Untersuchungstä-
tigkeit werden in den folgenden Abschnitten vorgestellt.
Um auch zukünftig die sich stetig steigernden Anforderungen
an die Untersuchungstätigkeit erfüllen zu können, ist eine mo-
derne und leistungsfähige apparative Ausstattung der Laborato-
rien erforderlich. So wurde im Jahr 2019 der Gerätepark der LUA
Sachsen beispielsweise um ein GC-HRMS-System für die Dioxi-
nanalytik, eine HPLC-Anlage für die Zusatzstoffanalytik und ein
FT-NIR-System für die Fettsäureanalytik erweitert. Auf analy-
tischem Gebiet sind im vergangenen Jahr eine Vielzahl neuer
Untersuchungsverfahren etabliert worden. Zu nennen sind hier
stellvertretend:
]
Erweiterung des Wirkstoffspektrums in der PSM-Analytik
und der Analytik vom PWS
]
Erweiterung des Tier- und Pflanzenarten- sowie des
Aller-
gennachweises mittels PCR
]
Erweiterung des Einsatzbereiches des MALDI-TOF zur Identi-
fizierung von Mikroorganismen
]
Nachweis von Cannabinoiden
]
Automatisierung der Dioxinanalytik
Die Abteilungen der amtlichen Lebensmitteluntersuchung be-
teiligten sich auch im Jahr 2019 an Bundes- und Landesüberwa-
chungsprogrammen. So wurden im Rahmen des Bundesweiten
Überwachungsplanes (BÜp) 146 Proben, im Rahmen des Moni-
torings einschließlich des Projektmonitorings 490 Proben und
im Rahmen des Zoonosemonitorings 190 Lebensmittelproben
untersucht.
Landesweite Überwachungsprogramme fanden unter anderem
zu den Themen „PSM in sächsischem Landwein“, „Kontrolle
von Lebensmitteln auf Dioxine, Furane und dl-PCB“, „Kontrolle
pflanzlicher Lebensmittel auf PSM-Rückstände“ statt. Weitere
Untersuchungsschwerpunkte im Rahmen von Überwachungs-
programmen waren die Allergenkennzeichnung bei Lebensmit-
teln, Kontrollen auf gentechnisch veränderte Organismen, die
Untersuchung loser Wasserproben, die Bestimmung der Gehal-
te an PAK und Mykotoxinen in Lebensmitteln. Weitergeführt
wurde das LÜP zur Kontrolle der Guten Herstellungspraxis und
rechtskonformen Fertigung von Lebensmittelkontaktmaterialien
im Rahmen von Betriebskontrollen.
Für spezielle Untersuchungen wird weiterhin die Zusammenarbeit
mit den Untersuchungseinrichtungen in Thüringen und in Sach-
sen-Anhalt im Rahmen der mitteldeutschen Kooperation genutzt.
Mit erheblichem zeitlichem und personellem Aufwand wurden
im Berichtszeitraum erneut sachverständige Stellungnahmen zu
vielfältigen Fragestellungen für das Sächsische Staatsministe-
rium für Soziales und gesellschaftlichen Zusammenhalt erar-
beitet. Dies betraf sowohl Kommentierungen von Gesetzesent-
würfen als auch Antworten auf Fachfragen und Anfragen von
Landtagsabgeordneten sowie die Lieferung von diversen Unter-
suchungsdaten.
Das Personal der LUA Sachsen beteiligte sich wiederum mit
einem nicht unbeträchtlichen Zeitanteil an der Ausbildung
von Lebensmittelchemikern im Rahmen des dritten Prüfungs-
abschnittes, an der Ausbildung von Chemielaboranten, an der
Weiterbildung von Tierärzten und an der Durchführung ver-
schiedenster Praktika. So schlossen 10 Praktikanten der Lebens-
mittelchemie das praktische Jahr mit der Zweiten Staatsprüfung
zum(r) „Staatlich geprüften Lebensmittelchemiker(in)“ ab. Im
Oktober nahmen 10 neue Praktikanten diese Ausbildung auf,
wobei ein dreimonatiges Betriebspraktikum in die Ausbildung
weiterhin integriert ist.
Nicht zuletzt ist auf die engagierte Mitarbeit der Sachverstän-
digen in zentralen Gremien und Arbeitsgruppen zu verweisen.
Mit dieser Tätigkeit ist zum einen immer eine positive Außen-
wirkung der Landesuntersuchungsanstalt verbunden. Zum an-
deren leistet diese Tätigkeit einen unverzichtbaren Beitrag zur
notwendigen fachlichen Weiterbildung. Wissenschaftlicher Er-
fahrungsaustausch in diesen Gruppen und intensive Fachdiskus-
sionen mit Kollegen aus anderen Bundesländern haben einen
unschätzbaren Wert für die tägliche Arbeit und sind nicht zu
ersetzen. Eine entsprechende Übersicht ist im Abschnitt Öffent-
lichkeitsarbeit im Tabellenteil (siehe LUA-Homepage) enthalten.

22 │
Lebensmittelmikrobiologie und Lebensmittelhygiene
Die mikrobiologische Untersuchung von Lebensmitteln ist im
Hinblick auf den gesundheitlichen Verbraucherschutz unab-
dingbar. Sowohl die Untersuchung auf wichtige pathogene Er-
reger als auch die Bestimmung verschiedener Hygieneindikato-
ren in den verschiedenen Lebensmitteln sind von wesentlicher
Bedeutung für die Lebensmittelsicherheit.
Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass insbesonde-
re rohe, tierische Produkte wie Fleisch, Rohwürste, Fisch und
Rohmilch mikrobiologische Risiken tragen. Lebensmittelbeding-
te Krankheiten können gerade beim Umgang mit diesen Le-
bensmitteln und bei der Zubereitung von diesen Lebensmitteln
durch gute Küchenhygiene vermieden werden. Für Risikogrup-
pen ist der Rohverzehr von risikobehafteten Lebensmitteln wie
Rohmilch oder Hackepeter bzw. rohem Hackfleisch oder rohen
Fischprodukten nicht zu empfehlen.
Aber auch rohe, pflanzliche Lebensmittel wie Beerenfrüchte,
vorgeschnittenes und abgepacktes Obst, Gemüse und Salate
oder auch thermisch unbehandelte Smoothies bergen mikrobio-
logische Risiken in sich. Neben planmäßigen Routineuntersu-
chungen über alle Lebensmittelgruppen hinweg, gibt es mehrere
Programme auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene, die schwer-
punktmäßig spezielle Produktgruppen mit gezieltem Untersu-
chungsspektrum überwachen.
Grundsätzlich werden qualitative Nachweise von Pathogenen
wie Salmonellen,
Campylobacter
spp, oder Verotoxinbildende
Escherichia coli (VTEC) in verzehrfertigen Lebensmitteln als ge-
sundheitsschädlich beurteilt. In Bezug auf den pathogenen Erre-
ger
Listeria monocytogenes
erfolgt erst ab einem quantitativen
Nachweis von über 100 Koloniebildenden Einheiten pro Gramm
Lebensmittel (KbE/g) eine Beurteilung als gesundheitsschädlich.
Neben Bakterien, Pilzen und Parasiten können auch Viren wie
Norovirus oder Hepatitis A lebensmittelassoziierte Erkrankun-
gen hervorrufen.
Der folgende Überblick gibt Aufschluss über die im Jahr 2019
erzielten mikrobiologischen Untersuchungsergebnissen. Eine
detaillierte Darstellung ist im Tabellenteil (siehe LUA-Home-
page) zu finden.
Im Jahr 2019 wurden insgesamt 9.771 Lebensmittelproben auf
Salmonellen untersucht. Davon waren 51 Proben mit einem po-
sitiven Nachweis. Von den 51 positiven Proben wurden 17 als
gesundheitsschädlich beurteilt. Das am häufigsten gefundene
Salmonellen-Serovar ist
Salmonella
Typhimurium (20 Proben)
gefolgt von
Salmonella
Derby (10 Proben). Die meisten positiven
Nachweise erfolgten im rohen, ungewürzten Fleisch von warm-
blütigen Tieren (12 Proben) und rohen Innereien wie Leber, Herz
oder Zunge (9 Proben). In einer rohen Krokodil fleischprobe wurde
Salmonella
Subspezies IIIb nachgewiesen. Da rohes, ungewürz-
tes Fleisch üblicherweise nur im erhitzten und verarbeiteten Zu-
stand verzehrt wird, werden diese Proben nicht als gesundheits-
schädlich beurteilt. Von den insgesamt 664 auf Salmonellen
untersuchten Hackepeter-Proben waren 9 Proben (1,4 %) mit
positivem Salmonellenbefund. Da Hackepeter zum Rohverzehr
vorgesehen ist, wurden diese Proben als gesundheitsschädlich
beurteilt. Als gesundheitsschädlich wurden auch zwei gepökel-
te und kalt geräucherte rohe Fleischprodukte und 6 Rohwürste
mit positivem Salmonellennachweis beurteilt. Bei einer weite-
ren positiven Rohwurst handelte es sich um eine für Erhitzung
vorgesehene Wurst mit entsprechendem Verbraucherhinweis.
In einer Probe eines zusammengesetzten, rohen Fertiggerichtes
mit rohem Fisch wurde
Salmonella
Molade detektiert. Da die-
ses Produkt üblicherweise jedoch nur im erhitzten Zustand und
vollständig durchgegart verzehrt wird und ein entsprechender
Verbraucherhinweis vorhanden war, wurde diese Probe ebenso
nicht als gesundheitsschädlich beurteilt.
Campylobacter
spp. sind insbesondere in rohem Geflügelfleisch
und -zubereitungen sowie in rohen Geflügelinnereien
detek-
tiert worden. Diese eher kleinen, gramnegativen, gekrümmten
Bakterien haben sehr anspruchsvolle Wachstumsbedingungen
und vermehren sich nicht im Lebensmittel. Jedoch sind durch
schlechte Küchenhygiene häufige Kreuzkontaminationen
mög-
lich. Auch die sehr niedrige Infektionsdosis (100 KbE/g) kann
eine Ursache sein, dass Campylobacteriosen die am häufigsten
gemeldete gastrointestinale Infektion in Deutschland ist.
Auch von 67 untersuchten Kuhrohmilchproben unter anderem
von Milch-ab-Hof-Automaten, sogenannten Milchtankstellen,
waren drei Proben (4,5 %) mit positivem Nachweis. In pasteuri-
sierten Milchproben wurden dagegen
Campylobacter
spp. nicht
nachgewiesen.
Ein weiterer bedeutsamer Erreger lebensmittelassoziierter Er-
krankungen ist
Listeria monocytogenes
, der ein wichtiges Si-
cherheitskriterium nach der Verordnung (EG) Nr. 2073/2005 ist.
Im Zusammenhang mit der Firma Wilke und deren Wurstwaren
wurde dieses Bakterium in den Medien 2019 deutschlandweit
in der Bevölkerung bekannt. Aufgrund ihres anspruchslosen
Wachstums und ihrer ubiquitären Verbreitung in der Umwelt
werden sie als Hygieneindikator in allen Bereichen der Le-
bensmittelherstellung herangezogen. Doch auch als pathoge-
ne Erreger besitzen sie große Bedeutung, da gerade bei Risi-
kogruppen schwerwiegende Krankheitsbilder (unter anderem
Meningoencephalitis und Septikämien) hervorgerufen werden
können. Insgesamt wurden im Jahre 2019 an der LUA Sachsen
7.771 Lebensmittelproben einer qualitativen Untersuchung auf
Listeria monocytogenes
in 25 g Lebensmittelmatrix unterzo-
gen. Dabei waren 419 Lebensmittelproben mit einem positiven
Nachweis in 25 g. Besonders hohe Nachweisraten sind in den
Produktgruppen Fleischzubereitungen (12,8 %), Wurstwaren
(10,3 %) und bei Fischen/Fischerzeugnissen mit 7,7 % zu
fin-
den. Bei den positiven und auch bei weiteren Lebensmittelpro-
ben, insgesamt bei 2.459 Proben, wurde eine Zählung in 10 g
durchgeführt. In 17 Proben wurde Listeria monocytogenes mit
über 100 KbE/g festgestellt. Im Vergleich zum Vorjahr 2018 mit
0,6 % (14x >100 KbE/g bei 2.365 quantitativen Untersuchun-
gen) kam es im Jahr 2019 zu einem geringen Anstieg auf 0,7 %
(17x >100 KbE/g bei 2.459 quantitativen Untersuchungen).
Hierunter fielen Rohwürste (6), Hackepeter bzw. Hackfleisch
(3), ungebrühte Bratwurst (1), gegartes Entenfleisch (1), rohes
Fleisch (1) und roher Fisch (1) sowie geräucherter Lachs (1),
Geflügelsalat (1), Schwarze Oliven (1) und Sushi (1). Insgesamt
13 Erzeugnisse stellten verzehrfertige Produkte dar, so dass hier
eine Beurteilung als gesundheitsschädlich erfolgte.
Neben den Untersuchungen auf pathogene Keime, sind auch die
Untersuchungen auf weitere Hygieneindikatoren und Verderbs-
erreger wichtig um die Lebensmittelhygiene zu überprüfen. Als
Orientierung werden die Richt- und Warnwerte der Empfeh-
lungen der Fachgruppe Lebensmittelmikrobiologie und -hygie-

image
image
│23
ne der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie
(DGHM) herangezogen.
Beispielsweise wurden über 650 Proben von Speiseeis mikro-
biologisch untersucht. In keiner Eisprobe wurden Salmonellen
oder Listerien detektiert. Erhöhte Keimgehalte in Bezug auf
Enterobakterien ergaben hygienische Auffälligkeiten bei ins-
gesamt 18 % der Eisproben, davon bei 10,5 % mit deutlichen
Werten über dem Warnwert für Speiseeis. 15 Eisproben (2,6 %)
waren zudem aufgrund eines erhöhten Gehaltes an
Bacillus
cereus
auffällig.
Bacillus cereus
ist ein Sporen bildendes Bak-
terium, welches durch Biofilmbildung in Lebensmittelbetrieben
überdauern kann. Die überlebenden Sporen können bei für sie
günstigen Umweltbedingungen wieder auskeimen und bei einer
hohen Keimzahl auch Magen-Darm-Erkrankungen beim Men-
schen auslösen. Eine schnelle und kontinuierliche Kühllagerung
oder durchgängige Heißhaltung kann ein Auskeimen von Sporen
verhindern. Patisseriewaren und Fertiggerichte sind mit jeweils
5,2 % und 1,2 % hinsichtlich erhöhter Werte bezüglich
Bacillus
cereus
aufgefallen. Unter Berücksichtigung aller Lebensmittel-
matrices wurden Werte über 100.000 KbE/g jedoch nur bei drei
Lebensmitteln (2x Patisserie, 1x Milch zum Mindesthaltbar-
keitsdatum) detektiert.
Zur Unterstützung der Überprüfung der Lebensmittelhygiene in
den Lebensmittelbetrieben wurden zudem die von der Lebens-
mittelüberwachung genommenen Tupferproben untersucht.
Dabei wurde nur in einem Tupfer von 277 Tupfereinsendungen
(2.073 Tupfer) ein positiver Salmonellennachweis erzielt (Zerle-
gungstisch einer Fleischerei). Bezüglich
Listeria monocytogenes
waren dagegen 18,6 % der Tupfereinsendungen mit mindestens
einer positiven Tupferstelle.
Auch bei den Tupferuntersuchungen auf Norovirus waren
27,5 % der Tupfereinsendungen mit mindestens einem positiven
Tupfer. Tupferuntersuchungen auf
Campylobacter
spp.,
Yersinia
enterocolitica
und Verotoxinbildenden
Escherichia coli
verliefen
ohne positive Funde.
Erkrankung durch Staphylokokken-Enterotoxin – Fallbei-
spiel
Staphylokokken sind bei Mensch und Tier nicht unbekannt, zäh-
len sie doch zur physiologischen Flora von Haut und Schleim-
häuten des Oropharynx. Staphylokokken sind nicht sporenbil-
dende, unbewegliche, grampositive, katalasepositive Kokken, die
im mikroskopischen Präparat einzeln, als Paare, als kurze Ketten
oder als unregelmäßige Anhäufungen zu beobachten sind. Ihre
bevorzugte Wachstumstemperatur liegt zwischen 30 °C und
37 °C. Bis auf wenige Ausnahmen sind Staphylokokken fakul-
tativ anaerob. Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Aus-
trocknung und einer gut ausgebildeten pH-Toleranz sind sie
auch vergleichsweise robust gegenüber Umwelteinflüssen.
Als Bestandteil der Normalflora menschlicher und tierischer
Haut sowie der Kopfschleimhäute verursachen Staphylokokken
keine Beschwerden. Spezielle Staphylokokken (Koagulase positi-
ve Staphylokokken) können allerdings gesundheitliche Probleme,
wie z. B. eitrige Entzündungen auf Haut oder Schleimhäuten,
verursachen. Insbesondere
Staphylococcus aureus
(Abbildung
2+3) ist hier als bedeutsamster Vertreter zu benennen, welcher
auch bei lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen eine Rol-
le spielt.
Durch
S. aureus
bzw. sein gebildetes, emetisch wirksames Ente-
rotoxin, verursachte Lebensmittel assoziierte Erkrankungen tre-
ten zwar vergleichsweise selten auf, zumindest in Deutschland,
jedoch sind die Krankheitsverläufe meist dramatisch und
betref-
fen häufig mehrere Personen gleichzeitig. So geschehen auch
Anfang Juli 2019, als in einer Schule in Zittau 13 Schülerinnen
und Schüler 1 bis 1,5 Stunden nach dem Verzehr verschiede-
ner Lebensmittel an akutem Erbrechen litten. Das zuständige
Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt reagierte um-
gehend und reichte mehrere Proben und Umgebungstupfer zur
Untersuchung ein. Dabei handelte es sich um selbst hergestell-
ten Nudelsalat, Bratwurst und verschiedene Eissorten.
Aufgrund des Vorberichtes kamen insbesondere
Bacillus cereus
(Erbrechenform),
S. aureus
sowie Noroviren in Betracht. Die
Umgebungstupfer wurden ebenfalls hinsichtlich Norovirus-RNA
geprüft. Nudelsalat und Bratwurst wurden zudem einer Testung
auf Staphylokokken-Enterotoxin Typ A bis E unterzogen. An der
LUA Sachsen steht dafür die „VIDAS®-Methode“, ein Enzyme-
linked Fluorescent Assay, zur Verfügung (Abbildung 4). Dieses
Verfahren beruht auf dem Prinzip der Bildung von Antigen-Anti-
körper-Komplexen, deren Bildung mit Hilfe eines
fluoreszieren-
den, enzymatisch umgesetzten Substrates sicht- bzw. messbar
gemacht wird.
Aktuell sind mindestens 20 verschiedene Serotypen von Staphy-
lokokken-Enterotoxinen beschrieben. Dabei zählen die Seroty-
pen SEA bis SEE (mit den Untertypen SEC 1-3) als klassische
Varianten. Die durch Staphylokokken-Enterotoxine verursach-
ten Symptome sind Übelkeit sowie (massives) Erbrechen. Eher
seltener wird auch Durchfall beschrieben. Der durch die Aus-
scheidungen erlittene Verlust an Flüssigkeit und Elektrolyten
kann jedoch in kurzer Zeit so stark sein, dass es zu
Kreislaufpro-
blemen und sogar Schockzuständen kommt. Mitunter sind auch
Kopfschmerzen möglich.
S. aureus
ist ein fakultativ pathogener
Erreger, für die Bildung von Staphylokokken-Enterotoxin ist
ein Keimgehalt von 10
5
bis 10
6
KbE/g Lebensmittel notwendig.
Die Inkubationszeit kann von einer halben bis sechs Stunden
Abbildung 2:
Staphylococcus aureus-Kolonien nach Anzucht auf Baird-
Parker-Agar (Bebrütung für 48 h bei 37°C)
Abbildung 3:
Staphylococcus aureus-Kolonien nach Anzucht auf Blut-Agar
(Bebrütung für 48 h bei 37°C)

image
24 │
schwanken und ist unter anderem von der aufgenommenen To-
xinmenge abhängig. Vor allem proteinreiche Produkte, wie z. B.
Milch und Erzeugnisse daraus, Feinkostsalate, feine Backwaren
und Mayonnaise sowie Cremes zählen zu den Risikolebensmit-
teln.
Die Probe Nudelsalat war bereits bei der sensorischen Unter-
suchung auffällig, war doch ein alter, verdorbener Geruch
feststellbar. Die mikrobiologische Untersuchung ergab unter
anderem einen sehr hohen Gehalt an
Staphylococcus aureus
von 4,57 x 10
5
KbE/g. Zusätzlich verlief der Befund zur Unter-
suchung auf Staphylokokken-Enterotoxin in beiden Teilproben
Nudelsalat positiv aus. Die Ergebnisse bei den anderen Proben
waren alle unauffällig.
Aufgrund der sensorischen und mikrobiologischen Befunde war
der Nudelsalat gemäß Artikel 14 Abs. 2 lit. a) und b) nicht si-
cher und unterlag somit einem Verkehrsverbot gemäß Art. 14
Abs. 1 VO (EG) 178/2002. Gemäß Artikel 14, Absatz 1 VO (EG)
178/2002 dürfen derartige Lebensmittel nicht in den Verkehr
gebracht werden.
Gerade weil Staphylokokken zur Normalflora der Haut gehören,
besitzt eine strikte Händehygiene bei der Herstellung und Be-
handlung von Lebensmitteln höchste Bedeutung. Des Weiteren
muss die Kühlkette zwingend eingehalten werden. Darüber hin-
aus dürfen Personen mit eitrig infizierten Wunden auf der Haut
nicht mit Lebensmitteln umgehen. Größte Vorsicht ist auch bei
Husten und Niesen geboten, weil hierüber ebenfalls Staphylo-
kokken auf Nahrungsmittel verteilt werden können. Insbeson-
dere, wenn Speisen einer üblichen Hitzebehandlung (Kochen,
Pasteurisation) unterzogen werden, ist das Risiko einer Rekon-
tamination zu vermeiden. Da hitzebehandelten Lebensmitteln
jegliche Konkurrenzflora fehlt, jedoch reichlich Nährstoffe für
die Bakterien bietet, ist eine Vermehrung bis zur minimalen
Infektionsdosis bzw. zu Gehalten, bei denen die Gefahr der
Bildung von Staphylokokken-Enterotoxin besteht, sehr wahr-
scheinlich. Eine wiederholte Erhitzung macht das Lebensmittel
dabei nicht brauchbar bzw. gesundheitlich unbedenklich, denn
die vegetativen Staphylokokken werden zwar abgetötet, das
Staphylokokken-Enterotoxin wird jedoch aufgrund einer stark
ausgeprägten Hitzeresistenz nicht inaktiviert.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung verweist unter anderem
in Merkblättern für Verbraucher unablässig und mit Nachdruck
auf die Wichtigkeit der Einhaltung von Küchenhygieneregeln hin.
Gemäß der Information vom zuständigen LÜVA wurde der Nu-
delsalat von Schülern selbst zubereitet. Die Temperatur des
Nudelsalates bei der Entnahme durch das zuständige LÜVA vor
Ort lag gemäß Probenahmeschein bei 15,9 °C. Eine hinreichen-
de Kühlung lag zumindest zum Zeitpunkt der Probenentnahme
demnach nicht vor.
Chemische Untersuchung tierischer Lebensmittel
Aus dem Probenaufkommen der LUA Sachsen im Jahr 2019
wurden bei 1.285 tierischen Lebensmitteln chemische Untersu-
chungen auf Inhalts- und Zusatzstoffe durchgeführt. Bei 413
Proben (32,1 %) erfolgte eine Beanstandung.
Tabelle 4: Chemische Untersuchungen tierischer Lebens-
mittel 2019
Waren-
code
Untersuchte
Proben
Beanstan-
dung
Beanstan-
dung in %
01
Milch
59
1
1,7
02
Milcherzeugnisse
116
8
6,9
03
Käse
280
61
21,8
05
Eier und Eiprodukte
4
2
50,0
06
Fleisch
51
12
23,5
07
Fleischerzeugnisse
175
80
45,7
08
Wurst
415
187
45,1
10
Fisch
84
19
22,6
11
Fischerzeugnisse
55
18
32,7
12
Krusten-, Schalen-
und Weichtiere
46
25
54,3
Gesamt
1.285
413
32,1
Auch im Jahr 2019 wurden die meisten Beanstandungen bei
der chemischen Untersuchung tierischer Lebensmittel wegen
nicht korrekter Bezeichnungen oder fehlender Ergänzungen in
der Bezeichnung, nicht korrekter Kennzeichnung allgemein bzw.
Abweichungen der Inhaltsstoffgehalte zur Nährwertkennzeich-
nung oder wegen fehlender oder nicht Maßgaben konformer
Kenntlichmachung von Zusätzen, Zusatzstoffen bzw. Allerge-
nen ausgesprochen. Zusätzlich wurde auch wegen zu kleiner
Schriftgröße oder überdeckten, überdruckten oder anderweitig
schlecht lesbaren Kennzeichnungselementen beanstandet.
Wie in den Vorjahren erfolgte der Großteil der Beanstandungen
bei
Fleisch- und Wursterzeugnissen
. Zu den oben genannten
Beanstandungsschwerpunkten stimmten hier zusätzlich Anga-
ben im Zutatenverzeichnis oder die mengenmäßigen Angaben
von Zutaten nicht mit den Analysenergebnissen überein. Auf-
fällig war erneut die mitunter fehlende Aufführung von mit-
verarbeitetem Bindegewebe, Wasser oder Speck im Zutaten-
verzeichnis bzw. die fehlende bzw. nicht in der Reihenfolge
korrekte Aufführung von Zutaten im Zutatenverzeichnis. Dazu
kamen Beanstandungen wegen fehlender Kenntlichmachung
von Zusätzen wie z. B. Wasser, Stärke oder Pflanzenöl in
Ver-
bindung mit der Bezeichnung und nicht korrekter oder unvoll-
ständiger Bezeichnungen bei Würsten aus Fleisch verschiedener
Tierarten. Weitere Beanstandungsgründe waren zum Beispiel
bei Leberwürsten erhöhte Verhältnisse von Wasser:Eiweiß bzw.
Fett:Eiweiß. Zu geringe Gehalte an BEFFE und BEFFEF in Würs-
ten wurden überwiegend bei feinzerkleinerten, streichfähigen
Rohwürsten wie z. B. Teewurst festgestellt und zu hohe absolu-
te Wassergehalte in rohen Pökelerzeugnissen wie Rohschinken
oder Schinkenspeck. Die fehlende Kenntlichmachung von Zu-
satzstoffen war wie in den Vorjahren ein weiterer
Beanstan-
dungsschwerpunkt. Bei Hackfleischerzeugnissen wurden zudem
ein unzulässiger Ascorbinsäurezusatz in einem Schabefleisch
und zu hohe Fett- bzw. Bindegewebsgehalte beanstandet.
Abbildung 4:
VIDAS®-Gerät

image
│25
40 % der Beanstandungen bei
Fisch und Fischerzeugnissen
waren verursacht durch nicht zutreffende Nährwertangaben.
Weitere Beanstandungen erfolgten im Zusammenhang mit der
Kennzeichnung allgemein. Beispiele sind unter anderem der
fehlende Hinweis, dass es sich um „glasierte“ Erzeugnisse han-
delt oder unvollständige Angaben im Zutatenverzeichnis.
In einem Krabbencocktail wurde ein nicht zugelassener Süßstoff
gefunden. Ein überhöhter TVB-N-Gehalt wurde in einer Probe
Seelachs festgestellt, die auch sensorisch auffällig war. In einem
Thunfisch „Schwarzwälder Art“ wurde ein Ascorbinsäuregehalt
von 3566 mg/kg ermittelt, der weit über den von der Europä-
ischen Kommission als Quantum Satis-Menge eingeschätzten
300 mg/kg für eine Wirkung als Antioxydationsmittel lag.
Ein Untersuchungsschwerpunkt im Berichtsjahr war erneut die
Untersuchung von Fischfilets und Garnelen auf Wasserzusätze
über die Bestimmung des Wasser:Eiweiß-Verhältnisses. Bei zwei
Fischfilets (Pangasius, Kabeljau) wurden höhere Wasser:Eiweiß-
Quotienten ermittelt, als im ALTS - Leitfaden „Wasserzusatz in
unverarbeiteten Fischereierzeugnissen – Nachweis und Mög-
lichkeiten der Beurteilung“ für unbehandelte Erzeugnisse be-
schrieben. Zwei weitere Erzeugnisse waren als Fischfilets „mit
Wasserzusatz“ deklariert, jedoch lag die zugesetzte
Wassermen-
ge in beiden Fällen deutlich über 12 %, so dass diese Kenntlich-
machung als nicht mehr ausreichend beurteilt wurde. Laut oben
angeführten Leitfaden ist „
bei Wasserzusätzen von über 12 %
bei Fischereierzeugnissen in Anlehnung an die
Geflügelfleischer­
zeugnisse von einer wesentlichen Änderung der Zusammen­
setzung auszugehen, so dass es sich nunmehr um verarbeitete
Erzeugnisse handelt (vergleiche Definition „Verarbeitung“ in
Ver­
ordnung (EG) Nr. 852/2004). Dies muss sich in einer eindeutigen
und leicht verständlichen Etikettierung für diese Aliuds wider­
spiegeln, so dass eine Verwechslung mit Fischfilets, Krebs- und
Weichtieren sowie Teilstücken wie Filets, die als nicht verarbeitet
einzuordnen sind, zweifelsfrei ausgeschlossen werden kann. Der
alleinige Zusatz „mit zugesetztem Wasser“ oder ähnlich zur
Be­
zeichnung ist in diesen Fällen nicht ausreichend.
“ Beschrieben
wird bei Krebstiererzeugnissen mit Wasserzusätzen nach der
Kochprobe ein pralles, untypisch festes, an Bockwurst erinnern-
des „knackiges“ Mundgefühl. Auch bei 11 Garnelenproben ohne
Kenntlichmachung eines Wasserzusatzes lagen die ermittelten
Wasser:Eiweiß-Verhältnisse von 5,6-6,8 über den in der Litera-
tur für unbehandelte Rohware beschriebenen Werten.
Der Großteil der Beanstandungen bei
Milch, Milcherzeugnissen
und Käse
erfolgte wie in den Vorjahren im Zusammenhang mit
der Kennzeichnung allgemein bzw. den speziellen Kennzeich-
nungsvorschriften nach Käse-VO oder Milcherzeugnisse-VO
bzw. der Nährwertkennzeichnung, wie z. B. Beanstandungen im
Zusammenhang mit Fettgehaltsbestimmungen in der Trocken-
masse, dem Wassergehalt in der fettfreien Käsemasse und der
Nichteinhaltung von Mindestgehalten bei Standarderzeugnis-
sen und damit auch dem Bezeichnungsschutz.
Die Beanstandungen bei
Eierzeugnissen
erfolgten im Zusam-
menhang zu Nährwertangaben bzw. Auslobungen.
Molekularbiologische Untersuchung von Lebensmitteln
Das molekularbiologische Untersuchungsspektrum der LUA
Sachsen umfasst verschiedene Methoden zum Nachweis von
Allergenen, gentechnisch veränderten Organismen (GVO) und
zur Pflanzen- und Tierartdifferenzierung sowie von pathogenen
Mikroorganismen (Viren, Bakterien) in Lebensmitteln.
Im Rahmen der Überprüfung der Allergenkennzeichnung von
Lebensmitteln wurden 472 Proben mit molekularbiologischen
und immunchemischen Methoden auf die allergenen Zutaten
Gluten, Ei, Erdnuss, Soja, Milch, Schalenfrüchte, Sellerie, Senf,
Sesam, Lupine und Fisch geprüft. In 119 Proben wurden Allerge-
ne gemäß Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) Anhang
II nachgewiesen, die nicht entsprechend gekennzeichnet waren.
Die Beanstandungen betrafen überwiegend als lose Ware in
Verkehr gebrachte Proben. In weiteren 21 Proben war lediglich
die mangelhafte Ausführung der Allergenkennzeichnung zu be-
anstanden (z. B. unzureichende Angabe der Zutaten als „Mehl“,
„Schalenfrüchte“, „Nüsse“ oder kein hervorgehobener Schrift-
satz).
Da eine zuverlässige visuelle
Tierartidentifizierung
von Fleisch
nicht möglich ist, bedarf es dafür spezifischer und sensitiver
instrumentell-analytischer Verfahren. Das molekularbiologische
Untersuchungsspektrum der LUA Sachsen umfasst in der Rou-
tine inzwischen 24 Tierarten mit einer hohen Nachweiswahr-
scheinlichkeit selbst von geringen Zusätzen anderer Tierarten.
Neue Echtzeit-Polymerasekettenreaktion-Verfahren (real-time
PCR) wurden für den spezifischen DNA-Nachweis der Tierarten
Reh, Rotwild und Damwild (gleichzeitig) sowie für Sikawild, Bi-
son, Wisent und Wachtel eingeführt. ELISA-Verfahren für den
Protein-Nachweis von Rind, Schwein, Geflügel (unspezifisch)
und Schaf (detektiert auch Ziege) wurden validiert. Weitere
Tierarten wie Fische, Krebstiere und exotische Tierarten wie z. B.
Krokodil, Zebra sowie einige Insekten werden durch DNA-Se-
quenzierung identifiziert.
Zur Prüfung, ob Lebensmittel tierische Bestandteile enthalten
(„vegetarisch“; „vegan“), stehen außer den bereits genannten
spezifischen Tierartnachweisen weitere Verfahren zur Prüfung
auf tierische Referenzgene zur Verfügung z. B. auf das Myosta-
tin- oder das Cytochrom B-Gen. Die Prüfung auf Abwesenheit
bestimmter Spezies ergibt sich auch aus der Deklaration als z. B.
Halal oder Koscher.
261 Proben wurden molekularbiologisch auf enthaltene Tierarten
untersucht. Davon wurden 74 Proben aufgrund nicht deklarierter
oder nicht korrekt gekennzeichneter Tierarten beanstandet.
Für die Identifizierung von
Fischarten
und weiteren Tierarten
durch PCR und DNA-Sequenzierung wurde die Zusammenarbeit
mit dem Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz im Rah-
men der Länderkooperation fortgesetzt. Von 28 sequenzierten
Fischproben (Cytochrom B-Gen, COI-Gen, 16SrRNA-Gen) waren
7 Proben zu beanstanden. 2 Proben waren als „Heilbutt“ be-
zeichnet. Tatsächlich handelte es sich jeweils um die Fischart
Schwarzer Heilbutt. Bei 2 Proben „Tropenzunge“ handelte es
sich tatsächlich um
Synaptura lusitanica
bzw. um
Cynoglossus
browni
. In einer Probe „Lachsfilet“ wurden DNA-Sequenzen von
Regenbogenforelle nachgewiesen.
Abb 5:
Rohe und gegarte „pralle“ Garnele eines Erzeugnisses „mit
Wasserzusatz“

image
26 │
Getreideerzeugnisse, Backwaren, Süßwaren, Speiseeis, Tee, Kaffee
Im Berichtszeitraum wurden von 4.150 eingereichten Lebensmit-
telproben 884 Proben beanstandet. Die Beanstandungsquote lag
im Berichtszeitraum mit 21,3 % auf einem vergleichbar hohem
Niveau, wie die vergangenen Jahre (2017: 20,4 %, 2018: 22,0 %).
Spitzenreiter mit einer Beanstandungsquote von 27,1 % ist die
Warengruppe der Süßwaren (Matrixcode 43), dicht gefolgt von
Speiseeis und Speiseeishalberzeugnisse (25,5 %), Feinen Back-
waren (24,5 %) und Getreideerzeugnissen (23,3 %). Beanstan-
dungsquoten von 20 % und mehr haben ebenso die Warengrup-
pen Zucker, Schokolade und Schokoladenwaren, Honige, süße
und nicht-süße Brotaufstriche, Kaffee und Kaffeeersatzstoffe,
Tee und teeähnliche Erzeugnisse und Teigwaren.
Die Hauptbeanstandungsgründe betrafen im Jahr 2019 analog
zu 2018 erneut Mängel in der Kennzeichnung allgemein sowie
irreführende Angaben, unzutreffende Nährwertdeklarationen
und nicht zugelassene oder unzutreffende nährwert- und ge-
sundheitsbezogene Aussagen. Nach wie vor große Probleme
treten bei der Umsetzung der Vorgaben bezüglich der Angabe
allergener Zutaten bei nicht vorverpackten Lebensmitteln auf.
Hierbei ist die Kennzeichnung glutenhaltiger Getreide mit der
speziellen Getreideart (Weizen, Roggen, Gerste bzw. Hafer) zu
nennen. Insbesondere trifft dies auf die Kennzeichnung des Ge-
treides Dinkel zu, da es sich bei Dinkel um eine Weizenart han-
delt und diese somit als Weizen gekennzeichnet werden muss.
Zudem genügen oftmals freiwillig bereitgestellte Informationen,
wie beispielsweise Zutatenverzeichnisse oder Nährwertdeklara-
tionen, auf so genannten Produktinformationsblättern ebenfalls
nicht den Maßgaben der LMIV.
Beispielhaft wird nachfolgend ein Potpourri einzelner Schwer-
punkte in ausgewählten Warengruppen aufgeführt.
Bei Getreide war Basmati-Reis aufgrund von
Pflanzenschutzmit-
telrückständen (Thiamethoxam und Tricyclazol) besonders auf-
fällig. Verbessert hat sich die Situation bei dem Getreideerzeug-
nis Freekeh, allerdings gibt es hier nach wie vor Auffälligkeiten
bei Kontaminationen mit Aluminium, Blei und Mineralölantei-
len. Zudem wurden alle 8 Proben bezüglich einer unzureichen-
den – meist fehlender deutschsprachiger – Kennzeichnung
beurteilt. Bei loser Abgabe Feiner Backwaren ist die Zahl fehlen-
der Kenntlichmachung von Zusatzstoffen, insbesondere Farb-
stoffen, bzw. fehlender Warnhinweise zu Azofarbstoffen nach
wie vor auffällig. Mehr als ein Viertel der Beanstandungen bei
Teigwaren betrafen eine irreführende Nährwertdeklaration. Im
Bereich der Honige waren neben honigtypischen Kennzeich-
nungsanforderungen wie bspw. Ursprungsland auch qualitative
Honigparameter wie Ethanol, Glycerin und 5-Hydroxymethyl-
furfural auffällig, insbesondere bei Manuka-Honigen, deren ge-
sundheitsbezogene Auslobungen zudem rechtlich nicht haltbar
sind. Bei Speiseeis fielen neben den mikrobiologischen
Belas-
tungen bei lose abgegebenen Eisen die Minusabweichungen der
Milchfettanteile bei als Milcheis deklarierten Eisen auf. Auch
die fehlende Kenntlichmachung von Farbstoffen gibt regel-
mäßig Grund zu Beanstandungen. Die Verwendung neuartiger
Lebensmittel bzw. Lebensmittelzutaten, sowie die Auslobung
unzulässiger gesundheitsbezogener Angaben und Rückstände
an Pflanzenschutzmitteln stellen neben den allgemeinen
Kenn-
zeichnungsmängeln die Hauptbeurteilungspunkte bei Tees und
teeähnlichen Erzeugnissen dar.
Allgemein lag die Zahl der Proben, die im Sinne des Art. 14 Abs.
2 Buchst. b der Verordnung (EG) Nr. 178/2002 als nicht zum
Verzehr geeignet beurteilt wurden, mit 14 Beanstandungen
deutlich unter dem Vorjahrsniveau. Ursache hierfür waren vor
allem eine abweichende Sensorik, Fremdkörper unter anderem
Metallspäne in einem Toastbrot und erhöhte Aluminiumgehalte
in Matcha-Tee und Freekeh-Proben. Lediglich drei Proben wur-
den als gesundheitsschädlich nach Art. 14 Abs. 2 Buchst. a der
Verordnung (EG) Nr. 178/2002 eingestuft. Dabei handelte es sich
um eine Probe „Laugenbrezel“ aufgrund eines deutlich erhöhten
Aluminium-Gehaltes von über 200 mg/kg. Bei einer Probe „Fri-
scher Dinkel Mürbeteig“ konnte ein Verotoxin bildender
E. coli
nachgewiesen werden. Bei einer dritten Probe „Hanfblütentee“
wurde ein deutlich erhöhter
Δ
9
-THC-Gehalt nachgewiesen.
Der Hype um Hanfprodukte und Cannabidiol (CBD)
Seit der Aufhebung des Anbauverbots (1996) ist für Pflanzen
und Pflanzenteile der zur Gattung Cannabis gehörenden
Pflan-
zen ein stetiger Anstieg der gewerblichen Nutzung zu verzeich-
nen, so auch im Bereich der Herstellung von Lebensmitteln
und kosmetischen Mitteln. In zunehmenden Maße werden z. B.
Hanfblätter- oder Hanfblütentees, Hanföle, Hanfmehle, Hanf-
biere oder hanfhaltige Süßwaren und Schokoladen angeboten,
aber auch Cannabidiol-angereicherte Nahrungsergänzungsmit-
tel, Mundpflegemittel und Aromaöle.
Doch ist dieser als Superfood gehypte Hanf wirklich so gesund
bzw. unbedenklich, wie dem Verbraucher suggeriert wird? Die-
ser Frage wurde im Untersuchungszeitraum 2019 gezielt nach-
gegangen.
Die Hanfpflanze (
Cannabis sativa L.
) (Abbildung 6) gehört zur
Familie der Hanfgewächse, war ursprünglich in Indien sowie im
Iran beheimatet und wurde zur Faser- und Ölgewinnung ge-
nutzt. Die bis zu 2,5 m hohe einjährige Pflanze weist die typisch
5-9-zähligen, gefingerten und gesägten Blätter auf. Die
Blüte-
zeit reicht von Juli bis August. Die Hauptwirkstoffe des Han-
fes sind die sogenannten Cannabinoide, wobei die halluzino-
gene Wirkung durch das sogenannte
Δ
9
-Tetrahydrocannabinol
(THC) hervorgerufen wird. Im Gegensatz zu den hohen Gehalten
in Drogenhanf weist der speziell für die Herstellung von Tex-
Abbildung 6:
Hanfblüten

│27
tilfasern, Kosmetikprodukten oder Lebensmitteln gezüchtete
Nutzhanf weitaus geringere Gehalte an
Δ
9
-THC auf. Mit einem
maximal zulässigen Gehalt von 0,2 %
Δ
9
-THC zeigt dieser auch
keine psychoaktive Wirkung.
Wie wirkt
Δ
9
-THC und warum ist es in hanfhaltigen Le-
bensmitteln unerwünscht?
Die halluzinogene Substanz
Δ
9
-THC ist das einzige fundiert er-
forschte und hinsichtlich seines Risiko bewertete Cannabinoid
im Hanf. Es bindet an Rezeptoren im Gehirn und in anderen
Organen, wodurch die Konzentration der Neurotransmitter Nor-
adrenalin, Dopamin und Serotonin, die wiederum die motorische
Koordination, das Gedächtnis und das Appetit- sowie Schmerz-
empfinden regulieren, erhöht wird. Bei Konzentrationen von 4
bis 20 mg
Δ
9
-THC treten zunächst Euphorie, Erschlaffung, Pu-
pillenerweiterung, eine erhöhte Pulsfrequenz sowie die typisch
verwaschene Sprache neben Schläfrigkeit und Halluzinationen
auf. Für höhere Konzentrationen werden schwerwiegendere
Symptome wie Angstzustände, Panikattacken, psychotische
Aggressivität oder auch eine eintretende Tachykardie beschrie-
ben. Bei einem chronisch missbräuchlichen Marihuana-Konsum
schadet nicht nur der mutagene, karzinogene und teratogene
Rauch dem menschlichen Organismus, sondern es treten zudem
Persönlichkeitsveränderungen, Konzentrationsschwierigkeiten
sowie Psychosen auf.
Aufgrund der beschriebenen Wirkung leitete die EFSA (Europä-
ische Behörde für Lebensmittelsicherheit) für hanfhaltige Le-
bensmittel eine akute Referenzdosis (ARfD) von 1 µg
Δ
9
-THC
pro kg Körpergewicht ab. Dieser ARfD ist dabei definiert als die
Substanzmenge, die pro kg Körpergewicht über die Nahrung mit
einer Mahlzeit oder innerhalb eines Tages ohne erkennbares Ri-
siko aufgenommen werden kann.
Dieser Wert ergänzt die bereits im Jahr 2000 für verschiedene
Lebensmittelkategorien etablierten Richtwerte des BgVV (Bun-
desinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veteri-
närmedizin):
]
5 µg
Δ
9
-THC pro kg für alkoholische und nichtalkoholische
Getränke
]
5.000 µg
Δ
9
-THC pro kg für Speiseöle.
]
150 µg
Δ
9
-THC pro kg für sonstige Lebensmittel.
2018 berichtete das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
darüber, dass bereits durch den Verzehr einzelner Lebensmittel
die ARfD für
Δ
9
-THC überschritten werden kann. Psychomoto-
rische Einschränkungen können die Folge sein. Ein Missbrauch
zu Rauschzwecken kann somit nicht ausgeschlossen werden,
wodurch die Diskussion um hanfhaltige Lebensmittel erneut an-
gefacht wurde.
Für die Einschätzung, ob von hanfhaltigen Lebensmitteln eine
potentielle Gesundheitsgefahr ausgeht, ist die Bestimmung des
Δ
9
-THC-Gehaltes von zentraler Bedeutung.
Bei der Analytik von THC in Lebensmitteln unterscheidet man
den
Δ
9
-THC-Gehalt und den Gesamt-
Δ
9
-THC-Gehalt, welcher
neben dem
Δ
9
-THC auch dessen Vorstufen mit einbezieht.
Δ
9
-
Tetrahydrocannabinolsäure-A (
Δ
9
-THCA-A), eine sogenannte
Precursorsäure welche keine psychoaktive Wirkung aufweist,
sich jedoch bei höheren Temperaturen durch Decarboxylierung
zu
Δ
9
-THC umwandelt, hat dabei die größte Bedeutung.
Für die Bestimmung von THC in Lebensmitteln war lange Zeit
die Gaschromatographie gekoppelt mit der Massenspektromet-
rie (GC-MS) die Methode der Wahl. Mittels der GC ist jedoch im
Allgemeinen nur die Bestimmung des Gesamt-
Δ
9
-THC-Gehaltes
möglich, da die hohen Temperaturen im Injektor des GC die
be-
schriebene Umwandlung der Precursorsäuren katalysieren. Eine
simultane Bestimmung von
Δ
9
-THC und
Δ
9
-THCA-A kann nur
nach vorheriger Derivatisierung erfolgen.
Mittels Hochleistungsflüssigchromatographie (HP)LC-MS/MS
können
Δ
9
-THC und
Δ
9
-THCA-A sowie weitere Cannabinoide
einzeln erfasst werden. Eine thermische Umwandlung von
Δ
9
-
THCA-A und eine damit einhergehende analytische Überbestim-
mung von
Δ
9
-THC kann bei diesem Verfahren ausgeschlossen
werden.
Die Zweckbestimmung des betreffenden Lebensmittels, ob bei-
spielsweise ein Erhitzungsprozess vor dem Verzehr zu erwarten
ist und somit eine zusätzliche Bildung von
Δ
9
-THC aus vorhan-
dener
Δ
9
-THCA-A möglich ist, sollte bei der Beurteilung und
somit bei der Wahl des analytischen Verfahrens berücksichtigt
werden. An der LUA Sachsen kommen aktuell beide Untersu-
chungsverfahren zur Anwendung.
In hanfhaltigen teeähnlichen Erzeugnissen wird der Gesamt-
Δ
9
-
THC-Gehalt nach Extraktion mit Methanol mittels GC-MS/MS
analysiert. Aus fetthaltigen Lebensmitteln, wie beispielsweise
Hanfsamen und Hanfschokolade, wird
Δ
9
-THC mit Hexan ext-
rahiert, anschließend werden im eingeengten Extrakt störende
Lipidbestandteile mit Kalilauge verseift.
Δ
9
-THC wird mit Pet-
rolether/Diethylether aus dem Unverseifbaren extrahiert, nach
einem Lösungsmittelwechsel mittels GC-MS/MS analysiert. Mit
diesem Verfahren ist es nicht möglich, die Precursorsäuren des
Δ
9
-THC zu erfassen, da diese nach der Verseifung mit der Lipid-
fraktion abgetrennt werden. Aus Hanfölen, Süßwaren oder Ge-
tränken werden die Cannabinoide mit Methanol extrahiert und
mittels LC-MS/MS analysiert. Eine Ausweitung dieses analyti-
schen Verfahrens auf andere Lebensmittelgruppen wird derzeit
bearbeitet.
2019 wurden an der LUA Sachsen insgesamt 25 hanfhaltige
Proben, davon 12 Hanföle, bezüglich ihrer Gehalte an
Δ
9
-THC
analysiert. Zwei dieser Hanföle wiesen dabei wirksame
Δ
9
-THC–
Gehalte im Bereich von bis zu 8,4 mg/kg auf. Da in diesen Fällen
bereits bei einem täglichen Verzehr von ca. 12 ml Hanföl die
ARfD überschritten war, wurden die Produkte als nicht für den
menschlichen Verzehr geeignete Lebensmittel beurteilt.
Als kritische Produktgruppe kristallisierten sich zudem teeähn-
liche Erzeugnisse heraus. So wiesen drei der vier untersuchten
Hanfblätter- sowie Hanfblütentees wirksame
Δ
9
-THC-Gehalte
von bis zu 835 mg/kg im eingereichten Trockenmaterial auf. Für
den Teeaufguss errechnet sich daraus ein Gehalt von 8,3 mg/kg.
Dadurch wird für eine 70 kg schwere Person die ARfD bereits
bei einem Verzehr von 8 ml des Teegetränkes ausgeschöpft.
Der Verzehr von zwei Tassen eines derart belasteten Tees (ca.
300 ml) hat unter Umständen akute Auswirkungen auf das zen-
trale Nervensystem.
Auch war ein als kaltgepresster Direktsaft, unter anderem mit
gefriergetrocknetem Hanf-Saft, mit einem Gesamt-
Δ
9
-THC-
Gehalt von 699,0 µg/l als nicht zum Verzehr geeignet zu be-
urteilen. Ebenso wurden zwei Proben Mundpflegepastillen mit
Extrakten aus
Cannabis sativa L.
als nicht zum Verzehr geeig-
net beurteilt. Insbesondere wenn man einen möglichen Verzehr
durch Kinder berücksichtigt.
Die untersuchten drei Proben Hanfsamen, die eine Probe Hanf-
mehl, sowie zwei Hanfschokoladen zeigten
Δ
9
-THC–Gehalte im
unbedenklichen Bereich.

image
28 │
Neben der notwendigen Betrachtung der
Δ
9
-THC-Gehalte ge-
staltet sich die Beurteilung hanfhaltiger Produkte auch dadurch
besonders komplex und schwierig, weil vor der eigentlichen le-
bensmittelrechtlichen Prüfung eine betäubungsmittel- und arz-
neimittelrechtliche Prüfung vorgenommen werden muss.
Wann spricht man von Hanf als Betäubungsmittel?
Grundsätzlich unterliegen
Cannabis sativa L.
sowie das enthal-
tene
Δ
9
-THC den Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes
(BtMG). Laut Anlage I BtMG gelten Cannabis (Marihuana,
Pflan-
zen und Pflanzenteile der zur Gattung Cannabis gehörenden
Pflanzen) und Cannabisharz (Haschisch) als nicht verkehrsfähige
Betäubungsmittel. Cannabissamen, die in der Regel keine Can-
nabinoide enthalten, sind von den Regelungen des BtMG ausge-
nommen, wenn sie nicht zum unerlaubten Anbau bestimmt sind.
Folglich fallen auch aus Hanfsamen hergestellte Lebensmittel/-
zutaten nicht unter das BtMG und sind entsprechend lebens-
mittelrechtlich zu beurteilen.
Der zweite im BtMG festgelegte Ausnahmetatbestand betrifft
Hanfpflanzen und Pflanzenteile, die aus dem Anbau in EU-
Ländern mit zertifiziertem Saatgut stammen oder deren Gehalt
an
Δ
9
-THC 0,2 % nicht übersteigt und der Verkehr mit ihnen
(ausgenommen der Anbau) ausschließlich gewerblichen oder
wissenschaftlichen Zwecken dient, die einen Missbrauch zu
Rauschzwecken ausschließen. Diese Festlegung führte in der
Vergangenheit zu erheblichen Auslegungsproblemen. So ver-
tritt z. B. der Europäische Hanfverband (EIHA) die Auffassung,
Hanfblüten und –blätter und auch Hanfprodukte mit traditionell
hergestellten Extrakten mit dem natürlichen Vollspektrum der in
der Hanfpflanze enthaltenen Cannabinoide seien rechtmäßig als
Lebensmittel im Verkehr. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel
und Medizinprodukte (BfArM) dürfen dagegen aus betäubungs-
mittelrechtlicher Sicht Produkte aus lediglich getrockneten
und zerkleinerten Nutzhanfpflanzen, wie z. B. Hanfblätter- und
Hanfblütentee, Tabakersatz oder Duftkissen, nicht an den End-
verbraucher abgegeben oder durch Privatpersonen eingeführt
werden, da hier ein solcher Missbrauch zu Rauschzwecken nicht
ausgeschlossen werden kann.
Abschließend soll an dieser Stelle noch angemerkt werden, dass
im Jahr 2017 das BtMG dahingehend geändert wurde, dass nun-
mehr auch der Einsatz von Cannabis für medizinische Zwecke
gestattet ist. Die Gesetzesänderung ermöglicht die Verordnung
von Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten
in „standardisierter Qualität“ an chronisch kranke Menschen
bei entsprechender medizinischer Indikation. Hierfür erfolgt ein
gezielter Anbau von Medizinalhanf unter staatlicher Kontrolle,
wodurch die Sicherheit und Kontrolle des Betäubungsmittelver-
kehrs nicht gefährdet werden.
Welche Aspekte sind darüber hinaus aus arzneimittel-
rechtlicher Sicht zu beachten?
Beim Inverkehrbringen von Lebensmitteln (und auch kosmeti-
schen Mitteln) ist generell zu beachten, dass die für die Herstel-
lung verwendeten Inhaltsstoffe nicht aufgrund ihrer pharmako-
logischen Wirkung als Arzneimittel einzustufen sind. So weist
das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicher-
heit (BVL) auf seiner Website auf Folgendes hin: „
Das in Hanf
vorkommende Cannabinoid CBD hat nach Auskunft der Bun­
desopiumstelle beim BfArM durch zahlreiche Wechselwirkungen
mit biologischen Rezeptoren, die teilweise im Tiermodell und
teilweise in klinischen Humanstudien gezeigt werden konnten,
anxiolytische, antipsychotische, antiemetische, neuroprotektive,
antikonvulsive, sedative und antiinflammatorische
Eigenschaf­
ten. Diese Eigenschaften sind eindeutig als pharmakologisch
zu beschreiben. CBD wirkt über verschiedene Rezeptoren oder
andere biologische Mechanismen im menschlichen Körper und
beeinflusst dadurch physiologische Funktionen durch
pharma­
kologische, immunologische oder auch metabolische Wirkungen
erheblich.
Seit Oktober 2016 ist Cannabidiol verschreibungspflichtig.
Nachdem im Jahr 2018 die amerikanische Arzneimittelbehör-
de FDA das Cannabis-Arzneimittel Epidiolex® zugelassen hatte,
sprach sich die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) 2019
auch für die Zulassung in Europa aus. Das CBD-haltige Arznei-
mittel wird zur unterstützenden Behandlung von Krampfanfäl-
len im Zusammenhang mit schweren und seltenen Epilepsiefor-
men bei Kindern eingesetzt. Bei Erzeugnissen mit einem Zusatz
an CBD ist folglich jeweils im Einzelfall die
Arzneimitteleigen-
schaft zu prüfen.
Was hat es mit den als Nahrungsergänzungsmittel ange-
botenen Cannabidiol-Produkten auf sich?
Der Markt wird seit geraumer Zeit mit einer Vielzahl an Nah-
rungsergänzungsmitteln überschwemmt, die unter Verwendung
von CBD-angereicherten Hanfextrakten hergestellt werden.
Meist handelt es sich dabei um Hanföle, denen ein solcher Ex-
trakt zugesetzt wird. In den standardisierten Extrakten liegt der
CBD-Anteil in der Regel zwischen 2,5 % bis 30 %, je nach
emp-
fohlener Tagesverzehrsmenge werden über die Produkte zwi-
schen 3 und 100 mg CBD aufgenommen.
2019 wurden in der LUA Sachsen zusätzlich zu den oben genann-
ten hanfhaltigen Lebensmitteln elf Nahrungsergänzungsmittel
mit Cannabidiol-angereicherten Hanfextrakten (Abbildung 7)
zur Untersuchung und Beurteilung eingereicht. Bei diesen Pro-
ben wurden sowohl der CBD- als auch der
Δ
9
-THC-Gehalt am
Landeslabor Berlin-Brandenburg (LLBB) bestimmt. Die ARfD für
Δ
9
-THC wurde bei keinem der bisher neun analysierten Produk-
te überschritten; es konnte aber bei einer Probe ein Ausschöp-
fungsgrad von 91 % festgestellt werden. In jedem Fall war der
BgVV-Richtwert für sonstige Lebensmittel überschritten, bei
den Produkten mit Hanföl als Basis auch der BgVV-Richtwert
für Speiseöle. Inwieweit für die vergleichsweise sehr hohen
Δ
9
-
THC-Werte die eingesetzten Extrakte verantwortlich sind, kann
nur durch die für den Vollzug zuständigen Vorortbehörden ge-
klärt werden.
Kann die Einordnung als Arzneimittel oder Betäubungsmit-
tel ausgeschlossen werden und liegt auch der
Δ
9
-THC-Gehalt
Abbildung 7:
Nahrungsergänzungsmittel

│29
Im Jahr 2019 wurden 4.158 Proben aus den Produktgruppen
vegane/vegetarische Ersatzprodukte, Suppen, Soßen, Hülsen-
früchte, Schalenobst, Ölsamen, Kartoffeln und Kartoffelerzeug-
nisse, Frischgemüse, Gemüseerzeugnisse, Pilze, Pilzerzeugnisse,
Frischobst, Obsterzeugnisse, Konfitüren, Marmeladen und
Ge-
lees, Fertiggerichte und zubereitete Speisen sowie Gewürze und
Würzmittel untersucht. Dabei waren 540 Proben zu beanstan-
den, was – genau wie im vergangenen Jahr - einem Anteil von
13,0 % entspricht.
Hauptbeanstandungsgrund waren mit 364 Beanstandungen
auch 2019 wieder Kennzeichnungsmängel. Die Warengruppe 50
(Fertiggerichte, zubereitete Speisen) ist mit 119 Beanstandun-
gen hier „Spitzenreiter“. Hier ist insbesondere die Beanstandung
einer fehlenden oder fehlerhaften Allergenkennzeichnung zu
nennen.
Als gesundheitsschädlich wurden 2019 bei den oben genann-
ten Warengruppen fünf Proben, davon vier aufgrund von mi-
krobiologischen Verunreinigungen, beanstandet. In einer Probe
Blattspinat (frisch) und in einer Salatbox wurden Verotoxin
bildende
Escherichia coli
(VTEC) nachgewiesen. In einer Probe
Sushi wurde
Listeria monocytogenes
quantitativ in einer Zahl
von 1700 KbE/g nachgewiesen und bei der mikrobiologischen
Untersuchung einer Probe schwarze Oliven mit Stein wurden
über 100.000 KbE/g
Listeria monocytogenes
festgestellt. Des
Weiteren wurde eine Probe Oregano (getrocknet) aufgrund
eines extrem hohen Gehaltes an Pyrrolizidinalkaloiden als ge-
sundheitsschädlich beurteilt.
Von den 1080 auf Pflanzenschutzmittel untersuchten Proben
waren 20 Proben aufgrund der Überschreitung von Rückstands-
höchstgehalten zu beanstanden. Außerdem waren 15 Proben
aufgrund unzulässiger Pflanzenschutzmittelanwendungen zu
beanstanden (siehe Abschnitt „Pestizide/Schadstoffe“).
Der festgesetzte Höchstgehalt an Nitrat wurde im Jahr 2019
bei einer Probe Kopfsalat aus Belgien überschritten. Eine Pro-
be Kartoffeln musste beanstandet werden, weil der festgesetz-
te Höchstgehalt für Cadmium überschritten wurde, bei einem
Fruchtcocktail (Konserve) war der Höchstgehalt für Blei über-
schritten. Bei einer weiteren Probe Haselnüsse (gemahlen) wur-
den die festgesetzten Mykotoxin-Höchstgehalte überschritten.
Die im Anhang der Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 für ge-
trocknete Gewürze festgelegten Höchstgehalte für Benzo(a)
pyren und für die Summe von Benzo(a)pyren, Benz(a)anthracen,
Chrysen und Benzo(b)fluoranthen wurden bei je einer Probe
Lor-
beerblätter und Petersilie (getrocknet) überschritten. Außerdem
wurden 14 Proben beanstandet, weil technologisch wirksame
Zusatzstoffe für den entsprechenden Verwendungszweck ent-
weder nicht zugelassen oder die festgelegte Höchstmenge über-
schritten war. Besonders zu erwähnen sind hier zwei Proben Ge-
würze (Paprikapulver, getrocknete Annatto), bei welchen nicht
zugelassene Farbstoffe nachgewiesen wurden.
„Gewürze und Kräuter: Genuss ohne Risiko?“
Gewürze und Kräuter
sind Pflanzenteile, die wegen ihres
Ge-
haltes an natürlichen Inhaltsstoffen als geschmack- und/oder
geruchgebende Zutaten zu Lebensmitteln bestimmt sind.
Gewürze
sind Blüten, Früchte, Knospen, Samen, Rinden, Wur-
zeln, Wurzelstöcke, Zwiebeln oder Teile davon, meist in getrock-
neter Form.
Kräuter
sind frische oder getrocknete Blätter, Blü-
ten, Sprosse oder Teile davon. (
Leitsätze für Gewürze und andere
würzende Zutaten des Deutschen Lebensmittelbuches
)
Gewürze und Kräuter waren nicht nur früher wertvolle Gü-
ter, sondern sind auch heute noch in aller Munde. Essen soll
schmackhaft sein, gut riechen und appetitlich aussehen – ein
Kinderspiel dank der Produktvielfalt aus aller Welt.
Der Gewürzmarkt ist sehr international. So wird der größte Teil
der Kräuter und Gewürze, der in der EU verarbeitet wird, aus
exotischen Ländern wie Thailand, Vietnam, Indien, der Türkei
und China importiert. Aufgrund des oft vorherrschenden feucht-
warmen Klimas, auch in Kombination mit mangelnder Hygiene
bei der Trocknung und Verarbeitung der Gewürzpflanzen in den
Ursprungsländern, können Gewürze bezüglich der Keimbelas-
Obst, Obsterzeugnisse, Gemüse, Gemüseerzeugnisse, Gewürze, Fertig-
gerichte
im unbedenklichen Bereich, so ist aus lebensmittelrechtlicher
Sicht „nur noch“ das Vorliegen eines neuartigen Lebensmittels
zu prüfen. „Neuartig“ im Sinne der VO (EU) Nr. 2015/2283 sind
Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 in der Europäischen
Union noch nicht in nennenswertem Umfang für den menschli-
chen Verzehr verwendet wurden. Laut öffentlichem Novel Food-
Katalog gibt es für Hanfprodukte folgende Einstufungen:
]
Hanfsamen, Hanfsamenöl, Hanfsamenmehl und entfetteter
Hanfsamen - nicht neuartig,
]
Extrakte aus Pflanzen der Gattung Cannabis und
Cannabino-
id-haltige Folgeprodukte - neuartig.
Auf europäischer Ebene gehen die Meinungen bezüglich der
Neuartigkeit von Hanfblättern als Tee auseinander. Hanfblüten
werden jedoch einhellig als neuartig für den menschlichen
Ver-
zehr eingestuft.
Neuartige Lebensmittel dürfen erst nach einem erfolgreich
durchlaufenen Zulassungsverfahren als Lebensmittel vermarktet
werden, daher befinden sich insbesondere als
Nahrungsergän-
zungsmittel angebotene Cannabidiol-haltige Produkte aktuell
nicht rechtmäßig im Verkehr. Ebenso werden Extrakte im Süß-
warenbereich und Hanfblütentees als neuartige Lebensmittel
bzw. neuartige Lebensmittelzutaten beurteilt. Entsprechende
Untersagungsverfügungen von Lebensmittelüberwachungsbe-
hörden wurden inzwischen mehrfach gerichtlich bestätigt.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass hanfhaltige Lebensmit-
tel auch in den kommenden Jahren aufgrund der oben beschrie-
benen Abgrenzungsproblematik im Fokus der Lebensmittelüber-
wachung stehen werden. Zielsetzung für die LUA Sachsen sowie
für die weiterführenden Lebensmittelmittelüberwachungsbe-
hörden europaweit ist dabei insbesondere die Weiterentwick-
lung und Vereinheitlichung der Analytik von
Δ
9
-THC sowie die
Etablierung der Analytik weiterer Cannabinoide. Zudem ist es
wichtig, eine harmonisierte und verbindliche Beurteilung unter
den Aspekten Lebensmittel, Novel Food, Arzneimittel bzw. Be-
täubungsmittel zu schaffen.

image
30 │
Abbildung 8:
Vielfalt der Gewürze
Im Jahr 2019 wurden aufgrund vermehrter Schnellwarnungen
insbesondere Kräuter auf Pyrrolizidinalkaloide (PA) untersucht.
PA sind natürliche Pflanzeninhaltsstoffe, die in mehr als 660
un-
terschiedlichen Formen in zahlreichen Pflanzenarten weltweit
vorkommen und als „Schutz vor Fraßfeinden“ gebildet werden.
Die betroffenen Pflanzen zählen überwiegend zu den
Unkräu-
tern und werden bei der Ernte ungewollt mitgeerntet, wodurch
es zu einer Kontamination des Endproduktes kommen kann. Im
Tierversuch zeigen bestimmte Pyrrolizidinalkaloide lebertoxi-
sche sowie krebserzeugende und erbgutverändernde Wirkungen
und sind demzufolge aufgrund ihres gesundheitsschädigenden
Potentials unerwünscht. Höchstgehalte für PA in Lebensmit-
teln existieren noch nicht, werden aber von der EU-Kommission
derzeit diskutiert. So werden für getrocknete Kräuter im Allge-
meinen 400 µg/kg und für getrockneten Borretsch, Majoran,
Oregano und Liebstöckel 1000 µg/kg als Summenhöchstgehalt
21 bestimmter PA-Verbindungen vorgeschlagen. Von 12 unter-
suchten Kräuterproben musste eine Probe Oregano als gesund-
heitsschädlich i. S. von Art. 14 Abs. 2a) BasisVO beurteilt wer-
den. Grundlage war ein festgestellter Gesamt-PA-Gehalt von
133.870 µg/kg und eine sich anschließende Risikobeurteilung
nach dem Modell des BfR.
Erfreulicherweise mussten im Berichtsjahr 2019 keine
Bean-
standungen aufgrund mikrobiologischer Verunreinigungen oder
Mykotoxinbelastungen bei Gewürzen und Kräutern ausgespro-
chen werden.
Wie bei einigen Schnellwarnmeldungen wurden jedoch auch
an der LUA Sachsen in zwei Gewürzproben verbotene bzw. für
Gewürze nicht zugelassene Farbstoffe festgestellt. In einer lose
abgegebenen Probe Paprikapulver wurden die genotoxisch und
karzinogen wirkenden, in Lebensmitteln verbotenen Sudanfarb-
stoffe I und IV nachgewiesen. Eine Probe Annattosamen wur-
de mit dem verbotenen Farbstoff Orange II, sowie mit den für
Gewürze nicht zugelassenen Azofarbstoffen Gelborange und
Cochenillerot gefärbt (siehe Abschnitt „Fette, Öle, Feinkost, Zu-
satzstoffe“).
Doch nicht nur gesundheitliche und hygienische Aspekte sollten
im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen. Aufgrund der kom-
plexen Warenströme und hohen Preise, insbesondere bei Ernte-
ausfällen und Lieferengpässen, sind Gewürze ein willkommenes
Ziel für Verfälschungen. Food Fraud (Lebensmittelbetrug) ist in
den letzten Jahren ein zentrales Thema geworden. Unter Lebens-
mittelbetrug versteht man im Allgemeinen das Inverkehrbringen
von Lebensmitteln mit dem Ziel, durch vorsätzliche Täuschung
einen finanziellen oder wirtschaftlichen Vorteil zu erlangen. Ein
typisches Beispiel ist die Streckung von Kräutern, z. B. Oregano,
mit Blättern des Olivenbaumes. Vor diesem Hintergrund wurde
im Jahr 2019 ein koordiniertes Kontrollprogramm zu Kräutern
und Gewürzen auf EU-Ebene durchgeführt. Die Ergebnisse blei-
ben abzuwarten.
tung immer wieder ein Problem darstellen. Auch andere Konta-
minationsrisiken sind nicht zu unterschätzen.
Im Europäischen Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Fut-
termittel (RASFF) waren im Jahr 2019 in der Produktkategorie
„Kräuter und Gewürze“ 205 Meldungen zu verzeichnen. Bei 58
dieser Meldungen handelte es sich um sogenannte „Alerts“, das
heißt Warnmeldungen aufgrund eines festgestellten Gesund-
heitsrisikos mit denen meist eine Information der Öffentlichkeit
(Rückruf) einhergeht. Diese Meldungen gingen v.a. auf Fehler bei
der Zusammensetzung (z. B. Zusatz von unerlaubten Farbstof-
fen) sowie Kontaminationen mit Mykotoxinen, polyzyklischen
aromatischen Kohlenwasserstoffen sowie Pyrrolizidinalkaloiden
und krankmachenden Keimen (z. B. Salmonellen) zurück.
An der LUA Sachsen wurden im Jahr 2019 190 Proben Gewürze
zur Untersuchung eingereicht. Bei einer Beanstandungsquote
von 13,2 % entfielen im Gegensatz zu anderen Produktgruppen
nur etwa die Hälfte der Beanstandungen auf Kennzeichnungs-
mängel. Sechs Beanstandungen mussten aufgrund von Konta-
minationen ausgesprochen werden. So wurden bei zwei Proben
– Lorbeerblätter und Petersilie – die festgelegten Höchstgehal-
te an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK)
überschritten. PAK sind eine Stoffgruppe aus einer Vielzahl
organischer Einzelverbindungen aus mindestens zwei verbun-
denen aromatischen Ringsystemen, die bei der unvollständi-
gen Verbrennung und beim Erhitzen von organischem Material
entstehen. Gewürze werden vor allem beim Trocknen mit PAK
belastet, wenn der Produktionsschritt in den Erzeugerländern
unter nicht optimalen Bedingungen durchgeführt wird. Einige
Vertreter der PAK wirken krebserregend und erbgutschädigend.
Dazu zählen vor allem die Substanzen Benzo(a)pyren, Benz(a)
anthracen, Benzo(b)fluoranthen und Chrysen, die als Marker
für das Vorkommen von karzinogenen PAK gelten und für die
dementsprechend Höchstgehalte festgelegt wurden. Eine Probe
Kardamom wurde beanstandet, weil die festgestellte Menge des
Pflanzenschutzmittelwirkstoffes Benzalkoniumchlorid den
gel-
tenden Rückstandshöchstgehalt überschritt.
Des Weiteren wurde eine Verdachtsprobe „Mixed Spices“ aus
einem Privathaushalt zur Untersuchung eingesandt, welche in
Folge des ermittelten, vergleichsweise hohen, technologisch
vermeidbaren Bleigehaltes von 13,4 mg/kg als nicht zum Ver-
zehr geeignet beurteilt werden musste. Blei ist eine ubiquitäre
Umweltkontaminante, welche als starkes Neurotoxin wirkt. Ge-
würze gehören generell zu den Lebensmitteln mit hohen Blei-
gehalten. Allerdings sind insbesondere bei Kurkuma und Curry
Verfälschungen mit Bleichromat zum Zwecke der Gelbfärbung
bekannt geworden, die zu einem gefährlich hohen Bleigehalt
beitragen können. Höchstmengen für Bleigehalte in Gewürzen
sind bisher leider nicht festgelegt worden.
Eine weitere Probe Moringa-Pulver wurde aufgrund einer le-
benden Kugelkäferlarve sowie einigen Gespinsten als nicht zum
Verzehr geeignet beurteilt.

image
│31
Bei drei von vier Importprodukte wurden sowohl Abweichungen
bei den chemischen Parametern als auch bei der Kennzeichnung
festgestellt. In einem kalorienreduzierten Aloe-Getränk, dass
mit Zucker und Süßungsmitteln gesüßt war, wurde Acesulfam K
(E950) festgestellt. Dieses ist für Erfrischungsgetränke zulässig,
allerdings fehlte die Deklaration im Zutatenverzeichnis. Bei ei-
nem Aloe-Saft wurden Unregelmäßigkeiten bei den enthaltenen
organischen Säuren festgestellt. In reinem Aloe-Saft kommt als
natürliche Säure Äpfelsäure in größeren Mengen vor. In dem
beanstandeten Produkt wurde neben Äpfelsäure auch Zitronen-
säure in relevanten Mengen bestimmt. Es ist davon auszugehen,
dass Zitronensäure als zulässiges Säuerungsmittel (E330) dem
Produkt zugesetzt wurde, jedoch auch hier die
Kenntlichma-
chung im Zutatenverzeichnis fehlte.
Bei zwei Importproben mit 30 %igen Aloe-Anteil, wobei die-
se sowohl Saft als auch Blattmarkstücken enthielten, bestand
der Verdacht, dass diese einen deutlich geringeren Aloe-Anteil
aufwiesen als deklariert. Auffällig waren bei der Analyse die Ge-
halte an Äpfelsäure und den Mineralstoffen Kalium, Magnesium
und Phosphor. Die Produkte bestanden laut Zutatenverzeichnis
im Wesentlichen aus Wasser, Aloe Vera, Zucker, Zusatzstoffen
und Aromen. Somit ist Aloe Vera die einzige Zutat, welche die
Markersubstanz Äpfelsäure und die genannten Mineralstoffe in
das Getränk einträgt. Anhand von bisherigen Analysen reiner
Aloe-Säfte und Literaturdaten kann eine Soll-Spanne für die
Gehalte dieser Marker-Substanzen festgelegt werden. Bei zwei
Proben wurden die Soll-Spannen deutlich unterschritten. Statt
eines 30 %igen Aloe-Anteils wiesen die Analysedaten auf einen
ca. 10 %igen Aloe-Anteil hin.
Abweichungen bei der Kennzeichnung wurden bei vier der sie-
ben Produkte festgestellt. Hierbei war bei einem hochpreisigen
Produkt insbesondere die Bewerbung mit gesundheitsbezoge-
nen Angaben, die auch in den Bereich der Pseudowissenschaf-
ten und Esoterik abglitten, auffällig. Die Bewerbung stellte Aloe
Vera als einen wahren Jungbrunnen für den Körper dar. Die Ver-
wendung von nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben ist
durch die VO (EG) Nr. 1924/2006 und die VO (EU) Nr. 432/2012
geregelt. Auslobungen, die nach wissenschaftlichen Maßstäben
nicht haltbar oder fundiert sind, sind unzulässig oder als irre-
führend zu beurteilen. Hierzu gehören auch Verweise auf Arzt-
empfehlungen. Lebensmittel sind schließlich keine Arzneimittel.
Für Aloe Vera sind derzeit keine gesundheitsbezogenen Angaben
(z. B. zur Haut oder zum Immunsystem) zulässig. Allerdings be-
Getränke
Abbildung 9 :
Aloe-Vera-Blatt mit Getränk (Quelle: Pixabay.de)
Im Jahr 2019 wurden 1.338 Getränkeproben zur Untersuchung
vorgestellt, davon wurden 253 Proben beanstandet. Die Wa-
rengruppen mit den höchsten Beanstandungsquoten sind die
Spirituosen (24,2 %), dicht gefolgt von den Erfrischungsgeträn-
ken (23,8 %), den weinähnlichen Getränken (22,3 %) und den
Bieren (20,6 %). Danach schließen sich die Warengruppen der
Fruchtsäfte, der Weine, der Mineral-, Quell- und Tafelwässer,
der Aromen und der weinhaltigen Getränke an (19,2 – 12,3 %).
Die hohe Beanstandungsquote bei Spirituosen ist in erster Linie
auf eine Vielzahl an Abweichungen zwischen deklariertem und
analytisch ermitteltem Alkoholgehalt zurückzuführen. Rechtlich
ist nur eine Abweichung bis 0,3 %vol zulässig. Gerade kleine
handwerkliche Hersteller haben Schwierigkeiten, diese enge
Toleranzgrenze einzuhalten. Bei der Gruppe der Erfrischungs-
getränke standen wie jedes Jahr Beanstandungen
gesundheits-
bezogener und ernährungsbezogener Angaben im Vordergrund.
Getränke mit vielversprechenden Namen wie „Immune Shot“
oder mit besonderen Zutaten (Aloe Vera, Birkensaft), Fitness-
und Energygetränke bzw. Pulver zur Herstellung solcher Geträn-
ke fielen dabei im besonderen Maße auf. Den in diesem Jahr
speziell angeforderten Aloe-Vera-Getränken ist ein eigener Ab-
schnitt mit weiteren Beanstandungspunkten gewidmet. Darü-
ber hinaus wurde 2019 die sich wandelnde Bierszene verstärkt
unter die Lupe genommen. Wir untersuchten 13 aktuelle Bier-
Kreationen und prüften neben der Konformität zu bestehenden
Ausnahmegenehmigungen z. B. auch, ob noch ein vorherrschen-
der Biercharakter vorhanden war, eine Grundvoraussetzung
für die Genehmigung als besonderes Bier. Die Ergebnisse sind
nachfolgend zusammengestellt. Zu verweisen ist auch auf das
Kapitel „Amtliche Außendienstaufgaben“. Dort werden Bean-
standungen bei Wein, weinhaltigen bzw. –ähnlichen Getränken
beschrieben.
Aloe-Vera-Getränke – Was ist dran am Jungbrunnenhype?
Aloe Vera hat als Superfood seit längerem die Regale der Su-
permärkte und den Internethandel erobert. Hierbei werden Aloe
Vera verschiedene gesundheitliche Eigenschaften zugesprochen,
wobei Aloe Vera vor allem häufig als Schönheitspflanze
ange-
priesen wird. Nicht nur zur äußeren Anwendung in Kosmetika,
auch im Getränkebereich wird Aloe Vera verwendet. Erhältlich
sind reine Säfte, Mischungen mit anderen Fruchtsäften oder
auch Getränke mit Blattmarkstücken. Doch fraglich ist, was
dran ist am Jungbrunnen-Hype.
Für Aloe-Vera-Produkte wird das wasserspeichernde Blattmark
verwendet. Für die Gewinnung des Gels oder des Saftes müssen
die dickfleischigen Blätter zuvor geschält werden. In dem Saft
der äußeren Rindenschicht ist das stark abführend wirkende und
bitter schmeckende Aloin enthalten, dass das Endprodukt nicht
kontaminieren darf.
Im Jahr 2019 wurden schwerpunktmäßig verschiedene Aloe-
Getränke untersucht. Da teilweise Doppelungen vorlagen, wur-
den auch unter Berücksichtigung der Untersuchungen ab 2017
Aloe-Getränke von sieben verschiedenen Herstellern untersucht.
Bei vier der Produkte handelte es sich um Importware, die aus
Mexiko, Korea oder Taiwan stammten. Unter den Produkten
waren sowohl reine Aloe-Vera-Säfte als auch Aloe-Vera-Erfri-
schungsgetränke. Die Erfrischungsgetränke wiesen einen Aloe-
Anteil von 6 % oder 30 % auf und enthielten neben dem Saft
auch Blattmarkstückchen.

image
32 │
steht derzeit noch eine Rechtslücke, nach der solche Auslobun-
gen nicht komplett untersagt werden können. Ursächlich ist das
aufwändige Bewertungsverfahren von gesundheitsbezogenen
Angaben. Bei der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittel-
sicherheit) wurde eine Vielzahl an Anträgen zur wissenschaftli-
chen Prüfung eingereicht, die erst nach und nach abgearbeitet
werden können. Zudem sind die Bewertungsstandards schwierig
zu definieren. Bis zu einer abschließenden Entscheidung dürfen
gesundheitsbezogene Angaben, die beantragt, aber noch nicht
abschließend bewertet sind, weiter verwendet werden. Im Rah-
men der Untersuchungen an der Landesuntersuchungsanstalt
wird anhand der vorliegenden Daten geprüft, ob ein Wirknach-
weis erkennbar ist und eine signifikante Menge zugeführt wird.
In jedem Fall ist es dem Verbraucher anzuraten Auslobungen auf
Produkten immer kritisch zu hinterfragen.
Andere Kennzeichnungsmängel formaler Art wurden bei zwei
Importproben festgestellt. Bei diesen entsprachen die
Pflicht-
kennzeichnungselemente, wie Zutatenverzeichnis oder Min-
desthaltbarkeitsdatum, nicht den Vorgaben der VO (EU) Nr.
1169/2011. Ursächlich ist hier die Qualität der Übersetzung
anzusehen.
Erfreulicher Weise waren drei Produkte bezüglich der Kenn-
zeichnung und der durchgeführten Untersuchungen unauffällig.
Hierbei handelte es sich unter anderem um zwei Aloe-Vera-
Säfte, die als Eigenmarken namhafter Drogerieketten vertrieben
werden.
Biere jenseits des Reinheitsgebots – Besondere Biere
Obwohl der Bierkonsum und die damit verbundenen Ausstoß-
zahlen deutscher Bierbrauer tendenziell sinken, zählt Bier nach
wie vor zu den beliebtesten Getränken in Deutschland. Kleine
Mikrobrauereien versuchen mit neuen Bier-Kreationen den
Biermarkt zu verändern. Große Brauereien reagieren ebenfalls
auf den Trend und bringen neue Biervariationen auf den Ge-
tränkemarkt. Dabei entsprechen viele der neuen Kreationen
durchaus dem Deutschen Reinheitsgebot (siehe Infobox „Deut-
sches Reinheitsgebot“): Es werden besondere Aromahopfen, alte
Rezepturen oder internationale Bierstile verwendet. Zunehmend
werden aber auch ungewohnte Zutaten vorgefunden. Möglich
wird das durch § 9 (7) des Vorläufigen Biergesetzes: „Auf Antrag
kann im einzelnen Fall zugelassen werden, dass bei der Berei-
tung von besonderen Bieren … von den Absätzen 1 und 2 ab-
gewichen wird. Für die Zulassung von Ausnahmen sind die nach
Landesrecht zuständigen Behörden zuständig.“ In Sachsen ist
das die Landesdirektion.
Maßgeblich für eine Zulassung ist, dass die grundlegenden
Bierzutaten verwendet werden und dass das Getränk noch Bier-
charakter aufweist. Die besonderen Zutaten müssen einem be-
sonderen Geschmack dienen und nicht nur ein billiger Ersatz
für die Hauptzutaten sein. Bundesweit gibt es inzwischen über
180 solcher Ausnahmegenehmigungen, davon 38 in Sachsen.
Sie gelten nur für die Rezeptur und die Brauerei, für die der
Antrag gestellt wurde. In Sachsen wurden unter anderem Salz
und Koriander für Gose, verschiedene Gewürze, Senf, Sauerkir-
schen, Kürbispüree, Kaffeepulver und Pfefferkuchen als Zutaten
zugelassen. Derartige Biere werden oft kurzzeitig und in kleinen
Mengen produziert. Davon zu unterscheiden sind Biermischge-
tränke, bei denen Bier mit einem Erfrischungsgetränk gemischt
wird, z. B. Radler (Bier + Zitronenlimonade). Biermischgetränke
bedürfen keiner Ausnahmegenehmigung nach § 9 (7) des Vor-
läufigen Biergesetzes.
Da bei der Beantragung der Ausnahmegenehmigung in der
Regel das entsprechende Bier noch nicht zur Verfügung steht,
wurden 2019 solche Proben gezielt angefordert um festzustel-
len, ob der Biercharakter gewahrt wird. Auch die Beurteilung der
Kennzeichnung stand im Fokus, da diese nicht Gegenstand der
Ausnahmegenehmigung ist.
Insgesamt wurden 13 Biere zur Untersuchung vorgestellt. Drei
Biere, die unter Verwendung von Kürbispüree, Kirschsaft bzw.
Trauben gebraut wurden, hatten noch keine Ausnahmegenehmi-
gung. Ein Bier wurde noch als Biermischgetränk bezeichnet, ob-
wohl es sich nicht um eine Mischung aus Bier und Erfrischungs-
getränk handelte und bereits eine Ausnahmegenehmigung als
besonderes Bier beantragt war. Sensorisch konnte für alle Biere
ein vorherrschender Biercharakter bestätigt werden. Allerdings
fielen drei Proben durch plötzliches, heftiges Überschäumen
beim Öffnen der Flaschen auf. Bei dem als „Gushing“ bezeichne-
ten Effekt handelt es sich um ein chemisch-physikalisches Phä-
nomen, dessen genaue Ursachen noch nicht vollständig geklärt
werden konnten. Sensorisch sind diese Biere ansonsten unauf-
fällig. Sie wurden als nicht unerheblich wertgemindert beurteilt.
Aus Sicht des Verbrauchers ist es ärgerlich, wenn bis zu einem
Viertel des Flascheninhalts verloren geht und das Umfeld durch
das überschäumende Bier verschmutzt wird. Neun Biere wiesen
Kennzeichnungsmängel nach LMIV auf. So wich der Alkoholge-
halt von den Angaben auf dem Etikett mehr als die zulässigen
Toleranzen ab oder die Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums
wurde unzulässig abgekürzt. Bei einem trüben Bier fehlte die
Angabe der Hefe im Zutatenverzeichnis. Nur vier Proben waren
ohne jede Beanstandung.
Im Streben der Bierliebhaber und der kreativen Brauer nach dem
besonderen Geschmackserlebnis werden derartige Ausnahme-
genehmigungen die Lebensmittelüberwachung auch weiterhin
beschäftigen.
„Deutsches Reinheitsgebot“
§ 9 Vorläufiges Biergesetz:
(1) Zur Bereitung von untergärigem Bier darf,… nur Gers-
tenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser verwendet werden.
(2) Die Bereitung von obergärigem Bier unterliegt dersel-
ben Vorschrift; es ist hierbei jedoch auch die Verwendung
von anderem Malz und die Verwendung von technisch rei-
nem Rohr-, Rüben- oder Invertzucker sowie von Stärke-
zucker und aus Zucker der bezeichneten Art hergestellten
Farbmitteln zulässig.
Abbildung 10 : Auswahl besonderer Bierproben

image
│33
Nahrungsergänzungsmittel
Im Jahr 2019 wurden 200 Nahrungsergänzungsmittel (NEM)
zur Untersuchung und Beurteilung eingereicht. 131 Proben
(65,5 %) entsprachen nicht den rechtlichen Vorgaben. Darüber
hinaus wurde bei neun weiteren Proben auf das Vorliegen von
geringfügigen Abweichungen in der Kennzeichnung bzw. Be-
werbung schriftlich hingewiesen. Von sieben an das Landeslabor
Berlin-Brandenburg (LLBB) zwecks Abgrenzung Lebensmittel-
Arzneimittel abgegebenen NEM-Proben wurden fünf als nicht
zugelassene Arzneimittel eingestuft. Dies betraf Präparate mit
Melatonin, Mannose, 5- Hydroxytryptophan und hohen Vita-
min- bzw. Enzymgehalten.
Zuerst vor der eigenen Tür kehren – Überwachung der
sächsischen (Erst-) Inverkehrbringer von Nahrungsergän-
zungsmitteln
Seit dem dritten Quartal 2018 werden in Sachsen verstärkt
Proben bei anzeigenden Inverkehrbringern gezogen, um den
Fokus der Überwachung auf hiesige Produktverantwortliche zu
legen. Von der LUA Sachsen wird quartalsweise eine tabellari-
sche Übersicht über sogenannte Erstanzeigerprodukte erstellt,
die zusammen mit dem Probenplan an die Lebensmittelüber-
wachungsämter übermittelt wird. In dieser Tabelle werden den
angezeigten Produkten verschiedene Prioritäten zugeordnet.
Die Überwachungsämter sind angehalten, bei der Probenahme
vordergründig Produkte mit den Prioritäten 1 bis 3 zu berück-
sichtigen. Es handelt sich dabei um Nahrungsergänzungsmit-
tel (NEM), die gegebenenfalls als Arzneimittel einzustufen sind
(Priorität 1) oder kritische Inhaltsstoffe enthalten und/oder mit
unzulässigen Aussagen beworben werden (Priorität 2) bzw. de-
ren Zusammensetzung oder Aufmachung aus einem sonstigen
Grund näher betrachtet werden sollen (Priorität 3).
Bis Ende 2019 waren für Sachsen 25 Firmen zu berücksichti-
gen, die Produkte mit den Prioritäten 1 bis 3 in den Verkehr
gebracht haben. Insgesamt lagen zu diesem Zeitpunkt Anzei-
gen von fast 80 sächsischen Inverkehrbringern zu über 600 ver-
schiedenen Produkten vor. Leipzig und Dresden sind bevorzugte
Standorte für Unternehmen, die in eigener Verantwortung Nah-
rungsergänzungsmittel auf den Markt bringen. So haben laut
Anzeigeinformationen allein 20 Firmen in Leipzig und 13 Firmen
in Dresden ihren Sitz.
Im Berichtszeitraum wurden 36 NEM-Proben von sächsischen
Erstanzeigern zur Untersuchung und Beurteilung eingesandt.
Lediglich eine Probe entsprach nach dem Umfang der Prüfung
den gesetzlichen Vorgaben. Von den 35 beanstandeten Proben
wurde eine als nicht zugelassenes Funktionsarzneimittel ein-
gestuft. Fünf Produkte enthielten nicht zugelassene neuartige
Lebensmittelzutaten. Dabei handelte es sich um Vitalpilzpulver
mit Extrakten aus dem Pilzmyzel bzw. um Hanfsamenöle mit
einem Zusatz von Cannabidiol-angereichertem Hanfextrakt
(CBD-Öle). Nur in sechs Fällen (17 %) wurden stoffliche
Ab-
weichungen festgestellt, das heißt, die im Produkt ermittelten
Gehalte an Vitaminen und/oder Mineralstoffen entsprachen
nicht den deklarierten Werten. Für 19 der 35 Proben war eine
Internetpräsentation verfügbar, die zusätzlich zur Probe selbst
zu beanstanden war.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln sind überwiegend Kennzeich-
nungsverstöße festzustellen. Auffällig war eine deutlich höhere
Beanstandungsquote bei den Erstanzeigerproben im Vergleich
zu Proben aus dem Einzelhandel aufgrund von Verstößen ge-
gen Kennzeichnungsvorschriften, insbesondere in Bezug auf
die Pflichtkennzeichnungselemente nach Art. 9 und die Art und
Weise der Kennzeichnung nach den Art. 12 und 13 LMIV. Bei der
Produktkennzeichnung wurden bei 29 Proben Kennzeichnungs-
mängel nach LMIV und bei 34 Proben Kennzeichnungsverstöße
gegen die NemV festgestellt. Die Abbildung 12 veranschaulicht
die Kennzeichnungsbeanstandungen der 35 beanstandeten Er-
stanzeigerproben (ohne Internetbewertung).
Bei sieben Proben entsprachen bereits die auf dem Etikett
angebrachten Werbeaussagen nicht den Vorgaben der HCV.
Grundsätzlich ist jedoch ein anhaltender Trend zu beobachten,
Wirkaussagen vorrangig im Internet zu platzieren. Im Berichts-
zeitraum konnten diesbezüglich bei 15 von 19 Proben mit In-
ternetauftritt Verstöße bzgl. der Verwendung von gesundheits-
bezogenen Angaben festgestellt werden. Darüber hinaus wurde
in drei Fällen unzulässig krankheitsbezogen geworben. Hervor-
zuheben ist weiterhin, dass bei 12 Proben die nach Art. 14 LMIV
geforderte Pflichtkennzeichnung entweder gar nicht oder nur
teilweise vorhanden war.
Abbildung 11: Auswahl an Erstanzeigerproben
Abbildung 12: Beanstandungen (mit Mehrfachnennungen)
63
19
6
12
7
Verstöße gegen
LMIV/NemV
Verstöße gegen HCV
abweichende
Zusammensetzung
Zweckbestimmung
fraglich
Irrfeührung nach Art. 7
LMIV

34 │
Abbildung 13 stellt die Beanstandungsgründe für die 19 Inter-
netpräsentationen, die zu den eingesandten Proben aufgerufen
werden konnten, dar.
Die Beanstandungen der gesundheitsbezogenen Angaben sind
vielschichtig. Insgesamt wurde in zwölf Fällen die Verwendung
von unzulässigen Health Claims festgestellt, neun Internetprä-
sentationen wiesen undifferenzierte bzw. unspezifische
gesund-
heitsbezoge Angaben auf, viermal wurden zugelassene Wirkaus-
sagen unzulässig formuliert. Häufig sind für eine Probe mehrere
Abweichungen zu verzeichnen.
Beurteilung von Ergänzenden bilanzierten Diäten
Bei Ergänzenden bilanzierten Diäten (EbD) handelt es sich um
Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke, die anders als
vollständig bilanzierte Diäten nicht als alleinige Nahrungsquelle
geeignet sind. Die Beurteilung dieser Produkte erweist sich in
der Regel als komplex und schwierig, unter anderem weil jede
Menge Recherchearbeit zu ernährungsmedizinischen Fragestel-
lungen erforderlich ist. Unvermeidbar sind damit längere Bear-
beitungszeiten verbunden.
Der oben genannten Produktgruppe liegt eine umfangreiche
Legaldefinition zugrunde, welche in der VO (EU) Nr. 609/2013
verankert ist. Demnach sind Lebensmittel für besondere me-
dizinische Zwecke unter ärztlicher Aufsicht zu verwendende
Lebensmittel, die für das Diätmanagement von Patienten (in-
klusive Säuglingen) bestimmt sind. Sie sind in spezieller Wei-
se verarbeitet oder formuliert und dienen der ausschließlichen
oder teilweisen Ernährung von
]
Patienten mit eingeschränkter, behinderter oder gestörter
Fähigkeit zur Aufnahme, Verdauung, Resorption, Verstoff-
wechslung oder Ausscheidung gewöhnlicher Lebensmittel
bzw. Stoffwechselprodukte oder
]
Patienten mit einem sonstigen medizinisch bedingten Nähr-
stoffbedarf.
Gemeinsame Bedingung für beide Patientengruppen ist, dass
für deren „Diätmanagement“ eine Veränderung der normalen
Ernährung nicht ausreicht. Bilanzierte Diäten sind somit zur De-
ckung eines Nährstoffbedarfs von Patienten, die an spezifischen
Krankheiten, Störungen oder Beschwerden leiden, bestimmt,
dürfen jedoch nicht der Behandlung im Sinne einer Medikation
mit Arzneimitteln dienen. Nur Erzeugnisse, die alle Kriterien die-
ser umfangreichen Definition erfüllen, dürfen als bilanzierte Diät
in Verkehr gebracht werden, anderenfalls ist die Bezeichnung
irreführend. Da jedes Produkt individuell zusammengesetzt und
aufgemacht ist, handelt es sich um Einzelfallentscheidungen.
Bilanzierte Diäten müssen darüber hinaus sicher, wirksam und
nutzbringend sein, was durch allgemein anerkannte wissen-
schaftliche Daten zu belegen ist. Für diesen Nachweis ist der
Inverkehrbringer verantwortlich, entsprechende Dokumente
können aber auch seitens der Überwachungsbehörden einge-
fordert werden. Dabei ist festzustellen, dass als Beleg für die
Eignung der Produkte oftmals Studien angeführt werden, deren
Ergebnisse aufgrund mangelnder Qualität der Studien kritisch
zu hinterfragen sind.
Während bei Lebensmitteln des Allgemeinverzehrs, so auch
bei Nahrungsergänzungsmitteln, die Werbung mit Krankhei-
ten verboten ist, müssen bei bilanzierten Diäten die Krank-
heit, Störung oder Beschwerden in Verbindung mit der Angabe
„Zum Diätmanagement bei ...“ verpflichtend deklariert werden.
Die Gefahr eines Missbrauchs der Kennzeichnungsvorgaben zu
Marketingzwecken ist daher - insbesondere bei den EbDs - sehr
hoch. So wurde der Markt in den letzten Jahren von zahlreichen
sog. „Kapsel-EbDs“ mit zum Teil fragwürdiger, wenn nicht gar
skurriler Zweckbestimmung überschwemmt. Hinzu kommt, dass
bilanzierte Diäten vor dem Inverkehrbringen zwar beim BVL an-
gezeigt werden müssen, eine Prüfung hinsichtlich der tatsächli-
chen Diäteignung in diesem Zusammenhang aber nicht erfolgt.
Dies geschieht erst im Rahmen der amtlichen Lebensmittelüber-
wachung und somit auch an der LUA Sachsen.
Auch im Jahr 2019 wurden mehrere Produkte vorgelegt, die
zwar als ergänzende bilanzierte Diät im Verkehr waren, jedoch
aus mindestens zwei der nachstehenden Gründe die oben ge-
nannte Definition nicht erfüllten:
]
der angesprochene Personenkreis umfasste keine Patienten
(unter anderem gesunde Schwangere; übergewichtige Perso-
nen mit erhöhtem Bauchfett/Körperfett);
]
aufgrund zu unspezifischer Formulierungen war die
ange-
sprochene Patientengruppe nicht ausreichend klar definiert
(unter anderem „bei beeinträchtigter Darmtätigkeit“);
]
für die deklarierte Patientengruppe war ein „sonstiger medi-
zinisch bedingter Nährstoffbedarf“ an den im Produkt ent-
haltenen Stoffen wissenschaftlich nicht belegt;
]
die Zweckbestimmung war kein „Diätmanagement“, sondern
umfasste vielmehr die Behandlung von Symptomen;
]
der Diätzweck konnte auch über normale Lebensmittel, in-
klusive Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittel für eine
gewichtskontrollierende Ernährung, erreicht werden (und an-
dere Produkte mit Probiotika oder löslichen Ballaststoffen;
Produkte zur Gewichtsverringerung).
Auch konnte für den Großteil der Proben kein wissenschaftlich
hinreichend gesicherter Nachweis für die Wirksamkeit und Eig-
nung des Erzeugnisses recherchiert werden. Hier scheitert es,
wie bereits erwähnt, häufig an der Qualität der
Studienergeb-
nisse, was kurioserweise in einigen Publikationen sogar selbst
dokumentiert wird.
Seit dem 22.02.2019 regelt nunmehr die delegierte VO (EU)
2016/128 die Kennzeichnung, Zusammensetzung und Anzeige-
pflicht von bilanzierten Diäten (Produkte für Säuglinge erst seit
22.02.2020). Ergänzende bilanzierte Diäten müssen seitdem als
„Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke (bilanzierte
Diät)“ und dem Verweis „nicht als einzige Nahrungsquelle ge-
eignet“ oder Ähnlichem bezeichnet werden. Die Bezeichnungen
„Diätetisch“ und „ergänzende bilanzierte Diät“ wird man künftig
immer seltener auf den Verpackungen finden. Auch ist es fortan
verboten, mit nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben
zu werben, da diese Aussagen der gesunden Bevölkerung vor-
behalten sind.
Abbildung 13: Beanstandungen (mit Mehrfachnennungen) der Internetseiten
zu den Produkten
25
12
3
6
HCV: unzulässige
gesundheitsbezogene
Angaben
LMIV: fehlende
Pflichtkennzeichnung
LMIV: unzulässige
krankheitsbezogene
Angaben
HCV: unzulässige
nährwertbezogene
Angaben

│35
Im abgelaufenen Jahr sind in den genannten Warenobergrup-
pen insgesamt 1.171 Proben untersucht worden. Hiervon waren
193 Proben zu beanstanden, was einer Beanstandungsquote von
16,5 % entspricht (2018: 1.250 Gesamtproben, davon 218 Be-
anstandungen, 17,4 %).
Die Anzahl der aus den Warenobergruppen
Butter/Butterer-
zeugnisse/Milchfetterzeugnisse
zu beanstandeten Proben war
im vergangenem Jahr gegenüber dem Berichtszeitraum 2018
leicht rückläufig. So mussten im vergangenen Jahr von 104
Ge-
samtproben 11 Proben (10,6 %) beanstandet werden. Beson-
ders auffällige Befunde und erhebliche Abweichungen von den
Anforderungen, vor allem in mikrobiologischer Hinsicht aber
auch in der Zusammensetzung und Kennzeichnung, sind erneut
bei Erzeugnissen regionaler Kleinhersteller und handwerklicher
Kleinbetriebe festzustellen.
Von den insgesamt 104 Gesamtproben wurden 44 Proben mik-
robiologisch untersucht. Salmonellen und
Listeria monocytoge­
nes
wurden nicht nachgewiesen. In vier Butterproben wurden
allerdings Verotoxin bildende
Escherichia coli
nachgewiesen, die
nach derzeitigem Erkenntnisstand als potenzielle Enterohämor-
rhagische
E. coli
(EHEC) anzusehen sind. Die betroffenen vier
Proben wurden als geeignet zur Schädigung der menschlichen
Gesundheit nach Artikel 14 Absatz 2 a in Verbindung mit Ab-
satz 4 der Verordnung (EG) Nr. 178/2002 (BasisVO) beurteilt.
Alle vier Butterproben stammen aus handwerklicher Herstellung
eines regionalen Bauernhofes. Drei weitere Proben wiesen eine
hohe Anzahl an Enterobakterien (> 1.000 KbE/g) und/oder
E. coli
(> 100 KbE/g) auf und weisen damit auf eine nachteilige Beein-
flussung der einwandfreien mikrobiologischen Beschaffenheit
im Rahmen der Herstellung, Behandlung oder dem Inverkehr-
bringen im Sinne des § 3 der LMHV hin.
Die eingesandte Landbutter eines kleinen Milchhofes wies ei-
nen erhöhten Wassergehalt von 21,1 % und einen zu niedrigen
Milchfettgehalt von 76,6 % auf. Zudem entsprach die Ausfüh-
rung der Kennzeichnung des Fettgehaltes nicht den Vorgaben
der Verordnung (EG) Nr. 1234/2007.
Im Jahr 2019 gingen 221 Proben
Speisefette und –öle
zur
Untersuchung ein. Etwa ein Drittel davon war entweder hin-
sichtlich der Kennzeichnung oder aufgrund der Beschaffenheit
zu bemängeln. Hinsichtlich der Beschaffenheit erwies sich eine
Beschwerdeprobe Margarine durch großflächigen
Schimmel-
pilzwuchs als nicht zum Verzehr durch den Menschen geeig-
net. Ebenfalls nicht zum Verzehr geeignet waren zwei Proben
Sesamöl aus dem asiatischen Raum, welche enorme Mengen
an Mineralölen enthielten. Für Mineralölgehalte in pflanzlichen
Ölen gibt es seit April 2019 Orientierungswerte, welche im Rah-
men einer guten Herstellungspraxis eingehalten werden kön-
nen. In beiden Fällen wurden diese Orientierungswerte um mehr
als das 10-fache überschritten. Beide Sesamöle sowie ein Senföl
überschritten zudem die Grenzwerte für polyzyklische aromati-
sche Kohlenwasserstoffe.
Im Zuge eines Monitoring-Projekts wurden vergangenes Jahr 10
Proben
Hanföl
auf ihren Gehalt an der psychoaktiven Substanz
Tetrahydrocannabinol (THC) untersucht. Hanföl wird aus den
Samen der Hanfpflanze gewonnen, welche üblicherweise keine
Cannabinoide enthalten. Geringe Mengen an THC im Endpro-
dukt können dennoch als Kontamination aufgrund des Kontakts
mit THC-haltigen Pflanzenteilen auftreten. Drei der zehn Proben
fielen durch einen erhöhten THC-Gehalt auf. Bei zwei Proben
waren die Gehalte dabei so hoch, dass sie nach einer toxikologi-
schen Abschätzung als nicht zum Verzehr durch den Menschen
geeignet beurteilt wurden (siehe Abschnitt „Getreideerzeugnis-
se, Backwaren, Süßwaren, Speiseeis, Tee, Kaffee“).
Feinkosterzeugnisse
gehörten auch 2019 mit insgesamt 735
Proben zu den zahlenmäßig am meisten untersuchten Erzeug-
nisgruppen im Lebensmittelbereich überhaupt. Bei fast 60 %
der Probeneingänge handelte es sich um in loser Angebotsform
hergestellte Produkte. Dominant sind hierbei wiederum die
sehr verschiedenartigen Feinkostsalate. Insgesamt 85 Proben
(11,6 %) waren hierbei aus verschiedensten Gründen zu bean-
standen. Hinzu kommen noch jene 41 Proben, bei denen eine
schriftliche Befundmitteilung (ohne Beanstandung) aufgrund
von mikrobiologisch auffälligen Untersuchungsergebnissen er-
stellt werden musste, um auf naheliegende hygienische Män-
gel hinzuweisen. Als gesundheitsschädlich mussten lediglich 2
Proben beurteilt werden. Dabei handelte es sich um einen Nu-
delsalat mit Nachweis von Staphylokokken-Enterotoxin und um
einen Geflügelsalat mit 430 KbE/g an
Listeria monocytogenes
.
‚Nicht zum Verzehr geeignet‘ aufgrund von Verderbnis führten
in insgesamt 11 Fällen zu entsprechenden Beurteilungen nach
Artikel 14 Absatz 2 b) BasisVO. 16 Proben mussten aufgrund der
mikrobiologischen Untersuchungsergebnisse (oft hohe Anzah-
len an Enterobakterien) beanstandet werden. Hier bestand der
dringende Verdacht auf eine nachteilige Beeinflussung der
ein-
wandfreien hygienischen Beschaffenheit der Erzeugnisse durch
Mikroorganismen im Sinne von § 2 Absatz 1 Nr. 1 LMHV.
Zwei als
Mayonnaisen
deklarierte Erzeugnisse aus dem Imbiss-
bereich (lose Ware) wiesen nur 50 % Gesamtfettgehalt auf und
wurden nachweisbar ohne Eigelb hergestellt. Die angewandt
verkehrsübliche Bezeichnung ‚Mayonnaise‘ wurde daher als ir-
reführende Information über die Identität im Sinne Art. 7 Abs.
1 a LMIV beurteilt. Offenbar sind in den betreffenden Fällen
lediglich Erzeugnisse der weniger werthaltigen Qualitätsstufe
‚Salatmayonnaise‘ verwendet worden.
Bei vorverpackter Feinkostware überwogen auch 2019 zahlen-
mäßig wie in den vergangenen Jahren beanstandete Proben mit
Mängeln bezüglich der Pflichtangaben in der Kennzeichnung
nach Artikel 9 oder 10 Absatz 1 LMIV (19 Fälle) sowie irrefüh-
renden Nährwertangaben (16 Beanstandungen).
Als weiterer Hauptbeanstandungsgrund ist wie jedes Jahr die
fehlende Kenntlichmachung von Zusatzstoffen (hier vornehm-
lich Konservierungsstoffe und Süßungsmittel) bei lose ange-
botenen Erzeugnissen mit 22 beanstandeten Proben zu nen-
nen. Hingegen war nur in einem einzigen Fall der Nachweis
der Verwendung eines für Feinkostsalate nicht zugelassenen
Süßungsmittels (Cyclamat) in einem Gurkensalat feststellbar.
Höchstmengenüberschreitungen beim Einsatz von Zusatzstof-
fen verschiedenster Art in Feinkosterzeugnissen traten hingegen
im abgelaufenen Jahr überhaupt nicht auf.
Fette, Öle, Feinkost, Zusatzstoffe

image
36 │
Die
Zusatzstoffuntersuchungen
in Lebensmitteln stellen eine
wichtige lebensmittelchemische Untersuchung dar (siehe LUA-
Homepage, Tabelle 2.8). Zu den am meist verwendeten und so-
mit schwerpunktmäßig untersuchten Zusatzstoffen zählen vor
allem Konservierungsstoffe, Farbstoffe und Süßungsmittel. So
wurden im Jahr 2019 mehr als 2.300 Proben bzw. Teilproben auf
Zusatzstoffe in den jeweiligen Servicefachgebieten untersucht.
Nur 1,2 % davon mussten wegen Höchstmengenüberschreitung,
Verwendung nicht zugelassener Zusatzstoffe oder anderweiti-
gen Abweichungen zu den Vorgaben der Verordnung (EG) Nr.
1333/2008 befundet werden. Der weitaus größere Teil der Be-
anstandung entfällt jedoch auf Mängel in der Kennzeichnung
bzw. der Kenntlichmachung der eingesetzten Zusatzstoffe in
Lebensmitteln. In Summe ergibt sich eine Beanstandungsquote
von 7,7 % im Bereich der Zusatzstoffuntersuchungen.
Bei den
reinen Zusatzstoffen sowie Hilfsmitteln
und Conveni-
ence-Produkten aus Zusatzstoffen (ZEBS 57/56) wurden im Jahr
2019 an der LUA Sachsen insgesamt 111 Proben untersucht, 19
Proben mussten aufgrund von Mängeln in der Kennzeichnung
nach Maßgabe der Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 sowie ihrer
Zusammensetzung beanstandet werden. Bei drei Proben wurden
im Rahmen der lebensmittelchemischen Untersuchung erhöhte
Gehalte an kanzerogenen Prozesskontaminanten nachgewiesen.
Nachweis von illegalen Farbstoffen in Gewürzen
Das Färben von Gewürzen ist seit dem Altertum eine bekann-
te Unsitte. Wegen des hohen Preises der Gewürze war im Ge-
würzhandel die Versuchung zur Verfälschung besonders groß.
Trotz harter Strafen wurde immer wieder gegen bestehende
Vorschriften verstoßen. Nach Meyers Konversationslexikon von
1897 wurden sogar „geeignete Fälschungsmittel für die Verfäl-
schung von Gewürzen in besonderen Fabriken hergestellt“. Der
Einsatz von Farbstoffen stellte eine gewinnbringende Praxis
dar. Farbstoffe waren im Vergleich zu den Gewürzen preiswerte
Rohstoffe, die das Produkt sowohl optisch aufwerteten sowie
das üblicherweise nach Gewicht bezahlte Lebensmittel lukrativ
streckten. Zum Einsatz kamen damals vor allem nicht zum Ver-
zehr geeignete Textil- und Industriefarbstoffe.
Der Gewürzhandel stellt auch heute noch ein einträgliches Ge-
schäft dar. Durch offene Grenzen und vielfältige Handelswege
kommen zahlreiche Gewürze in die EU. Diese unterliegen, wie
auch andere Lebensmittel den Grenzkontrollen, der amtlichen
Lebensmittelüberwachung sowie betrieblichen Eigenkontrollen.
Im Mai 2003 hat Frankreich über das Schnellwarnsystem für Le-
bens- und Futtermittel (RASFF) erstmals Informationen über die
Feststellung des Farbstoffs Sudanrot I in scharfen Chilierzeug-
nissen aus Indien übermittelt. Aus Versuchsdaten ging hervor,
dass es sich bei Sudanrot I um ein genotoxisches Karzinogen
handeln könnte. Aufgrund des Risikos konnte somit eine duld-
bare tägliche Aufnahmemenge nicht festgelegt werden. Daher
deuteten die von Frankreich übermittelten Untersuchungser-
gebnisse auf eine Verfälschung hin, die ein schwerwiegendes
Gesundheitsrisiko darstellt [Entscheidung 2003/460/EG].
Zahlreiche Entscheidungen, Verordnungen und Durchführungs-
verordnungen der EU folgten im Sinne des Vorsorgeprinzips und
damit zum Schutz des Verbrauchers, um die Einfuhr sowie den
aktuellen Markt von solch verfälschten Lebensmitteln zu über-
wachen und gegebenenfalls Produkte sicherzustellen.
Im Zuge dieser Überwachung werden Gewürze auf das Vorhan-
densein von illegalen Farbstoffen überprüft. Trotz zahlreicher
Regelungen sind positive Befunde von krebserregenden künstli-
chen Sudan-Farbstoffen in Gewürzen, Gewürzmischungen und
anderen Lebensmitteln mit Chili- oder Paprikapulver seitdem
stetig zu verzeichnen (siehe RASFF-Portal). Die Palette umfasst
neben Sudan I und IV in Chili und Gewürzmischungen auch
Orange II in Paprikapulver oder Rhodamin B in Annattosamen.
Unter dem Begriff „illegale Farbstoffe“ werden alle jene
Farb-
stoffe subsummiert, die nach der Verordnung (EG) Nr. 1333/2008
nicht zur Verwendung in Lebensmitteln zugelassen sind. Meist
handelt es sich um Azofarbstoffe, welche überwiegend zum Fär-
ben von Kosmetika, in Mineralölprodukten oder in der Textil-
industrie eingesetzt werden. Die Gruppe der Sudan-Farbstoffe
stellt die wohl bedeutendsten Vertreter dar (Tabelle 5). Sie sind
seit 1995 nicht mehr als Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen,
da sie im Körper in Amine aufgespalten werden können, von
denen einige karzinogen sind.
Tabelle 5: Auswahl von Farbstoffen, welche nach Verord-
nung (EU) Nr. 1333/2008 nicht zugelassen sind
illegaler Farbstoff
CAS-Nummer
Farbton
Buttergelb
60-11-7
gelb
Sudan I
842-07-9
gelb
Sudan II
3118-97-6
orange
Sudan III
85-86-9
rot
Sudan IV
85-83-6
scharlachrot
Orange II
633-96-5
orange
Rhodamin B
81-88-9
leuchtend pink
In der LUA Sachsen wurden im Jahr 2019 im Rahmen der Lebens-
mittelüberwachung 45 Gewürze bzw. würzende Erzeugnisse mit
Gewürzen (davon 14 Soßen und 10 Würzmischungen/Gewürz-
zubereitungen) auf das Vorhandensein von illegalen Farbstoffen
untersucht. Von den 21 untersuchten Proben der Warengruppe
der Gewürze konnte bei zwei Proben der Einsatz von illegalen
Farbstoffen nachgewiesen werden. In einem als „Paprikapulver“
in den Verkehr gebrachten Lebensmittel konnten die Farbstoffe
Sudan I und Sudan IV positiv nachgewiesen werden. In Annatto-
samen aus Vietnam konnte der für Lebensmittel verbotene Tex-
tilfarbstoff Orange II positiv nachgewiesen werden (Abbildung
14). Bei beiden Befunden erfolgte eine umgehende Sperrung der
Ware, eine Veröffentlichung gemäß § 40 LFGB sowie eine um-
fassende Aufklärung durch das LÜVA vor Ort.
Abbildung 14: als „Paprikapulver“ (links) bzw. Annattosamen (rechts) in Ver-
kehr gebrachte Produkte gefärbt mit illegalen Farbstoffen

│37
Bedarfsgegenstände und kosmetische Mittel
Die Aktivitäten im Bereich
Bedarfsgegenstände und kosmeti-
sche Mittel
im Berichtszeitraum lassen sich in folgende wesent-
liche Schwerpunkte untergliedern:
]
Weiterführung des Landesüberwachungsprogramms (LÜP)
zur Kontrolle der Guten Herstellungspraxis und rechtskonfor-
men Fertigung von Lebensmittelkontaktmaterialien im Rah-
men von Betriebskontrollen sowie weitere Teamkontrollen
von lokalen Betrieben
]
Analytische Untersuchung und Beurteilung von Plan-, Ver-
dachts- und Beschwerdeproben, Konsolidierung und
spezifi-
sche Erweiterung bereits bestehender Analysenmethoden
]
Kommentierung von Gesetzgebungsinitiativen, Aus- und
Weiterbildung
Schwerpunkte im Untersuchungsbereich
Bedarfsgegenstände
sind vor allem solche mit Lebensmittelkontakt (724 Proben, Be-
anstandungsquote 19,8 %), Gegenstände mit nicht nur vorü-
bergehendem Körperkontakt (233 Proben, Beanstandungsquote
14,2 %), Spielwaren und Scherzartikel (107 Proben, Beanstan-
dungsquote 31,8 %) sowie Reinigungs- und Pflegemittel für den
häuslichen Bedarf und Mittel und Gegenstände zur Geruchsver-
besserung (109 Proben, Beanstandungsquote 22,0 %).
Von den insgesamt 1.173 Proben wurden 12,8 % aufgrund von
Kennzeichnungsmängeln beanstandet. Stoffliche Mängel
wa-
ren bei 8,9 % der Proben Grund der Beanstandung, zwei Pro-
ben Mesh-Bälle wurden aufgrund ihrer mikrobiologischen Be-
schaffenheit als gesundheitsschädlich beurteilt. Für 139 Proben
wurden Befundmitteilungen übermittelt, in denen auf geringe-
re Mängel, Substanzgehalte im oberen Grenzwertbereich, das
Agieren im rechtlichen Graubereich, die Notwendigkeit der Prü-
fung der Eigenkontrollen oder die Prüfung eines Sachverhalts in
einem anderen Zuständigkeitsbereich (z. B. Chemikalien- oder
Marktüberwachung) hingewiesen wurde.
Im Berichtsjahr 2019 wurden im Bereich der
Kosmetika
insge-
samt 780 Proben zur Untersuchung eingereicht. Eine der vor-
gelegten Proben, ein „Mobil Gel intensiv - Spezialkosmetikum
zur Anwendung als Massagegel für Gelenke und Muskeln, z. B.
bei Muskelkater und Verspannung“ wurde zur Klärung der Ein-
stufung als mögliches Arzneimittel an das Landeslabor Berlin-
Brandenburg (LLBB) überwiesen. Im Ergebnis wurde das Gel
aufgrund seiner Bewerbung sowohl als Präsentations- und auf-
grund seiner Zusammensetzung als Funktionsmittel eingestuft.
Von den eingereichten Proben waren 197 (25,3 %) zu beanstan-
den. Bei weiteren 27 Proben (3,5 %) wurde schriftlich auf be-
stehende Mängel verwiesen, eine formale Beanstandung wurde
nicht ausgesprochen. Insgesamt ist die Beanstandungsrate im
Vergleich zu den vergangenen Jahren unverändert hoch.
Analog zu den letzten Jahren beruht der Großteil der Beanstan-
dungen auf fehlerhaften Kennzeichnungen der kosmetischen
Erzeugnisse (99 Proben, Beanstandungsquote: 50,3 %). Irrefüh-
rende Werbeaussagen auf den Verpackungen und/oder Werbe-
prospekten bzw. auf den Internetseiten der Hersteller standen
bei weiteren 86 Proben (43,7 %) im Fokus der Beurteilung. Die
Überschreitung von gesetzlich vorgeschriebenen Höchstkon-
zentrationen bzw. die Anwesenheit verbotener Stoffe wurden
bei 25 Proben (12,7 %) festgestellt. Ebenfalls 12,7 % der Be-
anstandungen (25 Proben) beruhten auf nicht oder fehlerhaft
vorgenommenen Notifizierungen im EU-CPNP-Portal. Weitere
28 Proben (14,2 %) enthielten Stoffe, die entsprechend der EU-
Kosmetik-VO bestimmte Kennzeichnungsvorschriften erfordern,
die nicht eingehalten wurden. Dies betraf im Wesentlichen die
fehlende Kennzeichnung allergener Duftstoffe in der Liste der
Bestandteile.
Drei schwarze Tätowierfarben wurden aufgrund des Gehaltes
an polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK)
und eine grüne Tätowierfarbe wurde aufgrund des Gehaltes an
dem primären aromatischen Amin o-Toluidin als gesundheits-
schädlich beurteilt. Eine Bleichcreme enthielt 1 % Kojisäure und
wurde aufgrund der vorgesehenen Verwendung für den ganzen
Körper als nicht sicher nach Art. 3 der VO (EG) Nr. 1223/2009
beurteilt. Ebenfalls als nicht sicher für die menschliche Gesund-
heit war ein Duft-Schaumbad aufgrund einer mikrobiologischen
Kontamination mit dem fakultativ oder opportunistisch patho-
genen Keim
Pseudomonas putida
.
Kosmetik - selbstverständlich tierversuchsfrei!
Werbeaussagen für kosmetische Mittel, Tierversuche bzw. den
Verzicht darauf betreffend, haben in letzter Zeit stark zugenom-
men, da es sich bei Tierversuchen um ein sensibles Thema han-
delt, das unter anderem die Kaufentscheidung von Kosmetika
bei bestimmten Verbrauchergruppen beeinflusst. Ein Großteil
der Verbraucher geht noch immer davon aus, dass kosmetische
Mittel im Tierversuch getestet werden. Diese Zielgruppe wird
von den Firmen mit Werbeaussagen oder Symbolen bezüglich
Tierversuchsfreiheit bewusst angesprochen. Dass Tierversu-
che in Europa seit 2004 am kosmetischen Fertigprodukt und
seit 2009 auch an deren Bestandteilen verboten sind und seit
2013 ein Vermarktungsverbot für derartig getestete Erzeugnisse
besteht, ist vielen Verbrauchern nicht bewusst. Dementgegen
steht natürlich der nicht-europäische Markt und insbesondere
der chinesische, der Tierversuche für kosmetische Mittel teilwei-
se gesetzlich fordert oder aber die REACH-Verordnung (VO (EG)
Nr. 1907/2006), in deren Zuständigkeitsbereich auch in Europa
chemische Grundstoffe für eine Zulassung zum Teil am Tier ge-
testet werden müssen. Zwar findet hier dann die Testung nicht
zum Zwecke der Entwicklung neuer kosmetischer Mittel statt,
aber paradoxerweise werden die dort erhaltenen Daten von Si-
cherheitsbewertern trotzdem zur Bewertung kosmetischer In-
haltsstoffe verwendet, falls die unter REACH registrierten Stoffe
Bestandteil von kosmetischen Mitteln sind (z. B. Tenside).
Aufgrund dieses grundsätzlichen Tierversuchsverbots für kos-
metische Mittel, die in der Europäischen Union auf dem Markt
bereitgestellt werden (geregelt in Art. 18 der EU-Kosmetik-VO
(VO (EG) Nr. 1223/2009 )), entspricht eine Zusicherung auf den
Verzicht auf Tierversuche lediglich dem Stand des Rechts und ist
somit eine Werbung mit Selbstverständlichkeiten.
Gemäß Art. 2 der Claims-VO (VO (EU) Nr. 655/2013) muss die
verantwortliche Person dafür sorgen, dass Formulierungen von
Werbeaussagen in Bezug auf kosmetische Mittel die in Anhang I
der Verordnung aufgeführten gemeinsamen Kriterien erfüllen.
Nach Abschnitt 1 „Einhaltung von Rechtsvorschriften“ Punkt 3
dieses Anhangs sind Werbeaussagen, die die Vorstellung vermit-

image
38 │
teln, dass ein Produkt einen bestimmten Nutzen hat, der jedoch
nur in der Erfüllung der rechtlichen Mindestanforderungen be-
steht, unzulässig. Ausgenommen von diesem Werbeverbot sind
Werbeaussagen zur Tierversuchsfreiheit nach Art. 20 Abs. 3 der
EU-Kosmetik-VO:
„Die verantwortliche Person kann auf der Verpackung des
Er­
zeugnisses und auf jedem dem kosmetischen Mittel beigefüg­
ten oder sich darauf beziehenden Schriftstück, Schild, Etikett,
Ring oder Verschluss darauf hinweisen, dass keine Tierversuche
durchgeführt wurden, sofern der Hersteller und seine
Zuliefe­
rer keine Tierversuche für das kosmetische Fertigerzeugnis oder
dessen Prototyp oder Bestandteile davon durchgeführt oder in
Auftrag gegeben haben, noch Bestandteile verwendet haben, die
in Tierversuchen zum Zweck der Entwicklung neuer kosmetischer
Mittel durch Dritte geprüft wurden.“
Insbesondere der letzte Punkt „… noch Bestandteile verwendet
haben, die in Tierversuchen zum Zweck der Entwicklung neuer
kosmetischer Mittel durch Dritte geprüft wurden.“ ist für die
verantwortliche Person, bei der die Beweislast liegt, kaum er-
füllbar. Unter anderem wurde ein Großteil der in den Anhängen
der EU-Kosmetik-VO geregelten Stoffe zum Nachweis des si-
cheren Einsatzes in kosmetischen Mitteln in der Vergangenheit
am Tier getestet. Sind in der Liste der Bestandteile dann Stoffe
aufgeführt, für die Tierversuchsdaten „zum Zweck der Entwick-
lung neuer kosmetischer Mittel“ vorliegen (z. B. Stellungnahmen
des wissenschaftlichen Ausschusses der EU – SCCS), wird die
Bewerbung der Probe als irreführend im Sinne des Artikel 20 der
EU-Kosmetik-VO beurteilt.
Schwieriger gestaltet sich die Situation, wenn lediglich Abbil-
dungen von Hasen auf der Probe vorhanden sind, häufig mit
dem Zusatz „cruelty free“. Hier stehen verschiedene privatwirt-
schaftliche Siegel dahinter, die wiederum eigene Anforderungen
bezüglich der Tierversuchsfreiheit an den Hersteller haben.
Es ist nicht gutachterliche Aufgabe, die Übereinstimmung der
Zusammensetzung der eingereichten Proben mit den Anforde-
rungen der Siegelgeber zu überprüfen. Wohl aber muss bei der
Beurteilung der Werbeaussagen entschieden werden, ob ein
privates Logo – bei dem es sich nach unserer Auffassung um
eine bildliche Werbeaussage handelt – den Anforderungen des
Artikel 20 der EU-Kosmetik-VO in Verbindung mit der Claims-
VO entspricht.
Selbst wenn man vom gut informierten Verbraucherleitbild
ausgeht, ist unseres Erachtens die Abbildung eines Hasen zum
Teil mit den Worten „cruelty free“ für den durchschnittlichen
Endverbraucher nicht klar und verständlich und erschwert das
Treffen einer fundierte Kaufentscheidung. Ohne aufwändige In-
ternetrecherche kann nicht erfasst werden, was hinter diesem
Siegel steht bzw. bleibt ohne Angabe einer Website auf dem
kosmetischen Mittel unklar, an welcher Stelle die Anforderun-
gen des Siegels überhaupt aufgeführt sind. Das würde eine Be-
anstandung nach Artikel 20 Abs. 1 der EU-Kosmetik-VO in Ver-
bindung mit Artikel 2 und Anhang Nr. 6.1 und 6.2 der Claims-VO
(Fundierte Entscheidungsfindung) nach sich ziehen.
Bei Claims wie „Wir sind gegen Tierversuche“ oder „Wir kämp-
fen gegen Tierversuche“ muss im Einzelfall geprüft werden, was
der Claim bedeutet. Setzt sich die Firma tatsächlich gegen Tier-
versuche ein und unterstützt z. B. Verbände/Organisationen? Es
muss erkennbar sein, dass etwas über die rechtlichen Mindest-
anforderungen der EU-Kosmetik-VO hinaus getan wird. Dann
wäre der Claim legitim. Anderenfalls handelt es sich nach wie
vor um Werbung mit Selbstverständlichkeit und darüber hinaus
um unredlichen Wettbewerb, da dieser Claim kaufentscheidend
ist. Das Produkt wird von Produkten anderer Wettbewerber ab-
gehoben, obwohl es die gleichen Eigenschaften besitzt wie diese
(Artikel 20 Abs. 1 der EU-Kosmetik-VO in Verbindung mit Artikel
2 und Anhang Nr. 1.3 (Einhaltung der Rechtsvorschriften) und
4.2 (Redlichkeit) der Claims-VO).
Im Berichtsjahr 2019 wurde an der LUA Sachsen für insgesamt
37 kosmetische Mittel hinsichtlich ihrer Werbeaussagen zu Tier-
versuchsfreiheit entweder eine Beanstandung ausgesprochen
oder in einer Befundmitteilung nachgefragt, wie sich das Enga-
gement der Firma in Bezug auf beispielsweise den „Kampf gegen
Tierversuche“ auszeichnet.
Kinderkosmetik - ein Überblick
Kosmetik für Kinder - was ist darunter zu verstehen? Eine
rechtliche Begriffsbestimmung hierzu gibt es nicht. Zum ei-
nen werden herkömmliche Reinigungs- und Pflegeprodukte
für Kleinkinder unter drei Jahren auf dem Markt angeboten
wie z. B. Duschbäder, Haarwaschgele oder Körperpflegecremes.
Die zweite Gruppe betrifft Produkte, die aufgrund ihrer Aufma-
chung und Verpackung Kinder besonders ansprechen sollen und
zum Kauf anregen würden. Sie sind mit bekannten Figuren aus
der Film- oder Spielzeugwelt attraktiv verpackte, verzierte und
aufgepeppte kosmetische Produkte. Hierzu zählen überwiegend
dekorative Kosmetika wie Lippenstifte, Lidschatten, Rouge oder
auch Nagellacke und Glitzergele, nicht selten mit kleinem Spiel-
zeug, spielzeugähnlichem Haarschmuck, Spiegelchen und /oder
Bürsten, Pinselchen und so weiter versehen.
Bereits im Jahr 2011 startete das European Directorate for the
Quality of Medicins & HealthCare (EDQM) eine Marktüberwa-
chungsstudie zur Überprüfung der Qualität von kosmetischen
Produkten für Kinder (Kids Kosmetik) und bat die Mitglieder
des europäischen Netzwerks der offiziellen
Untersuchungsla-
bore (Official Cosmetics Control Laboratories; OCCL), diese
Er-
zeugnisse in einem zeitlich begrenzten Rahmen besonders zu
kontrollieren. Auch die LUA Sachsen hatte ihre Untersuchungs-
ergebnisse dem EDQM übermittelt. Im Ergebnis dieser Studie
(https://www.edqm.eu/sites/default/files/mms_kid_cosmetics_
short_report_january_2016.pdf) zeigte sich, dass gerade die
Abbildung 15: Bunte Welt der Kinderkosmetik

│39
dekorative Kids Kosmetik zu einem erheblichen Prozentsatz den
gesetzlichen Anforderungen der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009
nicht entsprach.
Die hohe Beanstandungsrate legt die weitere Beobachtung die-
ser Erzeugnisse nahe. Deshalb sollte im Jahr 2019 an der LUA
Sachsen erneut Kinderkosmetik schwerpunktmäßig geprüft
werden. Wie bereits erwähnt, werden diese Produkte oft im Set
angeboten. Somit ist aufgrund ihrer Aufmachung, insbesondere
aufgrund der angesprochenen Zielgruppe und damit auch in Be-
zug auf die Verbrauchererwartung, eine Gesamtbetrachtung als
Spielzeug und Kosmetikum notwendig. Hinsichtlich der Zweck-
bestimmung kann vielfach keine der Einstufungen gegenüber
der anderen höher gewichtet werden. Deshalb müssen sowohl
die rechtlichen Regeln für eine Spielware im Sinne von § 2 Ab-
satz 6 Nr. 5 LFGB und eines Spielzeugs im Sinne des § 2 Nr. 24a.
der 2. ProdSV als auch die Kriterien für kosmetisches Mittel im
Sinne von Artikel 2 Absatz 1 a) der EU-Kosmetik-VO geprüft und
eingehalten werden.
Insgesamt wurden an der LUA Sachsen 23 Proben zur Unter-
suchung eingereicht. Davon waren acht Einkomponentenpro-
ben (sieben Duschgele und Shampoos sowie eine Lippenpflege)
und 15 Mehrkomponentenproben (Set). Der Vielfalt der Farben
und Zusammenstellung der einzelnen Kosmetikprodukte in so
einem Set sind kaum Grenzen gesetzt. Oft wurden den dekorati-
ven Mitteln Spielzeug, Pinsel, Schwämme, Spiegel oder Bürsten
beigelegt. Eine Probe beinhaltete 45 verschiedene dekorative
kosmetische Bestandteile in ganz unterschiedlichen Farbtönen.
Aus der Fülle der verschiedenen Artikel wurden 129 Teilproben
untersucht. In Tabelle 6 sind die einzelnen Untersuchungen dar-
gestellt.
Tabelle 6: Untersuchungen Kinderkosmetik
Farbstoffe
Konser-
vierungs-
mittel
Schwer-
metalle
Allergene
Duftstoffe
Element-
lässigkeit
Anzahl der
Teilproben
19
16
21
10
55
Anzahl der
Beanstan-
dungen
4
-
-
2
10
Bei zwölf der 23 Proben (52 %) wurden Mängel festgestellt.
Diese betrafen ausschließlich die Kids Kosmetik bzw. Kosme-
tikspielzeug. Herkömmliche Pflege- und Reinigungsprodukte für
Kleinkinder waren nicht zu beanstanden. Hinsichtlich der Be-
urteilung der Kinderkosmetik nach dem Kosmetikrecht wurde
Folgendes festgestellt:
]
Verwendung verbotener Farbstoffe in Nagellacken (2 x)
]
unzulässige Verwendung von Farbstoffen in Rouge (2 x)
]
fehlende Angabe deklarationspflichtiger Duftstoffe (2 x)
]
irreführende Werbeaussage zu Tierversuchen (1 x)
]
fehlerhafte Kennzeichnung der Pflichtangaben zur
verant-
wortlichen Person, Füllmenge, Haltbarkeit und Charge (2 x)
]
unvollständige bzw. fehlerhafte Liste der Bestandteile (2 x)
Den größten Teil der Beanstandungen nach dem Bedarfsgegen-
ständerecht betraf die Abgabe von Elementen. Unter Berück-
sichtigung der Beurteilung als Kosmetikspielzeug waren die
Migrationsgrenzwerte gemäß § 3 Absatz 1 in Verbindung mit
§ 10 Absatz 1 der 2. ProdSV und Anhang II Abschnitt III Pkt. 13
der Richtlinie 2009/48/EG von Blei (1), Aluminium (3), Mangan
(5) sowie Cobalt (1) nicht eingehalten. In zwei Fällen waren die
Kennzeichnungsvorgaben für die Ausführung des altersbezoge-
nen Warnhinweises für Spielzeug nicht eingehalten sowie die
CE-Kennzeichnung unzureichend.
Die hohe Beanstandungsrate an der LUA Sachsen ist mit den Er-
gebnissen der Marktüberwachungsstudie des EDQM vergleich-
bar. Weitere Kontrollen in den nächsten Jahren sind dringend
angezeigt.
Bunte Vielfalt – Lebensmittelbedarfsgegenstände aus
Silikon
Sie weisen eine hohe mechanische Stabilität auf, sind kälte-
und hitzebeständig, flexibel und biegsam und in
verschiedens-
ten Farben erhältlich. Silikonelastomere werden zunehmend als
Material zur Herstellung von Lebensmittelbedarfsgegenständen
verwendet. Schon längst gibt es nicht bloß Backformen aus Sili-
kon. Backmatten, Eiswürfel- und Pralinenformen, Pinsel mit Sili-
konborsten, Trinkhalme, Schneebesen und andere Küchenhelfer
mit Silikonüberzug und wiederverwendbare Teebeutel sind nur
einige weitere Beispiele.
Silikonelastomere sind keine inerten Materialien, das heißt nicht
fest eingebundene Bestandteile können je nach Anwendung aus
dem entsprechenden Gegenstand entweichen. Für eine Eignung
im Lebensmittelkontakt muss das Material festgelegten Anfor-
derungen entsprechen. Für die Beurteilung einer Eignung wer-
den die Parameter ‚flüchtige organische Bestandteile‘,
‚Gesamt-
migrat‘ und ‚Sensorik der Prüfflüssigkeit‘ herangezogen.
Flüchtige organische Bestandteile, die insbesondere bei erhöhter
Temperatur aus dem Material entweichen können, dürfen einen
Wert von 0,5 % bezogen auf die Gesamtmasse nicht überschrei-
ten. Ein erhöhter Anteil an flüchtigen organischen Bestandteilen
ist ein Beleg dafür, dass das Silikonelastomer nicht im üblichen
Maße der thermischen Nachbehandlung unterworfen wurde,
die im Rahmen einer guten Herstellungspraxis zur Minimierung
dieses Parameters durchgeführt wird. Mit diesem als Tempern
bezeichneten Technologieschritt können auch weitere Parame-
ter wie z. B. die Gesamtmigration oder organoleptische Eigen-
schaften beeinflusst werden.
Die Gesamtmigration stellt einen Summenparameter dar, das
heißt hier wird die Gesamtheit aller Stoffe erfasst, die bei direk-
tem Kontakt vom Bedarfsgegenstand auf das Lebensmittel über-
gehen. Der Gesamtmigrationswert soll bei höchstens 10 mg/dm
2
liegen, wenn davon ausgegangen wird, dass die Silikonelasto-
mere nach den Prinzipien der Guten Herstellungspraxis gefertigt
wurden.
Bedarfsgegenstände müssen so beschaffen sein, dass sie das
Lebensmittel weder im Geruch noch im Geschmack wesentlich
verändern. Die Beurteilung erfolgt dabei auf einer Skala von null
bis vier, wobei null keine und vier eine starke sensorische Ab-
weichung des Prüflebensmittels im Vergleich zur Referenzprobe
bedeutet. Von einer rechtlich relevanten Beeinträchtigung der
Lebensmittel wird ab einem Prüfwert von drei (deutliche Abwei-
chung) ausgegangen.
An der LUA Sachsen wurden 2019 insgesamt 22 Proben aus bzw.
mit Anteilen an Silikonelastomeren untersucht. Dabei ergaben
sich die folgenden Untersuchungsergebnisse. Drei Proben waren

image
40 │
hinsichtlich ihres Gesamtmigrationswertes auffällig. Davon eine
mit einer Gesamtmigration signifikant über dem Grenzwert und
die anderen zwei mit einer Gesamtmigration im Grenzwertbe-
reich. Eine Abgabe flüchtiger organischer Bestandteile über dem
zulässigen Richtwert wurde bei drei Proben festgestellt. Weitere
zwei Proben fielen sowohl durch ihre Gesamtmigration als auch
durch ihre Abgabe an flüchtigen organischen Bestandteilen über
den jeweiligen Grenzwerten auf. Bei keiner der untersuchten
Proben wurde für die Sensorik der Prüfflüssigkeit der rechtlich
relevante Prüfwert von drei erreicht.
Es ist zu erwarten, dass das Angebot an Lebensmittelbedarfs-
gegenständen aus Silikon weiter zunehmen wird. Wie die bis-
herigen Untersuchungsergebnisse zeigen, ist eine Konformität
entsprechender Produkte nicht immer gegeben. Deshalb werden
Silikonelastomere auch weiterhin Gegenstand von Untersu-
chungen bleiben.
Sensibilisierende Dispersionsfarbstoffe in Textilien
Zur Vielzahl chemischer Substanzen, die in oder bei der Her-
stellung von Bekleidungstextilien sowie anderen textilen Waren
verwendet werden, gehören unter anderem Dispersionsfarbstof-
fe. Dabei handelt es sich um hydrophobe Substanzen kleiner
Molekülgröße, die aufgrund dieser Eigenschaften in hydrophobe
textile Fasern eindringen können und diese somit anfärben. Zur
Anwendung kommen sie bevorzugt in Materialien wie Polyester,
Polyamid oder Celluloseacetat, die Farbpalette kann weitgehend
abgedeckt werden.
Die bereits genannten Substanzeigenschaften bedingen jedoch
auch, dass Dispersionsfarbstoffe gut über die Haut resorbiert
werden und damit gesundheitliche Effekte auftreten können.
Allergische Hautreaktionen durch den Kontakt mit textilen Be-
darfsgegenständen treten immer wieder auf. Allerdings werden
nur etwa 1 - 2 % der insgesamt auftretenden Kontaktallergien
Textilien zugeordnet. Dazu kommt, dass Textilfarbstoffe zwar
den größten Teil dieser Hautreaktionen ausmachen, aber auch
weitere Textilhilfsmittel (z. B. optische Aufheller) vergleichbare
Wirkungen hervorrufen können.
Rechtliche Regelungen bestimmte Dispersionsfarbstoffe betref-
fend gibt es bisher weder auf europäischer noch nationaler Ebe-
ne. Bereits 1993 wurde seitens der Arbeitsgruppe „Textilien“ des
Bundesinstituts für Risikobewertung empfohlen, auf den Einsatz
der Farbstoffe Dispersionsblau 35, Dispersionsblau 106, Disper-
sionsorange 3, Dispersionsrot 1, Dispersionsgelb 3 und Dispersi-
onsblau 124 insbesondere für die Herstellung körpernah getra-
gener Textilien zu verzichten. 1994 wurde diese Empfehlung auf
Dispersionsorange 37/76 und Dispersionsblau 1 ausgeweitet.
Die aktualisierte Stellungnahme von 2012 bekräftigt diese Aus-
sagen, insbesondere der Einsatz der beiden blauen Dispersions-
farbstoffe 106 und 124 wird aufgrund der Ergebnisse aus einem
Tierversuch sowie einem Test an Humanzellen als inakzeptabel
bewertet.
Sehr viel ausführlicher werden sensibilisierende Dispersions-
farbstoffe in den Anforderungskatalogen verschiedener Öko-
Label mit oft mehr als 20 Einträgen berücksichtigt. Die Verord-
nung (EU) Nr. 2018/1513 zur Beschränkung chemischer Stoffe
in Textilien im Rahmen der REACH-VO (EG) Nr. 1907/2006 be-
inhaltet hinsichtlich der Regulierung von Dispersionsfarbstoffen
allein einen Eintrag zu Dispersionsblau 1. Danach dürfen ab dem
1. November 2020 unter anderem Textilien, die diesen Farbstoff
mit einem Gehalt über 50 mg/kg aufweisen, nicht mehr in den
Verkehr gebracht werden. Beachtenswert ist in diesem Zusam-
menhang auch der Report der ECHA hinsichtlich der Vorschläge
für Beschränkungen hautsensibilisierender Substanzen.
Im Jahr 2019 wurden an der LUA Sachsen insgesamt 97 Proben,
davon 14 Spielwaren, hinsichtlich der Verwendung sensibilisie-
render Dispersionsfarbstoffe untersucht. Unter diesen Proben
wurde ein schwarzer Schal aufgrund der Verwendung von Dis-
persionsorange 37/76 beanstandet. Bei einer weiteren Produkt-
probe war die nachgewiesene Farbstoffmenge an Dispersions-
rot 1 im schwarzen Gazematerial der Rucksackträger nicht so
hoch, dass von einer absichtlichen Verwendung ausgegangen
werden konnte. Es wurde empfohlen, den Hersteller über den
Sachverhalt zu informieren und ihn aufzufordern, die Quelle
des Farbstoffs zu ermitteln und perspektivisch auszuschalten.
Erfreulicherweise fiel keine Spielwarenprobe hinsichtlich der
Verwendung sensibilisierender Dispersionsfarbstoffe auf.
Untersuchungen zu sensibilisierenden Dispersionsfarbstoffen
werden trotz der geringen Beanstandungsquote weiterhin fes-
ter Bestandteil der Prüfung textiler Bedarfsgegenstände für den
längeren Haut- oder Schleimhautkontakt sein.
Abbildung 16: Farbenfrohe Textilien

│41
Pflanzenschutzmittel-Rückstände in Lebensmitteln
Im Rahmen der amtlichen Lebensmittelüberwachung wurden
im Berichtszeitraum insgesamt 1.437 Lebensmittelproben, da-
von 1.323 pflanzlichen und 90 tierischen Ursprungs, auf
Pflan-
zenschutzmittel-Rückstände untersucht. Zudem wurden auch
24 Proben an kosmetischen Mitteln (Henna-Haarfarben) oder
Bedarfsgegenständen natürlichen Ursprungs (z. B. Holz- und
Bambusgegenstände mit Lebensmittelkontakt) untersucht. Der
größte Probenanteil (84,6 %) entfiel auf Frischobst/-gemüse,
sowie verarbeitetes Obst und Gemüse (Konserven/Säfte/Tro-
ckenprodukte). Die Proben wurden sowohl in Filialen des Groß-
und Einzelhandels als auch auf Wochenmärkten und direkt in
Erzeuger- bzw. verarbeitenden Betrieben entnommen.
Pflanzenschutzmittel (PSM) werden vor und nach der Ernte
pflanzlicher Erzeugnisse hauptsächlich zum Schutz der
Kultur-
pflanze eingesetzt. Trotz vorschriftsmäßiger Anwendung sind
Rückstände chemischer Pflanzenschutzmittel in den
Erzeugnis-
sen unvermeidbar. Zum Schutz von Mensch und Natur verbietet
der Gesetzgeber das Inverkehrbringen von Erzeugnissen, deren
Rückstandsgehalte die EU-weit geltenden Höchstgehalte über-
schreiten. Über belastetes Futter und Wasser gelangen
Pflan-
zenschutzmittel auch in den Organismus landwirtschaftlicher
Nutztiere und werden dort abgebaut, so dass Rückstände kaum
nachweisbar sind. Vereinzelt sind allerdings noch Spuren der
seit mehr als dreißig Jahren verbotenen persistenten, chloror-
ganischen Wirkstoffe bestimmbar, die sich aufgrund ihrer gu-
ten Fettlöslichkeit innerhalb der Nahrungskette Pflanze-Tier-
Mensch anreichern.
Die ermittelte Belastungssituation der untersuchten Proben
pflanzlichen und tierischen Ursprungs ist in Tabelle 2.16 (siehe
LUA-Homepage) abgebildet. Die Proben mit gesicherten Über-
schreitungen der geltenden Rückstandshöchstgehalte sind in
Tabelle 2.17 (siehe LUA-Homepage) zusammengestellt. Außer-
dem werden die Ergebnisse der amtlichen Untersuchungen auf
Pflanzenschutzmittel-Rückstände in Lebensmitteln im
Pestizid-
report Sachsen auf den Internetseiten des Sächsischen Staats-
ministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
veröffentlicht
(http://www.gesunde.sachsen.de/Pestizidreport/).
Rückstandsuntersuchungen dienen neben der Überprüfung der
Einhaltung der geltenden Höchstgehalte auch zur Ermittlung
eventueller unzulässiger Anwendungen von
Pflanzenschutz-
mitteln. Nicht alle EU-weit genehmigten
Pflanzenschutzmittel-
wirkstoffe sind auch in Deutschland zugelassen. Ursächlich ist
unter anderem, dass sich die klimatischen Verhältnisse und die
Art der Schaderreger zwischen den Staaten unterscheiden. Die
deutsche Zulassungsbehörde ist das Bundesinstitut für Verbrau-
cherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Es legt ebenfalls
die Anwendungsgebiete (Kultur/Schadorganismus) sowie die
Anwendungsbedingungen (aufzubringende Mengen, Wartezei-
ten bis zur Ernte) fest. Im Berichtszeitraum wurden in insgesamt
17 Proben deutscher Herkunft
Pflanzenschutzmittel-Rückstän-
de bestimmt, die auf eine eventuelle unzulässige Anwendung
hinweisen. Der Gesetzgeber verbietet das Inverkehrbringen von
Lebensmitteln mit Pflanzenschutzmitteln, die nicht zugelassen
sind oder die bei den Lebensmitteln oder deren Ausgangsstoffen
nicht angewendet werden dürfen.
Pflanzenschutzmittel-Rückstände in Obst und Gemüse
Insgesamt wurden 345 Proben Frischobst und 582 Proben
Frischgemüse, einschließlich Pilze, untersucht. Der Probenan-
teil von Erzeugnissen aus ökologischem Anbau betrug 6,6 %
(23 Obst- , 38 Gemüseproben). Von Erzeugern aus Deutschland
stammten 574 (61,9 %) Proben, davon 205 (22,1 %) von säch-
sischen Erzeugern.
Rückstandsfrei waren 387 (41,7 %) Proben, das heißt es wurden
keine Pflanzenschutzmittel-Rückstände oberhalb der
analyti-
schen Bestimmungsgrenze festgestellt. Die biologisch erzeug-
ten Proben waren überwiegend unauffällig. Lediglich bei einer
Bio-Banane wurde das Pflanzenschutzmittel Chlorpyriphos mit
0,014 mg/kg nachgewiesen. Aufgrund des geringen Gehaltes ist
mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Kreuzkontamination
und keiner unzulässigen Anwendung auszugehen. Zudem wurde
in einer Probe Bio-Kresse Benzalkoniumchlorid nachgewiesen.
Der Wirkstoff wird unter anderem als Biozid in Waschwasser
verwendet. Auch hier ist von keiner direkten Anwendung, son-
dern einem Eintrag bei der Weiterverarbeitung auszugehen.
Zu den Gruppen mit den geringsten
Pflanzenschutzmittel-Rück-
ständen (siehe LUA-Homepage, Tabelle 2.16) gehören Kartof-
feln, Sprossgemüse (z. B. Blumenkohl, Broccoli, Fenchel, Spargel,
Zwiebel) und Wurzelgemüse (z. B. Ingwer, Möhren, Rettich, Rü-
ben). Bei Frischobst sind in der Gruppe der exotischen Früchte
(z. B. Banane, Kaki, Mango oder Papaya) die geringsten Belas-
tungen mit Rückständen festzustellen. Bei 72 % der exotischen
Früchte handelt es sich um Importware aus Nicht-EU-Staaten.
Die geringe Belastung ist unter anderem damit zu erklären, dass
Importware bereits einer strichpunktartigen Kontrolle durch
den Zoll unterliegt. Nicht konforme Lebensmittel werden an der
Grenze abgewiesen und nicht in die EU importiert.
Ein hoher Anteil der Proben wies Mehrfachrückstände an
Pflan-
zenschutzmitteln auf. Bei 24,4 % der Gemüseproben und bei
49,6 % der Obstproben waren zwei oder mehr Rückstände fest-
zustellen. Im Allgemeinen ist die Belastung von Obst mit Rück-
ständen höher als bei Gemüse (Abbildung 17). Zu den Kategorien
mit den höchsten Rückstandsbelastungen gehören Beerenobst,
Kernobst und Zitrusfrüchte (siehe LUA-Homepage, Tabelle 2.16).
Im Rahmen eines Monitoring-Programms wurden Tomaten- und
Pestizide, Schadstoffe
Abbildung 17: Mehrfachrückstände in Obst und Gemüse
(mit Kartoffeln und Pilzen)
290
150
61
39
17
12
7
4
2
97
77
53
58
19
21
11
7
2
0
50
100
150
200
250
300
0
1
2
3
4
5
6
7
8
Anzahl Proben
Anzahl Wirkstoffe
Gemüse
Obst

42 │
Kirschkonserven auf Pestizidrückstände untersucht. Bei den To-
maten war die überwiegende Anzahl der Proben rückstandsfrei.
Hingegen wiesen 82 % der eingemachten Kirschen Rückstände
auf, wobei bis zu sechs Wirkstoffe festgestellt wurden. Kirschen
gehören mit zu den empfindlichen Obstsorten, wodurch sich
ein höherer Einsatz von Insektiziden und Fungiziden begrün-
det. Durch die thermische Behandlung während des Einkoch-
Prozesses werden Pestizidrückstände, wie es landläufig teilweise
angenommen wird, jedoch nicht abgebaut und zerstört.
Rückstände oberhalb der geltenden Höchstgehalte enthielten
15 (1,6 %) Proben an Frischobst und -gemüse. Auffällig waren
in 2019 wieder zwei Importproben an exotischem Gemüse aus
dem Asia-Großhandel. Hierbei handelte es sich um Schwamm-
kürbis und Wassersellerie. In beiden Proben wurden deutliche
Überschreitungen der Rückstandshöchstgehalte festgestellt. In
dem Wassersellerie lagen acht Überschreitungen vor, wobei für
sechs Wirkstoffe die gefunden Gehalte deutlich über den zuläs-
sigen Rückstandshöchstgehalten lag. Zudem führte der Gehalt
an dem zulässigen Pflanzenschutzmittel Chlorpyrifos zur
Über-
schreitung der toxikologischen Grenzwerte für die kurzzeitige
(ARfD) Aufnahme.
Iprodion in Rosinen – Stollen mit Beigeschmack?
Stollenzeit ist auch Untersuchungszeit, das gilt ganz besonders
für die Rosinen, die im Christstollen verbacken werden sollen.
Rosinen sind im Allgemeinen oft mit einer Vielzahl an
Pflanzen-
schutzmitteln belastet, da die verwendeten Tafeltrauben emp-
findlich gegen Schaderreger sind. Im Sinne des
Verbraucher-
schutzes werden weit vor Weihnachten in der Stollenbacksaison
Rosinenproben direkt bei Bäckern und Großhändlern entnom-
men und an der LUA Sachsen auf Pestizide untersucht.
Während dieser Untersuchungen wurde in zwei Rosinenproben
türkischer Herkunft der Wirkstoff Iprodion über dem Rück-
standshöchstgehalt nachgewiesen. Die Proben stammten zum
einen aus einer Bäckerei, welche die Rosinen über den Bäcke-
reigroßhandel bezogen, und zum anderen von einer Großhan-
delskette.
Iprodion ist ein Pflanzenschutzmittel mit fungizider Wirkung. Im
Jahr 2004 wurde der Wirkstoff in der EU erstmals zugelassen.
In regelmäßigen Abständen findet für alle Wirkstoffe eine
Neu-
bewertung statt, in der neue Erkenntnisse in die Sicherheitsbe-
wertung einfließen. Bei dieser kamen im Jahr 2016 die Mehrheit
der Experten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicher-
heit (EFSA) zu dem Ergebnis, dass Iprodion als kanzerogen der
Kategorie 1B (H350) und reproduktionstoxisch der Kategorie 2
(H361df) einzustufen ist. Ursächlich für diese neue Einstufung
ist, dass ein Iprodion-Metabolit nach der derzeitigen Studienla-
ge genotoxische Eigenschaften aufweist. Der Wirkstoff Iprodion
selbst ist derzeit als wahrscheinlich nicht genotoxisch einzu-
stufen.
Als Folge dieser Einstufung wurde aufgrund von gesundheitli-
chen und ökologischen Aspekten mit der DVO (EU) Nr. 2017/2091
die Genehmigung für Iprodion nicht erneuert. Beispielsweise hat
Deutschland in dem Zug die Zulassung aller
Pflanzenschutzmit-
tel mit dem Wirkstoff Iprodion zum 05.03.2018 widerrufen. Die
Abverkaufs- und Aufbrauchfrist ging bis zum 05.06.2018. Folg-
lich wurden mit der VO (EU) Nr. 2019/38 die Rückstandshöchst-
gehalte ohne Übergangsfristen zum 31.07.2019 abgesenkt. Im
Fall von Tafeltrauben (Ausgangsfrucht für Rosinen) fand somit
eine Absenkung des Rückstandshöchstgehaltes von 20 mg/kg
auf 0,01 mg/kg statt. Dieser Wert entspricht der analytisch zu
erreichenden Bestimmungsgrenze.
Bei Rosinen handelt es sich um verarbeitete Lebensmittel. Bei
der Beurteilung der Rückstandshöchstgehalte ist der durch den
Trocknungsprozess begründete Verarbeitungsfaktor von 5 auf
den gesetzlich festgelegten Rückstandshöchstgehalt für Tafelt-
rauben mit einzubeziehen.
Rückstände von Iprodion wurden in den beanstandeten Rosi-
nenproben mit 0,28 mg/kg und 0,49 mg/kg festgestellt. Wäh-
rend von Iprodion aufgrund der toxikologischen Daten und
der üblichen Verzehrsmengen europäischer Verbraucher keine
Gesundheitsgefährdung ausgeht, gestaltet sich die Beurteilung
des Iprodion-Metaboliten umso komplexer. Zu dem Iprodion-
Metaboliten sind derzeitig wenige Informationen, wie zum Um-
wandlungsverhalten, auch während Verarbeitungsprozessen,
bekannt. Toxikologische Referenzwerte stehen in Ermangelung
ausreichender Daten für eine gesundheitliche Bewertung nicht
zur Verfügung.
Eine Risikoabschätzung ist lediglich über das TTC-Konzept mög-
lich. Hiernach kann bei genotoxischen Kanzerogenen, für die
kein toxikologischer Referenzwert existiert, von einer niedrigen
Wahrscheinlichkeit für negative gesundheitliche Effekte aus-
gegangen werden, wenn die chronische Exposition kleiner als
0,0025 µg je Kilogramm Körpergewicht und Tag ist. Nach
die-
ser Berechnung ergibt sich, dass bei beiden Rosinenproben bei
chronischem Verzehr ein Gesundheitsrisiko nicht ausgeschlos-
sen werden kann. Bei der Annahme, dass die Rosinen in Stollen
mit handelsüblicher Rezeptur verbacken werden, ist lediglich
bei der Verwendung der Rosinen mit dem höheren Gehalt von
0,49 mg/kg Iprodion ein Gesundheitsrisiko bei chronischem Ver-
zehr nicht auszuschließen.
Aus Verbraucherschutzgründen hat der Bäcker Untersuchungen
des Christstollens und der Rosinenbrötchen veranlasst, in de-
nen die belastete Charge mit 0,28 mg/kg Iprodion verarbeitet
wurde. In beiden Produkten konnte noch Iprodion nachgewiesen
werden. Die Gehalte lagen durch den Verarbeitungsprozess in
deutlich verringerter Menge vor. Die Bäckerei nahm die Produk-
te freiwillig aus dem Verkauf. Zusätzlich wurde auch die neue
Charge an türkischen Rosinen untersucht, die frei von Iprodion
war.
Aufgrund der Befunde wurden zeitnah bei fünf sächsischen
Bäckern Stollen und die entsprechende Charge an verbackenen
Rosinen beprobt. Hierbei wurden gezielt nur Produkte ausge-
wählt, bei denen die Rosinen türkischer Herkunft waren. Bei
diesen Proben wurden die gesetzlichen Bestimmungen einge-
halten und es wurde kein Iprodion nachgewiesen. Es ist da-
von auszugehen, dass es sich lediglich um Einzelfälle handelt
und der Stollen in der Weihnachtszeit ohne schlechten Beige-
schmack genossen werden kann.
PCDD/F und dl-PCB im Wirkungspfad Boden-Grünland-
Weiderind
Die Arbeitsgruppe „Dioxin-AG“ Sachsen (Mitglieder sind Vertre-
ter der LUA Sachsen und des LfULG sowie der BfUL aus verschie-
denen Fachbereichen) führte ein FuE-Projekt zum Thema
„Di-

│43
oxine und PCB im Wirkungspfad Boden-Grünland-Weiderind“
durch, dessen Abschlussbericht 2019 veröffentlich wurde.
Dioxine (PCDD/F) und dioxinähnliche Polychlorierte Biphenyle
(dl-PCB) sind eine Stoffgruppe von extrem hoher toxikologi-
scher Relevanz und können daher schon in geringsten Konzen-
trationen bedeutsam sein. Bundesweite Fleischuntersuchun-
gen wiesen für die PCDD/F und dl-PCB auf einen bedeutsamen
Übergang bei Weiderindern in das Rindfleisch hin, was in den
Lebensmittelproben einen hohen Anteil an Überschreitungen
der Höchstgehalte zur Folge hatte. Besonders betrifft die An-
reicherung Kälber von Rindern aus Mutterkuhhaltung, da diese
zunächst über die Milch und nachfolgend über das Weidefutter
und auch anhaftende Erde diese Schadstoffe aufnehmen und im
Fettgewebe speichern können. Das zugrunde liegende Vorhaben
sollte anhand exemplarischer Untersuchungen klären, ob und
in welchem Umfang dieses Problem auch für typische Situatio-
nen in der Mutterkuhhaltung im Freiland in Sachsen besteht. An
sechs Standorten im ländlichen Raum mit typischer, ubiquitä-
rer Belastung durch PCDD/F und dl-PCB und ohne spezifischen
Belastungsverdacht wurden daher in einer Freilanderhebung
Proben des Oberbodens von Grünlandflächen, des Aufwuchses
(bodennaher Bereich und Weideaufwuchs, welcher typischer-
weise von Rindern aufgenommen wird) sowie Rindfleisch- und
Rinderleberproben entnommen und untersucht. Die Ergebnisse
ordnen sich in den aktuellen Kenntnisstand in diesem Themen-
feld und die Erkenntnisse aus bekannten Vorhaben anderer Bun-
desländer sehr gut ein und erlauben daher trotz des geringen
Probenumfangs fachbezogene Schlussfolgerungen. So konnte
belegt werden, dass auch bei sehr geringen Konzentrationen von
PCDD/F und dl-PCB im Bereich typischer Hintergrundwerte ein
beachtlicher Transfer in der Wirkungskette Boden – Grünland
– Weiderind stattfindet. Dabei zeigte die Gruppe der dl-PCB im
Vergleich zu den PCDD/F eine besondere Relevanz, da der Anteil
der dl-PCB an der Gesamtbelastung in dieser Wirkungskette vom
Boden (15 %) bis in das Rindfleisch (65 %) erheblich ansteigt.
Gesetzlich festgelegte Höchstgehalte im Futtermittel oder in
den tierischen Lebensmitteln werden dabei nicht erreicht. Aus
den vorliegenden Ergebnissen dieser Untersuchung sind daher
keine unmittelbaren Probleme bei der extensiven Haltung von
Rindern in den ländlich geprägten Regionen Sachsens erkenn-
bar. Dennoch sollte die Problematik im Blickfeld bleiben, denn
es könnte auf Flächen mit erhöhten Konzentrationen, im sied-
lungsnahen Umfeld oder bei spezifischen Eintragssituationen
der Transfer insbesondere von dl-PCB ausreichen, um eine le-
bensmittelrechtliche Relevanz zu entfalten. Böden sollten in der
landwirtschaftlichen Praxis stärker beachtet werden (Auswahl
von Weideflächen, Möglichkeiten des Weidemanagements), um
den Schadstoffübergang so weit wie möglich zu vermeiden.
Weiterreichende Informationen und Schlussfolgerungen sind
dem Bericht zu diesem Vorhaben, welcher in der Schriftenreihe
des LfULG (Heft 2/19: Dioxine im Wirkungspfad Boden – Grün-
land – Weiderind) erschienen ist, zu entnehmen.
Amtliche Außendienstaufgaben
Futtermittelüberwachung
Im Jahr 2019 wurden von den amtlichen Futtermittelkontrol-
leuren 840 Betriebskontrollen in 642 Futtermittelunternehmern
durchgeführt. Dabei wurden 769 amtliche Proben entnommen,
in denen insgesamt 5.509 Analysen beauftragt wurden.
Die entnommenen Proben teilten sich wie folgt auf die einzel-
nen Futtermittelkategorien auf:
]
Einzelfuttermittel:
217 Proben
]
Mischfuttermittel:
524 Proben
]
Vormischungen:
25 Proben
]
Zusatzstoffe:
3 Proben
In 57 der entnommen Proben wurden Beanstandungen festge-
stellt. Hauptsächlich betraf dies Kennzeichnungsmängel. In 22
Proben waren die Gehalte der deklarierten Inhaltstoffe zu bean-
standen und in 26 Proben wurden die gekennzeichneten Gehalte
verschiedener Zusatzstoffe unterschritten. In 6 Proben wurden
Überschreitungen der gesetzlich festgelegten Höchstgehalte er-
mittelt. Diese Futtermittel wurden für das Inverkehrbringen und
die Verfütterung gesperrt. Gegen diese betroffenen Futtermit-
telunternehmen wurden Ordnungswidrigkeitsverfahren einge-
leitet. Weiterhin wurden in einer Probe Trockengrüngut zu hohe
Dioxin-Gehalte nachgewiesen und in einer Probe Futtererbsen
war der Rückstandshöchstgehalt an einem PSM-Wirkstoff (Flu-
oxastrobin) überschritten.
In Auswertung der Analysenergebnisse der entnommenen Fut-
termittelproben sowie aufgrund von Abgaben aus anderen Bun-
desländern bzw. Informationen über das EU-Schnellwarnsystem
iRASFF wurden Heimtierfuttermittel auffällig, die den gesetzli-
chen Vorgaben nicht entsprachen. Besonders häufig wurden
mi-
krobiologische Belastungen bei Kauartikeln für Hunde, wie z. B.
Schweineohren, Kälberschlund, Lammlunge, Rinderkopfhaut
festgestellt. Diese Futtermittel mussten vor allem aufgrund von
Salmonellenbefunden gesperrt und aus dem Verkauf genommen
werden. Aber auch Futtermittel für Nutztiere sind häufig mit
Salmonellen kontaminiert; im zurückliegenden Jahr waren ins-
besondere Rapsextraktionsschrote in teils beträchtlichen Ton-
nagen davon betroffen.
Der Überblick über die in Sachsen durchgeführten amtlichen
Futtermittelkontrollen wird von der amtlichen Futtermittelkon-
trolle in einer Jahresstatistik zusammengestellt und an das BVL
übermittelt.
Diese Statistik veröffentlicht das BVL anschließend auf seiner
Homepage
(https://www.bvl.bund.de).
Somit wird die Transpa-
renz der amtlichen Futtermittelüberwachung sowohl für die
Verbraucher als auch für die Futtermittelunternehmen gewähr-
leistet. Die Einzelergebnisse der Untersuchungen liegen aber nur
der LUA als zuständiger Überwachungsbehörde des Bundeslan-
des Sachsen vor.
EU-Audit zu Insekten und verarbeitetem tierischen Prote-
in (VTP) aus Insekten zur Verwendung in Futtermitteln
Um den Qualitätsstandard der amtlichen Futtermittelüberwa-
chung auf europäischer Ebene zu prüfen und abzusichern, wer-

44 │
den in den Mitgliedstaaten regelmäßige Audits durchgeführt. So
auditierten Experten der Generaldirektion Gesundheit und Le-
bensmittelsicherheit der Europäischen Kommission vom 11. bis
15. November 2019 Deutschland, um die amtlichen Kontrollen
in Bezug auf die Erzeugung und den Handel, einschließlich der
Einfuhr von Insekten und verarbeitetem tierischen Protein (VTP)
aus Insekten zur Verwendung in Futtermitteln zu überprüfen.
Stellvertretend für ganz Deutschland wurden die Bundesländer
Brandenburg und Sachsen besucht.
Die Experten inspizierten in Sachsen zwei Futtermittelunter-
nehmen, die mit der Herstellung von Heimtierfuttermitteln be-
schäftigt sind. Ein Unternehmen kauft getrocknete Insekten zur
Herstellung von Heimtierfuttermitteln zu, das zweite Unterneh-
men züchtet die Insekten selbst und verarbeitet sie anschlie-
ßend zu Einzelfuttermitteln, die dann an Hersteller von Heim-
tierfuttermitteln verkauft werden. Ergänzend sei noch erwähnt,
dass der Einsatz von verarbeitetem tierischem Protein (VTP) aus
Insekten bisher nur in Futtermitteln für Tiere in Aquakultur und
Heimtiere zulässig ist. Die Rechtsvorschriften, die die Futtermit-
telunternehmer im Umgang und bei der Erzeugung von Futter-
mitteln mit Insekten zu beachten und einzuhalten haben, sind
sehr umfangreich. Noch bevor der Futtermittelunternehmer mit
der Herstellung der Insekten und daraus erzeugter Futtermittel
beginnen kann, muss das Futtermittelunternehmen den Zulas-
sungsprozess nach dem Tierische Nebenprodukterecht (TNP-
Recht), der vom Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt
(LÜVA) durchgeführt wird, die Anlagenprüfung durch die Ma-
schinentechnische Sachverständige der LUA Sachsen und den
Registrierungsprozess nach Futtermittelhygieneverordnung, den
die amtliche Futtermittelüberwachung durchführt, durchlaufen.
Erst nach dem erfolgreichen Abschluss dieser Prüfungen darf er
die Tätigkeiten zur Erzeugung und den Handel für diese spezi-
ellen Futtermittel ausüben. Anschließend werden die Futtermit-
telunternehmen weiterhin sowohl vom LÜVA als auch von der
amtlichen Futtermittelüberwachung regelmäßig kontrolliert.
Eine konstruktive und kooperative Zusammenarbeit zwischen
beiden Behörden ist dabei eine grundlegende Voraussetzung.
Das EU - Audit wurde mit einer Eingangsbesprechung mit den
zuständigen Behörden des Bundes und der Länder im Bundes-
ministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Berlin eröff-
net. Dabei wurden unter anderem die umfangreichen Fragebö-
gen und Zuarbeiten, die die Behörden in Vorbereitung auf das
Audit auszufüllen und vorzulegen hatten, ausgewertet. An den
drei nachfolgenden Tagen reiste die Expertengruppe zunächst
nach Brandenburg und anschließend nach Sachsen. Zunächst
war das Expertenteam im Sächsischen Staatministerium für So-
ziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt zu Gast. Dort prä-
sentierten die beiden Überwachungsbehörden die Struktur und
Organisation ihrer Kontrolltätigkeiten, insbesondere in Bezug
auf Unternehmen, die TNP aus Insekten, einschließlich VTP aus
Insekten sowie Futtermittel, die Insekten enthalten, herstellen.
Sehr nachhaltig hinterfragte das Auditteam, wie die Regelungen
und Vorgaben der Kontrolltätigkeit in den Qualitätsmanage-
mentsystemen der beiden Behörden verankert sind und welche
konkreten Weiterbildungen die in der amtlichen Kontrolle täti-
gen Mitarbeiter insbesondere auf dem Gebiet der Verwendung
von Insekten als Futtermittel wahrgenommen hatten. Weiterhin
wurden die Checklisten, die in den Zulassungsprozessen sowie
Kontrollen eingesetzt werden, geprüft.
Im ersten Futtermittelunternehmen führte das Auditteam zu-
nächst eine Betriebsbegehung durch. Das Betriebspersonal
wurde dabei ebenso intensiv befragt, wie die amtlichen Kont-
rolleure, die Rede und Antwort zu den anzuwendenden Rechts-
vorschriften und ihrem konkreten Vorgehen bei den durchge-
führten amtlichen Kontrollen geben mussten. Im Anschluss
wurden das Zulassungs- und Registrierungsverfahren sowie der
Inhalt der von der Behörde erstellten Bescheide einer intensiven
Prüfung durch die Auditoren unterzogen. Im zweiten Unterneh-
men war das Auditteam zwar vor Ort, beschränkte seine Prüfung
aber ausschließlich auf die Dokumente. Die Produktionsräume
dieses Futtermittelunternehmens wurden nicht inspiziert. Die
vorgelegten Betriebsakten, die die Behörden zu dem Unterneh-
men führen, wurden einer eingehenden Tiefenprüfung unter-
zogen. Dabei wurde der Schriftverkehr der Behörden mit dem
Futtermittelunternehmen sowie Telefonnotizen ebenso geprüft,
wie einzelne Bearbeitungsstände des vom Futtermittelunter-
nehmen erarbeiteten HACCP – Konzeptes und dessen Bewertun-
gen durch die Überwachungsbehörde. Am letzten Tag führte das
Auditteam eine Abschlussbesprechung mit den Vertretern der
zuständigen Behörden des Bundes und der Länder wiederum im
BMEL in Berlin durch, in dem es erste Bewertungen des Audits
vornahm. Insgesamt konnte die Arbeit der beiden sächsischen
Überwachungsbehörden der strengen Prüfung des Experten-
teams Stand halten.
Weinüberwachung
Wie bereits in den letzten Jahren stellte auch 2019 die Un-
tersuchung von sächsischen Weinen und anderen Weinbau-
erzeugnissen auf Pflanzenschutzmittelrückstände (PSM) den
Arbeitsschwerpunkt der Weinüberwachung dar. Insbesondere
die seit 2016 der LUA Sachsen übertragene Aufgabe der
flä-
chendeckenden Untersuchung (einschließlich PSM) aller sächsi-
schen Qualitäts- und Prädikatsweine im Rahmen der amtlichen
Qualitätsweinprüfung sorgt für einen erheblichen zusätzlichen
Arbeitsaufwand.
Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden im zurückliegenden
Jahr 805
Qualitätsweine
aus dem Anbaugebiet Sachsen unter-
sucht, davon 557 Erzeugnisse im Rahmen der Erstanstellung
auch auf PSM. Bei den übrigen Weinen handelt es sich um Iden-
titätsproben, das heißt abgefüllte Weine, die bereits als Tank-
bzw. Fassprobe analysiert wurden.
Im Ergebnis waren sämtliche Proben hinsichtlich ihrer
Pflanzen-
schutzmittelrückstände rechtskonform. Es wurden weder zuläs-
sige Wirkstoffe oberhalb der geltenden Höchstgehalte, noch in
Deutschland im Weinbau unzulässige Wirkstoffe oberhalb der
analytischen Bestimmungsgrenze festgestellt. Dies beweist,
dass die seit dem „Weinskandal“ 2016 ergriffenen Maßnahmen
offenbar zielführend waren, so dass unzulässige PSM-Rückstän-
de in sächsischem Wein nunmehr praktisch keine Rolle mehr
spielen.
Im Rahmen der „klassischen“ Analytik fielen jedoch einige
we-
nige Qualitätsweine auf. So wurde zweimal der gesetzliche
Höchstgehalt an flüchtiger Säure überschritten, einmal der
Höchstgehalt an Gesamtschwefeldioxid und einmal wurde der
Mindestgehalt an Gesamtsäure nicht erreicht. Ferner wurde in
einem Fall ein unzulässiger Rot-Weiß-Verschnitt festgestellt
und ein abgefüllter Wein war nicht mit der unter derselben
Amtlichen Prüfnummer angestellten Tankprobe identisch. Auch

│45
sensorisch wurden unter anderem einzelne Trübungen bemerkt
(Klarheit ist aber eine Vorbedingung bei der amtlichen Qualitäts-
weinprüfung) und roséfarbene „blanc de noir“-Weine wichen
hinsichtlich ihrer Farbe von der entsprechenden sächsischen
Produktspezifikation ab. Auch einzelne Kennzeichnungs- bzw.
Formfehler, z. B. unzutreffende Geschmacksangaben, traten
wiederum auf.
An dieser Stelle sei den Kollegen des Thüringer Landesamtes für
Verbraucherschutz in Bad Langensalza gedankt, die zu Beginn
des Jahres die Qualitätsweinanalysen (Untersuchungsparameter
gemäß Anlage 10 der Weinverordnung) in Amtshilfe für die LUA
während des internen Umzuges unseres Getränkelabors über-
nahmen.
Ebenso wie in den Vorjahren wurde zudem der gesamte
Herstel-
lungsprozess stichprobenartig überwacht (Planproben). Auch
dabei stellte sich heraus, dass sämtliche der 27 überprüften
Keltertraubenproben
(Probenahme bei der Lese bzw. Anliefe-
rung des Erntegutes im Verarbeitungsbetrieb) hinsichtlich ihrer
PSM-Rückstände nicht zu beanstanden waren. Lediglich bei ei-
ner Probe lagen die Gehalte der zugelassenen PSM-Wirkstoffe
Ametoctradin und Cyflufenamid geringfügig über dem EU-
Höchstgehalt; angesichts der Messunsicherheit war aber noch
keine formale Beanstandung auszusprechen.
Auch die 15 Proben teilweise gegorenen Traubenmostes (
Fe-
derweißer
), die ebenfalls Gegenstand der Untersuchung waren,
wiesen keine zu beanstandenden PSM-Rückstände auf. Bei drei
dieser Proben waren jedoch Kennzeichnungsfehler (z. B.
fehlen-
de Pflichtangabe des Mindesthaltbarkeitsdatums sowie
unzu-
lässige Verwendung des Begriffs „Erzeugerabfüllung“) festzu-
stellen.
Sächsische
Landweine
wurden im Rahmen eines Landesüberwa-
chungsprogrammes (LÜP) stichprobenartig auf PSM überprüft,
ebenso wie weitere sächsische Weinerzeugnisse (Perlweine,
Schaumweine/Sekt, Glühwein). Keine Proben dieser Erzeugnis-
kategorien wiesen Auffälligkeiten hinsichtlich ihrer PSM-Rück-
stände auf.
Insgesamt ist die Beanstandungsquote bei Planproben Wein
(Warencode 33) jedoch recht hoch. Dem liegen (bis auf wenige
Fälle sensorischer Beanstandungen aufgrund von Oxidations-
tönen, untypischer Alterungsnote sowie Korkton) meist „nur“
Kennzeichnungsverstöße zu Grunde, von denen im Folgenden
einige aufgeführt seien. Bei Qualitätsschaumweinen (Sekt)
wurde die Angabe „Weingut“ gebraucht, obwohl sie diesen Er-
zeugnissen nicht zustand, da nicht nur eigene Trauben verar-
beitet wurden. Des Weiteren fehlte teilweise die bei Sekt ob-
ligatorische Geschmacksangabe bzw. es waren nicht sämtliche
Pflichtangaben im selben Sichtfeld deklariert.
Einige Landweine wurden unzulässigerweise mit Angaben, die
den höherwertigen Qualitätsweinen vorbehalten sind, dekla-
riert, z. B. die geschützte Ursprungsbezeichnungsangabe „Sach-
sen“ sowie nähere geografische Angaben, die Begriffe
„Quali-
tätswein“ und „Schieler“, außerdem ein „lieblicher“ Landwein
(Sächsischer Landwein darf definitionsgemäß nur „trocken“
bzw. „halbtrocken“ sein).
Schließlich mussten zwei abgefüllte Qualitätsweine aus Sach-
sen beanstandet werden, da sie analytisch deutlich von den
je-
weiligen Analysen im Rahmen der amtlichen Qualitätsweinana-
lyse abwichen, das heißt ihre Identität nicht bestätigt werden
konnte.
Weitere Kennzeichnungsfehler betrafen unter anderem fehler-
hafte Abfüller- oder Herkunftsangaben, die unzulässige Verwen-
dung des geschützten Begriffs „Weinbau“ trotz Traubenzukauf,
die unzulässige Verwendung des sächsischen Staatswappens
bzw. eines wappenähnlichen Zeichens, Abweichungen des de-
klarierten Alkoholgehaltes sowie die fehlende Allergenkenn-
zeichnung in deutscher Sprache.
Bei den „
weinhaltigen Getränken
“ (Warencode 34) zeigte sich
ein ähnliches Bild. Auch hier mussten einige Etikettierungsfeh-
ler, beispielsweise unzutreffende (Verkehrs-)Bezeichnungen,
falsche Allergenkennzeichnung und unkorrekte Herstelleranga-
ben, beanstandet werden. Regelmäßig fallen auch Glühweine
bzw. alkoholische Getränke auf Weinbasis mit hier unzulässi-
gen geografischen Angaben (z. B. „Sachsen“) auf; ferner
ent-
sprach ein „Thüringer Glühwein“ aufgrund seiner Herstellung
aus Weißwein nicht der maßgeblichen Produktspezifikation.
Als irreführend wurde ein Weincocktail beurteilt, der in der
Etikettierung „mit Frucht“ beworben wurde, ohne dass ein sol-
cher Frucht anteil enthalten war. Wie in jedem Jahr gab es auch
Beanstandungen bei Glühweinen von Weihnachtsmärkten, so
erreichte ein verkochter Glühwein nicht mehr den geforderten
Mindestalkoholgehalt von 7 %vol.
Fast schon „traditionell“ hoch ist auch die Beanstandungsquote
bei Fruchtweinen und ähnlichem, das heißt sogenannten „
wein-
ähnlichen Erzeugnissen
“ (Warencode 35). Auch hier liegen den
Beanstandungen aber weit überwiegend Verstöße gegen die
einschlägigen Kennzeichnungsvorschriften zugrunde. Neben
häufigen Abweichungen des deklarierten Alkoholgehaltes vom
analytisch festgestellten Gehalt sowie mangelhaften Allergen-
kennzeichnungen wurden in einigen Fällen auch Angaben bean-
standet, die den Erzeugnissen des Weinrechts vorbehalten sind
und bei weinähnlichen Erzeugnissen nicht verwendet werden
dürfen, z. B. Begriffe wie „Wein“, „Glühwein“ und „Wermut“.
Weiterhin wurden einige Erzeugnisse mit hier unzulässigen
nährwertbezogenen Angaben wie „leicht“ sowie „30 % weniger
Zucker“ auffällig; dies ist gemäß VO (EG) 1924/2006 bei Geträn-
ken mit einem Alkoholgehalt von mehr als 1,2 %vol unzulässig.
Zu den Beanstandungen aufgrund der stofflichen
Beschaffen-
heit zählte ein Apfeltischwein mit einem stark erhöhten Alumi-
niumgehalt von 46 mg/l. Diese früher häufigen Beanstandungen
aufgrund einer Aluminiumkontamination durch ungeeignete
Lagerbehältnisse und ähnlichem treten in den letzten Jahren bei
Fruchtweinen nur noch sehr selten auf. Weiterhin musste ein
„Rhabarbersecco“ beanstandet werden, der einen Gehalt an dem
Konservierungsstoff Sorbinsäure enthielt, der den gesetzlichen
Höchstgehalt signifikant überschritt, zudem fehlte die
obliga-
torische Kenntlichmachung dieses Zusatzstoffzusatzes in der
Etikettierung.

46 │
Veterinärmedizinische Tierseuchen- und Krankheits-
diagnostik
Übersicht über das Leistungsspektrum
Der Bereich der Veterinärmedizinischen Tierseuchen- und
Krankheitsdiagnostik der LUA Sachsen hat die Aufgabe, die
durch EU- oder nationale Gesetze, Rechtsverordnungen, Ver-
waltungsvorschriften und Erlasse des SMS festgelegten labor-
diagnostischen Untersuchungen zur Bekämpfung und Überwa-
chung der Seuchenfreiheit von anzeigepflichtige Tierseuchen
und meldepflichtige Tierkrankheiten insbesondere bei
landwirt-
schaftlichen Nutztieren durchzuführen. Weiterhin erfolgen Un-
tersuchungen zur Überwachung und Feststellung von Infektio-
nen mit Zoonoseerregern, sowohl in der Primärproduktion bei
landwirtschaftlichen Nutztieren im Rahmen des Zoonosemoni-
torings in der Lebensmittelkette wie auch bei Wildtieren sowie
Heim- und Haustieren. In Zusammenarbeit mit der Sächsischen
Tierseuchenkasse (TSK) werden Untersuchungen im Rahmen der
festgelegten Programme und Projekte sowie Untersuchungen im
Rahmen der amtlichen Attestierungen für den Handel mit Nutz-
tieren durchgeführt. Daneben fungiert die LUA Sachsen bei tier-
schutzrelevanten Fragestellungen als fachlicher Ansprechpart-
ner der Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämter (LÜVA)
und führt im Bedarfsfall forensische Untersuchungen durch. Die
diagnostischen Ergebnisse dienen der schnellen und zielgerich-
teten Einleitung geeigneter therapeutischer und prophylakti-
scher Maßnahmen in den betroffenen Betrieben und Beständen.
Gleichzeitig bilden sie die Grundlage für die Berichterstattung
an das Land, den Bund und die EU und liefern damit wichtige
Fakten zur korrekten Einschätzung und Bewertung der Tierge-
sundheit und der Verbreitung von Zoonoseerregern in Sachsen.
Das Berichtsjahr hatte aus diagnostischer Sicht zahlreiche
„Hö-
hepunkte“ in allen Bereichen zu bieten. Die Einsendungszah-
len sind in zahlreichen Bereichen angestiegen. Beispielhaft sei
hier das im Jahr 2008 etablierte Sektionsprogramm genannt,
das im Berichtsjahr mit einem Plus von 30 % einen neuen
Einsenderekord aufgestellt hat. Hintergrund sind die nach wie
vor zahlreichen Feststellungen von Rindersalmonellose (siehe
dazu Übersichtsbeitrag im Abschnitt „Spezielle Mikrobiologie
und Mykologie“). Daneben sorgte die weitere Ausbreitung der
Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Westpolen für verstärkte
Abklärungsuntersuchungen. Einen Überblick über die diagnos-
tischen Maßnahmen zur ASP-Überwachung ist im Abschnitt
„Virologie, diagnostische Molekularbiologie“ dargestellt. Letzt-
lich trugen auch die Auswirkungen der 2018 novellierten Tier-
ärztlichen Hausapothekenverordnung mit ihren diagnostischen
Vorgaben zum gezielten Einsatz von Antibiotika nicht nur zu
einem Anstieg der Sektionszahlen bei, sondern erhöhten auch
den Probenanfall in der Mikrobiologie und der Mastitisdiagnos-
tik (siehe dort Beitrag zu Antibiogrammen). Erfreulich ist, dass
neben ASP zahlreiche weitere anzeigepflichtige Tierseuchen wie
BHV-1, BVDV, das Virus der Blauzungenkrankheit, Brucellose,
Klassische Schweinepest, Aujeszkysche Krankheit, Geflügelpest,
Newcastle Disease trotz intensiver Überwachung im Berichts-
zeitraum in den Nutztierbeständen nicht nachgewiesen werden
konnten. Einen detaillierten Überblick über die Untersuchungen
zur Überwachung und Nachweis anzeigepflichtiger Tierseuchen
und meldepflichtiger Tierkrankheiten liefert der auf der LUA-
Homepage veröffentliche Tabellenteil (Tabellen 3.3 und 3.4).
Damit die angewandten diagnostischen Methoden auch zielsi-
cher eingesetzt werden können, sind die korrekte Probenahme
und Transport sowie die Angaben auf dem Untersuchungsan-
trag von entscheidender Bedeutung. Beispiele für weiteren Ver-
besserungsbedarf liefern Beiträge in den Abschnitten „Serolo-
gie“ (BHV-1) und „Virologie, diagnostische Molekularbiologie“
(BVDV-Ohrstanze). Der Fallbericht einer persistenten Infektion
mit dem Border Disease Virus bei einem Schaf zeigt, wie kom-
plex die Diagnostik der Pestiviren ist (siehe Abschnitt „Serolo-
gie“). Krankheitsbilder und damit die Bedeutung bestimmter
Erreger für die Tiergesundheit ändern sich laufend. Dies zeigt
beispielhaft die Auswertung der Sektionsbefunde bei Schweinen
aus den vergangenen Jahren. Ein Fallbericht über einen massi-
ven Nachweis von Strongyliden zeigt aber auch, dass bekannte
Diagnosen nach wie vor ihre Bedeutung haben (beide Beiträge
im Abschnitt „Pathologische Diagnostik“). Zur weiteren Ein-
dämmung der in der Vergangenheit zahlreichen Ausbrüche der
Amerikanischen Faulbrut bei Bienen wurde 2019 zusammen mit
dem SMS ein amtliches Monitoring eingeführt. Schon im ersten
Jahr des auf 4 Jahre angelegten Programms können erste positi-
ve Ergebnisse vermeldet werden (siehe „Bienenkrankheiten“ im
Abschnitt „Pathologische Diagnostik“). Eine Übersicht über die
weitere Ausbreitung des West-Nil-Virus bei Mensch und Tier in
Sachsen nach dem Erstnachweis im Jahr 2018 liefert der Über-
sichtsbeitrag im nächstfolgenden Abschnitt.
Erneut wurde die Qualität der Diagnostik in der LUA Sachsen
durch ein umfassendes Fachaudit der DAkkS überprüft und er-
folgreich absolviert. Schwerpunkt war die Anpassung des QM-
Systems an die neue ISO 17025 – 2018. Ebenso war die Mit-
arbeit der Sachverständigen bei fachlichen Stellungnahmen,
in Arbeitsgruppen und bei der Fort- und Weiterbildung sowohl
LUA-intern wie auch extern gefragt. An dieser Stelle sei allen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre große Einsatzbereit-
schaft und die stets qualifizierte Arbeit trotz ständig hoher
Be-
lastungen gedankt.
Die folgenden Ausführungen geben nur einen Ausschnitt der im
Berichtsjahr getätigten vielfältigen diagnostischen Leistungen
und Serviceleistungen in den Bereichen Pathologie, Parasitolo-
gie, Mikrobiologie, Virologie, Serologie, Molekularbiologie und
Elektronenmikroskopie wider. Eine Gesamtübersicht der Proben-
und Untersuchungszahlen ist im Tabellenteil, der auf der LUA-
Homepage veröffentlicht ist, zu finden.

│47
Übertragung durch Organtransplantation, durch Bluttransfusio-
nen sowie während der Schwangerschaft.
Die meisten Infektionen mit WNV verlaufen beim Menschen
symptomlos. In ca. 20 % der Fälle treten ca. 3 – 14 Tage nach
der Ansteckung unspezifische, grippeähnliche Symptome auf.
Der Erreger kann jedoch die Blut-Hirn-Schranke passieren und
Entzündungen des Gehirns sowie der Hirnhäute oder auch akute
schlaffe Lähmungen auslösen. Ist das Zentralnervensystem auf
diese Weise betroffen, kommt es häufig zu schweren,
bleiben-
den Behinderungen und in ungefähr 10 % der Fälle zu tödlichen
Verläufen. Personen über 50 Jahren haben ein höheres Risiko,
eine schwere Form der Krankheit zu entwickeln. Da nur etwa ein
Prozent der Infektionen mit WNV zu solch schweren neuroinva-
siven Erkrankungen führt, ist von einer hohen Dunkelziffer wei-
terer Infektionen mit leichtem Verlauf, die nicht diagnostiziert
wurden, auszugehen.
Das Auftreten von autochthon erworbenen WNV-Erkrankungen
bei Menschen im Jahr 2019 war gerade in einer Region, in der
zuvor zahlreiche Nachweise bei Vögeln und auch Pferden ge-
führt wurden, zu erwarten. Mit weiteren und auch einer Zunah-
me von Fällen in den nächsten Jahren ist zu rechnen.
Nachweise und Monitoringuntersuchungen bei Pferden
und Vögeln in Sachsen
In Deutschland gehört das West-Nil-Virus (WNV) bei Vogel und
Pferd zu den anzeigepflichtigen Tierseuchen. Der Erreger des
West-Nil-Fiebers (WNF) zählt zur Familie der Flaviviridae, zu
der weitere für Tier und Mensch infektiöse Viren wie z. B. das
Frühsommermeningoenzephalitis (FSME)- und das Usutu-Virus
gehören. Während die Infektion mit WNV beim Vogel zumeist
symptomlos verläuft – Ausnahmen bilden unter anderem Sper-
lingsvögel und einige Greifvogelarten – zeigen einige Pferde
zentralnervöse Ausfallserscheinungen, allgemeine Schwäche,
Tremor und Lähmungen bis hin zum Festliegen. Bei bis zu 44 %
der klinisch erkrankten Equiden kann die Krankheit tödlich ver-
laufen.
Da klinische Erkrankungen nur einen kleinen Teil des Infektions-
geschehens darstellen und um fortlaufend Informationen zum
weiteren Verlauf des WNV-Verbreitung in Sachsen zu erhalten,
wurde Ende 2018 zusammen mit dem SMSV ein Surveillance-
Programm etabliert. Ziel ist es, durch gezielte Monitoringunter-
suchungen Daten zum Vorkommen und zur Ausbreitung dieses
2018 neu nach Deutschland eingetragenen exotischen Zoonose-
erregers zu erhalten. Demnach werden stichprobenartig klinisch
unauffälliges Nutzgeflügel in Freilandhaltung sowie klinisch
un-
auffällige Pferde serologisch auf WNV-Antikörper mittels ELISA
untersucht. Bei Verdachtsfällen mit Klinik, Verlustgeschehen
oder bei Hinweisen im Rahmen der Sektionen von Pferd, Wild-
vögeln der Ordnung Sperlings- und Rabenvögel, Eulen, Greifvö-
gel und Nutzgeflügel erfolgt weiterhin eine Abklärung mittels
molekularbiologischer und serologischer Methoden. Tabelle 1
gibt einen Überblick über die im Berichtsjahr durchgeführten
Untersuchungen.
West-Nil-Virus (WNV) –
ein neuer, exotischer Zoonoseerreger in Sachsen
Erste autochthone West-Nil-Virus-Erkrankungen beim
Menschen in Sachsen
Im September 2019 wurde in Sachsen erstmals in Deutschland
das West-Nil-Virus (WNV) als Auslöser autochthoner, also hier-
zulande erworbener Meningoenzephalitiden (Entzündung des
Gehirns und der Gehirnhäute) beim Menschen nachgewiesen.
Bei dem ersten nachweislich betroffenen Patienten handelte
es sich um einen 69-jährigen Mann, Tierhalter mit ländlichem
Wohnort im Landkreis Leipzig, ohne vorherige Reise ins Ausland
und ohne wesentliche Vorerkrankung. Der Betroffene wurde
Anfang September aufgrund einer Meningoenzephalitis in ei-
nem Leipziger Klinikum behandelt und nach 3 Wochen genesen
entlassen. Der virologische Nachweis erfolgte am Nationalen
Referenzzentrum für tropische Infektionserreger am Bernhard-
Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) sowohl serologisch,
als auch durch direkten Nachweis des Virusgenoms mit einer
WNV-spezifischen PCR.
Ein weiterer Erkrankungsfall betraf einen 81-Jährigen aus der
Stadt Leipzig, der ab Mitte September mit einer Enzephalitis
(Gehirnentzündung) im Krankenhaus behandelt werden muss-
te. Zudem erfolgte der Nachweis einer WNV-Infektion bei einer
24-jährigen Patientin aus dem LK Leipzig, die jedoch nur mit
grippeähnlicher Symptomatik sowie einem Exanthem erkrankt
war.
Neben den drei durch das Bernhard-Nocht-Institut bestätigten
Fällen aus Sachsen wurde eine weitere neuroinvasive Erkran-
kung einer 44-jährigen Frau aus Sachsen-Anhalt (LK
Witten-
berg) sowie eine Erkrankung ohne neuroinvasiven Verlauf einer
46-Jährigen aus Berlin (SK Berlin-Lichtenberg) übermittelt. Bei-
de, ebenfalls autochthon erworbenen Infektionen wurden mit-
tels Genomnachweis am BNITM bestätigt.
Alle aufgeführten Fälle traten innerhalb des Gebietes auf, in
dem im Spätsommer 2018 und erneut 2019 eine Zirkulation
von WNV zwischen Mücken und Vögeln zu beobachten war
und in dem zahlreiche Vögel und einige Pferde (vergleiche LUA-
Jahresbericht 2018 – Erstnachweis bei einem erkrankten Pferd
in Deutschland) als WNV-infiziert diagnostiziert wurden. Zuvor
war der Erreger bis auf den Fall eines Tierarztes in Bayern, der
sich bei der Obduktion eines Vogels angesteckt hatte, nur in sel-
tenen Fällen bei Reiserückkehrern nachgewiesen worden.
Erstmals 1937 im West-Nil-Distrikt in Uganda/Afrika isoliert,
ist das WNV seit Jahren in der Mittelmeerregion Europas en-
demisch mit einer Tendenz sich nach Nordosten auszudehnen.
Bis September 2018 gab es in Deutschland weder Erkrankun-
gen beim Mensch noch gemeldete Tierseuchenfälle. Hauptwirte
des West-Nil-Virus sind wild lebende Vögel. Stechmücken kön-
nen das Virus aber auch auf Säugetiere (vor allem Pferde) und
Menschen übertragen, die im Gegensatz zu Vögeln als Fehlwirte
fungieren. Da das Blut von infizierten Säugetieren in sehr viel
geringerem Maß mit Viren belastet ist, stellen diese selbst keine
Virusquelle für Mücken dar. Das bedeutet, dass eine Übertra-
gung von Mensch zu Mensch über den Vektor Stechmücke nicht
zu befürchten ist. Mögliche Übertragungswege sind aber eine

image
48 │
Tabelle 1: Übersicht über 2019 untersuchte WNV-Proben
und Ergebnisse
Gesamt
Erregernachweis
Antikörpernachweis
Tierart
Proben
Untersu-
chungen
Proben
PCR
positiv
Proben
bestätigt
Pferd
736
928
115
1
699
13
Nutz-
geflügel
1.145
1.172
61
0
1.100
11
Wild-
vogel
57
101
57
7
1
0
Sonstige
59
17
59
7
0
0
Gesamt
1.997
2.218
292
15
1.800
24
Im Berichtsjahr 2019 wurden 234 Einsendungen mit Blutproben
von insgesamt 699 Equiden serologisch auf Antikörper gegen
WNV untersucht. Von den Blutproben zeigten 48 eine positive
Reaktion in dem an der LUA Sachsen eingesetzten West-Nil-
ELISA. Diese Proben müssen aufgrund der engen antigenetischen
Verwandtschaft mit anderen Flaviviren durch eine Untersu-
chung im Serumneutralisationstest (SNT) bestätigt bzw. diffe-
rentialdiagnostisch abgeklärt werden. Da es sich bei dem WNV
um einen Erreger der Risikogruppe 3 handelt, geschieht dies
am zuständigen Nationalen Referenzlabor (NRL) des Friedrich-
Loeffler-Instituts. In 13 der 48 Proben wurden im SNT WNV-
spezifische Antikörper nachgewiesen. In 25 Proben beruhten die
im ELISA gemessenen Reaktionen auf einer FSME-Infektion und
in 2 Proben konnten Usutu-Virus-spezifische Antikörper
nach-
gewiesen werden. Bei 5 Proben konnte die ELISA-Reaktion vom
NRL nicht bestätigt werden und bei weiteren 3 der untersuchten
Tiere handelte es sich um Impftiere. Im WNV-IgM-ELISA zeigten
4 der im SNT positiven Proben ebenfalls ein positives Ergebnis,
welches auf eine frische Infektion hinweist. Eine aktuelle Virä-
mie konnte jedoch nur bei einem Pferd durch einen
Erreger-
nachweis mittels WNV-PCR nachgewiesen werden.
Des Weiteren wurden 105 Einsendungen mit insgesamt 1.100
Blutproben von Nutzgeflügel sowie die Blutprobe einer
Wald-
ohreule serologisch an der LUA Sachsen untersucht. Im Ge-
gensatz zum Vorjahr (alle Proben negativ) zeigten Seren von
16 Hühnern, 3 Tauben und der Waldohreule eine Reaktion im
WNV-ELISA. Der Nachweis von WNV-spezifischen Antikörpern
konnte bei 10 der Hühnerseren durch Abklärung am NRL er-
bracht werden, ebenso bei einer Taubenblutprobe. Zwei Proben
von Hühnern sowie die Taubenprobe stammten aus dem Bestand
des erkrankten Tierhalters im Landkreis Leipzig (siehe oben). Die
weiteren Proben konnten vom NRL nicht bestätigt werden bzw.
es war für die Abklärung nicht ausreichend Material vorhan-
den. Neben dem serologischen Antikörpernachweis konnte aus
Organmaterial von insgesamt 177 Proben von Nutzgeflügel,
Wildvögeln und sonstigem gehaltenen Vögeln in 14 Fällen ein
Erregernachweis von der LUA Sachsen erbracht werden (Tabel-
le 1). In Nutzgeflügel konnte WNV nicht nachgewiesen werden.
Neben Wildvögeln gelang der Nachweis vor allem bei gehal-
tenen Vögeln aus zoologischen Einrichtungen, die in der Regel
eine deutliche klinische Symptomatik aufwiesen.
Die bislang gewonnenen Daten zeigen, dass das WNV sich nach
Ersteintrag im Jahr 2018 im vergangenen Jahr in Sachsen eta-
bliert hat. Mit Stand 31.12.2019 konnten seit Beginn des Mo-
nitorings nahezu flächendeckend über ganz Sachsen verteilt
Proben untersucht werden (siehe Abbildung 1). Eine erhöhte
Probendichte ergab sich in den Regionen Leipzig, Mittelsachsen
und Dresden. Im Raum Leipzig und Dresden sowie im Landkreis
Nordsachsen konnten WNV-Antikörper und/oder Erregernach-
weise in Pferde- und Geflügelbeständen nachgewiesen werden,
während im Raum Chemnitz nur Vögel (serologisch) positiv be-
probt wurden. Es ist mit einer weiteren Ausbreitung des WNV
verbunden mit einer Zunahme von Nachweisen und Krankheits-
fällen bei Mensch und Tier zur rechnen. Die StIKoVet empfiehlt
daher als Prophylaxe beim Pferd eine Impfung.
Abbildung 1:
Grafische Darstellung der beprobten Gemeinden in Sachsen seit Beginn des WNV-Monitorings im September 2018 mit Verteilung und Anzahl
positiver Antikörper- (Rechteck) und Erregernachweise (Kreis) mittels ELISA bzw. PCR-Testverfahren bei Vögeln (rot) und Pferden (gelb).

│49
Auswertung Sektionsprogramm
Um Landwirten und landwirtschaftlichen Unternehmen den
Zugang zu Großtiersektionen an den Standorten Leipzig und
Dresden zu erleichtern, haben das damalige Sächsische Staats-
ministerium für Soziales und die Sächsische Tierseuchenkasse
am 12.11.2007 ein Programm zur diagnostischen Abklärung
von Tierverlusten bei Pferden, Rindern, Schweinen, Schafen und
Ziegen verabschiedet. Im Rahmen dieses Sektionsprogramms
wurden im Jahr 2019 insgesamt 1.572 Pferde, Rinder, Schwei-
ne, Schafe und Ziegen an der LUA Sachsen untersucht, davon
wurden 798 Tiere von der Tierkörperbeseitigungsanstalt Sach-
sen (TBA) mit dem Spezialfahrzeug angeliefert. Gegenüber 2018
(1.158 Tiere) sind die Einsendungszahlen somit um knapp 36 %
angestiegen, selbst der bisherige „Rekord“ aus dem Jahr 2010
(1.192 Tiere) wurde um knapp 32 % übertroffen. Diese enorme
und so nicht vorhersehbare Steigerung stellte alle Beteiligten
in der LUA Sachsen sowie die anliefernde TBA vor erhebliche
personelle und logistische Herausforderungen, da nicht nur in
der Pathologie, sondern auch in allen beteiligten Servicelabors
deutlich mehr Proben zu bearbeiten waren.
Von den 1.572 eingesandten Tieren waren 637 Rinder, 744
Schweine, 34 Pferde, 155 Schafe und Ziegen sowie 2 sonstige
Tiere (Abbildung 2). Für jedes sezierte Tier werden nach Abschluss
der Untersuchungen eine oder mehrere Diagnosen gestellt. Ins-
gesamt konnten den 1.572 obduzierten Tieren 3.121 Hauptdia-
gnosen zugeordnet werden. Im Berichtszeitraum wurden insge-
samt 58 anzeigepflichtige Tierseuchen (58x Salmonellose Rind)
und 50 meldepflichtige Tierkrankheiten diagnostiziert. Auch bei
den 50 meldepflichtigen Erkrankungen dominierten die
Salmo-
nellosen (30x Schwein und 7x Schaf). Hinzu kamen 6x Listeriose
(1x Rind, 4x Schaf, 1x Ziege) sowie 4x Paratuberkulose und 3x
Q-Fieber beim Rind.
Sektionen Rind
Im Berichtsjahr wurden insgesamt 909 Sektionen von
Tierkör-
pern (668), Feten (237) bzw. Organe (4) durchgeführt. Das ist
gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 24 %. Mit 72 %
ist die relative Steigerung bei Kälbern der Gewichtsklasse 80
bis 150 kg am größten. Die größte absolute Steigerung gab es
mit 115 Stück (47 %) bei Rindern >150 kg. Damit wurden im
Vergleich zu den Vorjahren mit Ausnahme der Feten in allen
Kategorien die bisherige Höchstzahl an Sektionen übertroffen
(siehe Abbildung 3).
Die Steigerung beruht im Wesentlichen auf vermehrten Ausbrü-
chen von Rindersalmonellose, in deren Folge die Untersuchung
von verendeten Tieren amtlich angeordnet wurde. Folglich war
der Anteil an Nachweisen von Salmonellen außergewöhnlich