image
image
image
52. Jahrgang 2010 . ISSN 0863-0704
Naturschutzarbeit in Sachsen

image
Gewöhnliche Gebirgsschrecke
(Podisma pedestris)
Foto: D. Klaus
2|
Vom Aussterben bedroht:

|3
Carola Schneier, Christina Kretzschmar, Wenke Kraft
Naturschutzberatung in Sachsen – erste Ergebnisse ........................................................................................................4
Volkmar Kuschka
Erfahrungen zum Amphibienschutz an Straßen ..............................................................................................................14
Andreas Stowasser
Anwendungsmöglichkeiten ingenieurbiologischer Bauweisen
bei der naturnahen Umgestaltung von Fließgewässern ...............................................................................................32
Sebastian Krüger
Naturnaher Bachwald, Schritt für Schritt ...........................................................................................................................50
Eckardt Rudolph
Natur in der Stadt – und Menschen, die etwas dafür tun:
Das erste Jahr als Naturschutzhelfer ....................................................................................................................................58
Matthias Vogel
Über die Tätigkeit der AG Naturschutz Eppendorf .........................................................................................................64
Klaus George
Veränderungen der ostdeutschen Agrarlandschaft und ihrer Vogelwelt ...............................................................66
Thomas Voigt
Bundes- und landesrechtliche Regelungen mit Wirkungen auf Gehölze –
Erläuterungen zum Verständnis des Vollzugs ....................................................................................................................74
Inhaltsverzeichnis

image
image
1 Einleitung
Seit 2008 besteht für Landnutzer in Sachsen ein
Beratungsangebot zu Fördermaßnahmen des Na-
turschutzes. Die Naturschutzberatung für Land-
nutzer ist selbst eine Fördermaßnahme der Richt-
linie Natürliches Erbe (RL NE). Sie soll das
gegenseitige Verständnis
von Naturschutz und
Landwirtschaft weiter verbessern und dazu bei-
tragen, Naturschutzmaßnahmen bestmöglich in
betriebliche Abläufe zu integrieren.
Die Naturschutzberatung wird aus Mitteln des
Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Ent-
wicklung des ländlichen Raums (ELER) und des
Freistaates Sachsen finanziert und ist für die
Landnutzer kostenlos.
Für alle Maßnahmen, die aus Mitteln des ELER ko-
finanziert werden – also auch für die Natur-
schutzberatung – bedarf es einer umfassenden
Begleitung und Bewertung. Diese wird von fach-
licher Seite durch das Landesamt für Umwelt,
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 4– 13
Naturschutzberatung in Sachsen –
erste Ergebnisse
Carola Schneier, Christina Kretzschmar, Wenke Kraft

|5
Landwirtschaft und Geologie (LfULG) durchge-
führt. Der folgende Artikel stellt erste Ergebnisse
der fachlichen Begleitung und Bewertung des
LfULG zum ersten Durchgang der Naturschutzbe-
ratung (LfULG 2010) sowie Auswertungen der Ko-
ordinierungsstelle Naturschutzberatung zum
zweiten Durchgang vor.
2 Ziele und Anliegen
der Naturschutzberatung
Die Naturschutzberatung für Landnutzer verfolgt
im Wesentlichen
folgende Ziele:
Verbesserung der Kenntnisse der Bewirt-
schafter zu konkreten Naturschutzzielen auf
ihren Flächen durch regionalisierte Informa-
tion,
Akzeptanzsteigerung für Naturschutz allge-
mein, für Fördermaßnahmen des Natur-
schutzes und für Natura 2000 durch den
persönlichen Kontakt mit den Landbewirt-
schaftern bzw. Flächeneigentümern vor Ort,
Umsetzung der Managementpläne zur
Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH) mit
dem Landwirt als Partner,
Gewährleistung einer bestmöglichen Über-
einstimmung von naturschutzfachlich er-
wünschten Maßnahmen, angebotenen För-
derinstrumenten und betrieblichen
Erfordernissen,
Verbesserung der Effizienz und Effektivität
der (Förder)Maßnahmen aus naturschutz-
fachlicher Sicht und
Unterstützung der Behörden bei der Umset-
zung der Naturschutz-Förderprogramme.
Insbesondere für die Zielstellungen, die sich aus
der FFH- und Vogelschutzrichtlinie ergeben, soll
die Kooperationsbereitschaft für erforderliche Er-
haltungs- und Entwicklungsmaßnahmen u. a.
über eine aktive Beratung und Aufklärung der Be-
wirtschafter zur Erfordernis der Maßnahmen her-
gestellt werden. Indem die Naturschutzberatung
zu einer Effizienzsteigerung bei der Maßnahmen -
umsetzung beiträgt, kann sie mittelbar dem Rück-
gang der natürlichen biologischen Vielfalt ent -
gegenwirken. Insgesamt sollen die Naturschutz-
beratung zu einer Sensibilisierung der Landnutzer
für die Ziele des Umwelt- und Naturschutzes füh-
ren und damit langfristig eine höhere Akzeptanz
für die europäischen Schutzziele und -maßnah-
men erreicht werden (SMUL 2009).
Positive langjährige Erfahrungen zu einer gezielten
naturschutzorientierten Beratung von Landnut-
zern durch behördenunabhängige Berater liegen
aus verschiedenen europäischen Staaten und auch
anderen Bundesländern vor. Ein wesentlicher Er-
folgsfaktor der Naturschutzberatung ist, dass dem
Landnutzer, unmittelbar vor Ort und konkret auf
seine Flächen bezogen, naturschutzfachliche An-
liegen vorgestellt und gemeinsam geeignete Maß-
nahmen abgestimmt werden können.
In Sachsen wurden in der Vergangenheit erste Er-
fahrungen im Rahmen der Förderung von Pla-
nungs- und Managementleistungen für Natur-
schutzmaßnahmen und eines Pilotprojektes zur
Naturschutzberatung unter Federführung des
Deutschen Verbandes für Landschaftspflege (DVL)
e. V. mit Förderung durch das Sächsische Ministe-
rium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) ge-
sammelt. Deren Ergebnisse flossen in die Ausge-
staltung der aktuellen Fördermaßnahme C.1 der
Richtlinie Natürliches Erbe „Naturschutzberatung
für Landnutzer“ ein. Neben den positiven natur-
schutzfachlichen Wirkungen der Naturschutzbe-
ratung spielte in Sachsen für deren Einführung
ein weiterer Gesichtspunkt eine Rolle. Im Rahmen
der Auswertungen der fachlichen Begleitung des
Vorgängerprogramms Naturschutz und Erhalt der
Kulturlandschaft (NAK) (z. B. LfUG 2005) in der
Förderperiode 2000 – 2006 zeigte sich, dass die
Naturschutzbehörden oftmals nicht über die er-
Abb. 1: Bewertung einer Bergwiese
Foto. DVL-Landesbüro Sachsen, R. Schubert

image
6|
Abb. 2: Beratungsgespräch vor Ort
Foto: LPV Westerzgebirge
forderliche Zeit verfügen, um Naturschutzziele
ausreichend an die Landnutzer zu vermitteln und
mit deren landwirtschaftlichen Belangen in Ein-
klang zu bringen. Das Instrument Naturschutzbe-
ratung wurde und wird daher auch als Chance
gesehen, die zuständigen Naturschutzbehörden
in Sachsen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Die
inhaltlichen Vorgaben zum Instrument Natur-
schutzberatung sind deshalb relativ flexibel ge-
halten, sodass eine Anpassung an die jeweiligen
regionalen Erfordernisse möglich ist.
Die Naturschutzberater stehen den Landnutzern
und Flächeneigentümern vor Ort als kompetente
Ansprechpartner zur Verfügung. Damit werden
die Anliegen des Naturschutzes leichter und kon-
kreter vermittelbar, andererseits kann auch der
Landnutzer seine Belange besser darstellen und
das gegenseitige Verständnis von Naturschutz
und Landwirtschaft wächst. Am Ende können alle
gewinnen: Landnutzer werden für Naturschutz-
ziele sensibilisiert und erhalten durch die Natur-
schutzberatung eine fundierte Grundlage zur
Inanspruchnahme von geeigneten Fördermaß-
nahmen. Naturschutzgerechte Bewirtschaftungs-
maßnahmen können auf mehr Flächen als bisher
etabliert werden, was dem Erhalt wertvoller Bio-
tope und Arten dient.
3 Verfahren der Naturschutzberatung
Die Fördermaßnahme C.1 „Naturschutzberatung
für Landnutzer“ wurde im November 2008 mit
einem ersten Durchgang gestartet. Seit Dezember
2009 läuft der zweite Durchgang. Ein neuer
Durchgang wird jeweils durch eine öffentliche
Mitteilung des SMUL zur Eröffnung des Antrags-
verfahrens eingeleitet. Antragsberechtigt sind
juristische Personen des Privatrechts sowie Träger
von Unternehmen. Mit den ausgewählten Insti-
tutionen werden Zuwendungsverträge geschlos-
sen, auf deren Grundlage die Beratungsaktivitä-
ten für die Vertragslaufzeit stattfinden. Während
der erste Durchgang der Naturschutzberatung
eine einjährige Laufzeit hatte, wurden für den
zweiten Durchgang zweijährige Zuwendungsver-
träge abgeschlossen. So kann der Naturschutzbe-
rater über einen längeren Zeitraum als verlässli-
cher Ansprechpartner für den Landnutzer zur
Verfügung stehen.
Die öffentliche Mitteilung umfasst zwei wesent-
liche Bestandteile: zum einen werden Beratungs-
einheiten benannt, welche die Zielgebiete der
Naturschutzberatung räumlich und inhaltlich
definieren, zum anderen wird ein Leistungskata-
log bekannt gegeben, in dem definierte Leistungs-
bestandteile einer Naturschutzberatung mit Fest-
kostensätzen unterlegt sind.
Die Beratungseinheiten werden in Abstimmung
mit den Unteren Naturschutzbehörden von den
jeweils zuständigen Naturschutzfachbehörden –
das sind die Sachgebiete Naturschutz in den drei
Außenstellen des LfULG in Mockrehna, Kamenz
und Zwickau – festgelegt. Eine Beratungseinheit
kann ausgewählte FFH- und Vogelschutzgebiete
oder einzelne Biotoptypen (z. B. wertvolle Berg-,
Feucht- und Frischwiesenkomplexe oder Streu-
obstwiesenbiotope) in einem festgelegten Terri-
torium (Gemeindegebiet, Landkreis) umfassen,
aber auch generell alle Biotope und naturschutz-
relevanten Flächen innerhalb eines definierten
Gebietes (meist Altlandkreise). Diese Flexibilität

image
|7
gestattet es, den Einsatz von Naturschutzberatern
an den jeweiligen regionalen Beratungsbedarf an-
zupassen.
An Naturschutzberater werden hohe Anforderun-
gen hinsichtlich ihrer fachlichen Qualifikation ge-
stellt. Dazu gehört der Nachweis einer entspre-
chenden naturschutzfachlichen Qualifikation und
entsprechender Ortskenntnisse. Die Berater müs-
sen aber auch über Grundwissen in der Landwirt-
schaft verfügen. Kenntnisse zu den relevanten
Förderrichtlinien sowie zum Antragsverfahren
Agrarförderung sind unbedingt erforderlich.
Darüber hinaus müssen die Berater Erfahrungen
in kooperativen Prozessen sowie Beratungstätig-
keiten haben.
Die Naturschutzberater gehen aktiv auf die Land-
nutzer in ihrer Beratungseinheit zu und stellen
das Naturschutzberatungsangebot vor. Daraus er-
geben sich dann Beratungstermine, zu denen die
naturschutzfachlichen Ziele und Umsetzungs-
wege besprochen werden können.
Die Beratungsaktivitäten können gemäß Leis -
tungskatalog folgende Tätigkeiten umfassen:
die Information von Landnutzern über
Schutzziele und Anforderungen des Natur-
schutzes,
eine flächenkonkrete Beratung über Förder-
möglichkeiten,
die fachliche Einschätzung potenzieller Maß-
nahmeflächen,
Abstimmungs- und Vermittlungstätigkeiten
gegenüber Dritten sowie
eine fachliche Begleitung bei der Maßnah-
meumsetzung.
Die Beratungsergebnisse dienen den im Förder-
vollzug zuständigen Naturschutzbehörden als
Grundlage für die naturschutzfachliche Beurtei-
lung entsprechender Förderanträge. Eine positive
naturschutzfachliche Stellungnahme ist die Vor-
aussetzung für die Bewilligung von Naturschutz-
fördermaßnahmen.
Um eine Schnittstelle zwischen Naturschutzbera-
tern und den beteiligten Behörden zu schaffen,
wurde durch das SMUL eine Koordinierungsstelle
Naturschutzberatung eingerichtet. Diese Aufgabe
nimmt das Landesbüro Sachsen des DVL e.V.
wahr. Die Koordinierungsstelle steht den Natur-
schutzberatern als ständiger Ansprechpartner zur
Verfügung, nimmt vielfältige organisatorische
Aufgaben wahr und unterstützt das SMUL und
LfULG bei der fachlichen Begleitung der Natur-
schutzberatung.
Die Naturschutzberater werden durch Schulun-
gen und Informationsveranstaltungen auf ihre
Beratungstätigkeiten vorbereitet und in ihrer Aus-
führung begleitet.
Den Beratern werden umfassende Fachgrundlagen
(u. a. Managementpläne, Selektive Biotopkartie-
rung, Biotopverbundplanungen) für die jeweiligen
Beratungseinheiten zur Verfügung gestellt. Ge-
nauso wichtig sind die Fachkenntnisse der Natur-
schutzhelfer und Natura 2000-Gebietsbetreuer vor
Ort. Deshalb ist ein guter Austausch zwischen Na-
turschutzberatern und Naturschutzhelfern bzw.
Natura 2000-Gebietsbetreuern unerlässlich, um
möglichst umfassend die konkreten Naturschutz-
ziele (Artvorkommen etc.) an die jeweiligen Land-
nutzer weiterzugeben. Gegebenenfalls können
auch gemeinsame Vor-Ort-Termine von Landnut-
zern, Naturschutzberatern und Mitarbeitern im eh-
renamtlichen Naturschutzdienst stattfinden und
Abb. 3: Naturschutzberaterschulung

8|
so einen Prozess in Gang setzen, der die Umset-
zung weiterer Naturschutzziele auch über die Na-
turschutzförderung hinaus ermöglicht. Weiterhin
erfolgen regelmäßige Auswertungsveranstaltun-
gen, die dem Erfahrungsaustausch zwischen Na-
turschutzberatern und beteiligten Behörden die-
nen und in denen Optimierungsmöglichkeiten des
Verfahrens diskutiert werden können.
Die Tätigkeiten der Naturschutzberater werden
nach vorgegebenen Festkostensätzen abgerech-
net. Eine Auszahlung der Zuwendung erfolgt erst
nach erbrachter Leistung und nach Prüfung des
Verwendungsnachweises durch das LfULG.
4 Praktische Erfahrungen in
der Naturschutzberatung in Sachsen
4.1 Räumliche Übersicht zu den
bisherigen Beratungsaktivitäten
Der erste Durchgang der Naturschutzberatung
wurde in 25 Beratungseinheiten durch 14 Insti-
tutionen (= Zuwendungsempfänger C.1) mit ins-
gesamt 32 Beratern durchgeführt. Im zweiten
Durchgang wird die Naturschutzberatung in 19
Beratungseinheiten durch 13 Institutionen mit 25
Beratern angeboten. Zuwendungsempfänger des
ersten und zweiten Durchgangs sind bereits vor
Ort tätige Landschaftspflege- und Naturschutz-
verbände bzw.
-vereine sowie Fachbüros.
Im ersten Durchgang wurden die Beratungsein-
heiten überwiegend fachlich definiert, z. B. „Berg-
wiesen, Borstgrasrasen, Frischwiesen, Nasswiesen,
Moore und Steinrücken in Gebietsteilen der Ge-
meinde Altenberg (innerhalb und außerhalb von
Natura 2000-Gebieten, außerhalb des NGP)“ (NGP
= Naturschutzgroßprojekt) oder ein FFH-Gebiet
als Beratungseinheit benannt z. B. „FFH 251 Flöha-
tal“. Beratungsschwerpunkte waren NATURA
2000-Ziele sowie in bestimmten Regionen der
Biotoptyp „Streuobstwiese“. Manche Formulie-
rungen waren fachlich zu einschränkend und
zudem kam es häufiger zu Überschneidungen
verschiedener Beratungseinheiten. Daher wurden
im zweiten Durchgang vermehrt Beratungsein-
heiten auf administrativer Ebene formuliert. So
lauten die Beratungseinheiten nun beispielsweise
„Landnutzer / Betriebe mit Betriebssitz im Altkreis
Löbau-Zittau“ oder „Streuobstwiesen, Biotope,
Lebensräume und Habitate im Landkreis Mittel-
sachsen, Altkreis Mittweida“. Inhaltlich bleibt na-
türlich auch hier die Umsetzung von Natura 2000
ein wesentliches Beratungsziel.
Die vollständige Übersicht der Beratungseinheiten
des zweiten Durchgangs mit den Kontaktdaten
der Beratungsinstitutionen ist auf den Internet-
Seiten des SMUL einsehbar
(http://www.smul.
sachsen.de/foerderung/93.htm). Die Karte zeigt
die Verteilung der Beratungseinheiten des zweiten
Durchgangs in Sachsen.
4.2 Ergebnisse der Naturschutzberatung
4.2.1 Erster Durchgang
Der quantitativen Auswertung des ersten Durch-
gangs der Naturschutzberatung liegen in erster
Linie die Beratungsbögen, mit denen die Natur-
schutzberater ihre Beratungsaktivitäten doku-
mentieren, zu Grunde. Für qualitative Aussagen
zur Naturschutzberatung wurde auf die Jahres-
berichte (die für jede Beratungseinheit zu erstel-
len sind), die Interviewbögen (mit denen die Be-
rater jedes Jahr befragt werden) sowie auf die
mündlichen Aussagen der Beteiligten auf den
Auswertungsveranstaltungen zur Naturschutzbe-
ratung zurückgegriffen.
Die Auswertung der Beratungsbögen des ersten
Durchgangs zeigt, dass 618 Landnutzer im Rah-
men der Erstberatung kontaktiert bzw. ausführlich
vor Ort informiert wurden. Zusätzlich wurden
mindestens 386 Landnutzer über das Beratungs-
angebot per Anschreiben in Kenntnis gesetzt, wie
aus den Darstellungen einiger Jahresberichte
deutlich wird. Aufgrund der zahlreichen öffent-
lichkeitswirksamen Maßnahmen zum Beratungs-
angebot (z. B. Informationsveranstaltungen) wird
die tatsächliche Zahl der Landnutzer, die über das

image
|9
Beratungsangebot in Kenntnis gesetzt wurden,
deutlich über 1.000 Landnutzern liegen.
Im Ergebnis der einzelflächenbezogenen Beratung
wurden für 1.231 Schläge konkrete Naturschutz-
fördermaßnahmen vorgeschlagen. Dabei entfiel
der Großteil auf Grünlandmaßnahmen der Richt-
linie Agrarumweltmaßnahmen und Waldmehrung
(RL AuW) und ein deutlich kleinerer Teil auf Bio-
toppflegemaßnahmen im Grünland (Richtlinie
NE) und Naturschutzfördermaßnahmen im Acker.
Teichmaßnahmen wurden so gut wie gar nicht
beraten (siehe Abb. 6). Dies liegt zum Teil am
Zuschnitt der Beratungseinheiten, begründet sich
jedoch vor allem darin, dass die meisten natur-
schutzrelevanten Teiche bereits in der Natur-
schutzförderung waren.
Für 1.057 Schläge wurden keine Naturschutzför-
dermaßnahmen benannt. 371 Schläge davon
lagen nicht in der Förderkulisse, sodass aus die-
sem Grund keine Naturschutzfördermaßnahme
empfohlen werden konnte. Bei 624 Schlägen
gaben die Landnutzer in den Gesprächen mit den
Naturschutzberatern an, dass die Maßnahmen z. B.
aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht mög-
lich sind oder keine fünfjährigen Pachtverträge
vorliegen. Zudem machten die Landnutzer deut-
lich, dass die Naturschutzförderung insgesamt als
komplizierter, bürokratischer und fachlich
ungüns tiger (u.a. starre und nicht an den jewei-
ligen Naturraum angepasste Nutzungstermine)
empfunden wird als das vorherige Agrarumwelt-
programm Naturschutz und Erhalt der Kultur-
landschaft (NAK). Deshalb war die Akzeptanz ver-
schiedener Einzelmaßnahmen auch im Grünland
geringer als erwartet.
Im Vergleich zur Erstberatung wurden Maßnah-
Abb. 4: Verteilung der Beratungseinheiten des zweiten Durchgangs in Sachsen

image
10 |
men während ihrer Laufzeit nur bei wenigen
Landnutzern begleitet. In diesem Rahmen erfolg-
ten u. a. Vorortabstimmungen zur fachgerechten
Umsetzung von Biotoppflegemaßnahmen unter
dem Aspekt der Zurückdrängung bestimmter
Pflanzen oder Gehölze und die fachliche Beglei-
tung bei speziellen Mahdregimen zum Schutz be-
stimmter Pflanzen- und Tierarten. Des Weiteren
wurden den Landnutzern bei der Maßnahmenbe-
gleitung konkrete Hinweise zum Gehölzschnitt bei
Streuobstbeständen oder Empfehlungen zur Ver-
fahrensweise bei erschwerter Maßnahmenumset-
zung gegeben.
Aus den Jahresberichten der Naturschutzberater
geht hervor, dass die Landnutzer großes Interesse
am Beratungsangebot hatten und dieses gerne in
Anspruch nahmen. Teilweise wurde nur ein Erstkon-
takt am Telefon vorgenommen, in dem bereits
grundlegende Informationen zur Naturschutzför-
derung vermittelt werden konnten. Auf dieser
Grundlage sahen sich Landnutzer dann entweder in
der Lage, eine eventuelle Beantragung von Förder-
maßnahmen selbstständig vorzunehmen, oder sie
sahen keinen Bedarf für eine vertiefende Beratung.
Die weitergehend beratenen Landnutzer profitier-
ten unmittelbar von der Naturschutzberatung,
indem sie auf der Grundlage der detaillierten,
fachlich abgestimmten Maßnahmevorschläge die
jeweiligen Förderanträge effektiv vorbereiten
konnten. Auch von den LfULG-Außenstellen
konnten die in den Beratungsbögen dokumentier-
ten Ergebnisse überwiegend gut verwendet wer-
den und dienten als Grundlage für die im Förder-
verfahren erforderlichen naturschutzfachlichen
Stellungnahmen.
Da es sich um ein neues Förderverfahren in Sach-
sen handelte, kam es im ersten Durchgang der
Naturschutzberatung teilweise zu Anlaufproble-
men. In Auswertung der Erfahrungen des ersten
Durchganges wurden unter anderem der Leis -
tungskatalog und der Zuwendungsvertrag über-
arbeitet, sodass gute Voraussetzungen für einen
erfolgreichen zweiten Durchgang der Natur-
schutzberatung geschaffen wurden.
4.2.2 Zweiter Durchgang
Erste Ergebnisse des zweiten Durchgangs der Na-
turschutzberatung liegen derzeit nur als Zwi-
schenstand vom April 2010 vor, der durch eine
Befragung bei den Naturschutzberatern ermittelt
wurde. Demnach wurden im Zeitraum Dezember
2009 bis April 2010 insgesamt 1.357 Landnutzer
angesprochen und ihnen das Angebot einer spe-
ziellen Naturschutzberatung unterbreitet. Nach
Einschätzung der Naturschutzberater war die Re-
sonanz bei den angesprochenen Landnutzern, wie
auch schon im ersten Durchgang, überwiegend
positiv.
In den Gesprächen mit den Landnutzern wurde
deutlich, dass einerseits die konkreten Informa-
tionen zu den Naturschutzaspekten und ange-
passten Bewirtschaftungsmaßnahmen positiv
aufgenommen werden, andererseits jedoch ge-
genüber den angebotenen Fördermaßnahmen
eine gewisse Zurückhaltung herrscht. Ähnlich wie
im ersten Durchgang wurden unflexible, starre
Vorgaben zu Nutzungsterminen, generell zu viele
Abb 5: Naturschutzberatung in der Praxis
Foto: LPV Westerzgebirge

| 11
Auflagen und damit verbunden die Angst vor
Sanktionen sowie ein zu hoher bürokratischer
Aufwand für die (digitale) Antragstellung vor
allem bei kleinen Betrieben und privaten Flächen-
eigentümern als häufigste Gründe für die Nicht-
Inanspruchnahme von Naturschutzfördermaß-
nahmen genannt. Darüber hinaus sind die durch
die Naturschutzvorgaben eintretenden Ertrags-
einbußen, z. B. für Milchviehbetriebe, in Grün-
landregionen aus ökonomischer Sicht kaum an-
nehmbar. Im Ackerland wird das vermehrte
Auftreten von Problemunkräutern (z.B. Ackerkratz-
distel) durch Naturschutzmaßnahmen als
Hinderungsgrund benannt. Spezielle Biotoppflege-
maßnahmen der RL NE sind wegen ihrer hohen Ar-
beitsintensität und den spezifischen Anforderun-
gen selten in vollem Umfang in klassische
landwirtschaftliche Betriebsabläufe zu integrieren.
5 Bewertung der
Naturschutzberatung in Sachsen
Die ersten Erfahrungen belegen, dass die Förder-
maßnahme Naturschutzberatung eine überwie-
gend positive Aufnahme bei den Landnutzern ge-
funden hat. Die Naturschutzberatung hat sich als
geeignetes Instrument zur Sensibilisierung für
Naturschutzanliegen erwiesen und unterstützt
den effektiven und gezielten Einsatz von Finanz-
mitteln aus Agrarumweltprogrammen. Außerdem
weisen einige Erfahrungsberichte der Natur-
schutzberater aus,
dass insbesondere Kleinantrag-
steller durch das Beratungsangebot überhaupt
erst dazu angeregt wurden, Naturschutzmaßnah-
men durchzuführen. Für die Landnutzer stellt die
Naturschutzberatung eine gute Unterstützung bei
der Umsetzung von Naturschutzzielen auf den
bewirtschafteten Flächen dar und hilft beim
Abbau von teilweise unbegründeten Vorbehalten
gegen Anliegen des Naturschutzes.
Die Naturschutzberatung ist gut geeignet, die
vorliegenden FFH-Managementpläne in die Praxis
umzusetzen. Allen Naturschutzberatern wurden
die in ihrem Tätigkeitsbereich vorliegenden Ma-
nagementpläne als fachliche Arbeitsgrundlage zur
Verfügung gestellt. Deshalb kann davon ausge-
gangen werden, dass die beratenen Landnutzer
nun über ein größeres Wissen zu den Natura
2000-Zielen verfügen und somit aufgeschlosse-
ner gegenüber diesbezüglichen Naturschutzmaß-
nahmen sind. Die Naturschutzberatung sollte
100
200
300
400
500
600
700
800
900
Maßnahmevorschläge
29
771
1
68
209
1
122
30
AuW Grün-
land ohne G1
AuW Acker
AuW Teiche
ohne T1
NE- NG
NE-NB
NE-NA
B2
Investive
Maßnahmen
Anzahl der Schläge
Abb. 6: Ergebnisse der einzelflächenbezogenen Beratung des ersten Durchgangs 2008/09

12 |
daher als festes Instrument zur Umsetzung von
Natura 2000 etabliert werden.
Der Schwerpunkt der Beratungseinheiten des er-
sten Durchgangs lag im Bereich Grünland. Auf-
grund des massiven Rückgangs der Ackerbegleit-
flora und -fauna sollten, auch mit dem
Instrument der Naturschutzberatung, im Acker-
land zukünftig mehr Anstrengungen zur Sensibi-
lisierung und Akzeptanzsteigerung für Natur-
schutzmaßnahmen unternommen werden. Wie
aus den Erfahrungsberichten der Naturschutzbe-
rater hervorgeht, zeigen die 2010 neu eingeführ-
ten Ackermaßnahmen sowie die Anpassung der
Prämien bereits eine verbesserte Inanspruch-
nahme im aktuellen Antragsjahr.
Die Teilleistung der Naturschutzberatung „Beglei-
tung während der Maßnahmeumsetzung“ wurde
aufgenommen, um die Landnutzer bei der zielef-
fizienten Durchführung der vereinbarten Natur-
schutzfördermaßnahmen zu unterstützen. Im er-
sten Durchgang kam diese Teilleistung auf Grund
der nur einjährigen Laufzeit nur in geringem Um-
fang zur Anwendung. Im zweiten Durchgang der
Naturschutzberatung wurden die Zuwendungs-
verträge mit zweijähriger Laufzeit abgeschlossen.
Darüber hinaus ist eine Vielzahl der relevanten
Flächen inzwischen in einer Naturschutzförder-
maßnahme vertraglich gebunden, sodass die Be-
gleitung bei der Maßnahmeumsetzung zukünftig
einen größeren Anteil an der Naturschutzbera-
tung einnehmen wird.
Die Naturschutzberatung wird von den drei Au-
ßenstellen des LfULG mit Sachgebiet Naturschutz
auch als Unterstützung für den Fördervollzug an-
gesehen. So hilft die Naturschutzberatung insbe-
sondere den Beratungsbedarf von Antragsstellern
durch die Naturschutzbehörden zu reduzieren.
Gleichzeitig liefert sie wichtige Datengrundlagen
für die Arbeit der Naturschutzfachbehörden. Die
Einbindung des Fördergegenstandes „Natur-
schutzberatung“ in die ELER-Förderung führt al-
lerdings zu einem relativ aufwändigen und kom-
plizierten Verfahren (insbesondere im Hinblick auf
die Kontrollierbarkeit und Nachweisführung).
Daher sollten im Hinblick auf die kommende För-
derperiode ab 2014 auf EU- und Landesebene
Vereinfachungen angestrebt werden.
Insgesamt kann der Erfolg der Naturschutzbera-
tung nicht alleine an der Anzahl der empfohlenen
Fördermaßnahmen gemessen werden. Jedes Ge-
spräch mit einem Landnutzer über die mögliche
Umsetzung von Naturschutzzielen auf seinen Flä-
chen trägt dazu bei, sein Wissen zum Naturschutz
zu vergrößern und Neugierde und Verantwor-
tungsbewusstsein für die zu schützende Flora und
Fauna zu wecken. So kann auch eine größere Ak-
zeptanz für Naturschutzmaßnahmen entstehen.
Der Erfolg der Naturschutzberatung unterliegt
dabei zahlreichen externen Einflüssen. Änderun-
gen in den Förderverfahren beispielsweise können
die möglichen positiven Ergebnisse der Natur-
schutzberatung einschränken. In die Bewertung
der Naturschutzberatung fließt daher immer auch
eine Bewertung von Rahmenbedingungen mit ein,
die ursächlich mit dem Fördergegenstand „Natur-
schutzberatung“ nichts zu tun haben. Die kon -
kreten Hinweise aus den Gesprächen mit Land-
nutzern sowie die genauen Kenntnisse der
regionalen Situationen in der Naturschutzförde-
rung, die die Naturschutzberater mit ihren Berich-
ten liefern, können dazu beitragen, die Verfahren
und Maßnahmen zu optimieren und die Rahmen-
bedingungen so zu gestalten, dass Naturschutz
und Landwirtschaft gleichermaßen von einer ziel-
gerichteten, attraktiven Naturschutzförderung
profitieren.
Ausblick
Die Naturschutzberatung sollte als fester Be-
standteil der Naturschutzförderung dauerhaft
verankert werden. Zukünftig ist sie stärker als bis-
her über die Fördermittelberatung hinaus zu
einem umfassenden Beratungsangebot für Land-
nutzer über Umwelt- und Naturschutzziele weiter

image
|13
zu entwickeln. Dabei sollte verstärkt der Gesamt-
betrieb berücksichtigt werden und nicht nur die
einzelne Fläche. Dadurch können sich hinsichtlich
der Vereinbarkeit von Naturschutzanforderungen
und landwirtschaftlich-ökonomischen Zielen der
Betriebsinhaber größere Chancen ergeben, die
letztendlich in der Summe zu mehr Naturschutz
auf den bewirtschafteten Flächen führen. Für die
Landnutzer müssen die Naturschutzberater min-
destens in der Vertragslaufzeit der Naturschutz-
maßnahmen als verlässliche Vertrauenspersonen
vor Ort zur Verfügung stehen, die sie bei allen Fra-
gestellungen zur Integration von Naturschutz-
maßnahmen im landwirtschaftlichen Betrieb in-
formieren und unterstützen können. Neben
Verfahrensverbesserungen und einer Ausweitung
der Beratungsinhalte der Fördermaßnahme
Naturschutzberatung selbst sind jedoch auch
Anpassungen an den Rahmenbedingungen, ins-
besondere eine Weiterentwicklung der Natur-
schutzförderung in Sachsen, notwendig. Nur so
kann eine langfristige, tragfähige Kooperation
zwischen Naturschutz und Landwirtschaft entste-
hen, die den Erhalt der biologischen Vielfalt in un-
serer Kulturlandschaft wirksam unterstützt.
Literatur
LfUG– SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT UND GEOLOGIE
(2005): Bericht zu den naturschutzfachlichen Begleit -
untersuchungen zur Evaluierung des Programmteils E
(NAK) im Rahmen der EU-Agrarumweltmaßnahmen im
Freistaat Sachsen. April 2005 – unveröffentlicht.
LfULG – SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT, LANDWIRTSCHAFT
UND GEOLOGIE (2010): Bericht zur fachlichen Begleitung und
Bewertung der ELER Förderung im Freistaat Sachsen, Be-
richtsteil Erhaltung und Verbesserung des ländlichen
Erbes (NE), Maßnahme B.3 Information und Beratung von
Landnutzern. 11.05.2010 – unveröffentlicht.
SMUL – S
ÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LAND-
WIRTSCHAFT (2009): Entwicklungsprogramm für den ländli-
chen Raum im Freistaat Sachsen . In:
http://www.smul.
sachsen.de/foerderung/download/1_EPLR_2007-013_
genehmigte_Fassung_v._2009.12.15_3.Aenderung.pdf,
15.06.2010.
Autoren
Carola Schneier, Sächsisches Landesamt
für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
Referat 63 Artenschutz, Landschaftspflege
Halsbrücker Straße 31a,
09599 Freiberg
Postanschrift: Postfach 54 01 37, 01311 Dresden
Carola.Schneier@smul.sachsen.de
Christina Kretzschmar, Deutscher Verband
für Landschaftspflege (DVL) e.V.
Landesbüro Sachsen
Lange Straße 43, 01796 Pirna
LPV-Sachsen@t-online.de
Wenke Kraft, Sächsisches Staatsministerium
für Umwelt und Landwirtschaft
Referat 58 Landschaftspflege und -entwicklung
Wilhelm-Buck-Straße 2, 01097 Dresden
Postanschrift: Postfach 10 05 10, 01076 Dresden
Wenke.Kraft@smul.sachsen.de
Abb. 7: Naturschutzberatung in der Praxis
Foto: DVL Landesbüro Sachsen, C. Kretzschmar

image
Zusammenfassung
Seit 20 Jahren werden in der Region Flöha/Land-
kreis Mittelsachsen Amphibienschutzmaßnahmen
an Straßen durchgeführt. Von
insgesamt bisher
42 bekannten Konfliktbereichen wurden an 13
Straßenabschnitten provisorische Krötenzäune im
Frühjahr eingesetzt. An sechs Straßenabschnitten
sind heute ortsfeste Amphibienschutzanlagen in-
stalliert, von denen aber nur zwei Anlagen als voll
funktionstüchtig gelten können. Andere Anlagen
sind zu kurz oder wurden aus finanziellen bzw.
rechtlichen Gründen bisher mit Tunneln aber
ohne ausreichende Leiteinrichtung ausgeführt. In
diesen Fällen ergänzt weiterhin provisorisches
Krötenzaunmaterial die fehlenden Anlagenteile.
An den provisorischen Krötenzäunen der Region
wurden Erdkröten, Grasfrösche, Teich- und Berg-
molche nachgewiesen. Deren Individuenzahl fluk-
tuiert innerhalb mehrerer Jahre sehr stark und an
verschiedenen Straßenabschnitten unabhängig
von einander. Nur in wenigen Fällen sind Trends
in der Individuenzahl sichtbar, die kaum in Bezug
auf die Verkehrsgefährdung der Population oder
den Erfolg der Krötenzäune interpretierbar sind.
Ein Parameter der Erfolgskontrolle provisorischer
Krötenzäune ist die Erfassung der auf der Straße
gefundenen Verkehrsopfer, der jedoch wegen der
großen Dunkelziffer meist zu einer Unterschät-
zung der Verlustquote führt. Als dauerhafte
Amphibienschutzmaßnahmen an Straßen können
nur Straßensperrungen, ortsfeste Anlagen und
ggf. Grünbrücken fungieren, wobei Straßensper-
rungen kaum durchsetzbar sind. Einjährige Un-
tersuchungen an Konfliktbereichen in Vorberei-
tung einer ortsfesten Amphibienschutzanlage
können durch starke Fluktuationen der Anzahl
wandernder Amphibien zu einer erheblichen Un-
terschätzung der Individuenzahl und Fehlern bei
der Lagebestimmung der Wanderkorridore führen.
Diese Fluktuationen liegen offenbar wesentlich in
der Populationsdynamik der Amphibien begrün-
det. Insgesamt ergibt sich eine unbefriedigende
Situation des Amphibienschutzes für die Region.
Diese resultiert vorwiegend aus der ungenügen-
den Bestimmung des Artenschutzes als Pflicht-
aufgabe des Baulastträgers bestehender Straßen.
Diese Pflicht kann nicht an den ehrenamtlichen
oder privaten Naturschutz delegiert werden.
Einleitung
Unsere einheimischen Amphibien sind durch ihre
Lebensweise und ihre Lebensraumansprüche be-
sonders stark von anthropogenen Umweltverän-
derungen betroffen und deshalb im Vergleich
zu
anderen Taxa überproportional in ihrem Bestand
bedroht (P
ECHMANN et al. 1991). Neben dem Verlust
an Laichgewässern und teils auch an Landhabita-
ten hat die Zerschneidung des Lebensraumes als
Gefährdungsursache dieser Wirbeltierklasse eine
besonders große Bedeutung. Straßen wirken in
Abhängigkeit von der Konstruktion und Verkehrs-
dichte als künstliche Barrieren innerhalb der
Lebensräume von Amphibienpopulationen (u.a.
K
UHN 1984, 1987a). Straßen behindern nicht nur
14 |
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 14 – 31
Erfahrungen zum Amphibienschutz an Straßen
Volkmar Kuschka
Abb.1: Provisorischer Krötenzaun
(System Maibach) in Oederan
Foto: V. Kuschka

image
image

die Frühjahrswanderung zum Laichgewässer, son-
dern ebenso die Wanderung adulter und juveniler
Lurche zum Sommerlebensraum und die Herbst-
wanderung (H
EUSSER 1968b, BUCK 1985; KUHN
1986, 1987a; MÜNCH 1991, 1992; SCHWENKE
2002 – 2003). In jüngerer Zeit wurden für Amphi-
bien deutlich weitere Wanderleistungen bekannt
(Jehle
&
SINSCH 2007), als bisher planerisch berück-
sichtigt (B
LAB 1986). Wahrscheinlich wurde bisher
der Einflussbereich der Landschaftszerschneidung
auf diese Tierklasse unterschätzt. Vor allem stark
befahrene Straßen stellen für unsere Amphibien
kaum überwindbare Todesstreifen dar (K
UHN 1984,
1986; H
ELS
&
BUCHWALD 2001). Binnen weniger
Jahre können durch Verkehrsverluste ganze Po-
pulationen zusammenbrechen (B
AUER 1983; DAMER
1998; KUHN 1984, 1987a, b, MÜNCH 1991; WOLF
1994). Weniger offensichtlich ist die durch diese
Zerschneidung bewirkte Behinderung des Ge-
naustausches der Populationen (u.a. B
LAB 1986;
G
LANDT 1981; KLEIN
&
VEITH 1997; REH
&
SEITZ 1989).
In der Region Flöha/Landkreis Mittelsachsen wer-
den seit dem Jahr 1988 Maßnahmen zum Schutz
wandernder Amphibien an Straßen durchgeführt.
Wesentlich getragen durch eine Schüler-Arbeits-
gemeinschaft „Feldherpetologie“, wurde damals
an der Bundesstraße 180 zwischen Flöha und Erd-
mannsdorf ein aus Kunststoffvlies-Bahnen und
Holzpfählen gebauter Krötenzaun errichtet und
betreut. Dies war der Beginn der Aktivitäten zum
Amphibienschutz an Straßen in dieser Region.
Über die nunmehr 20-jährigen Erfahrungen auf
diesem Gebiet wird nachfolgend aus der Sicht des
ehrenamtlichen Naturschutzdienstes berichtet.
Amphibienschutzmaßnahmen in der Region
Flöha
/Landkreis Mittelsachsen
Insgesamt wurden bisher 42 Konfliktbereiche von
Straßenabschnitten mit Amphibienwanderungen
in der Region Flöha bekannt. Neben Hinweisen
von Naturschützern gingen auch Meldungen aus
der Bevölkerung ein. Als Konfliktbereich
wird hier
jeder Straßenabschnitt bezeichnet, auf dem nach-
weislich Verkehrsverluste wandernder Amphibien
aufgetreten sind. Obwohl zumindest Konfliktbe-
reiche mit kopfstarken Froschlurchpopulationen
nicht unentdeckt blieben, ist von einer mehr oder
weniger großen Dunkelziffer auszugehen. Kon-
fliktbereiche mit Wanderungen von Molchen (hier
insbesondere Teich- und Bergmolch), Feuersala-
mandern und Fröschen und bei weniger kopfstar-
kem und konzentriertem Auftreten der Amphibien
sind nur ungenügend an Verkehrsopfern erkenn-
bar und wurden sicher vielfach übersehen (H
ELS
&
BUCHWALD 2001). Verglichen mit den 170 Konflikt-
bereichen, die F
RÖHLICH
&
BERGER (1995) für ganz
Sachsen zusammen stellten (wenn auch unter
etwas anderen Kriterien), erscheinen 42 Konflikt-
bereiche in einer Region als sehr viel. Die Flöhaer
Region zeichnet sich jedoch nicht durch eine über
dem sächsischen Durchschnitt liegende Habitat-
oder Straßendichte aus. Diese große Anzahl von
Konfliktbereichen weist vielmehr darauf hin, dass
der Konflikt (Straßen-)Verkehr mit Amphibien eine
ganz andere Dimension hat, als sich insbesondere
in den Planungsunterlagen der Straßenbaulast-
träger wieder findet.
In den vergangenen 20 Jahren wurden an insge-
samt 13 Straßenabschnitten in der Region Am-
phibienschutzmaßnahmen durchgeführt (Über-
sicht in Tabelle 1). Provisorische Krötenzäune (die
Amphibien am Betreten der Straße hindern und
in Fangeimer leiten; Abb. 1) kamen dort zum Ein-
satz, wo es Hinweise auf kopfstarke und räumlich
konzentrierte Laichwanderungen über relativ ver-
kehrsreiche Straßen gab. Die Zäune wurden je-
weils im zeitigen Frühjahr errichtet, wenn geeig-
nete Wanderbedingungen (Nachttemperaturen >
5° C bei frostfreiem Boden und möglichst hoher
Feuchtigkeit) zu erwarten waren. Die Betreuung
wurde eingestellt und der Zaun in der Folge ab-
gebaut, wenn in mehreren Nächten mit günstiger
Witterung keine nennenswerte Anwanderung
mehr festzustellen war. Unterschiedliche Akteure,
16 |

|17
Tab. 1: Übersicht der Amphibienschutzmaßnahmen an Straßen in der Region Flöha
Lfd.
Nr.
Straße*
Amphibienschutzmaßnahme
Anmerkungen/
Aktueller Zustand
Provisorischer Krötenzaun
Ortsfeste Schutzanlage
Jahre
Länge/Richtung
Seit Jahr Länge/Bauart
1
B 180 Flöha –
Erdmannsdorf
(Augustusburg)
1988 –
1991
Jeweils ca. 320 m in
Hinwander- und in
Rückwanderrichtung
Improvisiert mit Kunststoff-
Vlies und Holzpfählen
Ab
1992
ca. 120 m in Hinwander-
richtung ca. 100 m in
Rückwanderrichtung
(permanent)
Herbst
1991 –
Frühjahr
1992
ca. 220 m in Hinwander-
richtung, ca. 200 m in
Rückwanderrichtung
System ACO-PRO mit zwei Tun-
neln (mit Klimaschlitzen, lichte
Weite 200 mm, davon einer
doppelt), reparaturbedürftig
2
B173 Oederan –
Memmendorf
(Frankenstein)
1991
200 m
in Hinwanderrichtung
2006
5 Tunnel (ACO-PRO 100),
keine Leiteinrichtung
Leiteinrichtung wird durch pro-
visorischen Krötenzaun „Mai-
bach“ ersetzt, der jährlich von
Beginn der Wanderung bis Ende
Juni steht.
1992 –
2005
Je 410 m in Hinwander-
und Rückwanderrich-
tung
3
S 201 Oederan –
Räuberschänke
Hartha
(Frankenstein)
1991 –
1992
ca. 100 m in Hinwan-
derrichtung
Herbst
1999
8 Tunnel (7 ACO-PRO 500, 1
Kleintierdurchlass 1,20 x 0,60
m) + Rohrdurchlass DN 800
(Bach) 450 m Leiteinrichtung
Maibach Stahlblech, 390 m
Leiteinrichtung Polymerbe-
ton (ACRO PRO)
Funktionstüchtige Anlage mit
Schäden insbesondere der Poly-
merbeton-Leitwände
1993 –
1999
ca. 300 m
in Hinwanderrichtung
4
K 72 Schellenberg –
Hohenfichte
(Leubsdorf)
1992 –
2006
375 m
in Hinwanderrichtung
2007
5 Tunnel ACRO-PRO 500,
180 m Leiteinrichtung (Stahl,
Ehlert)
Es fehlen auf ca. 620 m Leit-
einrichtung (in Rückwander-
richtung komplett), die durch
saisonalen Einsatz von provi-
sorischem Krötenzaun ersetzt
werden.
2008/
09
380 m in Hinwander-
richtung auf 5 Abschnit-
ten
5
S 210 Großwalters-
dorf (Eppendorf) –
Gränitz (Langenau)
Ab
1992
150 m
in Hinwanderrichtung
6
S 210 Gränitz –
Großhartmannsdorf
1992
150 m
in Hinwanderrichtung
2002
2 Kastentunnel und Bach-
querung, 135 m Leiteinrich-
tung (Stahl, System Mai-
bach)
In den Jahren 2000 und 2008
wurden neuerlich individuenrei-
che Verluste an Erdkröten auf
diesem Abschnitt beobachtet.
7
Ortszufahrt Marbach
(Leubsdorf) zur
S 223
Ab 1992 200 m
in Hinwanderrichtung
8
K 72 Marbach
(Leubsdorf) –
Grünhainichen
Ab 1993 200 m
in Hinwanderrichtung
9
S 223 Augustusburg
– Waldkirchen
1993 –
2001
160 m
in Hinwanderrichtung
Wurde wegen stark gesunkener
Amphibienanzahl aufgegeben.
10
S 236 Leubsdorf –
Eppendorf
1996
ca. 150 m
in Hinwanderrichtung
2005
1 Kleintierdurchlass (Mai-
bach 1,00 x 0,60 m), jeweils
115 m Leiteinrichtung in
Hin- und Rückwanderung
(Stahlblech/Maibach)
1997 –
2004
ca. 250 m
in Hinwanderrichtung
11
K 7703 Schöner-
stadt – Oederan
Ab
2003
ca. 300 m
in Hinwanderrichtung
12
Teichweg in der
Waldsiedlung
Eppendorf
Ab
2003
ca 120 m
in Hinwanderrichtung
13
S 238 Niederwiesa
2003
ca. 120 m
in Hinwanderrichtung
Einmalige Aktion zur Erfassung
wandernder Amphibien
(Amphibienschutzmaßnahmen in einer Zeile werden zeitgleich durchgeführt)
* Zur besseren Orientierung sind die Ortsteile angegeben und die jeweilige Gemeinde ist in Klammern gesetzt.

image
insbesondere kommunale Einrichtungen (ABM-
Kräfte und Bauhöfe), ehrenamtliche Naturschutz-
helfer und Forstlehrlinge errichteten die Kröten-
zäune. Vor allem Naturschutzhelfer, Schüler,
Tierschützer und freiwillige Helfer aus allen Be-
völkerungsschichten trugen die Amphibien zu-
meist am frühen Morgen, bei starker Wanderak-
tivität auch zusätzlich am späten Abend, über die
Straße. Das zuständige Straßenbauamt Chemnitz
stellte im Jahr 1994 Material (DNV-Maschenzaun;
Foliensysteme der Firmen Lüthje
&
Jürs und Mai-
bach) für provisorische Krötenzäune der Region
zur Verfügung. Der Maschenzaun des DNV-Ver-
sandes wurde vorrangig in stark windexponierten
Bereichen eingesetzt, auf denen keine Molche
festgestellt wurden (dieses Material wird über-
klettert). Die beiden Foliensysteme fanden vorzugs-
weise in Waldrandlagen Verwendung. Einige Jahre
später wurde weiteres Material über das Staat -
liche Umweltfachamt Chemnitz bereit gestellt,
das insbesondere den Verschleiß ausglich. Da die
Verfügbarkeit von Mensch und Material teilweise
den Aufbau der Krötenzäune limitierte, standen
die Zäune nicht immer vor Einsetzen der Laich-
wanderung und waren auch nicht immer ausrei-
chend dimensioniert. Vor allem auf den Rückwan-
derzaun musste oftmals verzichtet werden.
Besonders an verkehrsreichen und unübersicht -
lichen Straßen ist die Gefährdung der Helfer
durch den Straßenverkehr nicht zu unterschätzen
(siehe z.B. S
CHWENKE 2002 – 2003). Der in den An-
fangsjahren noch übliche Einsatz von Schülern als
Helfer an Krötenzäunen musste aus diesem Grund
weitgehend eingestellt werden. Besonders ge-
fährliche Straßenabschnitte sind seit dem Jahr
1992 während des Einsatzes der Krötenzäune mit
den Verkehrsschildern „Amphibienwanderung“
und einer zeitweiligen, lokalen Geschwindigkeits-
begrenzung (Abb. 2) versehen. Die entsprechende
verkehrsrechtliche Anordnung erfolgte durch die
Untere Verkehrsbehörde. Die Helfer stehen ab
dem Jahr 1997 gemäß 7. Sozialgesetzbuch § 2 Ab-
satz (2) bei ihren Einsätzen am Krötenzaun unter
dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung.
Sie müssen seitdem zumindest nicht mehr auf
eigenes Gesundheitsrisiko tätig sein.
An sechs Straßenabschnitten der Region sind
heute ortsfeste Amphibienschutzanlagen von
höchst unterschiedlicher Qualität installiert. Nach
einer relativ kurzen Planungsphase wurde an der
B 180 zwischen Flöha und Erdmannsdorf im
Herbst 1991 die erste ACO-PRO®-Anlage mit
2 Tunneln und jeweils ca. 200 m Leiteinrichtung
errichtet. Unmittelbar nach der Fertigstellung
wurde ein gravierender Planungsfehler sichtbar:
Die Anlage fiel zu klein aus, sodass ca. 120 m des
Wanderkorridors nicht gesichert sind. Der feh-
lende Abschnitt wird seitdem mit Folienzaun und
18 |
Abb. 2: zeitweilige Geschwindigkeitsbegrenzung zum
Schutz der Helfer in Leubsdorf
Foto: V. Kuschka

image
Eimern in Hinwanderrichtung gesichert (Abb. 3),
während in Rückwanderrichtung nur an Garten-
zäunen der Anlieger provisorisches Krötenzaun-
material permanent befestigt wurde. Anderenfalls
würden an dieser Stelle weiterhin erhebliche Ver-
luste an Amphibien auftreten. Im Herbst 1999
wurde eine zweite Amphibienschutzanlage mit
acht Tunneln und insgesamt 840 m Leiteinrich-
tung an der S 201 Oederan – Räuberschänke
Hartha errichtet. Diese Anlage war aus Sicht des
Amphibienschutzes schon eher ein Erfolg, denn
sie übernahm die Aufgaben der provisorischen
Krötenzäune und sicherte darüber hinaus ganz-
jährig die Durchgängigkeit dieser Straße für wan-
dernde Amphibien in beiden Richtungen. Weitere
6 Jahre später wurde dann im Rahmen einer
grundhaften Sanierung der S 236 zwischen
Leubsdorf und Eppendorf eine ortsfeste Amphi-
bienschutzanlage, bestehend aus einem Kleintier-
durchlass und beidseitig 115 m Leiteinrichtung,
errichtet. Dieser Konfliktbereich, in dem die Straße
in einer Kurve einen Bach überquert, wurde durch
die Meldung eines Linienbusfahrers bekannt.
Während des Einsatzes eines provisorischen Zau-
nes wurden jedoch keine größeren Individuenzah-
len wandernder Amphibien festgestellt (vgl. Ta-
bellen 2 bis 4; Abschnitt 10). Deshalb konnte hier
die Leiteinrichtung relativ kurz gehalten werden.
Seit dem Bau der Anlage wurden auf diesem Ab-
schnitt keine erheblichen Verluste an Amphibien
mehr beobachtet, sodass die Funktionstüchtigkeit
der Anlage anzunehmen ist. Eine weitere kleine
Amphibienschutzanlage entstand im Jahr 2002 an
der S 210 zwischen Gränitz und Großhartmanns-
dorf (vgl. Tabelle 1). In jüngerer Zeit wurden hier
dennoch wieder zahlreiche Verkehrsopfer beob-
achtet. Möglicherweise ist diese Anlage zu kurz
dimensioniert.
Der vor allem auf Grund der extremen Gefähr-
dung der Helfer dringlichste Konfliktbereich an
der B 173 bei Memmendorf erhielt im Jahr 2006
im Rahmen einer Deckenerneuerung fünf Amphi-
bientunnel. Leider konnten keine Leiteinrichtun-
gen angebaut werden, weil bisher keine Einigung
mit angrenzenden Flächeneigentümern über
einen Verkauf der dafür benötigten Flächen erzielt
wurde. Die fehlende Leiteinrichtung wird hier
durch proviso risches Krötenzaunmaterial ersetzt
(vgl. Tabelle 1). Neben dem jährlich anfallenden
Aufwand für Auf- und Abbau des Krötenzaunes
schränkt diese Vorgehensweise die Funktions-
tüchtigkeit der Tunnel für den Amphibienschutz
deutlich ein. So ist der Anschluss provisorischen
Krötenzaunes an die Tunnelöffnungen nicht in
gleicher Qualität wie eine Festinstallation passen-
der Leiteinrichtungen zu bewerkstelligen. Weiter-
hin können die provisorischen Krötenzäune nur
die Hinwanderung zum Laichgewässer und einen
|19
Abb. 3: Ergänzung der ACO-PRO®-Leiteinrichtung durch
provisorischen Krötenzaun an der B 180 zwischen Flöha
und Erdmannsdorf
Foto: V. Kuschka

image
Teil der Abwanderung der Adulti absichern, da sie
die Unterhaltung der Straße, insbesondere Mäh-
arbeiten behindern und deshalb nicht ganzjährig
stehen. Ähnlich unbefriedigend ist der aktuelle
Zustand der ortsfesten Amphibienschutzanlage
an der Kreisstraße 72 zwischen Hohenfichte und
Schellenberg (erste Planung: 1994, Bau: 2007).
Mangels Finanzmitteln konnte hier neben fünf
Amphibientunneln nur eine unvollständige Leit-
einrichtung installiert werden, die in Hinwander-
richtung fünf Lücken aufweist und in Rückwan-
derrichtung ganz fehlt. Diese Amphibienschutz-
anlage ist deshalb nicht funktionstüchtig. Die
fehlende Leiteinrichtung (insgesamt ca. 620 m)
wird auch hier teilweise durch provisorischen
Krötenzaun (380 m in Hinwanderrichtung) ersetzt
(Abb. 4).
Ortsfeste Amphibienschutzanlagen sind je nach
Bauweise mit einem unterschiedlichen Aufwand
zu warten (B
ÖRNCHEN 1997; MÄNNEL 1995). Je nach
örtlichen Bedingungen verwachsen die Leitein-
richtungen mehr oder weniger stark oder werden
in ihrer Funktionstüchtigkeit durch Laubablage-
rungen oder Unterspülung eingeschränkt. Beson-
ders beim Einsatz von Klimaschlitztunneln können
sich Schadstoffe (Tausalz, Mineralöl, Reifenabrieb)
in den Tunneln ablagern und wandernde Amphi-
bien gefährden oder deren Akzeptanz vermindern.
Deshalb sind diese Tunnel jährlich vor Einsetzen
der Frühjahrswanderung zu spülen (P
OLIVKA et al.
1991). Der Zustand der bestehenden Anlagen
(Tabelle 1) zeigt weiterhin, dass unabhängig von
Schäden, die aus Mängeln der Planung oder Bau-
ausführung sowie Verkehrsunfällen resultieren,
spätestens nach 10 Jahren größere Reparaturen
anfallen. Als Bestandteil der Straße obliegt die
Wartung von Amphibienschutzanlagen grund-
sätzlich dem Unterhaltungspflichtigen der Straße.
Bereits bei Übergabe der Anlage sollte ein War-
tungsplan aufgestellt werden. Im Falle der B 180
wurde diese Wartung dank eines persönlich sehr
zuverlässigen und engagierten Straßenmeisters
auch ohne äußere Einflussnahme über viele Jahre
durchgeführt.
Neben diesen Maßnahmen wurden weitere Stra-
tegien des Amphibienschutzes an Straßen ange-
wandt. Die zeitweilige nächtliche Sperrung einer
Nebenstraße in Eppendorf für den Fahrzeugver-
kehr während der höchsten Laichwanderaktivität
wurde angeregt, war jedoch politisch nicht durch-
setzbar. An vier Konfliktbereichen wurden Bach-
durchörterungen in Krötenzäune oder ortsfeste
Amphibienschutzanlagen eingebunden, da diese
unter bestimmten Umständen als Amphibien -
unterführung geeignet sind (W
OLF 1994). Eine be-
sondere Gefährdungssituation konnte in Oederan
an der Eppendorfer Straße relativ einfach gelöst
werden: Hier überquert eine Teilpopulation der
Erdkröte (
Bufo bufo
) auf dem Weg zum Laichge-
wässer die Straße im Bereich einer 180°-Kurve,
was zu einer besonders langen Verweildauer der
20 |
Abb. 4: Die Lücken in der Leiteinrichtung der Amphibien-
schutzanlage an der K 72 in Schellenberg müssen durch
provisorischen Krötenzaun geschlossen werden.
Foto: V. Kuschka

Amphibien auf der Straße führt. Durch zeitweilige
Abschottung der Außenkurve mit provisorischem
Krötenzaun ohne Eimer konnte dieser Konfliktbe-
reich ohne Betreuungsaufwand entschärft werden.
Ergebnisse der Amphibienschutzmaßnahmen
Der Einsatz provisorischer Krötenzäune bietet die
Möglichkeit, Informationen über die Artenzusam-
mensetzung, Individuenzahl, den Zeitraum und
die örtlichen Schwerpunkte zumindest der Wan-
derung zum Laichgewässer zu erhalten. Diese
Daten bilden eine wesentliche Grundlage für die
Planung und Priorisierung dauerhafter Amphi-
bienschutzmaßnahmen (L
AUFER 1997). Da die be-
troffenen Arten überwiegend auch von Laien re-
lativ sicher angesprochen werden können (mit
Ausnahme von Gras- und Moorfrosch sowie
Grünfröschen), sind auch bei Einsatz freiwilliger
Helfer solche Daten in auswertbarer Form zu er-
langen (z. B. S
CHWENKE 2002 – 2003). Die Ergebnisse
des Einsatzes am Krötenzaun (Individuen pro Art
und Geschlecht bzw. Jungtiere; ggf. differenziert
nach Hin- und Rückwanderung) wurden von den
Helfern in Meldekarten dokumentiert. Zumindest
im Jahr vor der Errichtung ortsfester Anlagen
wurden die Eimer am Krötenzaun nummeriert
und die Amphibien jeweils separat registriert, um
zusätzlich Daten zur räumlichen Verteilung der
Anwanderung zu erhalten. So erkannte Wander-
korridore wurden dann bevorzugt mit Amphibien-
tunneln ausgestattet. Allerdings ist bei der Inter-
pretation der Ergebnisse provisorischer Kröten-
zäune zu berücksichtigen, dass unterschiedliche
Krötenzaunsysteme die Amphibienarten unter-
schiedlich effizient erfassen (D
EXEL
&
KNEITZ 1987;
K
UHN 1987b; BLAU 2009). Weiterhin haben Beginn
und Dauer des Einsatzes der Krötenzäune wesent-
lichen Einfluss auf die Nachweisbarkeit der Am-
phibien (K
UHN 1987b). Insbesondere die früh
laichenden Grasfrösche werden nur unzureichend
erfasst, wenn der Zaun zu spät aufgebaut wird
(K
NEITZ 1999; KUHN 1986, 1987b).
In der Region Flöha wurden vier Amphibienarten
an provisorischen Krötenzäunen nachgewiesen.
An allen Straßenabschnitten ist die Erdkröte (
Bufo
bufo
) am individuenreichsten vertreten (Tab. 2).
Fast überall traten des weiteren Grasfrösche
(
Rana temporaria
) auf, zumeist jedoch nur we-
nige Individuen (Tab. 3). Teichmolche (
Triturus vul-
garis
) wurden an neun Krötenzäunen regis triert,
mit dreistelligen Individuenzahlen jedoch nur an
einem Krötenzaun. Weiterhin überquerten Berg-
molche (
Triturus alpestris
) an sechs Abschnitten
die Straße, überwiegend in geringer Indivi -
duenzahl (Tab. 4). Bemerkenswert ist, dass das
Auftreten von Molchen nicht mit der Entfernung
des Krötenzaunes vom Laichgewässer negativ
korreliert ist, wie entsprechend ihres relativ ge-
ringen Jahresaktionsraumes (B
LAB 1986) zu erwar-
ten wäre. Allerdings wurden an dem nur 60 m
vom Laichgewässer entfernten Krötenzaun in
Marbach (Abschnitt 8) mit Abstand die meisten
Molche festgestellt. Weitere Arten, die an Kröten-
zäunen der Region aufgetreten sein können, je-
doch nicht sicher bestimmt wurden, sind der
Moorfrosch (
Rana arvalis
; im Weißbachtal Groß-
waltersdorf vorkommend) und der Kammmolch
(
Triturus cristatus
; unbelegte Meldungen aus
Großwaltersdorf). Dort wo die Rückwanderung
adulter Amphibien vom Laichgewässer über die
Straße von Krötenzäunen erfasst wurde, wander-
ten erheblich weniger Individuen zurück als zuvor
zum Gewässer. Wurden zum Beispiel an der B 180
bei der Erdkröte nur ca. 1/5 bis 1/6 der Anzahl der
Hinwanderer auch in Rückwanderrichtung regi-
striert, so lag das Verhältnis beim Grasfrosch zwi-
schen 1/1,5 und 1/4 (Tab. 5). Im Jahr 1991 wurde
vom 08.07. bis 23.09. zusätzlich der Rückwander-
zaun betreut, um die weitere Abwanderung
vom Laichgewässer zu untersuchen. In diesem
Zeitraum fingen sich 8 adulte (3 Männchen,
5 Weibchen) und 128 juvenile Erdkröten, sowie
67 juvenile Grasfrösche (keine Adulten) am Rück-
wanderzaun. Die zeitliche Verteilung der Nach-
| 21

weise zeigte weiterhin, dass neben der Abwande-
rung der Jungtiere vom Laichgewässer auch ein
Teil der Herbstwanderung adulter Amphibien die-
sen Straßenabschnitt quert.
Die Individuenzahl am Krötenzaun schwankt bei
allen vier Amphibienarten extrem stark. Von einem
auf das nächste Jahr kann sich z. B. die Individuen-
zahl über einen Straßenabschnitt wandernder Erd-
kröten vervierfachen und über längere Zeiträume
sind Differenzen um den Faktor 10 zu beobachten
(vgl. Tab. 2). Diese Fluktuationen verlaufen an den
Krötenzäunen der Region unabhängig voneinan-
der. Es gibt keine regional „guten oder schlechten
Amphibienjahre“. Bemerkenswert ist weiterhin die
Entwicklung der Individuenzahlen an der B 180
Flöha – Erdmannsdorf (Abschnitt 1), weil hier im
Herbst 1991 bis Frühjahr 1992 auf ca. 2/3 des Kon-
fliktbereiches eine ortsfeste Amphibienschutzan-
lage errichtet wurde. Im Jahr 1993 sanken erwar-
tungsgemäß die Individuenzahlen von Erdkröten
22 |
Straßenabschnitt
Jahr 1 2 3 4 5 7 8 9 10 11
Entfernung vom
Laichgewässer [m]
80
430
340
280
410
290
60
590
180
510
1988
635
1989
550
1990
194
1991
689
378
145
378
145
1992
528
601
159
234
174
234
174
87
1993
44
523
320
256
348
257
367
112
1994
314
630
324
1282
729
359
178
119
1995
395
455
890
383
1099
353
786
113
1996
204
625
1074
1270
264
312
257
47
1997
209
~300
~500
1551
328
104
154
41
1998
a)
113
150
1404
65
93
358
9
1999
23
127
267
1312
30
129
357
23
2000
48
122
-
1866
106
213
127
17
131
2001
49
87
-
1770
57
166
211
5
88
2002
266
158
-
1426
104
311
154
-
49
2003
390
177
-
1669
50
171
136
-
65
279
2004
365
208
-
1842
-
130
164
-
26
970
2005
586
69
-
924
-
230
208
-
-
40
2006
846
-
-
1813
76
433
147
-
-
359
2007
414
-
-
-
27
286
127
-
-
562
2008
423
-
-
-
41
277
422
-
-
633
W-Anteil,
Mittelwert
0,36
0,44
0,37
0,30
0,44
k. A.
k. A.
k. A.
0,39
0,44
W-Anteil,
Standardabw.
0,11
0,14
0,20
0,25
0,20
0,16
0,17
a) Baubedingte Straßenvollsperrung, deshalb kein Krötenzaun
W-Anteil – Weibchenanteil (Anzahl Weibchen/Gesamtzahl Adulti)
k. A. keine Angabe
Anmerkung: Im Abschnitt 1 (B180) beziehen sich die Individuenzahlen ab 1993 nur auf den ca. 1/3 der Gesamtlänge um-
fassenden Abschnitt mit provisorischem Krötenzaun neben der Amphibienschutzanlage.
Tab. 2: Anzahl der in Hinwanderrichtung an provisorischen Krötenzäunen registrierten Erd -
kröten
(Bufo bufo)

|23
*
Hier könnten unter den registrierten „Braunfröschen“ auch Moorfrösche sein
a)
Baubedingte Straßenvollsperrung, deshalb kein Krötenzaun
Anmerkung: Im Abschnitt 1 (B180) beziehen sich die Individuenzahlen ab 1993 nur auf den ca. 1/3 der Gesamtlänge um-
fassenden Abschnitt mit provisorischem Krötenzaun neben der Amphibienschutzanlage.
Tab. 3: Anzahl der in Hinwanderrichtung an provisorischen Krötenzäunen registrierten Gras-
frösche
(Rana temporaria)
Straßenabschnitt
Jahr 1 2 3 4 5* 7 8 9 10 11
Entfernung vom
Laichgewässer [m]
80
430
340
280
410
290
60
590
180
510
1988
140
1989
144
1990
16
1991
64
0
0
1992
2
48
12
0
0
0
1993
1
4
81
15
14
0
0
0
1994
1 48 39 0 9 0 0 0
1995
22
9
3
0
11
0
4
0
1996
1
26
4
9
16
8
0
4
1997
6 ca. 4 ca. 4 0 0 0 0 0
1998 a) 0 5 4 3 0 0 0
1999
00420100
2000
10 1 - 14 8 0 0 0 1
2001 11-770201
2002 0 3 - 31 3 0 0 - 7
2003
1
7
-
27
10
0
0
-
1
2004
21
1
-
37
-
0
0
-
0
2
2005 02 - 7 - 00 - - 0
2006
4
-
-
40
1
1
4
-
-
0
2007 7 - - - 0 0 0 -- 0
2008
11
-
-
-
0
0
0
-
-
0
(44) und Grasfröschen (1) am ergänzenden Ab-
schnitt des provisorischen Krötenzaunes gegen-
über den vorhergehenden Jahren. Allerdings traten
bereits im darauf folgenden Jahr wieder 314 Erd-
kröten auf. Seitdem blieb die Individuenzahl dieser
Art überwiegend in dieser Größenordnung und er-
reichte im Jahr 2006 mit 846 einen Rekordwert,
der noch über den Zahlen vor Errichtung der Am-
phibienschutzanlage liegt. Ist dies nun Ausdruck
einer insgesamt positiven Bestandsentwicklung
der lokalen Population oder hat sich die Wander-
aktivität nur räumlich verlagert, evtl. gar im Ergeb-
nis einer Meidung der Amphibienschutzanlage?
Diese Frage muss noch unbeantwortet bleiben.
Eine neuerliche Funktionskontrolle der beiden Am-
phibientunnel könnte zur Aufklärung beitragen.
Als ein Mittel der Erfolgskontrolle wurden von den
Helfern der Krötenzäune weiterhin Verkehrsverluste
registriert. So konnten zu kurz geratene Kröten-
zäune verlängert oder in ihrer Lage korrigiert wer-
den. Beim Grasfrosch wurden an der B 180
maximal 14% Verkehrsverluste beobachtet. Die
Verlustquoten der Erdkröte an provisorischen Krö-
tenzäunen der Region sind in Tab. 6 zusammen ge-
stellt. Aus statistischen Gründen wurden nur bei
mindestens 100 wandernden Individuen Verlust-

24 |
a)
Baubedingte Straßenvollsperrung, deshalb kein Krötenzaun
*
Die beiden Molcharten wurden hier von den Erfassern nicht unterschieden.
Tab. 4: Anzahl der in Hinwanderrichtung an provisorischen Krötenzäunen registrierten Molche
(Triturus vulgaris
und
T. alpestris)
Straßenabschnitt
Jahr 1 2 3 4 5 7 8 9 10 11
Entfernung vom
Laichgewässer [m]
80
430
340
280
410
290
60
590
180
510
Teichmolch
1988
0
1989
0
1990
0
1991
0
6*
6*
6*
6*
1992 1 0 7 0 0 23* 23* 14*
1993
0
3
15 (121*)
0
11*
37*
37*
2*
1994
2
1*
83*
0
30 (31*)
37*
25*
23*
1995
4
1*
1*
0
27
41*
183*
6*
1996
0
0
62 (83*)
1*
16
13*
301*
14*
1997
0
0
24 (62*)
0
0
21*
208*
19*
1998
a)
0
8
4 (5*)
1
17*
418*
3*
1999
0
0
2
2 (3*)
0
33*
298*
5*
2000
0
4
-
4
4
11*
388*
0
1
2001
0
0
-
1
3
5
233
0
0
2002
0
0
-
5
32
17
781
-
0
2003
0
2
-
42
27
13
922
-
0
0
2004
0
16
-
42
-
11
927
-
2
0
2005 0 0 - 5 - 17 242 - - 0
2006
0
-
-
16
5
14
757
-
-
0
2007
0
-
-
-
3
22
440
-
-
0
2008
1
-
-
-
2
84
1152
-
-
0
Bergmolch
1988
0
1989
0
1990
0
1991
0
-
-
1992
0
0
3
32
23
14
1993
0
0
24
0
0
1994
0
0
0
0
22
-
-
-
1995
0
0
82
0
29
0
0
0
1996
0
0
30
1
6
0
0
0
1997 0 0 9 0 0 0 0 0
1998 a) 0 5 1 0 0 0 0
1999 0 0 5 0 0 0 0 0
2000
0 1 - 1 1 0 0 0 0
2001 0 0 - 0 0 0 0 0 0
2002
0
0
-
16
1
0
1
-
0
2003
0
0
-
6
0
0
0
-
0
0
2004 0 0 - 1 - 0 0 - 0 1
2005 00 - 0 - 00 - - 0
2006
0
-
-
0
0
0
0
-
-
0
2007 0 - - - 0 0 0 - - 0
2008
0
-
-
-
0
0
0
-
-
0

|25
Tab. 5: Anzahl der in Hin- und Rückwanderrichtung am provisorischen Krötenzaun
an der B 180 registrierten Erdkröten
(Bufo bufo)
und Grasfrösche
(Rana temporaria)
Jahr Erfassungszeitraum Erdkröte Grasfrosch
Hin
Rück
Hin
Rück
1988
31.03. – 30.05.
635
107
140
93
1989
20.02. – 28.05.
550
134
144
33
1990
17.03. – 30.05.
194
20
16
4
1991
13.03. – 15.06.
689
25
64
1
quoten berechnet. Oftmals sind besonders im
ersten Jahr der „Aktion Krötenzaun“ noch relativ
hohe Verluste gegeben, weil der provisorische
Krötenzaun zu kurz war oder der Wanderkorridor
nicht optimal getroffen wurde. Im günstigsten
Falle senken provisorische Krötenzäune die Ver-
lustquote der zum Laichgewässer wandernden
Adulti unter 5%. Insbesondere an Straßen, die von
den Amphibien in relativ breiter Front überquert
werden, können jedoch auch weiterhin hohe Ver-
lustquoten auftreten (z.B. Straßenabschnitte 3,
10; Tab. 6). An der S 201 Oederan – Räuber-
schänke (Straßenabschnitt 3) wurden im ersten
Jahr des Krötenzauneinsatzes fast 60% Verluste
registriert. Dies belegt, dass stark befahrene Stra-
ßen beinahe unpassierbar für Amphibien sein
Straßenabschnitt
Jahr 12345 10 11
1988
12,9
1989
5
1990
18,1
1991
4,6
1992
1,1
11,3
59,4
1993
15,2
2,7
18,8
6,2
4,8
1994
9
0,3
0,9
1,7
1,6
1995
6
12,1
1,8
13,5
1,8
1996
10,1
3,1
7,3
8,7
0,4
1997
5,9
3,2
8
3,5
0
1998
15,7
33,3
3,3
0
1999
76
21,6
31,54
4,3
2000
65,5
5,4
3,6
13,2
2001
66
0
3,5
3,4
24,8
2002
16,4
0
2,9
2,8
0
2003
20,7
0,6
2
25,3
8,5
2004
11,4
10
1,1
25,7
0,1
2005
5,6
4,2
4
20
2006
6
3,6
0,6
2007
7,2
2,1
2008
0,7
0,8
Jahre mit < 100 wandernden Individuen kursiv gesetzt (Verlustquoten sind hier eine Hochrechnung)
Tab. 6: Verlustquoten von Erdkröten (Anteil der tot auf der Straße gefundenen Tiere an den
insgesamt auf dem Straßenabschnitt registrierten wandernden Individuen) an provisorischen
Krötenzäunen der Region

können. Die Verluste an der B 180 sind konstant
relativ hoch, weil hier die Amphibien aus einem
relativ lang gestreckten Waldrand mit Felsbe-
reichen auf die Straße laufen. Sowohl die provi-
sorischen Krötenzäune, als auch die ortsfesten
Schutzanlagen können aus topografischen Grün-
den nur einen Teil dieses Konfliktbereiches
sichern. Überdies nutzen insbesondere die aus
Richtung Flöha aus dem Wald kommenden Erd-
kröten die Straße als Wanderkorridor und ziehen
über längere Strecken entlang der Straße in Rich-
tung Laichgewässer.
Schlussfolgerungen für die Praxis
des Amphibienschutzes
Im landschafts- und populationsökologischen
Kontext
lösen Maßnahmen des Amphibienschut-
zes an Straßen höchstens einen Teil der anthro-
pogenen Lebensraumfragmentierung. Sowohl aus
praktischen als auch aus finanziellen und politi-
schen Gründen ist im günstigsten Fall nur die
Passierbarkeit von Straßenabschnitten im Bereich
konzentriert von Amphibien genutzter Wander-
korridore wieder herstellbar. Auf Dauer kommen
dafür regelmäßige zeitweilige Straßensperrungen
und der Einbau ortsfester Amphibienschutzan -
lagen oder von Grünbrücken (T
EUFERT et al. 2005)
in Frage. Eine Beschilderung von Konfliktberei-
chen ist nur zum Schutz der Helfer bei Einsatz
provisorischer Krötenzäune sinnvoll. Schilder und
Geschwindigkeitsbegrenzungen sind keine effek-
tiven Mittel des Amphibienschutzes, da nicht pri-
mär die gefahrenen Geschwindigkeiten, sondern
die Verkehrsdichte in den Stunden der Amphi-
bienwanderung die Verkehrsverluste bestimmten
(K
UHN 1987a; HELS
&
BUCHWALD 2001).
Straßensperrungen sind wohl die wirksamste
Methode des Schutzes der zum Laichgewässer
wandernden Amphibien (wie baubedingte Voll-
sperrungen z.B. der B 180 und der K72 zwischen
Schellenberg und Hohenfichte in der Region be-
legten). Ihre Wirksamkeit ist naturgemäß auf den
Zeitraum der Sperrung beschränkt. Um die
wesentlichsten Wanderaktivitäten der Amphibien
einzuschließen, müssten betreffende Straßenab-
schnitte in der Region Flöha mindestens von März
bis November in den Dämmerungs- und Nacht-
stunden gesperrt werden, von Juni bis August
zum Schutz abwandernder Jungtiere zusätzlich
am Tage (M
ÜNCH 1992; SACHS-TERNES et al. 2004).
Eine solche Forderung ist kaum durchsetzbar
(vgl. L
AUFER 1997; MÄNNEL 1995; MÜNCH 1992;
S
ACHS-TERNES et al. 2004). Dieses Mittel wurde in
der Region im Falle einer nur für Anlieger bedeut-
samen Ortsstraße in Eppendorf und für einen we-
sentlich kürzeren Zeitraum (Dämmerungs- und
Nachtstunden im März/April) geprüft und konnte
auch hier nicht umgesetzt werden.
Das Mittel der Wahl an den meisten betroffenen
Straßenabschnitten ist der Einbau ortsfester Am-
phibienschutzanlagen. Von der Feststellung eines
Konfliktbereiches bis zu einer funktionstüchtigen
Anlage ist es ein sehr langer, mühsamer Weg
(D
AMER 1998; GEIGER 1995; SCHWENKE 2002 – 2003).
Um die begrenzten Mittel effektiv für den Amphi-
bienschutz einsetzen zu können, müssen die Kon-
fliktbereiche zunächst in regionalen Prioritäten-
listen geordnet werden. Die Priorität des Baues
einer Anlage sollte sich vorwiegend an dem Ge-
fahrenpotenzial orientieren, das von dem Kon-
fliktbereich für die lokale Amphibienfauna aus-
geht. Dieses wird durch die betroffenen Arten
und den Anteil des Konfliktbereiches am Aus -
sterberisiko der Populationen entsprechend der
Verkehrsdichte und dem Anteil der im Konflikt-
bereich wandernden Individuen an der Population
gemessen (L
AUFER 1997). Funktionstüchtige Am-
phibienschutzanlagen können nur dann entste-
hen, wenn Fachplaner mit Erfahrungen im Am-
phibienschutz an der Projektierung angemessen
mitarbeiten und wenn ausreichende Finanzmittel
verfügbar sind (G
EIGER 1995). In der Region Flöha
entstanden trotz zahlreicher engagierter Akteure
bisher nur an zwei Straßenabschnitten funktio-
26 |

nierende Anlagen (vgl. Tab. 1). Dieses Ergebnis
wird zusätzlich dadurch relativiert, dass eine auf
die Amphibienpopulationen bezogene Effizienz-
kontrolle dieser Anlagen nicht erfolgte und der
Erfolg ausschließlich an Beobachtungen von Ver-
kehrsverlusten auf der Straße gemessen wurde.
Dem stehen in der Region über 40 erkannte Kon-
fliktbereiche an Straßen gegenüber. Nicht alle
diese Konfliktbereiche sind mit ortsfesten Amphi-
bienschutzanlagen lösbar. So ist z.B. in der Orts-
lage von Schönerstadt/Oederan ein Konfliktbe-
reich bekannt, der relativ kopfstark von Erdkröten
passiert wird. Auf Grund der topografischen Ver-
hältnisse sind hier weder ein provisorischer Krö-
tenzaun, noch eine Amphibienschutzanlage ein-
setzbar. Da es sich um die Hauptstraße des Dorfes
handelt, kommt hier auch eine Straßensperrung
nicht in Betracht. Dieses Beispiel unterstreicht,
dass der Einbau von Amphibienschutzanlagen im
Bereich der bekannten Schwerpunkte der Amphi-
bienwanderung in Bezug auf das Gesamtanliegen
des Amphibienschutzes an Straßen nur eine
Minimalforderung
ist.
Die Projektierung ortsfester Amphibienschutz -
anlagen basiert auf Daten über die Arten, Indivi-
duenzahlen und örtlichen Wanderkorridore im
Konfliktbereich. Diese Daten werden meist durch
den Einsatz provisorischer Krötenzäune gewon-
nen (B
ÖRNCHEN 1997; JOHN 2002 – 2003; KUHN
1987b; LAUFER 1997; POLIVKA et al. 1991). Oftmals
lassen die zeitlichen und finanziellen Zwänge des
Planungsprozesses von Amphibienschutzanlagen
kaum mehr als ein Untersuchungsjahr zu. Umso
wertvoller sind mehrjährige Datenreihen, die an
Krötenzäunen gewonnen wurden. Die an Kröten-
zäunen registrierten Individuenzahlen weisen all-
gemein starke Fluktuationen innerhalb mehrerer
Jahre auf (z.B. D
OSS 1995; KRUMME
&
MÜNCH 1992;
L
OOS 1992; MÜNCH 1991; SACHS-TERNES, JASCHKE
&
SCHLUPP 2004; SCHÄFER
&
KNEITZ 1993; SCHWENKE
2002 – 2003). Einjährige Untersuchungen können
nur aus diesen um eine Zehnerpotenz streuenden
Daten eine zufällige Auswahl treffen. Wird dabei
zufällig ein Jahr mit geringer Wanderungsaktivi-
tät gewählt, ist die Gefahr der Unterschätzung
des Gefahrenpotenzials und einer schlechten
Lagebestimmung der Wanderkorridore sehr groß.
Die Erfassungsdaten von Krötenzäunen werden
oft zur Erfolgskontrolle genutzt (B
ÖRNCHEN 1997;
D
AMER 1998; JOHN 2002 – 2003; LAUFER 1997). Man
unterstellt, dass diese Daten die Bestandsentwick-
lung der Laich-Population abbilden und hofft auf
einen zunehmenden Trend oder konstante Anzahl
der am Zaun registrierten Amphibien als Bestäti-
gung für dessen Wirksamkeit. Die langjährigen
Ergebnisse provisorischer Krötenzäune der Region
Flöha zeigen, dass diese Erwartungen nicht leicht
zu erfüllen sind (vgl. auch S
CHÄFER
&
KNEITZ 1993).
Die starken Fluktuationen der Individuenzahlen
an allen Krötenzäunen können nicht hinreichend
mit methodischen Ursachen (Einsatzzeitraum,
Länge und Effizienz des Krötenzaunes o. ä.) erklärt
werden. An den meisten Krötenzäunen ist auch
kein langjähriger Trend der Individuenzahlen
nachweisbar.
Das Verständnis der Ursachen der Fluktuationen
an den Krötenzäunen ist eine Grundvorausset-
zung für die Interpretation dieser Daten zur Ab-
schätzung des Gefahrenpotenzials eines Konflikt-
bereiches für die betreffende Population. Da
solche Fluktuationen auch am Laichgewässer be-
obachtet wurden (H
EUSSER 1968a; KUHN 1994;
M
EYER et al. 1998; SCHÄFER
&
KNEITZ 1993; WOLF
1994), liegen sie offenbar in der Dynamik der
jeweiligen Population selbst begründet und
sind nur im Kontext der Populations-
Regulationsmechanismen zu verstehen (P
ECHMANN
et al. 1991). Verschiedene Erkenntnisse und An-
nahmen zur Populationsdynamik von Amphibien
wurden in der Fachliteratur zur Erklärung heran
gezogen:
Regulation der Populationsstärke durch hohe
Winter- und Laichgewässer-Mortalität (K
UHN
1994),
|27

Weibchen der Erdkröte reproduzieren nach
der Geschlechtsreife (mit 4– 5 Jahren) höchs-
tens alle 2 Jahre (H
EUSSER 1968a, b) bzw. nur,
wenn ihre Konstitution für eine Laichbereit-
schaft ausreicht (K
UHN 1994) und
Reproduktionserfolg als Regulationsfaktor
der Populationsgröße (S
CHÄFER
&
KNEITZ 1993;
W
OLF 1994; MEYER et al. 1998).
Die genannten Faktoren können zu regellos wir-
kenden Fluktuationen der Anzahl zum Laich -
gewässer wandernder Erdkröten führen. Die vor-
wiegend witterungsabhängige Wintermortalität
und Nahrungsverfügbarkeit im Sommerlebens-
raum als Grundlage der körperlichen Verfassung
der Weibchen (K
UHN 1994) wirken regional wahr-
scheinlich relativ synchron (M
EYER et al. 1998).
Wären diese beiden Faktoren ausschlaggebend für
die beobachteten Fluktuationen, dann gäbe es an
allen Krötenzäunen der Region „gute und
schlechte Krötenjahre“. Dies wurde jedoch weder
in der Region Flöha noch anderenorts beobachtet
(M
EYER et al. 1998; WOLF 1994). Übereinstimmend
mit den Ergebnissen von anderen Krötenzäunen
(u.a. K
UHN 1984, 1986; LAUFER 1997; SCHÄFER
&
KNEITZ 1993) ist die Anzahl der zum Laichgewässer
wandernden Adulti deutlich größer als der über
den gleichen Straßenabschnitt zurück wandern-
den Tiere. An Erdkröten-Laichgewässern werden
nicht selten tote Tiere (oftmals durch zu viele
klammernde Männchen ertrunkene Weibchen)
gefunden. W
OLF (1994) bestimmte aus der Bilanz
der an einem Krötenzaun in geringer Laichgewäs-
serentfernung in beiden Richtungen festgestell-
ten Erdkröten Gewässermortalitäten zwischen 1%
und 13%. Natürliche Abgänge in dieser Größen-
ordnung stimmen eher mit den Beobachtungen
überein, als die von K
UHN (1994) aus der Bilanz
Zuwanderung/Abwanderung markierter Tiere in
größerer Gewässerentfernung errechnete Morta-
lität von 15% bis 35%. Die Differenz zwischen
Zu- und Abwanderung über einen Straßenab-
schnitt kann auch damit erklärt werden, dass die
Abwanderung über einen viel längeren Zeitraum
als die Zuwanderung erfolgt und nicht unbedingt
konzentriert den gleichen Straßenabschnitt über-
queren muss, weil erhebliche Anteile der Popula-
tion auf der Laichgewässerseite der Straße über-
sommern (L
AUFER 1997). Diese Differenz ist also
nicht schlüssig mit der Laichgewässermortalität
gleich zu setzen.
Die Anzahl der im Frühjahr am Krötenzaun er-
scheinenden Grasfrösche kann darüber hinaus
noch aus einem anderen Grund stark fluktuieren.
K
NEITZ (1999) belegte, dass bis zu 80% der in einem
Gewässer laichenden Grasfrösche bereits im vor-
hergehenden Herbst das Laichgewässer oder des-
sen Umfeld erreichen. In einzelnen Jahren kann
also der überwiegende Teil der „Laichwanderung“
über eine Straße bereits im Herbst vorweg genom-
men sein, was einen scheinbaren „Bestandsein-
bruch“ im Frühjahr bewirkt, so wie er an einigen
Krötenzäunen der Region Flöha beobachtet wurde
(vgl. Tab. 3). O
RTMANN et al. (2005) beobachteten
überdies an einer Kammmolch-Population inner-
halb von drei Jahren trotz annähernd gleich blei-
bender Populationsstärke am Laichgewässer einen
abnehmenden Trend der am Krötenzaun registrier-
ten Individuenzahlen. Vermutlich sank hier die
Fangeffektivität des Krötenzaunes systematisch ab
bzw. wurde der Zaun von den Tieren gemieden.
Also sind auch Trends der an provisorischen Krö-
tenzäunen registrierten Individuenzahlen nicht un-
kritisch mit entsprechenden Bestandstrends der
Laichpopulation gleich zu setzen.
Als weiteres Erfolgskriterium wird oft die Anzahl
der im Konfliktbereich trotz des Krötenzaunein-
satzes gefundenen Verkehrsopfer benutzt (vgl.
auch L
AUFER 1997, Tab. 6). Vor allem für notwen-
dige Korrekturen der Länge und Lage des Kröten-
zaunes ist dies ein probates Mittel. Allerdings un-
terschätzen die bei der Kontrolle der Krötenzäune
registrierten Verkehrsopfer aus mehreren Grün-
den regelmäßig deren Anzahl. Selbst intensive
morgendliche Nachsuche nach überfahrenen Am-
28 |

phibien erfasst je nach Art nur einen mehr oder
weniger kleinen Anteil der vorhandenen Tiere
(H
ELS
&
BUCHWALD 2001). Die Helfer der Kröten-
zäune registrieren jedoch nur beiläufig beobach-
tete Opfer, also nochmals weniger. Überfahrene
Amphibien verbleiben nicht sehr lange auf der
Straße. In den ersten Nachtstunden (der Haupt-
wanderzeit der meisten Amphibien) überfahrene
Tiere sind häufig schon am nächsten Morgen
nicht mehr auffindbar.
Fazit
Auch nach 20-jährigen Bemühungen gewährleis -
ten überwiegend nur provisorische Krötenzäune
den Amphibienschutz an bestehenden Straßen
der Region Flöha. Auch wenn die „Aktion Kröten-
zaun“ zur Popularisierung
des Naturschutzes bei-
trägt, ist sie keine Maßnahme des vorsorgenden
Naturschutzes, sondern eine Reparaturmaß-
nahme. Sie vermindert teilweise ein konkretes
Problem einer Tiergruppe mit der vom Menschen
lebensfeindlich gestalteten Kulturlandschaft.
Krötenzäune können keine Dauerlösung sein
(B
ÖRNCHEN 1997; FRÖHLICH
&
BERGER 1995; JOHN
2002 – 2003; HELS
&
BUCHWALD 2001; KUHN 1984,
1987b; L
AUFER 1997; MÜHLSCHLEGEL
&
VENCES 1997;
M
ÜNCH 1992; POLIVKA et al. 1991), denn:
1. Provisorische Krötenzäune können mit einem
hohen personellen Aufwand nur zeitweilig für
einen Teil einer Amphibienpopulation (zumeist
nur die Anwanderung der Adulten zum Laich-
gewässer) die verkehrsbedingte Mortalität
senken.
2. Die Effektivität dieser Maßnahme ist art- und
altersspezifisch unterschiedlich und noch für
adulte Erdkröten am besten. Dagegen profitie-
ren stärker gefährdete Amphibienarten, z.B.
Feuersalamander und Kammmolch, deutlich
weniger von provisorischen Krötenzäunen.
Auch Jungtiere werden kaum geschützt, selbst
wenn der Krötenzaun während ihrer Abwan-
derung zum Sommerlebensraum stehen sollte.
3. Provisorische Krötenzäune können Verluste
anderer geschützter Tiere als „Beifang“ (ins -
besondere Spitzmäuse, Laufkäfer, Kriechtiere)
verursachen.
Mit dem gesetzlichen Schutz unserer Amphibien
ist eine gesellschaftliche Aufgabe definiert, der
sich insbesondere die Verursacher der massenhaf-
ten Tötung auf Straßen gemäß § 44 Bundes-
Naturschutzgesetz stellen müssen. Den Baulast-
trägern der betroffenen Straßen ist offenbar ver-
breitet unklar, dass sie die Verantwortung für be-
sonders geschützte Arten im Straßenbereich
tragen und dass Naturschützer sie mit dem Ein-
satz provisorischer Krötenzäune nicht von dieser
Verantwortung entbinden. Im Rahmen von Plan-
feststellungsverfahren sind beim Neubau oder
grundhaften Ausbau von Straßen Aspekte des
Amphibienschutzes angemessen zu berücksich -
tigen (BMVBW 2000; L
AUFER 1997). Heute werden
bei derartigen Vorhaben Amphibien im Rahmen
der Umweltverträglichkeitsprüfung untersucht
und im landschaftspflegerischen Begleitplan fin-
den sich Schutzmaßnahmen für diese Tierklasse
(L
AUFER 1997), wenn deren Betroffenheit erkannt
wurde. Oftmals werden zur Sicherung der Durch-
gängigkeit für Amphibien im Bereich bekannter
Laichwanderrouten ortsfeste Amphibienschutz-
anlagen in neue Straßen eingebaut. Die Situation
an bestehenden Straßen ist hingegen grund -
legend anders. Diese Mehrheit unserer Straßen ist
überwiegend für Amphibien unpassierbar, weil
ohne ein förmliches Planungsverfahren Amphi-
bienschutzbelange hier nicht betrachtet werden.
Der Amphibienschutz an bestehenden Straßen
krankt weitgehend an der Spaltung zwischen ob-
jektiver Verantwortlichkeit (G
EIGER 1995) und Ver-
antwortungsbewusstsein. Es bedarf eindeutiger
Bestimmungen (SMWA 1999), die entsprechend
des Verursacherprinzips den Artenschutz an Straßen
als Pflichtaufgabe des Baulastträgers definieren.
|29

Danksagung
Zuerst gilt mein Dank all jenen ungenannten Hel-
fern, die durch ihre zumeist unbezahlte Mitarbeit
beim Bau und der Betreuung provisorischer Krö-
tenzäune einen Amphibienschutz an den Straßen
der Region Flöha erst ermöglicht haben. Weiterhin
danke ich der Unteren Naturschutzbehörde des
früheren Landkreises Freiberg (heute Mittelsach-
sen) für die Unterstützung dieser Aktivitäten und
die Bereitstellung von Daten über die bestehenden
ortsfesten Amphibienschutzanlagen der Region.
Literatur
BAUER, S. (1983): Über die Amphibien-Zaunaktionen der
Jahre 1978 – 1981. Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft
Naturschutz Wangen im Allgäu 3, S. 89 – 94.
B
LAB, J. (1986): Biologie, Ökologie und Schutz von Amphi-
bien. Kilda, Bonn-Bad Godesberg, 150 S.
B
LAU, J. (2009): Fängigkeitsvergleich zweier an Amphibienzäu-
nen eingesetzter Bodenfallentypen. Jahresschrift für Feldher-
petologie und Ichthyofaunistik in Sachsen (11), S. 87 – 95.
B
ÖRNCHEN, E. (1997): Zehn Jahre erfolgreicher Krötenschutz
(Oberholz). Jahresschrift für Feldherpetologie und
Ichthyofaunistik in Sachsen (4), S. 75 – 77.
B
UCK, T. (1985): Zur Biologie der Erdkröte
Bufo bufo
unter
besonderer Berücksichtigung des Fortpflanzungsverhal-
tens. Informationsdienst Naturschutz, Niedersächsisches
Landesverwaltungsamt Hannover (Hrsg.) 5 (1), S. 1 – 30.
BMVBW – B
UNDESMINISTERIUM FÜR VERKEHR, BAU -UND WOHNUNGS-
WESEN (HRSG.) (2000): Merkblatt zum Amphibienschutz an
Straßen (MAmS). 28 S.
D
AMER, G. (1998): Eine Amphibienschutzanlage – ‘wenige
Minuten vor zwölf’. Jahresschrift für Feldherpetologie und
Ichthyofaunistik in Sachsen (5), S. 99 – 101.
D
EXEL, R.
&
KNEITZ, G. (1987): Zur Funktion von Amphibien-
schutzanlagen im Straßenbereich. Forschung Straßenbau
und Straßenverkehrstechnik (516), 93 S.
D
OSS, G. (1995): Der Schwarze Teich in Elterlein (Kr. Anna-
berg) – ein bedeutsamer Massenlaichplatz der Erdkröte
(
Bufo bufo
) in Sachsen. Jahresschrift für Feldherpetologie
und Ichthyofaunistik in Sachsen (2), S. 36 – 37.
F
RÖHLICH, G.
&
BERGER, H. (1995): Übersicht zu Konflikt-
punkten an Amphibienwanderwegen über Straßen des
Freistaates Sachsens 1994. Jahresschrift für Feldherpeto-
logie und Ichthyofaunistik in Sachsen (2), S. 31 – 33.
G
EIGER, A. (1995): Amphibienschutz an Straßen – auch in
Zukunft. Jahresschrift für Feldherpetologie und Ichthyo-
faunistik in Sachsen (2), S. 25 – 30.
G
LANDT, D. (1981): Amphibienschutz aus der Sicht der
Ökologie. ein Beitrag zur Artenschutz-Theorie. Natur und
Landschaft 56, S. 304 – 310.
H
ELS, T.
&
BUCHWALD, E. (2001): The effect of road kills on am-
phibian populations. Biological Conservation 99, S. 331 – 340.
H
EUSSER, H. (1968a): Die Lebensweise der Erdkröte,
Bufo
bufo
(L.) – Größenfrequenzen und Populationsdynamik.
Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Schaff-
hausen 29, S. 33 – 61.
H
EUSSER, H. (1968b): Die Lebensweise der Erdkröte,
Bufo
bufo
(L.) – Wanderungen und Sommerquartiere. Revue
Suisse de Zoologie 75 (48), S. 927 – 982.
J
EHLE, R.
&
SINSCH, U. (2007): Wanderleistung und Orientie-
rung von Amphibien: eine Übersicht. Zeitschrift für Feld-
herpetologie 14 (2), S. 137 – 152.
J
OHN, I. (2002 – 2003): Zur Effektivität der Amphibien-
schutzanlage am Knappensee/Oberlausitz. Jahresschrift
für Feldherpetologie und Ichthyofaunistik in Sachsen (7),
S. 140 – 156.
K
LEIN, M.; VEITH, M. (1997): Metapopulation – ein sinnvolles
Konzept für den Amphibienschutz? Mertensiella 7, S. 17 – 28.
K
NEITZ, S. (1999): Zur Jahresphänologie adulter Gras- (
Rana
temporaria
) und Springfrösche (
Rana dalmatina
) an Laich-
gewässern im Drachenfelser Ländchen südwestlich von
Bonn. Zeitschrift für Feldherpetologie 6 (1/2), S. 159 – 185.
K
RUMME, K.; MÜNCH, D. (1992): Amphibienuntersuchungen
an Straßen als Entscheidungsgrundlage für den Bau von
Krötentunneln. In: MÜNCH, D. (Hrsg.)(1992): StraßenSper-
rungen. Neue Wege im Amphibienschutz. Tagungsbericht
zum gleichnamigen Seminar des Naturschutzzentrums
NRW. Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilien-
schutz in Dortmund, S. 133 – 164.
K
UHN, J. (1984): Eine Population der Erdkröte (
Bufo bufo
L.)
auf der Ulmer Alb: Wanderungen, Straßentod und Über -
lebensaussichten 1981. Jahrbuch der Gesellschaft für Na-
turkunde Württemberg 139, S. 123 – 159.
K
UHN, J. (1986): Amphibienwanderungen und Autobahn-
bau – eine Fallstudie zur A 96 im Raum Wangen im All-
gäu. Jahrbuch der Gesellschaft für Naturkunde Württem-
berg 141, S. 211 – 252.
K
UHN, J. (1987a): Straßentod der Erdkröte (
Bufo bufo
L.):
Verlustquoten und Verkehrsaufkommen, Verhalten auf der
Straße. Beiheft zu Veröffentlichungen Naturschutz Land-
schaftspflege Baden-Württemberg 41, S. 175 – 186.
30 |

KUHN, J. (1987b): Provisorische Amphibien-Schutzzäune:
Aufbau – Betreuung – Datensammlung; Beobachtungen
zur Wirksamkeit. Beiheft zu Veröffentlichungen Natur-
schutz Landschaftspflege Baden-Württemberg 41,
S. 187 – 195.
KUHN, J. (1994): Lebensgeschichte und Demographie von
Erdkrötenweibchen
Bufo bufo
(L.). Zeitschrift für Feld -
herpetologie 1 (1/2), S. 3 – 87.
L
AUFER, H. (1997): Methodik bei Untersuchungen von Am-
phibienwanderungen zum Laichgewässer im Rahmen von
Straßenbauverfahren – am Beispiel der Erdkröte (
Bufo
bufo
L.). Mertensiella 7, S. 35 – 60.
L
OOS, W.(1992): 12 Jahre Schutzzäune gegen den Straßen-
tod wandernder Erdkröten in Unna-Nordlünern.
In: M
ÜNCH, D. (Hrsg.)(1992): StraßenSperrungen. Neue
Wege im Amphibienschutz. Tagungsbericht zum gleich -
namigen Seminar des Naturschutzzentrums NRW.
Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in
Dortmund, S. 105 – 122.
M
ÄNNEL, R. (1995): Zu Ergebnissen der fünfjährigen Be-
treuung einer Amphibienschutzanlage und praktische
Erfahrungen mit dem ACO-PRO-System. Jahresschrift für
Feldherpetologie und Ichthyofaunistik in Sachsen (2),
S. 34 – 35.
M
EYER, A.H.; SCHMIDT, B.R.
&
GROSSENBACHER, K. (1998): Ana-
lysis of three amphibian populations with quarter-century
long time-series. Proceedings of the Royal Society of Lon-
don 265, S. 523 – 528.
M
ÜHLSCHLEGEL, L.
&
VENCES, M. (1997): Reduzierung der
Kleinsäugermortalität in Amphibien-Landfallen durch se-
lektive Ausstiegshilfen – ein Beitrag zum Säugetierschutz.
Zeitschrift für Feldherpetologie 4 (1/2), S. 173 – 186.
M
ÜNCH, D. (1991): 10 Jahre Schutzmaßnahmen gegen den
Straßentod wandernder Amphibien am NSG Hallerey in
Dortmund – eine Bilanz von 1981 – 1990. Natur und
Landschaft 66 (7/8), S. 384 – 391.
M
ÜNCH, D. (Hrsg.)(1992): StraßenSperrungen. Neue Wege
im Amphibienschutz. Tagungsbericht zum gleichnamigen
Seminar des Naturschutzzentrums NRW. Arbeitsgemein-
schaft Amphibien- und Reptilienschutz in Dortmund.
224 S.
O
RTMANN, D.; HACHTEL, M.; SANDER, U.; SCHMIDT, P.;
T
ARKHNISHVILI, D.; WEDDELING K.
&
BÖHME W. (2005): Stan-
dardmethoden auf dem Prüfstand – Vergleich der Effekti-
vität von Fangzaun und Unterwassertrichterfallen bei der
Erfassung des Kammmolches,
Triturus cristatus
. Zeitschrift
für Feldherpetologie 12 (2), S. 197 – 209.
P
ECHMANN, J.H.K.; SCOTT, D.E.; SEMLITSCH, R.D.; CALDWELL, J.P.;
V
ITT, L.J.
&
GIBBONS, J.W. (1991): Declining amphibian popu-
lations: The problem of separating human impacts from
natural fluctuations. Science 253, S. 892 – 895.
P
OLIVKA, R.; KIST, U.; GROSS, P.
&
BEINLICH, B. (1991): Zur
Funktionsfähigkeit von ACO-Amphibienschutzanlagen an
zwei Kreisstraßen im Landkreis Marburg-Biedenkopf.
Natur und Landschaft 66 (7/8), S. 375 – 383.
R
EH, W.
&
SEITZ, A. (1989): Untersuchungen zum Einfluß
der Landnutzung auf die genetische Struktur von Popula-
tionen des Grasfrosches (
Rana temporaria
L.). Verhand-
lungen der Gesellschaft für Ökologie (Essen 1988) XVIII,
S. 793 – 797.
S
ACHS-TERNES, W.; JASCHKE, T.
&
SCHLUPP, I. (2004): Wander -
aktivität und Mortalität von Amphibien vor und nach
einer Straßensperrung: Erfahrungsbericht über den Erfolg
einer Artenschutzmaßnahme. Natur und Landschaft 79
(1), S. 26 – 30.
SMWA – S
ÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT UND
ARBEIT (1999): Amphibienschutz an Strassen. – Ein
Modellprojekt im Freistaat Sachsen. Schriftenreihe der
Sächsischen Straßenbauverwaltung (8), 29 S.
S
CHÄFER, H.-J.
&
KNEITZ, G. (1993): Entwicklung und Aus-
breitung von Amphibien-Populationen in der Agrarland-
schaft – ein E+E-Vorhaben. Natur und Landschaft 68
(7/8), S. 376 – 385.
S
CHWENKE, B. (2002 – 2003): 15 Jahre Amphibienschutz
Ullersdorfer Landstraße Dresden/Weißig. Jahresschrift für
Feldherpetologie und Ichthyofaunistik in Sachsen (7),
S. 74 – 82.
T
EUFERT, S.; CIPRIOTTI, M.
&
FELIX, J. (2005): Die Bedeutung von
Grünbrücken für Amphibien und Reptilien – Untersuchun-
gen an der Autobahn 4 bei Bischofswerda/Oberlausitz
(Sachsen). Zeitschrift für Feldherpetologie 12 (1), S. 101 – 109.
W
OLF, K.-R. (1994): Untersuchungen zur Biologie der Erd-
kröte
Bufo bufo
L. unter besonderer Berücksichtigung des
Einflusses von Migrationshindernissen auf das Wander-
verhalten und die Entwicklung von vier Erdkrötenpopula-
tionen im Stadtgebiet von Osnabrück. Mellen University
Press, Hemmoor, 421 S.
Autor
Dr. Volkmar Kuschka
Talstraße
10, 09557 Flöha
E-mail: VolkmarKuschka@web.de
www.nature-foto.com
| 31

image
image
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 32 – 49
Anwendungsmöglichkeiten ingenieur-
biologischer Bauweisen bei der naturnahen
Umgestaltung von Fließgewässern
Andreas Stowasser
Ingenieurbiologische Bauweisen stellen eine wirk-
same Methode des nachhaltigen und naturnahen
Wasserbaus dar. Sie haben ihren Ursprung im
Schutzwasserbau und werden als handwerkliche
Techniken zur Sicherung von Gewässerufern und
Böschungen seit alters her aufgrund von Erfah-
rung angewendet. In den letzten Jahrzehnten
wurde ihre systematische wissenschaftliche Un-
tersuchung in Bezug auf Wirkungsweise, Leis -
tungsfähigkeit, Anwendungsbereiche, Pflege und
Unterhaltung deutlich vorangetrieben (G
ESELL-
SCHAFT FÜR INGENIEURBIOLOGIE, o. J.).

„Heute versteht man unter Ingenieurbiologie ein
technisch-naturwissenschaftliches Fachgebiet im
Erd- und Wasserbau, das gekennzeichnet ist
durch die Verwendung von lebenden Pflanzen
und Pflanzenteilen, deren Verhalten und Wir-
kungsweise allein oder in Verbindung mit unbe-
lebten Baustoffen einer technischen Aufgabe
dient“ (SMUL 2005).
Je nach Zielrichtung der Gesamtbaumaßnahme
können ingenieurbiologische Bauweisen eher
naturnah, d. h. zur Initiierung einer eigendynami-
schen Gewässerentwicklung oder zur Unterstüt-
zung eines technischen Gewässerausbaus einge-
setzt werden.
Aufgrund ihrer sowohl technischen als auch öko-
logischen Wirkungen kommt den ingenieurbiolo-
gischen Bauweisen bei der Etablierung eines
nachhaltigen Wasserbaus eine Schlüsselrolle zu.
Vor dem Hintergrund der gesetzlichen Anforde-
rungen und der anstehenden Umsetzung der
Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist davon auszu-
gehen, dass diese Bautechniken als sinnvolle Er-
gänzung konventioneller Maßnahmen des Was-
serbaus an Bedeutung gewinnen werden.
Die mit der Wasserrahmenrichtlinie verbundenen
Anforderungen hinsichtlich einer naturnahen
Entwicklung und/oder Umgestaltung der Fließge-
wässer sind im Wasserhaushaltsgesetz (WHG)
und den Wassergesetzen der Bundesländer (z. B.
SächsWG) entsprechend umgesetzt.
Sowohl im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG)
als auch im Sächsischen Naturschutzgesetz
(SächsNatSchG) finden sich Festlegungen, die
eine Anwendung ingenieurbiologischer Bauwei-
sen im Wasserbau fordern und fördern. Die Was-
ser- und Naturschutzgesetzgebung schafft in
Verbindung mit den untergesetzlichen Regelun-
gen (vgl. Erlasse des SMUL zur Anwendung inge-
nieurbiologischer Bauweisen im Wasserbau, 2004
und 2006) im Freistaat Sachsen eine durchge-
hende und eindeutige Regelung zur zwingenden
Anwendung ingenieurbiologischer Bauweisen im
Wasserbau – von der Aufstellung der Hochwas-
serschutzkonzepte bis zur Ausführungsebene.
Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen infolge
des Augusthochwassers 2002 wurde vom Säch-
sischen Staatsministerium für Umwelt und
Landwirtschaft (SMUL) im Jahr 2003 ein grund-
legender Paradigmenwechsel hin zu einem nach-
haltigen und zeitgemäßen Wasserbau gefordert:
„Unter nachhaltigem Wasserbau verstehen wir
Baumaßnahmen an und in Gewässern zur Ver -
besserung des ökologischen Zustands oder Poten-
zials, des Hochwasserschutzes und der Effizienz
der Gewässerbewirtschaftung unter Berücksich-
tigung der wasserwirtschaftlichen Notwendig -
keiten sowie der naturräumlichen Gegebenheiten
bei Einsatz verhältnismäßiger Mittel und Beach-
tung des Prinzips der Eingriffsminimierung“
(SMUL 2005).
|33
Her-
stellungs-
kosten
naturfern
Naturnähe des Gewässerabschnitts
Sicherungsfunktion der verwendeten
Bauweise
unmitttelbar
nach Fertigstellung
hoch
naturnah
gering
Hydrau-
lische
Belast-
barkeit
Eigenent-
wicklung
Ingenieurbiolog.
Bauweisen
Ingenieurtechn.
Bauweisen
(Konventioneller
Wasserbau)
Abb. 2: Anwendungsmöglichkeiten ingenieurbiologischer
Bauweisen im Wasserbau
Abb. 1: Erhöhter Wasserabfluss infolge eines Gewitters mit
Starkregen Ende Mai 2001 – bereits unmittelbar nach Bau-
fertigstellung halten die ingenieurbiologischen Bauweisen
den hydraulischen Belastungen Stand.
Foto: H. Kroll

Die folgenden drei Beispiele sollen die Anwen-
dungsmöglichkeiten der ingenieurbiologischen
Bauweisen erläutern:
Beispiel 1: Offenlegung der Bartlake im Nor-
den von Dresden – ingenieurbiologische
Bauweisen zur Initiierung eigendynamischer
Gewässerentwicklung
Beispiel 2: Renaturierung des Weidigtbachs
in Dresden-Gorbitz – ingenieurbiologische
Bauweisen zur naturnahen Ufersicherung
Beispiel 3: Naturnahe Umgestaltung der Gro-
ßen Mittweida in Schwarzenberg – inge-
nieurbiologische Bauweisen zur Verbesse-
rung der Gewässerstruktur und intensiven
Ufersicherung (Übergang zu konventionellem
Wasserbau).
Zur Beschreibung näherer Details für die Herstel-
lung der beschriebenen ingenieurbiologischen
Bauweisen wird auf das Handbuch „Ufersiche-
rung – Strukturverbesserung – Anwendung in-
genieurbiologischer Bauweisen im Wasserbau“
(SMUL 2005) verwiesen.
Beispiel Bartlake: Ingenieurbiologische
Bau weisen zur Initiierung eigendynamischer
Gewässerentwicklung
Projektdaten / Ausgangssituation
Bei der Bartlake handelt es sich um ein Gewässer
II. Ordnung nördlich von Dresden-Wilschdorf. Die
Bartlake gehört zwar zur Flussgebietseinheit der
Elbe, sie fließt im Bearbeitungsgebiet jedoch fast
entgegen der Hauptentwässerungsrichtung nach
Nordosten und mündet in den Ilschengraben.
Aufgrund des Ursprungs der Bartlake nahe der
Wasserscheide
zum Elbtal durchfließt sie mit ge-
ringem Gefälle ein flaches Muldental auf der Gra-
nithochfläche des Westlausitzer Hügel- und Berg-
landes. Trotz der eigentlichen Lage des
Bearbeitungsgebiets im „Oberlauf“ wird das Ge-
wässer entsprechend der Gewässertypisierung
nach LAWA (P
OTTGIESSER
&
SOMMERHÄUSER 2008) als
„Flachlandbach“ eingestuft. Vorherrschende Böden
sind staunasse und grundwasserbestimmte Sande
und Tieflehme (Sand-Braunerden und Tieflehm-
Braunerdestaugleye) im Wechsel mit anmoorigen
Böden. Trotz des verhältnismäßig kleinen Einzugs-
gebiets von ca. 3,7 km² erreichen die Abfluss -
werte der Bartlake Größenordnungen zwischen
2,97 m³/s (= HQ
1
5) und 3,97 m³/s (= HQ 100).
Die Breite des Gewässers bei Mittelwasser beträgt
ca. 1 bis 2 Meter.
Durch Meliorationsmaßnahmen auf den angren-
zenden Ackerflächen wurde in den 1960er Jahren
der Grundwasserspiegel abgesenkt und die Bart-
lake naturfern ausgebaut bzw. teilweise verrohrt.
Vor der naturnahen Umgestaltung war die Bart-
lake dementsprechend strukturarm. Die Gewäs-
serstrukturgüte nach LAWA (2000) wurde mit
dem Wert 5 eingestuft.
Der naturnahe Rückbau der Bartlake in Dresden-
Wilschdorf mit einer Gesamtlänge von 3,2 km er-
folgte von Oktober 2000 bis Januar 2001 und war
eine Ausgleichsmaßnahme für den Ausbau der
Bundesautobahn A 4. Die Kosten der naturnahen
Umgestaltung betrugen pro lfm ca. 115
€.
Entwicklungsziele und Maßnahmen
Mit dem entsprechenden Landschaftspflegeri-
schen Begleitplan wurden folgende Entwick-
lungsziele formuliert:
1
Ausdehnung/Erweiterung des Gewässerkorri-
dors,
2 Gewässerrevitalisierung durch Initiierung der
Eigendynamik bzw. Offenlegung von verrohr-
ten Gewässerabschnitten gemäß potenziell
natürlichem Gewässerzustand und
3 Verbesserung der Uferstrukturen, Anlage
breiter Gewässerrandstreifen als Pufferfläche
zu den angrenzenden Äckern.
34 |
1
HQ bezeichnet die höchste Abflussmenge innerhalb eines
Beobachtungszeitraums, so bezeichnet z. B. HQ 100 ein
hundertjährliches Hochwasser.

image
image
Im Zuge der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen
wurde beidseits des Gewässers ein Korridor von
5 bis 20 m erworben oder dinglich gesichert. Die
verfügbaren Flächen schufen günstige Vorausset-
zungen zum Erreichen der o. g. Entwicklungsziele.
Entsprechend des potenziell natürlichen Gewäs-
serzustands würde die Bartlake über einen leicht
geschwungenen Verlauf mit nur geringer Sohl-
eintiefung, flachen Uferböschungen und entspre-
chend breiten angrenzenden Überflutungsflächen
verfügen. Der Wiederherstellung dieses Referenz-
zustands stand vor allem die Flächenmelioration
der angrenzenden Landwirtschaftsflächen entge-
gen. Daher wurde beidseitig des Gewässers in
einem Abstand von ca. 20 bis 25 m zur neuen Ge-
wässerachse ein Dränagesammler in den angren-
zenden landwirtschaftlichen Nutzflächen neu
verlegt. Beim Verlegen dieses Sammlers wurden
|35
Abb. 3: Die Bartlake (a) vor der naturnahen Umgestaltung im Jahr 2000 als strukturarmes Gewässer inmitten intensiv
landwirtschaftlicher Nutzfläche und (b) im Jahr 2009 mit durchgehendem Gewässer begleitenden Gehölzsaum und
breitem Gewässerrandstreifen
Fotos: A. Stowasser

image
sämtliche angetroffenen Sauger und Sammler
angeschlossen. In dem dadurch entstehenden Ge-
wässerkorridor zwischen den beiden neuen Drä-
nagesammlern konnten die bei den Erdarbeiten
zur Neuprofilierung des Gewässerbettes angetrof-
fenen Meliorationsleitungen zurückgebaut wer-
den, ohne die Funktionstüchtigkeit der angren-
zenden Flächenmelioration zu gefährden.
Gleichzeitig wurde mit dem Rückbau der Melio-
ration eine abschnittsweise Sohlanhebung des
neuen Gewässerbettes ermöglicht. Nur an den je-
weiligen Einleitungspunkten der Dränagesammler
musste das Sohlniveau des ehemaligen Ausbau-
profils beibehalten werden. Da die Abstände zwi-
schen den Einbindepunkten jeweils mehr als
250 Meter betragen, konnte die Gewässersohle
dazwischen deutlich angehoben werden. Mit der
Sohlanhebung verbunden waren die flache Profi-
lierung der Uferböschung und die Gestaltung
des Gewässerverlaufs entsprechend des oben be-
schriebenen Referenzzustands.
Ausgeführte ingenieurbiologische Bauweisen
Die ausgeführten ingenieurbiologischen Bau -
weisen dienten hauptsächlich zur Initiierung der
Eigenentwicklung. Aufgrund des oben beschrie-
benen breiten Gewässerkorridors spielten Maß-
nahmen zur Ufersicherung nur eine untergeord-
nete Rolle.
Zum Einsatz kamen insbesondere Wurzelstöcke,
Steckhölzer,
Lebendfaschinen und Vegetations-
walzen. Mit den Wurzelstöcken entstehen unmit-
telbar nach deren Einbau Totholzstrukturen im
Wasserwechselbereich, die sowohl den Strom-
strich ableiten und abwechslungsreich gestalten
als auch direkt als Habitatstruktur dienen. Damit
36 |
Abb. 4: Gewässerbett nach Abschluss der Profilierungsarbeiten
Foto: A. Stowasser

image
image
fördern sie die Entstehung eines gewässertypi-
schen Kleinreliefs und entsprechende Lebens-
räume im Bereich der Wasserwechselzone. Durch
die Kombination der Wurzelstöcke mit austriebs-
fähigen Weidenhölzern entwickeln sich aus den
zunächst unbelebten Strukturen innerhalb weni-
ger Jahre Weidengebüsche. Diese Pionierbe-
stände, zu deren Initiierung auch vereinzelt
Lebendfaschinen oder Steckhölzer eingebaut
wurden, spielen eine wichtige Rolle bei der Ent-
wicklung eines standortgerechten und Gewässer
begleitenden Gehölzsaums. Im Schutz der Weiden
siedeln sich im Zuge der natürlichen Sukzession
Schlusswaldarten wie Schwarzerle (
Alnus gluti-
nosa
), Esche (
Fraxinus excelsior
) oder Trauben -
kirsche (
Prunus padus
) an.
Mit den Vegetationswalzen ist eine gute Anpas-
sung an den grob profilierten Uferverlauf mög-
lich. Vegetationswalzen lassen sich vollständig in
Handarbeit ausführen. Dadurch konnten sie an
der Bartlake auch in Bereichen eingesetzt werden,
die aufgrund ihrer Vernässung mit Baumaschinen
nur schwer oder gar nicht erreichbar waren. Zur
Herstellung der Vegetationswalzen wurden in Ab-
stimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde
der Landeshauptstadt Dresden Röhrichtsoden aus
Naturbeständen bei Wilschdorf entnommen. Mit
den Röhrichtsoden werden nicht nur Pflanzen,
sondern auch Kleinlebewesen in das Gewässer
eingebracht. Dadurch kann bei Neuanlage von
Gewässern, die ähnlich wie die Bartlake in struk-
turarmen Bereichen liegen, die natürliche Besied-
lung schneller erfolgen. Die Vegetationswalzen
dienten sozusagen als „Initialzündung“ für die
Sukzessionsprozesse innerhalb des neu gestalte-
ten Bachlaufs. Ausgehend von den mittels Vege-
tationswalzen initiierten Beständen entwickeln
sich Röhrichtflächen, u. a. mit Schilfrohr (
Phrag-
mites australis)
, Gewöhnlichem Blutweiderich
(
Lythrum salicaria
), Sumpfdotterblume (
Caltha
palustris
) und Echtem Mädesüß (
Filipendula
ulmaria
).
Der Gewässerrandstreifen wurde gruppenweise
mit Pflanzmaterial aus gesicherten Herkünften
(2 x verschulte Sämlinge mit Herkunftsnummer
nach Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG)) be-
pflanzt. Außerdem wurden Totholzstrukturen
und Lesesteinhaufen hergestellt. Die Maßnah-
mengrenzen zur landwirtschaftlich genutzten
Fläche wurden durch Weidensetzstangen mar-
kiert. Dazu wurden die Weidensetzstangen im
Abstand von 2 m zur Maßnahmengrenze einge-
baut. Aus den Weidensetzstangen entwickeln sich
Baumweiden, die dauerhaft die Maßnahmen-
|37
Abb. 5: Wurzelstubben kombiniert mit austriebsfähigen Weidensteckhölzern,
(a) unmittelbar nach Baufertigstellung (Dezember 2000) und (b) acht Jahre später
Foto: A. Stowasser

image
image
grenze im Gelände festlegen und nur schwer
entfernt werden können.
Derzeitige Situation und Ausblick
Die Bartlake und ihre Gewässer begleitenden
Gehölzsäume werden inzwischen als § 26-Bio-
top nach SächsNatSchG eingestuft. Durch die
eigendynamische Entwicklung hat sich das
Gewässerbett sehr naturnah entwickelt und
ist als ehemals ausgebautes Gewässer nicht
mehr zu erkennen. Der Gehölzbestand hat
in zwischen Höhen zwischen 8 und 10 Meter
erreicht. Die Bartlake ist dadurch wieder deutlich
als Struktur in der Landschaft erkennbar und
bereichert das Landschaftsbild. Innerhalb der
Gehölzbestände ist der natürliche Umbau der
Pioniervegetation aus Weiden und Erlen in vollem
Gange. Auch ohne Pflege haben sich standort -
gerechte Arten der heutigen potenziell natür -
lichen Vegetation wie beispielsweise Gemeine
Esche (
Fraxinus excelsior
), Feldulme (
Ulmus minor
)
und Stieleiche (
Quercus robur)
im Bereich des
Gewässerrandstreifens angesiedelt. Gleichzeitig
hat sich die Neuverlegung der Dränagesammler
und die Markierung der neuen Flurstücksgrenzen
durch Weidensetzstangen bewährt, d. h. die
Ackernutzung hat sich nicht wie sonst häufig bei
vergleichbaren Maßnahmen über die Grund-
stücksgrenzen hinweg wieder in Richtung Gewäs-
ser ausgedehnt.
Auch zukünftig sind im Bereich des Gewässers
keine Pflegemaßnahmen vorgesehen. Die Ent-
wicklung der Gehölze des Gewässerrandstreifens
muss weiter beobachtet werden, ggf. ist hier in
den nächsten 5 bis 10 Jahren ein Rückschnitt zur
Vermeidung von Nutzungskonflikten mit den an-
grenzenden Ackerflächen erforderlich. Als Leitbild
gilt hier die Entwicklung eines artenreichen und
hinsichtlich seiner Altersstruktur gemischten Ge-
hölzbestandes mit Saumbereichen zur landwirt-
schaftlichen Nutzfläche.
38 |
Abb. 6: Vegetationswalzen und Lebendfaschinen zur Initiierung einer standortgerechten Vegetationsentwicklung,
(a) Zustand unmittelbar nach Baufertigstellung (Blick in Fließrichtung, Dezember 2000) und (b) acht Jahre später
(Blick gegen die Fließrichtung)
Fotos: A. Stowasser

image
image
Beispiel Weidigtbach: Ingenieurbiologische
Bau weisen zur naturnahen Ufersicherung
Projektdaten / Ausgangssituation
Ein Beispiel für den Einsatz ingenieurbiologischer
Bauweisen zur Ufersicherung und zur naturnahen
Umgestaltung stellt der im Jahr 2001
umgestal-
tete Weidigtbach in Dresden-Gorbitz dar.
Der Weidigtbach ist ein Gewässer II. Ordnung. Er
entspringt einer Schichtenquelle des Plänersand-
steins in Dresden-Gompitz und mündet in den
Gorbitzbach, der wiederum in die Vereinigte Wei-
ßeritz einmündet. Typisch für vergleichbare
Lehmbäche im Mittelsächsischen Lösshügelland
bestehen die Böden aus tonigem Schluff (Löss-
lehm), teilweise vermischt mit Zersatz des anste-
henden Plänersandsteins.
Die Größe des Einzugsgebiets beträgt 4,7 km². Auf-
grund des hohen Versieglungsgrads im Einzugsge-
biet liegen die Abflusswerte des fünfjährigen
Hochwassers (HQ 5 = 1,95 m³/s) nahe bei den Wer-
ten eines fünfzigjährigen Hochwassers (HQ 50 =
2,55 m³/s). Vor allem während der Sommermonate
besteht die Gefahr von Starkniederschlägen und
entsprechend schnell ansteigender Wasserführung
im Weidigtbach. Die Breite des Mittelwasserspie-
gels beträgt ca. 50 cm, wobei der Weidigtbach in
den Sommermonaten häufig austrocknet.
Vor der Umgestaltung war der Bach im Sohl- und
Uferbereich durchgehend mit in Beton verlegten
Rasengitterplatten verbaut. Durch seinen begra-
digten Verlauf und sein trapezförmiges Querprofil
mit Böschungsverhältnissen von 1 : 1,5 war der
Weidigtbach ökologisch verarmt (Gewässerstruk-
turgüte 6). Durch sein hohes Längsgefälle von 4%
und die extremen Abflussspitzen, die infolge der
Versiegelung des Einzugsgebietes und der unge-
drosselten Einleitung von Niederschlagswasser
auftreten, bestand eine starke hydraulische Belas -
tung des Gewässerabschnitts. Durch den natur-
fernen Ausbau war der Weidigtbach im Wohnum-
feld von Dresden-Gorbitz weder zugänglich noch
|39
Abb. 7: Zustand des Weidigtbachs (a) vor und (b) nach der Renaturierung (Februar bzw. April 2001)
Fotos: A. Stowasser

image
erlebbar und stellte bei Starkniederschlägen und
den dann im Gerinne entstehenden hohen Fließ-
geschwindigkeiten eine Gefahr dar.
Die Renaturierung des Weidigbachs erfolgte von
Februar bis Mai 2001 auf einer Länge von ca.
230 m. Die Maßnahme stellte ein Referenzprojekt
zur Erprobung ingenieurbiologischer Bauweisen
dar, da im Zuge des 1999 aufgestellten Gewäs-
serentwicklungskonzepts für den Weidigtbach
weitere Abschnitte naturnah umgestaltet werden
sollten. Die Kosten der naturnahen Umgestaltung
betrugen pro lfm 608
€.
Entwicklungsziele und Maßnahmen
Entwicklungsziele waren die möglichst naturnahe
Gewässerumgestaltung entsprechend den natur-
räumlichen Vorgaben,
die Verbesserung der Ufer-
und Sohlenstruktur bei Gewährleistung der hy-
draulischen Leistungsfähigkeit sowie die Entwick-
lung eines naturnahen, gewässerbegleitenden Ve-
getationsbestands aus Gehölzen. Weitere Ziele
waren die Rückhaltung von Niederschlagswasser
und die Erhöhung der Niedrigwasserführung. Zu-
sätzlich sollte die Erlebbarkeit des Weidigtbaches
erhöht und der Freiraum und das Wohnumfeld
aufgewertet werden.
Bei der naturnahen Umgestaltung des Weidigt-
bachs wurde die Sohl- und Uferbefestigung aus
Rasengitterplatten zurückgebaut. Es erfolgte eine
naturnahe Geländemodellierung entsprechend
dem Charakter eines Lehmbachs mit wechselnden
Böschungsneigungen und Längsgefällen, unter-
schiedlichen Sohlbreiten und einer engen, pen-
delnden Niedrigwasserrinne.
Zur Sicherung und Strukturierung der Sohle wur-
den Setzsteinrampen mit anschließenden Tos -
becken eingebaut. Hierfür wurde Plänersandstein
verwendet, da Wasserbausteine in einem Lehm-
bach nicht gewässertypisch sind. Der Plänersand-
stein verwittert nach und nach und hinterlässt
schließlich die für Lehmbäche typische Gewässer-
sohle. Die mittels ingenieurbiologischer Bauweisen
entwickelten Gewässer begleitenden Gehölzbe-
stände aus Weiden (
Salix x rubens, Salix fragilis und
Salix viminalis
) und Schwarzerlen (
Alnus glutinosa
)
führen nach und nach zu einer intensiven Durch-
wurzelung und Befestigung der Gewässersohle.
Entlang des neuen Weidigtbachs wurde ein Fuß-
weg angelegt. Neben der Gewässerpflege dient
dieser Weg auch zur Schaffung von Zugangs-
möglichkeiten zum Bach und damit zur Verbesse-
rung der Erlebbarkeit des Weidigtbachs in Gorbitz.
40 |
Abb. 8: Austrieb einer Lebendfaschine auf Buschlage vier Wochen nach Baufertigstellung (Ende April 2001)
Foto: A. Stowasser

image
image
Ausgeführte ingenieurbiologische Bauweisen
Die Ufer des umgestalteten Weidigtbachs wurden
vollständig mit ingenieurbiologischen Bauweisen
gesichert. Zur Ufersicherung kamen beispiels-
weise Lebendfaschinen auf Buschlagen, Spreitla-
gen mit Lebendfaschinen als Fußsicherung sowie
Lebendfaschinen in Kombination
mit Böschungs-
schutzmatten aus Naturfasergewebe zum Einsatz.
Aufgrund der beengten Verhältnisse und der
hohen hydraulischen Belastung wurden sämtliche
Bauweisen so ausgewählt, dass sie unmittelbar
nach Baufertigstellung eine hohe Schutzwirkung
entfalten und keinerlei Erosion mehr erlauben.
Durch das Anwachsen wird der Wirkungsgrad der
lebenden Ufersicherung zusätzlich verbessert. Le-
bendfaschinen weisen beispielsweise aufgrund
ihrer Kompaktheit sofort nach Baufertigstellung
eine hohe Schutzwirkung auf und bewirken einen
dichten Weidenaustrieb, der bei höherem Wasser-
stand die Fließgeschwindigkeit im Weidigtbach
verringert und damit Sohle und Ufer vor zu star-
ken hydraulischen Belastungen schützt. Gleich-
zeitig findet eine intensive Bodendurchwurzelung
statt, die bereits nach einer Vegetationsperiode zu
einem dauerhaft wirksamen Ufer- und Bö-
schungsschutz führt.
Mit dem starken Weidenaustrieb sind noch weitere
positive Effekte verbunden. Neophyten oder stand-
ortfremde Gehölze finden im dichten Weidenbe-
stand erschwerte Wuchs- und Keimbedingungen.
Die Weiden bewirken bereits nach kurzer Zeit eine
vollständige Beschattung des Baches und führen
damit zu einer Verbesserung des Temperaturhaus-
halts und zur Erhöhung des Sauerstoffgehalts im
Gewässer. Sobald die mit den ingenieurbiologi-
schen Bauweisen eingebrachten Schlusswaldarten
wie Schwarzerle, Gemeine Esche und Traubenkir-
sche gut angewachsen sind und ebenfalls starke
Zuwächse aufweisen, wird die Weide durch ge-
zielte Pflegemaßnahmen zurückgedrängt.
Auf Dauer ist die Weide als Lichtholzart dem Kon-
kurrenzdruck von Schwarzerle und Gemeiner
| 41
Abb. 9: Während der Austrieb der Lebendbauweisen (a) nach der ersten Vegetationsperiode 2001 zunächst zu einem ge-
schlossenen Weidenbestand führt, dominieren (b) nach einigen Jahren die zusätzlich eingebauten Schlusswaldarten den
Gewässer begleitenden Gehölzbestand (Zustand Juli 2007). Gewässersohle und Uferböschungen sind intensiv durchwur-
zelt, die hydraulische Leistungsfähigkeit des Gewässerquerschnitts ist gewährleistet und der Pflegeaufwand im Vergleich
zum Ausgangszustand (vgl. Abb. 6) reduziert.
Fotos: A. Stowasser

image
Esche nicht gewachsen. Nach wenigen Jahren
entsteht somit unter Ausnutzung der intraspezi-
fischen Konkurrenz ein Gehölzbestand aus ver-
einzelten Baumweiden, Schwarzerlen und Eschen.
Der Pflegeaufwand nimmt dabei kontinuierlich ab.
Bereits 5 bis 7 Jahre nach Baufertigstellung wer-
den Maßnahmen zur Gehölzpflege nur noch in
einem Turnus von 10 bis 15 Jahren durchgeführt.
Nähere Ausführungen zur Pflege ingenieurbiolo-
gischer Bauweisen finden sich beispielsweise bei
S
TOWASSER
&
LAGEMANN (2008 a und b).
Derzeitige Situation und Ausblick
Mit der Renaturierung des Weidigtbachs in Dres-
den-Gorbitz konnte nachgewiesen werden, dass
Lehmbäche auch bei starker hydraulischer Belas
-
tung ausschließlich mit ingenieurbiologischen
Bauweisen und ohne massive Uferbefestigungen
aus Steinen erfolgreich gesichert werden können.
Anfängliche Befürchtungen, die eingesetzten
Lebendbauweisen könnten den hydraulischen
Anforderungen nicht genügen oder zum „Zu-
wachsen“ des Gewässerquerschnitts führen,
waren unbegründet.
Seit seiner Umgestaltung hat sich die Struktur-
güte des Weidigtbachs im Referenzabschnitt von
Klasse 6 auf Klasse 3 verbessert (L
AGEMANN 2007).
Entsprechend dem Gewässerentwicklungskonzept
aus dem Jahr 1999 wurden inzwischen weitere
Abschnitte des Weidigtbachs naturnah umgestal-
tet. Derzeit befinden sich mehrere Abschnitte als
Ausgleichsmaßnahmen für den Ausbau der B 173
als Zubringer für die Bundesautobahn A 17 in der
Planung bzw. Ausschreibung. Weitere Abschnitte,
u. a. eine noch verrohrte Gewässerstrecke zwi-
schen Schlehenstraße und Cottaer Friedhof wer-
den durch das Umweltamt der Landeshauptstadt
Dresden beplant. Voraussichtlich bis zum Jahr
2013 soll der Weidigtbach von seiner Quelle bis
zur Mündung in den Gorbitzbach naturnah um-
gestaltet werden.
Beispiel Große Mittweida: Ingenieurbiologi-
sche Bauweisen zur Verbesserung der Gewäs-
serstruktur und intensiven Ufersicherung
(Übergang zu konventionellem Wasserbau)
Projektdaten / Ausgangssituation
Die Große Mittweida in Schwarzenberg ist ein
Gewässer I. Ordnung und kann als typischer
Mittelgebirgsfluss in der Schieferregion des
Westerz gebirges bezeichnet werden. Mit einem
Einzugsgebiet von 166 km² ist die Große Mitt-
weida ein berichtspflichtiges Gewässer nach EU
WRRL. Wenige einhundert Meter unterhalb des
Projektgebiets mündet sie in das Schwarzwasser.
Beim Hochwasser im August 2002 kam es entlang
der Großen Mittweida in Schwarzenberg zu er-
heblichen Schäden und Überflutungen der an-
grenzenden Wohnbebauung und Infrastruktur.
Während der Mittelwasserabfluss nur 2,9 m³/s
beträgt, fließen bei einem hundertjährigen Hoch-
wasser 162 m³/s ab. Obwohl im Bearbeitungsge-
biet nur ein fünfundzwanzigjähriges Hochwasser
als Bemessungshochwasser festgelegt wurde,
entstehen in diesem Fall in der Großen Mittweida
erhebliche Fließgeschwindigkeiten und Schlepp-
spannungen von bis zu 3,5 m/s bzw. 250 N/m².
Vor der Umgestaltung stellte sich die Große Mitt-
weida im Bearbeitungsgebiet als naturfernes
Fließgewässer mit einem begradigten Gewässer-
lauf dar. Die Gewässerstruktur war infolge des
beidseits durch Ufermauern gefassten Ausbau-
profils, der weitgehend befestigten Sohle und des
fehlenden Uferbewuchs entsprechend verarmt
(Gewässerstrukturgüteklasse 5). Im August 2002
wurden die Ufermauern durch das „Jahrhundert-
hochwasser“ beschädigt und die angrenzenden
Industrie- und Gewerbeflächen so stark überflu-
42 |
Abb. 10: Zustand der Großen Mittweida (a) vor
und (b) nach der naturnahen Umgestaltung
(April 2004 bzw. September 2009)
Foto: J. Fischotter (a), A. Stowasser (b)

image
image
|43

image
tet, dass deren ohnehin stark reduzierte Nutzung
vollständig aufgegeben wurde. Die Große Mitt-
weida war weder erlebbar noch zugänglich und
wies daher keinerlei Erholungseignung auf.
Von Juni bis Dezember 2007 wurde der naturnahe
Rückbau der Großen Mittweida in Schwarzenberg
auf einer Länge von knapp einem Kilometer aus-
geführt. Pro Laufmeter betrugen die Baukosten
(ohne Altlastensanierung) ca. 1.937
€.
Entwicklungsziele und Maßnahmen
Nachdem zahlreiche ans Gewässer angrenzende
Industriebrachen von der Landestalsperrenver-
waltung des Freistaates Sachsen (LTV)
gekauft
wurden, konnte die Bebauung abgerissen und die
Altlasten beseitigt werden. Mit dem nun verfüg-
baren Platz wurde der Verlauf des Gewässers ge-
wässertypspezifisch modelliert und das Gewäs-
serbett bzw. das Gewässerprofil zumindest
einseitig aufgeweitet und abgeflacht. Durch die
Modellierungsarbeiten wurde die hydraulische
Leistungsfähigkeit des Gewässerprofils von einem
fünfjährigen auf ein fünfundzwanzigjähriges
Hochwasser erhöht. Wo die angrenzende Infra-
struktur bzw. Wohnbebauung keine Uferabfla-
chung zuließ, mussten die vorhandenen Ufer-
mauern erhalten und saniert werden.
Trotz der beengten Platzverhältnisse wurde je-
doch mindestens einseitig ein durchgängiger Ge-
wässerrandstreifen zur Entwicklung naturnaher,
Gewässer begleitender Baum- und Strauchbe-
stände angelegt. Gleichzeitig ermöglicht ein neuer
Pflegeweg, der in den Abflussquerschnitt der Gro-
ßen Mittweida integriert wurde, Anwohnern den
Zugang zum Gewässer. Dadurch ist das Gewässer
wieder erlebbar und für die Naherholung nutzbar.
Ein weiteres Ziel war die Verbesserung der Ufer-
und Sohlstruktur zur Förderung der Fischfauna.
Daher wurden auch in Abschnitten, in denen die
Ufermauern erhalten werden mussten, Struktur-
elemente wie beispielsweise Buhnen oder Tot-
holzstämme parallel zur Fließrichtung eingebaut.
Bei der teilweise erforderlichen Befestigung der
Gewässersohle mit Wasserbausteinen wurde dar-
auf geachtet, dass durch einen Wechsel aus Kol-
ken, Rauschen und Störsteinen eine sehr ab-
wechslungsreiche Sohlstruktur entstand.
In den neu profilierten Böschungsabschnitten
wurden die ehemals massiven Uferverbauungen
durch ingenieurbiologische Maßnahmen ersetzt.
In diesen Bereichen wurden ebenfalls zusätzliche
Habitatelemente wie Fischunterstände und Buh-
nen angelegt sowie Störsteine und Totholz als zu-
sätzlich Struktur gebende wasserbauliche Maß-
44 |
Abb. 11: Lebendbuhne mit Fischunterstand – Ausführungszeichnung

image
image
nahmen in das Gewässer eingebracht. Damit leis -
ten die ingenieurbiologischen Bauweisen neben
ihrer Sicherungsfunktion auch einen wichtigen
Beitrag zur Strukturierung des Gewässerbettes.
Ausgeführte ingenieurbiologische Bauweisen
Aufgrund der sehr hohen hydraulischen Belas -
tung musste bei der Sicherung der neu profilier-
ten Uferabschnitte auf ingenieurbiologische
Bauweisen zurückgegriffen werden, die durch die
Kombination
von Wasserbausteinen und Pflanzen
diesen Belastungen von Anfang an gewachsen
sind und deren Initialstadium sehr kurz ist. So
wurden hauptsächlich begrünte Steinschüttun-
|45
Abb. 12: Lebendbuhne mit Fischunterstand im Bauzustand
– September 2007
Foto: A. Stowasser
Abb. 13: Lebendbuhnen in Kombination mit begrünter Steinschüttung gewährleisten unmittelbar nach der Baufertig -
stellung (November 2007) einen intensiven Uferschutz und verbessern gleichzeitig die Gewässerstruktur.
Foto: A. Stowasser

image
gen mit Heckenbuschlagen und Buschbauleit-
werke in Kombination mit Lebendbuhnen einge-
baut. Diese Bauweisen erzeugen von Anfang an
eine abwechslungsreiche Uferlinie. Die inklinan-
ten, also gegen die Fließrichtung geneigten Buh-
nen lenken den Stromstrich bei Hochwasser vom
Ufer weg und schützen dadurch die anschlie-
ßende Uferböschung. Am jeweiligen Buhnenkopf
erzeugen die inklinanten Buhnen eine starke Strö-
mung, die wiederum Kolke entstehen lässt. Wer-
den die Buhnenköpfe durch mehrere mit dem
Wurzelteller in den Fluss ragende Baumstämme
hergestellt, entstehen hervorragende Fischunter-
stände für Äsche
(Thymallus thymallus)
und
Bachforelle
(Salmo trutta
f.
fario)
. In den Buhnen-
feldern lagert sich dagegen kiesig-sandiges
Substrat ab, das Kieslaichern ideale Bedingungen
bietet.
Die mit den Steinschüttungen kombinierten
„Hecken buschlagen“, also einer Kombination aus
bewurzelungsfähigen Weidenästen und bereits
bewurzelten Gehölzjungpflanzen (2x verschulte
Sämlinge, 40 bis 60 cm groß), entwickeln sich im
Laufe der Zeit zu naturnahen Gehölzbeständen.
Zunächst führen wiederum der starke Aufwuchs
der Weiden und ihre schnelle Durchwurzelung der
Uferböschung zu einem wirksamen und sich stän-
dig verbessernden Uferschutz. Im Schutz der
Steinschüttung und der Weiden haben Gehölze
wie Schwarzerle, Esche und Bergahorn (
Acer
pseudoplatanus
) genügend Zeit, sich zu ent -
wickeln. Diese Schlusswaldarten werden durch ge-
zielte Pflegeschnitte zu Lasten der Weiden geför-
dert, sodass sie bereits nach drei bis fünf Jahren
den Ufergehölzbestand dominieren und die Weide
mehr und mehr verdrängen. Der Wirkungsgrad
46 |
Abb. 14: Lebendbuhne in Kombination mit begrünter Steinschüttung mit einjährigem Austrieb der Weiden und Erlen –
September 2008
Foto: A. Stowasser

image
der Steinschüttung wird mit dem Aufwachsen der
Gehölze ständig verbessert. Es bildet sich ein
Stein-Wurzel-Verbund, der die Anfangsstabilität
der Steinschüttung um ein Vielfaches übersteigt.
Durch die Kombination der Steinschüttung mit
Fischunterständen aus Fichtenstämmen oder le-
benden Raubäumen wurde die Strukturvielfalt der
Gewässerufer trotz der relativ massiven Uferbe-
festigung deutlich erhöht. Die Fischunterstände
wurden an strömungsexponierten Stellen unter-
halb des Mittelwasserspiegels so eingebaut, dass
die Fichtenstämme mindestens zu zwei Dritteln
in die Steinschüttung eingebunden sind. Als
lebende Raubäume wurden austriebsfähige
Weidenstämme oder Kronen von Baumweiden
rechtwinklig oder in Fließrichtung geneigt zu
mindestens drei Vierteln bereits bei der Schüttung
der neuen Uferböschungen eingebaut.
Derzeitige Situation und Ausblick
Nur zwei Jahre nach Baufertigstellung zeigt sich
die Große Mittweida in Schwarzenberg wieder als
naturnahes Gewässer mit ausgeprägter Erho-
lungsfunktion für die ansässige Bevölkerung. Die
Verbesserung
der ökologischen Situation wird
eindrucksvoll durch den Vergleich der Individuen-
zahlen der Fischpopulation deutlich: Während bei
der ersten Referenzbefischung vor Durchführung
der Maßnahme im April 2007 beispielsweise nur
einzelne, vor allem ältere Exemplare der Äsche
vorgefunden wurden, konnten bei den Referenz-
befischungen im Juli 2008 und im September
2009 alle Größenklassen in großer Anzahl festge-
stellt werden.
Die aus den ingenieurbiologischen Bauweisen
hervor gegangenen Strauch- und Baumbestände
werden noch bis Ende 2010 im Rahmen der mit
|47
Abb. 15: Blick vom gegenüber liegenden Ufer auf die Ufersicherung aus den Abbildungen 11 – 14 im September 2009.
Foto: A. Stowasser

den Baumaßnahmen ausgeschriebenen Entwick-
lungspflege betreut. Bis dahin werden sich die Zu-
kunftsbäume, die langfristig den Gehölzbestand
aufbauen werden, so weit entwickelt haben, dass
in den Folgejahren nur noch Pflegegänge im Ab-
stand von fünf bis acht Jahren erforderlich sind.
Zusammenfassung und Ausblick
In Zusammenhang mit der Umsetzung der EU
WRRL soll im Freistaat Sachsen ein Paradigmen-
wechsel im Wasserbau stattfinden. Sowohl im
Wasser- als auch in der Naturschutzgesetzgebung
finden sich Regelungen, die den Einsatz naturge-
mäßer Bauweisen fordern und fördern. Ingenieur-
biologische Bauweisen stellen in diesem Zu -
sammenhang eine wirksame Methode des nach-
haltigen und naturnahen Wasserbaus dar, da sie
sowohl technische, ökologische und ökonomische
Anforderungen berücksichtigen.
Anhand von drei Beispielen werden die vielfäl -
tigen Anwendungsmöglichkeiten ingenieurbiolo-
gischer Bauweisen im Wasserbau aufgezeigt. Je
nach Anwendungszweck können die Lebend-
bauweisen zur Initiierung einer eigendynami-
schen Gewässerentwicklung, zur naturnahen Um-
gestaltung (Renaturierung) oder zur massiven
Uferbefestigung bei gleichzeitiger Verbesserung
der Gewässerstruktur verwendet werden.
Ungeachtet der vielfältigen Anwendungsmöglich-
keiten der Ingenieurbiologie ist die eigendynami-
sche Entwicklung eines Fließgewässers zweifellos
die beste Lösung zur naturnahen Umgestaltung
ausgebauter oder naturferner Gewässer. Insofern
stellt die Anwendung ingenieurbiologischer
Bauweisen im Wasserbau immer nur die zweit -
beste Lösung dar.
In Situationen, in denen die Fließgewässer in un-
serer Kulturlandschaft durch mangelnde Flächen-
verfügbarkeit, hohe Schutzanforderungen oder
Entwicklungsträgheit infolge Ausbaumaßnahmen
geprägt sind, ist die Eigendynamik allerdings nur
bedingt geeignet, um die Ziele der EU WRRL zu
erreichen. In solchen Fällen kommt den ingenieur-
biologischen Bauweisen eine Schlüsselfunktion
bei der Umsetzung der EU WRRL und der tatsäch-
lichen Verwirklichung eines Paradigmenwechsels
im Wasserbau zu. Zukünftig sollten ingenieurbio-
logische Bauweisen daher verstärkt zur Realisie-
rung naturschutzfachlicher Anforderungen ein-
gesetzt werden.
48 |

Literatur
BUNDESMINISTERIUM FÜR VERBRAUCHERSCHUTZ, ERNÄHRUNG UND
LANDWIRTSCHAFT (2002): Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG)
vom 22.05.2002. Veröffentlicht im Bundesgesetzblatt
Nr. 32/2002. Bonn.
BUNDESNATURSCHUTZGESETZ (BNatSchG) Gesetz über Natur-
schutz und Landschaftspflege in der Fassung der Be-
kanntmachung vom 25. März 2002 (BGBI. I S. 1193), zu-
letzt geändert durch Art. 40G v. 21. Juni 2005 I 1818.
GESELLSCHAFT FÜR INGENIEURBIOLOGIE (o. J.): Anliegen und Ziele
der Gesellschaft.
http://www.ingenieurbiologie.com,
17.09.2007.
VON KRUEDENER, A. (1951): Ingenieurbiologie. Verlag Rein-
hardt, München und Basel.
LAGEMANN, T. (2007): Erfolgskontrolle bei der Rehabilitie-
rung von Fließgewässern unter Einbeziehung der Gewäs-
serpflege. Diplomarbeit, TU Dresden, Fakultät Architektur,
Institut Landschaftsarchitektur, Lehrstuhl Landschaftsbau
(unveröffentlicht). Dresden.
LÄNDERARBEITSGEMEINSCHAFT WASSER (LAWA) (2000): Gewäs-
serstrukturgütekartierung in der Bundesrepublik Deutsch-
land. Verfahren für kleine und mittelgroße Fließgewässer.
Empfehlungen. Schwerin.
MINISTERIUM FÜR UMWELT BADEN-WÜRTTEMBERG (1990): Hand-
buch Wasserbau: naturgemäße Umgestaltung von Fließ -
gewässern – Kolloquium am 3. Mai 1990 in Karlsruhe.,
Heft 3. Stuttgart.
P
OTTGIESSER, T.
&
SOMMERHÄUSER, M. (2008): Beschreibung
und Bewertung der deutschen Fließgewässer – Steckbrief
und Anhang.
http://www.wasserblick.net/servlet/is/18727/
?lang=de, 06.04.2009.
RAT DER EUROPÄISCHEN UNION (2000): Richtlinie 2000/60/EG
des Europäischen Parlamentes und Rates vom 23. Oktober
2000 zur Schaffung eines Ordnungsrahmens für Maßnah-
men der Gemeinschaft im Bereich der Wasserpolitik (EU-
Wasserrahmenrichtlinie). PECONS 3639/00. ENV 221,
CODEC 512, 18. Juli 2000.
SMUL – SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LAND-
WIRTSCHAFT (2004): Erlass zur Anwendung ingenieurbiolo -
gischer Bauweisen im Wasserbau vom 18.10.2004
(Az.: 44-8960.70/6), Dresden.
SMUL – S
ÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LAND-
WIRTSCHAFT (Hrsg.) (2005): Ufersicherung – Strukturverbes-
serung – Anwendung ingenieurbiologischer Bauweisen im
Wasserbau – Handbuch (1). Dresden.
SMUL – SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LAND-
WIRTSCHAFT (2006): Anwendungserlass „Handbuch zur An-
wendung ingenieurbiologischer Bauweisen im Wasserbau“.
Erlass vom 21.08.2006 (Az.: 44-8960.20/07). Dresden.
SÄCHSISCHES NATURSCHUTZGESETZ – (SächsNatSchG) Säch -
sisches Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege
in der Fassung der Bekanntmachung vom 03. Juli 2007
(SächsGVBl. Jg. 2007 Bl.-Nr. 9: S. 321).
SÄCHSISCHES WASSERGESETZ (SächsWG) in der Fassung der
Bekanntmachung vom 9. August 2004 (SächsGVBl. vom
18. Oktober 2004, S. 482 – 531).
STOWASSER, A.
&
LAGEMANN, T. (2008a): Pflege und Entwick-
lung von Ufergehölzbeständen aus ingenieurbiologischen
Bau weisen – Teil 1: Pflege- und Entwicklungsgrundsätze.
KW – Korrespondenz Wasserwirtschaft 1 (8), S. 417 – 422.
STOWASSER, A.
&
LAGEMANN, T. (2008b): Pflege und Entwick-
lung von Ufergehölzbeständen aus ingenieurbiologischen
Bauweisen – Teil 2: Bauweisenspezifische Pflegeschritte.
KW – Korrespondenz Wasserwirtschaft, 1 (9), S. 487 – 492.
WASSERHAUSHALTSGESETZ (WHG) Gesetz zur Ordnung des Was-
serhaushaltes in der Fassung der Bekanntmachung vom
19. August 2002 (BGBl. I S. 3245), zuletzt geändert durch
Artikel 2 des Gesetzes vom 10. Mai 2007 (BGBl. I S. 666).
Autor
Andreas Stowasser
Ingbiotools GmbH – Beratung, Schulung,
Software für Ingenieurbiologie
Wichernstraße 1b
01445
Radebeul
Tel.: 0351 – 32 061 500
Fax: 0351 – 32 061 509
E-Mail: stowasser@ingbiotools.de
Internet:
www.ingbiotools.de
|49

image
image
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 50 – 59
Naturnaher Bachwald, Schritt für Schritt
Sebastian Krüger
Naturnaher Bachwald, Schritt für Schritt
Fließgewässer sind die Lebensadern unserer Land-
schaft. Zusammen mit ihren Ufern und Auen wei-
sen sie eine hohe Biodiversität auf. Zwischen
ihren aquatischen, amphibischen und terrestri-
schen Lebensräumen bestehen intensive Wechsel
-
wirk ungen. So sind rund 360 Pflanzen- und fast
6.000 Tierarten in oder an Deutschlands Fließge-
wässern zu finden (B
REHM
&
MEIJERING 1990). Sie
sind deshalb ein wesentlicher Bestandteil im
europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000.
Voraussetzung für ihre vielfältige Flora und Fauna
ist neben einer hohen Gewässergüte die Struktur-
vielfalt im und am Gewässer.
Fließgewässer stehen auch im Fokus der europäi-
schen Vorgaben der Wasser rahmen richtlinie
(WRRL). Denn intakte Gewässerlandschaften sind
wichtig. Bis zum Jahr 2015 sollen alle Oberflä-
chengewässer in der europäischen Union einen
guten ökologischen Zustand erreicht haben.

| 51
Ihre Gesamtlänge in Sachsen ist mit rund 20.000 km
beachtlich (LfULG 2010). Stehende na tür liche
Gewässer hingegen sind vergleichsweise selten.
Während für das Berg land grob material reiche
silikatische Bäche und Flüsse typisch sind, ist der
häufigste Typ im Tiefland der sandgeprägte Bach.
Daneben gibt es kies- und lösslehmgeprägte Typen.
Nicht zuletzt sind natur nahe Fließ gewässer reiz-
volle Landschafts elemente. So werden ein Natur-
schutzgebiet oder der Nationalpark auf etwa fünf
Prozent der gesamten Fließstrecke sächsischer
Bäche und Flüsse gequert (SMUL 2008).
Im Wald verlaufen Fließgewässer in aller Regel
natürlich. Dort sind sie, abgesehen von wenigen
Durch lässen und Mauern an Wegen und mit Aus-
nahme der großen Flussauen, nicht begradigt,
verrohrt oder kanalisiert. Selten sind ihre Ufer ver-
baut. Nichtsdestotrotz sind sie vom Menschen
beeinflusst, denn Bachtälchen, Auen und auch
Quell bereiche wurden mancherorts standorts -
widrig mit Fichte, teilweise Kiefer, aufgeforstet.
Leitgedanke war, Holzerträge durch rasch wach-
sende und „pflege leichte“ Nadelbäume zu stei-
gern. Wüchsige Standorte entlang der Fließ -
gewässer boten dafür beste Voraus setzungen.
Zunächst wurde die ursprüngliche Be stockung
aus hauptsächlich Schwarz erle und Esche besei-
tigt, um den so gewonnenen Wuchs raum an-
schließend im dichten Verband lückenlos bis an
die Uferkante auszupflanzen. Unverschont blieben
weder der unmittelbare Quellbereich noch die
Talaue.
Konsequenzen für Ufer und Bachbett
Die Folgen für Ufer und Bachbett sind erheblich:
Wesentliche
stabilisierende Elemente fehlen,
wenn Erle und Esche mit ihrem dichten, intensi-
ven Wurzel werk verschwunden sind. Denn die
Fichte meidet den „nassen Fuß“. Aus diesem
Grund sind solche Uferbereiche heute bei weitem
weniger durchwurzelt. Hier tieft sich das Fließge-
wässer kanalartig in den Untergrund ein. Das
Wasser fließt dann schnell und ungehindert ab.
Hochwasserspitzen werden verschärft (B
ODDEN-
BERG 2003). Das Ufer wird unterspült oder sogar
komplett abgetragen (Abb. 2).
Am Ufer wird die natürliche Boden- und Saum-
vegetation vielerorts aus ge dunkelt. An ihrer Statt
schauen nur wenige, an veränderte Standort- und
Lichtverhältnisse angepasste Arten aus der dich-
ten den Boden deckenden Nadelstreu heraus. Zu-
meist sind dies Stör- und Säurezeiger. Dazu zäh-
len im Erzgebirge das Bittere Schaumkraut
(
Cardamine amara
) und das Gegenblättrige Milz-
kraut (
Chrysosplenium oppositifolium
) (G
OLDE
1992). Erst mit zunehmendem Alter der Wälder
erhöht sich der Lichteinfall am Boden, sodass
wieder eine Artenzunahme in der Krautschicht zu
beobachten ist.
Wie reagiert die Gewässerökologie?
Betroffen sind Umweltfaktoren wie Strömung,
Temperatur,
Nährstoffgehalt, pH-Wert und Sub-
strat. So sinkt die durchschnittliche Wassertem-
peratur, schließlich wird ganzjährig beschattet.
Eintrag von Nadelstreu versauert zusätzlich oh-
nehin extrem niedrige pH-Werte, wie sie trotz
wiederholter Bodenschutzkalkung im Wald insbe-
sondere für Fließ ge wässer im Erzgebirge (leider)
seit langer Zeit typisch sind (SMLEF 1997, SMUL
2009). Blätter der Laubbäume hingegen fehlen
Wasserbewohnern wie den Bach flohkrebsen und
verschiedenen Insektenlarven als Nahrungsquelle.
Dem entsprechend ist die Häufigkeit der „Blatt -
zer schred derer“ im Vergleich zu Bachabschnitten
im Laubwald deutlich geringer. Dies wirkt sich er-
heblich auf die Nahrungskette aus. Für eine Bach-
flohkrebsart wurde sogar nachgewiesen, dass
Fichtenstreu als Nahrung ganz ge mieden wird
Abb. 1: Renaturiertes Ufer der Prießnitz
beim Hochwasser im August 2010
Foto: Archiv SBS

image
(BÖNECKE 10.08.2010). Auch spiegeln sich diese
Prozesse in einer sich ändernden Pflanzen- und
Tierwelt wider, die vor allem den Rückgang ge-
fährdeter Pflanzen und Tiere bewirken (B
LESS et.
al. 1998). Davon betroffen sind und waren bei-
spielsweise auch die heute in Sachsen seltenen
vom Aussterben bedrohten Be stände der Fluss -
perlmuschel (LfULG 2008). Vor allem starke Nie-
derschläge tragen zusätzlich Nadelstreu und auch
Boden ins Gewässer ein. Sie werden weg -
geschwemmt und lagern sich anderen Ortes als
Sediment ab. Letztlich setzt sich das Bachbett zum
Schaden der Muscheln zu mindest örtlich zu.
Nicht zuletzt leidet das Landschaftsbild sichtbar.
„Wir schaffen eine naturnahe Ufervegetation“
In sächsischen Forstbezirken werden Fließgewäs-
ser im Zuge unterschiedlicher Projekte seit Jahren
renaturiert. Dazu zählen die Prießnitz und ihre
Zuflüsse im Forstbezirk Dresden (Pro
jekt dauer
1999 bis 2005), der Oelsabach im Forstbezirk Bä-
renfels zu Beginn des Jahrzehnts (JESCHKE 2000),
mehrere Bachabschnitte in den Revieren Bielatal
und Rosenthal im Forstbezirk Neustadt (Laufzeit
2004 bis 2007) und nicht zuletzt Weisbach und
Zinns bachtal im Forstbezirk Eibenstock (Projekt-
beginn 2009).
Sind Ufer und Bachbett unverbaut, können die
Forstleute in aller Regel ohne ingenieur bau liche
Projektierung und ohne wasserrechtliche Geneh-
migung starten. Denn sie handeln in ihrem urei-
gensten Metier: Bäume ernten, anschließend
pflanzen, vorhandene, standorts heimische Be-
stockung einschließlich ihrer Naturverjüngung
über nehmen.
Was ist zu beachten ?
Folgende Einzelaufgaben werden aus den gewon-
nenen Erfahrungen abgeleitet:
Abb. 2: Böschungs abriss am standortswidrigen Fichtenbestand infolge eines Hochwassers an der Prießnitz
Foto: Archiv SBS

image
a) „Uferbereiche auswählen,
die renaturiert werden sollen“
Wichtig sind Vor-Ort Kenntnisse und Kartenwerke
als Hilfsmittel, z. B. die (digitale) Stand orts karte.
Weitere Hinweise finden sich in den Manage-
mentplänen für die FFH–Ge biete. Sie ent halten
Zustandsbeschreibungen für ihre Lebensräume
und Arthabitate. Dazu zählen die Er len- und
Eschenwälder und Weichholzauenwälder an Fließ-
gewässern. In Sachsen sind das die pflanzensozio-
logischen Gesellschaften der Verbände des Alno-
Padion und des Salicion albae, Kategorie 91E0 der
FFH-Nomenklatur. Darüber hinaus benennen Ma-
nagementpläne konkret Erhaltungs- und Entwick-
lungsmaßnahmen. Außerhalb der FFH-Gebiete er-
öffnet die Wald bio topkarte Möglichkeiten. Sie
zeigt, wo naturnahe Bäche vorkommen. Als som-
mer kalter Berg landbach oder sommerwarmer
Tieflandsbach werden sie gemäß der zugehörigen
Kartier anleitung (SBS
&
LfULG 2009) beschrieben
und dem Erfassungscode „FB“ bzw. Lebensraum-
typ 3260 nach der FFH-Richtlinie zugeordnet.
Es bietet sich an, die aktuelle Bestockung im Ober-
lauf solch naturnaher Abschnitte und auch im
Anschluss daran zu begutachten. Werden natur-
ferne Uferbereiche dort renaturiert, ergeben sich,
ganz im Sinne des örtlichen und auch des über-
örtlichen Biotopverbundes, zusätzliche Synergie-
effekte für die heimische Fauna und Flora, denn
Barrierewirkungen entfallen und neue Wander-
korridore entstehen. Davon profitiert in besonde-
rer Weise der heimliche, die bodennahe Deckung
suchende Fischotter, der als streng geschützte
Art im Anhang II und IV der FFH–Richtlinie geli-
stet ist.
b) „Arbeitsabschnitte entlang des Gewässers
und in der Bestandestiefe festlegen“
Als Richtwert für Maßnahmen in der Bestandes-
tiefe gelten, abhängig vom Gelände, möglichst fünf
bis zehn Meter von jeder Uferseite. Je nach Stand-
ort, zum Beispiel auf wechselfeuchten oder sump-
figen Böden, sollte weiter in die Tiefe des naturfer-
nen Bestandes vorgedrungen werden. Die Arbeits-
strecke entlang des Gewässers ist variabel. Sie
hängt in erster Linie von der Arbeitskapazität ab.
c) „Bäume, die entnommen werden sollen, aus-
zeichnen“
(vgl. Abb. 3).
Standortswidrige Bäume
fällen und aufarbeiten, ggf. ringeln, sofern die
Maßnahme defizitär ist. Standortsfremde
(Fichten-) Naturverjüngung entfernen.“
Geringelte Bäume bleiben stehen, wenn nicht
zwingende Gründe der Verkehrs sicher ung dage-
gen sprechen. Eingesetzt werden manuelle oder
motormanuelle Arbeitsverfahren und/ oder der
Harvester und Forwarder.
d) „Sortimente vorliefern bzw. rücken.
Schlagabraum verbringen“
(vgl. Abb. 4).
Keinesfalls werden Äste, Reisig oder gar Kronen
im Bachbett entsorgt.
e) „Standortheimische Bäume weitständig
pflanzen. Vorhandene autochthone Be -
stockung einschließlich ihrer natürlichen
Verjüngung übernehmen“
Hinweise zur Wahl der Baumarten geben die Po-
tentiell Natürliche Vegetation Sachsens (S
CHMIDT
et. al. 2002) und die Standortskarte. Im Projekt-
gebiet Bielatal handelt es sich dabei potenziell um
einen Hainmieren–Schwarzerlen–Bachwald, Stel-
lario nemorum–Alnetum glutinosae, (R
EINKE 2010).
Kennzeichnend für diese Bach begleitende Wald-
gesellschaft an zeitweilig überschwemmten Ufern
ist die Schwarzerle. Beigemischt sind Esche, Berg-
ahorn und Bruch weide. Gepflanzt wird bis un -
mittel bar an den Gewässerrand. Denn diese
Baumarten mit ihrem intensiven Wurzelwerk
wachsen von Natur aus dort und befestigen so
das Ufer un mittel bar. Die krautige Begleitvegeta-
tion stellt sich sukzessive von selbst ein.
Hinweise zu geeignetem, standortsgerechtem
Pflanzmaterial aus entsprechenden Herkunfts -
|53

image
gebieten geben die Herkunfts empfehlungen für
forstliches Ver mehrungs gut (L
ANDESFORSTPRÄSIDIUM
2004). Verwendet werden in der Regel junge, je-
doch bereits zweimal (in der Baumschule) ver-
pflanzte, 1,25 bis 2,50 Meter hohe Laubbäume
(Heister). Je nach Verbisssituation vor Ort sind
Schutzmaßnahmen erforderlich.
f) „Flächig ausgefallene Pflanzen nachbes-
sern. Massiv auflaufende, standortfremde
natürliche Verjüngung entfernen“
Einzelne abgestorbene Exemplare werden in der
Folge nicht ersetzt. So entstehen auf kleiner Flä-
che auch lichte, besonnte Bereiche, sehr zum Nut-
zen der Ufervegetation und wärmeliebender Ge-
wässerbewohner. Im Lauf der Zeit erobern sich die
Bäume solche Bereiche im Zuge der Sukzession
zurück, sofern der Kleinstandort es zulässt.
Es ist darauf zu achten, ob und wie stark sich
standortfremde (Fichten-) Naturverjüngung aus
der Umgebung einstellt. Denn schließlich soll ver-
hindert werden, dass (gepflanzte) Laubbäume und
aufkommende standortgerechte Bodenvegetation
„durch die Hintertür“ verdrängt werden und das
Ziel der Maßnahme letzten Endes in Gefahr gerät.
Erste Erfolge
Die Schwarzerlen im Neustädter Projekt haben
sich zwischenzeitlich prächtig entwickelt. Im Jahr
2010
sind sie wüchsig und vital. Selbst örtlicher
Schneebruch oder der Fraß von Erlenrüssler und
Erlenblattkäfer zügeln ihr Wachstum kaum. Die
Erle erweist sich als „sichere Baumart“. Dies gilt
auch für Schäden am Baum, die durch (extreme)
Hochwasser verur sacht werden (T
HÄTNER 2004,
H
AUSCHILD
&
HEIN 2008), ganz im Gegensatz zur la-
bilen Fichte (W
ILHELM et al. 2008). Sofern nötig,
werden einzelne Exemplare auf den Stock gesetzt.
Sie treiben vielstämmig wieder aus. Zu einem spä-
teren Zeitpunkt sind sie hiebsreif und können ge-
erntet werden.
Auch die Bodenvegetation hat sichtbar profitiert.
Wenige Jahre nach der Maßnahme hat sich eine
üppige Krautschicht eingestellt. Dazu zählen
54 |
Abb. 3: Mit roter Farbe markierte Fichten, die geerntet werden sollen, zeigen den zu renaturierenden Bereich.
Foto: K. Noritzsch

image
|55
Hain-Gilbweiderich (
Lysimachia nemorum
) als
typ ischer Berglandvertreter, die Flatter-Binse
(
Juncus effusus
), die Sumpf-Kratzdistel (
Cirsium
palustre
), der Rauhaarige Kälberkropf (
Chaero-
phyllum hirsutum
), das Sumpf-Vergissmeinnicht
(
Myosotis palustris
), der Wald-Schachtelhalm
(
Equisetum silvaticum
) und weitere standorttypi-
sche Arten. Allerdings wird der renaturierte Ab-
schnitt aktuell noch zu sehr besonnt (Abb. 6). Dar-
aus resultiert ein geradezu explosionsartiges
Wachstum der Gräser und Kräuter. Denn noch
fehlt der lockere Kronenschluss ausgewachsener
Bäume. Nur noch wenige Fichtenstubben zeugen
sichtbar von der vorherigen Bestockung.
Ziel erreicht
Im Fall des älteren Projektes an der Prießnitz sind
selbst diese nicht mehr zu entdecken. Deutlich er-
kennbar sind dort allerdings neu entstandene Re-
tentionsräume, die Hochwasser
spitzen abmildern
können (vgl. A
RBEITSGRUPPE WALD UND HOCHWASSER
2007). Das Ziel ist erreicht. Der natürliche Jahres-
ablauf am Fließgewässer ist dank etablierter
stand ort heimischer Vegetation wieder im Lot: Im
Frühjahr und Winter fällt die Sonnenwärme un -
gehindert auf den Bach und die Ufervegetation.
Im Sommer beschatten Bäume das Ge wässer. Es
bleibt kühl und sauer stoffreich. Durch den Laub-
fall im Herbst werden organische Stoffe zuge-
führt, die wiederum den Insektenlarven als Nah-
rung dienen (S
CHMIDT 1997). So wird der Bach in
der Vege tationszeit nicht zu sehr beschattet und
in der übrigen Jahreszeit haben Licht und Wärme
freien Zutritt. Eine positive Rück wirkung auf ge-
wässerökologische Parameter ist, selbst ohne ak-
tuelle Nachweise wasserchemischer Kennwerte
oder von Indikatorarten, zu erwarten. So hat
sich im „Renaturierungsprojekt Tetter weinbach“,
einem Abschnitt im Grünland im Oberen Vogt-
land, bereits wenige Jahre nach Ab schluss der
Maßnahme die für den Biotoptyp „kleines Fließ -
gewässer im Mittelgebirge“ typische Bachfauna
angesiedelt (F
INDEIS 1999). Selbst bei hohem Was-
serstand bleiben Bestockung und Ufer stabil.
Abb. 4: Der Harvestergreifarm nimmt Reisig auf.
Foto: A. Clauß

image
image
Ausblick
Der sächsische Wald bietet viele Möglichkeiten für
weitere Projekte. Dieser Beitrag soll anregen, sie
in Angriff zu nehmen. Zusätzliche Informationen
darüber,
wie die skizzierten Bachläufe in der Praxis
renaturiert wurden, sind erhältlich bei Kai No-
ritzsch (Forstbezirk Neustadt), Ingolf Zirnstein
(Forstbezirk Eibenstock) und Heiko Zuppke (Forst-
bezirk Dresden). Allgemeine Hinweise zum Thema
geben die Kolleg Innen an den übrigen Forstbezir-
ken, insbesondere die SachbearbeiterInnen Natur-
schutz/Waldökologie (SB WÖNS).
56 |
Abb. 6: Erfolgreich angewachsen: Vitale Erlen
mit typischer Begleitvegetation am Bachlauf südlich
des Pechweges (Revier Bielatal, Forstbezirk Neustadt)
Foto: Archiv SBS
Literatur
ARBEITSGRUPPE WALD UND HOCHWASSERSCHUTZ (2007): Wald -
wirkung und Hoch wasser. Ein Leitfaden für Landnutzer
und Entscheidungsträger. Initiative Weißeritz – Regio.
BLESS, R.; LELEK, A.
&
WATERSTRAAT, A. (1998): Rote Liste der
in Binnengewässern lebenden Rundmäuler und Fische
(Cyclostomata
&
Pisces). In: BINOT, M.; BLESS, R.; BOYE, P.,
GRUTTKE, H.
&
PRETSCHER, P.: Rote Liste gefährdeter Tiere
Deutschlands. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.), Bonn-
Bad Godesberg.
Abb. 5: Naturnahe Bestockung aus Schwarzerle, Esche und
Bergulme, gepflanzt am Zufluss zur Prießnitz.
Wurzelstöcke zeugen vom Fichtenaltholz.
Foto: Heiko Zuppke

|57
BODDENBERG, J. (2003): Waldbehandlung an Fließgewässern.
In: LWF – Wissen Nr. 40. Hochwasserschutz im Wald.
Berichte der Bayerischen Landesanstalt für Wald und
Forst wirtschaft
(Hrsg.).
BREHM, J.
&
MEIJERING, M. P. D. (1990): Fließgewässerkunde.
Einführung in die Limnologie der Quellen, Bäche und
Flüsse. 2. Auflage. Quelle
&
Meyer Verlag Heidelberg,
Wiesbaden.
FINDEIS, T. (1999): Renaturierungsprojekt Tetterweinbach.
In: Naturpark Erzgebirge Vogtland. Spezial 2.
GOLDE, A. 1992: Vegetationsverhältnisse an Fließgewässern
im Gebiet der oberen Freiberger Mulde. In: Ökologische
Beurteilung von Fließgewässern im Regierungsbezirk
Chemnitz. Staatliches Umweltfachamt Chemnitz. (Hrsg.).
HAUSCHILD, R.
&
HEIN, S. (2008): Zur Hochwassertoleranz
von Laubbäumen nach einem extremen Überflutungser-
eignis – eine Fallstudie aus der südlichen Oberrheinaue.
Allgemeine Forst- und Jagdzeitung, 180 Jahrgang, 5/6.
JESCHKE, J. (2000): Erarbeitung eines Konzeptes zur Rena-
turierung des Oelsatales im Forstrevier Hirschbach. Lan-
despflegearbeit der Forstreferendare. Staatsbetrieb Sach-
senforst.
LANDESFORSTPRÄSIDIUM (2004): Herkunftsgebiete und Her-
kunftsempfehlungen für forstliches Ver mehrungsgut im
Freistaat Sachsen. 3. Ergänzungslieferung.
LfULG – SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT, LANDWIRTSCHAFT
UND GEOLOGIE (Hrsg.) (2008): Perle der Natur. Schutz der
Flussperlmuschel in Sachsen.
REINKE, M. (2010): Erarbeitung eines Konzeptes zur Be-
handlung von naturnahen bach be gleitenden Waldgesell-
schaften entlang der Gottleuba von der planaren bis zur
submontanen Höhenstufe. Landespflegearbeit der Forst-
referendare. Staatsbetrieb Sachsenforst.
SBS – STAATSBETRIEB SACHSENFORST
&
LfULG – SÄCHSISCHES LAN-
DESAMT FÜR UMWELT, LANDWIRTSCHAFT UND GEOLOGIE (2009):
Kartieranleitung zur Aktualisierung der selektiven Wald-
biotopkartierung in Sachsen (WBK 2). Un ver öffen tlich tes
Manuskript.
SCHMIDT, O. (1997): Lebensraum Bach. LWF aktuell, Sonder-
heft „Wald und Wasser“. Bayerische Landesanstalt für
Wald und Forstwirtschaft (Hrsg.).
S
CHMIDT, P. A.; HEMPEL, W.; DENNER, M.; DÖRING, N.; GNÜCHTEL,
A.; WALTER, B.
&
WENDEL, D. (2002): Potentielle Natürliche
Vegetation Sachsens mit Karte 1 : 200.000. Sächsisches
Landesamt für Umwelt und Geologie (Hrsg.).
SMLEF – S
ÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR LANDWIRTSCHAFT,
ERNÄHRUNG UND FORSTEN (1997): Waldschadensbericht.
SMUL – SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LAND-
WIRTSCHAFT (Hrsg.) (2009): Waldzustandsbericht.
SMUL – SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LAND-
WIRTSCHAFT (Hrsg.) (2008): Naturschutzgebiete in Sachsen.
THÄTNER, M. (2004): Analyse bachnaher Fichtenreinbe-
stände nach dem Hochwasser 2002 und Empfehlungen
zum Waldumbau an Mittelgebirgsbächen. Unveröffent-
lichte Diplomarbeit TU Dresden, Fakultät Forst-, Geo-
und Hydrowissenschaften.
WILHELM, E.; WENDEL, D.
&
SCHMIDT, P. A. (2008): Renaturie-
rung von Fließ ge wässern und deren Auen als Beitrag zum
vorbeugenden Hochwasserschutz und Naturschutz in:
DBU – Projekt „Waldbehandlung, Waldmehrung und
Auengestaltung unter Be rück sichtigung von Hoch -
wasservorsorge und Naturschutz im Osterzgebirge“.
Druckerei Mißbach. Neustadt in Sachsen.
Internet
BÖNECKE, G. : Einfluss der Forstwirtschaft auf die Fließ -
gewässerfauna.
http://www.waldwissen.net/themen/waldoekologie/.../
fva_bachfauna.pdf (aufgerufen am 10.08.2010)
LfULG – SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT, LANDWIRTSCHAFT
UND GEOLOGIE GIS shape-file „Fließgewässernetz Sachsen“,
http://www.sachsen.de/umwelt/wasser
(aufgerufen und
ausgewertet am 20.07.2010)
Autor
Sebastian Krüger
Staatsbetrieb Sachsenforst
Geschäftsleitung Pirna
Ortsteil Graupa
Referat Naturschutz im Wald
sebastian.krueger@smul.sachsen.de

image
image
Die Idee und die Aufgabe
Mit offenen Augen durch die Natur bin ich schon
immer gegangen, habe das Schöne und zugleich
seine Bedrohung gesehen, und irgendwann war
da das Ziel, etwas Konkretes
zu tun, damit uns die
Schönheit der Natur erhalten bleibt. Die nächsten
Schritte gingen schnell: Kontakt zur Unteren Na-
turschutzbehörde der Stadt (bei mir Chemnitz),
Teilnahme als „Neuer“ bei den monatlichen Tref-
fen der ehrenamtlichen Naturschutzhelfer, der
Wunsch mitzumachen und die Übertragung der
Betreuung von zwei Flächennaturdenkmalen. Das
Ergebnis: Ich bin Gebietsbetreuer des FND Ehe-
maliger Kalkbruch Draisdorf und des FND Amphi-
bolitlinse Draisdorf in Chemnitz.
Übergeben wurden mir am Anfang die beiden
Verordnungen der Stadt Chemnitz zur Festset-
zung der Flächennaturdenkmale. Für die Amphi-
bolitlinse gilt dort: „Schutzzweck ist die Erhaltung
eines Komplexes aus Wald, Wiesen und dem ehe-
maligen Steinbruch mit seinen reich strukturier-
ten Steilhängen aus wissenschaftlichen, naturge-
schichtlichen und landeskundlichen Gründen, zur
Sicherung von Lebensgemeinschaften und Le-
bensstätten geschützter und vom Aussterben be-
drohter, wärmeliebender Tierarten […], die sich
hier an einem Grenzstandort ihrer Verbreitung be-
finden, sowie wegen seiner Seltenheit und Eigen-
art, da es sich um einen derart einmaligen geolo-
gischen Aufschluss in Chemnitz handelt“. Ganz
ähnlich ist der ehemalige Kalkbruch beschrieben.
„Schutzziel ist die Erhaltung eines Komplexes aus
dem ehemaligen Kalksteinbruch, artenreichen Ak-
kerrandstreifens, Steilhängen und Gehölzberei-
chen […]“. Beide FND sind Teil des FFH-Gebietes
„Chemnitztal“. Und mit diesem eher theoretischen
Wissen im Kopf und der am Ende als Literatur ge-
nannten Broschüre der Stadt Chemnitz in der
Hand ging es für mich los.
Der Beginn
Als ich am 5. August 2009 zum ersten Mal den
Ehemaligen Kalkbruch
Draisdorf gesehen habe,
war ich sehr beeindruckt. Man geht von einer
Hauptverkehrsstraße wenige Schritte in ein von
außen unscheinbares Wäldchen hinein und steht
in einer grandiosen von Felswänden umgebenen
„Naturhalle“, in der Chemnitzer Geschichte spür-
bar ist. Ein unglaubliches Erlebnis! Und nicht an-
ders in der Amphibolitlinse: Ein Blick in die mit
einem Gitter verschlossene Höhle lässt Einen an
die vor langer Zeit geleistete Arbeit der Bergleute
denken, die für die Region so wichtig war. Schön,
dass diese beiden Gebiete unter dem Schutz der
Gesellschaft stehen!
58 |
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 58 – 63
Natur in der Stadt - und Menschen, die etwas
dafür tun: Das erste Jahr als Naturschutzhelfer
Eckardt Rudolph
Abb. 1: Sumpfartige Feuchtwiese, im Hintergrund
das FND Ehemaliger Kalkbruch Draisdorf
Foto: E. Rudolph

image
|59

60 |
Früher – Ausdruck der Geschichte
Die beiden FND wurden u. a. aus wissenschafts-
historischen Gründen unter Schutz gestellt, sie
sind also auch eng mit vergangenen Zeiten ver-
bunden. Im Internet stößt man heute dazu auf
zwei alte Quellen.
Dies ist zum Einen die „Erdbeschreibung der Chur-
fürstlich- und Herzoglich Sächsischen Lande her-
ausgegeben von M. Friedrich Gottlob Leonhardi,
dritte vermehrte und verbesserte Auflage, Leipzig
1804 bei Johann Ambr.
Barth“ mit dem Eintrag
:
„Draisdorf, 1 Stunde von Chemnitz, nordostwärts,
hat 6 23/24 Magazinhufen, 14 jetzt 16 Feuerst.
jetzt 107 Einw., incl. 10 Bauern, und gehört zu den
fünf Dörfern des Blankenauer Grunde. Es ist all-
hier ein beträchtlicher Kalkbruch“.
Und es ist zum Anderen das Werk „Erläuterungen
zu der geognostischen Charte des Königreiches
Sachsen […] herausgegeben von Carl Friedrich
Naumann, […] Dresden und Leipzig in der Arnol-
dischen Buchhandlung 1838“, in welchem er-
wähnt wird:
Bei Auerswalde, Ottendorf, Draisdorf und Nieder-
Rabenstein sind Kalklager bekannt.“
Zur Amphibolitlinse bin ich (leider, noch) nicht
fündig geworden. Für beide Orte bleibt das Inter-
esse, zu erfahren, was es mit der Geschichte auf
sich hat, die dort aus der Vergangenheit heraus
durch die auch heute sichtbaren Zeugnisse so le-
bendig wirkt.
Die ersten Monate als Naturschutzhelfer
Die Gebiete erscheinen mir jedesmal anders und
immer wieder entdecke ich Neues – das ist das
Schöne, wenn man etwas bisher Unbekanntem
begegnet. Und es wird sicher noch lange so sein
– im Idealfall auch für immer.
Das Kennenlernen ist bei Flächennaturdenkmalen
wie bei Menschen nach zwölf Monaten nicht ab-
geschlossen – es hat gerade erst begonnen. Im
Heft „Naturdenkmale, Flächennaturdenkmale und
Naturschutzgebiete in der Stadt Chemnitz“ steht
geschrieben, dass die beiden Gebiete besonders
im Frühling ihre Schönheit zeigen, dieses Erleben
stand mir am Anfang noch bevor und ich freute
mich ganz besonders darauf.
Der Anfang war bei mir Sommer und Herbst. Im
Sommer, wenn die frühen Sonnenstrahlen vom
oberen Rand der Felsen her schräg in die durch
Bergbau von Menschen geschaffene kleine
Schlucht scheinen und langsam den dunkelgrü-
nen Grund erleuchten. Und im Herbst, wenn das
Laub der Bäume in warmen Gelbtönen strahlt.
Auch im Winter ist die Natur sehenswert und in-
teressant, Besuche im Januar und Februar 2010
haben viele für mich als Gebietsbetreuer im ersten
Jahr neue Einblicke gebracht – auch wenn die
Natur angeblich „schläft“. Sie „erwacht“ im Früh-
ling (der 2010 lange auf sich warten ließ) und
zeigt sich nach und nach immer mehr. Zuerst
noch ganz zaghaft mit ersten gelben Sternen des
(ja, gebietsfremden) Winterling und dann mit aller
Macht in üppigem Grün und einem Meer von Blü-
ten. Beim genaueren Hinschauen sieht man die
Details der Natur: Die weißen Blüten von Stern-
miere, die gelben Sterne des Scharbockskrauts, die
gelben Glocken des seltenen Knoten-Beinwells
oder die üppig blühenden Schlehenhecken und
besonders in diesem Jahr nicht zu vergessen die
blühenden Vogelkirschen – Baum des Jahres 2010.
Beim Wandern genießt man die Natur mehr im
Überblick und manchmal natürlich auch mit dem
Blick für die Details am Wegesrand. Ist man als
Naturschützer unterwegs, werden die Interessen
Abb. 2: Der Eingang zum ehemaligen Kalkwerk Draisdorf
an einem Sommermorgen
Foto: E. Rudolph
Abb. 3: Der ehemalige Kalkbruch im Herbst
Foto: E. Rudolph
Abb. 4: Natur ohne Grün oder Gelb –
Der ehemalige Kalkbruch im Winter
Foto: E. Rudolph

image
image
image

image
auf einmal größer oder zumindest anders. Was für
ein Vogel ruft denn da gerade? Wo hat er sein
Nest und wie sieht es aus? Was für eine Pflanze
blüht da neben dem Stein am Waldrand, ist das
eine seltene, unter besonderem Schutz stehende?
Welches Tier wohnt in dem Loch am Feldrand? Ist
der Nistkasten bewohnt, den dort jemand ange-
bracht hat? Viele neue Fragen, deren Lösung
Freude macht.
Von den Bewohnern der Gebiete waren schon bei
meinem ersten Besuch die unzähligen Weinberg-
schnecken unübersehbar. Bisher für mich nur
Namen aus der Welt der Pflanzen wie Kleines
Habichtskraut, Rotschwingel, Sichelmöhre und
Pfaffenhütchen harren meiner persönlichen Ent-
deckung. Gestaunt habe ich im Herbst über vierzig
Zentimeter große Bälle, die sich als Riesen-Boviste
heraus stellten. Und natürlich sieht man nicht nur,
man hört auch: Das Klopfen des Buntspechts, die
Laute eines Kleibers und vieler anderer Vögel, die
mit Ruf, Gesang und soweit möglich Aussehen zu
bestimmen ich mir in den nächsten Monaten
Mühe geben werde. Ist es ein Bussard oder ein
Habicht, der in der Amphibolitlinse nistet und
mich dort ziemlich aufgeregt begrüßt hat? Ich
werde es herausfinden. Gleiches gilt für die Pflan-
zen der beiden Gebiete, die im Sommer noch so
blühen werden. Eine schöne Aufgabe.
Was ich auch gemacht habe
Beim zweiten Besuch des Kalkbruchs und der Am-
phibolitlinse hatte ich mehrere Müllsäcke mitge-
bracht, weil ich beim ersten Mal schon erkannt
hatte: Die Schönheit und Einmaligkeit der Orte er-
schließt sich heute leider nicht allen Menschen.
Manche nutzen die relative Abgelegenheit dafür,
schnell persönlichen Müll loszuwerden. Ich weiß
nicht, wie Menschen dazu kommen, leere Fla-
schen, Plastemüll und Metallschrott einfach in die
Natur zu werfen, ist dies doch in den Wertstoff-
höfen der Stadt Chemnitz sogar kostenlos mög-
lich. Ich glaube, dies ist ein Problem unserer
gesamten Gesellschaft. Jedenfalls waren sehr
schnell drei Säcke mit Müll gefüllt.
Bei meinem vierten Besuch hatte jemand mit
eigentlich sehr einfach zu kompostierenden Gar-
tenabfällen den Eingang der Höhle des Kalkbruchs
zugestopft. Im Interesse der vielleicht dort leben-
den Fledermäuse (auch das wird sich im Weiteren
meiner Tätigkeit zeigen, da freue ich mich beson-
ders darauf) habe ich den Eingang wieder frei
geräumt.
Nicht ganz zu unterdrücken ist meine Neugier,
was es denn hinter oder besser unter diesem
„Loch in die Vergangenheit“ zu entdecken gibt.
Das Gleiche gilt für die Welt hinter dem Gitter der
unterirdischen Anlagen der Amphibolitlinse. Doch
beide Höhlen sind heute für die Menschen ver-
schlossen, einerseits um auch die unterirdische
Natur zu schützen, andererseits sollen von ihnen
keine Gefahren für die Menschen ausgehen.
62 |
Abb. 5: Eine der vielen Weinbergschnecken
Foto E. Rudolph

image
|63
Abb. 6: Spinnennetz – ein Detail am Rande
Foto: E. Rudolph
Blume, einem Stein, einer Baumrinde oder einem
Birkenblatt offenbart.“ Vielleicht können ehren-
amtliche Naturschutzhelfer dazu beitragen,
dass die Menschen, die es wissen, ein paar mehr
werden.
Literatur
STADT CHEMNITZ (2003): Naturdenkmale, Flächennaturdenk-
male und Naturschutzgebiete in der Stadt Chemnitz. Stadt
Chemnitz, Der Oberbürgermeister, Bürgermeisteramt/Pres-
sestelle, Umweltamt. Chemnitz.
Autor
Eckardt Rudolph
Naturschutzhelfer
Eisenweg 45
09123
Chemnitz
eckardt.rudolph@t-online.de
Der sich aus allem dann ergebende Anblick relativ
unberührter Natur ist diese Arbeit (auch mit den
damit verbunden Kosten) wert. Aber trotzdem:
Schade, dass es eine Hauptaufgabe der Natur-
schutzhelfer ist, den Müll von Mitbürgern weg-
zuräumen. Aber in Hinsicht auf das Ziel: Ich
mache es trotzdem gerne.
Natur in der Stadt
Wie können Natur und Stadt – Bewahrung und
Fortschritt – mit nachhaltigem Erfolg zusammen
gebracht werden? Vielleicht ist dies die ganz
grundsätzliche Frage, vor der die Menschen heute
– natürlich auch schon früher und sicher auch in
der Zukunft – stehen. Ehrenamtliche Natur-
schutzhelfer wollen und können dabei eine ganz
kleine Antwort für das ganz Große geben. Der
Wanderfalke
am Schornstein des Chemnitzer
Heizkraftwerks (Neubürger 2010), der Rotmilan
zwischen zwei Autobahnen, wohlschmeckende
und heilsame Pflanzen am Wegesrand mitten in
der Stadt und ein Fuchs oder (manchmal zum
Unmut eines Autobesitzers) ein Marder im Neu-
baugebiet zeigen allen Interessierten die enge
Verbundenheit von Natur und Stadt. Und es gibt
dafür nur einen Weg: Willkommen Natur – in der
Stadt!
Ich hatte jahrelang nichts von einem Kalkbruch
und einer Amphibolitlinse Draisdorf gewusst, und
heute finde ich es toll, mich damit zu beschäf -
tigen. Der ganz konkrete Naturschutz vor Ort ist
eine Aufgabe, für die sich im Ausblick jede Arbeit
lohnt – und die dabei auch noch spannend ist und
mir viel Freude macht. Und ganz besonders schön
wäre es, wenn dieser Artikel bei einigen Leserin-
nen und Lesern die Idee zu weiteren neuen
Naturschutzhelfern entstehen lassen würde.
Am Ende des Artikel (oder am Anfang der Arbeit
als Naturschutzhelfer) soll ein Zitat von Rainer
Maria Rilke stehen: „Die meisten Menschen wis-
sen gar nicht, wie schön die Welt ist und wie viel
Pracht sich in den kleinen Dingen, in irgendeiner

image
image
image
image
image
64 |
Organisatorisches
Im Jahre 1980 als Schülerarbeitsgemeinschaft an
der Polytechnischen
Oberschule gegründet und in
der Wendezeit „freischaffend“ weitergeführt, ist
die AG Naturschutz heute Teil der Ganztagesan-
gebote der Heiner-Müller-Schule Eppendorf. Zur-
zeit treffen sich 14 Mädchen und 11 Jungen ein-
mal wöchentlich zu Einsätzen sowie Exkursionen.
Es bestehen zwei Gruppen. Dabei sind mit weni-
gen Ausnahmen (Geschwister) die Grund- und die
Mittelschüler unter sich. Vier Teilnehmer sind
VSO-Mitglieder. Ansonsten bestehen gute Verbin-
dungen zum NABU, LPV, zur Naturschutzbehörde
des Landkreises Mittelsachsen sowie zur Ge-
meinde Eppendorf.
Inhalte und Ziele
Das Vermitteln von Kenntnissen über heimische
Pflanzen und Tiere (besonders Vogelarten)
sowie
ökologische Zusammenhänge stehen genauso im
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 64 – 65
Über die Tätigkeit der
AG Naturschutz Eppendorf
Matthias Vogel

image
image
Mittelpunkt wie die praktische Naturschutzarbeit.
Mit Unterstützung mehrerer Partner konnte in der
ehemaligen Eppendorfer Schule ein Umweltkabi-
nett eingerichtet werden. Dieses besteht aus einer
kleinen Werkstatt und einem Info-Raum. Besonders
bei ungünstigem Wetter herrscht hier reger Betrieb,
wenn die Schüler Nistkästen, Futterhäuser und
Lehrpfadschilder anfertigen bzw. reparieren oder
sich mit Bestimmungsbüchern und Fachzeitschrif-
ten beschäftigen. Zu allen Jahreszeiten gibt es Be-
obachtungstouren durch die Natur. Mit Fernglas
und Notizbuch ausgerüstet geht es in die umlie-
genden Wälder, ins Lößnitz-, Flöha- und Zschopau-
tal sowie zu Teichen und Talsperren. Die älteren
Teilnehmer starten auch zu Fahrradtouren. Sonst
werden weitestgehend öffentliche Verkehrsmittel
benutzt. Ziel einer jährlich stattfindenden Exkursion
zur Beobachtung überwinternder Wasservögel ist
das Elbtal. Weitere Höhepunkte sind mehrtägige
Beobachtungsfahrten in naturkundlich sehr inter-
essante Gebiete. Ziele in den vergangenen Jahren
waren das Odertal bei Lebus, das Saaletal, die
Eschefelder und Ratzener Teiche, das Teichgebiet
Niederspree, der Nationalpark Hainich sowie die
Langenhägener Seewiesen. Aber auch die Glüh-
würmchenwanderung am Abend eines Junitages
im nahen Lößnitztal oder im Röthenbacher Wald
ist ein Erlebnis.
Mit praktischen Einsätzen soll der Zustand von
Natur und Umwelt verbessert werden. Die Betreu-
ung von Nistkästen nimmt dabei einen vorderen
Platz ein. So kümmern sich die jungen Natur-
freunde um 270 Nisthöhlen im Waldgebiet des
Lößnitztales, wo mehrere Meisenarten, Trauer-
schnäpper und Kleiber die häufigsten Bewohner
sind. Weitere Kästen wurden für Käuze, Hohltau-
ben, Fledermäuse und Hornissen angebracht. Fer-
ner betreuen die AG-Teilnehmer Nisthilfen für
Wasseramseln und Stelzen an Flüssen der Umge-
bung sowie einen Falkenkasten im Eppendorfer
Kirchturm. Die Beringung der jungen Turmfalken
durch Herrn Kronbach (VSO) findet immer ein in-
teressiertes Publikum. Andere Einsätze haben die
Pflanzung von Gehölzen, den Aufbau und die Be-
treuung eines Krötenzaunes, die Müllberäumung
im Wald und die Ausgestaltung des Naturlehrpfa-
des zum Inhalt. Der schönste Erfolg ist es, wenn
sich neue Interessenten finden und diese mit Aus-
dauer bei der Sache sind.
Autor
Matthias Vogel
Straße des 8. Mai 17
09575 Eppendorf
|65
Abb. 1: Anbringen eines Nistkastens an
einer Röthenbach-Brückel
Abb. 2: Luana hat keine Angst vor Kröten
Abb. 3: Beobachtung von Wasservögeln auf der Elbe
Abb. 4: Die Gruppe II mit Teilnehmern aus
den Kl. 1 – 3 auf dem Weg zur Futterstelle
Abb. 5: Kein Problem für Tina: Eintragung im Notizbuch
Abb. 6: Beobachtungstour an den
Langenhägener Seewiesen im April 2010
Fotos 1–6: M. Vogel

image
image
Einleitung
Es gehört zu den wesentlichen Leistungen des
Menschen, sein Lebensumfeld zum eigenen Nut-
zen umzugestalten. Zur Beschreibung dieser Leis
-
tung bediente man sich im deutschsprachigen
Raum lange Zeit des aus dem Lateinischen abge-
leiteten Begriffs der Kultur. Er war Synonym für
„urbar machen“ oder „den Acker bestellen“. Doch
sein landwirtschaftlicher Bezug verliert sich im
heutigen Sprachgebrauch. Liegt es daran, dass
immer weniger Menschen in der Landwirtschaft
arbeiten? Oder ist es gar eine Weigerung der Ge-
sellschaft, die strukturarmen Agrarlandschaften
unserer Zeit mit einem Begriff in Zusammenhang
zu bringen, der auch für die Pflege geistiger Güter
steht? Sang nicht schon G
UENTHER (1919) das Kla-
gelied von der Erde, die nach den Plänen des
Menschen geordnet daliegt,
„zu seinem Ruhme
schaffend, und nur noch an wenigen Orten grünt
und blüht es zum alleinigen Preise des Schöpfers.“
Den Verlust der Vielfalt versuchen wir heute zu
messen (Monitoring). Immer genauer kartieren
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 66 –73
Veränderungen der ostdeutschen
Agrarlandschaft und ihrer Vogelwelt
Klaus George

image
image
image
wir die Bestände von Pflanzen und Tieren, darun-
ter die der Vögel (z. B. F
LÖTER et al. 2006, NICOLAI
1993, STEFFENS et al. 1998). Doch führen die Bio-
geographie in Deutschland und das bloße Zählen
von Individuen oder Brutpaaren nicht auch in
eine Sackgasse? Müssen wir uns nicht stärker der
Frage nach den Ursachen von Veränderungen der
Bestände wildlebender Tier- und Pflanzenarten
zuwenden?
Das Betrachtungsgebiet
Der Begriff „Ostdeutschland“ meint das Gebiet der
Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern,
Bran-
denburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sach-
sen. Politisch bedingt war das Gebiet einige Jahr-
zehnte des letzten Jahrhunderts isoliert und
unterlag einer sehr speziellen wirtschaftlichen
Entwicklung. Dazu gehörte die Kollektivierung der
Landwirtschaft mit dramatischen Auswirkungen
auf die Kulturlandschaft, die hinsichtlich der gro-
ßen Felder und komplexer Flurbereinigungen bis
heute nachwirken. Allein schon in dem damit ein-
hergehenden Verlust an Strukturvielfalt fanden
sich Ursachen für den Rückgang verschiedener
Vogelarten, darunter des Rebhuhns (
Perdix perdix
).
Aber größere Felder waren nicht gleichzusetzen
mit intensiverer Landwirtschaft. Bereits R
HEINWALD
(1993) vermutete in Auswertung der Verbrei-
tungskarte der Feldlerche (
Alauda arvensis
)
(Abb. 2) Unterschiede hinsichtlich der landwirt-
schaftlichen Nutzungsintensität in West- und
Ostdeutschland.
Der Betrachtungszeitraum
Beide, Agrarlandschaft und Vogelwelt, werden
nicht nur durch die politischen und wirtschaft
-
lichen Verhältnisse beeinflusst. Vielmehr hatten
länger wirkende klimatische Veränderungen
immer schon Einfluss auf das Leben von Mensch
und Tier.
Die natürlichen Voraussetzungen für eine das
Überleben sichernde Landwirtschaft im Betrach-
tungsgebiet entstanden erst durch die Bodenbil-
dung nach der letzten Vergletscherung Mittel -
europas. Vor 21.000 Jahren reichte das Nordische
Eisschild bis in das Gebiet bei Berlin. Wegen der
ganzjährig niedrigen Temperaturen war das Vor-
land der Gletscher bis hin zur Elbe weitestgehend
vegetationsfrei. Dort konnten die vom Inlandeis
herabwehenden Fallwinde Teilchen unverfestigten
Sedimentgesteins aufnehmen, die feiner waren
als Sand. Sie wurden verweht und lagerten sich
in Gebieten mit dichterer Vegetation wieder ab.
Zu den Ablagerungsgebieten des Löss gehören die
Vorländer der Mittelgebirge Harz, Thüringer Wald
und Erzgebirge. In diese Lössschicht im besonders
fruchtbaren Mitteldeutschland gruben bereits die
in der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. aus öst -
|67
Abb. 2: Verbreitung der Feldlerche (
Alauda arvensis
)
in Deutschland um 1985 (aus RHEINWALD 1993)
Abb. 1: Agrarlandschaft des nördlichen Harzvorlandes
im Mai, am Horizont das EU-Vogelschutzgebiet Hakel
Foto: K. George

lichen Steppengebieten einwandernden Men-
schen ihre Grubenhäuser und Vorratslöcher. So
sind dann auch lange vor den großen Rodungen
des Mittelalters das Offenland bewohnende
Vogelarten im Betrachtungsgebiet nachzuweisen,
darunter Rebhuhn, Steinkauz (
Athene noctua
)
und Dohle (
Corvus monedula
) in Kulthöhlen der
Bronzezeit im Kyffhäusergebirge (T
EICHERT
&
LEPIK-
SAAR 1977). Je näher der Betrachtungszeitraum an
die Gegenwart heranrückt, desto genauer wird
unsere Vorstellung von der Vogelwelt (Ost-)
Deutschlands, umso mehr schriftliche Quellen
lassen sich auswerten.
Die Veränderungen der Agrarlandschaft
Wir wissen, dass sich zur Zeit der fränkischen
Eroberung im 6. Jahrhundert die Siedlungs
-
kammern der im Vergleich zu heute wenigen in
Ostdeutschland bis zur Elbe lebenden Menschen
dort befanden, wo die Böden besonders fruchtbar
waren. Nur die unmittelbar als Acker oder Weide
genutzte Fläche blieb den Menschen als Eigen-
tum, die Wälder wurden fränkisches Staatseigen-
tum. Für deren Nutzung (z. B. als Waldweide) war
in den folgenden gut 400 Jahren ein Schweine-
zins an die Herrschenden zu zahlen (A
NDERT 2006).
Mit der Übertragung des Lehnswesens auf Thü-
ringer und Sachsen und mit der Entwicklung der
feudalen Gesellschaft wuchs jedoch die Bevölke-
rung. Großflächige Rodungen und neue Sied -
lungen führten nicht nur zur Ausweitung der
Landwirtschaftsfläche, sondern schufen neue Le-
bensräume für Wachtel (
Coturnix coturnix
), Reb-
huhn, Wachtelkönig (
Crex crex
) u. a. (B
EZZEL 1982).
Die Entwicklung hielt aber nicht kontinuierlich an.
Im 14. Jahrhundert schrumpfte die Bevölkerung
in Deutschland aufgrund einer Pestwelle um gut
ein Drittel (H
ENNING 1985). Viele Flächen fielen
brach. Es entstanden Wüstungen. Davon Auswir-
kungen auf die Vogelwelt der Agrarlandschaft
abzuleiten, bedarf keiner großen Phantasie.
R
EICHHOLF (2008) stellt aber auch einen Zusam-
menhang her zwischen Klima- und Bevölkerungs-
schwankungen. Wenige Jahre vor Ausbruch der
Pest vernichteten gewaltige Massen von Wander-
heuschrecken (
Locusta migratoria
) die Ernten in
weiten Teilen Ost- und Mitteleuropas. Einflüge
der Wanderheuschrecken fielen stets in Zeiten
verstärkter Niederschläge und Ausbreitung der
Alpengletscher. Während des mittelalterlichen
Klimaoptimums blieben sie hingegen aus. Die
letzte große Invasion, die insbesondere in Bran-
denburg schwere Schäden verursachte, fand in
den Jahren 1873-75 und somit in einer Zeit statt,
in der es extrem regenreiche und kühle Sommer
gab. In den Jahren 1863, 1882 und 1888 flogen
Steppenhühner (
Syrrhaptes paradoxus
) teils in
großer Zahl auch in Ostdeutschland ein (B
ORCHERT
1927, SCHALOW 1919) – Beleg weit reichender Kli-
maänderungen bis in die östlichen Steppenge-
biete. Auch der Bienenfresser (
Merops apiaster
)
gehört zu den Vogelarten, die belegen, dass es
immer schon Änderungen in der Zusammenset-
zung der Avifauna Ostdeutschlands gab und
künftig auch geben wird. Sein Erscheinen 1971 im
Betrachtungsgebiet (K
ANT
&
LIEDEL 1974) und der
momentane Anstieg der Brutpopulation des Bie-
nenfressers (S
CHULZE
&
TODTE 2009) werden in Zu-
sammenhang mit der aktuellen Klimaerwärmung
gebracht. Nachweise des Bienenfressers in Ost-
deutschland gab es aber auch schon 1517 für
Leipzig und im 18. Jahrhundert für Thüringen
(zitiert in G
LUTZ VON BLOTZHEIM 1994).
Während der kulturgeschichtlichen Epoche der
Romantik gab es in der Agrarlandschaft Ost-
deutschlands dramatische Veränderungen. Die
über Jahrhunderte übliche Dreifelderwirtschaft
wurde abgeschafft, Bauern von Brache- und Flur-
zwängen befreit. Der zuvor verstreut liegende
Grundbesitz wurde zusammengeführt, die All-
mende aufgeteilt. Es entstand das noch heute in
weiten Teilen erhaltene Wege- und Gewässernetz.
Rechtliche Grundlage der Separation in Preußen
68 |

image
war das Gesetz zur Gemeinheitsteilungsordnung
aus dem Jahr 1821. Die in der Zeit der Romantik
entstandene Gestalt der Agrarlandschaft prägt
das Bild vieler Naturschützer bis heute. Doch was
wir in unserer romantischen Verklärtheit oft ver-
gessen: Das Ackerland wurde zulasten von Ödland
und Hutungen dramatisch ausgeweitet. Danach
stieg die Bevölkerungszahl rasch an. Die Kartoffel
war seit 1850 die wichtigste Hackfrucht. Die Ver-
doppelung des Rinder- und die Verfünffachung
des Schweinebestandes ermöglichten eine ver-
stärkte organische Düngung (G
EORGE 1996). Zu-
sätzlich kamen Handelsdünger (z. B. Guano) zum
Einsatz. Extensivere Nutzungsformen hingegen
verloren an Bedeutung. So sank der deutsche
Schafbestand von 25 Mio. Tieren in der Mitte
des 19. Jahrhunderts auf unter 5 Mio. im Jahr
1913. Der Anbau von Farbpflanzen wie Färberwaid
(
Isatis tinctoria
) und Färber-Resede (
Reseda
luteola
), wurde eingestellt, der von Öl- und Faser-
pflanzen, darunter Lein (
Linum usitatissimum
),
um über 70 % gesenkt. Welche Auswirkungen all
dies auf die Vogelwelt hatte, lässt sich kaum
erahnen. Es fehlten noch Untersuchungen der
Siedlungsdichte der Vogelarten und populations -
ökolo gische
Studien.
Der große Feldversuch
Bedingt durch die Teilung Deutschlands nach dem
Zweiten Weltkrieg
und die Zugehörigkeit beider
Teile zu unterschiedlichen Wirtschaftssystemen
kam es zu einem gigantischen „Feldversuch“.
Durch die nahezu flächendeckende Kollektivie-
rung der Landwirtschaft in Ostdeutschland ent-
standen zwar große, zusammenhängend genutzte
Flächen, die Intensität der Produktion stieg hin-
gegen stärker in Westdeutschland. Die stärkere
Verflechtung Westdeutschlands im Welthandel
(u. a. Einfuhr von Lebensmitteln und eiweißhal -
tigen Futtermitteln) führte dort parallel zu einem
Verlust der Vielfalt angebauter Fruchtarten auf
dem Ackerland. Im Ergebnis fiel dem aufmerk -
samen Beobachter, der die Gelegenheit bekam, die
innerdeutsche Grenze zu passieren, auf, dass die
Vogelwelt der Agrarlandschaft in einheitlichen
Naturräumen wie den Börden nach Westen hin
ärmer wurde (G
EORGE 1995). Warum ging es Rot-
milan (
Milvus milvus
), Feldlerche und manch an-
derer Vogelart in Ostdeutschland besser? Einen
wichtigen Ansatz auf der Suche nach der richti-
gen Antwort finden wir im Vergleich der Nutzung
des Ackerlandes (Abb. 4). Die Vielfalt der
angebauten Fruchtarten und insbesondere der
Flächenanteil des Ackerfutters (Klee, Luzerne,
Gemenge) waren in Ostdeutschland größer. In
Sachsen betrug der Anteil des Feldfutters (ohne
Mais) an der Ackerfläche im Zeitraum 1979-82
immerhin ca. 17 % (T
IMM 2007). Das hatte u. a. zur
Folge, dass es hier auch in den Monaten Mai und
Juni Ackerflächen mit geringer Vegetationshöhe
gab, auf denen z. B. für den Rotmilan während der
Jungenaufzucht Nahrungstiere zugänglich waren.
Das ist für die Art in jener Jahreszeit auf mit Win-
tergetreide oder Raps bestellten Feldern kaum
möglich. Auch die Zahl der zur Verfügung stehen-
den Beutetiere, darunter Feldmaus (
Microtus
arvalis
) und Feldhamster (
Cricetus cricetus
), war
|69
Abb. 3: Wachtel (
Coturnix coturnix
)
Foto: K. George

größer. Ihre Reproduktions- und Überlebens -
bedingungen waren günstiger, weil die Klee- und
Luzerneflächen mehrjährig genutzt wurden, weil
technologiebedingt höhere Ernteverluste (insbe-
sondere bei Kartoffel, Zuckerrübe und Mais) und
langsamere Bearbeitung der Felder eine bessere
Nahrungsgrundlage auch außerhalb der Vegeta-
tionszeit boten, weil Feldraine breiter waren und
weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden
konnten. Auch der im Verhältnis zur Landwirt-
schaftsfläche mehr als doppelt so hohe Schaf -
bestand in Ostdeutschland gegenüber Westdeutsch-
land war Ausdruck einer insgesamt extensiveren
Wirtschaftsweise in der DDR. Keine Zweifel blei-
ben, vergleicht man die Erträge (Abb. 5).
Die Situation zwei Jahrzehnte
nach der Wiedervereinigung Deutschlands
Das Bild der ostdeutschen Agrarlandschaft hat
sich zwischenzeitlich kaum gewandelt. Es wird
weiterhin bestimmt von großen Feldern, die ein-
zelne Landwirtschaftsbetriebe bewirtschaften.
Was
besser geworden ist und was hingegen
schlechter, das zu bewerten ist abhängig von der
Sichtweise des Betrachters. Die dramatisch weni-
ger gewordenen Beschäftigten in der Landwirt-
schaft mögen auf der Positivseite verbuchen, dass
ihre Arbeit leichter geworden ist. Die inzwischen
auch in Ostdeutschland nahezu uneingeschränkte
Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln und
hochwertigem Saatgut erspart u. a. das Rüben-
hacken. Die Modernisierung der Landtechnik lässt
einstmals schwere körperliche Arbeiten wie das
Auf- und Abladen und die Verteilung von Heu
oder Grünfutter in Vergessenheit geraten. Rücken
schonend sind auch ergonomisch angepasste
Sitze in Traktoren und aus der Gemeinschaftsauf-
gabe Agrarstruktur und Küstenschutz geförderte
asphaltierte Feldwege. Von der Landwirtschaft zu-
nehmend entfremdete Teile der Bevölkerung
freuen sich im Mai über die allerorten goldgelb
blühenden Rapsfelder. Erst auf den zweiten Blick
bemerken Interessierte weitere Unterschiede: Es
gibt viel weniger Schafe, allein in Sachsen ging
deren Bestand von 1989 bis 2008 um ca. 75 %
zurück (SMUL 2009). Für den Artenschutz wert-
volle Offenlandbiotope drohen zuzuwachsen.
Auch die Zahl der gehaltenen Rinder ging zurück.
70 |
Raps und Rübsen
Zucker- und Futterrüben
Kartoffeln
Ostdeutschland (DDR)
Ackerfutter ohne Mais
Sonstiges
Grün- und Silomais
Westdeutschland
Getreide
Abb. 4: Ackerflächenverhältnis in Ostdeutschland (DDR) und Westdeutschland 1989 (nach GEORGE 2004)

image
Die, die ganzjährig im Stall stehen, werden wäh-
rend der Vegetationszeit statt mit Grünfutter mit
(Mais-) Silage versorgt. Mehrjähriges Ackerfutter
wird kaum noch angebaut, in Sachsen-Anhalt
beispielsweise im Jahr 2008 gerade noch auf
0,3 % der Ackerfläche Klee und Kleegras bzw. auf
0,4 % Luzerne. In Sachsen lag der Anteil des
gesamten Feldfutters (ohne Mais) an der Acker-
fläche im Jahr 2005 nur noch bei ca. 4 % (T
IMM
2007). Örtlich lässt der insgesamt niedrigere Vieh-
besatz eine Extensivierung des Grünlandes zu.
Davon können manche Vogelarten profitieren,
unter ihnen offenbar Wachtelkönig und mög -
licherweise Braunkehlchen (
Saxicola rubetra
).
Andere klassische Wiesenbrüter ziehen daraus
keinen Vorteil. Großer Brachvogel (
Numenius
arquata
), Rotschenkel (
Tringa totanus
) und Wie-
senpieper (
Anthus pratensis
) kommen mit den
rasch aufwachsenden Gräsern nicht zurecht. Ur-
sächlich sind die Verfrühung der Vegetation in-
folge der Klimaerwärmung und der hohe Stick-
stoffeintrag aus der Luft. Ungebrochen ist der
negative Bestandstrend des Kiebitzes (
Vanellus
vanellus
). Ob es dem Weißstorch (
Ciconia ciconia
)
| 71
Getreide
Spät-
kartoffeln
Zucker-
rüben
Raps und
Rübsen
Mais
dt je ha
BRD
DDR
541,6
286,5
28,4
33,8
484
346
214,8
44
56,3
381
Abb. 5: Vergleich der 1989 erreichten Erträge in beiden
deutschen Staaten (nach GEORGE 2004)
Abb. 6: Weißstorch
(Ciconia ciconia)
– der Bestand
der sächsischen Population ist seit Ende der 1990er
Jahre rückläufig.
Foto: H. Trapp
in Ostdeutschland gut oder schlecht geht, ist
nicht entschieden (Abb. 6). Die Reproduktionszah-
len dieser Art in Sachsen lassen im Moment nichts
Gutes erahnen (S
CHIMKAT
&
STEFFENS 2009). Insbe-
sondere in ertragsschwächeren Gebieten mit
hohen Anteilen stillgelegter oder extensiv genutz-
ter Flächen und in Gebieten mit großflächigen
Anteilen des Ökolandbaus erholen sich die
Bestände der Grauammer (
Emberiza calandra
).
Umweltfreundlichere Saatgutbehandlung hilft
u. a. dem Feldsperling (
Passer montanus
) und der
Goldammer (
Emberiza citrinella
), doch deutliche-
ren Bestandserholungen steht die Strukturarmut
in weiten Teilen Ostdeutschlands entgegen. Die
Beobachtung eines Rebhuhns in der Agrarland-
schaft wird mehr und mehr zu einem seltenen

der ostdeutschen Agrarlandschaft zu beklagen.
Dies bezieht sich auf verloren gegangene Flurele-
mente und Randstreifen entlang von Wegen und
Gewässern, auf die Einengung der Fruchtfolgen
und die Parallelität durchgeführter Feldarbeiten
in durch agrotechnische Termine eng begrenz-
ten Zeiträumen. Nach der Wiedervereinigung
Deutschlands steht in den fünf östlichen Flächen-
ländern einer örtlichen Extensivierung der Grün-
landnutzung infolge gesunkenen Grobfutter -
bedarfs eine weitestgehend flächendeckende
Intensivierung der Ackernutzung gegenüber. Das
Wirkungsgefüge auf ohnehin natürlich schwan-
kende Bestände der verschiedenen in der Agrar-
landschaft lebenden Vogelarten ist hochkomplex.
Einfache Zusammenhänge lassen sich so kaum
herstellen. Aber es gibt eine Reihe von Vogelarten,
die eindeutig unter Ausräumung der Landschaft,
übertriebenem Ordnungssinn (z. B. Mahd von
Feld- und Wegrainen), dichten Kulturpflanzen -
beständen und fehlender Vielfalt angebauter
Fruchtarten leiden, und wie das Rebhuhn in gan-
zen Regionen vom Aussterben bedroht sind.
Glücksfall. Damit, dass die einstmals im mittel-
deutschen Trockengebiet weit verbreitete Groß-
trappe (
Otis tadar
) nur noch in einem speziell
gemanagten Gebiet in Brandenburg erfolgreich
reproduziert, hat man sich scheinbar längst ab-
gefunden. Als typischer Bewohner des Acker -
landes mit einer Habitatpräferenz u. a. für
Winterweizen (G
EORGE 1999) hat hingegen die
Wachtel keinen Bestandseinbruch erlitten
(Abb. 7). Die Anbaufläche von Winterweizen
wurde in Ostdeutschland nach der Wiederver -
einigung deutlich ausgeweitet.
Zusammenfassung
Es gibt eine Reihe von Vogelarten, die die Agrar-
landschaft Ostdeutschlands besiedeln können, so
wie sie vom Mensch geschaffen und genutzt wird.
Welche
Vogelarten das sind, wann und in welcher
Dichte sie das tun, hängt nicht allein von der Nut-
zung der Agrarlandschaft ab. Nicht zu vernach-
lässigen sind Auswirkungen von Klimaänderun-
gen und hohem Stickstoffeintrag aus der Luft.
Aus Naturschutzsicht ist ein Verlust an Vielfalt in
72 |
16
14
12
10
8
6
4
2
0
y = 0,1327x +4,0622
1987
1989
1991
1993
1995
1997
1999
2001
2003
2005
2007
2009
Abb. 7: Bestandsentwicklung der Wachtel (
Coturnix coturnix
) auf einer durchschnittlich 2.872 ha großen Kontrollfläche
im nördlichen Harzvorland um Badeborn (Sachsen-Anhalt) 1987-2010

SCHULZE, M.
&
TODTE, I. (2009): Ein Exot auf dem Weg nach
Norden: Bienenfresser in Sachsen-Anhalt. Der Falke 56,
S. 230-236.
SMUL – S
ÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LAND-
WIRTSCHAFT (Hrsg.) (2009): Sächsischer Agrarbericht 2008.
Dresden, 120 S.
S
TEFFENS, R.; KRETZSCHMAR, R.
&
RAU, S. (1998): Atlas der
Brutvögel Sachsens. In: Sächsisches Landesamt für Um-
welt und Geologie (Hrsg.) – Materialien zu Naturschutz
und Landschaftspflege. Dresden.
S
CHIMKAT, J.
&
STEFFENS, R. (2009): Der Weißstorch in Sach-
sen 2008. In: NABU Landesverband Sachsen e. V. (Hrsg.):
Mitteilungen für sächsische Ornithologen, S. 9-11.
T
EICHERT, M.
&
LEPIKSAAR, J. (1977): Die Vogelknochen aus
den urgeschichtlichen Kulthöhlen des Kyffhäusergebirges.
Alt Thüringen 14, S. 108-144.
T
IMM, A. (2007): Landwirtschaftliche Nutzung in Vogel-
schutzgebieten – Konflikte und Lösungsansätze. Actitis
42, S. 23-37.
Autor
Dr. Klaus George
Pappelweg
183e
06493 Ballenstedt
Anmerkung der Redaktion
Am 11. März 2010 fand in Dresden eine Veranstal-
tung zum Thema „Vogelschutz
im Offenland“
statt. Gemeinsam eingeladen hatten das Landes-
amt für Umwelt, Landwirtschaft und Geo-
logie und die Landesstiftung für Natur und Um-
welt. Es wurde vornehmlich über Projekte zur
Umsetzung von Schutzmaßnahmen im Agrar-
raum und in der Bergbaufolgelandschaft inner-
und außerhalb Sachsens berichtet. Dem Fach -
publikum wurde im Rahmen der Veranstaltung
einmal mehr deutlich, dass sich die Bedingungen
für eine Reihe von Vogelarten des Offenlandes in
der Vergangenheit wiederholt verändert haben.
Dr. Klaus George/Ornithologenverband Sachsen-
Anhalt präsentierte auf der Fachtagung diesen
Vortrag.
|73
Literatur
ANDERT, R. (2006): Der fränkische Reiter. Dingsda-Verlag,
Querfurt.
B
EZZEL, E. (1982): Vögel in der Kulturlandschaft. Verlag
Eugen Ulmer, Stuttgart.
B
ORCHERT, W. (1927): Die Vogelwelt des Harzes, seines
Vorlandes und der Altmark. Karl Peters Verlag, Magdeburg.
F
LÖTER, E.; SAEMANN, D.
&
BÖRNER, J. (2006): Brutvogelatlas
der Stadt Chemnitz. Mitteilungen des Vereins Sächsischer
Ornithologen 9, Sonderheft 4, S. 1-306.
G
EORGE, K. (1995): Neue Bedingungen für die Vogelwelt
der Agrarlandschaft in Ostdeutschland nach der Wieder-
vereinigung. Ornithologische Jahresberichte des Museums
Heineanum 13, S. 1-25.
G
EORGE, K. (1996): Deutsche Landwirtschaft im Spiegel der
Vogelwelt. Die Vogelwelt 117, S. 187-197.
G
EORGE, K. (1999): Sommerlebensräume der Wachtel
Co-
turnix coturnix
in der mitteleuropäischen Agrarlandschaft.
NNA-Berichte 3/99, S. 88-92.
G
EORGE, K. (2004): Veränderungen der ostdeutschen Agrar-
landschaft und ihrer Vogelwelt insbesondere nach der
Wiedervereinigung Deutschlands. Apus 12, S. 1-139.
G
LUTZ VON BLOTZHEIM, U. N. (1994): Handbuch der Vögel Mit-
teleuropas. Band 9 Columbiformes – Piciformes. 2., durch-
gesehene Auflage. AULA-Verlag, Wiesbaden.
G
UENTHER, K. (1919): Der Naturschutz. Franckhsche Ver-
lagsbuchhandlung, Stuttgart.
H
ENNING, F.-W. (1985): Landwirtschaft und ländliche
Gesellschaft in Deutschland. Band 1. 800 bis 1750.
2. Auflage. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn.
K
ANT, H.
&
LIEDEL, K. (1974): Bienenfresser am Salzigen See
(Kr. Eisleben). Apus 3, S. 103-108
N
ICOLAI, B. (1983): Atlas der Brutvögel Ostdeutschlands.
Gustav Fischer Verlag, Jena, Stuttgart.
R
EICHHOLF, J. H. (2008): Eine kurze Naturgeschichte des
letzten Jahrtausends. 7. Auflage. S. Fischer Verlag, Frank-
furt am Main.
R
HEINWALD, G. (1993): Atlas der Verbreitung und Häufigkeit
der Brutvögel Deutschlands – Kartierung um 1985. Schrif-
tenreihe des DDA 12. Rheinischer Landwirtschaftsverlag,
Bonn.
S
CHALOW, H. (1919): Beiträge zur Vogelfauna der Mark
Brandenburg. Reprint 2004. Verlag Natur
&
Text,
Rangsdorf.

image
image
1 Einleitung
Die Gewährleistung des Gehölzschutzes ist eine
schwierige und besonders konfliktträchtige Auf-
gabe des Naturschutzes. Gehölze befinden sich in
einem vielschichtigen Spannungsfeld von mensch-
lichen Interessen. Sie werden von der Bevölkerung
als attraktive Naturbestandteile grundsätzlich
hoch geschätzt und als erhaltenswürdig betrach-
tet. Zugleich sind Sie ein begehrter nachwachsen-
der Rohstoff. Im Hinblick auf Infrastrukturvorha-
ben erweisen sich Gehölze zugleich häufig als
Hindernisse. Dies führt zu einem andauernden
Grundkonflikt, zu dessen Bewältigung sich im Lauf
der Zeit bestimmte Vorgehensweisen
und ge-
schriebenes Recht entwickelt haben.
Gehölzschutz im naturschutzrechtlichen Sinne,
wie er nachfolgend näher betrachtet wird, zielt
auf die Erhaltung von Bäumen, Sträuchern und
aus diesen gebildeten komplexeren Strukturen
wie Alleen, Feldgehölzen, Hecken sowie Gebü-
schen innerhalb der freien Landschaft sowie im
besiedelten Bereich, also außerhalb von Wald im
waldgesetzlichen Sinne, ab.
Das Bundes- und Landesnaturschutzrecht enthalten
zahlreiche Vorschriften, die direkte oder indirekte
Auswirkungen auf das Schutzgut „Gehölze“ haben.
Zu Gehölzen finden sich zudem Regelungen im
Bürgerlichen Gesetzbuch und dieses ergänzende
Nachbarrechtsvorschriften, deren Anwendung
meist nicht ohne Blick auf den jeweiligen öffent-
lich-rechtlichen Gehölzschutz erfolgen kann.
Im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und im
Sächsischen Naturschutzgesetz (SächsNatSchG)
haben sich gehölzschutzrelevante Regelungen bis
in die jüngste Zeit mehrfach geändert.
2 Rechtliche Vorschriften und ihre
Wirkungen auf den Gehölzschutz
I. Vorschriften, bei denen die Gehölze
direktes Schutzgut sind:
a) Gehölzschutz aufgrund der
naturschutzrechtlichen Eingriffsregelung:
Zur Unterstützung des Rechtsvollzugs enthält das
SächsNatSchG eine Aufzählung von Handlungs-
typen, die regelmäßig als Eingriffe zu werten sind
(§ 8 Abs. 2). Unter Nr.
11 dieser Vorschrift findet
man den Eingriffstyp „Beseitigung von land-
schaftsprägenden Hecken, Baumreihen, Alleen,
Feldrainen und sonstigen Flurgehölzen“. Im bau-
planungsrechtlichen Innen-/Siedlungsbereich ist
diese Regelung nicht anwendbar.
Bei der Prüfung, ob der gehölzbezogene Eingriffs -
tatbestand überhaupt erfüllt ist, kommt es vor
allem auf den Nachweis des Merkmals „land-
schaftsprägend“ an. Dies ist naturschutzfachlich
74 |
„Naturschutzarbeit in Sachsen“, 52. Jahrgang 2010 Seite 74 – 81
Bundes- und landesrechtliche Regelungen
mit Wirkungen auf Gehölze –
Erläuterungen zum Verständnis des Vollzugs
Thomas Voigt
Abb.1: Blick vom „Kalten Muff“ bei Ehrenfriedersdorf
über Neundorf hin zur Königswalder-Mildenauer
Steinrückenlandschaft
Foto: T. Voigt

image
|75

image
anspruchvoll, beinhaltet aber dennoch Beurtei-
lungsspielraum.
Die Beseitigung landschaftsprägender Gehölze
kann bei unvermeidbaren Beeinträchtigungen zu-
gelassen werden, sofern dies durch Maßnahmen,
wie z. B. Ersatzpflanzungen kompensierbar ist.
Anderenfalls ist die Zulässigkeit in einem an-
schließenden Prüfschritt festzustellen, der eine
Abwägung erfordert zwischen der Gewichtung
der Belange des Naturschutzes und der Land-
schaftspflege und der des Vorhabens. Strengere
Anforderungen können sich aus den Regelungen
zum Arten- und Biotopschutz ergeben. Setzt sich
das Vorhaben als höher gewichtig und damit als
naturschutzrechtlich genehmigungsfähig durch,
ordnet die Geneh migungsbehörde die Zahlung
eines Ersatzgeldes an (§ 15 Abs. 5 und 6 BNatSchG).
Die Höhe des Ersatzgeldes bemisst sich nach den
Vorgaben der Naturschutz-Ausgleichsverordnung.
b) Gehölzschutz aufgrund von
Biotopschutzvorschriften:
Direkten bundesrechtlichen Schutz genießen bei-
spielsweise Ginster- und Wacholderheiden sowie
Gebüsche trockenwarmer Standorte (§ 30 Abs. 2
Satz 1 Nr. 3 BNatSchG). Zusätzlich landesrechtlich
geschützt sind: höhlenreiche Altholzinseln, höh-
lenreiche Einzelbäume und Streuobstwiesen (§ 26
Abs. 1 Nr. 4 und 6 SächsNatSchG).
Wegen spezieller bundes- und landesrechtlicher
Verbote der erheblichen Beeinträchtigung oder
Zerstörung geschützter Biotope, sowie wegen
erhöhter rechtlicher Anforderungen an Aus-
nahme- oder ggf. Befreiungsentscheidungen
zur Überwindung von Verboten ist der Biotop-
schutz weitergehender als das sich aus der
Eingriffsregelung ergebende Schutzniveau. Der
Biotopschutz gilt auf der ganzen Landesfläche
(außer z. B. auf bestimmten Anlagen der Wasser-
wirtschaft).
c) Gehölzschutz in Schutzgebieten
und -objekten:
Gehölze in der freien Flur und im Siedlungs -
bereich sind häufig konkretes Schutzgut von
Rechtsvorschriften über geschützte Teile von
Natur und Landschaft. Typisches Beispiel ist die
meist noch aus Aktivitäten der DDR-Verwaltung
herrührende Unterschutzstellung von Alleen oder
markanten alten Einzelbäumen als Naturdenkmäler.
Ab 1993 wurden einige Rechtsverordnungen oder
Einzelanordnungen aufgrund des SächsNatSchG
erlassen. Mit einer solchen Unterschutzstellung
kann – zumindest wenn diese auf dem Sächs-
NatSchG oder seit dem 1. März 2010 auf dem
BNatSchG beruht, eine noch stärkere Schutzwir-
kung als mit den vorgenannten Instrumenten
erzielt werden, weil auch nachteilige Wirkungen
unterhalb der Erheblichkeitsschwelle verboten
werden und verbotene Handlungen nur durch
Befreiung überwunden werden können.
Allerdings unterliegt auch der Schutz von Natur-
denkmälern gelegentlich starken Einschränkun-
gen. Hinzuweisen ist hier auf Alleebäume, die zu
Straßengrundstücken gehören, und deren Schutz
sich zwingenden straßenrechtlichen Anforderun-
gen unterzuordnen hat.
76 |
Abb. 2: Alleebäume, Hecken und Saumstrukturen
als Begleiter eines Wanderweges
Foto: T. Voigt

image
Zum Schutz von Gehölzen haben zahlreiche Ge-
meinden Satzungen aufgrund von § 22 Sächs-
NatSchG erlassen, die durch sie auch vollzogen
werden. Mit Blick auf die Anwendbarkeit anderer
naturschutzrechtlicher Schutzinstrumente be-
schränken die Gemeinden den Gehölzschutz
meist nur auf den Siedlungsbereich und zudem
auf bestimmte Gehölzarten und -dimensionen.
Insoweit erweisen sich Gehölzschutzsatzungen
als ein ergänzendes Schutzinstrument zur Ein-
griffsregelung.
Der Spielraum der Gemeinden für die Ausgestal-
tung ihrer Gehölzschutzsatzungen wurde durch
Änderung des SächsNatSchG vom 23. September
2010 neu geordnet. Danach kann jetzt bestimm-
ten Bereichen und Anlagen im Gemeindegebiet,
wie z. B. Deichen, Bäumen mit einem Stamm -
umfang bis zu einem Meter sowie Bäumen be-
stimmter Arten oder abgestorbenen Bäumen
(trifft nicht für Biotopbäume zu!) auf mit Gebäu-
den bebauten Grundstücken kein Schutz zuteil
werden. Auch für Kleingartenanlagen trifft dies
zu, obwohl diese auch schon zuvor oft keinen
Schutzbestimmungen unterworfen waren.
Die Gemeinden unterliegen hinsichtlich des Erlas-
ses und des Vollzugs ihrer Gehölzschutzsatzungen
keinem fachaufsichtlichen Weisungsrecht. Die
unteren Naturschutzbehörden können den
Gemeinden deshalb nur als Ratgeber zur Seite
stehen.
II. Vorschriften, die Gehölze als Lebensstätte
von Tieren schützen:
a) Allgemeine Artenschutzvorschriften:
Bemerkenswert ist, dass der Bundesgesetzgeber
die bisherigen rahmengesetzlichen Vorschriften
zum
allgemeinen
Artenschutz (alter § 41
BNatSchG) unter Berücksichtigung beispielhafter
landesrechtlicher Regelungen zu im Kern abwei-
chungsfesten und damit dauerhaft für alle Bun-
desländer geltenden Regelungen fortentwickelt
hat (jetziger § 39 BNatSchG).
Darunter findet sich auch das traditionell
bekannte Verbot, Bäume, die außerhalb von Wal-
des, Kurzumtriebsplantagen oder gärtnerischen
Grundflächen stehen, Hecken, lebende Zäune, Ge-
büsche und andere Gehölze, in der Zeit vom
1. März bis zum 30. September abzuschneiden
oder auf den Stock zu setzen. Zulässig sind nur
schonende Form- und Pflegeschnitte zur
Zuwachsbeseitigung oder zur Gesunderhaltung
von Bäumen.
Gehölze sind hier im Gegensatz zu den Schutz -
anliegen von Baumschutzsatzungen nicht wegen
ihres Eigenwertes als ästhetisches Objekt oder
ihrer allgemeinen Bedeutung für den Naturhaus-
halt und das Landschaftsbild, sondern wegen
Ihrer Eigenschaft, Tieren wie z. B. Vögeln und
Fledermäusen während der „warmen“ Jahres -
zeiten als Fortpflanzungsstätte dienen zu können,
Schutzgut. Hierbei handelt es sich um Arten-
schutzbestimmungen mit vorsorgendem Rege-
lungsgehalt. Während der üblichen Fortpflan-
zungszeit sollen Gehölze grundsätzlich geschützt
sein und ohne Ausnahmegenehmigung nicht
beseitigt werden dürfen, auch wenn der Bürger
der Meinung ist, dass das Gehölz gegenwärtig
|77
Abb. 3: Reich mit Gehölzen durchgrünter Garten
in einer sächsischen Ortschaft
Foto: T. Voigt

image
nicht Fortpflanzungsstätte ist (er erkennt kein
Nest oder keine Bruthöhle).
In der „kalten“ Zeit von Anfang Oktober bis Ende
Februar sind wild lebende Gehölze jedoch eben-
falls nicht beliebig zu beseitigen, sondern nur bei
Vorliegen eines vernünftigen Grundes (§ 39 Abs.
5 Satz 1 Nr. 2 i. V. m. Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG). Dies
wird in der Praxis häufig übersehen.
§ 39 Abs. 5 Satz 2 BNatSchG regelt verschiedene
Ausnahmen von diesem Verbot, die Privat- und
juristischen Personen eigenverantwortliche Hand-
lungsmöglichkeiten einräumen. Es sind solche
Handlungen erfasst, die – wenn sie einem be-
hördlichen Genehmigungsvorbehalt unterliegen
würden – sowieso regelmäßig genehmigt würden.
Für Bürger besonders relevant ist der Ausnahme-
tatbestand Nr. 4., wonach das zeitlich befristete
Gehölzbeseitigungs-/-zerstörungsverbot nicht gilt
für zulässige Bauvorhaben, wenn zu deren Ver-
wirklichung nur
geringfügiger Gehölzbewuchs
beseitigt werden muss. Der Bauwillige darf sich
die Frage, ob zur Beseitigung anstehender, weil
ein Bauvorhaben störender Gehölzbewuchs ge-
ringfügig ist oder nicht, selbst beantworten.
Meint er, Geringfügigkeit liegt vor, wird er das
Gehölz beseitigen. Dies birgt allerdings Konflikt-
potenzial, falls die Naturschutzbehörde einen der-
artigen Fall ausnahmsweise überprüft und sich
anders positioniert als der Bürger, welcher bereits
gehandelt hat. Dann wird ggf. ein Ordnungswid-
rigkeitenverfahren durchzuführen und die Person,
die das Gesetz falsch angewendet hat, zu sank-
tionieren sein. Im Zweifelsfall sind bauwillige Bür-
ger deshalb gehalten, sich ihre Rechtauffassung
vor einer geplanten Gehölzbeseitigung durch die
untere Naturschutzbehörde bestätigen zu lassen.
Maßstab für die Beurteilung der Geringfügigkeit
eines Gehölzbewuchses ist in erster Linie dessen
Dimension und dessen gegenwärtiges Fungieren
als Fortpflanzungsstätte. Kleine, wenig dichte und
an häufig frequentierten Flächen wachsende Ein-
zelbüsche oder Zierbäume weisen diese Eigen-
schaften meist nie auf und sind diesbezüglich
recht zweifelsfrei beurteilbar.
78 |
Abb. 4: Gruppen aus stattlichen Laubbäumen bereichern die sonst monotone Ackerflur.
Foto: T. Voigt

image
b) Besondere Artenschutzvorschriften:
Trotz geringer Vollzugsrelevanz sei einleitend
darauf hingewiesen, dass nur wenige heimische
Gehölze direkten Artenschutz deshalb genießen,
weil sie in der Anlage 1 der Bundesartenschutz-
verordnung als besonders geschützte Art gelistet
sind. Dazu gehören zum Beispiel (wildlebende)
Exemplare der Eibe oder der Stechpalme.
Praxisrelevant sind die besonderen Artenschutz-
vorschriften im Hinblick auf Gehölze vor allem,
wenn diese sich bei einer anstehenden Entschei-
dung als Fortpflanzungs- oder Ruhestätte wild-
lebender Tiere der naturschutzrechtlich besonders
geschützten Arten herausstellen. Denn es ist ver-
boten, diese Lebensstätten aus der Natur zu ent-
nehmen, zu beschädigen oder zu zerstören (§ 44
Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG). Dies trifft beispielsweise
auf Bäume zu, die Horste oder Höhlen solcher
Vögel tragen, welche diese über mehrere Jahre re-
gelmäßig nutzen (z. B. Rotmilan) oder die von an-
deren Tierarten fortlaufend nachgenutzt werden
(z. B. Schwarzspechthöhlen durch Hohltauben,
Raufußkäuze, Hornissen u. ä.).
Ebenfalls erfasst sind Bäume, die aufgrund von
Höhlen oder Spalten Fledermäusen Unterschlupf
bieten oder solche, in denen sich über mehrere
Jahre Stadien besonders geschützter Käfer ent-
wickeln.
In der Regel keinen besonderen Lebensstätten-
schutz genießen demgegenüber Gehölze mit be-
reits nach der Brutzeit verlassenen Nestern von
Singvögeln, die in der folgenden Brutperiode an
anderer Stelle neue Nester bauen. Da manche
Singvögel wie der Zaunkönig ihre Nester sowohl
als Fortpflanzungs- als auch als Ruhestätte nut-
zen, unterliegen deshalb Gehölze, die solche ge-
nutzten Nester tragen, dem Zugriffsverbot.
Die besonderen gehen den allgemeinen Arten-
schutzbestimmungen vor.
Ein aufgrund einer gesetzlichen Ausnahmevor-
schrift (§ 39 Abs. 5 Satz 2 BNatSchG) oder einer
behördlich erteilten Befreiung von allgemeinen
Artenschutzverboten zur Beseitigung freigegebe-
nes Gehölz darf nicht beseitigt werden, falls sich
vor dessen Fällung trotz früherer Unbedenklich-
keitsprüfung überraschenderweise herausstellt,
dass dieses kurzfristig konkrete Fortpflanzungs-
oder Ruhestätte geworden ist.
|79

image
III. Ergänzendes zur Vollzugspraxis
Die Vielfalt der Gehölzschutzregelungen bedingt,
dass in den meisten Vollzugsfällen zugleich meh-
rere Bestimmungen zu beachten sind und deshalb
eine Auswahl zu treffen ist, welche Einzelvor-
schrift oder welche Kombination von Vorschriften
zur Anwendung kommen muss. Diese zwingt
auch jeweils zur Bestimmung, ob allein durch die
Gemeinde, die Naturschutzbehörde oder durch
eine sonstige Fachgenehmigungsbehörde im Rah-
men einer komplexen Rechtsanwendung unter
Beteiligung von Gemeinde oder Naturschutz -
behörde zu entscheiden ist.
Da der Gehölzschutz nicht selten behördenüber-
greifend zu vollziehen ist, müssen Landratsämter
und Gemeinden und sonstige Behörden eng
abgestimmt zusammenarbeiten.
Erfordert eine im Zeitraum zwischen dem 1. März
und dem 30. September beantragte Gehölzbesei-
tigung eine naturschutzbehördliche und/oder
gemeindliche Entscheidung, ist grundsätzlich
immer ein zeitnaher Ortstermin durchzuführen.
Der Anlass der Maßnahme sollte bekannt sein.
Der Vertreter der unteren Naturschutzbehörde
prüft unter anderem, ob das Gehölz aktuell Fort-
pflanzungs- oder/und Ruhestätte ist.
Falls die konkrete Lebensstätteneigenschaft nicht
festzustellen ist, wird die Befreiung von allgemei-
nen Artenschutzverboten, soweit über diese
wegen „großzügiger“ gesetzlicher Ausnahmetat-
bestände überhaupt entschieden werden muss,
bereits vorab mündlich mit dem Hinweis erteilt,
dass diese auf eine kurze Zeit befristet und der
Antragsteller deshalb gehalten ist, diese Geneh-
migung zügig umzusetzen. Würde der Bürger
nicht zügig handeln, kann sich zwischen der Be-
freiung und dem Beginn der Maßnahme ein Brut-
geschehen entwickeln (Nestbau – Eiablage – Be-
brüten) mit der Folge, dass diese Art der Befreiung
nicht ausnutzbar ist. Dann müsste nach erweiter-
ter Antragstellung die behördliche Prüfung auf
eine Befreiung von den speziellen Artenschutz-
verboten ausgerichtet werden.
Bei einer solchen Fallentwicklung wird der Bürger
durch die Naturschutzbehörde zwecks Vermei-
dung bürokratischen Aufwandes gebeten, das
Ende des Brutgeschehens abzuwarten und erst
danach zu fällen, zumal die Aussichten auf Erhalt
einer Befreiung wegen der strengen Vorausset-
zungen nur gering sind. Der vernünftige und den
Naturschutzbelangen aufgeschlossene Bürger
folgt dem in der Regel und nimmt auch gewisse
persönliche Nachteile, die die zeitliche Verschie-
bung einer vorgesehenen Maßnahme mit sich
bringt, in Kauf.
Fortpflanzungs- und Ruhestätten mit der Eigen-
schaft „Dauerhabitat“, darf der Bürger ohne
Befreiung nicht beseitigen.
Entscheidungen zum Verfahren mit geschützten
Gehölzen werden gelegentlich durch Bestimmun-
gen des Bürgerlichen Gesetzbuches und das die-
ses ergänzende Sächsische Nachbarrechtsgesetz
beeinflusst. Nachbarschützende Bestimmungen
des Zivilrechts können nur insoweit beansprucht
80 |
Abb. 5: Weiden innerhalb intensiv genutzter Landwirt-
schaftsfläche trotzen dem Frühjahrshochwasser am Lung-
witzbach bei Rüsdorf und bereichern das Landschaftsbild.
Foto: T. Voigt

werden, wie öffentlich-rechtliche Bestimmungen,
so z. B. des Naturschutzrechts, nicht entgegen-
stehen. Andersherum sind die Behörden beim
Vollzug der Gehölzschutzbestimmungen gehalten,
bei der pflichtgemäßen Ausübung des ihnen
an die Hand gegebenen Ermessens besondere
zivilrechtliche Sachverhalte gebührend zu be -
rücksichtigen.
So kann der gegebenenfalls einem Genehmi-
gungsvorbehalt nach der Gehölzschutzsatzung
unterliegende Rückschnitt von Bäumen, der das
Maß eines genehmigungsfreien Pflegeschnitts
übersteigt, durch die Gemeinde dann auf Antrag
des Eigentümers oder dessen Nachbarn für zuläs-
sig bestimmt werden, wenn Äste eines an und für
sich gesunden Starkbaums so zahlreich und/oder
weit ausladend auf ein Nachbargrundstück ragen,
dass dessen Eigentümer dadurch dauerhaft mehr
als ortsüblichen Belastungen ausgesetzt ist.
Trägt einer der Äste ein gegenwärtig besetztes
Vogelnest sind die besonderen Artenschutzbe-
stimmungen zu beachten, über deren Vollzug die
Naturschutzbehörde befindet.
Von Grundeigentümern oder deren Nachbarn in
Gehölzfällanträgen gelegentlich angeführte „Schein-
gründe“ sollen die Gemeinden oder Naturschutz-
behörden nicht zu voreiligem oder zu über
Gebühr großzügigem Handeln veranlassen. Sol-
che Gründe können sein: Laub in Dachrinne oder
auf Terrasse, Austrocknung des Bodens, Allergie
gegen Blütenpollen, das Gehölz zieht „Ungeziefer“
an oder verschattet zu stark usw. Gründliche
Sachverhaltsaufklärungen sind für verantwor-
tungsvolle Entscheidungen erforderlich. Die Be-
hörde darf sich auch nicht für „Nachbarschafts-
kriege“ instrumentalisieren lassen. Zahlreiche
gerichtliche Entscheidungen, die allerdings nicht
in allen Fällen „naturschutzfreundlich“ ausgefal-
len sind, geben den Behörden eine verlässliche
Richtschnur.
Zusammenfassend wird eingeschätzt, dass der
Vollzug der verschiedenen auf den Gehölzschutz
bzw. den Umgang mit Gehölzen ausgerichteten
gesetzlichen Vorschriften die Verwaltung beson-
ders beansprucht. Gelegentlich lässt es sich nicht
vermeiden, dass auf diesem Gebiet Verwaltungs-
aufwand und Nutzen für die Natur in keinem ver-
nünftigen Verhältnis stehen.
Durch Zusammenarbeit der zuständigen Behör-
den sowie eine effektive Rechtsanwendung lassen
sich für die Bürger transparente und nachvoll-
ziehbare Entscheidungen erreichen.
Literatur
BNatSchG – Bundesnaturschutzgesetz: Gesetz über
Naturschutz und Landschaftspflege vom 29. Juli 2009
(BGBl. I S. 2542).
SächsNatSchG – Sächsisches Naturschutzgesetz: Säch -
sisches Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege
in der Fassung der Bekanntmachung vom 3. Juli 2007
(SächsGVBl. S. 321), zuletzt geändert durch Artikel 17 des
Gesetzes vom 15. Dezember 2010 (SächsGVBl. S. 387, 398).
BArtSchV – Bundesartenschutzverordnung: Verordnung
zum Schutz wild lebender Tier- und Pflanzenarten vom
16. Februar 2005 (BGBl. S. 258), zuletzt geändert durch
Gesetz vom 29. Juli 2009 (BGBl. S. 2542).
SächsNRG – Sächsisches Nachbarrechtsgesetz vom
11. November 1997 (SächsGVBl. S. 582), zuletzt geändert
durch Artikel 3 des Gesetzes vom 8. Dezember 2008
(SächsGVBl. S. 940).
GÜNTHER, J.-M. (1994): Baumschutzrecht, C.H. Beck´ sche
Verlagsbuchhandlung, München
Autor
Thomas Voigt
Landratsamt Erzgebirgskreis
Sachgebiet Naturschutz und Landwirtschaft
Paulus-Jenisius-Straße
24
09456 Annaberg-Buchholz
| 81

82 |
Die „Naturschutzarbeit in Sachsen“ (vormals Na-
turschutzarbeit und naturkundliche Heimatfor-
schung in Sachsen) erscheint als Anleitungs- und
Informationsmaterial für ehrenamtliche Natur-
schutzbeauftragte und -helfer, Naturschutzver-
bände, Naturschutzbehörden und -fachbehörden
sowie angrenzende Bereiche jährlich mit einem
Heft.
Als inhaltliche Schwerpunkte sollen Ergebnisse
praktischer und theoretischer Arbeiten auf den
Gebieten des Naturschutzes und der Landschafts-
pflege (z. B. Betreuung und Pflege sowie Dokumen-
tation geschützter Objekte – Öffentlichkeitsarbeit)
und Erfahrungsberichte zur Darstellung gelangen.
Interessierte Autoren können Beiträge einreichen.
Es wird gebeten, die Manuskripte in zweifacher
Ausfertigung (nach Möglichkeit die Textdatei
(Word für Windows) auf CD und ein ausgedrucktes
Exemplar) mit reproduktionsfähigen Abbildungen
bei der Redaktion einzureichen. Die Manuskripte
sollen einen Gesamtumfang von 10 Textseiten
nicht überschreiten. Ausführliche Hinweise für
die Autoren sind im Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie bei Frau Dr. Jahn
(E-Mail: Anette.Jahn@smul.sachsen.de,
Tel. +49 3731 294-180) anzufordern.
Über die Annahme zum Druck entscheidet die Re-
daktion. Die Beiträge können nicht honoriert wer-
den. Pro Beitrag werden kostenlos 20 Sonder-
drucke bzw. Hefte zugesandt. Gedruckte Bilder
werden honoriert.
Die Redaktion behält sich eine Überarbeitung der
eingereichten Manuskripte, die mit den Autoren
abgestimmt wird, vor. Besonders Beiträge von
Mitarbeitern des ehrenamtlichen Naturschutz-
dienstes und anderen Privatpersonen werden in
der Regel nur geringfügig von der Redaktion
überarbeitet. Für die Inhalte der Beiträge sind die
Autoren verantwortlich. Es wird darauf hinge -
wiesen, dass die Aussagen der Autoren nicht
un mittelbar die Meinung der Naturschutzver-
waltungen bzw. der Redaktion widerspiegeln.
Hinweise für Autoren
Abb. 1: Historische Bogenbrücke über die Wesenitz
an der Lochmühle
Foto: Archiv Naturschutz LfULG, W. Böhnert
Abb. 2: Köcherfliege
Artikel-Nr.: L V-3/18
Foto: Archiv Naturschutz LfULG, W. Fiedler

image
image
| 83

image
Herausgeber:
Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
Pillnitzer Platz 3, 01326 Dresden
Telefon: +49 351 2612-0
Telefax: +49 351 2610-1099
E-Mail: lfulg@smul.sachsen.de
www.smul.sachsen.de/lfulg
Redaktion:
Helmut Ballmann, Dr. Gesine Ende, Dr. Anette Jahn, Udo Kolbe,
Heinz Kubasch, Hellmut Naderer, Dr. Hartmut Schwarze,
Dr. habil. Rolf Steffens, Stefan Straube
Telefon: +49 3731 294-177
Telefax: +49 3731 22918
E-Mail: abt6.lfulg@smul.sachsen.de
Fotos:
Mäander im NSG Rauner- und Haarbachtal,
Foto: Archiv NatSch LfULG, W. Böhnert (Titelseite)
Gerandete Jagdspinne,
Foto: Archiv NatSch LfULG, G. Fünfstück (Rückseite)
Gestaltung und Satz:
FRIEBEL Werbeagentur und Verlag GmbH
Druck:
Lößnitz-Druck GmbH
Redaktionsschluss:
20.01.2011
Auflagenhöhe:
4.000 Exemplare
Papier:
Gedruckt auf Umwelt-Papier „Satimatt green“
60% Recyclingpapier, 40% FSC zertifiziert
Bezug:
Diese Druckschrift kann kostenfrei bezogen werden bei:
Zentraler Broschürenversand der Sächsischen Staatsregierung
Hammerweg 30, 01127 Dresden
Telefon: +49 351 2103-671
Telefax: +49 351 2103-681
E-Mail: publikationen@sachsen.de
www.publikationen.sachsen.de
Verteilerhinweis:
Diese Informationsschrift wird vom Sächsischen Landesamt für
Umwelt, Landwirtschaft und Geologie im Rahmen der Öffentlich-
keitsarbeit herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von
Wahlhelfern zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden.
Dies gilt für alle Wahlen.