image
image
1
Sächsisches
Auenprogramm

2
Sächsisches Auenprogramm
INHALT
1. Veranlassung .................................................................................................................... 4
2. Auen in Sachsen – damals und heute ............................................................................... 7
2.1 Funktionen von Auen ..................................................................................................10
2.2 Aktueller Zustand und Nutzung der Auen ....................................................................13
2.3 Retentionsräume in den Auen .....................................................................................18
2.4 Erste Potenzialanalyse zur Revitalisierung von Auen ..................................................20
3. Ziele des Auenprogramms ................................................................................................25
4. Rechtliche Grundlagen .....................................................................................................30
4.1 Wasserrecht ................................................................................................................30
4.2 Naturschutzrecht .........................................................................................................33
5. Handlungsfelder ...............................................................................................................36
5.1 Ländlicher Raum/Flurneuordnung ...............................................................................37
5.2 Naturschutz/Biodiversität/Biotopverbund .....................................................................40
5.3 Gewässerschutz .........................................................................................................43
5.4 Landwirtschaft .............................................................................................................46
5.5 Wald/Forstwirtschaft ................................................................................................... 49
5.6 Hochwasserschutz/Hochwasserrisikomanagement ..................................................... 53
5.7 Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit ..............................................................................58
6. Finanzierungsmöglichkeiten .............................................................................................61
7. Beispiele laufender und abgeschlossener Projekte...........................................................64
Exkurs: Fließgewässerrenaturierung und Hochwasserrisikomanagement an kleineren
Gewässern oder in Siedlungen .........................................................................................63
Redynamisierung der Spree und ihrer Aue im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide-
und Teichlandschaft ..........................................................................................................69
Zusammenfassung ...............................................................................................................73
Literatur ................................................................................................................................74

image
3
Herausgeber: Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft, Dresden, 2018
Autoren: Bernd Spänhoff (LfULG) & Maik Denner (SMUL)
unter Mitwirkung von Thomas Kopp, Jochen Göbel (SMUL), Elfie Defér, Karen Riedel
(LTV), Rolf Tenholtern, Andre Hilbrich (LfULG), Jan Peper (SBS) in Abstimmung mit
zahlreichen FachkollegInnen des Geschäftsbereiches SMUL
Titelfoto: Lausitzer Neiße, aufgenommen im Rahmen der Gewässerstrukturkartierung 2006
Auenlandschaft an der Vereinigte Mulde zwischen Eilenburg und Bad Düben (Foto: J. Kieß-
ling)

4
1. VERANLASSUNG
Auen sind natürliche Überschwemmungsgebiete, die durch den uneingeschränkten Kontakt
mit dem schwankenden Wasserstand eines Fließgewässers geprägt werden. Durch den
Wechsel der Wasserstände in der Flussaue zwischen Trockenfallen und Überfluten werden
typische Auenlebensgemeinschaften erhalten, die nur unter diesen Bedingungen vorkom-
men und einen besonderen Schutzstatus genießen. Damit haben Auen als natürliche Über-
gangsbereiche zwischen Land und Wasser ein besonders großes Potenzial für vielfältige
Synergien. Diese umfassen u. a.:
die Erhaltung und Wiederherstellung von natürlichen Überflutungsräumen als Beitrag für
das Hochwasserrisikomanagement,
den Schutz und die Verbesserung der Biodiversität durch Erhalt und Entwicklung ge-
schützter auentypischer Lebensräume und angepasster Arten,
eine naturnahe Gewässerentwicklung mit der Verbesserung der Gewässergüte,
einen Beitrag zum Klimaschutz durch Verringerung von Treibhausgasemissionen und
die Entwicklung attraktiver Landschaften für sanften Tourismus und Erholung.
Auen sind aufgrund ihrer nährstoffreichen Böden bevorzugte Gebiete für die landwirtschaftli-
che Nutzung (Abb. 1). Durch die fruchtbaren Auenböden, die Nähe zu nutzbarem Wasser,
verbunden mit Ausbaumaßnahmen der Gewässer und verbessertem Hochwasserschutz,
wurden Auenbereiche in den vergangenen Jahrhunderten zu bevorzugten Gebieten mensch-
licher Siedlungsaktivitäten und für Infrastruktur sowie zur landwirtschaftlichen Nutzung entwi-
ckelt. Dadurch ergeben sich zwangsläufig Interessenkonflikte, wenn das Ziel der Wiederher-
stellung natürlicher Überschwemmungsgebiete verfolgt wird. Diese Interessenkonflikte treten
besonders dort auf, wo die ursprünglichen Niederungen durch Geländeaufhöhungen oder
Hochwasserschutzmaßnahmen (z. B. Deiche) von der natürlichen Überschwemmungsdy-
namik bereits abgeschnitten wurden und der dadurch gewährte Schutz vor Überflutung bei
geplanter Wiederherstellung von natürlichen Überschwemmungsflächen nun verringert oder
aufgehoben werden würde.
Auen als natürliche Überschwemmungsgebiete sind aber auch die Bereiche, in denen tech-
nischer Hochwasserschutz für Siedlungen bei Extremereignissen am effektivsten realisiert
werden kann. Der oftmals für das Ausmaß von Hochwasserschäden entscheidende Hoch-
wasserscheitel (Abflussmaximum bzw. höchster Wasserstand während eines Hochwassers)
kann nachgewiesener Maßen am effektivsten durch gesteuerte Polder gekappt werden (BfG,
2006).
In „SACHSENS ZUKUNFT GESTALTEN
KOALITIONSVERTRAG 2014 BIS 2019 ZWI-
SCHEN DER CDU SACHSEN UND DER SPD SACHSEN“ ist die Etablierung eines Auen-
programms als Bestandteil für einen vorbeugenden Hochwasserschutz, der die Balance zwi-
schen baulich-technischen Lösungen und natürlichem Wasserrückhalt einhält, benannt.
Ebenso ist der Schutz der Biologischen Vielfalt ein wesentliches Ziel der Koalitionspartner im
Bereich der sächsischen Naturschutzpolitik, indem die Biologische Vielfalt („Biodiversität“) im
Freistaat Sachsen gesichert und gefördert werden soll. Die Wassergüte soll noch weiter ver-
bessert werden, damit in sächsischen Flüssen und Stillgewässern der Artenreichtum weiter
zunimmt und die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie erreicht werden.

image
5
Abb. 1: Ackernutzung in der Aue am Beispiel der Großen Röder bei Zabeltitz. Das Gewäs-
serufer ist mit Gehölzen bestanden und durch einen Randstreifen von der Ackerfläche ge-
trennt (Foto: B. Spänhoff)
Aus dem Dargestellten ergibt sich, dass ein Auenprogramm nicht losgelöst von Hochwasser-
schutzanforderungen entwickelt werden kann, sondern Bestandteil einer Gesamtkonzeption
Hochwasserschutz und Bindeglied zum Natur- sowie Gewässerschutz sein muss.
Aufgrund der vielfältigen Betroffenheiten und Anforderungen in den potenziellen Gebieten für
eine Auenrevitalisierung ergibt sich das primäre Handlungserfordernis, ein Auenprogramm
grundsätzlich eng mit den Vertretern aller zu berücksichtigender Interessen abzustimmen.
Dabei sollen die Zielstellungen der Auenprojekte die jeweiligen konkreten regionalen und
örtlichen Anforderungen fachübergreifend berücksichtigen.

image
6
„Wir treten für einen vorbeugenden Hochwasserschutz ein, der die Balance zwischen
baulich-technischen Lösungen und natürlichem Wasserrückhalt einhält. Dazu gehören ins-
besondere die Schaffung von Retentionsflächen, die Anlegung von Polderflächen, Deich-
rückverlegungen, Bebauungsverbote und die Etablierung eines Auenprogramms sowie kon-
tinuierliche Pflegemaßnahmen.“
(Koalitionsvertrag 2014 – 2019 zwischen der CDU Sachsen und der SPD Sachsen)
Auenlandschaft im Elbe-Mulde-Tiefland (Foto aus der Natura 2000-Filmreihe des SMUL in
Kooperation mit Simank GbR)

image
7
2. AUEN IN SACHSEN – DAMALS UND HEUTE
Die potenziell natürliche Ausdehnung von Auengebieten in Sachsen wurde durch Auswer-
tung bodenkundlicher, geologischer und geomorphographischer Daten abgeschätzt. Die
Analyse der sachsenweit vorhandenen Informationen zu den jeweiligen Karten im Maßstab
1: 50.000 ergab einen Flächenumfang von ca. 2.800 km² an Bereichen, die als „holozäne
Auen“ bezeichnet werden können (Abb. 2). Mit Einschränkungen für die Gebiete, die seit
Jahrzehnten durch Talsperren überstaut sind oder in denen Braunkohle abgebaut wird/wurde
und damit die ursprünglichen Bodenformationen vollständig verändert wurden, lässt sich
über die zuvor genannten Daten ein Bild der ursprünglichen Auenbereiche in Sachsen
zeichnen.
Abb. 2: Ursprüngliche Ausdehnung von Auen in Sachsen anhand geologischer, bodenkund-
licher und geomorphographischer Informationen („holozäne Auen“)
Nur ein kleiner Teil dieser holozänen Auen unterliegt auch heute noch einer natürlichen oder
naturnahen Auendynamik durch ungestörte Überflutung entsprechend eintretender Wasser-
stände („rezente“ Auen). Große Bereiche der ursprünglichen Auen wurden in der historisch
gewachsenen Kulturlandschaft umgestaltet und sind heute von einer auentypischen Wasser-
standsdynamik weitgehend abgeschnitten („Altauen“).
Aktuell zeichnet sich daher ein Bild, das in erster Linie durch die jahrhundertelangen
menschlichen Veränderungen der Gewässer und wirtschaftlichen Nutzungen in deren Um-
land geprägt ist. Am Beispiel der Biotoptypen- und Landnutzungskartierung (BTLNK) lässt
sich dies verdeutlichen.

image
8
Betrachtet man die zehn größten Flüsse in Sachsen (Weiße Elster, Zwickauer Mulde, Frei-
berger Mulde, Zschopau, Vereinigte Mulde, Elbe, Große Röder, Schwarze Elster, Spree so-
wie Lausitzer Neiße) und legt die ursprüngliche Ausdehnung ihrer Auenböden von etwa
84.000 ha zugrunde, so werden aktuell diese holozänen Auenbereiche zu ca. 40 % als
Ackerland und zu 27 % als Grünland genutzt. Ca. 11 % der Flächen sind durch Siedlung und
Verkehr bebaut, 6 % für Zwecke der Industrie, des Gewerbes und des Bergbaus bean-
sprucht. Nur ein geringer Prozentsatz weist noch auentypische Lebensräume auf: ca. 2,3 %
Auwald und knapp 2 % feuchte Hochstaudenfluren, Moore, Sümpfe oder Altwässer (Abb. 3).
Abb. 3: Aktuelle Landnutzung im Bereich der holozänen Aue der zehn größten sächsischen
Flüsse
Im Auenzustandsbericht für Deutschland (BMU, 2009) werden 36 % der Auen als deutlich
verändert und 54 % als stark bzw. sehr stark verändert eingeschätzt. Insgesamt sind in
Deutschland nur noch ca. 30 % der ursprünglichen Überschwemmungsflächen der großen
Flüsse vorhanden.
Auch wenn es in unserer auf weiten Strecken dicht besiedelten mitteleuropäischen Kultur-
landschaft kein Zurück zu ausgedehnten ursprünglichen Auenlandschaften geben kann, sol-
len die Potenziale für Auenschutz und Auenrevitalisierung in geeigneten Gebieten im Sinne
der im Kapitel 1 genannten Synergieeffekte genutzt werden.

image
image
9
„Stromauen blieben bis zur Korrektion der Flüsse nicht im Zustand kaum genutzter, weil zu
häufig überschwemmter Naturlandschaften. Sie hatten bis zur Regulierung der Gewässer
eine sehr reiche Vergangenheit als intensiv genutzte und früh umgestaltete Kulturlandschaf-
ten. Die Entwässerung des Oderbruchs im 18. Jahrhundert, die Korrektion des Rheins nach
den Plänen von J. G. Tulla und der Ausbau der Elbe standen nicht an der Schwelle des
Übergangs von völlig frei in der Aue fließenden Wildströmen zu gezähmten Gewässern.
Flussregulierungen setzten vielmehr die kulturelle Überprägung der Stromauen fort, aller-
dings in ganz neuen, zuvor nicht erreichten Dimensionen.“
(aus Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege, Wandel der Vegetation in den Stromau-
en von Rhein und Elbe von Helmut Volk)
Heutige Kulturlandschaft in der Elbaue bei Köllitsch (Foto: Mediendatenbank SMUL, M. Lö-
wig)

10
2.1 FUNKTIONEN VON AUEN
Die Funktionen und Ökosystemleistungen von Auen sind für das ökologische Gleichgewicht
in Natur und Landschaft und damit für den Menschen von großer Bedeutung. Auen weisen
folgende Funktionen auf:
Hochwasserschutzfunktion:
Sie dienen dem schadlosen Hochwasserabfluss und sind
natürliche Retentionsflächen bzw. -räume.
Lebensraum- und Biotopverbundfunktion:
Sie beherbergen eine große Anzahl typi-
scher und angepasster Biotop- und Lebensraumtypen sowie durch europäische Richtli-
nien und nationale Gesetzgebung geschützte Arten, so dass sie als „Hotspots der Bio-
diversität Mitteleuropas“ bezeichnet werden können. Außerdem haben sie aufgrund ihrer
Lage, Form und ökologischen Funktionalität herausragende Bedeutung für den regionalen
und überregionalen Biotopverbund.
Selbstreinigungsfunktion:
Durch natürliche Prozesse werden im Stoffkreislauf Nährstof-
fe abgebaut und Schadstoffe in den Böden gebunden.
Klimaschutzfunktion:
Auen tragen in Form von Auengrünland, Flusstalmooren oder Au-
wald als bedeutende Kohlenstoffspeicher und -senken zum Klimaschutz bei, wirken aber
auch ausgleichend auf das lokale und regionale Klima.
Versorgungsfunktion:
Auen sind häufig grundwasserreiche Standorte und können damit
einen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser z. B. als Uferfiltrat leisten.
Erholungsfunktion:
Sie sind ein attraktiver Erholungsraum für an Natur gebundene For-
men des Tourismus und bieten Gelegenheit für vielfältige Freizeitaktivitäten und für die
Umweltbildung.
Siedlungs-, Verkehrs- und Handelswegfunktion:
Nicht zuletzt wurden in den zurücklie-
genden Jahrhunderten Handelswege in Form von Schifffahrts-, Straßen- und Bahnachsen
und daran anknüpfend auch Siedlungsräume durch die Nähe zum nutzbaren Wasser in
den natürlichen Auen angelegt.
Land-, forst- und fischereiwirtschaftliche Produktions- und Einkommensfunktion:
Für den Menschen ebenfalls herausragend war und ist die Nutzung der Auen, insbeson-
dere für landwirtschaftliche Zwecke, aufgrund der nährstoffreichen Böden mit hohem
landwirtschaftlichem Ertrag.
Die vielfältigen Funktionen und Nutzungen der Auen lassen sich am Beispiel der Elbe bei
Pillnitz gut, wenn auch nicht vollumfänglich, darstellen (Abb. 4). Neben Kulturgütern wie das
Schloss Pillnitz spielen Naherholung durch den Elberadweg und Freizeitnutzung durch
Sportboote und Ausflugsdampfer der „Weißen Flotte“ eine wichtige Rolle für die Stadtbevöl-
kerung Dresdens und sind Teil der Attraktivität Dresdens für Besucher aus aller Welt. Weite-
re Funktionen sind hier die Trinkwassergewinnung im Wasserwerk Hosterwitz durch Uferfilt-
ration, die landwirtschaftliche Nutzung von gewässernahen Flächen und der Schiffsgüterver-
kehr auf der Bundeswasserstraße Elbe. Mit der Elbinsel Pillnitz als Teil des Naturschutzge-
bietes „Elbinseln Pillnitz und Gauernitz“ und als Bestandteil der Natura 2000-Gebiete (FFH
und SPA) „Elbtal zwischen Schöna und Mühlberg“ befindet sich ein naturschutzfachlicher
Auenhotspot von landesweiter Bedeutung im Bildausschnitt. In diesem streng geschützten
Kleinod kommen u. a. noch etliche Exemplare der in Sachsen vom Aussterben bedrohten

image
11
Abb. 4: Elbe bei Pillnitz mit Elbinsel, Schloss Pillnitz am unteren rechten Bildrand und dem
Wasserwerk Hosterwitz im oberen linken Bildbereich (Luftbild: © 2016, Staatsbetrieb Ge-
obasisinformation und Vermessung Sachsen GeoSN)
Schwarz-Pappel (
Populus nigra
) sowie ein größerer Bestand des vom Verschwinden bedroh-
ten Biotoptyps Hartholz-Auwald vor. Durch die Verzweigung der Elbe im Inselbereich sind
bedeutende ökologische Strukturen mit vielfältigen Funktionen im Naturhaushalt eines stadt-
nahen Flussbereiches ausgeprägt.

image
12
„Auen übernehmen zudem eine bemerkenswerte Vielfalt wichtiger Funktionen für die Gesell-
schaft. Bei Hochwasser können unbebaute Auen große Wassermassen aufnehmen und so
Siedlungslagen vor Hochwasserschäden schützen. Wenn in den Flusstälern Wiesen und
Moore wiedervernässt werden, tragen Gewässerlandschaften zur Minderung von Treibhaus-
gasemissionen bei und wirken dem fortschreitenden Klimawandel entgegen. Nicht zuletzt ist
die Wasserreinigung eine Leistung intakter Gewässer und Auen, von der wir tagtäglich profi-
tieren.“
(Den Flüssen mehr Raum geben
Renaturierung von Auen in Deutschland, S. 7, BMUB
2015a)
Neißeaue an der deutsch-polnischen Grenze in der Oberlausitz (Foto aus der Natura 2000-
Filmreihe des SMUL in Kooperation mit Simank GbR)

image
13
2.2 AKTUELLER ZUSTAND UND NUTZUNG DER AUEN
Die Schwerpunkte der Nutzung von Auen haben sich im Laufe der Zeit geändert. Waren im
Mittelalter vermutlich die Nähe zum nutzbaren Wasser, die Nutzung der Flüsse als Ver-
kehrswege und die ertragreichen Auenböden die primären Beweggründe der Menschen zur
Ansiedlung in den Auen, so standen diesen die natürliche Überschwemmung sowohl der
Felder als auch der Wohn- und Wirtschaftsgebäude bei Hochwasser diametral gegenüber.
Die Nutzung der Aue konnte somit nur unter Berücksichtigung der natürlichen Hochwasser-
ereignisse erfolgen und war damit mit gewissen Risiken verbunden. Erst mit dem techni-
schen Fortschritt konnten Flussbegradigungen und Deichbauten erfolgen, die auch zur In-
tensivierung der Nutzungen von Auen in den nun vor Hochwasser bis zu einer bestimmten
Höhe geschützten Gebieten führten. Die Funktionen der Auen für den Naturhaushalt wurden
immer weiter zugunsten der primären menschlichen Nutzungen zurückgedrängt, indem die
Auen immer dichter besiedelt und verstärkt als Verkehrsachsen und landwirtschaftliche Nutz-
flächen erschlossen wurden. Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass sich mit fortschreiten-
den technischen Möglichkeiten des Hochwasserschutzes auch die Wahrnehmung der Ge-
sellschaft von Naturgefahren verändert hat, da ein Gefahrenbewusstsein durch technische
Lösungen offensichtlich reduziert wird (Weichselgartner, 2000).
Nach einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz (BMU, 2009) ist der Verlust von Über-
schwemmungsflächen in Sachsen vor allem für die Elbe, Vereinigte Mulde und Weiße Elster
(Abb. 5) in den Landkreisen Nordsachsen und Leipzig festgestellt worden.
Abb. 5: Beispiel für den Totalverlust von natürlichen Überschwemmungsflächen an einem
Abschnitt der Weißen Elster, der aufgrund des Tagebaus Zwenkau vollständig aus der na-
türlichen Aue heraus in ein Betonbett verlegt wurde (Foto: LfULG, Strukturkartierung)
Bei der Entwicklung des Auenzustands weist die südliche Elbe geringfügige Flächenverluste
– bei allerdings insgesamt schmalen Auenflächen – aus. Der Zustand der rezenten Auen der

image
14
Elbe insgesamt wird im Vergleich zu den anderen Bundeswasserstraßen als „weniger verän-
dert“ eingeschätzt. Die Auen der Elbe, der linkselbischen Zuflüsse und der Lausitzer Neiße
befinden sich in Sachsen überwiegend in den Zustandsklassen deutlich bzw. stark verändert.
Die Auen der Schwarze Elster wird überwiegend als Zustandsklasse stark verändert einge-
stuft.
Auen können ihre vielfältigen, natürlichen Funktionen dort, wo sie von der Flussdynamik ab-
geschnitten und stark anthropogen überprägt sind, nicht mehr oder nur noch eingeschränkt
erfüllen. Dichte Besiedlung und schützenswerte Infrastruktur haben dazu geführt, dass die
Menschen und Sachwerte häufig durch Hochwasserschutzanlagen vor Hochwasser ge-
schützt werden müssen. Die Verringerung des natürlichen Wasserrückhaltes in den Auen hat
in der Folge zu einer Erhöhung des Hochwasserrisikos geführt.
Folgen der ausbleibenden Überflutungen sind auch standörtliche Veränderungen, welche die
natürliche Lebensraumfunktion, Filter- und Pufferfunktion und Klimaschutzfunktion von Auen
nachhaltig beeinträchtigen. Am Beispiel der Biologischen Vielfalt äußert sich dies in der Ge-
fährdung fast aller auentypischen Biotoptypen und vieler auentypischer Arten und in einem
ungünstigen Erhaltungszustand von auentypischen Schutzgütern der Natura 2000-
Richtlinien (Abb. 6 und 7). Der Erhaltungszustand der auentypischen Natura 2000-
Lebensraumtypen und Arten ist im Vergleich zum Zustand aller Natura 2000-Schutzgüter in
Sachsen in der Gesamtbilanz deutlich ungünstiger.
Abb. 6: Zustand von 9 auentypischen Lebensräumen der FFH-Richtlinie in Sachsen ent-
sprechend der Berichtspflicht nach Artikel 17 FFH-Richtlinie (Berichtszeitraum 2007-2012)
0%
78%
11%
11%
günstig
unzureichend
schlecht
unbekannt

image
15
Abb. 7: Zustand von 23 auentypischen Arten der FFH-Richtlinie in Sachsen entsprechend
der Berichtspflicht nach Artikel 17 FFH-Richtlinie (Berichtszeitraum 2007-2012)
Die rezenten Auen werden von einem oder mehreren Fließgewässern durchzogen und von
deren Wasserstandsdynamik maßgeblich geprägt. Fließgewässer und Aue bilden eine für
die ökologische Funktionsfähigkeit untrennbare Einheit, so dass der ökologische Zustand
und die Lebensraumqualität der Fließgewässer vom Zustand „ihrer“ Aue abhängen und um-
gekehrt. Der ökologische Zustand von 7.200 km der sächsischen Fließgewässer mit einer
Einzugsgebietsgröße von mehr als 10 km² wird durch das Monitoring zur Umsetzung der
EG-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) überwacht. Unter anderem aufgrund früherer Gewäs-
serbegradigungen und anderer Ausbaumaßnahmen, aber auch weiterer Belastungen sind
derzeit nur 3 % der sächsischen Fließgewässer in einem guten ökologischen Zustand ge-
mäß den Vorgaben der WRRL (Abb. 8).
Bezüglich der Filter- und Pufferfunktion kann sich die eingeschränkte Funktionalität von Alt-
auen beispielsweise in erhöhten Nitratwerten des Grundwassers niederschlagen. Auch die
Bewertungen des ökologischen und chemischen Zustandes von Oberflächenwasserkörpern
der WRRL kann von der Veränderung der Auenbereiche beeinflusst werden, so dass die
Gewässer den guten Zustand nicht erreichen. Andererseits „lagern“ durch natürlichen Ein-
trag und historischen Erzbergbau in vielen Auenböden (auch des Tieflands) heute erhöhte
Gehalte an Arsen und Schwermetallen, was bei der Bodennutzung zu beachten ist.
Eine Übersicht zur aktuellen Nutzungsartenverteilung in den Auen der zehn größten sächsi-
schen Flüsse wurde bereits im Kapitel 2 und mit Abbildung 3 gegeben.
17%
39%
35%
9%
günstig
unzureichend
schlecht
unbekannt

image
image
16
Abb. 8: Ökologischer Zustand der Fließgewässer-Wasserkörper in Sachsen gemäß WRRL
zu Beginn des zweiten Zyklus‘ der Bewirtschaftung (Bewirtschaftungspläne Elbe und Oder
vom 22.12.2015)
„Die tief greifenden Veränderungen von Gewässern und Auen gingen mit einem dramati-
schen Verlust der biologischen Vielfalt einher. So sind aktuell mehr als drei Viertel aller Ge-
wässer- und Auenbiotoptypen in Deutschland gefährdet, 44 Prozent weisen eine negative
Entwicklungstendenz auf (Ellwanger et al. 2012). Ohne Schutzmaßnahmen ist der weitere
Rückgang der biologischen Vielfalt in Auen nicht zu stoppen.“
(Den Flüssen mehr Raum geben
Renaturierung von Auen in Deutschland, S. 9, BMUB
2015a)
Weichholzauenwald an der Flöha (Foto: H. Metzler)
3%
33%
28%
36%
gut
mäßig
unbefriedigend
schlecht

image
17
Renaturierter Auenbereich der Ruhr bei Arnsberg (Nordrhein-Westfalen, Foto: B. Spänhoff)

image
18
2.3 RETENTIONSRÄUME IN DEN AUEN
Durch die Häufung von Starkniederschlags- und Hochwasserereignissen in den ver-
gangenen zwanzig Jahren, bei denen der Freistaat Sachsen durch die Hochwasser 2002,
2010 und 2013 besonders stark betroffen war, wurde die Rückgewinnung und Entwicklung
von Retentionsräumen an den Fließgewässern zur Verbesserung des Hochwasserschutzes
stark in den Fokus wasserwirtschaftlicher Planungen und der öffentlichen Diskussion ge-
rückt.
Der Freistaat Sachsen hat nach dem Hochwasser 2002 mit den Hochwasserschutzkonzep-
ten (HWSK) der Gewässer erster Ordnung und der Elbe bis 2005 erstmals Fachgrundlagen
für die systematische Prüfung der Schaffung zusätzlicher Retentionsräume durch Deichrück-
verlegungen, Polder und Hochwasserrückhaltebecken geschaffen. Nach dem Hochwasser
2013 hat sich verstärkt die Bundesregierung der Thematik der Retentionsraumschaffung
angenommen und dafür gemeinsam mit den Ländern ein Nationales Hochwasserschutzpro-
gramm (NHWSP) aufgelegt.
Primäre Zielrichtung der zuvor genannten Planungen zur Retentionsraumgewinnung ist die
Verbesserung des Hochwasserschutzes. So ist bekannt, dass gesteuerte Flutpolder, insbe-
sondere bei extremen Hochwasserereignissen mit kurzer Scheiteldauer
1
wie z. B. bei dem
Hochwasser 2002 der Elbe, eine deutliche Minderung des Wasserstandes beim Hochwas-
serscheitel bewirken können. Die Wirksamkeit der Scheitelkappung reduziert sich allerdings
bei extremen Hochwasserereignissen mit länger andauernden Scheiteln, wie z. B. beim El-
behochwasser 2006 (Abb. 9).
Abb. 9: Ganglinien und Wirkprinzip von gesteuerter/ungesteuerter Retention bei seltenen
Hochwasserereignissen (BfG, 2006)
1
Kurze Hochwasserscheitel treten bei schnell anschwellenden Hochwasserereignissen wie z. B. beim Elbe-
Hochwasser 2002 auf und klingen dann in der Regel auch rasch wieder ab

19
Für die Retentionsraumgewinnung an der Elbe und den sächsischen Gewässern erster Ord-
nung enthalten die HWSK 50 fachliche Maßnahmenvorschläge. Diese Vorschläge basierten
auf der Ermittlung potenzieller Überflutungsflächen durch Modellabschätzungen, ohne dass
bereits in diesem konzeptionellen Stadium Wirksamkeit, Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und
Akzeptanz geprüft bzw. vertieft geprüft werden konnten. Mit Stand von März 2018 sind da-
von:
12 Maßnahmen fertiggestellt:
o
6 Deichrückverlegungen mit insgesamt 188 ha Retentionsraumgewinn
2
,
o
1 Umverlegung mit Retentionsraumgewinnung am Weißen Schöps
3
von 72 ha,
o
5 Hochwasserrückhaltebecken, 117 ha mit 10,9 Mio. m³ Rückhaltevolumen
4
6 Maßnahmen im Bau:
o
3 Deichrückverlegungen mit insgesamt 600 ha
5
,
o
1 Polder (Löbnitz, Vereinigte Mulde) mit 1.436 ha,
o
2 Hochwasserrückhaltebecken (Niederpöbel, Oberbobritzsch), 106 ha mit 6,1 Mio. m³
Rückhaltevolumen
24 Maßnahmen in verschiedenen Planungsstufen
6
:
o
15 Deichrückverlegungen (mit 320 ha),
o
4 Polder (mit 2.958 ha),
o
5 Hochwasserrückhaltebecken, 132 ha mit 10,8 Mio. m³ Rückhaltevolumen
8 Maßnahmen im Projektstatus noch offen:
o
5 Deichrückverlegungen (ca. 312 ha),
o
3 Polder (ca. 900 ha)
Die Maßnahmenvorschläge der HWSK zur Retentionsraumgewinnung werden auf Möglich-
keiten für Auenrevitalisierungsmaßnahmen geprüft. Dazu wurde eine erste Potenzialanalyse
durchgeführt, die weitere fachliche Datengrundlagen einbezogen hat und im nachfolgenden
Kapitel 2.4 vorgestellt wird.
2
Es handelt sich um Deichrückverlegungen/-entwidmungen in Eilenburg-West/Schlossaue an der Vereinigten
Mulde (Landkreis Nordsachsen), Deichentwidmung Sermuth links (Landkreis Leipzig), Crossen an der Zwickauer
Mulde (Landkreis Zwickau), Flöha an der Zschopau (Landkreis Mittelsachsen), Brischko und Dörgenhausen,
jeweils an der Schwarzen Elster (Landkreis Bautzen).
3
https://www.smul.sachsen.de/laendlicher_raum/download/140306_VerlegungWeisserSchoeps-Endfassung.pdf
4
Es handelt sich um die Hochwasserrückhaltebecken in Glashütte und Lauenstein (beide im Landkreis Sächsi-
sche Schweiz-Osterzgebirge), Oberlungwitz und Neuwürschnitz (beide im Erzgebirgskreis) sowie um Renners-
dorf (Landkreis Görlitz).
5
Es handelt sich um Bennewitz-Püchau an der Vereinigten Mulde (Landkreis Leipzig) als Maßnahme des Natio-
nalen Hochwasserschutzprogramms des Bundes, Niederlichtenau an der Zschopau (Landkreis Mittelsachsen)
und Sagar/Krauschwitz an der Lausitzer Neiße (Landkreis Görlitz).
6
Verankerung einzelner ausgewählter Maßnahmen im Sonderrahmenplan Hochwasserschutz der „Gemein-
schaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK)

image
20
Der Mensch kann den Ablauf dieser Extremhochwasser durch technische Maßnahmen nur
bis zu einem gewissen Grad beeinflussen und muss sich deshalb vor den Folgen der Hoch-
wasser schützen. In vielen Bereichen Deutschlands haben die Deiche und Hochwasserrück-
haltesysteme, insbesondere die nach dem Ereignis 2002 ertüchtigten oder neugebauten An-
lagen, ihre Schutzfunktionen erfüllt.
[…]
Die alleinige Forderung nach „mehr Raum für die
Flüsse“ wird der Komplexität der Problemlage nicht gerecht, lenkt von derzeit machbaren
Lösungsansätzen ab und kann die Hochwassergefahren in den vor uns liegenden Jahrzehn-
ten nicht wirksam mindern.
(Versagt der Hochwasserschutz in Deutschland? Resolution von Professorinnen und Profes-
soren der Lehrstühle für Wasserbau und Ingenieurhydrologie an deutschen Universitäten
vom 15.06.2013)
Strukturreiche Auenlandschaft mit Flussschlingen und Altarmen an der Vereinigten Mulde
nördlich Eilenburg (Luftbild: © 2016, Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung
Sachsen GeoSN)

image
21
2.4 ERSTE POTENZIALANALYSE ZUR REVITALISIERUNG VON AUEN
Grundlage für die Abschätzung des Potenzials zur Revitalisierung von Auen ist das natürli-
che Überflutungsgeschehen an den Flussläufen. Dazu wurden die Datengrundlagen der Ge-
fahrenhinweiskarte Sachsen genutzt
7
. Die Gefahrenhinweiskarte Sachsen besteht aus einer
Schadenpotenzialkarte, in der die möglichen Schäden bei einem Extremhochwasser aufzeigt
werden, sowie einer Überschwemmungskarte für die Gewässer erster Ordnung und die Elbe
in Sachsen. Auf der Überschwemmungskarte werden neben den Überschwemmungsflächen
für Hochwasser bestimmter Jährlichkeiten („Wiederkehrwahrscheinlichkeit“) auch die Intensi-
täten anhand von Wassertiefe und spezifischem Abfluss für ein Extremhochwasser wieder-
gegeben. Die Ermittlung der Überschwemmungsflächen in den Gefahrenhinweiskarten er-
folgte ohne die Berücksichtigung der Wirkung vorhandener Hochwasserschutzanlagen
(HWS-Anlagen), wie Deiche oder Polder.
Zur weiteren Bearbeitung wurden die Überschwemmungsflächen der Gefahrenhinweiskarte
für ein HQ(20)-Ereignis
8
verwendet, um das fachlich begründbare Potenzial für Auenentwick-
lungsprozesse zu ermitteln (Abb. 10).
Abb. 10: Darstellung der HQ(20)-Überschwemmungsflächen ohne Hochwasserschutzanla-
gen der Gefahrenhinweiskarten Sachsen (Gewässer erster Ordnung nach SächsWG und
Elbe)
7
Gefahrenhinweiskarte Sachsen
https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/wasser/2638.htm
8
HQ(20) bedeutet, dass die entsprechenden Flächen statistisch gesehen mindestens einmal in 20 Jahren über-
flutet werden (bei einem 20-jährlichem Hochwasser komplett), in flussnahen und tiefer gelegenen Bereichen der
HQ(20)-Kulisse kommt diese Überflutung z. T. wesentlich häufiger vor.

image
22
In der Potenzialanalyse des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geo-
logie (LfULG) und der Landestalsperrenverwaltung Sachsen (LTV) wurden auch die
HQ(100)-Überflutungsflächen (Überflutung bei statistisch einhundertjährlichem Hochwasser)
betrachtet. Der Großteil der Flächen zwischen HQ(20) und HQ(100) wird nur selten über-
schwemmt, so dass hier höchstens eine begrenzte ökologisch relevante Auenentwicklung
stattfinden kann. Trotzdem können diese Flächen auch für den präventiven Hochwasser-
schutz von Bedeutung sein.
Die aus den Gefahrenhinweiskarten abgeleiteten HQ(20)-Überschwemmungsflächen an
Gewässern erster Ordnung, die eine Abschätzung erlauben, welche Gebiete ohne vorhan-
dene Hochwasserschutzanlagen überschwemmt werden würden, umfassen in Sachsen ca.
74.200 ha Fläche. Deutlich treten dabei die flächigen potenziellen Auen an den größeren
Flüssen im sächsischen Tiefland hervor (Abb. 10).
In einem zweiten Schritt wurden die Vorkommen auentypischer bzw. auenabhängiger Arten,
Lebensraumtypen und Biotoptypen berücksichtigt und mit den Überschwemmungsflächen
der Gefahrenhinweiskarte für ein HQ(20)-Ereignis abgeglichen (Abb. 11).
Abb. 11: Dichte auentypischer FFH-Lebensraumtypen (LRT), Arten und Biotope (BT) in den
Überschwemmungsflächen der HQ(20)-Kulisse aus den Gefahrenhinweiskarten
Aus der ermittelten Schutzgutdichte in potenziellen Überflutungsbereichen bei einem
HQ(20)-Ereignis wurden erste, aus naturschutzfachlicher Sicht geeignete Potenzialflächen
für Auenrevitalisierungen abgeleitet.

image
23
Weiterhin wurden die Hochwasserschutzkonzepte des Freistaates Sachsen bezüglich be-
stimmter Projektkategorien (Deichrückverlegungen/Deichrückbau/Renaturierung), in deren
Umfeld Flächen als Potenzialflächen im Sinne einer Auenentwicklung aus wasserwirtschaftli-
cher Sicht in Frage kommen könnten, ausgewertet.
Ergebnis dieser Auswertungen ist eine erste Potenzialkulisse für Projekte zur Auenrevitalisie-
rung in Sachsen. Diese Potenzialkulisse umfasst 32 Projektvorschläge, die aus den 50 fach-
lichen HWSK-Vorschlägen und anderen LTV-Projekten entstammen. Die Vorschläge sind
aus fachlicher Sicht potenziell für eine Auenrevitalisierung mit Synergien zum Hochwasserri-
sikomanagement geeignet und umfassen auch Potenzialräume, die insbesondere aus natur-
schutzfachlicher Sicht eine hohe Bedeutung aufweisen (Abb. 12). Die Retentionsfläche, die
sich aus den 32 Projektvorschlägen der Potenzialkulisse ergibt, beträgt ca. 3.800 ha. Aller-
dings bezieht sich diese Angabe u. a. auf den Planungsstand der HWSK und kann sich bei
der weiteren Konkretisierung der Planungen noch verändern.
Abb. 12: Erste Potenzialkulisse für Projekte zur Revitalisierung von Auen in Sachsen mit
Nummerierung der Potenzialgebiete (HWSK und weitere LTV-Projekte)
Die Potenzialkulisse ist nicht als statisch zu verstehen, sondern wird durch weiterführende
Auswertungen und Planungen fortgeschrieben.

image
image
24
Die Auswertung derzeit bestehender Potenziale für Auenrevitalisierungsprojekte ergab zum
Stand 31.03.2018 32 Projektvorschläge aus den bestehenden Hochwasserschutzkonzepten,
weiteren LTV-Projekten und 9 naturschutzfachlich zu priorisierenden Gebieten. Beide Fach-
kulissen ergänzen sich, da einige der potenziellen Projektvorschläge der HWSK bereits in
den naturschutzfachlich priorisierten Gebieten liegen. Andere Vorschläge repräsentieren
eher kleinräumige Revitalisierungsmöglichkeiten. Die priorisierten Gebiete erfordern in der
Regel eine vertiefende Analyse zu den Handlungsoptionen und Möglichkeiten für Auenrevita-
lisierungsprojekte in Form von Machbarkeitsstudien. Eine weitere Priorisierung und Konkreti-
sierung der Projektmöglichkeiten erfolgt sukzessive, ebenso eine Fortschreibung der Poten-
zialkulisse, die explizit nicht abschließend sein kann, so dass derzeit enthaltene Projektvor-
schläge nach detaillierterer Prüfung verworfen, aber auch neue Projekte aufgenommen wer-
den können.
Auenlandschaft östlich Wellaune im Naturschutzgebiet Vereinigte Mulde Eilenburg-Bad Dü-
ben (Foto: J. Lorenz)

image
25
3. ZIELE DES AUENPROGRAMMS
Mit dem sächsischen Auenprogramm sollen schrittweise ausgewählte geeignete Flussab-
schnitte wieder mit ihren natürlichen Überschwemmungsflächen verbunden werden. Damit
soll dort im Sinne der Hochwasservorsorge und der Auenökologie eine naturnahe gewässer-
typische Dynamik von Überschwemmung und Trockenfallen der gewässernahen Flächen
ermöglicht werden (Abb. 13). Damit dient die Etablierung eines Auenprogramms dem Ziel,
verschiedene fachpolitische Anforderungen zum Hochwasserrisikomanagement, zum Natur-
und Gewässerschutz, aber auch zur Waldmehrung und zum Klimaschutz zu erfüllen und mit
der nachhaltigen land- und forstwirtschaftlichen Nutzung von Flächen in natürlichen Über-
schwemmungsgebieten konsensfähig zu vereinbaren. Dazu ist eine langfristig angelegte
konzeptionelle Herangehensweise erforderlich, die das bestehende Synergie- und Konflikt-
potenzial analysiert sowie Lösungsansätze einschließlich Kostenbetrachtungen erarbeitet,
um allen Beteiligten (Gesellschaft, Eigentümer, Nutzer und weitere) gerecht zu werden.
Abb. 13: Auenlandschaft an der Vereinigten Mulde im Elbe-Mulde-Tiefland, geprägt von
hochwasserangepasster landwirtschaftlicher Nutzung mit eingestreuten kleinen Auengehöl-
zen und Staudenfluren als Elemente natürlicher Auenentwicklung (Foto aus der Natura
2000-Filmreihe des SMUL in Kooperation mit Simank GbR)
Die wasser-, land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Anforderungen in den Auenflächen
sollen dabei mit naturschutzfachlichen Zielstellungen und den Zielen der Wasserrahmen-
richtlinie durch projektkonkrete Lösungen in Einklang gebracht werden. Damit verfolgt das
Auenprogramm einen integrativen Ansatz nach dem Motto „Naturerhalt und -entwicklung in
der land-, forst- und fischereiwirtschaftlich geprägten sowie genutzten Kulturlandschaft“.
Naturschutzseitiger Handlungsbedarf ergibt sich insbesondere durch die unzureichenden bis
schlechten Erhaltungszustände der auentypischen Natura 2000-Schutzgüter und durch die
große Bedeutung der Auen für den Biotopverbund. In geeigneten Bereichen sind die Erhal-
tung und Entwicklung auentypischer Biotope, Lebensraumtypen und auentypischer Arten

image
26
erforderlich. Damit wird auch die Erreichung der Bewirtschaftungsziele des Wasserhaus-
haltsgesetzes zur Umsetzung der WRRL unterstützt.
Der Charakter als nutzungsgeprägte Kulturlandschaft soll in den Auenprojektgebieten wei-
testgehend erhalten bleiben (Abb. 14). Hochwasserangepasste land- bzw. forstwirtschaftli-
che Nutzungsformen bekommen damit für diese Gebiete eine große Bedeutung und müssen
entsprechend unterstützt werden. Dazu sind die Eigentümer und Flächennutzer bei der Pla-
nung von Auenprojekten frühzeitig einzubinden und Möglichkeiten zur Unterstützung der ggf.
erforderlichen Umstellung auf hochwasserangepasste Bewirtschaftungsformen anzubieten.
In Gesprächen und projektorientierten Arbeitsgruppen werden geeignete Lösungen gesucht,
um einen Interessenausgleich für alle Beteiligten zu schaffen.
Sollen Teilbereiche von Überschwemmungsflächen, die heute genutzt werden, abschnitts-
weise wieder natürlich hinsichtlich der Auenvegetation und -lebensräume entwickelt werden,
so wird eine landwirtschaftlich orientierte Bewirtschaftung dieser Flächen künftig unter Um-
ständen nicht mehr möglich sein. Für diese speziellen Flächen müssen den Eigentümern
und Bewirtschaftern Möglichkeiten des wertgleichen Ersatzes oder Ausgleichs angeboten
werden, z. B. durch Flächentausch oder im Rahmen von Flurneuordnungsverfahren.
Abb. 14: Auenbereich der Weißen Elster bei Pegau 1938 (Foto: SLUB / Deutsche Fotothek,
Möbius, Walter;
http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/72019006)
Das sind die Grundvoraussetzungen für die Akzeptanz zur Umsetzung von Maßnahmen zur
Wiederherstellung natürlicher Auenbereiche an geeigneten Flussabschnitten.

27
Aus heutiger Sicht unterliegen die Planung und Umsetzung von Auenprojekten insbesondere
folgenden Herausforderungen:
Umsetzung von Auenentwicklungsmaßnahmen als Teil öffentlicher Hochwasserschutz-
projekte nur möglich bei Wirtschaftlichkeitsnachweis („Nutzen > Kosten“),
mangelnde Bereitschaft und fehlendes Verständnis für Veränderung des bestehenden
Hochwasserschutzes durch Deichrückverlegungen bei Kommunen, Landeigentümern und
-nutzern,
umfangreicher und langwieriger Planungs- und Genehmigungsaufwand für Deichrückver-
legungen bzw. „Entwidmung“ von Deichen der gewässernahen ersten Deichlinie und für
die Errichtung ersatzweiser neuer ortsnaher Deichlinien,
umfängliche zu beachtende Anforderungen des Gewässer- und Naturschutzes, insbeson-
dere Wasserrechtsvorschriften, Eingriffsminimierung und -kompensation, Artenschutz,
Probleme hinsichtlich der Herstellung der Flächenverfügbarkeit (insbesondere fehlende
Bereitschaft zum Flächenverkauf oder zur Nutzungsänderung, wenn nicht sichergestellt
werden kann, dass damit verbundene wirtschaftliche Nachteile ausgeglichen werden),
fehlende Bereitschaft zur Anpassung und ggf. Extensivierung von Flächenbewirtschaf-
tungsformen an die Bedingungen einer Überflutungsaue und damit im Zusammenhang
stehende Notwendigkeit zum Interessenausgleich mittels geeigneter, langfristig wirksamer
Instrumente,
aktuell relativ statische Bedingungen der EU-Agrarförderung, bei der natürliche Verände-
rungsprozesse wie z. B. der Gewässerentwicklung mit Einfluss auf die Feldblockstruktur
förderschädlich und hemmend wirken,
begrenzte Finanz- und Personalkapazitäten zur Initiierung, Vorbereitung und Planung von
komplexen Auenprojekten auch bei den Behörden,
fehlende institutionelle Zuständigkeit und Aufgabenträgerschaft zur Auenentwicklung als
fachübergreifende Querschnittsaufgabe.
Im Zuge der schrittweisen, langfristig ausgelegten Umsetzung des Auenprogramms sind da-
her allgemeine und projektbezogene Lösungen zu erarbeiten oder bestehende Lösungsan-
sätze weiter zu entwickeln. Als Grundlage für die räumliche Einordnung dient dazu die Po-
tenzialkulisse für Auenprojekte (Kap. 2.4).
Nutzungskonflikte und Widerstände gegen Auenprojekte sollen verringert und die Umset-
zung von Auenprojekten befördert werden durch:
frühzeitige Kommunikation in den Regionen und Einbindung regionaler Akteure,
Beteiligung betroffener Nutzer/Eigentümer an Auenentwicklungs- und -pflegemaßnahmen
(vorrangige Auftragserteilung an geeignete regionale Agrarbetriebe),
Schaffung von Voraussetzungen für finanziellen bzw. materiellen Ausgleich und Entschä-
digung z. B. durch Nutzung bestehender und zukünftiger Fördermöglichkeiten,

28
adressatengerechte Öffentlichkeitsarbeit auf Projekt- und auf Landesebene,
Prüfung der regionalplanerischen Festsetzung einer „Flächenkulisse“ mit Vorbehalt zur
Auenentwicklung in den Regionalplänen, z. B. basierend auf dem in Kapitel 2 beschriebe-
nen Verfahren,
Schaffung eines finanziellen Rahmens und Einrichtung eines koordinierenden Arbeits-
gremiums für das Auenprogramm im Freistaat Sachsen,
Identifikation der jeweils Verantwortlichen für die Projektplanung und -umsetzung,
Verbesserung der Flächenverfügbarkeit, auch für potenzielle Tauschflächen und Aus-
gleichsmaßnahmen, sowie der Kooperationsbereitschaft durch:
o
verstärkte Nutzung der Möglichkeiten in Flurneuordnungsverfahren,
o
Erstellung eines Flächenpools beim Staatsbetrieb Zentrales Flächenmanagement
zwecks Ankauf/Verwaltung geeigneter Flächen, auch als Tauschflächen,
o
Lenkung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen bei öffentlichen Infrastrukturmaß-
nahmen in Auenbereichen gezielt/verbindlich in die Auenentwicklung, Nutzung des
Instrumentes Ökokonto,
o
Förderung
im
Rahmen
von
Förderrichtlinien,
u. a.
Gewässer-/
Hochwasserschutz; Natürliches Erbe; Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen;
LEADER,
9
o
Flexibilisierung des Umgangs mit Ausgleichsmaßnahmen bei Auenentwicklungs-
maßnahmen,
Umsetzung des Programms bei begrenzten Finanz- und Personalkapazitäten durch:
o
Verstärkung der Akquise/Einbindung externer Partner (z. B. Stiftungen, Naturschutz-
wie auch Nutzerverbände) für Projekte oder Projektanträge bei Fördermittelgebern,
o
Initiierung von Projekten mit regionalen Akteuren und Unterstützung durch den Frei-
staat Sachsen bei der weiteren Drittmitteleinwerbung von Projekten sowie deren
Planung und Umsetzung,
o
Verankerung des Themas in den Regionen z. B. im Rahmen von LEADER (Ziel:
Sensibilisierung in den Regionen, Aufnahme des Themas in die Entwicklungskon-
zepte),
o
Optimierung der Zusammenarbeit und effektive Arbeitsteilung zwischen Wasser-
und Naturschutzbehörden, auch in den Genehmigungsverfahren,
o
Schwerpunktsetzung für Auenrevitalisierungsprojekte bei der zukünftigen Ausrich-
tung der fachpolitischen Strategie.
9
Es wird davon ausgegangen, dass ggf. erforderliche neue Maßnahmen erst in der Förderperiode ab 2021 einge-
führt werden sollen. Eine entsprechende Aufnahme in die Programmplanungsdokumente ist dann notwendig.

image
29
„In Umsetzung von Ziel 2, Maßnahme 6a, der EU-Biodiversitätsstrategie konzentriert sich
Deutschland auf Maßnahmen zur Verbesserung der Ökosysteme Moore und Auen.
Die Bundesregierung hat in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt beschlossen:
Bis 2020 sind Fließgewässer und ihre Auen in ihrer Funktion als Lebensraum soweit
gesichert, dass eine für Deutschland naturraumtypische Vielfalt gewährleistet ist.
Bis 2020 verfügt der überwiegende Teil der Fließgewässer wieder über mehr natürliche
Überflutungsräume.
Vergrößerung der Rückhalteflächen an den Flüssen um mindestens 10 % bis 2020.“
(Priorisierungsrahmen zur Wiederherstellung verschlechterter Ökosysteme in Deutschland
[EU-Biodiversitätsstrategie, Ziel 2, Maßnahme 6a] BMUB, 2015b)
Das sächsische Auenprogramm beinhaltet die Revitalisierung natürlicher Überflutungsberei-
che unter Berücksichtigung aller weiteren gesellschaftlichen Anforderungen. Es dient dem
präventiven Hochwasserschutz durch die Verbesserung des natürlichen Wasserrückhalts in
der Fläche wie auch dem Naturschutz durch Entwicklung auentypischer Biotope und Arten.
Dabei ist das übergeordnete Ziel, alle Belange des Natur-, Gewässer- und Hochwasser-
schutzes sowie der Gewässer- und Landnutzer und vor allem der regionalen Bevölkerung
bestmöglich miteinander zu vereinbaren.
Große Röder am Einlauf zum Speicher Radeburg mit Entwicklung auentypischer Strukturen
(Foto: H. Ballmann)

30
4. RECHTLICHE GRUNDLAGEN
Die rechtlichen Grundlagen, die Auenrevitalisierungsprojekten zugrunde liegen und bei deren
Planung zu beachten sind, ergeben sich im Wesentlichen aus dem Wasser- und Natur-
schutzrecht. Querverbindungen gibt es darüber hinaus zu anderen Gesetzen und damit ver-
bundenen rechtlichen Regelungen, u. a. zum Bodenschutz-, Wald-, Raumordnungs-, Flurbe-
reinigungsgesetz oder zum Bauplanungsrecht, die hier nicht weiter ausgeführt werden.
4.1 WASSERRECHT
Die rechtlichen Verpflichtungen des Gewässerschutzes und des Hochwasserrisikomanage-
ments ergeben sich vor allem aus dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG), dem Sächsischen
Wassergesetz (SächsWG), der EG-Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie (HWRM-RL)
und der WRRL
10
.
Das WHG definiert in § 76 Abs. 1 Überschwemmungsgebiete und regelt in § 76 Abs. 2
WHG, dass die Landesregierung innerhalb der Risikogebiete durch Rechtsverordnung min-
destens die Gebiete, in denen ein Hochwasserereignis statistisch einmal in 100 Jahren zu
erwarten ist, und die zur Hochwasserentlastung und Rückhaltung beanspruchten Gebiete als
Überschwemmungsgebiete festsetzt. Die Ermächtigung zum Erlass von Rechtsverordnun-
gen wurde durch § 72 Abs.1 Satz 1 SächsWG auf die unteren Wasserbehörden übertragen.
Darüber hinaus gelten nach § 72 Abs. 2 SächsWG als Überschwemmungsgebiete kraft Ge-
setzes, d. h. ohne dass es einer Rechtsverordnung bedarf,
1. die Gelände zwischen Ufern und Deichen, die Hochwasserrückhalteräume von Tal-
sperren und Hochwasserrückhaltebecken sowie Flutungspolder,
2. Gebiete, die bis zu einem Hochwasserereignis, wie es statistisch einmal in
100 Jahren zu erwarten ist, überschwemmt werden, soweit diese Gebiete in Karten
der Wasserbehörden dargestellt sind.
Gemäß § 77 WHG sind Überschwemmungsgebiete im Sinne des § 76 in ihrer Funktion als
Rückhalteflächen zu erhalten. „Frühere Überschwemmungsgebiete, die als Rückhalteflächen
geeignet sind, sollen so weit wie möglich wiederhergestellt werden, wenn überwiegende
Gründe des Wohls der Allgemeinheit dem nicht entgegenstehen.“
Damit kann die Revitalisierung von Auenbereichen auch zur Erfüllung der gesetzlichen Ver-
pflichtung hinsichtlich der zuvor genannten Hochwasserschutzfunktion von Rückhalteflächen
beitragen.
§ 78a WHG regelt die sonstigen Schutzvorschriften für festgesetzte Überschwemmungsge-
biete, u. a. in Abs. 1 Ziff. 8 das grundsätzliche Verbot der Umwandlung von Auwald in eine
andere Nutzungsart. Damit unterliegen Auwälder in den festgesetzten Überschwemmungs-
gebieten einem besonderen Schutz im Wasserrecht.
10
Richtlinie 2000/60/EG des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 23. Oktober 2000 zur Schaffung
eines Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Wasserpolitik (WRRL)

31
Zu beachten ist aber auch, dass gemäß § 78a Abs. 1 Ziff. 6 WHG das Anlegen von Baum-
und Strauchpflanzungen, soweit diese den Zielen des vorsorgenden Hochwasserschutzes
gemäß § 6 Abs. 1 Satz 1 Nummer 6 und § 75 Abs. 2 entgegenstehen, grundsätzlich unter-
sagt ist. Damit wird verdeutlicht, dass eine geplante Auenrevitalisierung einen definierten
Zielzustand, insbesondere für die Vegetation, erfordert, dessen Hochwasserwirksamkeit zu
überprüfen ist. Dadurch sollen nachteilige Auswirkungen der Zielvegetation mit verstärkten
Rückstaueffekten oder erhöhten Wasserspiegellagen, die zur Verschärfung des Hochwas-
serrisikos führen können, frühzeitig erkannt und ausgeschlossen werden.
§ 73 Abs. 1 SächsWG fordert u. a., dass die natürliche Wasserrückhaltung in Überschwem-
mungsgebieten zu sichern sowie erforderlichenfalls wiederherzustellen und zu verbessern
ist.
Bei allen Auenrevitalisierungsprojekten, bei denen eine wesentliche Umgestaltung des Ge-
wässers oder der Ufer erforderlich sind, handelt es sich nach § 67 Abs. 2 WHG um einen
Gewässerausbau. Damit ist zu prüfen, ob die Verpflichtung zur Durchführung einer Umwelt-
verträglichkeitsprüfung besteht. Soweit eine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich wird,
bedürfen diese Projekte grundsätzlich einer Planfeststellung gemäß § 68 WHG, für die in
Sachsen die obere Wasserbehörde (Landesdirektion Sachsen) zuständig ist. Ist es geplant,
zur Revitalisierung der Auenbereiche Anlagen in, an, unter und über Gewässern zu beseiti-
gen oder wesentlich zu ändern, ist eine wasserrechtliche Genehmigung nach § 26 SächsWG
erforderlich. Sind bestehende Hochwasserschutzanlagen wie Deiche wesentlich zu ändern
oder zu beseitigen, steht dies verfahrensseitig gemäß § 67 Abs. 2 WHG dem Gewässeraus-
bau gleich.
Weiterhin ist dann zu prüfen, ob bzw. in welcher Art und in welchem Umfang Entschädigun-
gen nach § 96 WHG i. V. m. § 102 SächsWG oder ein Ausgleich nach § 99 WHG i. V. m. §
104 SächsWG zu leisten ist.
Die Revitalisierung von Auenbereichen kann auch zur Erreichung der Bewirtschaftungsziele
gemäß § 27 WHG für die Oberflächenwasserkörper beitragen, indem die Umsetzung eine
deutliche Verbesserung der unterstützenden hydromorphologischen Qualitätskomponenten
„Wasserhaushalt“ und „Morphologie“, z. T. auch „Durchgängigkeit des Flusses“ gemäß Anla-
ge 3 Oberflächengewässerverordnung (OGewV), bewirkt. Wenn entsprechende Maßnahmen
zur Auenentwicklung und zur Verbesserung von Habitaten und/oder zum Anschluss von Sei-
tengewässern und Altarmen (Quervernetzung) in dem Maßnahmenprogramm der Flussge-
bietseinheit gemäß § 82 WHG aufgenommen wurden, besteht in Sachsen nach § 87 Abs. 3
SächsWG eine Behördenverbindlichkeit zur Umsetzung dieser Maßnahmen.
Ein Erwägungsgrund (Nr. 23) für die Aufstellung der WRRL ist: Es werden allgemeine
Grundsätze benötigt, um [...] aquatische Ökosysteme und die direkt von ihnen abhängenden
Landökosysteme und Feuchtgebiete zu schützen [...].
Die nach der HWRM-RL für Risikogebiete zu erstellenden Hochwasserrisikomanagement-
pläne (HWRMP) sollen gemäß Artikel 7 Abs. 3 „relevante Aspekte, wie etwa Kosten und
Nutzen, Ausdehnung der Überschwemmung und Hochwasserabflusswege und Gebiete mit
dem Potenzial zur Retention von Hochwasser, wie z. B. natürliche Überschwemmungsgebie-
te, die umweltbezogenen Ziele des Artikels 4 der Richtlinie 2000/60/EG, Bodennutzung und

image
32
Wasserwirtschaft, Raumordnung, Flächennutzung, Naturschutz, Schifffahrt und Hafeninfra-
struktur“ berücksichtigen. […] Die Unterstützung nachhaltiger Flächennutzungsmethoden,
die Verbesserung des Wasserrückhalts und kontrollierte Überflutungen bestimmter Gebiete
im Falle eines Hochwassers können ebenfalls in die Hochwasserrisikomanagementpläne
einbezogen werden.“ Damit ist ein Ziel des Hochwasserrisikomanagements auch die Erhal-
tung und, wo möglich, Rückgewinnung natürlicher Retentionsflächen.
Heutige Kulturlandschaft elbaufwärts von Dommitzsch mit Mündung der Weinske und Elbe-
Altarm (Foto: Mediendatenbank SMUL, M. Löwig)

33
4.2 NATURSCHUTZRECHT
Die rechtlichen Verpflichtungen des Naturschutzes sind im Bundesnaturschutzgesetz
(BNatSchG) und im Sächsischen Naturschutzgesetz (SächsNatSchG) sowie den unterge-
setzlichen
Regelungen
verankert.
Darin
werden
auch
die
Vorgaben
der
EU-
Naturschutzrichtlinien (Natura 2000, d. h. Vogelschutz-Richtlinie und FFH-Richtlinie
11
) in na-
tionales Recht umgesetzt. Die Strategien und Programme auf globaler, europäischer, natio-
naler und sächsischer Ebene
12
sowie der internationalen Naturschutzkonventionen
13
, denen
Deutschland beigetreten ist, definieren Leitlinien und Ziele bzw. ergänzen das Naturschutz-
recht durch den Schutz international bedeutsamer Gebiete oder bedrohter Arten.
§ 1 des BNatSchG formuliert die Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege. Dort
heißt es in Abs. 3 Nr. 3: „Zur dauerhaften Sicherung der Leistungs- und Funktionsfähigkeit
des Naturhaushalts sind insbesondere [… ] Meeres- und Binnengewässer vor Beeinträchti-
gungen zu bewahren und ihre natürliche Selbstreinigungsfähigkeit und Dynamik zu erhalten;
dies gilt insbesondere für natürliche und naturnahe Gewässer einschließlich ihrer Ufer, Auen
und sonstigen Rückhalteflächen; Hochwasserschutz hat auch durch natürliche oder naturna-
he Maßnahmen zu erfolgen; für den vorsorgenden Grundwasserschutz sowie für einen aus-
geglichenen Niederschlags-Abflusshaushalt ist auch durch Maßnahmen des Naturschutzes
und der Landschaftspflege Sorge zu tragen … “.
§ 1 Abs. 6 BNatSchG regelt: „Freiräume im besiedelten und siedlungsnahen Bereich ein-
schließlich ihrer Bestandteile, wie … Wälder und Waldränder, Bäume und Gehölzstrukturen,
Fluss- und Bachläufe mit ihren Uferzonen und Auenbereichen, stehende Gewässer, … sind
zu erhalten und dort, wo sie nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind, neu zu schaffen.“
§ 30 BNatSchG enthält die Regelungen zu den gesetzlich geschützten Biotopen und zählt
die Biotoptypen auf, die bundesweit dem Biotopschutz unterliegen. Zu ihnen zählen nach
Abs. 2 Ziff. 1 „natürliche oder naturnahe Bereiche fließender und stehender Binnengewässer
einschließlich ihrer Ufer und der dazugehörigen uferbegleitenden natürlichen oder naturna-
hen Vegetation sowie ihrer natürlichen oder naturnahen Verlandungsbereiche, Altarme und
regelmäßig überschwemmten Bereiche,“ und nach Ziffer 4 u. a. die Auenwälder. § 21
BNatSchG stellt auf die Bedeutung der oberirdischen Gewässer für Biotopverbund und Bio-
topvernetzung ab und regelt dazu im Abs. 5: „Unbeschadet des § 30 sind die oberirdischen
Gewässer einschließlich ihrer Randstreifen, Uferzonen und Auen als Lebensstätten und Bio-
tope für natürlich vorkommende Tier- und Pflanzenarten zu erhalten. Sie sind so weiterzu-
entwickeln, dass sie ihre großräumige Vernetzungsfunktion auf Dauer erfüllen können.“
§ 5 Abs. 1 SächsNatSchG konkretisiert die Regelungen des BNatSchG zu Grundsätzen der
guten fachlichen Praxis bei der landwirtschaftlichen Nutzung: „Abweichend von § 5 Abs. 2
Nr. 5 BNatSchG ist auf erosionsgefährdeten Hängen, in Überschwemmungsgebieten, auf
11
Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wild-
lebenden Tiere und Pflanzen (FFH-Richtlinie) und Richtlinie 79/409/EWG über die Erhaltung der wild lebenden
Vogelarten (Vogelschutz-Richtlinie; kodifizierte Fassung: Richtlinie 2009/147/EG vom 30. November 2009)
12
Konvention zur Biologischen Vielfalt (CBD) von 1992, EU-Biodiversitätsstrategie von 2011, Nationale Strategie
zur biologischen Vielfalt von 2007, Programm zur Biologischen Vielfalt im Freistaat Sachsen des Sächsischen
Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft von 2009 und seine Fortschreibung Biologische Vielfalt 2020
13
z. B. Übereinkommen über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wat- und Wasservögel, von inter-
nationaler Bedeutung (Ramsar-Konvention) von 1971, Übereinkommen zur Erhaltung der wandernden Tierarten
(Bonner Konvention) von 1983

image
image
image
34
Standorten mit hohem Grundwasserstand sowie auf Moorstandorten ein Umbruch von Dau-
ergrünland zu unterlassen.“
Zahlreiche Schutzgüter der Anhänge I, II und IV der FFH-Richtlinie sind in ihren Vorkommen
an Auen der Fließgewässer gebunden. Für Sachsen wurde recherchiert, dass dies 9 FFH-
LRT (LRT = Lebensraumtypen) betrifft (z. B. 91E0 Erlen-Eschen- und Weichholzauenwälder
als prioritärer LRT oder 6440 Brenndolden-Auenwiesen). Etwa 20 FFH-Arten, für die beson-
dere Schutzgebiete ausgewiesen wurden (Anhang II-Arten) und/oder die EU-weit streng ge-
schützt sind (Anhang IV-Arten), zeigen in ihren sächsischen Vorkommen eine mehr oder
weniger strenge Bindung an Auenlandschaften. Beispiele für diese EU-weit streng geschütz-
ten Arten sind der Biber (FFH-Anhang II, IV) mit einem günstigen Erhaltungszustand in
Sachsen, die Kreuzkröte (FFH-Anhang IV) im schlechten Erhaltungszustand und das Lie-
gende Büchsenkraut (FFH-Anhang IV) mit einem unzureichenden Erhaltungszustand im Be-
richtszeitraum 2007-2012 (Abb. 15). Um den günstigen Erhaltungszustand nach der FFH-
Richtlinie für solche Arten zu bewahren oder wiederherzustellen, sind funktionsfähige Auen
als Lebensräume von großer Bedeutung.
Abb. 15: Biber, Kreuzkröte und Liegendes Büchsenkraut (Fotos: Archiv Naturschutz LfULG,
von links: H. Rank, D. Synatzschke, W. Böhnert)
Hinzu kommen mindestens 10 nach Vogelschutz-Richtlinie geschützte europäische Vogelar-
ten mit Brutnachweisen in Sachsen, wie z. B. Eisvogel, Flussuferläufer, Mittelspecht, Fluss-
seeschwalbe und Weißstorch, für deren Schutz intakte Auenbiotope ebenfalls bedeutsam
sind.
Für diese Schutzgüter ist nach Art. 3 der FFH-Richtlinie und § 32 BNatSchG der günstige
Erhaltungszustand zu sichern („Verschlechterungsverbot“) bzw. wo dieser noch nicht erreicht
ist, wiederherzustellen. Alle 6 Jahre ist im Zuge des Natura 2000-Monitorings und der ent-
sprechenden Berichtspflichten (Art. 11, 17 FFH-Richtlinie, Art. 12 Vogelschutz-Richtlinie und
§ 6 Abs. 3 Nr. 2 BNatSchG) der Zustand an die Bundesinstitutionen zu melden, welche dar-
aus den nationalen FFH-Bericht an die EU-Kommission generieren.
Einige Ziele der Nationalen Biodiversitätsstrategie, die Flussauen betreffen, wurden bereits
in den Kapiteln 2 und 3 genannt. Weitere Ziele sind u. a. eine „bundesweite Erfassung des
ökologischen Zustandes von Flussauen im Rahmen eines nationalen Auenprogramms bis
2009“, „Wiederherstellung, Redynamisierung und Neuanlage von natürlichen oder naturver-
träglich genutzten Auwäldern“ und „Anpassung der landwirtschaftlichen Nutzung in erosions-
gefährdeten Bereichen der Auen“.

image
35
Kapitel 4 verdeutlicht, dass Potenzialflächen für Auenrevitalisierungsprojekte sich in den ge-
setzlich geregelten Überschwemmungsgebieten befinden. Aufgrund des zu erwartenden
Eingriffs von Maßnahmen zur Auenrevitalisierung in das Gewässer und der angrenzenden
Flächen ist davon auszugehen, dass in der Regel eine Planfeststellung nach WHG erforder-
lich sein wird. Bei der Planung und Umsetzung von Auenrevitalisierungsmaßnahmen sind
das Erfordernis von wasserrechtlichen Genehmigungen bei Beseitigung oder wesentlicher
Veränderung von Hochwasserschutz- oder anderen Anlagen sowie etwaige Verpflichtungen
zur Entschädigung oder zum Ausgleich zu berücksichtigen.
Die Naturschutzgesetzgebung, -strategien und -programme sehen zahlreiche Regelungen
zum Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten sowie von Lebensraumtypen und Biotopen in
Auen vor bzw. formulieren entsprechende Vorgaben und Ziele.
Mit den genannten wasser- bzw. naturschutzrechtlichen Vorschriften ist bei konsequentem
Verwaltungsvollzug eine Sicherung des noch vorhandenen natürlichen Retentionsraums zum
Zwecke des Hochwasserschutzes bzw. noch vorhandener naturnaher Auenbiotope für Zwe-
cke des Naturschutzes möglich.
Hartholz-Auwald an der Alten Luppe in der Elster-Luppe-Aue zwischen Leipzig und Schkeu-
ditz, der nicht mehr regelmäßig überflutet wird und daher seinen Charakter als Auwald suk-
zessive verändert (Foto: M. Denner)

36
5. HANDLUNGSFELDER
Voraussetzung für eine Planung und erfolgversprechende Umsetzung von Auenrevitalisie-
rungsmaßnahmen ist die regelmäßige (mindestens alle 5-20 Jahre) Überschwemmung der
Flächen. Weiterhin ist ein integratives Entwicklungskonzept, das die Möglichkeiten des prä-
ventiven Hochwasserrisikomanagements mit den umweltfachlichen Zielen des Natur-, Ge-
wässer- und Klimaschutzes und im Konsens mit den Hochwasserschutzanforderungen von
Siedlungen und den Nutzungsanforderungen bzw. Einkommensbeiträgen der bisherigen
Landbewirtschafter wie Eigentümer vereinbart, erforderlich. Je nach konkretem Einzelfall
sind dabei auch noch weitere Handlungsfelder zu beachten.
Maßgeblich für eine langfristige, nachhaltige und erfolgreiche Entwicklung der umgesetzten
Auenrevitalisierungsmaßnahmen insbesondere bei Gewässerveränderungen und wesentli-
chen Nutzungsänderungen ist dabei, dass diese durch einen Neuzuschnitt und Neuordnung
der maßgeblichen Flurstücke und Eigentumsverhältnisse dauerhaft (kataster- und grund-
buchmäßig) geregelt und abgesichert werden.
Dass der Bedarf zur Revitalisierung von natürlichen Überschwemmungsflächen in den Auen
besteht, ist ebenso unbestritten wie eine dafür vorliegende grundlegende Akzeptanz in der
Bevölkerung auf Bundesebene:
vgl. Auenzustandsbericht (BMU, 2009) und
Gewässer und Auen Nutzen für die Gesellschaft (BfN, 2015).
Dies ist die Grundlage für die bereits bestehenden Auenprogramme in den Bundesländern
wie z. B.:
Auenprogramm für Schleswig-Holstein (MELUR)
14
Aktionsprogramm Niedersächsische Gewässerlandschaften (MUEK, 2016)
15
Auenprogramm Bayern (LfU)
16
und langjährige Programme zur Gewässerrenaturierung wie z. B.:
AKTION BLAU und BLAU plus in Rheinland-Pfalz seit 1995
Integriertes Donau-Programm (IDP) in Baden-Württemberg seit 1992
Blaue Richtlinie (Richtlinie für naturnahe Unterhaltung und naturnahen Ausbau der
Fließgewässer in Nordrhein-Westfalen) seit 1999
Für alle Projekte zur Revitalisierung von natürlichen Überschwemmungsflächen sind folgen-
de Akteure unabdingbar und von Beginn an zu involvieren:
zuständige Wasser- und Naturschutzbehörden,
Träger der Unterhaltungs- und Ausbaulast der Gewässer,
Flächeneigentümer und –bewirtschafter und
regionale Öffentlichkeit und Entscheidungsträger.
14
www.schleswig-holstein.de/DE/Fachinhalte/W/wasserrahmenrichtlinie/auenprogramm.html
15
www.umwelt.niedersachsen.de/naturschutzstrategie/aktionsprogramm_gewaesserlandschaften
16
https://www.lfu.bayern.de/natur/auenprogramm/index.htm

image
37
Die wesentlichen Handlungsfelder, die bei der Etablierung eines Auenprogramms Berück-
sichtigung finden müssen, werden im Folgenden kurz vorgestellt und inhaltlich ausgeführt.
5.1 LÄNDLICHER RAUM/FLURNEUORDNUNG
Projekte zur Auenrevitalisierung können nur mit dem entsprechenden Raum, das heißt in der
Regel nur in der freien Landschaft und außerhalb von dichten Siedlungsräumen, umgesetzt
werden. Damit werden unlösbare Konflikte mit den Hochwasserschutzanforderungen der
lokalen Bevölkerung in den Siedlungsbereichen vermieden. Günstige Rahmenbedingungen
sind gegeben, wenn sich die Flächen überwiegend im Eigentum der öffentlichen Hand befin-
den. Dennoch spielen die lokal unterschiedlichen Strukturen des ländlichen Raums eine
nicht unerhebliche Rolle bei der Planung und Umsetzung von konkreten Maßnahmen zur
Auenrevitalisierung und damit auch für die Etablierung eines Auenprogramms (Abb. 16).
Abb. 16: Logo des LfULG zum Ländlichen Raum mit den Interessen, die sich dort in regional
unterschiedlichen Ausprägungen und Schwerpunkten manifestieren
Bisher wurden Flurneuordnungsverfahren zwar auch für Naturschutzprojekte wie z. B.
„Presseler Heidewald- und Moorgebiet“ eingesetzt, allerdings in geringem Umfang. Zum
Zwecke
des
Hochwasserschutzes
gibt
es
bereits
mehrere
Beispiele
für
Flurneuordnungsverfahren, die auf Initiative betroffener Bürger und Kommunen durchgeführt
wurden (LfULG, 2012). Teilweise wurden bei der Umsetzung von Maßnahmen im Rahmen
der Flurneuordnungsverfahren auch naturnahe Gestaltungen der Gewässer vorgenommen,
insbesondere wenn es sich um Offenlegungen von verrohrten Gewässerabschnitten
handelte. Das Werkzeug der Flurneuordnung kann somit auch für Projekte zur
Auenrevitalisierung genutzt werden, wenn ein allgemeiner Konsens bei allen Beteiligten zur
Erreichung dieses Ziels besteht.
Beispielhaft für die Möglichkeiten der Flurneuordnung zur Unterstützung von Auenrevitalisie-
rungsprojekten kann die Verlegung des Weißen Schöps
17
im Landkreis Görlitz herangezogen
werden, die im Rahmen der Erweiterung des Braunkohletagebaus Reichwalde erforderlich
wurde. Dazu wurde für den Weißen Schöps, der in den 1980er Jahren bereits zum ersten
17
Siehe Fußnote 3 auf S. 18

38
Mal nach Norden aus dem sogenannten Südfeld heraus in einen geradlinig betonierten Ka-
nal verlegt wurde, ein naturnah gestaltetes Gewässerbett mit einem Entwicklungskorridor
angelegt (Abb. 17 und 18). In diesem Korridor kann sich der Fluss selbst eine natürliche
Landschaft gestalten. Dabei wurden auch Anforderungen des Hochwasserrisikomanage-
ments beachtet, indem natürliche Geländemulden zur Verbesserung des Hochwasserrück-
haltes genutzt werden können.
HANDLUNGSERFORDERNISSE
Wichtigstes Handlungsfeld ist die Akzeptanzbildung bei den Bürgerinnen und Bürgern sowie
den Interessensvertretungen der regionalen Bevölkerung in den Gebieten, in denen eine
Auenrevitalisierung potenziell möglich ist. Erst wenn eine breite und nachhaltige Akzeptanz,
bestenfalls durch Identifikation mit dem Fluss und dem Naturraum, vorhanden ist, wird auch
eine Umsetzung konkreter Projekte gelingen. Diese Identifikation könnte sehr gut durch das
LEADER-Regionalmanagement erreicht werden, da die regionalen Akteure die Förderinhalte
selbst bestimmen und sich aktiv für Auenrevitalisierungsprojekte entscheiden können.
LEADER (aus dem Französischen: „Liaison entre actions de développement de l'économie
rurale“) ist eine Initiative der Europäischen Union zur Entwicklung der ländlichen Räume un-
ter maßgeblicher Mitarbeit der Bevölkerung. Eine finanzielle Unterstützung der ländlichen
Entwicklung im Rahmen von LEADER erfolgt aus Mitteln des Europäischen Landwirtschafts-
fonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) und sächsischen Landesmitteln.
Wichtige behördliche Akteure im ländlichen Raum sind die Flurneuordnungsbehörden mit der
Zuständigkeit für Verfahren nach dem Flurbereinigungsgesetz (FlurbG). Weiterhin ist der
Verband für Ländliche Neuordnung Sachsen als Erfahrungsträger zu berücksichtigen.
Schlussendlich müssen Lösungen gefunden werden, die einen fairen Ausgleich von finanzi-
ellen Einbußen für die Flächeneigentümer und Bewirtschafter der Bereiche, die für eine Wie-
derherstellung natürlicher Überflutungsflächen potenziell geeignet sind, ermöglichen.
Erhöhte Relevanz erhält das Instrument Ländliche Neuordnung, wenn es darum geht, unter-
schiedliche Nutzungsansprüche an ländliche Grundstücke zu koordinieren, wie das in der
Regel auch bei der Umsetzung von Auenrevitalisierungsprojekten der Fall sein wird. So ver-
folgt der Freistaat Sachsen beispielsweise das Ziel, den Verlust landwirtschaftlicher Flächen
deutlich zu reduzieren. Dies erfordert ein abgestimmtes Handeln aller Akteure im ländlichen
Raum. Eine Neuordnung von Grundstücken, welche die sich teilweise widersprechenden
Anforderungen räumlich optimiert, kann hierbei helfen. Mögliche lange Verfahrenszeiten sind
zu beachten.

image
image
39
Abb. 17: Neu angelegtes Gewässerbett des Weißen Schöps mit Entwicklungskorridor (Foto:
C. Fiskal)
Abb. 18: Biotopentwicklung, unterstützt durch Initialpflanzungen, am neu angelegten Ge-
wässerbett des Weißen Schöps (Foto: B. Huth)

image
image
40
5.2 NATURSCHUTZ/BIODIVERSITÄT/BIOTOPVERBUND
Die Umsetzung von Naturschutzzielen bzw. die Erhaltung und Verbesserung des Zustandes
typischer Arten, Biotope und Lebensgemeinschaften der Flüsse und ihrer Auen ist eine zent-
rale Motivation zur Etablierung des Auenprogramms. Viele Arten und Biotope der Flussauen
sind nach den Roten Listen
18
gefährdet. Die Ergebnisse des Natura 2000-Monitorings doku-
mentieren für viele auentypische Schutzgüter einen „unzureichenden“ oder „schlechten“ Er-
haltungszustand, was nicht zuletzt auch den ungünstigen Entwicklungsaussichten infolge der
ausbleibenden natürlichen Auendynamik geschuldet ist. Hauptursache ist der Verlust auen-
typischer Lebensräume, u. a. durch Bebauung, Eindeichung und intensive Landnutzung in
den vor Hochwasser geschützten Altauen. Diese Diskrepanz zwischen dem aktuell in vielen
Auenbereichen aus naturschutzfachlicher Sicht ungünstigen Zustand auf der einen und den
im Kapitel 4 dargestellten rechtlichen Verpflichtungen auf der anderen Seite begründet den
Handlungsbedarf zur Erhaltung bestehender und Wiederherstellung natürlicher Überflutungs-
flächen als Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung unserer Auen (Abb. 19).
Abb. 19: Beispiel für noch vorhandene wertvolle Auenstruktur in der Elbaue im Bereich der
Pillnitzer Insel mit hoher Dichte auentypischer Schutzgüter (Foto: M. Denner); Kiesbänke an
Flüssen sind Habitat des Flussregenpfeifers (Foto: J. Lorenz)
Wesentlich für die Etablierung eines sächsischen Auenprogramms sind die Grundprinzipien
des Programms zur Biologischen Vielfalt im Freistaat Sachsen (SMUL, 2009): „Einheit von
18
Rote Listen sind Verzeichnisse ausgestorbener, verschollener und gefährdeter Tier-, Pflanzen- und Pilzarten,
Pflanzengesellschaften sowie Biotoptypen und Biotopkomplexe. Sie sind wissenschaftliche Fachgutachten, in
denen der Gefährdungsstatus für einen bestimmten Bezugsraum dargestellt ist. Sie bewerten die Gefährdung
anhand der Bestandsgröße und der Bestandsentwicklung
(
https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/8486.htm
)

41
Schutz und nachhaltiger Nutzung“, „Kooperation vor Restriktion“, „Integration vor Segregati-
on“, „Bewahrung vor Restauration“, „Vermeidung vor Kompensation“, „vorrangige Umset-
zung funktional vernetzender Maßnahmen“ und „Vorbildwirkung des Staates“. Beim Hoch-
wasserschutz und bei der Gewässerunterhaltung ist den Belangen des Naturhaushalts
Rechnung zu tragen. Nach Möglichkeit sind zusammen mit Eigentümern, Landnutzern und
Naturschützern vor Ort Lösungen zu erarbeiten (SMUL, 2009). Dies gilt auch für die Erhal-
tung und Rückgewinnung natürlicher Überflutungsflächen.
HANDLUNGSERFORDERNISSE
Oberste Priorität hat die
Erhaltung
der noch naturnahen, ökologisch funktionsfähigen rezen-
ten Auen (gemäß dem Grundprinzip „Bewahrung vor Restauration“), welche sich durch ein
natürliches Überflutungsregime auszeichnen. Durch eine angepasste Landnutzung und den
Wechsel aus Überflutung und Trockenfallen weisen diese Auenabschnitte eine hohe Stand-
ortvielfalt und eine große Anzahl auentypischer Schutzgüter auf. Der Priorität „Erhaltung“
trägt auch das Ziel Z 4.1.1.3 des Landesentwicklungsplans Sachsen Rechnung (LEP
2013)
19
. Erforderlich sind die Erstellung einer Übersicht solcher landesweit und regional be-
deutsamen naturnahen Auenabschnitte und die Überprüfung ihres Schutzstatus. Letzterer
dürfte in den meisten Fällen ausreichend sein, da viele wertvolle Auenbereiche bereits als
Naturschutzgebiete (z. B. NSG Luppeaue, Burgaue, Vereinigte Mulde Eilenburg - Bad Dü-
ben, Röderauwald Zabeltitz) und/oder Natura 2000-Gebiete ausgewiesen sind. Handlungs-
bedarf besteht aber auch in diesen Schutzgebieten, um Beeinträchtigungen zu minimieren
und die Schutzziele zu erreichen.
Das LfULG hat im Rahmen der Erarbeitung von Fachgrundlagen für potenzielle Auenprojek-
te bereits eine erste Dichteanalyse auentypischer Schutzgüter durchgeführt mit dem Ergeb-
nis, dass sächsische Auenabschnitte heute vielfach eine niedrige Schutzgutdichte aufwei-
sen. Auen mit einer mittleren bis hohen Schutzgutdichte, d. h. einer großen Anzahl noch vor-
kommender naturschutzfachlich bedeutsamer auentypischer Arten, Lebensraumtypen und
Biotope finden sich in der Elster-Luppe-Aue, an der Vereinigten Mulde, an der Elbe im obe-
ren Elbtal/Sächsische Schweiz, an der Großen Röder (Röderauwald) sowie an der Spree
und der Neiße. Hier besteht v. a. das Ziel der oben beschriebenen Erhaltung noch vorhan-
dener wertvoller Auenstrukturen und Anbindung dieser Strukturen an die Flussdynamik
durch Vermeidung von Eingriffen, die dieses System stören. Weiterhin können naturnahe
Entwicklungen durch Wiederanbindung bisher abgetrennter Bereiche an eine natürliche
Überflutungsdynamik der Flüsse gefördert werden (siehe Kap. 2.4).
Die
Entwicklung oder Wiederherstellung
ökologisch funktionsfähiger Auenbereiche und
somit die Schaffung natürlicher Rückhalteflächen und -räume in dafür geeigneten Bereichen
stellen den zweiten zentralen Baustein eines Auenprogramms dar. So gelten u. a. die Elbe
19
Naturnahe Quellbereiche und Fließgewässer beziehungsweise Fließgewässerabschnitte mit ihren Ufer- und
Auenbereichen sowie ökologisch wertvolle Uferbereiche von Standgewässern sind in ihren Biotop- und natürli-
chen Verbundfunktionen zu erhalten und von jeglicher Bebauung und Verbauung freizuhalten. Das gilt nicht für
Vorhaben, die typischerweise in Flussauen, Flusslandschaften oder Uferbereichen von Standgewässern ihren
Standort haben.
Notwendige Maßnahmen des Gewässerausbaus und der Gewässerunterhaltung sollen so geplant und durchge-
führt werden, dass sie die Lebensraum- und Biotopverbundfunktionen des jeweiligen Fließgewässers und seiner
Auen in ihrer Gesamtheit nicht beeinträchtigen.“
(Z 4.1.1.3 des LEP 2013)

42
unterhalb von Riesa und weitere Bereiche der sächsischen Auen mit aktuell niedriger
Schutzgutdichte als Suchraum für Auenentwicklungsprojekte. Hierzu wurden durch die
Fachbehörden LfULG und LTV erste Potenzialgebiete mit entsprechenden Flächen ermittelt
und priorisiert (vgl. Kap. 2.4 und Abb. 12). Die Umsetzung von konkreten Revitalisierungs-
maßnahmen soll schrittweise und im Rahmen von gebietsbezogenen Projekten erfolgen. In
der Regel sind die Erstellung eines projektbezogenen Fachkonzepts, der Abgleich mit den
Zielen und vorgesehenen Maßnahmen des Hochwasserschutzes, die Verbesserung der Flä-
chenverfügbarkeit und der Interessenausgleich mit den betroffenen Eigentümern und Land-
nutzern sowie die Berücksichtigung kommunaler Interessen erforderlich. Der Aufwand dafür
ist je nach Flächengröße, Eigentümerstruktur und weiterer Faktoren unterschiedlich. Vor der
Umsetzung von konkreten Maßnahmen sind die erforderlichen Verwaltungsverfahren (z. B.
wasserrechtliche Genehmigungs- oder Planfeststellungsverfahren, Flurneuordnungsverfah-
ren) durchzuführen. Die Beschreibung und ggf. ergänzende Erfassung der Schutzgüter so-
wie der konkreten Zielstellungen des Natur- und Gewässerschutzes, aber auch des Hoch-
wasserrisikomanagements erfolgt bei der Erarbeitung des jeweiligen projektbezogenen
Fachkonzepts.
Die Umsetzung von Naturschutzzielen ist neben dem vorbeugenden Hochwasserschutz eine
zentrale Motivation für die Etablierung eines Auenprogramms. Zahlreiche Schutzgüter sind
auentypisch, aber derzeit gefährdet und/oder in keinem günstigen Erhaltungszustand gemäß
der Natura 2000-Richtlinien. Die beiden wesentlichen Bausteine eines Auenprogramms,
1. die Erhaltung der noch naturnahen Auen und
2. die Revitalisierung von Altauen in geeigneten Bereichen,
tragen zu einer Verbesserung der auentypischen Biodiversität entscheidend bei. Dabei sind
gute kompromissorientierte Kooperationsmodelle insbesondere mit der Landwirtschaft, ge-
mäß dem Grundprinzip „Kooperation vor Restriktion“, für die Akzeptanz der Einzelprojekte
und deren Umsetzungsfähigkeit, aber auch für ein Auenprogramm insgesamt von grundle-
gender Bedeutung.
„Naturnahe Gewässer und die mit ihnen funktional verbundenen Ufer- und Auenbereiche
besitzen als Lebensadern der Landschaft eine herausragende Bedeutung für den Erhalt der
biologischen Vielfalt. Der Schutz dieser Bereiche unterstützt die Umsetzung der Nationalen
Strategie zur biologischen Vielfalt sowie der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie.“
(Auszug aus
der Begründung zu Ziel 4.1.1.3 und Grundsatz 4.1.1.4 des LEP 2013 Sachsen)

image
43
5.3 GEWÄSSERSCHUTZ
Natürliche Überschwemmungsflächen und entsprechende Auen sind ein essentieller Be-
standteil von Gewässern und deren ökologischen Funktionsfähigkeit. Auen stellen den natür-
lichen Übergang bzw. eine natürliche Verknüpfung von aquatischen und terrestrischen
20
Ökosystemen dar und haben daher eine herausragende ökologische Bedeutung. Fließge-
wässer bilden natürlicherweise Auenbereiche aus, sobald es zu regelmäßigen Über-
schwemmungen kommt. Dadurch stellen sich u. a. strukturbildende Prozesse an der Gewäs-
sersohle, am Ufer und im Umland ein. Es finden Wechselwirkungen wie Stoffeintrag und
-austrag über biochemische, physikalische, aber auch biologische Prozesse wie z. B. das
Nahrungsnetz statt, die für die ökologische Funktionsfähigkeit der Gewässer von grundle-
gender Bedeutung sind (Abb. 20).
Abb. 20. Beispiel für einen Gewässerabschnitt der Trebnitz (Zufluss zur Müglitz im Land-
kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge), dessen ökologische Funktionsfähigkeit intakt ist
(Foto: LfULG, Strukturkartierung)
Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) fordert u. a. für alle Oberflächengewässer einen guten
ökologischen Zustand oder ein gutes ökologisches Potenzial sowie einen guten chemischen
Zustand und beachtet bei Schutzgebieten im Artikel 4 auch die weiteren Normen und Ziele
der gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften, auf deren Grundlage die einzelnen Schutzgebie-
te ausgewiesen wurden. Damit wird eine enge Verknüpfung u. a. der WRRL mit der FFH-
20
aquatisch [von latein. aquaticus =], aquatil, im Wasser lebend bzw. das Wasser betreffend;
terrestrisch [von latein. terrestris = Erd-, Land-], landbürtig, dem (Fest-)Land zugehörig.

44
Richtlinie und Vogelschutz-Richtlinie hergestellt, so dass die Ziele des Gewässerschutzes
bestmöglich in Synergie mit den Zielen der Naturschutzrichtlinien erreicht werden sollen (EC,
2011).
HANDLUNGSERFORDERNISSE
Der ökologische Zustand/Potenzial aller großen Fließgewässer in Sachsen ist „nicht gut“,
dennoch weisen z. B. die Elbe und die Vereinigte Mulde Bestände an Fischen und
benthischen Invertebraten (im Wasser lebende Kleinlebewesen wie z. B. Muscheln, Schne-
cken und Krebse) auf, die nach den Bewertungsmaßstäben der WRRL einem guten ökologi-
schen Zustand entsprechen. Das verdeutlicht, dass prinzipiell ein natürliches Entwicklungs-
potenzial für die großen sächsischen Fließgewässer vorhanden ist. Die Revitalisierung von
Auen kann daher dazu beitragen, dieses Entwicklungspotenzial für die Erreichung der Um-
weltziele der WRRL an den Gewässern zu nutzen, indem sich entsprechende Gewäs-
serstrukturen und Fließverhältnisse einstellen, die Lebensräume für gewässertypspezifische
Pflanzen und Tiere bieten. Weiterhin werden dadurch naturnahe Entwicklungsprozesse ge-
fördert, die zusätzliche Verbesserungen z. B. für die Wassergüte, das Abflussverhalten und
die Strömungsverhältnisse sowie den Sedimenthaushalt bedingen und damit ebenfalls zur
Erreichung der Umweltziele beitragen.
Auenbereiche gehören aber auch zu kleineren Gewässern, dann allerdings mit wesentlich
geringerem Flächenumfang im Vergleich zu den großen Flüssen. Für diese Gewässer ist im
Hinblick auf die Erreichung der Umweltziele neben der Reduzierung von Stoffeinträgen die
Verbesserung der Gewässerstrukturen bedeutsam (Abb. 21). Das Initiieren von naturnahen
Entwicklungsprozessen und die Bereitstellung eines Entwicklungsraumes auch für kleinere
Gewässer kann mit wenig Aufwand erreicht werden, wenn Flächen verfügbar sind, die vor-
handenen Fördermöglichkeiten besser bekannt gemacht und genutzt sowie die Akzeptanz
für entsprechende Maßnahmen gesteigert werden.

image
image
45
Abb. 21: Revitalisierung kleiner Bäche durch einfache Maßnahmen am Beispiel der Launzi-
ge (Zufluss zur Vereinigten Mulde) bei Trebsen, links gradliniger, unstrukturierter Bereich
mit unzureichender Lebensraumausstattung und rechts nach Umsetzung von Maßnahmen
zur Initiierung eigendynamischer Prozesse, die zur Erreichung des guten ökologischen Zu-
standes beitragen (Fotos: B. Spänhoff)
Revitalisierung von Auen an großen und kleinen Gewässern führt zur Verbesserung der öko-
logischen Funktionen und trägt damit zur Erreichung der Umweltziele der WRRL bei. Zu be-
achten sind dabei die vielfältigen Nutzungsanforderungen an die Gewässer und deren Um-
land. Kompromisslösungen werden erforderlich sein, um den großen Flüssen wieder mehr
Raum für Überschwemmungen und den kleinen Bächen für eine naturnähere Gewässerent-
wicklung zu geben. Das Auenprogramm basiert auf dem Verständnis, dass naturnähere Ge-
wässer ihre ökologischen Funktionen im Naturhaushalt weitaus besser erfüllen können als
naturfern ausgebaute. Für diese Entwicklungsprozesse benötigen die Bäche und Flüsse
Raum.

image
46
5.4 LANDWIRTSCHAFT
Von der Landesfläche Sachsens (ca. 18.500 km²) werden mehr als 50 % (ca. 10.000 km²)
landwirtschaftlich genutzt, davon ist der überwiegende Teil Acker (ca. 7.000 km²). Auch viele
der ehemaligen natürlichen Überschwemmungsbereiche werden heute durch die Landwirt-
schaft geprägt (Abb. 22). Diese Nutzung hat sich bereits in den zurückliegenden Jahrhunder-
ten entwickelt, da die Auenböden natürlicherweise nährstoff- und damit ertragreich sind. Mit
der fortschreitenden Intensivierung der Landwirtschaft, den Ertragssteigerungen und Anfor-
derungen an die Ertragsmengen entstand frühzeitig das Erfordernis zum Schutz der Flächen
vor natürlichen Überschwemmungsereignissen, um die Versorgungssicherheit der Bevölke-
rung mit Lebensmitteln zu gewährleisten. Neben dem technischen Fortschritt in der Land-
wirtschaft verbesserten sich die Möglichkeiten zur großräumigen Realisierung von techni-
schen Hochwasserschutzmaßnahmen. So lassen sich eine Reihe von flussnahen Deichen
erklären, die auch viele Ackerflächen vor Hochwasserereignissen bestimmter Größenord-
nung schützen.
Abb. 22: Flussnahe Ackerflächen im Überschwemmungsgebiet der Elbe bei Torgau (Foto:
Mediendatenbank SMUL, M. Löwig)
HANDLUNGSERFORDERNISSE
Die Rückgewinnung von Retentionsflächen in Auen durch Rückverlegungen oder Aufgabe
von Deichen wird sich auch auf die Landbewirtschaftungsmöglichkeiten dieser Gebiete aus-
wirken. Planungen zur Wiederherstellung der natürlichen Überschwemmungsgebiete müs-
sen somit die Vereinbarkeit mit Landbewirtschaftungsformen berücksichtigen, die, entspre-
chend der jeweiligen Standortfaktoren und des Entwicklungsziels, an das Überschwem-
mungsregime angepasst sind. Anzustreben ist dabei eine an die Auendynamik angepasste

47
Nutzungsweise in Bereichen, wo dies bisher noch nicht erfolgt. Als Leitbild vieler Auenberei-
che in Sachsen lässt sich eine offene bis halboffene Landschaft mit angepasster nachhalti-
ger landwirtschaftlicher Nutzung und Elementen der natürlichen Auenentwicklung (z. B. na-
turnahe Gewässerstrukturen, Altarme, Altwässer, Weichholzauwald ufernah und an Tiefenli-
nien) formulieren. Bei angepassten Nutzungsweisen auf den Überschwemmungsflächen,
z. B. in Form einer Dauergrünlandnutzung (Abb. 23), ist in der Regel davon auszugehen,
dass keine großen Schäden bei einer Überflutung entstehen. Flächenhaftere Erosionen oder
Übersarung, d. h. großflächige Ablagerung von Flusskies oder -schotter, sowie eine länger
anhaltende Überstauung beeinträchtigen aber auch Dauergrünland in seiner Nutzungsfähig-
keit bzw. führen zu einem Verlust der Beihilfefähigkeit der Flächen für EU-Zahlungen.
Grundsätzlich ist dabei der Erhalt der Beihilfefähigkeit der Flächen als Grundlage für die Ge-
währung von Direktzahlungen und/oder Agrarförderung für die Bewirtschafter der Flächen
entsprechend den gültigen EU-Vorgaben anzustreben. Das ist möglich, wenn Überflutungen
zeitlich begrenzt bleiben und sich keine der Beihilfefähigkeit/Förderung entgegenstehende
Gehölzsukzession einstellt.
21
Betroffene Flächen, bei denen diese Beihilfefähigkeit im Pro-
zess der Auenentwicklung nicht mehr gegeben ist und welche nicht mehr landwirtschaftlich
genutzt werden können, sollten vorzugsweise durch die öffentliche Hand oder durch Dritte
erworben werden bzw. ist ein Flächentausch vorzusehen. Den Landnutzern ist ein Einkom-
mensausgleich im Falle von Flächenabgängen (Pachtflächenabgänge) zu zahlen.
Bei einer weiterhin gegebenen landwirtschaftlichen Nutzung der entsprechenden Flächen
einschließlich deren Beihilfefähigkeit nach EU-Recht sind Einkommensverluste, die aufgrund
einer angepassten Bewirtschaftung zur Auenentwicklung entstehen können, im Rahmen der
zukünftigen Agrarförderung nach 2020 auszugleichen. Zusätzlich sind, sofern dies erforder-
lich ist, für die betroffenen Landbewirtschafter Ausgleichsregelungen zu entwickeln.
Weitere Möglichkeiten sind die Anerkennung von Landschaftselementen oder der Erhalt der
Beihilfefähigkeit für die Flächen gemäß Artikel 32 Abs. 2 Buchst. b) VO 1307/2013, solange
diese EU-Verordnungsregelung gilt. Nach dieser Regelung sind Flächen, welche im Jahre
2008 noch beihilfefähig waren, weiterhin zumindest bis 2020 beihilfefähig, auch wenn die
Flächen nicht mehr genutzt und zur Erreichung der Ziele von Natura 2000 oder der WRRL
der natürlichen Entwicklung bzw. Suksession (mit Überschwemmung und Wiedervernäs-
sung) überlassen werden. Eine andere Möglichkeit, die private Flächeneigentümer und Be-
wirtschafter dauerhaft entlasten, stellt der Flächentausch in der Ländlichen Neuordnung mit
Flächen im öffentlichen Eigentum zugunsten der Landwirtschaftsbetriebe dar.
21
Das heißt gemäß der derzeit gültigen EU-Vorgaben, dass Überflutungen auf der Fläche während der Vegetati-
onsperiode nicht länger als 14 Tage und im gesamten Kalenderjahr nicht mehr als 21 Tage andauern. Darüber
hinaus ist zu beachten, dass für den Fortbestand einer förderfähigen Bodennutzungskategorie der Feldblöcke
(z. B. Ackerland, Grünland) sich kein unzulässiger Verbuschungsgrad oder Baumbestand einstellt.

image
48
Abb. 23: Nutzung von Auengrünland an der Vereinigten Mulde durch Beweidung (Foto aus
der Natura 2000-Filmreihe des SMUL in Kooperation mit Simank GbR)
Da der Verlust landwirtschaftlicher Nutzfläche für wirtschaftende Unternehmen im Freistaat
Sachsen minimiert werden soll, ist es ein vordergründiges Ziel, dass wiederhergestellte na-
türliche Überschwemmungsräume mit angepassten Bewirtschaftungsformen weiterhin ge-
nutzt werden können. Auf bestimmten Flächen mit besonderem Handlungsbedarf sollten die
Bewirtschafter möglichst nicht durch Pachtverträge mit privaten Flächeneigentümern in den
Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt werden, so dass auch hier die Vorzugslösung der
Flächenerwerb durch öffentliche Träger ist. Durch die öffentliche Hand, Stiftungen oder Na-
turschutzverbände als Flächeneigentümer besonders sensibler Gebiete könnten flexible ver-
tragliche Vereinbarungen mit Bewirtschaftern angestrebt werden. Dadurch lassen sich ver-
schiedene Ziele miteinander kombinieren, z. B. eine naturnähere Entwicklung von wieder-
hergestellten Überschwemmungsgebieten mit extensiver landwirtschaftlichen Nutzung oder
anderweitiger regionaler Wertschöpfung (z. B. durch Waldbewirtschaftung, Tourismus) auf
einem Teil der Flächen.
Wichtig ist dabei eine frühzeitige Einbeziehung aller Betroffenen, insbesondere Eigentümer
und bisherige Nutzer. Dadurch können einvernehmliche Lösungen angestrebt werden, was
die Akzeptanz für Maßnahmen der Auenentwicklung deutlich steigert. Ein besonders wichti-
ger Aspekt wird dabei auch, wie zuvor bereits angedeutet, die zukünftige Ausgestaltung der
Agrarförderung sein. Sie soll Möglichkeiten der Kompensation von Ertragseinbußen bei der
Umstellung von Bewirtschaftungsformen zur Wiederherstellung und Entwicklung von natürli-
chen Überschwemmungsflächen eröffnen. Dieser Aspekt sollte bei der Erstellung der Pla-
nungsdokumente für die neue Förderperiode entsprechend berücksichtigt werden. Für Flä-
chen, welche der langfristigen Sicherung naturschutzfachlicher Ziele dienen sollen, kann dies
aufgrund der Bindung an Förderperioden eine Überbrückung z. B. bis zum Abschluss von
Flurneuordnungsverfahren sein.
Als Beispiel sind hier die Fördermöglichkeiten der 2. Säule der Agrarförderung zu nennen,
wie die Agrarumwelt- und Naturschutzprogramme, welche für die jeweiligen Förderperioden
umwelt- und naturverträgliche Bewirtschaftungsformen finanziell honorieren. Deren zukünfti-
ge Ausgestaltung soll die Erfordernisse der Erhaltung und Wiederherstellung natürlicher
Überschwemmungsflächen in den Flussauen stärker berücksichtigen. Dazu sind entspre-

image
49
chende Fördertatbestände und eine Berücksichtigung bei der Abgrenzung der Förderkulis-
sen notwendig.
Für eine langfristige Entwicklung und Unterstützung ist auf Kontinuität und bedarfsgerechte
Weiterentwicklung der Fördertatbestände zu achten. Gleichzeitig müssen aber auch Prozes-
se initiiert werden, die dauerhafte Lösungen zur Regelung des Grundstückseigentums an-
streben, um den Betroffenen entsprechende langfristige Perspektiven im Umgang mit den
Flächen zu eröffnen.
An Projekten im bundesweiten Interesse wie z. B. dem Nationalen Hochwasserschutzpro-
gramm oder im Programm Blaues Band sollte sich der Bund an der Finanzierung von Ent-
schädigungszahlungen für die Flächennutzer nach einheitlichen Maßstäben beteiligen.
Damit kann ein fairer Interessenausgleich, der die Flächeneigentümer und Landwirte nicht
schlechter stellt, als Voraussetzung für die Akzeptanz in der Region erreicht werden.
Mehr als 70 % der rezenten Flussauen in Deutschland werden landwirtschaftlich genutzt.
Für in der Fläche wirksame Maßnahmen eines vorbeugenden Hochwasserschutzes und der
Auenentwicklung unter Gesichtspunkten des Naturschutzes kommt entsprechenden Koope-
rationsmodellen für die Landwirtschaft zentrale Bedeutung zu. [… ] Den Flächeneigentümern
und -bewirtschaftern müssen, flankiert durch ein entsprechendes Flächenmanagement, öko-
nomisch tragfähige Angebote mit einer langfristigen Ausrichtung unterbreitet werden, die
eine standortangepasste und naturverträgliche Nutzung dauerhaft ermöglichen.
“ (Jessel,
2016).
Pflege von Auengrünland im Elbe-Mulde-Tiefland durch Beweidung mit Mutterkühen (Foto
aus der Natura 2000-Filmreihe des SMUL in Kooperation mit Simank GbR)

50
5.5 WALD/FORSTWIRTSCHAFT
In den fruchtbaren Auen der 10 größten sächsischen Fließgewässer (vgl. Kap. 2) ist der
Waldanteil mit 11 % (darunter nur 2,3 % naturnaher Auwald) unterrepräsentiert.
Die potenziell natürlichen Waldgesellschaften in Überflutungsauen der größeren Flüsse, auf
die das Auenprogramm fokussiert, sind der Weichholz-Auwald und der Hartholz-Auwald
(Schmidt, 1995, Schmidt et al. 2002). Ersterer hat seinen natürlichen Standort meist in unmit-
telbarer Ufernähe oder an Altwässern auf nährstoffreichem, häufig überschwemmtem, san-
dig-kiesigem Boden und wird von verschiedenen Weidenarten und der einheimischen
Schwarz-Pappel geprägt. Der Hartholz-Auwald mit den typischen Baumarten Stiel-Eiche,
Flatter- und Feld-Ulme, Esche, Berg- und Feld-Ahorn besiedelt von Natur aus die etwas hö-
her gelegenen und dadurch seltener überfluteten, landseitig an den Weichholz-Auwald an-
schließenden nährstoffreichen Auenlehme.
Beide Waldtypen benötigen für ihr langfristiges Fortbestehen die Auendynamik, das heißt
einen regelmäßigen Wechsel zwischen Überflutung bei Hochwasser und Trockenfallen in
Niedrigwasserperioden. Bleibt die Dynamik aus, können sich zunehmend nicht oder weniger
überflutungstolerante Baumarten wie Hainbuche, Spitz-Ahorn, Winter-Linde und Rot-Buche
oder Nadelbäume etablieren, und der Charakter als Auwald geht mit der Zeit verloren.
Durch den 2016 abgeschlossenen zweiten Durchgang der landesweiten Waldbiotopkartie-
rung wurde ermittelt, dass in Sachsens flussbegleitenden Wäldern noch etwa 100 ha Weich-
holz- und etwa 1.100 ha Hartholz-Auwald vorkommen. Beide Biotoptypen sind in Sachsen
entsprechend der Roten Liste Biotoptypen vom Verschwinden bedroht (Buder & Uhlemann
2010). Günstiger ist die Situation noch bei den Erlen-Eschen-Wäldern der Auen und Quellbe-
reiche. Diese begleiten vorwiegend galerieartig die kleineren Bäche und Flüsse vom Berg-
bis ins Flachland und nehmen etwa 2.400 ha Fläche ein. Beispiele für bedeutende Waldge-
biete mit flächenhaften Auwäldern im Freistaat Sachsen sind der Leipziger Auwald (Elster-
Luppe-Aue), der Röderauwald bei Zabeltitz und die Auwälder auf den beiden Elbinseln (NSG
Elbinseln Pillnitz und Gauernitz).
Wie Wälder insgesamt, zeichnen sich die Auwälder durch ihre Multifunktionalität aus. Sie
erfüllen mit unterschiedlicher flächenkonkreter Schwerpunktsetzung Nutzfunktionen (Erzeu-
gung des nachwachsenden Rohstoffes Holz), Schutzfunktionen (Hochwasserschutz, Klima-
schutz, Biotop- und Artenschutz) und Erholungsfunktionen, was zum Beispiel beim Leipziger
Auwald (Abb. 24) ganz besonders deutlich wird.

image
51
Abb. 24: Hartholz-Auwald in der Elster-Luppe-Aue zwischen Leipzig und Schkeuditz, der
nicht mehr regelmäßig überflutet wird (Foto: H. Metzler)
HANDLUNGSERFORDERNISSE
Ziele der Wald- und Forstwirtschaft im Zusammenhang mit einem Auenprogramm sind:
die Erhaltung noch bestehender Auwälder, u. a. durch Wiederanbindung an die natür-
liche Überflutungsdynamik,
Waldumbau nicht standortgerechter Wälder in Auen (z. B. Hybrid-Pappel) zu ökolo-
gisch stabilen Auwäldern,
Neuanlage von Auwald in geeigneten Bereichen sowie
Förderung seltener, auwaldtypischer Baumarten wie Schwarz-Pappel, Flatter- und
Feld-Ulme.
Die vorhandenen Auwälder sollen erhalten und unter Beachtung ökologischer Grundsätze
bewirtschaftet werden, so dass sie ihren Charakter als Auwald bewahren.
Soweit mit den Erfordernissen des Hochwasserschutzes und den Erhaltungszielen in Natura
2000-Gebieten, der WRRL sowie den Interessen/Belangen der Waldbesitzer vereinbar, sol-
len die von der natürlichen Auendynamik durch Deiche oder tief eingeschnittene künstliche
Fließgewässer abgetrennten Auwaldrelikte wieder an die Überflutungsdynamik angebunden
werden. Dies kann beispielsweise durch Deichrückverlegung, Gewässersohlanhebung, Bö-
schungsabflachung oder die gezielte Wiedereinleitung von Hochwasser in noch vorhandene
Altarmstrukturen erfolgen.
Weitere Möglichkeiten, die Fläche an Auwald in geeigneten Bereichen wieder zu mehren,
liegen im aktiven ökologischen Waldumbau von nicht standortgerechten Waldflächen in na-
türlichen Überschwemmungsbereichen zu Auwald und in der gezielten Waldmehrung. Im
letzteren Fall ist eine Erstaufforstungsgenehmigung notwendig (§ 10 SächsWaldG). Die Be-
lange des Hochwasserabflusses zum Schutz von Siedlungen und Infrastruktur sind zu be-

52
rücksichtigen. Die Entstehung insbesondere von Weichholz-Auwald kann auch durch natürli-
che Sukzession erfolgen, wenn Freiräume für eine dynamische Fließgewässer- und Auen-
entwicklung entsprechend Grundsatz G 4.1.1.4 des Landesentwicklungsplans
22
(LEP 2013)
in geeigneten Bereichen zugelassen werden.
Sowohl der Waldumbau als auch die Waldmehrung eröffnen gute Möglichkeiten für die För-
derung seltener Baumarten der Auen, wie z. B. der in Sachsen vom Aussterben bedrohten
Schwarz-Pappel (
Populus nigra
). Erfassungen haben ergeben, dass an Elbe und Vereinigter
Mulde noch etwa 2.000 adulte Schwarz-Pappeln in Form von Einzelbäumen, Baumgruppen
und -reihen existieren, die sich aber kaum noch natürlich verjüngen können (Abb. 25). Der
Fortbestand dieser Baumart ist in Sachsen an Nachpflanzungen mit autochthonem oder zu-
mindest gebietsheimischem Pflanzmaterial und an die Wiederherstellung dynamischer Auen-
landschaften gekoppelt. Mittlerweile sind Schwarz-Pappeln aus der Beerntung von sächsi-
schen Vorkommen beim Staatsbetrieb Sachsenforst verfügbar.
Der Freistaat Sachsen unterstützt den Waldumbau und die Waldmehrung aus dem Förder-
programm Wald und Forstwirtschaft und setzt entsprechende Ziele auf den landeseigenen
Flächen in Zuständigkeit des Staatsbetriebes Sachsenforst vorbildlich um.
„Auenbereiche im eigentlichen Sinne … sind Träger wichtiger ökologischer Funktionen. …
Darüber hinaus beherbergen sie die artenreichsten Lebensräume. Das hohe Artenpotenzial
resultiert aus den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen aquatischen, amphibischen
und terrestrischen Lebensgemeinschaften und der Funktion der Fließgewässer und Auen als
Wander- und Ausbreitungskorridor. Insbesondere die periodisch überfluteten Weichholz-
auenwälder und die episodisch überfluteten Hartholzauenwälder gehören zu den arten-
reichsten, ökologisch vielfältigsten und produktivsten Ökosystemen, sind aber in Sachsen
extrem gefährdet. Die Bewahrung und Entwicklung dieser Waldformationen hat einen hohen
Stellenwert.“
(Auszug aus der Begründung zu Ziel 4.1.1.3 und Grundsatz 4.1.1.4 des LEP
Sachsen 2013)
22
„Natürliche gewässerdynamische Veränderungen sollen insbesondere im Bereich naturnaher Gewässerläufe
zugelassen werden. Freiräume für eine eigendynamische Fließgewässerentwicklung ohne Unterhaltungsmaß-
nahmen sollen erhalten und nach Möglichkeit wieder geschaffen werden.“
(G 4.1.1.4 des LEP 2013)

image
image
53
Abb. 25: Schwarzpappel-Gehölz bei Kamitz in der Elbauenlandschaft „Alte Elbe Kathewitz“
(Foto: J. Lorenz)
Aufwachsender Weichholz-Auwald an der Vereinigten Mulde (Foto aus der Natura 2000-
Filmreihe des SMUL in Kooperation mit Simank GbR)

image
54
5.6 HOCHWASSERSCHUTZ/HOCHWASSERRISIKOMANAGEMENT
Sachsen war in den zurückliegenden Jahren seit 2002 durch mehrere extreme Hochwasser-
ereignisse betroffen. Insbesondere die Hochwasserereignisse 2002 mit mehr als 8 Mrd. € an
gemeldeten Schäden (SMUL, 2012) und 2013 mit fast 1,9 Mrd. € (LfULG, 2015) verursach-
ten enorme Schäden in Sachsen (Abb. 26). Durch die nach 2002 zeitlich eng aufeinander
folgenden Hochwasserereignisse im Frühjahr 2006, Sommer 2010, von dem insbesondere
Ostsachsen betroffen war, Januar 2011 und Juni 2013, das von der Betroffenheit der Fluss-
gebiete mit dem Hochwasser 2002 vergleichbar war, werden die Aktivitäten zum Hochwas-
serschutz bzw. zum Hochwasserrisikomanagement in Sachsen mit besonderer öffentlicher
Aufmerksamkeit verfolgt.
Abb. 26: Junihochwasser 2013 mit Deichbrüchen an der Vereinigten Mulde bei Wurzen (Fo-
to: SMUL)
Seit 2002 bis Mitte 2017 wurden in Sachsen ca. 2,6 Mrd. € in Maßnahmen zum vorbeugen-
den Hochwasserschutz und zur Schadensbeseitigung an Gewässern investiert (Abb. 27).
Weitere 630 Mio. € sind bis 2023 dafür vorgesehen. Mit der Erstellung der Hochwasser-
schutzkonzepte von 2003 bis 2005 wurden fachliche Vorschläge für Maßnahmen zur Rück-
gewinnung von Überflutungsflächen für den Hochwasserschutz erarbeitet und im Rahmen
vertiefender Untersuchungen fortentwickelt. Aufgrund der z. T. massiven Schäden durch die
Hochwasserereignisse stand allerdings der technische Hochwasserschutz bei der Umset-
zung im Vordergrund. Parallel dazu werden fortlaufend die Möglichkeiten zur Rückgewin-
nung von natürlichen Überschwemmungsgebieten für den vorbeugenden Hochwasserschutz
und die Revitalisierung geeigneter Auenbereiche geprüft.

55
Eine länderübergreifende Abstimmung zur Schaffung von Retentionsräumen erfolgt seit Jah-
ren im Rahmen der Internationalen Kommissionen zum Schutz der Elbe und der Oder, in-
nerhalb der Flussgebietsgemeinschaft Elbe und seit 2013 maßnahmenkonkret im Rahmen
des Nationalen Hochwasserschutzprogrammes. Beispiele hierfür sind die im Bau befindli-
chen Polder Rösa (Sachsen-Anhalt)/Löbnitz (Sachsen) und die laufenden länderübergreifen-
den Abstimmungen mit Sachsen-Anhalt bzw. Brandenburg in den Bereichen der Vereinigten
Mulde, der Spree und der Schwarzen Elster.
Von den potenziellen Hochwasserentstehungsgebieten, die ca. 8,4 % (ca. 1.550 km²) der
Landesfläche Sachsens einnehmen, wurden bisher 25 % (ca. 400 km²) per Verordnungen
rechtskräftig festgelegt. Dadurch werden rechtliche Grundlagen als Beitrag zum Hochwas-
serrisikomanagement geschaffen. Diese Gebiete unterliegen bestimmten gesetzlichen Rege-
lungen, die die Entstehung von Hochwasser verzögern oder mindern sollen, u. a. durch Ver-
besserung der natürlichen Wasserversickerung.
HANDLUNGSERFORDERNISSE
Die Vorhaben zur Gewinnung von Retentionsraum bzw. -flächen, insbesondere Deichrück-
verlegungen, unterliegen derzeit folgenden z. T. schwierigen Rahmenbedingungen:
sehr hoher Aufwand für die Prüfung, Planung, Umsetzung bei begrenzten Finanz-
und Personalkapazitäten,
mangelnde Flächenverfügbarkeit, insbesondere der öffentlichen Hand, auch für po-
tenzielle Tauschflächen und Ausgleichsmaßnahmen,
zahlreiche Nutzungskonflikte und Widerstände durch intensive Besiedelung/Nutzung
von Flächen, die überwiegend in Privateigentum stehen und hohe Einkommenserzie-
lungspotenziale aufweisen,
langwierige Genehmigungsverfahren zur Deichentwidmung,
Notwendigkeit aufwendiger neuer Hochwasserschutzmaßnahmen (z. B. siedlungsna-
he verkürzte Deichlinie) ist zu prüfen und ggf. unter Beachtung des Wirtschaftlich-
keitsgebotes im Vorfeld eines Deichrückbaus/-schlitzung zu realisieren und
geringere Hochwasserschutzwirksamkeit von Deichrückverlegungen im Vergleich zu
gesteuerten Poldern.
Durch diese Rahmenbedingungen konnten bei den bisherigen Maßnahmen zur Rückgewin-
nung und Wiederherstellung von natürlichen Überflutungsräumen fast ausschließlich vorran-
gig dem Hochwasserschutz dienende Vorhaben umgesetzt werden. Eine Übersicht zu schon
umgesetzten bzw. sich im Bau befindlichen Deichrückverlegungen und Polderflächen enthält
Kapitel 2.3. Auenprojekte mit Synergien zur naturnahen Gewässerentwicklung, Erhöhung der
Biodiversität, Reduzierung von Stoffeinträgen (insbesondere Nährstoffe) in Grund- und Ober-
flächengewässer, Nachhaltigkeit und Klimaschutz konnten in Sachsen bisher erst wenige
realisiert werden.
Zukünftig wird daher angestrebt, neben der Fortführung der bisherigen Maßnahmen zum
Hochwasserschutz auch Aktivitäten zur Verbesserung der Ökosystemleistungen von Ge-
wässern und Auen zu verstärken. Dabei gilt es, die Wiederherstellung und Entwicklung von
Überflutungsräumen stärker ganzheitlich zu betrachten und auenförderlichere Lösungen zu

56
entwickeln. Es müssen dabei alle Interessen der beteiligten Akteure (Eigentümer, Nutzer und
Gesellschaft insgesamt) Berücksichtigung finden. Die dazu notwendigen Rahmenbedingun-
gen können unter Nutzung bereits vorhandener Möglichkeiten (z. B. der Flurneuordnung, des
direkten Flächentausches, Kompensationsmöglichkeiten nach der Eingriffsregelung, Öko-
konto) und deren Verknüpfung geschaffen werden. Weiterhin sollten ergänzende Ansätze
entwickelt werden (z. B. durch eine für die Landwirte wirtschaftlich sinnvolle Gestaltung der
zukünftigen Agrarförderung mit extensiven Nutzungsformen), um möglichst allen Interessen,
zumindest in Form von Kompromisslösungen, gerecht zu werden.
Maßnahmen zur Revitalisierung natürlicher Überschwemmungsbereiche unterstützen in ge-
eigneten Bereichen das Hochwasserrisikomanagement durch die Erhaltung und Wiederher-
stellung natürlicher Retentionsflächen bzw. -räume. Gleichzeitig bilden sie die Schnittmenge
zum Natur- und Gewässerschutz, in dem Biotope, Lebensraumtypen und Arten, die für natür-
liche Auen charakteristisch sind, erhalten und entwickelt werden. Darüber hinaus tragen die
Maßnahmen zur Verbesserung des ökologischen Zustands der Gewässer bei.
Das zukünftige integrative Hochwasserrisikomanagement vereint somit Hochwasser-, Natur-
und Gewässerschutz durch Erhalt und Wiederherstellung natürlicher Überschwemmungsflä-
chen. Damit wird auch dem Grundsatz gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 6 Raumordnungsgesetz (ROG)
Rechnung getragen, wonach für den vorbeugenden Hochwasserschutz im Binnenland vor
allem durch die Sicherung oder Rückgewinnung von Auen, Rückhalteflächen und Entlas-
tungsflächen zu sorgen ist (LEP, 2013).
„Der Hochwasserschutz ist eine Aufgabe für Generationen. Dieser Generationenaufgabe hat
sich der Freistaat mit großer Entschlossenheit und sichtbaren Erfolgen angenommen. In den
vergangenen Jahren ist viel erreicht worden.
Bei deutlich größerer Flächenausbreitung des Hochwassers als 2002 sind die Schäden sehr
viel geringer ausgefallen. Die begonnenen Programme müssen mit gleicher Entschlossen-
heit fortgesetzt werden.
Allerdings ist wieder deutlich geworden, dass ein vollständiger Schutz vor Hochwasser nicht
möglich ist.“
(Bericht der Kommission der Sächsischen Staatsregierung zur Untersuchung
der Flutkatastrophe 2013; SK, 2013)

image
57
Abb. 27: Funktionierende ortsnahe Hochwasserschutzanlage in Eilenburg an der Vereinig-
ten Mulde während des Juni-Hochwassers 2013 (Foto: SMUL)

image
image
58
5.7 ÖFFENTLICHKEITS- UND BILDUNGSARBEIT
Für die Akzeptanz von Auenrevitalisierungsprojekten wird eine positive Wahrnehmung der
Entwicklungsziele durch die Öffentlichkeit entscheidend sein. Wichtig ist dabei, dass renatu-
rierte Bereiche für die interessierte Öffentlichkeit erlebbar werden. Dafür sind Konzepte er-
forderlich, die Besucher in geeigneter
Weise in die Auen hineinführen, lenken
und informieren (Abb. 28).
Gleichzeitig ist es aber auch notwendig,
über die Möglichkeiten des Naturerlebens
so zu informieren, dass renaturierte Auen
als attraktive Freizeitziele und wertvolle
Bestandteile des Naturhaushaltes wahr-
genommen werden. Damit kann für die
Regionen ein Mehrwert an Wohnumfeld-
qualität erreicht werden, der unter Um-
ständen auch touristisch genutzt werden
kann.
Abb. 28: Biberpfad in der Königsbrücker Heide
(
http://www.nsg.koenigsbrueckerheide.eu
)
Neben der konkreten projektbezogenen Öffentlichkeitsarbeit sind ansprechende Informati-
onsmaterialien und -möglichkeiten mit einfacher Zugänglichkeit und Verständlichkeit die
Grundlagen zur Stärkung des Umwelt-
bewusstseins. Beispiele für Broschüren,
die das Thema Gewässer und Auen mit
ihren Nutzen, aber auch der Wahrneh-
mung in der Öffentlichkeit darstellen sind
„Gewässer und Auen
Nutzen für die
Gesellschaft“ (BfN, 2015) und „Naturbe-
wusstsein 2013
Bevölkerungsumfrage
zu Natur und biologischer Vielfalt“
(BMUB, 2014).
Auch in Sachsen werden verstärkt An-
strengungen unternommen, das Thema
der Öffentlichkeit zugänglich zu gestal-
ten, um damit Interesse zu wecken und
zu sensibilisieren (Abb. 29).
Abb. 29: Titelseite der aktuellen Broschüre des
LfULG
zum
Thema
Gewässer
in
Sachsen
(LfULG, 2017)

image
59
HANDLUNGSERFORDERNISSE
Das Thema Hochwasserrisikomanagement und Auenentwicklung ist vielschichtig und kom-
plex, was die Darstellung für die Öffentlichkeit in geeigneter Form erschwert. Obwohl die
Akzeptanz für Gewässer- und Auenrenaturierung in der breiten Bevölkerung vorhanden ist,
entstehen doch immer wieder projektbezogene Konflikte, wenn Abwägungsprozesse zwi-
schen Hochwasserschutz für vorhandene, bisherige Nutzungen und naturnaher Gewässer-/
Auenentwicklung geführt werden. Die Möglichkeiten, durch Auenprojekte einen verbesserten
Hochwasserrückhalt in natürlichen Lebensräumen geschützter und seltener Arten zu entwi-
ckeln, muss zukünftig in der Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit deutlicher herausgestellt
werden.
Zur Unterstützung der sächsischen Behörden wäre eine adressatengerechte und zielgrup-
penorientierte Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit im Rahmen einer kontinuierlichen Zusam-
menarbeit mit Stiftungen und Verbänden vielversprechend (Abb. 30).
Abb. 30: Vor-Ort-Termin an der Mulde mit Planern, sächsischen Behördenvertretern und
Vertretern der Heinz Sielmann Stiftung (Foto: LfULG)

image
image
60
Naturnahe Hochwasserschutzmaßnahmen finden mehr Zustimmung als technische
Öffnet man die Perspektive und fragt nach der Wichtigkeit verschiedener Hochwasser-
schutzmaßnahmen, dann erhalten naturnahe Maßnahmen höhere Zustimmungswerte als
der technische Hochwasserschutz: 60 Prozent finden die naturnahe Gestaltung von Bächen
und Flüssen sehr wichtig, 59 Prozent die Schaffung von Überschwemmungsflächen und Au-
en und ebenfalls 59 Prozent die Schaffung von Flächen der Regenwasserversickerung. Der
Bau höherer Deiche wird von 49 Prozent der Bürgerinnen und Bürger als sehr wichtig erach-
tet. Dieses Ergebnis zeigt, dass in den Augen der Bevölkerung der Naturschutz eine aktive
und in verschiedener Hinsicht (Ästhetik, Ökologie) konstruktive Rolle beim Hochwasser-
schutz spielt.
“ (Naturbewusstsein 2013 - Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer
Vielfalt, BMUB, 2014)
Abb. 31: Flusserlebnispfad Lungwitzbach bei St. Egidien, welcher die naturnahe Gewässer-
entwicklung nach der Beseitigung der Hochwasserschäden von 2002 für die Öffentlichkeit
erlebbar macht (Fotos: M. Denner)

61
6. FINANZIERUNGSMÖGLICHKEITEN
Projekte mit dem Ziel, natürliche Überschwemmungsflächen wieder herzustellen, um eine
begrenzte natürliche Entwicklung von Teilflächen und Gewässerabschnitten zuzulassen,
angepasste Landbewirtschaftungsformen zu etablieren sowie den Anforderungen des Hoch-
wasserrisikomanagements und Nutzern nachzukommen, sind sehr komplex und erfordern
neben einer kontinuierlichen, sozial- und fachkompetenten Betreuung auch Finanzmittel zur
Projektplanung und -umsetzung.
Dazu stehen insbesondere die Förderrichtlinien des Freistaates Sachsen zur Verfügung
23
,
wie die Richtlinie Gewässer/Hochwasserschutz (RL GH/2007), die derzeit überarbeitet wird.
Auch zukünftig werden Projekte zur Verbesserung des ökologischen Zustands der Gewässer
unterstützt und gefördert. Weiterhin können Umsetzungsprojekte und Einzelmaßnahmen mit
dem Schwerpunkt der naturnahen Auenentwicklung zum Erhalt und zur Entwicklung von
auentypischen Lebensräumen, Arten und zur Vernetzung von Biotopen über die Richtlinie
Natürliches Erbe (RL NE/2014) finanziell unterstützt werden.
Flurneuordnungsverfahren können unterstützend zur Umsetzung von Auenrevitalisierungs-
projekten wirken, indem z. B. Sukzessionsflächen mit dem Ziel der natürlichen auentypi-
schen Entwicklung entsprechend gesichert werden. Die Kosten für die Leitung der Verfahren
(Verfahrenskosten gemäß § 104 FlurbG) trägt der Freistaat Sachsen. Die Kosten der Durch-
führung von Maßnahmen (Ausführungskosten gemäß § 105 FlurbG) trägt die Teilnehmer-
gemeinschaft (d. h. die Grundstückseigentümer und Erbbauberechtigten im Verfahrensge-
biet). Sie sind über die Richtlinie Ländliche Entwicklung (RL LE/2014) förderfähig.
Weitere Fördermöglichkeiten bieten EU-Programme wie LIFE oder des Bundes wie z. B.
Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben (E+E) oder Naturschutzgroßprojekte des Bundes-
amtes für Naturschutz (BfN).
Dies ermöglicht, an der Planung und Umsetzung von Projekten zur Auenrevitalisierung regi-
onale und überregionale Akteure wie z. B. Stiftungen und Verbände zu beteiligen. Gleichzei-
tig ist damit eine nachhaltige Verankerung der Programmzielstellung in den jeweiligen Regi-
onen verbunden.
Bei Projekten mit überregionaler Bedeutung für den Hochwasserschutz oder Zugehörigkeit
zu bestimmten Flüssen und Einzugsgebieten kommen unter Berücksichtigung der jeweiligen
Kriterien ggf. noch weitere Finanzierungsquellen in Betracht, z. B. Nationales Hochwasser-
schutzprogramm (NHWSP) oder das Gesamtkonzept Elbe (GKE).
Im Rahmen einer möglichen Umsetzung von Auenrevitalisierungsprojekten müssen für den
finanziellen Ausgleich von naturschutzfachlich erforderlichen Bewirtschaftungsbeschränkun-
gen auf Entwicklungsflächen, die nicht eigentumsrechtlich durch den Vorhabensträger gesi-
chert werden können (durch Kauf oder Tausch), die derzeitigen Möglichkeiten aus der Mit-
telbereitstellung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) mit herangezogen werden:
Nutzung der entsprechenden Bausteine aus der ersten Säule der EU-GAP:
23
Die Förderrichtlinien im Internet:
https://www.revosax.sachsen.de/foerderrichtlinien

62
Erhalt der Basisprämienfähigkeit für beihilfefähige Flächen auch nach Anlage geeig-
neter Landschaftselemente, z. B. für Gehölzpflanzungen mit typischen Arten der
Weich- oder Hartholzaue als Feldgehölze oder Hecken
24
,
Erhalt der Basisprämienfähigkeit für beihilfefähigen Flächen durch Inanspruchnahme
der aktuell gültigen Regelung des Art. 32 Abs. 2 Buchst. B VO 1307/2013, wenn Flä-
chen > 0,3 ha aufgrund von Maßnahmen oder Zulassen natürlicher auentypischer
Sukzession dann nicht mehr einem beihilfefähigen Flächenzustand entsprechen,
Nutzung und Bereitstellung der Optionen „ökologischer Vorrangflächen“ auf fünf Pro-
zent des Ackerlands im Rahmen der Greening-Anforderungen insbesondere in auen-
typischer und verträglicher Umsetzung (z. B. Brachen, Feldränder, Pufferstreifen).
Für die umweltgerechte Bewirtschaftung und Pflege von land-, forst- und fischereiwirtschaft-
lich genutzten Flächen sollen in den Auen ebenso Förderinstrumente aus der Zweiten Säule
der EU-GAP zur Förderung der ländlichen Entwicklung oder der GAK (Gemeinschaftsaufga-
be Agrarstruktur & Küstenschutz) genutzt werden. Geeignet sind Maßnahmen wie z. B.:
selbstbegrünte mehrjährige Brache auf Ackerland,
mehrjährige Blühflächen auf Ackerland,
naturschutzgerechte Hütehaltung und Beweidung auf Grünland,
spezielle artenschutzgerechte Grünlandnutzung und
Umwandlung von Ackerland in Grünland.
Die Fördermaßnahmen sollen gewährleisten, dass eine landwirtschaftliche Bewirtschaftung
auf wiederhergestellten Überschwemmungsflächen unter den geänderten Rahmenbedin-
gungen, wie hier eine höhere Überschwemmungsfrequenz, wirtschaftlich möglich ist. Gleich-
zeitig darf diese angepasste Bewirtschaftung eine begrenzte auentypische Dynamik auch
der Vegetationsentwicklung auf dafür geeigneten Flächen nicht grundsätzlich ausschließen.
Diese Sukzessionsflächen können ggf. als Landschaftselemente nach Agrarzahlungen-
Verpflichtungenverordnung anerkannt werden, so dass zumindest der Anspruch auf Direkt-
zahlung für die Landwirte erhalten bleibt.
Fachliche Anforderungen hinsichtlich der Ausgestaltung zukünftiger Fördermaßnahmen be-
stehen in einer stärkeren Berücksichtigung des Aspekts der angepassten Landbewirtschaf-
tung auf Überschwemmungsflächen. Für die Anlage und Pflege von auentypischen Land-
schaftselementen auf Überschwemmungsflächen sollten aus fachlicher Sicht die Fördermög-
lichkeiten erhalten bleiben.
Vorzugsweise sollen Flächen, auf denen sich auentypische Biotope und Lebensraumtypen
entwickeln können, durch Flächenkauf oder -tausch in öffentliches Eigentum überführt wer-
den. Ist dies nicht möglich, sind die zur Verfügung stehenden Fördermöglichkeiten für die
naturschutzgerechte Pflege und Entwicklung der Biotope und Lebensraumtypen zu nutzen.
Auf Flächen des Freistaates Sachsen in den Auen kommt dem Freistaat selbst für deren
Entwicklung eine Vorbildfunktion zu. Diese reicht beispielsweise von der Bereitstellung von
Flächen für die Durchführung von Auenprojekten oder als Tauschflächen über eine entspre-
24
nach der Verordnung über die Einhaltung von Grundanforderungen und Standards im Rahmen unionsrechtli-
cher Vorschriften über Agrarzahlungen (Agrarzahlungen-Verpflichtungenverordnung/ AgrarZahlVerpflV); Nur
möglich, wenn Flächen im Eigentum stehen und Zahlungsansprüche vorhanden sind.

63
chende Ausgestaltung von Pachtverträgen bis hin zur gezielten Lenkung von Kompensati-
onsmaßnahmen bei landeseigenen Bauprojekten und Entwicklung hochwertiger Ökokon-
toflächen. Partner sind hier insbesondere die Staatsbetriebe
Landestalsperrenverwaltung (LTV) als Zuständiger für die Unterhaltung der Gewäs-
ser 1. Ordnung,
Sachsenforst (SBS) als Bewirtschafter des Staatswaldes des Freistaates Sachsen,
Zentrales Flächenmanagement (ZFM) als Zuständiger für Ökokonto (Flächenpool für
Kompensationsmaßnahmen), Verkauf und Verpachtung landeseigener Flächen.
Der zum 1. Januar 2017 gegründete Staatsbetrieb Zentrales Flächenmanagement soll im
Rahmen von Pilotvorhaben in die Umsetzung des Auenprogramms insbesondere bei den
Themen Kompensation und Flächenverfügbarkeit eingebunden werden.
Darüber hinaus beteiligt sich der Freistaat vorbehaltlich der Verfügbarkeit von Haushaltsmit-
teln an der Durchführung abgestimmter Auenprojekte unter der Projektträgerschaft Dritter.
Ergänzend und verstärkt sind zukünftige, weitere geplante Flächenübertragungen des Bun-
des (BVVG und andere Bundestreuhänder) an die Länder auch in potenzielle Auenprojekt-
gebiete zu prüfen und dafür aktiv zu nutzen.

64
7.
BEISPIELE
LAUFENDER
UND
ABGESCHLOSSENER
PROJEKTE
Die Erstellung der ersten Potenzialanalyse erfolgte durch gemeinsame Abstimmungen der
beteiligten Behörden. Dabei wurde eine Priorisierung von 6 (Teil-)Projekten vorgenommen,
die in den nächsten Jahren in Form von Machbarkeitsstudien und Pilotprojekten weiterentwi-
ckelt werden sollen. Es handelt sich um „Schlagwitz“ an der Zwickauer Mulde, den ökolo-
gisch ausgerichteten Polder „Dautzschen“ an der Elbe und ein anvisiertes Erprobungs- und
Entwicklungsvorhaben (E&E) an der Vereinigten Mulde zur Prüfung von vier Teilmaßnah-
men. Weitere Fließgewässer- und Auenrevitalisierungsprojekte, z. T. mit Schwerpunkt Au-
wald, sind bezüglich des Vorbereitungs- bzw. Umsetzungsstandes unterschiedlich weit fort-
geschritten. Beispielhaft sollen genannt werden: Projekt Lebendige Luppe im Leipziger Au-
wald, Revitalisierung Röderauwald, Redynamisierung Spree im Biosphärenreservat Ober-
lausitzer Heide- und Teichlandschaft, Renaturierung Spreeaue bei Spreewitz. Darüber hin-
aus wurden auch weitere Projekte begonnen oder abgeschlossen mit dem Ziel, Hochwasser-
risikomanagement und naturnähere Gewässerentwicklung, bei entsprechenden Möglichkei-
ten auch innerhalb von Siedlungen, besser miteinander zu vereinbaren. Solche Projekte die-
nen zwar nicht unmittelbar der Umsetzung eines Auenprogramms, ermöglichen aber eine
naturnähere Gewässerentwicklung bei begrenzt verfügbaren Flächen bzw. an kleinen Ge-
wässern, an denen keine eigentlichen Auen ausgebildet sind.
EXKURS:
FLIEßGEWÄSSERRENATURIERUNG
UND
HOCHWASSER-
RISIKOMANAGEMENT
AN
KLEINEREN
GEWÄSSERN
ODER
IN
SIEDLUNGEN
Einige Projekte wurden in Sachsen im Rahmen der Hochwasserschadensbeseitigung oder
auch zum präventiven Hochwasserschutz so umgesetzt, dass auch eine naturnähere Ge-
wässerentwicklung ermöglicht wurde. Beispielhaft werden in diesem Zusammenhang folgen-
de abgeschlossenen Projekte dargestellt:
Lungwitzbach bei St. Egidien (Gewässer 1. Ordnung, Zufluss zur Zwickauer Mulde im
Landkreis Zwickau)
Große Mittweida in Schwarzenberg (Gewässer 1. Ordnung, Zufluss zum Schwarz-
wasser im Einzugsgebiet der Zwickauer Mulde im Erzgebirgskreis)
Außerdem wird das geplante und kurz vor dem Baubeginn stehende Projekt zur Revitalisie-
rung des Mortelbachs in der Stadt Waldheim erläutert. Beim Mortelbach handelt es sich um
ein Gewässer 2. Ordnung (Zufluss zum Geberbach, der dann in die Zschopau mündet,
Landkreis Mittelsachsen).
NATURNAHE GEWÄSSERENTWICKLUNG NACH HOCHWASSERSCHADENSBESEITIGUNG
2002 AM LUNGWITZBACH
Große Teile des Lungwitzbachs wurden in den 20-er und 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts
begradigt. Die Ufer- und Sohlbereiche wurden dabei teilweise massiv ausgebaut. Das Hoch-
wasser 2002 führte zu umfangreichen Schäden an der Infrastruktur und an privaten Wohn-

image
image
image
image
65
grundstücken. Durch die Begradigung und den Ausbau des Lungwitzbachs kam es zu hohen
Strömungsgeschwindigkeiten, die zu einer teilweise sehr intensiven Seiten- und Sohlerosion
führten und künstliche Uferbefestigungen zerstörten. Die Erosion führte stellenweise zu einer
Verbreiterung des Gewässerbettes von ursprünglich 8 bis 10 m auf bis zu 40 m (Abb. 32).
Abb. 32: Ufererosion am Lungwitzbach durch das Hochwasser 2002 (Fotos: LTV)
Flächen, die durch das Hochwasser vollständig umgestaltet waren, wurden durch den Frei-
staat Sachsen erworben und seit August 2002 einer naturnahen Gewässer- und Uferentwick-
lung überlassen bzw. ingenieurbiologische Bauweisen zur Ufersicherung angewendet. Mitt-
lerweile hat sich ein standortgerechter Gehölzaufwuchs u. a. mit Weiden angesiedelt (Abb.
33). Durch die Wiederherstellung und Anbindung der natürlichen Überschwemmungsberei-
che wird heute das Wasser gebremst und kann sich in der Fläche wieder ausbreiten. Durch
den Erwerb der Flächen wurden eigendynamische Prozesse am Lungwitzbach initiiert und
gleichzeitig die Gefahr von Hochwasserschäden in den unterliegenden Siedlungen reduziert.
Abb. 33: Der Lungwitzbach im März 2016 mit Gehölzaufwuchs, der das Ufer vor Erosion
schützt und dennoch natürliche Gewässerentwicklungsprozesse zulässt (Fotos: LfULG)
Das Projekt ist anhand des Flusserlebnispfades Lungwitzbach seit Mai 2007 vor Ort doku-
mentiert und für die Öffentlichkeit zugänglich (vgl. Abb. 31 auf S. 59). Das Beispiel Lungwitz-
bach zeigt, dass naturnahe Gewässerentwicklung und die Erhöhung der Flächenverfügbar-
keit für natürliche Prozesse auch positive Wirkungen hinsichtlich eines nachhaltigen Hoch-
wasserrisikomanagements haben können. Gleichzeitig wurden diese Gewässerabschnitte
auch für die Bevölkerung erlebbar (Abb. 34).

image
image
image
image
66
Abb. 34: Radweg mit Verweilmöglichkeit am Lungwitzbach und Erlebbarkeit im Bereich der
Aufweitung, die als Sedimentfang dient (Fotos: A. Stowasser)
NATURNAHE UMGESTALTUNG DER GROßEN MITTWEIDA IN SCHWARZENBERG
Die Große Mittweida mündet im Stadtgebiet Schwarzenberg in das Schwarzwasser. An bei-
den Gewässern wurden durch das Hochwasserereignis im Jahr 2002 die Ufermauern be-
schädigt und z. T. angrenzende Flächen überschwemmt. Eine dieser Flächen, auf der sich
eine Industriebrache befand, wurde von der Landestalsperrenverwaltung Sachsen erworben,
die zerfallenen Gebäude abgerissen und vorhandene Altlasten beseitigt. Anstelle des vorhe-
rigen technischen Uferverbaus durch Mauern wurde nun aufgrund der verfügbaren Fläche
das Gewässer aufgeweitet und durch die Anlage naturnaher Sohl- und Uferstrukturen mittels
ingenieurbiologischer Bauweisen naturnah gestaltet (Abb. 35).
Abb. 35: Ehemalige Industriebrache an der Großen Mittweida in Schwarzenberg (links) und
Abschnitt nach Umsetzung der Maßnahme (rechts) (Fotos: A. Stowasser)
Ein gewässerbegleitender Pflegeweg und landschaftsgestaltende Strukturelemente, wie
Steinstufen zum Fluss, verschaffen auch den Bewohnern Zugang zu den Gewässern und
gestalten die naturnäheren Abschnitte damit erlebbar für die Bevölkerung (Abb. 36).

image
image
67
Abb. 36: Zugänglichkeit am Zusammenfluss von Großer Mittweida und Schwarzwasser in
Schwarzenberg (Foto links: LfULG, Strukturkartierung) und Anziehungspunkt zum Naturer-
leben, wie es im urbanen Umfeld selten möglich ist (Foto rechts: A. Stowasser)
Mit dem Projekt, das 2010 den Gewässerpreis der Deutschen Vereinigung für Wasserwirt-
schaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA) erhielt, wurden die Anforderungen des Hochwasser-
schutzes mit einer naturnäheren Gestaltung der Gewässerabschnitte in Einklang gebracht.
Die naturnah umgestaltete Große Mittweida ist heute ein Naherholungsschwerpunkt in
Schwarzenberg und wird von der Bevölkerung sehr gut angenommen.
GEPLANTE REVITALISIERUNG DES MORTELBACHS IN WALDHEIM
Der Mortelbach ist ein relativ kleines Gewässer 2. Ordnung im Einzugsgebiet der Zschopau.
Der Bach verläuft im Stadtgebiet Waldheim vollständig in einem betonierten Kastenprofil.
Das Betongerinne und die angrenzenden Ufermauern sind überwiegend stark sanierungsbe-
dürftig. Aufgrund des Einzugsgebietes ist der Bach insbesondere im Stadtgebiet Waldheim
extrem anfällig für Starkregenereignisse, so dass bei den Hochwasserereignissen 2002 und
2013 z. T. massive Schäden an Ufer- und Sohlbefestigungen des Mortelbachs sowie Über-
flutungen angrenzender Flächen auftraten. Aus der ausgebauten Gewässersohle sind durch
das Hochwasser 2013 teilweise ganze Betonblöcke herausgespült worden, die dann aus
Gründen der Standsicherheit und Gefahrenabwehr wieder technisch verfestigt wurden
(Abb. 37).

image
image
68
Abb. 37: Schaden in der Sohlbefestigung des Mortelbachs durch das Hochwasser 2013
(links) und Sanierung des Schadens durch Wiederherstellung des Ausbauzustands (rechts)
(Fotos: LfULG)
Die Planungen für den Mortelbach sehen vor, dass der vorhandene Hochwasserschutz er-
halten und stellenweise verbessert werden soll. Die hart verbaute Sohle wird entfernt und
das Gewässerbett auf einem tieferen Niveau naturnäher strukturiert. Die Durchwanderbarkeit
für gewässergebundene Tiere, insbesondere Fische, wird deutlich verbessert und der Le-
bensraum Bach revitalisiert. Mit dem Projekt sollen die Belange des Hochwasserschutzes
mit den grundlegenden ökologischen Anforderungen eines Baches, der durch die bisherige
Verbauung fast vollständig degradiert wurde, beispielhaft in Einklang gebracht werden
(Abb. 38). Das Projekt wird durch Fördermittel des Freistaates zu 90 % der Investitionskos-
ten unterstützt. Mit dem Baubeginn des ersten Abschnittes im Februar 2018 ist eine fast drei-
jährige Vorbereitungsphase erfolgreich abgeschlossen, die zeitweise durch das Forschungs-
projekt „In_StröHmunG“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geför-
dert wurde.

image
69
Abb. 38: Planunterlagen zur Revitalisierung des Mortelbaches in Waldheim (Stowasserplan
GmbH)
REDYNAMISIERUNG DER SPREE UND IHRER AUE IM BIOSPHÄREN-
RESERVAT OBERLAUSITZER HEIDE- UND TEICHLANDSCHAFT
Beitrag von Dr. Jan Peper, Biosphärenreservatsverwaltung/SBS
Von der Idee zur Umsetzung
Ideen und Visionen zur Renaturierung von Flüssen und ihrer Auen existieren viele. Wann ist
der richtige Zeitpunkt, diese aus der Schublade zu holen und umzusetzen? Im Biosphären-
reservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft hat man sich 20 Jahre Zeit gelassen – mit
Erfolg.
Bereits in den frühen 1990er Jahren rückten Altwässer an der kanalisierten Spree ca. 20 km
nördlich von Bautzen in den Fokus des Naturschutzes. Dort wurde ein Truppenübungsplatz
aufgegeben und die Aue als Pflegezone des Biosphärenreservates unter Schutz gestellt.
Seitdem passierte viel. Große Flächen wurden der Deutschen Bundesstiftung Umwelt – Na-
turerbe GmbH (DBU) und dem Staatsbetrieb Sachsenforst übertragen. Mehrere Hochwasser

image
70
überfluteten die Ortschaft Halbendorf/Spree mitten im Projektgebiet und die EU-
Wasserrahmenrichtlinie trat in Kraft.
2012 entschlossen sich die Staatsbetriebe Sachsenforst und Landestalsperrenverwaltung,
die alten Pläne aufzugreifen und die Machbarkeit für ein Renaturierungsprojekt zu untersu-
chen. Die DBU konnte ins Boot geholt werden und stellt Flächen für das Projekt zur Verfü-
gung. Schnell wurde aber auch klar: Eine reine Naturschutzmaßnahme um ein vom Hoch-
wasser betroffenes Dorf ist nicht vermittelbar. Der Fokus und das Projekt wurden erweitert
zur Redynamisierung Spree mit Hochwasserschutzfunktionen für Halbendorf, passend zum
Motto der Biosphärenreservate „Der Mensch und die Biosphäre“.
Ziele und Projektgebiet
Auf dem ca. 7 km langen Abschnitt zwischen den Ortschaften Lömischau und Neudorf/Spree
(Abb. 39) sollen folgende Ziele erreicht werden:
1. Durchgängigkeit der Spree für Fische
und Makrozoobenthos,
2. Flussdynamik mit hoher Strukturvielfalt
im Fluss und am Ufer mit naturraum-
typischen Mäandern,
3. Vernetzung zwischen Fluss und Aue
mit häufigerer Überschwemmung von
Auwiesen und -wäldern,
4. Schutz der Siedlungen und Kultur-
denkmäler in der Aue.
Im Ergebnis der Maßnahmen wird auch mit
einer Erhöhung der Artenvielfalt in Fluss und
Aue gerechnet. Es werden also Lebensräume
geschaffen, die von den Arten aber selbst
besiedelt werden müssen (Abb. 41, 42).
Abb. 39: Übersicht über die Lage und Maßnahmen
des Projekts Redynamisierung Spree
Planung mit den Anwohnern
Geplante Veränderungen in der Landschaft und erst recht an Flüssen stoßen auf Skepsis bei
vielen Bewohnern. Fragen wie „Unsere Vorfahren werden doch wohl gewusst haben, warum

image
71
sie die Spree kanalisieren. Warum soll man daran jetzt etwas ändern?“ werden gestellt. Es
galt also von Anfang an, die Anwohner, Flächeneigentümer, Pächter und weitere Vertreter
von Interessensgruppen vom Projekt zu überzeugen.
Die Kenntnis der Ziele und Planungen der ehemaligen Begradigung und der Abgleich mit
den heutigen Zuständen war daher ungemein wichtig. Im konkreten Fall hatte sich das Ver-
sprechen von 1930, dass die Spree nie wieder ausufern wird, nicht erfüllt. Außerdem hat sie
sich immer stärker eingeschnitten, so dass immer neue Sohlschwellen und sogar Wehre
eingebaut werden mussten. Dies wurde in zahlreichen Ortschaftsratssitzungen, Bürgerver-
sammlungen, Presseartikeln und Einzelgesprächen dargelegt. Die Anregungen der Bürger
wurden direkt aufgegriffen, und auch der geforderte Hochwasserschutz für Halbendorf mit
seinem Waldschulheim (Abb. 40), einem Kindergarten, einer Gaststätte und einer denkmal-
geschützten Wassermühle wurde in die Planungen aufgenommen.
Die Balance zwischen Naturschutz und den Bedürfnissen der Anwohner konnte somit herge-
stellt werden und führte zu einem schnellen Planfeststellungsverfahren. Viele Flächeneigen-
tümer waren zudem bereit, ihre an die Spree grenzenden Flächen an den Freistaat Sachsen
zu verkaufen bzw. zu tauschen.
Abb. 40: Das denkmalgeschützte Waldschulheim in Halbendorf/Spree wird zukünftig vor
Hochwasser geschützt (Foto: B. Hering)
Die Maßnahmen
Insgesamt sind 11 Teilmaßnahmen vorgesehen. Kernstück des Projektes ist die Verlänge-
rung der Spree um 1,5 km durch Wiedereinbindung von zwei Altwässern (Abb. 42). Dafür
muss jeweils im heutigen geraden Flusslauf eine Schwelle aus Natursteinen errichtet wer-

image
image
72
den, um das Wasser in den Altlauf zu leiten. Die Schwellen werden nur bei Hochwasser
überströmt. Somit wird der Fluss wieder mäandrieren und seine Dynamik entfalten. Kleinere
Altwässer werden zur periodischen Durchströmung bei Hochwasser wieder an den Fluss
angebunden, indem die verfüllten Anschlussbereiche wieder freigelegt werden.
Zur Erhöhung der Durchgängigkeit werden ein Wehr komplett zurück- und eine Sohlschwelle
in eine Sohlengleite umgebaut. An mehreren Stellen werden außerdem Uferwälle und Reste
alter Deiche geschlitzt, um das Hochwasser wieder in die Aue zu lassen. Bei kleineren Über-
flutungsereignissen wird dann eine um ca. 35 % größere Fläche überschwemmt. Gleichzeitig
wird ein häufig überfluteter Acker wieder in eine Auenwiese umgewandelt.
Für den Hochwasserschutz von Halbendorf/Spree wird die alte nicht funktionsfähige Deichli-
nie aufgegeben und durch eine mit Erde überdeckte Spundwand näher an der Bebauung
ersetzt.
Abb. 41: Die Grüne Keiljungfer ist eine
typische Bewohnerin der Spree und wird
voraussichtlich vom Projekt profitieren
(Foto: M. Trampenau)
Stand und Ausblick
Nach gut vier Jahren Planung liegt seit 2017 der Planfeststellungsbeschluss vor. Die Bau-
vorbereitungen laufen seit Winter 2017 und ab Frühsommer 2018 bis Ende 2019 werden die
Maßnahmen umgesetzt. Ermuntert durch den bisherigen Verlauf des Vorhabens entwickeln
der Betrieb Spree/Neiße der Landestalsperrenverwaltung und die Biosphärenreservatsver-
waltung als Teil des Staatsbetriebes Sachsenforst weitere Ideen zur Renaturierung der
Spree und ihrer Nebenflüsse in der Region.
Abb. 42: Das seit 80 Jahren abgeschnittene
Altwasser bei Lömischau wird wieder zum
Flussbett der Spree
(Foto: R. Schreyer)

73
ZUSAMMENFASSUNG
Der Erhalt und die Entwicklung von natürlichen Überschwemmungsflächen in Flussauen bie-
tet vielfältige Synergieeffekte für den präventiven (naturnahen) Hochwasserschutz, den Er-
halt und die Förderung der Biodiversität, geschützter Lebensraumtypen und Arten des Offen-
landes und der Auwälder. Naturnahe Überschwemmungsbereiche tragen positiv zur Verbes-
serung des ökologischen Zustands der Gewässer und zum Klimaschutz bei. Somit wird
durch das sächsische Auenprogramm ein wirksamer und notwendiger Beitrag zur Umset-
zung verschiedener rechtlicher Verpflichtungen (Hochwasserrisikomanagement, Natura
2000, Wasserrahmenrichtlinie) erzielt. Für deren Umsetzung und erfolgreicher Realisierung
bedarf es eines kooperativen, projektgebietsbezogenen Diskussions- und Beteiligungspro-
zesses mit allen Betroffenen (Eigentümer, diverse Nutzer, Verbände, Kommunen und zu-
ständige Behörden), um entsprechend langfristig dauerhaft nachhaltige Wirkungen zu errei-
chen.
Die EU-Richtlinien zum Naturschutz, Gewässerschutz und Hochwasserschutz sowie die
Hochwasserkatastrophen der jüngeren Vergangenheit haben die Fließgewässer mit ihren
Auen verstärkt in den Fokus gerückt und werden deren zukünftige Entwicklung entscheidend
mitbestimmen. Eine Schlüsselfrage dabei ist, wie in den multifunktionalen Auen in unserer
Kulturlandschaft die Synergiepotenziale bei der Umsetzung der genannten EU-Richtlinien in
ökologischer und ökonomischer Sicht genutzt werden können.
Das vorliegende Dokument stellt hierzu die rechtlichen und fachlichen Grundlagen vor, defi-
niert Ziele und beschreibt Handlungsfelder, die bei der Umsetzung des sächsischen Auen-
programms zu berücksichtigen sind. Gemeinsam mit dem Sächsischen Landesamt für Um-
welt, Landwirtschaft und Geologie und dem Staatsbetrieb Landestalsperrenverwaltung
Sachsen wurde eine Auenkulisse erarbeitet, in der Potenzialgebiete für mögliche Auenpro-
jekte identifiziert und erste anzugehende Projekte priorisiert wurden. Ausgewählte Projekte
und Aktivitäten der Rückgewinnung von Retentionsflächen und -räumen sowie zur Auenge-
staltung werden beispielhaft vorgestellt.
In Ergänzung der Maßnahmen zum technischen Hochwasserschutz sind die Anstrengungen
zur Revitalisierung von Retentionsflächen und -räumen sowie zur naturnäheren Entwicklung
geeigneter Auenabschnitte als Generationenaufgabe anzusehen.

74
LITERATUR
BfG (2006): Modellgestützter Nachweis der Auswirkungen von geplanten Rückhaltemaßnahmen in
Sachsen und Sachsen-Anhalt auf Hochwasser der Elbe. Bericht im Rahmen des INTERREG IIIB-
Projektes ELLA „Vorsorgende Hochwasserschutzmaßnahmen durch transnationale Raumord-
nung“. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz, 18 S.
BfN (2015): Gewässer und Auen
Nutzen für die Gesellschaft. Bundesamt für Naturschutz, Bonn,
58 S.
Online
(03.04.2018):
https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/wasser/Dokumente/BR-gepr-
Gesell_Nutz_Gewaes_Auen_barrirefre.pdf
BMU (2009): Auenzustandsbericht
Flussauen in Deutschland. Bundesministerium für Umwelt, Na-
turschutz und Reaktorsicherheit, Berlin, 36 S. Online (19.02.2018):
https://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/themen/wasser/Auenzustandsbericht.pdf
BMUB (2014): Naturbewusstsein 2013
Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt.
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin, 92 S., Online
(19.02.2018):
https://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/themen/gesellschaft/Naturbewusstsein/Naturbewuss
tsein_2013.pdf
BMUB (2015a): Den Flüssen mehr Raum geben
Renaturierung von Auen in Deutschland. Bundes-
ministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin,, 60 S., Online
(03.08.2017):
http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/auen_in_deutschland_bf.pdf
BMUB (2015b): Priorisierungsrahmen zur Wiederherstellung verschlechterter Ökosysteme in Deutsch-
land (EU-Biodiversitätsstrategie, Ziel 2, Maßnahme 6a). Bundesministerium für Umwelt, Natur-
schutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin, 7 S., Online (12.04.2018):
http://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Naturschutz/oekosysteme_priorisierungs
rahmen_bf.pdf
Buder, W.; Uhlemann, S. (2010): Biotoptypen. Rote Liste Sachsens. Sächsisches Landesamt für Um-
welt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden, 144 S.
EC (2011): Links between the Water Framework Directive (WFD 2000/60/EC) and Nature Directives
(Birds Directive 2009/147/EC and Habitats Directive 92/43/EEC) - Frequently Asked Questions.
European Commission, 34 S., Online (30.08.2017):
http://ec.europa.eu/environment/nature/natura2000/management/docs/FAQ-WFD%20final.pdf
Jessel, B. (2016): Auenentwicklung zwischen Schutz und Nutzung. Kurzfassung des Vortrags zur BfN-
Fachtagung am 14./15. Juni 2016 in Bonn. Online (19.02.2018):
https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/wasser/Dokumente/NLA_1_Jessel_Auenentwicklung_zwischen_
Schutz_und_Nutzung_Kurzfassung.pdf
LEP (2013): Landesentwicklungsplan Sachsen. Sächsische Staatsregierung, Dresden, 193 S., Online
(19.02.2018):
http://www.landesentwicklung.sachsen.de/11117.htm
LfUG (2004): Ereignisanalyse - Hochwasser August 2002 in den Osterzgebirgsflüssen. Sächsisches
Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden, 188 S., Online (19.02.2018):
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/13857
LfULG (2012): Ländliche Neuordnung
Werkzeugkasten der Landentwicklung. Sächsisches Landes-
amt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden, 90 S., Online (19.02.2018):

75
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/13381
LfULG (2015): Ereignisanalyse
Hochwasser Juni 2013. Sächsisches Landesamt für Umwelt, Land-
wirtschaft und Geologie, Dresden, 251 S., Online (19.02.2018):
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/15180
LfULG (2017): Für saubere Gewässer in Sachsen – Eine gemeinsame Sache. Sächsisches Landes-
amt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden, 36 S., Online (19.02.2018):
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/29975
MELUR (o. J.): Auenprogramm für Schleswig-Holstein. Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft,
Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein, Kiel, 26 S., Online (09.03.2018):
http://www.schleswig-holstein.de/DE/Fachinhalte/W/wasserrahmenrichtlinie/auenprogramm.html
MUEK (2016): Aktionsprogramm Niedersächsische Gewässerlandschaften. Niedersächsisches Minis-
terium für Umwelt, Energie und Klimaschutz, Hannover, 68 S., Online (09.03.2018):
https://www.umwelt.niedersachsen.de/naturschutzstrategie/aktionsprogramm_gewaesserlandschaf
ten/aktionsprogramm-niedersaechsische-gewaesserlandschaften--das-gemeinschaftsprogramm-
von-wasserwirtschaft-und-naturschutz-148341.html
Schmidt, P.A. (1995): Übersicht der natürlichen Waldgesellschaften Deutschlands. Schriftenreihe der
Sächsischen Landesanstalt für Forsten, Heft 4/95.
Schmidt, P.A.; Hempel, W.; Denner, M.; Döring, N.; Gnüchtel, A.; Walter, B.; Wendel, D. (2002): Po-
tentielle Natürliche Vegetation Sachsens mit Karte 1 : 200 000. Sächsisches Landesamt für Um-
welt und Geologie, Materialien zu Naturschutz und Landschaftspflege 2002.
SK (2013): Bericht der Kommission der Sächsischen Staatsregierung zur Untersuchung der Flutkata-
strophe 2013. Sächsische Staatskanzlei, Dresden, 64 S., Online (19.02.2018):
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/20534
SMUL (2009): Programm zur Biologischen Vielfalt im Freistaat Sachsen. Sächsisches Ministerium für
Umwelt und Landwirtschaft, Dresden, 27 S., Online (18.01.2018):
https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/27453.htm
SMUL (2012): Lehren aus 2002 – Erfahrungen und Maßnahmen. Vortrag zur Abschlusskonferenz des
Projektes LABEL, Juni 2012 in Dresden, Online (12.03.2018):
http://www.label-eu.eu/de/veranstaltungen/abschlusskonferenz-dresden.html
Volk, H. (2014): Wandel der Vegetation in den Stromauen von Rhein und Elbe. In: Konold, W.; Böcker,
R.; Hampicke, U. (Hrsg.): Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege; 1 – 14, WILEY-VCH Ver-
lag GmbH & Co. KGaA, Weinheim.
Weichselgartner, J. (2000): Hochwasser als soziales Ereignis: Gesellschaftliche Faktoren einer Natur-
gefahr. Hydrologie und Wasserbewirtschaftung 44, Heft 3; S. 122-131