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Der Wiederaufbau des Dresdner Schlosses
· 2008
– 2019
DER WIEDERAUFBAU
DES DRESDNER SCHLOSSES
EINE BAUDOKUMENTATION · 2008
2019

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LAGEPLAN
Der Wiederaufbau des Dresdner Schlosses
· 2008
– 2019
ELBE
SEMPEROPER
ZWINGER
HOFKIRCHE
TASCHENBERGPALAIS
STALLHOF
JOHANNEUM
SCHLOSS

ERDGESCHOSS
GRUNDRISSE
1
Eingang Hausmannsturm – Grünes Tor
2
Schlosskapelle
3
Schönes Tor
4
Durchfahrt Georgenbau
5
Gotische Halle – Schlossausstellung
6
Englische Treppe
7
Eingang Torhaus – Löwentor
8
Eingang Bärengartenflügel
GROSSER SCHLOSSHOF
KLEINER SCHLOSSHOF
FOYER
N
9
Wirtschaftshof
10
Eingang Südteil
11
Jagdtor
12
Garderobe im Zwischenflügel Nord
13
Museumsshop
14
Vorgewölbe
15
Elfenbeinzimmer
16
Weißsilberzimmer
17
Silbervergoldetes Zimmer
18
Pretiosensaal
19
Wappenzimmer
20
Juwelenzimmer
21
Bronzenzimmer
22
Gastronomie
23
Schlossgarten
24
Neues Grünes Gewölbe
25
Fürstengalerie
26
Mehrzwecksaal
27
Kunstbibliothek
28
Englische Treppe
29
ehemaliger Gardesaal
30
Rüstkammer – Macht und Mode
31
Rüstkammer – Weltsicht und Wissen
32
Schlosskapelle – Emporen
33
Langer Gang – Gewehrgalerie
34
Englische Treppe
35
Riesensaal
36
Großer Ballsaal
37
Turmzimmer
38
Propositionssaal
39
Eckparadesaal
40
1. Vorzimmer
41
2. Vorzimmer
42
Audienzgemach
43
Paradeschlafzimmer
44
1. Retirade
45
2. Retirade
46
Bilderkabinette
47
Türckische Cammer
48
Kleiner Ballsaal
49
Ausstellung Münzkabinett
50
Aufgang Hausmannsturm
51
Kupferstich-Kabinett – Studiendepot
52
Kupferstich-Kabinett – Studiensaal
53
Kupferstich-Kabinett – Ausstellung
54
Münzkabinett
55
Kleiner Ballsaal – Emporen
1
2
3
18
22
17
19
16
20
15
21
14
12
23
13
9
7
10
8
6
5
4
11
32
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30
31
24
28
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26
25
27
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41
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46
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1. OBERGESCHOSS
N
24
Neues Grünes Gewölbe
25
Fürstengalerie
26
Mehrzwecksaal
27
Kunstbibliothek
28
Englische Treppe
29
ehemaliger Gardesaal
30
Rüstkammer – Macht und Mode
31
Rüstkammer – Weltsicht und Wissen
32
Schlosskapelle – Emporen
33
Langer Gang – Gewehrgalerie
32
33
30
31
24
28
29
26
25
27

2. OBERGESCHOSS
N
34
Englische Treppe
35
Riesensaal
36
Großer Ballsaal
37
Turmzimmer
38
Propositionssaal
39
Eckparadesaal
40
1. Vorzimmer
41
2. Vorzimmer
42
Audienzgemach
43
Paradeschlafzimmer
44
1. Retirade
45
2. Retirade
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Bilderkabinette
47
Türckische Cammer
48
Kleiner Ballsaal
49
Ausstellung Münzkabinett
41
44
34
35
42
43
40
38
36
45
39
37
48
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3. OBERGESCHOSS
N
50
Aufgang Hausmannsturm
51
Kupferstich-Kabinett – Studiendepot
52
Kupferstich-Kabinett – Studiensaal
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Kupferstich-Kabinett – Ausstellung
54
Münzkabinett
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Kleiner Ballsaal – Emporen
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51
54
50
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DER
WIEDERAUFBAU
DES
DRESDNER
SCHLOSSES
EINE BAUDOKUMENTATION · 2008
2019

Grußwort des Ministerpräsidenten
6
Grußwort des Finanzministers
7
01 EINFÜHRUNG
8
Eine Landesgeschichte aus Tradition und Technologie
9
02 ZUR ARBEIT DER BAUVERWALTUNG
12
Auf dem Weg zu einem Schloss
13
03 KLEINER SCHLOSSHOF
18
Der große Empfang
19
Platz für alle
20
Auf der Suche nach Lösungen
22
Leichte Kuppel, große Wirkung
23
04 ZWISCHENFLÜGEL NORD
26
Mehr praktisch als Prunk
27
Verbindung von Ost und West
29
Licht ins Dunkel
31
05 ENGLISCHE TREPPE
34
Eine Treppe für die königliche Gesandtschaft
35
Zerstörung und Wiederaufbau
36
Grundlagen der Rekonstruktion
38
06 OSTFLÜGEL
42
Schon immer Schloss
43
An der Wache vorbei
44
Der Ostflügel als Museum
46
Einmal ganz groß, bitte!
49
07 NORDFLÜGEL
52
Älteste Bausubstanz und neues Gewölbe
53
Ein Resonanzraum für die Reformation
55
Bekenntnis zum Protestantismus
56
Das Schöne Tor zur Schlosskapelle
62
Merkmale einer frühen protestantischen Kapelle
65
Renaissancearchitektur und barocke Präsentation
66
08 WESTFLÜGEL
70
Eine Audienz beim König
71
Überlegungen zum Ausbau
74
Die Deckengemälde im Paradeschlafzimmer und Audienzgemach
79
Die Prunktextilien von 1719 im Paradeappartement
84
09 GEORGENBAU
86
Das Tor zu Dresden
87
Ein variables Gefüge
88
Sempers Handschrift in Gold und Marmor
93

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10 GROSSER SCHLOSSHOF
98
Das Terrain von Moritz von Sachsen
99
Bilder der Fassade
100
Rekonstruktion einer Kratztechnik
105
Italienischer Import mit sächsischen Eigenheiten
106
11 LANGER GANG
110
Ein Platz für lange Waffen
111
Ausstellung und Technik unter einem Dach
112
12 AUSBLICK
114
Immer kurz vor der Vollendung
115
13 ANHANG
116
Geschichte des Dresdner Schlosses
117
Schönes Tor – Begriffsbestimmung
124
Deckengemälde Audienzgemach – Begriffsbestimmung
126
Deckengemälde Paradeschlafzimmer
– Begriffsbestimmung
128
Mitglieder der Schlosskommission
130
Literatur 131
Abbildungsverzeichnis 132
Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen, wird in den Beiträgen dieser Dokumentation überwiegend das generische
Maskulinum verwendet. Weibliche und andere Formen sind selbstverständlich mitgemeint.
01

6 ·
GRUSSWORTE
GRUSSWORTE
· 7
Grußwort des Ministerpräsidenten
Liebe Leserinnen und Leser,
die Rekonstruktion des Dresdner Schlosses ist eine Gene-
rationenaufgabe. Seit über 30 Jahren beschäftigt sie
Planer, Ingenieure, Handwerker, Denkmalschützer und
Kunsthistoriker. Doch nicht mehr lange, dann dürfen wir
mit Staunen und Freude das vollständig rekonstruierte
Schloss mit seinem reichen Innenleben in Besitz nehmen.
In diesem Generationenprojekt steckt nicht nur viel Geld,
sondern auch eine Menge Lebenszeit, Kraft und Herz-
blut aller Beteiligten. Kunsthistoriker und Restauratoren
haben umfangreiche Forschungen durchgeführt, um
alles so originalgetreu wie möglich wiederherzustellen.
Handwerker haben sich alte Techniken neu angeeignet
wie beim Schlingrippengewölbe in der Schlosskapelle
oder bei den Barockspiegeln für das Grüne Gewölbe. Die
Museumsfachleute der Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden haben Konzepte für die Nutzung des Schlosses
entwickelt. Und die Fachleute des Sächsischen Immo-
bilien- und Baumanagements haben darauf geachtet,
dass die einzelnen Bauabschnitte erfolgreich vollendet
werden. Allen Beteiligten an diesem Generationenprojekt
sage ich von Herzen Danke!
Aber »erledigt« heißt nicht »vorbei«. Bei den beteiligten
Handwerksunternehmen ist ein Erfahrungsschatz ent-
standen, der ihnen europaweit weitere Aufträge bringt.
Die Dresdner bekommen ein Kleinod der Renaissance-
architektur und barocken Prachtenfaltung zurück und
damit vielleicht noch mehr Touristen in die Stadt. Die
Dresdner Museen haben Flächen für ihre hervorragenden
Ausstellungen hinzugewonnen. Die Türckische Cammer
ist wieder am alten Ort, der Riesensaal zeigt eine beein-
druckende Sammlung an Waffen und Rüstungen, altes
und neues Grüne Gewölbe sind faszinierende Wunder-
kammern. Mit Münzkabinett und Kupferstich-Kabinett
ist das rekonstruierte Residenzschloss heute einer der
bedeutendsten Museumskomplexe Europas. Und es ist
Leben im Schloss: In der Fürstengalerie kann man gedie-
gene Abendessen veranstalten, im überdachten Kleinen
Schlosshof stimmungsvolle Empfänge, in der Schloss-
kapelle erklingt wieder regelmäßig Musik.
Schon seit über 100 Jahren ist das Schloss der Wettiner
nicht mehr das Zentrum der Macht in Sachsen. Nach der
Beschädigung im Zweiten Weltkrieg, nach Jahrzehnten
des Verfalls und nun dem erfolgreichen Wiederaufbau
ist es heute etwas anderes: Das Dresdner Schloss des
21. Jahrhunderts ist eine Residenz von Kunst und Wis-
senschaft, eine Schatzkammer und ein Geschichtsbuch
Sachsens. Wie es das im zweiten Bauabschnitt seit 2008
wurde, schildert diese ausführliche Dokumentation.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihr
Michael Kretschmer
Ministerpräsident des Freistaates Sachsen
Grußwort des Finanzministers
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
der Wiederaufbau des Dresdner Residenzschlosses zu
einem Museumsquartier von Weltrang ist für die Säch-
sische Staatsregierung eine Herzensangelegenheit. Weit
über die Grenzen Sachsens hinaus werden die Arbeiten
mit großem Interesse und Anerkennung verfolgt, weil
hier etwas entsteht, das die Menschen in aller Welt
begeistert und verbindet.
Im Februar 1945 war es bei den Bombenangriffen auf
Dresden fast vollständig ausgebrannt. Unversehrt blieben
damals nur ein Teil des Historischen Grünen Gewölbes
und die Kellerräume. Für den Wiederaufbau fehlten viele
Jahre das Geld und das Material. Erst 1986 begann die
Rekonstruktion, die in der Zeit des politischen Umbruchs
1989/1990 deutlich an Fahrt aufnahm. An der Idee, das
Schloss als eine Residenz für Kunst und Wissenschaft zu
nutzen, wurde nach der deutschen Wiedervereinigung
weiter intensiv gearbeitet. 1996 bestätigte eine Experten-
kommission das Vorhaben, im Dresdner Residenzschloss
ein Zentrum für die immensen Schätze der Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden zu schaffen.
Das ist inzwischen Realität. Das Historische und das Neue
Grüne Gewölbe, das Kupferstich-Kabinett, die Rüstkam-
mer, die Türckische Cammer und das Münzkabinett – alle-
samt Museen von Weltrang – haben heute ihre Heimat im
Dresdner Residenzschloss.
Der Freistaat hat sich von Anfang an zum Wiederauf-
bau bekannt. Die insgesamt seit 1990 in die Wieder-
entstehung des Schlosses investierten rund 350 Millio-
nen Euro zeugen von Kontinuität und Verständnis für die
Geschichte und das Kulturgut Sachsens – aber auch von
der größten Baustelle im Freistaat. Hier kommt zusam-
men, was Sachsen ausmacht: die Verbindung von Tradi-
tion und Moderne.
Ich danke an dieser Stelle allen, die daran mitwirken, dass
das Dresdner Residenzschloss Stück für Stück wieder
entsteht. Ausdrücklich bedanken möchte ich mich beim
Bund, der sich als verlässlicher Partner seit 2013 mit über
29 Millionen Euro finanziell am Wiederaufbau beteiligt
hat.
Neben der kulturellen und historischen Botschaft senden
wir mit diesem herausragenden Bauprojekt ein weiteres
wichtiges Signal in die Welt. Die Zerstörung im Zweiten
Weltkrieg und der Wiederaufbau mahnen zum Frieden
und zur Achtung vor Kultur und Tradition.
In diesem Sinne lege ich Ihnen einen Besuch im Dresdner
Residenzschloss sehr ans Herz.
Hartmut Vorjohann
Sächsischer Staatsminister der Finanzen

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EINFÜHRUNG
EINFÜHRUNG
· 9
01
EINFÜHRUNG
Eine Landesgeschichte
aus Tradition und Technologie
Das Schloss geht gut gerüstet in sein nächstes Jahrhundert
Viel bleibt nicht mehr zu tun. In den Nordflügel wird
noch ein Restaurant einziehen, in die Gotische Halle
des Ostflügels eine Ausstellung zum Dresdner Schloss
als 400-jähriger Residenz der sächsischen Kurfürsten
und Könige. Dann ist der Wiederaufbau des Schlosses
nach mehr als 30 Jahren abgeschlossen, und es geht
in bester Verfassung ins neunte Jahrhundert seines
Bestehens. In ihm spiegeln sich Sachsens ruhmreiche
Jahre genauso wie seine Niederlagen, die Schön-
heit der Kunst und die Schrecken der Kriege. Dem
Entschluss des Freistaates von 1997, das Schloss als
Museum wieder auferstehen zu lassen, folgte die
grundsätzliche Überlegung, ein »Monument sächsi-
scher Geschichte« zu schaffen.
Sichtbar in den Objekten der wertvollen Sammlun-
gen, die nun eine Ausstellungsfläche von insgesamt
24.000 Quadratmetern füllen können. Sichtbar aber
auch in der vollendeten Handwerkskunst, die hier
zum Einsatz kam: im spätgotischen Schlingrippen-
gewölbe der Schlosskapelle, in der Sgraffito- und Fres-
kotechnik der Renaissancefassaden, in den kostbaren
Wandteppichen und Deckengemälden der barocken
Paraderäume oder in den aufwendigen Stuckarbeiten
des Kleinen Ballsaals, der 1868 im Semper’schen Geist
des Historismus entstand.
Die originalgetreue Rekonstruktion bestimmter
Räume und Gebäudeteile erstreckte sich auch auf
die Verwendung der ursprünglichen Techniken aus
der historischen Bauzeit. All die traditionsreichen
Gewerke der Stuckateure, Damastweber, Ziegelbren-
ner oder Vergolder waren gefragt, teilweise trug der
Wiederaufbau dazu bei, sie neu zu beleben. Wer jetzt
durch die Höfe des Schlosses spaziert, durch den
Ost-, Nord- oder Westflügel, der wird eingeladen,
sich auf eine Zeitreise durch die sächsische Geschichte
zu begeben: Die erste große Zäsur setzt Moritz, der
Sachsen die Kurfürstenwürde bescherte – gleicherma-
ßen sichtbar als Kurschwert in der Ausstellung »Auf
dem Weg zur Kurfürstenmacht« im Ostflügel und als
Bilderbogen an der Fassade des Großen Schlosshofes.
02
Der Westflügel des Dresdner Schlosses mit dem Historischen
Grünen Gewölbe im Erdgeschoss und dem Paradeappartement im
zweiten Obergeschoss
03
Blick auf den Südflügel und die Schlossstraße nach der
Zerstörung, 1951

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EINFÜHRUNG
EINFÜHRUNG
· 11
KUNSTHISTORISCHE SPURENSUCHE
Der Wiederaufbau des Schlosses hat eine Reihe von
Beschlüssen zur Grundlage. Den Startschuss setzte
die
Denkmalpflegerische Zielstellung
des Instituts für
Denkmalpflege vom 11. November 1983, der 1985 die
Grundsatzentscheidung
Investitionsvorhaben Dresd-
ner Schloss – Sicherung der Bausubstanz
des Rates des
Bezirkes Dresden folgte. Nach der Wiedervereinigung
legten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
1992 ein Nutzungskonzept vor, das Eingang in den Kabi-
nettsbeschluss vom 13. Dezember1994 fand, in dem die
überwiegende museale Nutzung des Schlosses festgelegt
wurde. Schließlich legte das internationale Kolloquium
zum Wiederaufbau und zur Nutzung die Details des Wie-
deraufbaus im Oktober 1996 fest.
Als im Jahr 2007 die äußere Hülle der ehemaligen Schloss-
ruine wiederhergestellt war, gab das Sächsische Staatsmi-
nisterium der Finanzen die Baudokumentation
Der Wieder-
aufbau des Dresdner Schlosses
heraus. Die erste Auflage
war schnell vergriffen, bis heute ist die Nachfrage groß.
Ein Zeichen, wie stark die Anteilnahme der Sachsen am
Werden
ihres
Schlosses ist und schon immer war. Ohne die
vielen Arbeitsstunden, die Freiwillige in die Sicherung der
Ruine steckten, wäre dieser Wiederaufbau nicht gelungen.
2007 konnte der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien-
und Baumanagement (SIB) auf verschiedene Meilensteine
zurückblicken, wie das Aufsetzen der Turmhauben auf den
Hausmannsturm und die vier Treppentürme, die Roh-
baurekonstruktion des Ostflügels und die Eröffnung des
Historischen Grünen Gewölbes. Inzwischen ist vieles, was
2007 gerade vollendet wurde, längst Normalität gewor-
den, gehört zum Schloss und zu Dresden, als wäre es
nie weg gewesen. Vieles ist seitdem dazugekommen: die
transparente Kuppel auf dem Kleinen Schlosshof, die ihn
zu einem würdigen Besucherempfang werden ließ. Die
Türckische Cammer mit ihrer Exponate-Präsentation, die
wie ein Märchen aus 1001 Nacht anmutet. Auch das Rät-
sel des Schlingrippengewölbes in der protestantischen
Kapelle im Nordflügel wurde gelöst. Ein Team aus Kunst-
historikern, Bauforschern, Architekten und Archäologen
meisterte damit gleich zwei Herausforderungen: Die the-
oretische bestand darin, kunsthistorische Spurensuche
mit mathematischen Berechnungen zu verknüpfen, um
die historischen Verläufe und Abmessungen der Rippen zu
bestimmen. Danach folgte der Praxisteil – Überlieferun-
gen, welche Bauabläufe, Materialien, Gerüste, Techniken
eine spätgotische Gewölbekonstruktion erforderte, gab es
nicht. Bei dieser ungewöhnlichen Bauaufgabe gesellten
sich Erfahrung zu Kreativität und der Mut zu Versuchen
zu modernen Prüfmethoden. Einigen Beteiligten dürfte
die Errichtung dieser Kapelle, in der Heinrich Schütz seine
Kompositionen uraufführte, als größtes Abenteuer ihrer
beruflichen Laufbahn in Erinnerung bleiben.
04
Übergabe und Eröffnung des Kleinen Ballsaals am 25. Januar 2019
BAUKOSTEN BLIEBEN IM RAHMEN
Dem Ziel des Freistaates, wesentliche Bereiche des Schlos-
ses bis 2013 als Museumskomplex zur Präsentation des
musealen Staatsschatzes fertigzustellen, folgten umfang-
reiche Planungsprozesse, begleitet von zahlreichen Vorbe-
reitungen zur Ausführung. Wer in der Schlosskommission
am Finden der Formen beteiligt war, wer die Bauabläufe
kannte, die hoch spezialisierten Gewerke koordinierte, für
den waren die reduzierten Haushaltsmittel in den Jahren
2011/2012 und 2013 eine schwierige Phase. Viele erfolg-
versprechende Prozesse wurden damit unterbrochen.
Wertvolle Zwischenstände und zahlreiche Bemühungen
drohten nutzlos zu werden und teilweise verloren zu
gehen. Nach der ersten Finanzierungsvereinbarung vom
19. September 2013 zwischen Staatsminister Bernd Neu-
mann, Beauftragter für Kultur und Medien der Bundes-
regierung, und Staatsminister Georg Unland konnten ab
2014 die Baumaßnahmen kontinuierlich fortgesetzt wer-
den. Die Baukosten sind indexbereinigt in all der Zeit in
dem Rahmen geblieben, den der Kabinettsbeschluss 1997
um 660 Millionen DM, das entspricht circa 337 Millio-
nen Euro, zog. Dem Sächsischen Immobilien- und Bauma-
nagement (SIB) gelang diese kostenbewusste Ausführung
auch durch das Aufsplitten der Bauaufgaben in klein-
teilige Lose, die einen flexiblen Umgang mit dem jeweils
bewilligten Geld ermöglichten. Diese Herangehensweise
bot zudem zahlreichen sächsischen Firmen die Gelegen-
heit, sich zu beteiligen.
Die Investition in die Geschichte des Freistaates rentiert
sich mit einem selbstbewussten Blick in die Zukunft, in
der sich Kunst, Handwerk und Technologie gegenseitig
befruchten.
05
Luftbildaufnahme von 2009: Während zahlreiche Gebäudeteile seit Jahren öffentlich genutzt werden, wurde der Große Schlosshof als
Baustelleneinrichtung benötigt

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ZUR ARBEIT DER BAUVERWALTUNG
ZUR ARBEIT DER BAUVERWALTUNG
· 13
06
Aufarbeitungsproben von Stuckbefunden in den Paraderäumen
02
ZUR ARBEIT
DER BAUVERWALTUNG
Auf dem Weg zu einem Schloss
Interview mit Ludwig Coulin
» Man musste sich durch diesen
Schutthaufen ja irgendwie
durcharbeiten.«
LUDWIG COULIN
ZUR PERSON
LUDWIG COULIN
Ludwig Coulin leitete von 1994 bis 2017 die SIB-
Niederlassung Dresden I. In dieser Zeit begleitete er
die Zäsuren des Wiederaufbaus und setzte Ideen und
Entscheidungen durch, die heute zur Nutzung des
Schlosses beitragen.
Wann wurde entschieden, das Dresdner Schloss
wieder aufzubauen?
Der Wiederaufbau begann unmittelbar nach der Zer-
störung. Damals war es nicht das einzige Projekt: Der
Zwinger, die Hofkirche und die Gemäldegalerie wurden
ebenfalls wieder aufgebaut – wie auch das Wohnhaus
von Goethe in Frankfurt oder das Dürerhaus in Nürn-
berg. Schon damals stritt man darum, ob ein rekonstru-
ierender Wiederaufbau das Richtige sei. Die Kölner und
die Leipziger rissen ihre beschädigten Opernhäuser bei-
spielsweise schnell weg und bauten komplett neue. Die
Dresdner haben die Ruinen erst einmal gesichert – und
gewartet. Um das Schloss zu retten, um zu zeigen, dass
es gebraucht wird, haben sie sich Zwischennutzungen
einfallen lassen. So deutete beispielsweise die Bauleitung
des Kulturpalastes das Geld für ihre Baubaracke einfach
um, bezog den Georgenbau und steckte die Mittel dort in
die Räume. Den offiziellen Startschuss zum Wiederauf-
bau setzten die damaligen politischen Entscheider 1985.
Hinter dem Willen zum Wiederaufbau des Schlosses
stand auch die Entscheidung für das städtebauliche
Ensemble des Theaterplatzes. Seine Stellung war mit dem
Wiederaufbau der Sempergalerie und der Rückgabe der
Gemälde durch die Sowjetunion gesetzt. Obwohl die DDR
einerseits historische Bausubstanz verfallen ließ, spielte
sie andererseits paradoxerweise eine Vorreiterrolle bei der
Rekonstruktion von historischen Stadträumen und Struk-
turen – man denke auch an das Nikolaiviertel in Berlin.

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14 ·
ZUR ARBEIT DER BAUVERWALTUNG
ZUR ARBEIT DER BAUVERWALTUNG
· 15
In welchem Zustand war das Schloss in der
Wendezeit?
Etwa ein Drittel des Rohbaus stand. Es war eine eigen-
ständige Idee der Dresdner, in der DDR das Schloss als
Kulturerbe zu begreifen und das Wagnis Wiederaufbau
anzugehen. Hier muss man auch Hans Modrow (red.
Hinweis: Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden)
nennen – ohne seinen Einsatz hätte es keinen Baubeginn
gegeben. Die Aufbauleitung um Erich Jeschke von der
Aufbauleitung Kulturhistorische Bauten, Rat des Bezirkes
Dresden, nahm ihre Arbeit Ende der 1970er-, Anfang der
1980er-Jahre auf. Sie hatte die geniale Idee, den Wieder-
aufbau in Etappen zu unterteilen. Zuerst kam die Siche-
rung der Bausubstanz – man musste sich durch diesen
Schutthaufen ja irgendwie durcharbeiten. Die zweite
Etappe bestand in der Rohbausicherung und äußeren
Wiederherstellung und die dritte im Ausbau. Diese drei
Etappen unterteilten sie in Teilabschnitte: Südflügel, Zwi-
schenflügel Nord, Ostflügel, Westflügel. Die unterschied-
lichen Nutzungen wurden vom Grundriss an schon vor
Baubeginn in groben Zügen mitgedacht. Das gestattete
uns später einen großen Handlungsspielraum.
Zu DDR-Zeiten war der VEB Gesellschaftsbau mit der
Planung und dem Wiederaufbau des Schlosses betraut.
Mit dem damaligen Direktor Jochen Bauer schloss mein
Vorgänger Georg Werner noch in der Wendezeit einen
Anschlussvertrag, sodass es zu keinem Baustopp kam. Als
sich die Bundesrepublik Anfang der 1990er-Jahre enga-
gierte und große Geldsummen aus dem Solidarpakt I
kamen, war die Baustelle hier bereit.
Wie war die Quellenlage zur originalen
Bausubstanz des Schlosses?
Das Schloss ist eines der bestdokumentierten der Welt.
Die Bestände des hiesigen Staatsarchivs mit all den
Plänen der Hofbaumeister überstanden den Krieg fast
unversehrt. Die Quellen ermöglichten einen anderen Stil
beim Wiederaufbau als beispielsweise bei der Frauen-
kirche. Sie wurde in einem Zug gebaut und getreu den
archäologischen Funden rekonstruiert. Am Schloss dage-
gen veränderten die Wettiner über die Jahrhunderte hin-
weg ständig etwas. Zuletzt haben es die Architekten Dun-
ger und Frölich bei der großen Schlosssanierung Ende des
19. Jahrhunderts komplett überformt und zum moderns-
ten Schloss seiner Zeit gemacht. Sie elektrifizierten es,
bauten Aufzüge und Zentralheizung ein, und vor allem
ersetzten sie die morschen Balkenköpfe durch Stahlträ-
ger. Diese Stahlkonstruktion überlebte das Inferno und
hielt die Ruine des Georgenbaus zusammen.
Welche Entscheidungen wurden nach der Wende
wegweisend beim Wiederaufbau?
Als ich 1994 hier ankam, hieß es plötzlich: »Untersuchen
Sie mal, ob ein Ministerium in das Schloss ziehen könnte.«
Wir haben bald festgestellt, dass dann jedem Mitarbeiter
50, 60 Quadratmeter zustehen würden, denn die gro-
ßen Räume ermöglichen nur vereinzelt Arbeitsplätze mit
Tageslicht. Das Ergebnis war unwirtschaftlich genug, um
davon Abstand zu nehmen. Im nächsten Schritt beriefen
der Finanz- und der Wissenschaftsminister der sächsi-
schen Staatsregierung 1995 ein Kolloquium mit inter-
nationalen Fachleuten ein: Denkmalpfleger, Museologen
und Architekten wurden gefragt, wie sich Denkmalschutz,
Wiederaufbau und Nutzungsanforderungen am bes-
ten vereinen ließen. Dort stellte zum Beispiel der Archi-
tekt Horst Witter sein Konzept der Durchgängigkeit des
Schlosses vor: einmal die Nord-Süd-Achse vom Großen
durch den Kleinen Schlosshof und den Wirtschaftshof,
zum anderen die Ost-West-Achse durch den Ostflügel
und den Bärengarteneingang. Dieses Konzept integrierte
das Schloss als öffentliches Gebäude in den Stadtraum.
Später gewann Horst Witter den Wettbewerb um den
Ausbau des Westflügels mit dem Historischen und dem
Neuen Grünen Gewölbe und dem Kupferstich-Kabinett.
Mit ihm kam ein Architekt zum Zuge, der die Wertigkeit
der alten Architektur verstand und die neue stimmig
einfügen konnte: Die bereits errichtete zweiläufige, mit-
tige Treppe ersetzte er mit einer dreiläufigen, seitlichen
Treppe – das gleiche Prinzip wie bei der Englischen Treppe.
Die Aufzüge stellte er in die Mitte, um die Erschließung
des Schlosses zu gewährleisten.
Können Sie ein Organigramm der Zuständigkeiten
beim Wiederaufbau des Schlosses skizzieren?
Das Schloss ist das größte Bauprojekt des Freistaates
Sachsen. Die Zentrale des Staatsbetriebs Sächsisches
Immobilien- und Baumanagement (SIB) ist natürlich
involviert, auch das sächsische Finanzministerium hat
einen Anteil. In der Niederlassung Dresden I laufen dann
alle Fäden zusammen: Verträge bearbeitet die Vertrags-
abteilung, Technikplanung organisiert die Technikabtei-
lung, die Außenanlagen plant die Ingenieurabteilung, für
den Hochbau ist das federführende Hochbausachgebiet
zuständig. In der Wendezeit waren sehr viele Mitarbeiter
mit dem Schloss betraut, weil damals alles grundlegend
geplant werden musste. Später kamen die freien Berufe
für die verschiedenen Aufgaben dazu.
Was waren die typischen Aufgaben im
Zusammenhang mit dem Schloss?
Am wichtigsten war es stets, die Verständigung zwi-
schen den verschiedenen Interessen und Institutionen
herzustellen. In der Folge des internationalen Kollo-
quiums 1995/1996 wurde eine Schlosskommission
gegründet, mit Vertretern aus dem Finanz- und Wis-
senschaftsministerium und dem Leiter des Landesam-
tes für Denkmalpflege, den Staatlichen Kunstsamm-
lungen Dresden (SKD) und der Bauverwaltung (heute
SIB-Zentrale und -Niederlassung Dresden I). In dieser
Kommission wurden die wichtigen Entscheidungen zur
termingerechten Finanzierung und zu anderen aktu-
ellen Themen einvernehmlich beschlossen, sodass der
Bauablauf nicht ins Stocken geriet. Die Zusammenarbeit
mit dem Landesamt für Denkmalpflege war sehr kon-
struktiv: Gerhard Glaser als sächsischer Landeskonserva-
tor schrieb seine Dissertation über das Grüne Gewölbe,
seine Nachfolgerin Rosemarie Pohlack über den Schloss-
umbau Ende des 19. Jahrhunderts – das Wissen der bei-
den war uns immer ein Wegweiser. Sie gehörten auch zu
der Gestaltungskommission, die wir für die Rekonstruk-
tionsbereiche Historisches Grünes Gewölbe und Parade-
räume einrichteten. Genauso wichtig war der ständige
Austausch mit den SKD. Von ihnen kommen beispiels-
weise die Möbel für die Paraderäume. Der SIB hat die
Wände wiederhergestellt. Da brauchte es von Anfang an
einen Austausch. Das war in meinen Augen die wichtigste
Arbeit: Reden, reden, reden, abstimmen und noch einmal
reden, um die bestmögliche Lösung zu erreichen.
Wenn im Finanzministerium entschieden wurde, ob ein
Vorhaben finanziert wird oder nicht, spielte Inka Hüning
eine wichtige Rolle. Dazu muss man den Arbeitsstil im
Ministerium kennen: Das Vorhaben wird dokumentiert
und vorbereitet, Ministervorlagen und Kabinettsvorlagen
werden erstellt. Jede Maßnahme muss begründet wer-
den, und dann muss der Landtag auch noch zustimmen.
Bei alledem hat das Dresdner Schloss nicht die Priorität
wie beispielsweise die finanzielle Ausstattung der Polizei.
Inka Hüning erarbeitete die Vorlagen für alle Entscheider
so schlüssig, dass am Ende ein Haken darunter stand.
07
Ludwig Coulin 2017 vor dem Modell des Altans

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ZUR ARBEIT DER BAUVERWALTUNG
ZUR ARBEIT DER BAUVERWALTUNG
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Die Bauverwaltung veranschlagte 337 Millio-
nen Euro für Wiederaufbau und Rekonstruktion
des Schlosses. Wie hielten Sie die Kosten im Griff?
Die Baukosten schätzte Georg Werner im Jahr 1991 auf
einen Wert von 660 Millionen DM, also circa 337 Milli-
onen Euro, und sie sind tatsächlich indexbereinigt nicht
gestiegen. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen haben
wir immer sehr kleinteilige Lose ausgeschrieben. Das
ist zwar aufwendiger, als einen Generalübernehmer zu
beauftragen, doch die zehn Prozent Generalübernehmer-
zuschlag flossen schon mal in gebaute Wirklichkeit. Auf
diese Art konnten wir stets passgenau auf Notwendig-
keiten reagieren. Zum anderen hatten der Rohbau und
die äußere Wiederherstellung, die bis zur Wende gebaut
wurden, einen heutigen Wert von rund 75 Millionen Euro.
Diese Substanz war schon da, als der SIB die Summe von
330 Millionen Euro bildete. In diesem Rahmen bewegen
sich bis heute alle Maßnahmen.
Am Wiederaufbau waren ungeheuer viele
Handwerker beteiligt, oft aus Sachsen. Nach
welchen Kriterien erfolgten die Auftragsvergaben?
Im Grunde heißt die Aufgabe immer: Finde die Firma, die
die Rekonstruktion oder Restaurierung optimal bewerk-
stelligen kann. Für den SIB als Auftraggeber spielt natür-
lich die Wirtschaftlichkeit des Angebots eine Rolle, aber
immer im Zusammenspiel mit den Kenntnissen und
Fähigkeiten der jeweiligen Firma. Und da profitierten wir
in Dresden und Sachsen von den traditionellen Struktu-
ren, die sich hier in all den Jahrzehnten des Wiederauf-
baus seit 1945 etabliert haben. Es stellte sich oft heraus,
dass die hiesigen Handwerker in der Qualität und im Preis
die Besten waren. Ein Effekt der Ausschreibung kleintei-
liger Lose ist, dass mehr Unternehmen aus der Region
eine Chance auf Auftragserteilung erhalten – sie können
beispielsweise geringere Anfahrts- und Unterbringungs-
kosten für ihre Mitarbeiter kalkulieren.
Was war die größte Schwierigkeit beim
Wiederaufbau?
Am schwierigsten war es immer, die verschiedenen Inte-
ressen zu kanalisieren. Schon gegen den Wiederaufbau
des Schlosses an sich gab es Widerstände in dem Sinne
von: Es solle doch Ruine bleiben! Da müsse eine Stahl-
glaskonstruktion wie ein Blitz einschlagen! Das hatte
allerdings nichts mit dem Genius Loci Dresdens zu tun.
Ich war überzeugt von den Ideen der Aufbauleitung von
Erich Jeschke und Lucas Müller und setzte mich dafür ein,
sie weiterzuführen.
Welche Entscheidungen und Entwicklungen
während des Wiederaufbaus waren wegweisend?
Großartig ist Horst Witters Durchdringung des West- und
Bärengartenflügels mit dem neuen Eingang. Ursprünglich
gelangten die Könige dort in ihr Gärtchen. Jetzt kom-
men die Bürger vom Theaterplatz oder Zwinger in das
moderne Entree.
Auch die Überdachung vom Kleinen Schlosshof verbin-
det Moderne und Rekonstruktion. Kein anderer Ort im
Schloss ist so geeignet für ein Foyer! Peter Kulkas Idee
eines Baldachins auf dem Dachfirst des Kleinen Schloss-
hofs ist wieder eine typisch sächsische Mischung aus
Erfindergeist und Um-die-Ecke-Denken: Diese freitra-
gende Konstruktion aus hohlen Vierkanttragprofilen war
zunächst nur eine Zeichnung von diagonalen Strichen. Es
war ein langer, schwieriger Prozess, bis die Konstruktion
gebaut werden konnte. Zunächst musste das Geld dafür
bereitstehen, dann musste die Kuppel bei laufendem
Museumsbetrieb von oben durch sämtliche Stockwerke
im Fundament verankert werden, und zwar so, dass sie
Tornados widerstehen kann. Die dritte wesentliche Ent-
scheidung beim Wiederaufbau fiel zur Rekonstruktion
der Sgraffiti des Großen Schlosshofes zusammen mit den
farbigen Fresken des Altans.
Gibt es so etwas wie ein Vermächtnis aus dem
Wiederaufbau des Schlosses?
Es dient als Beispiel in einer Welt, in der die Zerstörung
von Kulturerbe wieder zunimmt. Die Frage, wie man
damit umgeht, stellt sich immer wieder neu: Belässt man
es bei der Ruine oder lässt sich ein Stück wieder heilen?
Tatsache ist: Die virtuelle Welt des Computers mag noch
so detailgetreu sein, sie ersetzt nicht das echte Bild. Wie
auch Musik aus dem Kopfhörer kein Konzert in der Sem-
peroper ersetzt. Vielleicht lässt gerade die Bilderflut des
Internets das Original wichtiger erscheinen als je zuvor.
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Stuck, bereit zum Einlegen in die Gesimse
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KLEINER SCHLOSSHOF
KLEINER SCHLOSSHOF
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Die Kuppel macht aus dem Kleinen Schlosshof eine zentrale Empfangshalle
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KLEINER SCHLOSSHOF
ERDGESCHOSS
» Wenn Sie sehen, wie die Gäste
das Gebäude betreten, sich
einfach wohlfühlen, den Blick
nach oben wenden, das Schloss
langsam erkunden, für sich
erobern. Es ist eine Freude!«
MARTIN ROTH ZUM KOLLOQUIUM GROSSER SCHLOSSHOF,
MAI 2010
Der große Empfang
Der Kleine Schlosshof als zentraler Ausgangspunkt
Der Kleine Schlosshof entstand im Zuge des großen
Schlossausbaus im 16. Jahrhundert. Kurfürst Moritz
von Sachsen begann 1553, das Schloss zu erweitern.
Zwei Generationen später ließ Christian I. mit dem
Bau des Torhauses, durch das der Kleine Schlosshof
entstand, einen vorläufigen Schlusspunkt setzen.
Beim Schlossumbau Ende des 19. Jahrhunderts erhiel-
ten die Fassaden des Hofes eine Überformung im Stil
der Neorenaissance und der Ritter-Georg-Brunnen zu
Ehren König Georgs bekam einen Platz an der Süd-
westseite. Die Säulenarkaden am Südflügel blieben
jedoch im originalen Zustand aus der Erbauungszeit.
Beim Wiederaufbau verblieben sie im Hof, der sonst
nach dem Vorbild des 19. Jahrhunderts rekonstruiert
wurde. Ein gelungenes neues Bauteil erhielt er 2009:
Mit der Membrandachkuppel, entworfen vom Archi-
tekten Peter Kulka, ist er inzwischen das Zentrum des
Besucherverkehrs.

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KLEINER SCHLOSSHOF
KLEINER SCHLOSSHOF
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Platz für alle
Das Schloss als öffentlicher Raum
Als die Sächsische Staatshochbauverwaltung (seit
Anfang 2003 Staatsbetrieb Sächsisches Immobi-
lien- und Baumanagement [SIB]) 1991 die Rekon-
struktionsarbeiten übernahm, gab es noch keine
Untersuchungen über die zu erwartenden Besucher-
mengen. Die Empfehlung der Architekten im Ergeb-
nis des internationalen Schlosskolloquiums 1995 bis
1996 lautete, dafür ein Eingangsbauwerk oder ein
Eingangsfoyer zu schaffen. Das Schloss sollte nach
Fertigstellung Teil des öffentlichen Raums sein, die
Schlosshöfe zugänglich auch für Menschen, die nicht
in die Ausstellungen wollten. Wie sich die Besucher-
ströme auf die Wegeführung im Gebäude und die
Platzverhältnisse für Servicefunktionen wie Karten-
verkauf, Garderobe oder Toiletten auswirken würden,
war offen und zu untersuchen.
Erhellung in all diesen Fragen brachte die Studie von Lord
Cultural Resources. Das kanadische Büro, benannt nach
dem Mitgründer Berry Lord, hat sich auf Museumspla-
nung spezialisiert. Vom SIB wurde es 2002 beauftragt, die
künftigen Besucherzahlen und die Besucherzirkulation
zu prognostizieren – vor allem auch im Hinblick auf ein
Foyer, das zahlreiche Funktionen erfüllen muss: ausrei-
chend Raum bieten für den Empfang, für Besuchergrup-
pen und Veranstaltungen, als schneller und barrierefreier
Ausgangspunkt für die Erkundung der Sammlungen die-
nen und als zentraler Treffpunkt mit beigefügtem Muse-
umsshop und Café eine gute Aufenthaltsqualität aufwei-
sen. Neben den Aspekten der Sicherheit, Orientierung und
Erreichbarkeit ging es darum, einen Ort mit einladender,
freundlicher und würdiger Atmosphäre zu schaffen.
Für die Foyersuche gab der SIB dem Büro Lord zwei Pla-
nungsvarianten mit. Die erste sah den Zwischenflügel Nord
und einen Teil des Bärengartenflügels für ein Foyer vor,
wobei Toiletten, Garderobe und Museumsshop im Unter-
geschoss liegen sollten. Dem Ausbau des Kellers standen
allerdings archäologische Funde im Weg, sodass diese
Variante nicht genügend Platz bot. Abgesehen davon ließ
sich die Besucherzirkulation rund um die Kassen im Erdge-
schoss des Nordflügels nicht günstig lösen. Für Gruppen
gab es nicht genügend Platz, um sich zu sammeln.
In der zweiten Variante wurde der Empfang in zwei Foy-
ers aufgeteilt: eins im Untergeschoss des Westflügels und
eins im ersten Obergeschoss des Ostflügels. Auch hier gab
es gravierende Nachteile: Besucher hätten sich für eine
Ausstellung entscheiden müssen, bevor sie überhaupt das
Schloss betraten. Auch die Aufteilung des Gebäudes wäre
für sie nur schwer zu erfassen gewesen. Zudem wären
Doppelstrukturen für Garderoben und Kassen entstanden.
Als das Büro Lord 2003 seine Studie vorstellte, nannte
es zunächst eine Zahl: Mit jährlich 1,5 bis 2 Millionen
Besuchern konnten die Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden (SKD) im Schloss rechnen. Heruntergebrochen
auf die Aufenthaltsdauer ergab sich ein Platzbedarf für
250 Menschen, also 250 Quadratmeter Mindestgröße für
ein Foyer. Fünf Kassen würden zur Bewältigung des Ticket-
verkaufs nötig sein, dazu eine Kasse für Gruppenreisende.
Die Lord-Studie schlug deshalb eine dritte Planungs-
variante vor, die allen Anforderungen gerecht wurde:
der Kleine Schlosshof als zentraler Empfangsraum. Er
bietet genügend Raum für Servicefunktionen wie Ticket-
schalter und Informationsbildschirme, bewältigt den
Besucherdurchlauf, kann Besuchergruppen als Sammel-
platz dienen und ermöglicht klare Wegeführungen bei
Museumsrundgängen. Er hat über die Englische Treppe
einen Zugang zur Türckischen Cammer, zur Fürstengalerie
und zur Rüstkammer. Über den Westflügel sind das His-
torische und das Neue Grüne Gewölbe, das Kupferstich-
Kabinett und alle anderen Ausstellungsräume barrierefrei
zu erreichen. Garderobe, Museumsshop und Café haben
direkte Zugänge zum Hof. Um auch als witterungsunab-
hängiger, würdiger Empfang und Treffpunkt zu dienen,
mussten die 600 Quadratmeter des Kleinen Schlosshofes
allerdings erst überdacht werden.
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Die Kassenbereiche auf der Ostseite des Kleinen Schlosshofs
wurden in die rekonstruierte Loggia integriert

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KLEINER SCHLOSSHOF
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Auf der Suche nach Lösungen
Varianten der Dachkonstruktion
Ein solch gravierender und augenfälliger Neubau
wie das Dach auf dem Kleinen Schlosshof musste in
erster Linie dem denkmalpflegerischen Anspruch des
Hofensembles gerecht werden – eine Herausforde-
rung an die technische Lösung. Jede Konstruktion
ist danach bemessen, welche Last sie tragen muss.
Die vier Schlossflügel, die den Hof umrahmen, sind
nur für die Last ihrer eigenen Dächer konstruiert. Die
Horizontalkräfte, Sog- und Zugkräfte, dazu Wind-
und Eigenlast, die bei einer Überdachung des gan-
zen Hofes dazukommen würden, sind in ihrer Statik
natürlich nicht vorgesehen.
Überlegungen zu einer adäquaten Dachlösung
beschäftigten den SIB seit 2003. Er lud drei Architek-
turbüros zu einem Gutachterverfahren ein. Beteiligt
waren Pfau Architekten (Dresden), Witter Architek-
ten (Dresden) und Schulitz + Partner (Braunschweig).
Besonders zu berücksichtigen hatten die Büros, dass
eine Überdachung kaum in die rekonstruierten Fas-
saden eingreifen durfte und – für einen möglichst
zurückhaltenden Auftritt – transparent sein musste.
Eine zusätzliche Schwierigkeit bestand darin, die
unterschiedlichen Traufhöhen der hofbegrenzenden
Gebäude unter einem Dach zu vereinen.
DACHLÖSUNGEN DER ARCHITEKTURBÜROS
Alle drei Architekturbüros entwickelten Dachlösungen
mit Glaseindeckungen. Nicht weiter verfolgt wurde der
Vorschlag von Witter Architekten, die Deckenlast mit
zwei Stützen im Hof abzufangen. Auch die Idee von Pfau
Architekten, das Dach mit einem Fachwerkbinder zu ent-
lasten, fand keinen Anklang. Die Binderkonstruktion von
Schulitz + Partner überzeugte noch am ehesten durch ihr
relativ filigranes Aussehen. Der Hof wurde dadurch nicht
verfremdet, und die Eingriffe in die Bausubstanz erschie-
nen vertretbar.
TECHNISCHE ANFORDERUNGEN
Gleichzeitig kamen immer mehr technische Anforderun-
gen ins Spiel, denen die Überdachung genügen musste:
Brandschutz, Entrauchung, Entwässerung, Beleuch-
tung und Belüftung. Simulationen zeigten, dass sich bei
Rauchentwicklung die giftigen Gase durch die niedrige
Dachhöhe relativ schnell in der vorgeschriebenen zwei
Meter hohen rauchfreien Zone zurückgestaut hätten, die
für die Evakuierung notwendig ist.
Zu erfüllen war diese Anforderung nur mit einem Dach,
das sich öffnen ließ, und durch weit zu öffnende Türen,
durch die frische Luft nachströmen konnte. Unter die-
sen Umständen musste der SIB gemeinsam mit dem
Architekturbüro Schulitz + Partner den ursprünglichen
Entwurf weiter modifizieren. Jede neue Sicherheits-
stufe erforderte eine stabilere Konstruktion. Statt des
Rahmens, der vom Traufbereich her hängend die Kräfte
auffing, wurden schließlich Seilbinder entwickelt, die die
gläserne Decke an einer mittigen Längsrinne hielten. So
sollte die Konstruktion an Leichtigkeit gewinnen, konnte
aber am Ende trotzdem nicht mehr recht überzeugen. Vor
allem die Denkmalpflege sah die Eingriffe sehr kritisch.
Leichte Kuppel, große Wirkung
Folienkissen für gestalterische Freiheit
Eine Lösung der schwierigen Situation stellte Peter
Kulka der Schlosskommission im Juli 2004 vor. Er
hatte die Idee einer Kuppel, die auf den Dachfirsten
aufsetzte und mit Folienkissen statt Glas gedeckt war.
Damit ging er die Problematik von Lasten, Dachhöhe
und Brandschutz komplett anders an: Die ETFE-
Folien gewähren die gleiche Beleuchtung wie Glas,
sind jedoch viel leichter. Das tragende Stahlgitter
konnte also viel filigraner ausfallen. Die Kuppelform
gleicht die verschiedenen Höhen der hofbegrenzen-
den Gebäude aus. Mit dem Kuppelaufsatz auf First-
statt auf Traufhöhe sind zudem etliche Meter an
Höhe gewonnen. Im Fall eines Brandes hätten die
Rauchgase mehr Platz nach oben, zudem müsste kein
besonderer Mechanismus für die Öffnung des Dachs
her – die Folien würden einfach schmelzen und die
Rauchgase ungehindert abziehen lassen. Optisch
würde das Ensemble der Schlossfassaden nicht in
Traufhöhe gestört, die verschiedenen Zeitschichten
ließen sich weiterhin ablesen.
Peter Kulkas Idee überzeugte, zumal die Kuppel auch
formal einen eigenen architektonischen Akzent set-
zen konnte.
FORM UND STATIK DER KUPPEL
Ursprünglich planten Peter Kulka und Philipp Stamborski
die Kuppel eher als flache Schale. Der Prüfstatiker Bernd
Dressel arbeitete jedoch heraus, dass der Wölbungs-
grad der Kuppel bei dem geplanten Einsatz von ETFE-
Folien in einem tragenden Stahlgitter sehr viel höher
ausfallen musste, um Windlasten, Kräfte und auch das
thermische Verhalten ideal abzuleiten beziehungsweise
auszugleichen.
Um die Menge des benötigten Stahls und damit auch
das Gewicht zu minimieren, beauftragte der SIB in einem
nächsten Schritt das Dresdner Ingenieurbüro Leonhardt,
Andrä und Partner damit, Optimierungsvarianten zu fin-
den. Das Büro schlug vor, die Rauten zu vergrößern oder
sie als Dreiecke auszubilden, was jedoch zu einem weni-
ger eleganten Erscheinungsbild geführt hätte. Die Rau-
tenform von Peter Kulka blieb die überzeugendste Form.
Es gelang, die Profile der Stahlverstrebungen zu verrin-
gern. Auch wenn sich damit keine wesentlichen Kosten
einsparen ließen, ist dies eins der vielen Details, die die
Kuppel heute so filigran anmuten lassen.
11
Um eine Kuppel reicher: Die Form passt sich gut in
die Dächerlandschaft des Schlosses ein. Gleichzeitig wird
von außen sichtbar, dass hier der zentrale Verteiler für die
Besucher entstanden ist. Im Schloss tauchen die Rauten auch
an vielen anderen Stellen auf, beispielsweise am Gewölbe des
Riesensaals.

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KLEINER SCHLOSSHOF
KLEINER SCHLOSSHOF
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AUFSTELLUNG DER DACHKONSTRUKTION
Die Kuppel wurde ab 2007 bei laufendem Ausstellungs-
betrieb gebaut. Der Kleine Schlosshof war mit einem
Raumgerüst ausgefüllt. Über ihm wuchsen die einzelnen
Bauteile der Konstruktion: der den Dachfirst umlaufende
Stahlfachwerkring, der die unterschiedlichen Gebäude-
höhen ausgleicht und die Lasten und Kräfte des Dachs
über Festpunkte und Federlager auf die verborgenen
Pendelstützen ableitet, die quasi von oben in die vier
hofbegrenzenden Gebäudeteile eingefädelt wurden. Auf
diese Weise liegt die Kuppelkonstruktion nicht starr auf,
sondern kann sich auf temperatur- oder druckbedingte
Ausdehnungen und Bewegungen einstellen.
Um den unregelmäßigen, leicht trapezförmigen Grund-
riss des Hofes auszugleichen, erhielt jede Raute eine indi-
viduelle Form. Die ETFE-Folie der Rautenkissen lässt das
Tageslicht ungefiltert durchscheinen. Anders als Glas ist
sie auch durchlässig für UV-Licht und langwellige Wär-
mestrahlung, sodass die Wärme auch wieder entweichen
kann. Zudem lassen sich vier Rauten öffnen. Die hohlen
Vierkanttragprofile, in denen die Kissen klemmen, trans-
portieren gleichzeitig vorgetrocknete Luft, die Kondensa-
tionen in den Kissen und Korrosion im Inneren der Profile
verhindert. Rinnen auf den Profilen leiten Regenwasser
an den Rand, wo es ablaufen kann. Kreuzbleche ver-
steifen die Schnittpunkte. Damit das Stahlgitter gegen
den hellen Himmel nicht schwarz wirkt, verleiht ihm ein
Eisenglimmeranstrich optisch mehr Leichtigkeit.
Seit 2009 überspannt die Kuppel den Kleinen Schloss-
hof und setzt damit der historischen Bausubstanz eine
moderne Krone auf. Gleichzeitig erhielten die Museen im
Schloss ein regensicheres Foyer, das zugleich auch für
Veranstaltungen genutzt werden kann.
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Baustellensituation beim Aufbau der Vierkanttragprofile
RITTER-GEORG-BRUNNEN
Fast nebenbei wurde auch der Ritter-Georg-Brunnen
saniert, der 1904 von Artur Volkmann geschaffen wurde.
Er erwies sich als relativ gut erhalten. Mit seiner erneu-
erten Vergoldung bildet er im sonst eher zurückhaltend
möblierten Hof einen gern genutzten Verweilpunkt.
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Der Ritter-Georg-Brunnen ist ein beliebter Treffpunkt
der Besuchergruppen
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ÜBERDACHUNG KLEINER SCHLOSSHOF
Baubeginn
2007
Bauliche Fertigstellung
2008
Eröffnung
30. Januar 2009
Kosten
7,5 Mio. Euro
Architekten
Peter Kulka Architektur Dresden
Projektsteuerung
Kaiser Baucontrol Ingenieur-
gesellschaft mbH, Dresden
Tragwerksplanung
ahw Ingenieure, Münster;
Leonhardt, Andrä und Partner, Dresden; Kröning Ulbrich
Schröter, Dresden; Prof. Dr.-Ing. Bernd Dressel, Dresden

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ZWISCHENFLÜGEL
NORD
Mehr praktisch als Prunk
Ein Museumsflügel mit vielen Aufgaben
Bis ins 16. Jahrhundert bestimmte ein mittig gesetz-
tes, gotisches Torhaus den Eindruck des heutigen
Zwischenflügels. Es bildete damals den südlichen Ein-
gang zur Burganlage, da die vorgelagerten Anbauten
rund um den Kleinen Schlosshof noch fehlten. Mit
der Schlosserweiterung durch Moritz von Sachsen ab
1548 wurde auch dieser Flügel ein Stück nach Süden
verrückt. Allerdings blieb das Torhaus an seinem –
nun nicht mehr mittigen – Platz, sodass der Flügel
an dieser Stelle in den Großen Schlosshof hineinragte.
Diese Situation verhinderte den Bau eines Wendel-
steins in der Ecke zum Ostflügel. Einige Mauern im
Keller gehören noch zu den Fundamenten dieses Tors.
Den Kleinen Schlosshof ließ Kurfürst Christian I.
(1560–1591) anlegen. Damit wurde aus dem Süd-
ein Zwischenflügel. Das alte Torhaus wurde unter der
Regentschaft von Johann Georg III. endgültig abge-
rissen und ein Stück weiter westlich durch Johann
Georg Starckes Portalbau ersetzt, der den Kleinen mit
dem Großen Schlosshof verbindet.
Beim Wiederaufbau des Dresdner Schlosses war der
Rohbau des Zwischenflügels Nord bereits 1993 fer-
tig. Während der Wiederaufbauarbeiten am Schloss
diente er zunächst als Lager für die Befunde und bot
Platz für die Werkstätten der Gewerke, die mit dem
Historischen Grünen Gewölbe beschäftigt waren. Als
dieses 2006 eröffnet wurde, konnte das Büro Peter
Kulka Architektur Dresden mit dem musealen Ausbau
des Ostflügels, des Torhauses, der Englischen Treppe,
des Foyers im Kleinen Schlosshof und des Zwischen-
flügels Nord beginnen.
Die südliche Fassade des Großen Schlosshofs gehört
zum Zwischenflügel Nord. Die staub- und vibrations-
intensive Rekonstruktion der Sgraffiti war 2010 abge-
schlossen – eine Voraussetzung für den Ausstellungs-
aufbau mit den sensiblen Kunstwerken. Die histori-
sche Raumform der Fürstengalerie sollte im ersten
Obergeschoss beibehalten werden.
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Die Türckische Cammer schließt den Museumsrundgang im
Paradegeschoss ab
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Ausstellung zu Restaurierung und Rekonstruktion des
Historischen Grünen Gewölbes im Vorraum von Fürstengalerie und
Neuem Grünen Gewölbe

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Verbindung von Ost und West
Die Fürstengalerie im 1. Obergeschoss
Thematisch kommt der Fürstengalerie die Aufgabe zu,
vom Neuen Grünen Gewölbe im Westflügel zur Eng-
lischen Treppe beziehungsweise zur Rüstkammer im
Ostflügel überzuleiten und die beiden Gebäudeteile
zu verbinden. Ihre museale Aufgabe besteht darin,
15 Gemälde der sächsischen Kurfürsten und sieben
Büsten der sächsischen Könige zu präsentieren. Beim
Ausbau hatte der SIB zu beachten, dass neben den
Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) die
Sächsische Staatsregierung die Galerie auch für reprä-
sentative Anlässe und Empfänge nutzen wollte.
Die Planungen zu dem 370 Quadratmeter großen Raum
begannen im Februar 2006, der Baubeginn lag im Sep-
tember 2008, die Eröffnung am 31. Juli 2009. Die Fürs-
tenporträts auf der 40 Meter langen Wand hängen kon-
trastreich vor einer roten Seidenbespannung, die Büsten
stehen gegenüber zwischen den Fensterlaibungen nahe
der Wand. So behindern sie weder den Durchgangsver-
kehr noch Empfänge. Um Besuchern die Orientierung im
Schloss zu erleichtern, gewähren die Fenster einen freien
Blick in den Großen Schlosshof gegenüber vom Altan.
Für Boden und Sockel der Königsbüsten wählten der SIB
und das Büro Kulka den silbrig-dunkelgrauen Theumaer
Fruchtschiefer aus dem Vogtland, der sich später auch in
der Türckischen Cammer und im Bodenmuster des Rie-
sensaals bewähren sollte. Seine Herkunft aus der Umge-
bung Dresdens verleiht ihm als Baustoff eine gewisse
Selbstverständlichkeit, teilweise wurde er schon im his-
torischen Bestand verbaut. Weitere Vorteile: Seine matte
Oberfläche ist rutschfest und reflektiert nicht. So kom-
men die Ausstellungsobjekte besser zur Geltung.
16
Die Fürstengalerie dient auch als Raum für Empfänge,
Konferenzen und Eröffnungsveranstaltungen
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Blick in die Galerie nach Westen, Baustellensituation 2009
1. OBERGESCHOSS

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Licht ins Dunkel
Die Türckische Cammer im 2. Obergeschoss
Als die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
am 7. März 2010 die Türckische Cammer eröffneten,
war es mit einigem technischen Aufwand geglückt,
äußerst empfindliches Sammlungsgut und museale
Präsentation zu vereinen. Auf den 722 Quadratmetern
sind osmanische Textilien, Waffen, Rüstungen und
Zaumzeug aus dem 16. bis 19. Jahrhundert zu sehen,
insgesamt 600 Objekte. Sie stammen aus Ankäufen
oder sind Beutestücke aus Schlachten gegen die
Osmanen. Chronologisch geordnet, verteilen sie sich
nun auf das zweite Obergeschoss des Zwischenflügels
Nord und des Bärengartenflügels. Sowohl von der
Englischen Treppe als auch vom neuen Treppenhaus
im Bärengartenflügel lässt sich die Ausstellung betre-
ten und erschließen.
Vor allem die prächtigen Stoffe der Zelte, Gewänder
und Standarten reagieren empfindlich auf Licht und
Klimaschwankungen, zudem dürfen sie nicht ver-
schmutzen. Für die Präsentation kam also nur ein
tageslichtunabhängiger Raum mit konstantem Klima
infrage; für die empfindlichen Textilien war zudem
ein besonderer Schutz in Form großformatiger Vitri-
nen nötig.
MUSEALE ANFORDERUNGEN
Beleuchtung
Die Sammlungspräsentation wird maßgeblich vom Licht
bestimmt: Als Vorgabe gelten maximal 50 Lux für die
Beleuchtung eines Objektes. Zum Vergleich: Das Licht an
einem Sommertag beträgt circa 100.000 Lux. Tageslicht
verbot sich also von selbst, die Fenster sind verdunkelt.
Auf zentrale Lichtquellen wurde ebenfalls gänzlich ver-
zichtet zugunsten einer Stimmung, die an ein Zeltlager
aus 1001 Nacht erinnert. Eine Rüstung leuchten teilweise
bis zu zwölf Beleuchtungsoptiken aus. Für eine gleich-
mäßige Lichtverteilung sind sie auf jeweils zwei Schienen
an Boden und Decke der Vitrine befestigt. Zudem wird
mit verschiedenen Farbtemperaturen des Lichts gearbei-
tet, um beispielsweise Goldtöne besonders hervorzuhe-
ben. Den Eindruck einer Höhle voller kostbarer Schätze
unterstreichen der dunkelblaue Wandputz und der silb-
rig-dunkelgraue Theumaer Fruchtschiefer als Bodenbelag
und Verkleidung der Vitrinensockel.
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Die lichtempfindlichen Objekte der Türckischen Cammer
werden sensibel ausgeleuchtet
2. OBERGESCHOSS

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Raumklima
Für ein konstantes Raumklima mit gleichbleibender Tem-
peratur und Luftfeuchte sorgen eine Fußbodenheizung
und zusätzliche Wandheizungen nach dem Prinzip der
Bauteilaktivierung: Wände und Pfeiler dienen als Wärme-
speicher, geben konstante Temperaturen ab und verhin-
dern Kältebrücken zwischen Fenstern und Wänden. Das
Bauwerkklima bleibt stabil und die Luftfeuchtigkeit findet
keine Kondensationsflächen. Die leichten Klimatüren zu
den Treppenhäusern unterstützen die Klimastabilität.
Vitrinen
Der größte Teil der Ausstellungsstücke besteht aus klima-
sensiblen Materialien, die häufig genug auch noch kon-
servatorisch heikel miteinander verbunden sind: Sättel
aus Textilien und Leder mit Beschlägen aus Metall oder
die Metall-Holz-Verbindungen der Waffen erfordern
eine gleichmäßige Temperatur und Luftfeuchtigkeit und
vertragen keinen Staubeintrag. Vitrinen sind deshalb
ein wesentliches Element der Ausstellung. Insgesamt
wurden 15 Standardvitrinen und sieben großformatige
Sondervitrinen eingebaut. Eine raumhohe Vitrine steht
frei und beherbergt fünf Pferdeskulpturen in Original-
größe, geschmückt mit osmanischem Prachtzaumzeug.
Ungewöhnlich groß ist auch die Einbauvitrine der Janit-
scharenkorps-Fahne hinter dem Prunkzelt, deren Glas-
scheibe 4,50 mal 4,25 Meter misst. Alle Glasflächen sind
zweifach entspiegelt, was bei so großen Formaten eine
technische Herausforderung ist. Im Bärengartenflügel
werden die Objekte in einer umlaufenden Raumvitrine
mit 3,40 Meter sichtbarer Höhe präsentiert.
Große Vitrinenscheiben heißt, dass auch die Öffnungs-
mechanismen besonders beansprucht werden und das
Binnenklima deshalb permanent aktiv aufrechterhalten
werden muss. Das geschieht über besondere Anlagen
im Dachgeschoss: Sie produzieren die klimatisierte Luft,
die stets mit leichtem Überdruck in die Vitrinen geleitet
wird, um Staub- und sonstige Eintragungen von außen
fernzuhalten.
STATISCHE VORÜBERLEGUNGEN ZUM
OSMANISCHEN DREIMASTZELT
Eine große Herausforderung stellte die Aufstellung des
osmanischen Dreimastzeltes aus dem 17. Jahrhundert
mit seinen Ausmaßen von 20 Metern Länge, acht Metern
Breite und sechs Metern Höhe dar. Mit dieser Größe ließ
es sich nicht in einer Vitrine präsentieren. Weil es die letz-
ten 70 Jahre im Depot verbracht hatte und niemand vor-
aussagen konnte, wie sich seine Lasten im aufgestellten
Zustand verteilen würden, veranlasste der SIB zunächst
eine Probeaufhängung im Propositionssaal im Nordflü-
gel des Schlosses. Statiker legten die Befestigungs- und
Aufhängungspunkte des Zeltes fest –; Decke, Boden und
Wände der Türckischen Cammer sind derart dicht mit den
technischen Funktionen belegt, dass es nur wenig Spiel-
raum für die Verankerungen gab. Erst durch den Probeauf-
bau konnten die tatsächlichen Aufstellungsmaße geklärt
werden. Da die historischen Textilien es nicht unbeschadet
geschafft hätten, allein alle tragenden Funktionen zu über-
nehmen, fängt nun ein eingenähter Stahlring die Last der
Zeltwandbahnen auf.
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ZWISCHENFLÜGEL NORD
Baubeginn
Mai 2008
Übergabe
Fürstengalerie 31. Juli 2009/
Türckische Cammer 30. November 2009
Kosten
Fürstengalerie 3,2 Mio. Euro/
Türckische Cammer 5,6 Mio. Euro
Architekt
Peter Kulka Architektur Dresden
Statik
LAP-Consult
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Beim Probeaufbau zeigte sich, welche Raummaße das Zelt in
der Ausstellung benötigen würde

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Eine dreiläufige Treppe mit breitem Zwischenpodest auf jeder
Geschosshöhe für den großen Auftritt
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ENGLISCHE TREPPE
Eine Treppe für die königliche
Gesandtschaft
Die Rekonstruktion des letzten Zustands
Das Jahr 1693 war für den sächsischen Kurfürsten
Johann Georg IV. von großer Bedeutung. Der ältere
Bruder des späteren Kurfürsten August des Starken
sollte den Orden des Hosenbandes verliehen bekom-
men, gestiftet vom englischen König.
Für solch ein Ereignis genügten die Renaissance-
Wendeltreppen in den Ecktürmen des Schlosses nicht
mehr. Zur barocken Macht- und Prachtentfaltung
gehörte für Johann Georg ein Empfang im eigens
angelegten Audienzgemach. Um dahin zu gelangen,
schritt die königliche Gesandtschaft von Wilhelm III.
von Oranien-Nassau, König von England, Irland und
Schottland, über eine ebenfalls extra zu diesem Zweck
erbaute großzügige Treppe.
Bis zum Ende der sächsischen Monarchie im Jahr 1918
diente die Englische Treppe der staatlichen Reprä-
sentation und war gleichzeitig die Haupttreppe zur
Erschließung der drei Geschosse des Schlosses. Gebaut
wurde sie im südöstlichen Teil des Großen Schloss-
hofes beziehungsweise im Ostflügel. Johann Georg
Starcke, der Leiter des kursächsischen Oberbauamtes,
ließ sie als über vier Pfeiler geführte dreiläufige Treppe
anlegen, mit zwei Eckpodesten und einer großen Öff-
nung im Inneren – dem Treppenauge. Fensterfronten
über zwei Etagen zeigten nach Osten und Süden. Die
Wände gliederten gemalte oder stuckierte Spiegel.
Nach dem großen Schlossbrand von 1701 bauten
Matthäus Daniel Pöppelmann und Raymond Leplat
die Treppe von 1718 bis 1719 wieder auf. Gravierende
Veränderungen nahmen später die Architekten Gus-
tav Dunger und Gustav Frölich vor, als sie der Treppe
im Zuge der Neugestaltung des Schlosses 1895 nach
umfangreichen historischen Studien eine neobaro-
cke Form gaben. Sie ersetzten die Sandstein- durch
Marmorstufen, änderten Fenster- und Türöffnun-
gen, schlossen Wandnischen und ließen Kandelaber
auf den vier Sockeln der Treppenbrüstung aufstellen,
gehalten von Putti-Gruppen. Aus den Vorgaben ent-
wickelte der Hofstuckateur Curt Roch eine neubaro-
cke Innenraumgestaltung in hoher Qualität.
ERDGESCHOSS

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Zerstörung und Wiederaufbau
Überlegungen zu Form und Funktion
Beim Luftangriff auf Dresden am 13. Februar 1945
stürzten Dach und Decke auf die Treppe, deren obere
drei Läufe dabei ebenfalls einbrachen. Zudem glühte
der Brand Marmor und Sandstein der Treppenstu-
fen aus und vernichtete den allergrößten Teil des
Stucks. Nur an den Wänden verblieben Reste. In den
nächsten Jahrzehnten waren die Trümmer ohne Dach
der Witterung ausgesetzt, was den überkommenen
Stuckfragmenten weiter schadete.
Anfang der 1990er-Jahre begannen erste Sicherungs-
arbeiten. Der Trümmerschutt am Fuß der Treppe
wurde entsorgt und das Treppenhaus erhielt ein Not-
dach. Der noch spärlich erhaltene Stuck, besonders
die Reste des zur Decke überleitenden Frieses, wur-
den von sandgefüllten Bretterverschlägen geschützt.
Befunde, die nicht vor Ort und Stelle bleiben konn-
ten, lagerte die Staatliche Bauverwaltung (seit 2003
Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Bauma-
nagement [SIB]) ein oder ließ Abgüsse anfertigen.
Bereits in der denkmalpflegerischen Rahmenzielstel-
lung von 1983 wurde die Englische Treppe in den Kanon
jener historischen Schlossbereiche aufgenommen, die
so originalgetreu wie möglich nach der letzten Fassung
von Dunger und Frölich wieder aufgebaut werden soll-
ten. Dieses Ziel bestätigte die Schlosskommission: Sie
entschied sich ebenfalls für einen bruchlosen Wieder-
aufbau, der die Treppe in ihrer vollen einstigen Pracht
zeigt, damit die Besucher den ursprünglichen Raum erle-
ben können. Die Studie von Lord Cultural Resources, die
2002 die Erschließung des Schlosses im Hinblick auf die
museale Nutzung und die Besucherströme untersuchte,
attestierte der Englischen Treppe zudem eine wichtige
Funktion als Hauptzugang und zentralen Punkt der
Ausstellungserschließung.
Seit ihrer Eröffnung am 29. März 2010 verbindet die
Treppe Fürstengalerie und Türckische Cammer im Zwi-
schenflügel Nord mit der Rüstkammer im Ostflügel
und erlaubt außerdem, die Ausstellungsbereiche auch
getrennt voneinander zu erreichen.
21
Das Treppenhaus nach dem Rückbau der einsturzgefährdeten
Gewölbekappen der Treppenkonstruktion
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Rohbauarbeiten 2006: Sämtliche Befunde vor Ort,
aber auch Fotografien aus der Zeit vor der Zerstörung halfen, die
verbindlichen Maße für die Planungsgrundlage zu ermitteln
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Grundlagen der Rekonstruktion
Sichtung historischer Quellen und Befunde
»Was noch zu erkennen war, lässt
sich mit einem löchrig gewordenen
Webmuster vergleichen. Wie
es an den fehlenden Stellen
aussehen musste, ließ sich aus
dem großen Ganzen herleiten.«
FRANZISKA HERBORN, BAU.WERK ARCHITEKTEN
BEGINN ALLER PLANUNGEN
Den Rohbau der Englischen Treppe, das heißt die Aus-
führung der Natursteinpfeiler, Treppengeländer, Baluster,
Ziegelgewölbe und Bodenbeläge, gehörte zum Bauvo-
lumen des Architekturbüros Peter Kulka. Der Architekt
konnte sich teilweise auf die Treppenplanung stützen, die
die Dresdner AIT Bauplanungsgesellschaft mbH in den
1990er-Jahren angefertigt hatte. Zusätzlich musste er die
Höhenniveaus der Treppe an die konkreten Boden- und
Deckenebenen des Zwischenflügels Nord und des Ost-
flügels anpassen. Die Bauarbeiten starteten, als auch der
Rohbau des Ostflügels 2005 in Arbeit war, damit Maße
und Übergänge stimmig ausgeführt werden konnten.
Die anschließenden Stuck- und Befundplanungen über-
nahmen Franziska Herborn und Katrin Schweiker vom
Dresdner Büro bau.werk architekten. Als ersten Schritt
gingen sie die Mammutaufgabe an, aus Treppentrüm-
mern und Stuckresten eine Planungsgrundlage für die
Wiederherstellung der Treppe zu erarbeiten.
Dabei bedienten sie sich zum einen der historischen
Quellen. Das zweite Obergeschoss war durch den Umbau
von 1895 mit zwei Fotografien und schriftlichen Unter-
lagen noch gut dokumentiert. Beim ersten Obergeschoss
dagegen musste sich das Architekturbüro an den über-
kommenen Fragmenten orientieren. Diese fotografierten
und skizzierten sie zunächst direkt vor Ort, erfassten dazu
Maße, Schäden und Ort des Fundes. In einem zweiten
Schritt digitalisierten sie Bilder und Daten. So entstand
eine Datenbank mit 500 detaillierten Einträgen zu den
erhaltenen Ausstattungselementen, die sie für alle an der
Planung Beteiligten zugänglich machten. Zudem ließen
die Architektinnen alle originalen Bauteile systematisch
einlagern, sodass sie bei späteren Bauetappen wieder für
einen Vergleich herangezogen werden konnten.
Nach einer Befundübersicht im Jahr 2006 zeigte sich,
dass sich aus diesen Puzzlesteinen die Stuckgestaltung
der Wände von Dunger und Frölich rekonstruieren ließ.
Für die Decke und den Figurenschmuck der Treppe dage-
gen gab es nur lückenhafte Überlieferungen.
BERECHNUNG DES AUFMASSES
Das Büro der bau.werk architekten verknüpfte die Bau-
details aus der Datenbank mit den Aufmaßzeichnungen
im Computer und speisten neue Maße und Befunde mit
ein. Als überaus hilfreich erwiesen sich die beiden histo-
rischen Fotografien. Sie zeigen die Westwand des ersten
und zweiten Obergeschosses und circa ein Viertel der
Decke in hinreichender Qualität, sodass sie sich foto-
grammetrisch auswerten ließen. Zusätzlich dienten die
Überreste der alten Ausstattung als Referenzobjekte für
die Ermittlung der Originalmaße. Auf diese Art gelang
es, ein virtuelles 3-D-Modell der Stuckdecke anzulegen.
Die Maße der drei Deckenprofile und der Wölbungsgrad
der Decke ließen sich nach aufwendigen Berechnungen
ermitteln und dienten letztendlich als Grundlage für die
Rekonstruktion.
Bei der Ruhmesgöttin im Deckenplafond, der Schutzgöt-
tin auf dem Kamin, den Putti auf den Treppenpodesten
und dem plastischen Dekor erarbeiteten bau.werk archi-
tekten ihre Rekonstruktion zusammen mit Künstlern,
Handwerkern, Kunsthistorikern, Stuckbildhauern und
Restauratoren. Von der Ruhmesgöttin im Deckenplafond
stand als Vorlage allerdings nur eine Fotografie zur Ver-
fügung, die die Andeutung des linken Unterschenkels und
einen Fuß zeigte. Sonst gab es keine Überlieferungen von
ihr. Das heutige Relief ist ein Resultat von Stilanalysen,
kunsthistorischen Vergleichen, Skizzen, einer Modell-
anfertigung und Diskussionen zwischen Restauratoren,
Handwerkern, Kunsthistorikern, der Denkmalpflege und
den Architektinnen.
UNTERSUCHUNGEN UND VERWENDUNG
DER ORIGINALEN MATERIALIEN
Damit erhalten gebliebene Putz- und Stuckdetails mit
in die Rekonstruktion aufgenommen werden konnten,
ließen die Architektinnen ihre Zusammensetzung natur-
wissenschaftlich analysieren und die Neuanfertigungen
entsprechend mischen. So erreichten sie eine größtmög-
liche Annäherung an die originale Oberflächenwirkung.
An einer Musterachse im zweiten Obergeschoss konnten
alle Beteiligten überprüfen, ob und wie alte und neue
Teile zusammenpassten.
Zusätzlich ergab eine Untersuchung des Mauerwerks eine
zu hohe Belastung mit Feuchtigkeit und Salzen, was kon-
servatorische Maßnahmen nach sich zog.
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Zur Rekonstruktion der typischen Putzoberfläche wurden besondere Prägewerkzeuge eingesetzt

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Die Englische Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem
Obergeschoss nach Abschluss des gesicherten und rekonstruierten
Rohbaus
UMSETZUNG ALLER PLANUNGEN
Mit dem Einbau des Stahltragwerks für die Stuckdecke
begann der Innenausbau des Treppenhauses im Januar
2008. Weil die Wände weder gerade noch rechtwinklig
verliefen, waren die wenigen originalen Stuckreste des
Profils am Wandabschluss wichtige Bezugspunkte für
die Lage der Deckengesimse. Auch mit unterschiedlich
starken Krümmungen ihrer Wölbung gleicht die Decke
die unterschiedlichen Wandhöhen aus. Die Architektin-
nen hatten von allen Details Ausführungspläne erstellt,
die den verschiedenen Gewerken für ihre Arbeit vorla-
gen. Als vorteilhaft erwies sich die genaue Sichtung der
Bestände, auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten: So ließ
sich aus einer Handvoll gefundener Teppichhalter die
Anbringung des roten Teppichs auf den Stufen rekonstru-
ieren. Bei anderen Entscheidungen wie beispielsweise der
Farbgebung halfen die schwarz-weißen Vorlagen und das
Wissen um einen rot-weiß-goldenen Kanon nicht weiter.
Jetzt akzentuieren sechs Weißtöne die Wände, definie-
ren Schatten und heben Stuck und Spiegel hervor. Keine
Vorlagen oder nur unzureichende Fotografien hatten die
Künstler und Stuckbildhauer von den acht Putti im Fries,
der Schutzgöttin am Kamin, der Ruhmesgöttin an der
Decke, den vier Putti-Kandelabergruppen, den Waffen-
und Fahnenbündeln mit den wettinischen Wappen in den
Ecken der Deckenwölbungen und den Initialen des Königs
Albert und der Königin Carola rings um das Deckenbild-
werk. Aus den ermittelten Maßen und nach kunsthistori-
schen Überlegungen empfanden sie diese Stuckarbeiten
Schritt für Schritt nach.
VERWEIS AUF DIE GESCHICHTE
Die überlebensgroße Justitia in einer Nische im Vorraum
der Englischen Treppe stammt noch aus der Erbauungs-
zeit der Treppe im 17. Jahrhundert. Fotografien zeigen
sie bis zum Brand 1945 als gut erhalten. Auf ihre Rekon-
struktion wurde dennoch verzichtet. Sie ist ein kleines
Fenster in die Geschichte, das den Grad der Kriegszerstö-
rung erahnen lässt.
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Baubeginn
2005
Übergabe
29. März 2010
Kosten
6,9 Mio. Euro
Architekten Rohbau
Peter Kulka Architektur Dresden
Putz- und Stuckplanung
Franziska Herborn und
Katrin Schweiker, bau.werk architekten, Dresden
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An der Justitia im Vorraum der Englischen Treppe lässt sich ablesen,
wie sehr der Sandstein durch die hohen Temperaturen des Brandes zerstört wurde

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OSTFLÜGEL
Schon immer Schloss
Von der Gotik bis zur Neorenaissance
Der Ostflügel gehört zum ältesten Teil des Dresdner
Schlosses. Zusammen mit dem Georgentor und dem
Teil des Nordflügels, der bis zum Hausmannsturm
reicht, war er Teil des gotischen Kastells, das dem
Schloss zugrunde liegt. Infolge der Renaissance-
erweiterung, die Moritz von Sachsen 1547 initiierte,
entstand 1589 auch das repräsentative Eingangstor
zur Schlossstraße. 1701 brannte der Ostflügel aus
und wurde 1717 bis 1719 im Barockstil wieder aufge-
baut. Bei der großen Schlossrenovierung von Dunger
und Frölich Ende des 19. Jahrhunderts erhielt er eine
Neorenaissancefassade. Mit dem Beginn des Wieder-
aufbaus des Schlosses 1985 erhielt der Flügel einen
sogenannten technologischen Durchbruch – eine
Schneise durch die zwar ausgebrannte, aber originale
Bausubstanz, damit ein Kran über ein Gleisbett in den
Großen Schlosshof gefahren werden konnte. Die Pla-
nungen für den Wiederaufbau leistete ab 2004 das
Büro Kulka, wobei die noch vorhandenen barocken
Fensterformen der Schlossstraßenseite weitergeführt
wurden.
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Das Rautenmuster der Decke ist ein wiederkehrendes
Element im Schloss
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Das Moritzmonument aus der Festungsanlage gehört nun zu
den Ausstellungsstücken im Ostflügel

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An der Wache vorbei
Der Gardesaal im 1. Obergeschoss
Der Gardesaal entstand 1761 nach dem Siebenjähri-
gen Krieg mit dem Ausbau des Ostflügels. Er wurde
auch Trabantensaal, Gardereiterwachtsaal oder Rei-
terwachtsaal genannt und hatte die Funktion eines
Wachtsaals, der den königlichen öffentlichen und Pri-
vaträumen vorgelagert war. Über die Englische Treppe
ließ sich diese auf repräsentative Wirkung angelegte
Raumfolge erreichen. Für die stimmige Abfolge
beauftragte Kurfürst Friedrich August II. seinen Ober-
landbaumeister Julius Heinrich Schwarze mit dem
Umbau des Ostflügels, des Georgenbaus und des öst-
lichen Teils des Nordflügels. Im ersten Obergeschoss
des Ostflügels stellte Schwarze dem Gardesaal drei
Vorzimmer als Enfilade voran. Daran schlossen sich
die Audienzräume von Friedrich August II. innerhalb
der königlichen Appartements im östlichen Teil des
Nordflügels an und die königlichen Wohnräume im
Georgenbau.
Diese Raumanordnung und die Raumnutzung blieben
bis zur Abdankung des letzten sächsischen Königs
1918 unverändert, abgesehen von Instandsetzungen
und Modernisierungen. Auch der Gardesaal behielt
seine Rokokoarchitektur bis zur Zerstörung 1945.
Vor 1985 wurden Teile der erhaltenen Stuckdekorationen
abgenommen und eingelagert. Was an Putz und Stuck an
der Wand verblieb, wurde 2005 gesichert und 2009 von
Studenten der TU Dresden aufgemessen und gezeichnet.
Beim Ausbau des Gardesaals durch das Architekturbüro
Peter Kulka sprachen die wenigen erhaltenen Befunde
des einstigen Rokokosaales gegen seine Rekonstruktion,
auch hätte eine originale Gestaltung die museale Nut-
zung erschwert. Andererseits sind die geborgenen Stuck-
fragmente rare Zeugnisse des sächsischen Rokokos. Mit
dem Einbau der Befunde an den Originalstellen wird die
historische Bedeutung des Saales angemessen gewür-
digt. Zudem deutet Peter Kulkas Büro durch Rahmen-
und Füllungsgliederungen nach dem historischen Vorbild
die ursprüngliche Raumarchitektur und -gestaltung an.
OST-/NORDOSTFLÜGEL 1. OG:
RÜSTKAMMER EINSCHLIESSLICH GARDESAAL
Baubeginn
März 2015
Bauliche Fertigstellung
12. Januar 2017
Eröffnung
8. April 2017
Kosten
8,9 Mio. Euro
Architekten
Peter Kulka Architektur Dresden
1. OBERGESCHOSS
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Wandaufriss des Gardesaals von 1760/1761
29
Fotografie von Hermann Krone, 1868/1870
30
Zustand nach der Zerstörung 1945
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Gesicherte Stuckbefunde
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Visualisierung durch das Architekturbüro Peter Kulka
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Die geborgenen Stuckbefunde konnten im ehemaligen Gardesaal
wieder eingesetzt werden

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Der Ostflügel als Museum
Interview mit Prof. Dr. Dirk Syndram
»Das ist eine Erzählung sächsischer
Geschichte und europäischer
Geschichte, die so für ein Museum
einzigartig ist. Zu sehen an
dem Schauplatz, an dem sich
tatsächlich alles abspielte!«
DIRK SYNDRAM ÜBER DIE MUSEALE NUTZUNG IM OSTFLÜGEL
ZUR PERSON
PROF. DR. DIRK SYNDRAM
Der Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer begleitet
seit 1993 den Wiederaufbau und die museale Nutzung des Schlosses
vonseiten der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD).
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Das erste Kurschwert der Wettiner in der
Ausstellung
Auf dem Weg zur Kurfürstenmacht
Um welchen Zeitraum geht es in den
Museumsräumen des Ostflügels?
Aus dem Dresdner Residenzschloss ist eine Art sächsisches
Nationalmuseum geworden. Der Ostflügel, der Georgen-
bau und die östliche Seite des Nordflügels umfassen die
große Zeit vom 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts,
in der Sachsens wichtigste Weichen gestellt wurden:
die Erringung der Kurfürstenmacht, die Festigung dieser
Macht und der Weg durch den Dreißigjährigen Krieg. Die
Prunkwaffen im Riesensaal des Ostflügels sind sozusagen
die Ouvertüre zu den einzelnen Themen
Auf dem Weg zur
Kurfürstenmacht
und
Kurfürstliche Garderobe
im Ost-/
Nordostflügel und
Weltsicht und Wissen um 1600
im
Georgenbau. So wird deutlich, was für eine Bedeutung
dieser Kurfürstenhof sowohl für das Heilige Römische
Reich Deutscher Nation – also für Deutschland – als auch
innerhalb Europas hatte.
Warum ist das Ziegelmauerwerk im Gardesaal
unverputzt geblieben?
Der Weg zur Macht ist kein glattes Thema. Im Ostflügel
überzeugten Hartwig Fischer (2012–2016 Generaldirek-
tor der SKD) und ich die Schlosskommission davon, die
Wände im unverputzten Zustand des Rohbaus zu belas-
sen. Mit jeder verputzten Wand verschwand ein Stück
der Zerstörungsgeschichte des Schlosses. Doch auch
die 60 Jahre zwischen 1945 und 2005 als Ruine sollten
noch spürbar sein – gerade an der Stelle, wo ab 1985 das
große Loch des technologischen Durchbruchs klaffte. So
wie es ist, haben wir die beste Form für die Interpretation
und Präsentation der Objekte gefunden. Die Architektur
und die Stücke kommunizieren miteinander, liefern sich
gegenseitig den Kontext für ihre Geschichte. Dazu gehört

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auch der Blick aus den Räumlichkeiten in den Stallhof
oder in den Großen Schlosshof. Das ist unsere Bühne. Auf
ihr führen wir eine Art museale Oper in vier Akten auf.
Wo ist der Auftakt?
Die Ouvertüre bildet der Gardesaal des 18. Jahrhunderts
mit Waffen aus dem 16. Jahrhundert, alle kunstvoll mit
Ornamenten verziert. Zu den Objekten aus der Zeit um
1500 gehört auch das erste Kurschwert. Dieses Schwert
präsentieren wir natürlich wie Excalibur – das Schwert
der Macht. Außerhalb Dresdens gibt es meines Wissens
nach kein weiteres – und wir haben drei! Die Wirkung
jedes einzelnen verbinden wir mit einer Erzählung. Um
den Besuchern die Qualität im wahrsten Sinne des Wor-
tes vor Augen zu führen, helfen uns die tollsten Vitrinen:
entspiegelt, klimatisiert, mit punktgenauer Beleuchtung.
Eine wahre Leistungsschau der Technik!
Wie geht es weiter?
Nach dem Gardesaal folgt das Vorspiel: Wir zeigen die
Mitra von Albrecht von Brandenburg, der mit seinem
Ablasshandel die Reformation auslöste, zusammen mit
dem Prunk und dem Harnisch von Herzog Albrecht von
Preußen. Als letzter Großmeister des Deutschen Ordens
löste er den Deutschordensstaat auf und machte Preußen
zu einem protestantischen Staat. Das Thema setzt sich
fort im Ringen um den rechten Glauben zwischen Georg
dem Bärtigen und Friedrich dem Großmütigen.
Die Kurfürstenwürde erhielt erst Moritz von
Sachsen.
Moritz von Sachsen setzt den dramatischen Höhepunkt
mit dem Kampf zwischen den beiden wettinischen Famili-
enteilen,
den Albertinern und den Ernestinern, bis hin zur
Übergabe der Kurfürstenwürde an seinen Bruder August.
Da steckt so viel Spannung drin! Denn die Nachfolge war
keinesfalls so sicher. Auf ernestinischer Seite gab es viel
legitimere Anwärter. Mit dem Moritzmonument ist die
Nachfolgefrage kurzerhand in Stein gehauen. Und dazu
können wir auch Moritz’ blutdurchtränkte Feldbinde zei-
gen und die Kugel, die ihn getötet hat!
Werden vor allem Waffen ausgestellt?
Zwischen dem
Weg zur Kürfürstenmacht
und
Weltsicht
und Wissen um 1600
im Georgenbau dient ein ganzer
Raum der Garderobe von Kurfürst August. Vater August
war strenggläubiger Lutheraner, wusste aber auch seinen
neuen Stand als Kurfürst einzusetzen. An dieser Stelle,
wo sächsische Geschichte mit europäischer Geschichte
zusammenfällt, steht uns der Originalschauplatz zur Ver-
fügung! Die Räumlichkeiten der
Kurfürstlichen Garderobe
im östlichen Nordflügel stammen noch vom Ende des
15. Jahrhunderts, und durch die Kostüme sind ihre Träger
physisch anwesend. Moritz beispielsweise – der war zwar
breitschultrig, aber wenn der vor einem gestanden hätte,
hätte uns sein Scheitel kaum bis zum Kinn gereicht.
Wer entscheidet darüber, in welcher Art der
museale Ausbau erfolgt?
Seit der Wiederherstellung des Historischen Grünen
Gewölbes hat sich die Art der Zusammenarbeit mit dem
SIB und dem Landesamt für Denkmalpflege bewährt. Als
Nutzer der Räume im Schloss haben wir sehr klare Ideen,
was wir ausstellen wollen. Wie wir es präsentieren können,
diskutieren wir mit den Architekten und mit dem SIB. Es
ist immer ein gemeinsames Ringen um die richtige Form.
Für die rohen Ziegelwände im Ostflügel brachte Hartwig
Fischer den Wunsch ein, ich habe ihn mitgetragen – und
so ist es dann gekommen. In der
Kurfürstlichen Garderobe
stellte sich heraus, dass die Wandfarbe zu hell war. Eine
optimale Beleuchtung ließ sich nur mit dunklen Fußböden
und Wänden realisieren. So bleiben wir unter 50 Lux und
erreichen dennoch, dass das Rot der Textilien leuchtet. Bei
solchen Prozessen haben wir alle dazugelernt.
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Das gotische Portal zwischen Ostflügel und Georgenbau
stammt aus dem 15. Jahrhundert
Einmal ganz groß, bitte!
Der Riesensaal im 2. Obergeschoss
Die Riesen, von denen der 56,7 Meter lange und
13 Meter breite
Saal seinen Namen erhielt, sind heute
nicht mehr zu sehen. Sie gehen auf Wilhelm Dilich
zurück, der je einen von ihnen in den Laibungen der
Fensternischen postierte. 1627 bekam er den Auftrag,
den Saal zu erhöhen und mit Ansichten sächsischer
Städte auszugestalten. Saal und Bildprogramm bil-
deten den Auftakt zu den Paraderäumen im zweiten
Obergeschoss des West- und Nordflügels. Doch bereits
der große Schlossbrand von 1701 zerstörte den Saal.
Es folgten Um- und Rückbauten, bis schließlich der
Ostflügel 1945 vollständig verloren ging.
Durch den Kabinettsbeschluss von 1997 wurde ent-
schieden, die ursprüngliche Kubatur des Raumes aus
dem 17. Jahrhundert mitsamt der gewölbten Decke
in 9,20 Metern Höhe wiederherzustellen, ansonsten
aber einem modernen, auf seine zukünftige Funktion
als Ausstellungshalle für die Rüstkammer abgestimm-
ten Entwurf zu folgen. Die innenräumliche Gestal-
tung soll an die historische Raumwirkung erinnern
und gleichzeitig für die museale Nutzung optimale
Voraussetzungen bieten. Vor dem Einbau der soge-
nannten musealen Schichten fertigte man deshalb
zunächst eine Probeachse, die wichtige Entschei-
dungshilfen für den weiteren Gestaltungs- und Bau-
prozess lieferte. 2010 begann schließlich der Ausbau.
DECKENGESTALTUNG
Ein wesentliches Merkmal des historischen Riesensaals
ist das rautenförmig unterteilte Deckengewölbe aus
Stucklisenen auf der Rabitzdecke des Saals. Mit Rauten
unterteilte schon Wilhelm Dilich die Decke, als er den
Saal im 17. Jahrhundert ausmalte. Dieses Muster greift
das Architekturbüro Peter Kulka für die moderne Decke
auf. Gleichzeitig tauchen die Rauten auch in der Mem-
brankuppel des Kleinen Schlosshofes wieder auf. Im Rie-
sensaal sind in jeder Raute Lichtgräben untergebracht,
aus denen heraus die frei stehenden Exponate individuell
ausgeleuchtet werden.
2. OBERGESCHOSS

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WANDFLÄCHEN UND FUSSBODEN
Die Wandflächen sind in einem Tiefgrau gestrichen.
Die Farbe nimmt den Farbton der Sgraffiti im Großen
Schlosshof auf. Für die leicht transluzente Wirkung der
Oberfläche wurde auf dem Trockenbau ein Gipsputz mit
sehr glatter Oberfläche in Spachteltechnik aufgetragen
und poliert. Darauf folgten mindestens sechs in diversen
Anthrazittönen gemischte Farbschichten aus Pigmenten
und Bindemitteln, die immer neu aufgespachtelt und
poliert wurden – ein Aufwand, der zu einer erkennbar
handwerklich erzeugten, lebendigen Oberfläche führte.
Der Farbton der Wände korrespondiert auch mit dem
silbrigen Tiefgrau des schon in Fürstengalerie und Tür-
ckischer Cammer verwendeten Theumaer Fruchtschiefers,
der hier nach dem Vorbild und den Maßen des ursprüng-
lichen Schlosstafelparketts diagonal verlegt wurde.
WAND- UND STANDVITRINEN
Eine Erkenntnis der Probeachse war, dass die Vitrinen
idealerweise in Pfeiler eingebettet zwischen den Fenstern
der Längsseite stehen. Sie gehen bündig in die Wandflä-
che über. Das Glas ist wie auch bei den großen Standvit-
rinen für Pferd und Reiter beidseitig entspiegelt. Strahler,
die in zwei Leisten im Sockel und in der Decke eingelas-
sen sind, beleuchten die Exponate. Die Stoffbespannung
besteht aus lichtbeständiger, schadstofffreier Naturseide
in vier Rot-Violett-Tönen. Die Klimatisierung für Vitrinen
und Ausstellungsraum erfolgt durch Quellluft aus den
Sockeln der Vitrinen. Dieses spezifische Klima wird nur in
der Exponatebene bis fünf Meter Höhe aufrechterhalten.
Das ist energetisch wirtschaftlicher, als den fast doppelt
so hohen Raum vollständig zu klimatisieren.
RIESENSAAL
Baubeginn
2010
Bauliche Fertigstellung
Oktober 2012
Eröffnung
18. Februar 2013
Kosten
13 Mio. Euro
Architekten
Peter Kulka Architektur Dresden
Statik
Kröning Ulbrich Schröter, Dresden
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Für Turnierkämpfe bietet der Riesensaal genügend Platz
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Korbbogen oder Tonnengewölbe? Die Schlosskommission
entschied sich für einen Ausbau im Formenkanon der Renaissance.

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NORDFLÜGEL
Älteste Bausubstanz und neues Gewölbe
Historische Einordnung der beiden Nordflügel-Bauphasen
Der Nordflügel des Dresdner Schlosses ist das Ergeb-
nis zweier historischer Bauphasen: Der östliche Teil
bis zum Hausmannsturm war bereits Bestandteil der
alten Burg, die der Markgraf Wilhelm I. hier um 1400
errichten ließ. Bis heute gehören einige Mauern des
Nordflügels und des Hausmannsturms zur ältesten
Bausubstanz der ganzen Schlossanlage. Die große
Erweiterung um einen weiteren Flügelteil nach Wes-
ten unternahm Kurfürst Moritz von Sachsen zwischen
1548 und 1556. Zusammen mit dem West- und dem
Zwischenflügel erhielt der Große Schlosshof unter
Caspar Voigt von Wierandt seine heutigen Abmaße
und die drei Wendelsteine zwischen Ost-, Nord-,
West- und Zwischenflügel Nord.
In dem 1547 neu erbauten westlichen Teil des Nord-
flügels richtete Melchior Trost 1551 bis 1553 die
Schlosskapelle ein. Der nächste große Umbau begann
im 18. Jahrhundert mit der Einrichtung des Großen
Ballsaals, des Turmzimmers und des Propositions-
saals um 1718. Noch 1732 ließ August der Starke das
Turmzimmer als Porzellanzimmer für seine Samm-
lung herrichten. Unter seinem Sohn und Nachfolger
wurde schließlich 1737 die Schlosskapelle entwidmet,
abgerissen und umgenutzt.
Auch der Nordflügel wurde 1945 zerstört, die
Geschossdecken fielen ein und führten zu großen
Schuttbergen im Schlosshof. Die Sicherungsarbeiten
am Hausmannsturm begannen bereits 1946. Beim
Wiederaufbau entstand das Turmzimmer als original-
getreue Rekonstruktion. Zu den größten Herausforde-
rungen zählten die Formenfindung und der Bau des
Schlingrippengewölbes der Schlosskapelle.
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Westlicher Fassadenteil des Nordflügels mit dahinter liegendem
Eckparadesaal, der Schlosskapelle und dem Pretiosensaal des
Grünen Gewölbes, 2019
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Nordwestlicher Treppenturm und Fassade des Nordflügels, 1949

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Ein Resonanzraum für die Reformation
Die Schlosskapelle im westlichen Nordflügel
Die erste Schlosskapelle baute Arnold von Westfalen
1480 im Westtrakt des Schlosses. Als der Flügel 1547
im Zuge der Schlosserweiterung abgebrochen wurde,
setzte Melchior Trost 1551 bis 1553 die Kapelle in
den Nordflügel. Als Vorbild diente ihm die Torgauer
Schlosskapelle, die Nikolaus Grohmann 1544 als erste
protestantische Kapelle der Welt gebaut hatte. Ebenso
wie dort reicht der Kapellensaal über drei Stockwerke.
Für das dazugehörige Portal lieferte Giovanni Maria
da Padova die Vorlage. Der Dresdner Bildhauer Hans
Walther II. führte es zwischen 1555 und 1556 zusam-
men mit italienischen Handwerkern aus. Von ihm
stammt das Relief zur Auferstehung Christi in der
Attika, von den anderen Handwerkern vor allem der
Ornamentschmuck. Als Zeugnis der Renaissance ist
das Tor in der europäischen Kunstgeschichte sowohl
in der Gestaltungsidee als auch in der Ausführung
einmalig. Hans Walther II. wird auch der Taufstein
zugeschrieben. Als Friedrich August II. 1737 die
Kapelle entweihen ließ, weil sich der sächsische Hof
seit dem Konfessionswechsel August des Starken zum
Katholizismus bekannte, dem auch Friedrich Augusts
Gemahlin Maria Josepha angehörte, gelangten der
Altar und das Schöne Tor in die Sophienkirche. Die
Räumlichkeiten der Kapelle wurden nach 1737 zu
Verwaltungsräumen umgebaut.
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Die Schlosskapelle mit rekonstruiertem Gewölbe in einem
nutzungsoffenen Ausbauzustand
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ERDGESCHOSS

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Bekenntnis zum Protestantismus
Eine frühe Entscheidung lässt alles offen
Die Schlosskapelle war längst entweiht, zweckent-
fremdet, umgebaut, als das Schloss am 13. Februar
1945 abbrannte. Dennoch legte der Denkmalpfle-
ger Gerhard Glaser bereits 1983 in der Rahmenziel-
stellung ihren Wiederaufbau fest, einschließlich des
verschlungenen Kreuzrippengewölbes – getreu dem
Grundsatz, dass wesentliche Konstruktionen und
Bauweisen des Schlosses aufgegriffen und so ori-
ginalgetreu wie möglich ausgeführt werden sollten.
Eine erste Ausstellung in den Räumen des Histori-
schen Grünen Gewölbes legte 1989 die Marschroute
fest. Ihr Thema: »Das Dresdner Schloss. Monument
sächsischer Geschichte und Kultur«. Der Wiederauf-
bau des Schlosses sollte nicht nur dazu dienen, den
sächsischen Kunstsammlungen einen angemessenen
Platz für ihre Ausstellungsstücke einzuräumen. Viel-
mehr stellt das Schloss als Ganzes ein Zeitdokument
dar: Es erzählt die sächsische Landesgeschichte von
den Anfängen bis zur Gegenwart.
Die Schlosskapelle spielt darin eine bedeutsame Rolle.
Sie löste die Georgskapelle im ersten Geschoss des
Westflügels ab, den Kurfürst Moritz 1548 abbrechen
ließ, um das Schloss zu erweitern. Als Hofkapelle
eines lutherischen Kurfürsten war sie entscheidender
Fixpunkt im Religionsgefüge des 16. Jahrhunderts.
Entsprechend aufwendig – und kunsthistorisch wert-
voll – fiel ihre Ausstattung aus. Dazu kam, dass Hein-
rich Schütz (1585–1672) hier als Hofkapellmeister
von Kurfürst Johann Georg I. seine Kompositionen
probte und zur Uraufführung brachte.
Nicht zuletzt: Die Entscheidung für oder gegen ein
Deckengewölbe war eine endgültige, denn sobald die
Decke zum Propositionssaal geschlossen war, ließ sich
kein Gewölbe mehr errichten.
ERSTE SCHRITTE
Als die Aufbauleitung in den 1980er-Jahren mit dem
Wiederaufbau des Schlosses begann, musste zunächst
die hofseitige Wand des Nordflügels wegen ihres maro-
den Zustandes abgetragen werden. Auch der Giebel der
Nordwand war einsturzgefährdet, blieb jedoch erhalten,
weil ihm 1988 eine aufwendige Stützkonstruktion zur
Seite gestellt wurde. Die neuen Betonpfeiler kamen an die
Stelle der ehemaligen Wandpfeiler der Kapelle. So bekam
sie ihre räumliche Kubatur und Gestalt zurück. Wandpfei-
ler, Emporenbögen und die Fensterarchitektur folgten der
alten Form, sodass der Rohbau dem historischen Innen-
raum folgte. Nach einem Intermezzo als Ausweichspiel-
stätte für das Kleine Haus des Dresdner Staatsschauspiels
von 1998 bis 2005 begann 2007 die Planungsphase des
Innenausbaus. Eine Grundlage dafür bildete der Kupfer-
stich von David Conrad im Frontispiz eines Gesangsbuchs
von 1676 – das war die einzige Quelle, die das Schling-
rippengewölbe der Schlosskapelle im Original zeigte.
Der Kupferstich umreißt auch das gravierende Problem,
vor dem die Bauleitung des Staatsbetriebs Sächsisches
Immobilien- und Baumanagement (SIB) stand, denn wei-
tere Hinweise zum originalen Zustand gab es kaum.
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Seit 1988 stabilisieren Betonpfeiler den Nordflügel,
die Decke wurde provisorisch mit Hohldielen belegt

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Die Geometrie der Schlingrippen, die sich im Grundriss
auf gleichmäßige Kreisformen reduziert
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Die Baupraxis erwies, dass kein Lehrgerüst
für die Sandsteinkonstruktion oder
die Mauerwerksschalen nötig war
HERAUSFORDERUNG GEWÖLBE - ERSTER ANLAUF
Der Zwingerbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann
hatte 1731 ein Aufmaß des Kapelleninnenraums genom-
men, allerdings ohne Deckenspiegel. Außerdem gab es
besagten Kupferstich von David Conrad. Daraus eine
Rekonstruktion abzuleiten, entpuppte sich als größte
Herausforderung für den SIB beim Wiederaufbau des
Dresdner Schlosses. Schon vor 1989 hatten die Denkmal-
pfleger unter Gerhard Glaser versucht, ein Modell anzu-
fertigen, bei dem sie sich nach dem Sichten zahlreicher
spätgotischer Gewölbe im sächsischen und böhmischen
Raum für eine Schlingrippenfiguration aus der Barba-
rakirche in Kuttenberg/Kutná Hora entschieden. Doch
das Modell wich erheblich vom Schlossgewölbe im Kup-
ferstich ab. Auch sonst zeigte sich, dass Rückgriffe auf
überkommene Gewölbeformen kaum eine Lösung brin-
gen würden, da jedes Gewölbe auf den dazugehörigen
Grund- und Aufriss abgestimmt ist – und somit kaum
andernorts zu wiederholen. Eine provisorische Decke ver-
schloss das Problem für die nächsten 20 Jahre.
EINE MATHEMATISCHE LÖSUNG
Ein zweiter Anlauf wurde umso dringender, je mehr der
Wiederaufbau des Nordflügels voranschritt. Der Rohbau
konnte noch mit der provisorischen Decke vorangetrieben
werden, aber der Propositionssaal über der Kapelle ließ
sich erst museal ausbauen, nachdem das darunter lie-
gende Gewölbe fertig errichtet war. Nichtsdestotrotz gab
es nach wie vor kaum Hinweise auf seine Konstruktion:
Der Kupferstich zeigte das Gewölbe in einer verfremdeten
Perspektive, und die Versuche, die Perspektive mit Bildbe-
arbeitungsprogrammen an die vorhandenen Erkenntnisse
anzupassen, schlugen fehl. Kunstgeschichte, Archäologie
und Vorstellungsvermögen konnten nur wenige Hin-
weise geben. Erst in einem fachübergreifenden Prozess,
der Planung, Wissenschaft und Mathematik verknüpfte,
gelang es dem Dresdner Architekten Jens-Uwe Anwand,
eine Gewölbeanordnung zu finden, die in allen Punkten
überzeugte. Die Computerbearbeitung der Deckenforma-
tion aus dem Kupferstich ergab, dass alle Raumeinteilun-
gen der Kapelle einem bestimmten Proportionenschema
folgten. Die grundlegende Maßeinheit dazu lieferte die

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sächsische Elle mit ihrer Länge von 56,64 Zentimetern. Im
Rohbau haben sich die Maße des Schlosskapellenraumes
durch alle Jahrhunderte bis heute nicht verändert. Aus
diesem originalen Grund- und Aufriss lässt sich die Gestal-
tung des Gewölbes herleiten, denn die Anordnung der
Pfeiler und Wände geben die möglichen Auflagerpunkte
vor und die Deckenhöhe den Wölbungsgrad. Unterstützt
durch archivalische Unterlagen und die Untersuchungen
im Bestand, entwickelten Planer und Forscher aus diesen
Eckdaten das alles gliedernde Jochraster.
Das Ergebnis war eine Unterteilung der Längsseite in fünf
gleich große Joche, dazu ein halbes Joch an der westli-
chen Seite. Auf der Seite zum Großen Schlosshof entspre-
chen drei Fenster den mittleren drei Jochen, das mittlere
ist mit dem Triumphbogen des Schönen Tors überhöht.
In das Jochraster wiederum ließ sich das Rippennetz
getreu der Kupferstichvorlage eintragen. Es zeigte sich,
dass die einzelnen Rippenzüge in Viertelkreisbögen ver-
laufen, die zusammen einen sphärischen Kreis bilden.
Jeweils drei Kreise mit gleichem Radius beginnen versetzt
an jeder Halbsäule. Ihre Rippen treffen sich an Scheitel-
punkten. Eine Besonderheit des Gewölbes ist es, dass seine
Joche nicht mit den Jochen im Grundriss identisch sind,
sondern sich entlang der Jochgrenzen im Bereich der Pfei-
ler beziehungsweise Säulen um Säulenbreite überlappen.
Daraus ergeben sich Überschneidungen der Rippenzüge
im Rippennetz, was das Gewölbe nicht nur komplexer und
raffinierter erscheinen lässt, sondern auch tatsächlich eine
komplexere, anspruchsvollere Bauaufgabe darstellt.
MATERIAL UND MASSBEZIEHUNGEN
Für die Umsetzung aller Planungen hielt sich der SIB an
jede Kleinigkeit, die noch im Original vorhanden war – bei-
spielsweise drei Fragmente von Gewölberippen oder zwei
kleine Bruchstücke der steinernen Schlangenleiber, die
einst von Engeln im Gewölbescheitel bekämpft wurden.
Daraus ließen sich detaillierte Anhaltspunkte für Maße,
Ausführung und Materialien gewinnen. Die erhaltenen
Rippenfragmente waren doppelt gekrümmt – ein Anhalts-
punkt dafür, dass es sich um ein Schlingrippengewölbe
handelte. Aus ihren Profilen gewannen die Planer die
Maße für die neuen Rippen. Auch die neuen Ziegel wurden
nach den originalen Maßen von 28 mal 13 mal 6,5 Zenti-
metern gebrannt, was sie im Vergleich zu normalen Zie-
geln dünner und länger werden lässt. In Verbindung mit
einem historisch üblichen Kalkspatzenmörtel zeigt sich
der Vorteil der Materialkombination: Beim Mauern waren
keine Schalungen notwendig und der Ziegel konnte ohne
Hilfsmittel horizontal vermauert werden.
VON DER PROBE ZUM GEWÖLBE
Nicht nur zur Form des Kapellengewölbes gab es kaum eine
Überlieferung – auch fehlte das Wissen, wie ein Schling-
rippengewölbe überhaupt errichtet wurde. Vor 400 Jahren
gaben die Bauleute ihr Wissen mündlich weiter, schrift-
liche Aufzeichnungen existieren kaum. Zudem hatte sich
nirgends sonst eine Aufgabe wie die in Dresden ergeben,
wo ein komplett zerstörtes Gewölbe in einer spätgotischen
Wölbtechnik wieder nachgebaut werden sollte. Die Tech-
nologie für den Bau eines Schlingrippengewölbes musste
erst wiederentdeckt werden. Eine wesentliche Rolle spiel-
ten dabei der Architekt Jens-Uwe Anwand, der Kunsthis-
toriker Stefan Bürger von der TU Dresden und der Statiker
Matthias Kröning. Mit ihren fachlichen Spezialgebieten
ergänzten sie sich und sammelten ein großes Wissen über
die handwerklichen Fertigkeiten der alten Bauhütten. Es
wurde intensiv beraten, welche Form statisch-kunsthis-
torisch passend wäre, und der Planungsprozess dahinge-
hend engagiert begleitet.
2008 baute die Firma Dreßler Bau zunächst ein einzel-
nes Joch an der Wand zum Hausmannsturm – ein Pro-
bestück, das Erkenntnisse über die Konstruktion liefern
sollte. Es zeigte sich, dass die Ziegel direkt gesetzt werden
mussten, wobei ihre flache, breite Form viel Haftfläche
bot. Dagegen erwies sich die Annahme der Firma, dass
Schalungen als Stützhilfen für den Bau der Kappen not-
wendig wären, in diesem Fall als umständlich, unnötig
und unwirtschaftlich. Während der Bauarbeiten stützten
lediglich Baumstämme die Scheitelpunkte der Rippen,
Bretter nahmen die Last entlang der Rippen auf.
Beim Belastungstest durch die Gesellschaft für Wissens-
und Technologietransfer
der TU Dresden (GWT-TUD) AG,
den Heinz Opitz im Jahr 2011 durchführte, konnte dem
fertigen Gewölbeausschnitt die erforderliche Tragkraft
bescheinigt werden. Noch einmal bewährte sich der
Rückgriff auf historische Materialien: Der Kalkspatzen-
mörtel erwies sich als ungewöhnlich elastisch. Der Auf-
bau der restlichen Joche konnte folgen und war 2012
beendet.
SCHLINGRIPPENGEWÖLBE
Baubeginn
Februar 2010
Übergabe
4. Juli 2013
Kosten
3,9 Mio. Euro
Architekt
Jens-Uwe Anwand, Büro für
Architekturplanung und Denkmalpflege, Dresden
Tragwerksplanung
Kröning Ulbrich Schröter, Dresden
Wissenschaftliche Begleitung
Prof. Stefan Bürger,
Prof. Dr.-Ing. David Wendland
Bauforschung
Hans-Christoph Walther
44
Kalkspatzenmörtel, Ziegel und Ziegelhammer – zum Setzen eines Gewölbes
braucht es selbst beim Mauern in der Horizontalen keine weiteren Hilfsmittel
45
Günther Thiele 1986 mit den geborgenen Gewölbefragmenten: Er fertigte das
Fundbuch des Schlosses an, auf dessen Grundlage beim Aufbau Jahrzehnte später die
originalen Bauteile wieder für die richtige Stelle zur Verfügung standen

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Das Schöne Tor zur Schlosskapelle
Rückkehr nach langer Wanderschaft
Die denkmalpflegerische Zielstellung für den Großen
Schlosshof sah vor, die Fassaden in der Fassung von
1557 herzustellen. Dabei spielte das Schlosskapel-
lenportal mit seinen sieben Metern Höhe und sechs
Metern Breite natürlich eine große Rolle. Im Vergleich
zum Gewölbe waren der Cottaer Sandstein des Por-
tals und das Eichenholz des Türblattes gut erhal-
ten – obwohl es eine lange Odyssee hinter sich hatte.
Vom Schloss ließ es Kurfürst Friedrich August II.
bereits 1738 entfernen. Im selben Jahr wurde auch
die Schlosskapelle entwidmet, weil ihre protestanti-
sche Ausrichtung nicht mehr zum neuen katholischen
Glaubensbekenntnis der Kurfürsten seit August dem
Starken passte. Es folgten Stationen in der Sophien-
kirche, im Palais im Großen Garten und am Jüdenhof.
Für die Umsetzung des Portals vom Jüdenhof an den
ursprünglichen Ort setzte sich der SIB ein. Auch die
Schlosskommission entschied 2002, dass das Portal
zurückkehren sollte. Die Restaurierung erfolgte unter
der Leitung der sächsischen Denkmalpflege.
RÜCKVERSETZUNG AN DIE SCHLOSSKAPELLE
Zwischen den Jahren 2003 und 2008 ließ der SIB das
Schöne Tor am Jüdenhof abbauen, untersuchen, säubern
und restaurieren. Es befand sich in einem schlechten
baulichen Zustand. Die Bombardierung Dresdens war an
seinem Standort natürlich nicht spurlos vorübergegan-
gen, es kam zu Abbrüchen von Figuren und Rissen im
Mittelrelief. Von den Figuren in den sechs Nischen blie-
ben nur Jesaja und Paulus erhalten. Allerdings sind nicht
alle Schäden eine Folge des Krieges. Die Allegorien der
Tugenden Spes und Caritas lassen sich bereits seit dem
Abbau an der Schlosskapelle nicht mehr nachweisen. Alte
Anstriche mit Ölfarbe ließen den Stein schnell verwittern.
Bereits in den 1970er-Jahren hatten Restauratoren des-
halb die Farbe am oberen Teil des Portals entfernt. Unter-
halb des Architravs war der Stein dafür zu angegriffen.
Einzig das hölzerne Türblatt hatte den Krieg im Depot der
Porzellansammlung gut überstanden.
Die sächsische Denkmalpflege und der SIB kamen über-
ein, so viel Originalsubstanz des Portals wie möglich wie-
der am alten Standort an der Schlosskapelle sichtbar zu
machen, bei sehr stark gefährdeten Teilen jedoch nur eine
Kopie der Witterung auszusetzen.
In einem zweiten Schritt wurde das Portal vorsichtig zer-
legt und in der Restaurierungswerkstatt Fuchs + Girke
im nahen Ottendorf-Okrilla dokumentiert, untersucht,
gereinigt, ausgebessert und konserviert. Danach ging es
um Ergänzungen und Neuanfertigungen; Silikonabgüsse
von den besonders gefährdeten Teilen dienten hierfür
als Vorlage. Auf diese Weise wurden das Mittelrelief, der
Attikasockel, Kapitelle und kleinere Details neu gefertigt,
ebenso wie die Aufsatzfiguren Glaube, Stärke und der
Christus als Triumphator mit Fahne. Anders als zur Zeit
seiner Entstehung ist das Schöne Tor nun nicht mehr
farbig gefasst – die Befunde ergaben keine eindeutige
Farbgebung. Einige Details sollen allerdings noch eine
Vergoldung erhalten.
Einige Originale werden zusammen mit der historischen
Eichentür im Georgenbau im Rahmen der Ausstellungen
gezeigt.
VERSETZUNG UND RESTAURIERUNG SCHÖNES TOR
Baubeginn
Dezember 2005
Fertigstellung
Juni 2009
Kosten
1,2 Mio. Euro
Architekten
Harms + Schubert – Freie Architekten,
mit Unterstützung des Landesamtes für
Denkmalpflege, Prof. Dr. Angelica Dülberg
46
Das Schöne Tor als Eingang zur Schlosskapelle
47
Interimsaufstellung am Jüdenhof (zum Bildprogramm siehe Seite 124)

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Kunsthistorischer Exkurs
Merkmale einer frühen protestantischen Kapelle
Das grundlegende Kirchengestaltungsprinzip der Re-
naissance zeigte dem Menschen sein irdisches, zeitlich
begrenztes Dasein auf Augenhöhe. Weiter oben folgte
das Überirdische, Göttliche, Ewige, bis schließlich das
Gewölbe den Himmel symbolisierte. Dieses Prinzip
spiegelt sich in der Formensprache der Schlosskapelle
wider. Den Gottesdienstbesuchern zeigt sich bereits am
Portal, dass sie sich vom Zentrum der weltlichen Macht
ins Zentrum der göttlichen begeben. Der auferstandene
Christus steht als krönende Portalfigur über allem, flan-
kiert von einer Allegorie des Glaubens und der Stärke.
Christus’ Auferstehung feiert auch das große Relief in
der Attika mit den Jüngern am leeren Grab, das dem
Dresdner Bildhauer Hans Walther II. zugesprochen wird.
In den Nischen links und rechts davon stehen Jesaja als
einer der großen Propheten des Alten Testaments und
Paulus als Gründer des Christentums. In den anderen
Nischen folgen Johannes der Täufer und Johannes der
Evangelist, Petrus und Moses. Auffällig ist die Abwesen-
heit von Maria und anderen Heiligen. Kurfürst Moritz
war sich seiner Rolle als protestantischer Kurfürst und
oberster Bischof seines Landes bewusst. Der Eingang zur
Hofkapelle feierte vor allem die Begründer des Christen-
tums, die Bibel und das Wort getreu der evangelischen
Lehre der sola scriptura (allein durch die Schrift), des
solus Christus (allein durch Christus), der sola gratia
(allein durch die Gnade) und der sola fide (allein durch
den Glauben).
Folgerichtig weist die Tür eine geschnitzte Rollwerkkar-
tusche auf: V. D. M. A. steht für Verbum Domini Manet In
Aeternum – Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Den Wahl-
spruch Luthers machten sich die Ernestiner und Alber-
tiner zu Eigen. Das Relief darunter zeigt Jesus bei der
Ehebrecherin.
Im Inneren verweist das Schlingrippengewölbe auf das
himmlische Jerusalem – die Zwickel waren entspre-
chend mit musizierenden Engeln bemalt. Als steinerner
Gewölbeschmuck im Zentrum bekämpfen Engel riesige
Drachenschlangen. Ein Hinweis darauf, wie das Böse
auf die Erde gelangte. In Sachsen und Böhmen erlang-
ten die spätgotischen Gewölbeformen eine kunstvolle
Blüte und wurden auch in dem sonst schon der Renais-
sance verpflichteten Kirchenbau eingesetzt. Auf die
eingemauerten Pfeiler im Erdgeschoss folgen toskani-
sche Halbsäulen bei den Emporen, aus denen dann die
Gewölberippen in flachen Bögen emporwachsen.
Der protestantische Kanon setzt sich in der Kirchenaus-
stattung fort: Der Zyklus von Geburt, Abendmahl, Kreu-
zigung, Auferstehung und Jüngstem Gericht löst die
übliche katholische Mariendarstellung auf dem Altar ab.
Eine Kanzel gehört natürlich auch zur Ausstattung und
wer die Kapelle verlässt, wird nicht mit dem Weltunter-
gang konfrontiert, sondern mit einem Stück aus dem
Römerbrief des Paulus: »So halten wir nun dafür, dass
der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke
allein durch den Glauben.«
75
48
Der Kupferstich von David Conrad im Frontispiz
eines Gesangsbuchs von 1676
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Den Aufriss fertigte Matthäus Daniel Pöppelmann circa 1731

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Renaissancearchitektur und
barocke Präsentation
Das Turmzimmer im 2. Obergeschoss
»Trotz barocker Ergänzungen
blieben die raumbildenden
Elemente der Renaissance
erhalten. Die Würdigung der
Leistungen der Vorgänger durch
die Integration ihrer Arbeiten in
das Gesamtwerk erfüllte schon
damals denkmalpflegerische
Motivationen.«
HOLGER KRAUSE, PROJEKTLEITER IM SIB
Das Turmzimmer liegt zwischen dem Großen Ballsaal
und dem Propositionssaal im zweiten Obergeschoss
des Nordflügels. Wie der Name schon sagt, bilden
die starken Mauern des Raumes die Basis des Haus-
mannsturms. Das Turmzimmer entstand im Zuge der
großen Schlosserweiterung, die Kurfürst Moritz von
Sachsen ab 1548 in Angriff nahm und sein Bruder
und Nachfolger Kurfürst August 1586 vollendete.
Antonio Brocco versah die Deckengewölbe des Zim-
mers mit kunstvollen Stuckierungen, die ihm auch als
Referenz für die Decke des Pretiosensaals im damals
neu errichteten Westflügel dienten.
Einen Umbau des Turmzimmers veranlasste August
der Starke 1718 im Hinblick auf die Hochzeit seines
Sohnes Friedrich August mit der Habsburger Prin-
zessin Maria Josepha. Er ließ den Renaissanceraum
zum barocken Spiegelkabinett umbauen, nahtlos ein-
gepasst in das architektonische Ensemble des Para-
degeschosses, das dann im Westflügel folgen sollte.
Typisch für den Barock ist der Raumeindruck eines
Gesamtkunstwerks aus Architekturelementen und der
Präsentation der Kunstobjekte. Wie schon bei Broccos
Stuckierungen aus der Renaissance, bildete die baro-
cke Wandverkleidung des Turmzimmers
die Vorlage
für den barocken Umbau des Grünen Gewölbes.
Bis zur Zerstörung änderte sich die Ausstattung des
Turmzimmers kaum noch, mit Ausnahme eines Tür-
durchbruchs zum Altan auf der Südseite um 1896.
Die für das Dresdner Schloss typische Überlagerung
barocker Präsentationsarchitektur in den Räumlich-
keiten aus der Renaissance blieb jedoch erhalten.
ZERSTÖRUNG UND BESCHLUSS ZUM
WIEDERAUFBAU
Als das Schloss 1945 ausbrannte, brachen im Nordflügel
auch die Dachstühle ein, obwohl Dunger und Frölich sie
bei der großen Schlossrenovierung um 1900 bereits in
Stahl ausgeführt hatten. Die Schuttmengen fielen durch
die eingestürzten Geschossdecken in die darunter lie-
gende Durchfahrt des Grünen Tores. Die Sicherung des
Hausmannsturms durch Verstärkungen des Mauerwerks
gehörte 1946 zu den ersten Erhaltungsmaßnahmen am
Schloss. In die denkmalpflegerische Rahmenzielstellung
vom 11. November 1983 nahm das Dresdner Institut
für Denkmalpflege die originalgetreue Rekonstruktion
des Turmzimmers auf. Als sich das Kabinett der sächsi-
schen Regierung 1997 für den Ausbau des Schlosses zum
Museumskomplex aussprach, wurde auch diese Zielstel-
lung bestätigt. Die verbliebenen Reste des Deckenstucks
und die geborgenen Stahltüren sollten restauriert und
der Raum so rekonstruiert werden, wie ihn Fotografien
aus dem 19. Jahrhundert zeigten. Rekonstruktionen die-
ser Art sind Räumen vorbehalten, die eine Schlüsselrolle
in der Baugeschichte des Schlosses einnehmen und zum
kulturhistorischen Verständnis beitragen. Das Spiegelka-
binett im Turmzimmer ist im Ensemble der architektoni-
schen Raumkonzepte des Paradegeschosses besonders
innovativ. Die Kaminarchitekturen und verspiegelten
Wandverkleidungen ergeben zusammen mit der Präsen-
tation des Porzellans eine neue, typisch barocke gestalte-
rische Qualität.
2. OBERGESCHOSS
50
Das Turmzimmer mit eingestürzter Geschossdecke nach der Zerstörung von 1945
51
Blick nach Westen im Sommer 2019: Bauzustand mit restaurierter und
rekonstruierter Decke. Beginn der Holzfassungen nach Einbau der Wandverkleidung.

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SICHTUNG DER BEFUNDE –
VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE REKONSTRUKTION
Von der Wandverkleidung des Spiegelkabinetts sind
lediglich drei originale und sechs abgegossene Konsolen
überliefert. Außer der Südwand war die Raumarchitek-
tur allerdings noch intakt. Wie die Räume vor der Zer-
störung aussahen, zeigen einige Fotografien aus dem
19. Jahrhundert. Sie wurden meist mit dem einfallenden
Tageslicht ins Rauminnere aufgenommen, sodass die
Fensterfront oft nur am Bildrand oder als Reflexion in
den Spiegeln zu erkennen ist. Auch die nördliche Hälfte
der Renaissancestuckdecke lässt sich nicht vollstän-
dig belegen. Dennoch erlaubten die Aufnahmen nach
einer bildtechnischen Bearbeitung und Entzerrung eine
maßstabsgerechte Wandabwicklung. Anhaltspunkte zur
Gestaltung lieferte außerdem die stilistische Verwandt-
schaft zur gut erhaltenen Decke des Pretiosensaals und
zu den Renaissancestuckdecken der Schlösser Stern und
Nelahozeves nahe Prag, die als Nachfolgearbeiten der
damaligen Dresdner Künstler gelten. Eine weitere Orien-
tierung bilden die Ansätze der Gewölbekappen und die
vorhandenen Lünetten, die im Raum erhalten blieben. Zur
Authentizität der barocken Ausstattung konnten die SKD
mit Porzellanobjekten beitragen, die nicht zur Daueraus-
stellung der Porzellansammlung gehören.
DURCHFÜHRUNG DER REKONSTRUKTION
Die antiken Motive der Renaissancestuckaturen trugen
die damaligen Künstler dünn, aber effektvoll auf die Kalk-
glätte der Deckenwölbungen auf, sodass sie mit wenig
Material eine gut lesbare Profilierung erreichten. Im
ständigen Abgleich mit den Originalprofilen und mithilfe
der stilistischen Beratung des Landesamtes für Denkmal-
pflege erarbeiteten die Dresdner Bildhauerin Eva Back-
ofen und der Stuckrestaurator André Glauche aus Nie-
derfrohna ein Deckenmodell, in dem sie die Fehlstellen
der Fotografien mithilfe von Analogien herleiteten. Nach
dieser Vorlage wurden die Stuckaturen ausgeführt.
Bei der Materialsuche des Bodenbelags kam ein Zufall
zu Hilfe: Im Originalraum aus dem 16. Jahrhundert
wurde Zöblitzer Serpentinit verbaut. Doch das Material,
das heute in Zöblitz abgebaut wird, ist eine wesentlich
dunklere Varietät als die erhaltenen Befunde. Ein am
Residenzschloss tätiger Restaurator verwies auf ein kurz
vor der Schließung stehendes Vorkommen bei Waldheim,
das tatsächlich an die ursprüngliche Sepentinit-Färbung
des Turmzimmerbodens herankam und noch ausrei-
chend vorhanden war. Den weißen Crottendorfer Kalk-
stein, der außerdem zur Raumausstattung verwendet
wurde, ersetzt in der Rekonstruktion eine sehr ähnliche
Handelsware.
RESÜMEE
Der hohe künstlerische und handwerkliche Anspruch,
mit dem das Turmzimmer rekonstruiert wurde, macht
die beiden ursprünglichen architektonischen Gestal-
tungskonzepte aus der Renaissance und dem Barock
wieder sichtbar. Sie verdeutlichen die kulturhistorischen
Zusammenhänge, in denen das Schloss mit der sächsi-
schen Landesgeschichte verbunden ist. Die Ausstrahlung,
die das Turmzimmer nun entfaltet, bestätigt die Idee, den
Raum trotz seiner Zerstörung und in Teilen schwieriger
Befundlage zu rekonstruieren.
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TURMZIMMER
Baubeginn
April 2017
Übergabe
September 2019
Kosten
5,4 Mio. Euro
Architektin
Andrea Knüpfer, Architekturbüro Knüpfer, Pirna
Wissenschaftliche Begleitung
Prof. Dr. Angelica Dülberg, Landesamt für Denkmalpflege
Restauratorische Begleitung und Bauforschung
Hans-Christoph Walther
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Zwischenzustand zur Eröffnung des Raumes am
28. September 2019: Fehlende Schnitzereien und Konsolen werden
außerhalb der Öffnungszeiten sukzessive vervollständigt

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Das Deckengemälde im Paradeschlafzimmer zeigt Aurora,
die Göttin der Morgenröte
08
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Eine Audienz beim König
Die Paraderäume als barocker Höhepunkt
Der Westflügel gehört zu den Teilen des Schlosses,
die Moritz von Sachsen (1521–1553) nach Erlan-
gung der Kurfürstenwürde ab 1548 errichten ließ. Der
davor existierende Westflügel setzte direkt am Haus-
mannsturm an, stand dort den Erweiterungsplänen
im Weg und wurde abgerissen.
An den Abmaßen des neuen Westflügels mit drei
Obergeschossen und zwei parallelen Raumfluchten
pro Etage änderten sich bis zur Zerstörung von 1945
nichts mehr. Moritz’ Bruder und Nachfolger Kur-
fürst August (1526–1586) nutzte das Erdgeschoss
für repräsentative Zwecke. Die Bezeichnung »Grünes
Gewölbe« stammt von grünen Ausmalungen an der
Decke des Festsaals. Privatgemächer und das Rats-
gemach richtete er im ersten Obergeschoss ein, im
zweiten das Tafelgemach und die Brandenburgischen
Gemächer für die Unterbringung von Gästen. In der
dritten Etage, im Dachgeschoss, legte August die erste
sächsische Kunstkammer an – die Keimzelle der heu-
tigen Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD).
Sein Sohn Kurfürst Christian verlegte sie ins Grüne
Gewölbe im Erdgeschoss.
Ende des 17. Jahrhunderts veranlasste Kurfürst
Johann Georg IV., der Bruder August des Starken,
einen Umbau der Brandenburgischen Gemächer zu
Paradeappartements. Nach dem Schlossbrand von
1701 und im Hinblick auf die Hochzeit seines Soh-
nes Friedrich August II. mit der Kaisertochter Maria
Josepha von Habsburg ließ August der Starke diese
Paraderäume von Generalintendant August Christoph
Graf von Wackerbarth nach allen Regeln barocker
Repräsentationskunst herrichten. Er betraute Mat-
thäus Daniel Pöppelmann und Raymond Leplat mit
der neuen Raumarchitektur. Die Paraderäume waren
der Höhepunkt einer sich ständig steigernden Macht-
demonstration: Gäste schritten über die Englische
Treppe im Ostflügel in den Riesensaal, querten im Nord-
flügel den Großen Ballsaal, das Turmzimmer und den
Propositionssaal und gelangten schließlich zum Eck-
paradesaal des Westflügels, dem die Enfilade des ers-
ten und zweiten Vorzimmers und schließlich das Audi-
enzgemach folgten. Parallel dazu befanden sich die
zweite und erste Retirade und das Paradeschlafzimmer.
2. OBERGESCHOSS

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GRUNDLAGEN FÜR WIEDERAUFBAU UND
HISTORISCHE REKONSTRUKTION
Die Wiederherstellung der höfischen Festetage im zwei-
ten Obergeschoss des Westflügels geht auf die Überle-
gung zurück, die Paraderäume im zukünftigen Muse-
umskomplex die höfische Festkultur im Sachsen des
18. Jahrhunderts, speziell in der augusteischen Zeit von
1719 bis 1767, präsentieren zu lassen. Die Quellenlage
zu den Paraderäumen ist relativ gut: Kupferstiche, der
Schriftwechsel August des Starken mit Graf Wackerbarth,
historische Bauunterlagen, Fotografien aus dem 19. und
20. Jahrhundert, Inventarverzeichnisse und zahlreiche
Ausstattungsteile, die ausgelagert den Krieg überstan-
den, geben ein umfassendes Gesamtbild der originalen
Raumfassungen.
Bereits die erste denkmalpflegerische Rahmenzielstellung
von 1983 sah die Wiedereinrichtung der Paraderäume im
zweiten Obergeschoss des Westflügels vor. Bestand erhielt
dieses Rekonstruktionsziel durch den Kabinettsbeschluss
der Sächsischen Staatsregierung vom Dezember 1997 zur
zukünftigen Nutzung des Dresdner Residenzschlosses als
Museumszentrum. Die wirtschaftliche Grundlage bildete
schließlich der genehmigte Bauantrag von 2003.
REKONSTRUKTIONSZIELE IN DER
REPRÄSENTATIONSETAGE
Entsprechend ihrer Funktion und Ausstattung sollten
die einzelnen Räume entweder vollständig rekonstruiert
werden oder einen Ausbau zur musealen Nutzung erhal-
ten. Im Hinblick auf den Besucherverkehr mussten auch
Raumklima, Brandschutz, Sicherheitstechnik, Beleuch-
tung und der Schutz des Kunstguts angepasst werden.
Eckparadesaal
Der am weitesten nördlich gelegene Saal diente als Auf-
takt zur Raumsuite und als Tafelsaal. Der Wiederaufbau
folgt der Kubatur des historischen Raumensembles. Die
farbige Fassung orientiert sich an den Paraderäumen.
Museal nutzen die SKD den Raum zur Darstellung höfi-
scher Tafelsitten.
Erstes und zweites Vorzimmer
Die beiden Räume bilden mit dem Audienzgemach eine
Enfilade. Sie dienten als Aufenthalts- und Warteräume
für Staatsgäste und Bittsteller. Die Kernräume des Para-
deappartements entstehen als originalgetreue Rekon-
struktionen. Auch die ursprüngliche Möblierung wird
wieder eingefügt.
Audienzgemach
Der Audienzstuhl in der Mitte der Südwand ist der Höhe-
punkt, auf den alle Pracht der vorherigen Räume und
des Gemachs selbst zuläuft. Hier empfing der Kurfürst
Gäste und Besucher zur Audienz. Die vollständige Rekon-
struktion lässt die Wirkung des Raumkunstwerks wieder
auferstehen.
Paradeschlafzimmer
Seit dem
Lever du Roi,
dem Morgenritual des absolutisti-
schen Herrschers Ludwig XIV., war das Prunkbett im Para-
deschlafzimmer Teil der herrschaftlichen Repräsentation.
Auch August der Starke ließ den Raum nach Versailler
Vorbild neben dem Audienzgemach anlegen. Als Teil der
barocken Machtdemonstration wird dieser Raum eben-
falls vollständig rekonstruiert.
Hofseitige Retiraden
Die beiden privaten Rückzugsräume sind vom Para-
deschlafzimmer aus zu erreichen. Sie erhalten ihre
ursprüngliche Raumkubatur und eine an den Charakter
der Repräsentationsetage angepasste Innenarchitektur.
Die SKD stellen hier die Prachtgewänder August des Star-
ken aus.
Kleines und großes Bilderkabinett
Die beiden Räume hinter dem Audienzgemach und dem
-schlafzimmer erhalten ihre ursprüngliche Raumkuba-
tur und eine an die Repräsentationsetage angepasste
Innenarchitektur. Die SKD setzen hier die Ausstellung zu
August dem Starken und seinem Sohn August III. mit
Herrschaftsinsignien der sächsisch-polnischen Union fort.
VORGEHEN BEIM WIEDERAUFBAU
Der Ausbau des zweiten Obergeschosses gliedert sich in
vier Teilbaumaßnahmen. Die erste bestand in den Roh-
bauleistungen, die nötig waren, um den Besucherverkehr
im bereits genutzten ersten und dritten Obergeschoss
nicht durch Bautätigkeiten zu beeinträchtigen. Darunter
fielen die Ertüchtigungen und Erneuerungen der Decken,
die Schaffung von Medientrassen und die Brandab-
schnitte und -abdichtungen zu darunter liegenden Räu-
men. Parallel begann die Archivrecherche nach Quellen
zum originalen Zustand der Räume. Restauratoren führ-
ten Voruntersuchungen für die spätere Wiederherstellung
durch. In einem zweiten Schritt legten die Restauratoren
und verwandte Gewerke eine Probeachse an, an der die
textile Innenausstattung erprobt und handwerkliche Ver-
fahren verglichen werden konnten. Die Rekonstruktions-
möglichkeit der Deckengemälde und die Machbarkeiten
der Textilherstellung beziehungsweise -restaurierung fal-
len ebenfalls in diesen Planungsbereich. Als dritter Schritt
folgte die Unterbringung der Klimaanlage im Technik-
geschoss – dem vierten Obergeschoss im Dachboden. Das
zweite Obergeschoss erhielt zudem die speziellen Muse-
umsfenster. Damit war alles vorbereitet für den vierten
Bauabschnitt: den historischen Ausbau.
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Der Zustand vor der Rekonstruktion war durch die Ende der 1980er-Jahre realisierten Sicherungs- und
Rohbaumaßnahmen geprägt

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Überlegungen zum Ausbau
Die Arbeit der Gestaltungskommission
BEITRAG VON
DR. REINER ZIMMERMANN
Dr. Reiner Zimmermann leitete von 1991 bis 2003 die Abteilung
Kunst im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
(SMWK). Als Editionsleiter der Reihe
Denkmäler der Tonkunst in Dres-
den,
herausgegeben vom Institut zur Erforschung und Erschließung
der Alten Musik in Dresden e. V., befasste er sich mit den Feierlich-
keiten anlässlich der Hochzeit von Kurprinz Friedrich August und
der Habsburger Kaisertochter Maria Josepha im Jahr 1719. Ludwig
Coulin, der damalige Niederlassungsleiter I des Staatsbetriebs Säch-
sisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), gewann ihn 2015
zum Vorsitzenden der Gestaltungskommission für die Paraderäume.
PARADERÄUME
Baubeginn
Januar 2016
Bauliche Fertigstellung
September 2019
Eröffnung
28. September 2019
Kosten
34,4 Mio. Euro
Ausführung
Eigenbesorgung SIB
Die Hochzeit des sächsischen Kurprinzen war nicht
einfach einer der damals üblichen prunkvollen Staats-
aktionen in dieser an Repräsentationsfeierlichkei-
ten reichen absolutistischen Zeit. Kurfürst Friedrich
August I., zugleich König von Polen, plante seit 1711
eine dynastische Verbindung für seinen Sohn, um ihn
als Kandidaten für die deutsche Kaiserwahl zu präsen-
tieren. Der Herzog von Sachsen war seit der Goldenen
Bulle Karls IV. von 1356 Erzmarschall des Heiligen
Römischen Reiches Deutscher Nation und in Abwe-
senheit des Kaisers auch Reichsvikar, also amtierender
Stellvertreter. Als 1711 Kaiser Joseph I. starb, bedurfte
es bis zur Wahl des nächsten Kaisers Karl VI. eines
Fürsten, der die Reichsgeschäfte führte. Da muss
August die Idee gekommen sein, dass sich nicht nur
die Habsburger zur Kaiserwahl stellen dürften. Aller-
dings hatte die Vermählung seines Sohnes mit der
Erzherzogin und Tochter des verstorbenen Joseph I.
einen Haken: Die Habsburger Hofjuristen hatten für
den Fall, dass der amtierende Kaiser ohne männlichen
Nachwuchs bliebe, mit der »Pragmatischen Sanktion«
Vorsorge getroffen, dass auch eine Kaisertochter auf
den Thron gelangen dürfe, wie es dann mit Maria
Theresia eintraf. August musste diese Konstruktion
anerkennen, um mit dem Hause Habsburg verbunden
zu bleiben. Vielleicht hoffte er auf eine wundersame
Fügung, dass sich bei der üblichen hohen Sterblich-
keit auch der Höchstgeborenen eine neue Möglichkeit
eröffnen könnte.
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Das Audienzgemach beim Empfang Maria Josephas im Dresdner Schloss – Kupferstich von Quirijn Fonbonne nach Raymond Leplat
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Die Farbgebung der Räume folgt der Quellenrecherche – auch Handwerkerrechnungen geben Hinweise

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Der Holzbildhauer Stephan Thürmer schneidet den Kreidegrund
des Bilderrahmens für den Eckparadesaal nach
HOCHZEIT ALS SÄCHSISCH-POLNISCHE
LEISTUNGSSCHAU
Seit 1718 liefen die Hochzeitsvorbereitungen in Dresden
auf Hochtouren. Nach der Habsburger Zusage waren
noch eineinhalb Jahre Zeit, um ein neues Opernhaus zu
bauen, den 1701 abgebrannten Ostflügel des Schlosses
wieder aufzubauen, die Paraderäume im Westflügel ein-
zurichten und ein vierwöchiges Fest vorzubereiten, das
alles Bisherige in den Schatten stellen sollte. August
wollte allen europäischen Herrschern die Leistungsfähig-
keit der sächsisch-polnischen Union unmissverständlich
vor Augen führen. Obwohl eher dem Prunk Louis XIV.
zugetan, war er durchaus bereit, auf die neueste Mode
einzugehen. Die war im Winterpalais des Prinzen Eugen
in der Wiener Himmelpfortgasse zu sehen. Dank der
eroberten türkischen Kriegskasse konnte sich der Prinz
einen einmaligen Luxus leisten. August schickte Pöppel-
mann nach Wien, um all das in Augenschein zu nehmen.
RÄUME VON HÖCHSTEM POLITISCHEN RANG
Die Paraderäume im Dresdner Schloss entsprechen genau
Augusts Vorstellungen von einer vollendeten Verbindung
von Kunst und Politik. Die integrierende Kraft, die der
Kurfürst und König einsetzte, um Politik, Kunst, Wirt-
schaft und Wissenschaft zu vereinen, hat diese singulä-
ren Leistungen entstehen lassen. Als politisch höchstran-
gige Räume des Residenzschlosses und ganz Kursachsens
lassen sie die historische Bedeutung des Hofzeremoniells
an einem der wichtigsten Höfe des damaligen Heiligen
Römischen Reiches Deutscher Nation erkennen. Dass
zusätzlich alle Ereignisse in einem dicken Mappenwerk
mit Kupferstichen festgehalten und später überallhin
verteilt werden sollten, gehörte zu Augusts PR-Verständ-
nis. Die Kupferstiche von Raymond Leplat sind so genau,
dass sie heute als Quellen verwendet werden können, um
beispielsweise Möbel zu identifizieren.
DIE ARBEIT DER GESTALTUNGSKOMMISSION
Bereits beim Historischen Grünen Gewölbe hatte sich eine
Gestaltungskommission bewährt. Im Westflügel mussten
ähnlich komplexe Entscheidungen getroffen werden, fol-
gerichtig regte der SIB erneut eine Gestaltungskommis-
sion an. Sie traf sich erstmals im April 2007 und bestand
aus den zuständigen Direktoren der SKD, den SIB-Ver-
antwortlichen für den Schlossbau, dem Landesamt für
Denkmalpflege, externen Gutachtern und freien Restau-
ratoren und beriet über alle Fragen der denkmalpflegeri-
schen Zielstellung, des Bauablaufs, der Finanzierung, der
Termine und aller sich daraus ergebenden Probleme.
ENTSCHEIDUNGSGRUNDLAGEN DER
GESTALTUNGSKOMMISSION
Chefrestaurator Hans-Christoph Walther (von mir als
Chief
Detective
bezeichnet) hatte 2007 im Auftrag des SIB alle
Dokumente gesammelt, die für eine möglichst genaue
Rekonstruktion unentbehrlich waren. Mehrere Meter Akten
fassten schließlich alle Hinweise auf originale Befunde, deren
man habhaft werden konnte, geordnet nach Räumen und
Inhalten zusammen: Decken, Wände, textile Ausstattung,
Fenster, Türen, Kamine, Supraporten, Schaft- und Kamin-
spiegel, Fußboden, Kronleuchter, Muschelleuchter, Tru-
meauxleuchter, Guéridons, Möbel, Uhren, Gemälde. Basis
der Bauforschung und der Entwurfsplanung waren die
Zeichnungen und Kupferstiche, die während der Ausbau-
arbeiten ab 1718 angefertigt wurden, ergänzt durch Foto-
grafien von 1858, 1920 und 1933, Inventarverzeichnisse
zwischen 1720 und 1852, den Schriftwechsel zwischen
August und Wackerbarth während der Hochzeitsvorbe-
reitungen, Stuck- und Kaminfragmente, Spiegelfragmente
und Ausstattungsteile wie Möbel, Gemälde, Textilien.
ÜBERLIEFERTES INTERIEUR
Die Raumarchitektur bestand aus Tafelparkettfußboden,
aus umlaufenden Eichenholzpaneelen, Fensterlaibungsver-
kleidung mit Klappläden, samtener Wandbespannung mit
darüber gehängter gestickter oder gewirkter Pilasterarchi-
tektur, Türgewänden und jeweils einem Kamin aus Marmor,
ferner aus umlaufendem, teilweise vergoldetem Stuckge-
sims, zwei Spiegeln, Supraportgemälden und zwei Decken-
gemälden im Audienzgemach und im Paradeschlafzimmer.
Davon standen Farbfotos zur Verfügung, die – entspre-
chend einem Führerbefehl, Inneneinrichtungen von Schlös-
sern und Burgen zu dokumentieren – ab 1944 angefertigt
wurden. Das mobile Inventar des Schlosses wurde 1942 bis
1944 beräumt und auf sächsische Schlösser verteilt. Es ver-
blieb nach dem Krieg zwar in Sachsen, wurde aber durch
unsachgemäße Lagerung und Verluste stark dezimiert, die
überkommenen Reste wurden zerrissen, verbeult, zerkratzt
oder anders beschädigt. Es wurde über Jahrzehnte gesam-
melt und identifiziert. So hat Hans-Christoph Walther nach
Aufräumungsarbeiten marmorne Bruchstücke einer origi-
nalen Kamineinfassung des ersten Vorzimmers zuordnen
können. Restauriert verleiht der große Bestand an Origina-
len den Räumen ihre Authentizität.
Von der kostbaren textilen Ausstattung der Räume, die
1943 abgenommen wurde, sind nur aus dem Audienz-
gemach immerhin circa 80 Prozent der Goldposamenten
und Goldpilaster erhalten geblieben, die nach sorgfältiger
Reinigung im Originalzustand wieder angebracht wurden
und als Muster für weitere Rekonstruktionen dienten.
SUCHE NACH DER SINNVOLLSTEN FASSUNG
Das Schloss war niemals ein in sich ruhender Bau, sondern
ein lebendiger Organismus entsprechend seiner Funktion
als Machtzentrum über 400 Jahre, also eine Dauerbau-
stelle. Jeder neue Herrscher hatte eigene Vorstellungen
und Bedürfnisse. Auch die Inneneinrichtung – Leuchter,
Möbel, Teppiche – wechselte nach Bedarf die Räume.
Zur Vorbereitung eines Planentwurfs war also nicht nur
eine akribische Dokumentenrecherche der Raumbefunde
erforderlich, sondern auch die Entscheidung, in welcher
Fassung der Wiederaufbau erfolgen sollte. Für die Para-
deräume – das erste und zweite Vorzimmer, das Audienz-
gemach und das Paradeschlafzimmer – war die Einrich-
tung von 1719 unstrittig. Beim Eckparadesaal entschied
sich die Kommission für den Zustand von 1769, da erst
zu dieser Zeit zwei Fayence-Öfen in Konchen (Nischen)
eingebaut wurden. Letztlich entschied sich die Kommis-
sion für den Zustand von 1767 unter Einbeziehung der
Erkenntnisse über die Fest-Enfilade, der die Gestaltungs-
idee einer Prachtsteigerung von Raum zu Raum zugrunde
liegt.
DAS KONZEPT DES PARADEAPPARTEMENTS
Recherchen in den Vorzeichnungen und Kupferstichen
sowie den Inventarverzeichnissen von 1722 bis 1728 erga-
ben, welche Gemälde zu den Paradeappartements gehör-
ten. Das Möblierungskonzept folgt der originalen Ausstat-
tung zwischen 1719 und 1763. Circa 42 kostbare Möbel der
Pariser Kunsttischlerei, der Augsburger Goldschmiedekunst
und der sächsischen Möbelkunst blieben erhalten. Rekon-
struktionen fehlender Stücke sind nicht vorgesehen.
Das Paradeappartement wird als Raumkunstwerk im
ursprünglichen Sinne wiederhergestellt. Das bedeutet
Verzicht auf Ausstellungsvitrinen und museale Hilfskon-
struktionen wie Schrifttafeln oder andere visuelle Medien.
Die Räume sollen in ihrer Pracht und Einmaligkeit für sich
sprechen. In den Retiraden und Bilderkabinetten sieht das
Ausstellungskonzept der SKD die Präsentation der Staats-
und Galakleider Augusts und seines Sohnes, deren Weg
zur polnischen Krone sowie königliche Insignien und di-
plomatische Geschenke vor.

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Die Leinwände von sechs mal zwölf Metern wurden in den
Theaterwerkstätten der Semperoper zusammengenäht
Die Deckengemälde im
Paradeschlafzimmer und Audienzgemach
Interview mit Dietrich Richter und Ute Matauschek
ZU DEN PERSONEN
DIETRICH RICHTER UND UTE MATAUSCHEK
Dietrich Richter und Ute Matauschek gehörten zu
dem zwölfköpfigen Restauratorenteam, das die bei-
den Deckengemälde in den Paradezimmern rekon-
struierte. Die Originale malte Louis de Silvestre,
der Hofmaler August des Starken, im Rahmen der
anstehenden Hochzeit der Habsburger Kaisertoch-
ter Maria Josepha mit Kurprinz Friedrich August.
1945 verbrannten die Bilder. Fotografien von 1944
zeigten einen Zustand mit Übermalungen aus dem
19. Jahrhundert.
» Nichts ist zufällig.«
DIETRICH RICHTER
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Seit wann haben Sie an den Deckenmalereien für
das Audienzgemach und das Paradeschlafzimmer
gearbeitet?
Die Vorbereitungsarbeiten begannen im Mai 2018. Da
wurde der Rahmen geliefert, montiert und wir konnten
die Leinwand aufspannen, die in den Theaterwerkstätten
der Semperoper genäht wurden. Den ersten Anlauf zur
Bildentwicklung unternahmen wir allerdings schon 2008.
Die ersten Planungsgespräche, nach denen wir eine Res-
tauratorengruppe bilden konnten, liefen im März 2016.
Im Sommer 2016 haben wir die gesamte Bildkonstruk-
tion für das Paradeschlafzimmer mit allen Einzelfiguren
und der gesamten Architektur einmal im Maßstab 1 : 2,
teilweise auch 1 : 1, durchgezeichnet und als Malproben
angefertigt.
Welche Voraussetzungen brauchten die
Restauratoren, die an den Deckengemälden
mitarbeiteten?
Jeder hatte zwei Bewerbungsbilder zu malen – ein Archi-
tekturstück und ein figürliches. Dazu sollten die Bewer-
ber eine Konzeptionsvorstellung entwickeln, wie das
Deckenbild aussehen könnte, welche Farbsysteme damals
verwendet wurden. So kamen sieben Restauratoren und
ein Maler mit Schwerpunkt Gemälderestauration zusam-
men. Als es dann 2018 um die Einarbeitung der gemalten
Architektur ging, wurden uns glücklicherweise vier Kolle-
gen zur Seite gestellt: ein Restaurator, zwei Theatermaler
und ein Baufassungsrestaurator, die für diese Form der
Architekturmalerei qualifiziert waren. Sie hatten vorher
Erfahrungen bei der Tafelmalerei für die Decke des Lan-
gen Gangs gesammelt, kannten ganz andere Techniken
und bewältigten die großen Formate in einem zügigen
Zeitmaß.

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Wie nähert man sich einer Gemälderekonstruktion
von insgesamt 120 Quadratmetern?
Das Deckengemälde des Paradeschlafzimmers war beson-
ders schlecht überliefert. Bis zum letzten Tag mussten wir
viele Fragen klären. Die erste, die immer anstand: Wie
haben die damals den Bildraum organisiert? Wenn man
erst einmal diese Konstruktionszeichnung hat, lässt sich
daraus ableiten, warum bestimmte Streckenabschnitte so
lang sind, warum Proportionsmaße so wichtig sind und
warum es Schnittpunkte gibt zwischen den Eckkonstruk-
tionen. Alles steht in einer proportionalen Verbindung.
Zirkelpunkte ergeben Vertikal- und Horizontalmaße und
ermöglichen damit eine Quadratura – eine gut organi-
sierte mathematische Konstruktion, an der sich die Aus-
führenden orientieren können. Auf so einer riesigen Flä-
che geht das nicht anders.
Auf welcher Vorlage beruht die Rekonstruktion?
Es gab Schwarz-Weiß-Fotos und über 30 Farbdias von
1944 zu jedem der beiden Gemälde. Nichtsdestotrotz gab
es im Paradeschlafzimmer auch eine Menge Fehlstellen,
weil damals vor allem die Figurengruppen fotografiert
wurden. Doch dazwischen sind riesige Flächen, die nur
aus Wolkenformationen bestehen. Sie haben eine wich-
tige architektonische Funktion: Sie bringen den inneren
Bildteil, der 1715 aus Paris kam, mit dem Dresdner Teil
zusammen. Auf den Fotografien war deutlich zu sehen,
dass manche Figuren nachweislich im 19. Jahrhundert
übermalt wurden. Im Paradeschlafzimmer beispielsweise
das Gewand des Schlafes oder der absteigende östliche
Reiter. Diese Figuren haben wir dann neu im Sinne Sil-
vestres entwickeln müssen. Dieser Prozess sorgte unter
uns acht Restauratoren und der Denkmalpflege für kon-
troverse Diskussionen.
Im Audienzgemach fügt sich das Deckengemälde jetzt
ganz selbstverständlich in die Architektur ein. Aber im
Vorfeld gab es kaum ein einziges Foto, das die Raum-
situation im Zusammenhang mit der Decke klar wieder-
gegeben hätte. Im Gegenteil: Da fehlten ganze Bauteile
der weit in den Bildraum ragenden Konsolkonstruktionen.
59
Vertreter der Künstlergruppe im Audienzgemach: Durch
ein speziell entwickeltes, fahrbares Gerüst war es während
der Ausführung möglich, die Gesamtwirkung zu kontrollieren
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Bei den Architekturelementen des Deckengemäldes kam
eine Mordentvergoldung, eine seltene Vergoldungstechnik,
zum Einsatz

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Gibt es Vorbilder zu diesem Gemälde?
Der Lehrer von Louis de Silvestre hatte ein sehr ähnli-
ches rundes Deckengemälde im Schloss Sceaux gemalt.
Silvestre ist in Sceaux geboren und kannte es mit Sicher-
heit. Wahrscheinlich sah es auch August der Starke auf
seiner Kavalierstour. Mit dem angestückten Dresdner Teil
auf der geputzten Voute ging das Gemälde im Parade-
schlafzimmer nicht so schlüssig in die Architektur über
wie im Audienzgemach. Dort schuf Silvestre eine kom-
plett eigene Konstruktion. Ihrer Architektur merkt man
an, dass Silvestre inzwischen die Räume sehr gut kannte.
Architektur, kurfürstliche Machtdemonstration und die
Illusion eines Himmels – das ist hier alles aus einem Guss.
Was stellt das Deckengemälde im
Paradeschlafzimmer dar?
Louis de Silvestre schickte die erste Leinwand aus Paris als
Bewerbung an den sächsischen Hof. Sie bildete den Mit-
telteil im Paradeschlafzimmer. Ringsum auf der geputzten
Fläche kommen die Dresdner Figuren dazu: Der nördliche
aufsteigende Reiter, der Schlaf, die Nacht und der östliche
absteigende Reiter, der nachweislich im 19. Jahrhundert
übermalt wurde. Aber wie sah er im Barock aus?
Weil sich alle Figuren vermutlich auf astronomische Kon-
stellationen beziehen, haben wir vermutet, dass es sich
bei dem östlich absteigenden Reiter um den Mars han-
deln könnte: Am Hochzeitsdatum, dem 20. August 1719,
steht der Mars ganz weit südöstlich und geht scheinbar
unter. Er nimmt die sogenannte Oppositionskurve ein und
wandert als einziger Planet wieder nach Osten zurück. Das
ganze Hochzeitsfest stand unter dem Motto
Constellatio
Felix,
das ganze Programm drehte sich um die Planeten.
Der nördliche Reiter entspricht par excellence dem Topos
des Fürstenreiterbildes. Wenn man nun von der Nordseite
kommend unter dem Bild entlang auf das Paradebett
zugeht, dann sieht man alle Figuren in der richtigen Lage
und Reihenfolge – nur der nördliche Reiter steht kopf.
Aber wenn man vom Bett aus zurückschaut, dann steht
dieser Reiter plötzlich als Einziger richtig herum – und
weist mit der Speerspitze auch noch genau auf die Mit-
teltür vom Audienzgemach. Vermutlich ist er als Figura-
tion des Polarsterns zu verstehen, des Fixsterns, um den
sich alles andere dreht. Damit erschließt sich das ganze
Bild: Die vier Winde blasen in alle Himmelsrichtungen
und vertreiben das Ungemach der Albtraumwesen im
großen Tuch der Nacht. Sie bilden damit auch den größt-
möglichen Kontrast für die darüber liegende Gruppe der
leuchtenden Aurora in ihrem Himmelswagen. Wir waren
verblüfft, wie durchdacht das alles ist.
Was waren die größten Schwierigkeiten bei der
Rekonstruktion der Deckengemälde?
Die Umsetzung der zweidimensionalen Vorlagen in die
dreidimensionale Decke erforderte große Vorstellungs-
kraft. Sie ist in beiden Räumen durch die Voutenkon-
struktion stark gewölbt. Mit der Fotogrammetrie hat die
Fokus GmbH aus Leipzig zwar die historischen Fotogra-
fien des Raumes entzerrt, doch so einfach ließ sich das
nicht auf das gebaute Maß anwenden. Bevor die vorbe-
reitete Leinwand an die richtige Position der Decke kam,
hatten wir bereits mit der kompletten Untermalung und
den Bleiweißhöhungen begonnen. Diese Malereien muss-
ten zu den seitlichen geputzten Flächen passen und sich
so fortsetzen, dass sie auch räumlich mit all den Maßen
und Verzerrungen funktionierten. Auch die Theatermaler,
die uns unterstützten, mussten alle Architekturmotive für
die Hohlkehlen neu einmessen. Nach circa fünf Wochen
war die Aufteilung schließlich angezeichnet.
Eine Herausforderung war auch die Koordinierung der
zwei Farbsysteme: Beim figürlichen Teil in der Mitte ist
es eine Ölfarbe auf einer Tempera-Untermalung. Der
gesamte Architekturbereich ist mit einer Kaseintempe-
rafarbe gemalt. Sie lässt sich nicht so geschmeidig wie
Ölfarbe vermalen, wurde aber auch im Barock so ver-
wendet. Sie verleiht der Architektur eine klare Kante
und hebt sich gut von der Mattigkeit der Ölmalerei ab.
Zudem lassen sich Vergoldungen nicht gut auf Ölfarbe
aufbringen. Wir haben eine relativ seltene zeichnerische
Vergoldungstechnik angewendet, die sogenannte Mor-
dentvergoldung. Dafür legt man eine Mischung aus Öl
und Harz an, die beim Trocknen einen dünnen klebrigen
Film ausbildet. An ihr bleibt das angelegte Gold haften,
der Rest lässt sich abkehren.
Gibt es Alternativen zu so einer aufwendigen
Rekonstruktion?
Wenn man diese dritte Dimension des Raumes wieder-
herstellen möchte, diesen Abschluss des Raumes mit
seiner scheinbaren Öffnung in den Himmel, dann ist die
Malerei mit historischen Maltechniken die beste Möglich-
keit. Schon die Malerei für sich genommen symbolisiert
sehr viel: die Fähigkeit, die überlieferten Technologien zu
erkennen und anzuwenden, sich mit den überlieferten
Denkmälern auseinanderzusetzen und sie zu verstehen.
Das ist uns bei dieser Arbeit nicht schlecht gelungen.
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Den Innenteil des Deckengemäldes im Paradeschlafzimmer
hatte Louis de Silvestre bereits in Paris gemalt

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Die Prunktextilien von 1719
im Paradeappartement
Original neben »fadengenauer« Rekonstruktion
als Herausforderung
BEITRAG VON
DR. PHIL. SABINE SCHNEIDER
Die Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin betreibt in Leipzig das
Büro für Denkmalpflege. Sie sichtete alle textilen Originale und
recherchierte ihre Herkunft. Nach diesen umfassenden Vorarbeiten
betreute sie die Gewerke bei der Restaurierung und Rekonstruktion
der Textilien in den Paraderäumen.
Für das diplomatische Zeremoniell zum Empfang der
Braut im eigens dafür eingerichteten »Appartement
de Parade« war August dem Starken eine der prunk-
vollsten Herrscherinszenierungen seiner Zeit gelun-
gen. Als Kulisse dafür hatte er die bis dahin luxu-
riöseste Einrichtung des Dresdner Residenzschlosses
erschaffen lassen. Dafür sorgten an erster Stelle die
zeitgemäß kostbarsten und kunstvollsten Ausstat-
tungstextilien. In den zugehörigen fünf Sälen – ange-
fangen beim Ecktafelgemach über die beiden Vor-
zimmer bis schließlich zum Audienzgemach und zum
Paradeschlafzimmer – waren schwere Seidensamte in
architektonischer Manier arrangiert, eingefasst von
dekorativen Bildwirkereien, von Stoffen, Stickereien
und Posamenten aus Seide und vergoldetem Silber.
Ein großer Teil davon hatte mehr als 220 Jahre quasi
als Monument und dauerhaftes Zeichen der Herr-
scherpersönlichkeit Augusts des Starken in situ über-
dauert. Sie zählten zu den wertvollen Ausstattungs-
stücken, die noch vor der völligen Auslöschung der
gesamten Prunketage seit 1943 ausgelagert wurden.
In Vorbereitung des Wiederaufbaus der Paradesäle muss-
ten zunächst folgende Fragen hinsichtlich der Remon-
tage am ursprünglichen Standort geklärt werden: Wie
sieht der aktuell vorhandene Bestand aus? Wie groß ist
der Schaden und wie umfangreich die Restaurierung?
Darüber hinaus war das Ziel zu formulieren, wie die
verlorenen Teile ergänzt werden konnten. Das war der
Anlass für den SIB, seit 2007 eine interdisziplinäre For-
schung ins Leben zu rufen und zu beauftragen – mit
Fokus auf kunsthistorischer, textilrestauratorischer und
naturwissenschaftlicher Expertise. Am Beginn stand die
systematische Erfassung des tatsächlichen Umfangs der
überkommenen Textilien, bei der eine weitaus größere
Anzahl an Objekten wieder zusammengeführt wurde,
als bisher bekannt. In ihrer Eigenschaft als Primärquel-
len ermöglichten sie nun erstmals die Verifizierung der
physischen Beschaffenheit von jeder einzelnen textilen
Gattung. Die daraus gewonnenen Informationen zur tex-
tiltechnischen Kunstgeschichte schufen die Basis für eine
»fadengenaue« Rekonstruktion.
WAS BEDEUTET »FADENGENAU«?
Diese Methode beinhaltet keine optisch ansprechenden
Nachfertigungen oder den Einsatz nur ähnlicher Stoffe.
Die »fadengenaue« Rekonstruktion erfolgt in den alten
spezifischen Technologien mit den dabei angewendeten
Materialien, hier ausschließlich mit kostbarer Seide und
vergoldeten Silberfäden. Deren Aufbau, Struktur und
Farbe sind so weit wie heute möglich an die Originalma-
terialien angeglichen. Allein auf diese Weise ließ sich das
historische Textil in seiner ursprünglichen Faszination
nachbilden. Denn bedingt durch den Abbau der textilen
Fasern und ihrer Farbstoffe, ganz besonders aber durch
die optisch beeinflussenden Korrosionserscheinungen auf
den Metallfäden, sind bei den Originalen die charakteris-
tischen Phänomene von Glanz und Reichtum der Materi-
alien nicht selten verloren. Auch wenn die »fadengenaue«
Methode in der Gegenwart mit Kompromissen verbunden
ist, schuf sie für den Wiederaufbau des Paradeapparte-
ments die nachhaltige Voraussetzung, so kunstvolle und
heute einmalige Prunktextilien in ihren Besonderheiten,
mit ihren spezifischen Merkmalen und der einstigen Fas-
zination ihrer »wunderbaren« Erscheinung in die Zukunft
zu tradieren.
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Paradeschlafzimmer, Ausschnitt Rekonstruktion des Goldbrokats:
Vertikalrapport mit Applikation von karmesinrotem Seidensamt
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Audienzgemach-Thronbaldachin, Ausschnitt Posamentenbesatz,
Original von 1719 neben Rekonstruktion von 2010, Rekonstruktion:
Schink Posamenten Dresden

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GEORGENBAU
GEORGENBAU
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GEORGENBAU
Das Tor zu Dresden
Der Georgenbau als königliches Appartementhaus
Der Georgenbau war bis ins 16. Jahrhundert das Tor-
haus am Brückenkopf der Augustusbrücke, das vom
linkselbischen Altendresden aus den einzigen Zugang
zur Stadt gewährte. Herzog Georg der Bärtige
(1471–1539) ließ es mitsamt Umgebung 1530 zu
einem Wohnhaus für die herzogliche Familie umge-
stalten: Aus einem aufgeschütteten Brückenbogen
entstand der Schlossplatz, und aus dem quaderför-
migen Torhaus wuchs ein dreigeschossiges Renais-
sancehaus mit charakteristischen Stufengiebeln an
der Nord- und Südfassade. Moritz von Sachsen sorgte
später dafür, dass die Stadttorfunktion verloren ging,
indem er den Verkehr auf die heutige Sophienstraße
umleitete und den Durchgang am Georgenbau ver-
schloss. Nach dem Schlossbrand von 1701 ließ August
der Starke das Georgentor ungewöhnlich schlicht
sanieren. Bis zur Zerstörung von 1945 erhielt die
Fassade noch etliche Umgestaltungen. Zuletzt verlie-
hen ihr die Architekten Dunger und Frölich bei der
Schlosssanierung Ende des 19. Jahrhunderts wieder
die Renaissanceanmutung des ersten Georgenbaus.
Den Kleinen Ballsaal im zweiten Obergeschoss ließ
König Johann 1865 zusammen mit dem Audienzzim-
mer der Königin einbauen. Seine Bestimmung zum
privaten Wohnbereich der Kurfürsten und Könige
behielt das Haus bis zur Abdankung des letzten säch-
sischen Königs 1918 bei.
VORÜBERLEGUNGEN UND VORARBEITEN
ZUM WIEDERAUFBAU
Um den Georgenbau zu erhalten, sorgte Denkmalpfleger
Hans Nadler dafür, dass die Bauleitung des Kulturpalastes
den Georgenbau von 1962 bis 1967 für ihre Baustellen-
einrichtung erkor. Sie sanierte den Georgenbau nach dem
Muster des Neorenaissance-Umbaus von Dunger und
Frölich.
Nachdem das internationale Schlosskolloquim 1996 den
Beschluss zur musealen Nutzung fasste, wurde für den
Georgenbau eine Sammlungspräsentation vorgesehen,
die Georg dem Bärtigen Rechnung trägt. Für die Ausstel-
lung
Weltsicht und Wissen
können die Staatlichen Kunst-
sammlungen Dresden (SKD) im ersten Obergeschoss sie-
ben Räume nutzen. Das zweite Obergeschoss teilen sich
das Münzkabinett und der Kleine Ballsaal. Weitere Räume
im dritten und vierten Obergeschoss sind als Depot, Stu-
diensaal und Spezialbibliotheken eingerichtet.
64
Das Treppenhaus im Georgenbau gestaltete
das Büro AFF Architekten
65
Schlossstraße mit Ostflügel und Südfassade des Georgenbaus

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GEORGENBAU
GEORGENBAU
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Ein variables Gefüge
Der Georgenbau als Museum
BEITRAG VON
ROBERT ZEIMER/AFF ARCHITEKTEN, BERLIN
Das Berliner Architekturbüro baute den Georgenbau von 2010 bis
2016 für die museale Nutzung aus und folgte dabei den historischen
Grundrissen und Raummaßen. Im ersten Obergeschoss erhielt die
Rüstkammer sechs Räume für die Dauerausstellung
Weltsicht und
Wissen
und als siebten Raum das
Studiolo
für wechselnde Son-
derausstellungen. Die Räume im zweiten Obergeschoss baute AFF
Architekten für das Münzkabinett aus. Ein gänzlich neuer Einbau in
den Georgenbau ist die Treppenanlage, die alle Geschosse erschließt.
Der Georgenbau ist ein prägnantes Beispiel für die
Nutzungsvariabilität und Permanenz vieler histo-
rischer Gebäude. Ursprünglich als Georgentor und
damit als Teil der Dresdner Stadtumwehrung errich-
tet, wurde der Bau erst deutlich später in die Anlage
des Dresdner Schlosses integriert und unter Beibe-
haltung der baulichen Substanz und Struktur als
private Wohngemächer der sächsischen Kurfürsten
und Könige hergerichtet. Mit dem Umbau des Geor-
genbaus zu Dauerausstellungsräumen der Staatli-
chen Kunstsammlungen Dresden (SKD) beginnt ein
neues Kapitel der vielfältigen Nutzungsgeschichte.
Dabei war der Georgenbau während seiner gesamten
Nutzungsgeschichte immer ein fixer Baustein inner-
halb eines größeren Ganzen. Als Teil der historischen
Stadtmauer war er bereits zur Errichtungszeit in die
größere Gesamtanlage der Dresdner Stadtbefestigung
eingebunden und mit dieser baulich verknüpft. Auch
zur Zeit der späteren Nutzung als intimster Bereich
der kurfürstlich-königlichen Wohn- und Prunk-
gemächer bestand diese Einbindung fort: nun als
Teil der auf dem komplexen höfischen Zeremoniell
aufbauenden Raumfolgen des Dresdner Schlosses.
Mit dem Abschluss des Wiederaufbaus des Dresdner
Schlosses sind die in den zwei Hauptgeschossen des
Georgenbaus untergebrachten Ausstellungsräume von
Münzkabinett und Rüstkammer nun wiederum sym-
biotisch mit den anderen Sammlungsteilen der SKD
als Teil eines thematisch choreografierten Ausstel-
lungsrundgangs verbunden. Damit ist der Georgen-
bau trotz seiner exponierten Lage an der nordöstli-
chen Ecke des Dresdner Schlosses sowohl als Solitär
als auch als Teil eines baulichen Gefüges zu verste-
hen. In einem komplexen Baugefüge wie dem Dresd-
ner Schloss sind die Gebäudeteile unterschiedlicher
bauzeitlicher Herkunft zu einem größeren Ganzen
vereinigt und bleiben dabei doch selbst charakteris-
tische Bausteine. Ziel der Gestaltung der neuen Aus-
stellungsräume im Georgenbau war es daher, durch
Interpretation der überlieferten Baustruktur und
durch Einschreibung neuer Möbeleinbauten Räume
mit einer eigenen Identität zu schaffen, die sich auf
selbstverständliche Weise in das große Ganze des
Schlosses einfügen.
REKONSTRUKTIONEN UND ÜBERSCHREIBUNGEN
Die Eingriffe in die überlieferte Bausubstanz und Bau-
struktur beim Umbau des Georgenbaus im Rahmen des
Wiederaufbaus des Dresdner Schlosses wurden auf ein
Minimum reduziert. Insbesondere die Fassade wurde mit
nur wenigen neu eingefügten Zugangstüren auf Basis
der überlieferten Spuren der letzten historischen Fas-
sung von 1901 restauriert und in vielen Teilen rekons-
truiert. Im Gebäudeinneren ist der Einbau einer neuen,
alle Geschosse des Georgenbaus verbindenden Treppen-
anlage der wohl stärkste substanzielle Eingriff. In allen
anderen Gebäudeteilen wurde die Substanz der histori-
schen Grundmauern komplett erhalten und nach behut-
sam differenzierten Konzepten der Raumbildung aus-
gekleidet. Die gestalterische Herausforderung bestand
darin, komplett restaurierte Raumfassungen wie im
Kleinen Ballsaal, Teilrekonstruktionen wie im Rotseidenen
Zimmer (das ehemalige Audienzzimmer der Königin) und
komplett zeitgenössische Raumauskleidungen zu einem
komplexen räumlichen Neben- und Miteinander zusam-
menzufügen. Basis für die Stabilität dieses Raumgefüges
ist dabei der Bezug zu gemeinsamen Raumtypologien, die
Nachvollziehbarkeit der Mittel der Raumbildung und die
Präzision der handwerklichen Ausführung.
66
Das Münzkabinett als introvertierter Ausstellungsraum
1. OBERGESCHOSS

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Eckraum des Münzkabinetts mit Blick auf den Stallhof
DAS ZEITGENÖSSISCHE STUDIOLO
Das Dresdner Schloss hat ausgehend von den ersten
Sammlungen des Kurfürsten August von Sachsen eine
lange Tradition als Ort des Sammelns und der Kunstprä-
sentation. In der Renaissance entstanden die adäquaten
Raumtypologien der Kunst- und Wunderkammer und des
Studiolos als Orte des Staunens, des Sammelns und des
Studierens. Das Historische Grüne Gewölbe ist die älteste
und wichtigste Kunstkammer der Dresdner Schlossanlage.
Es bildet den Kern und Bezugspunkt aller Ausstellungen
im Dresdner Schloss. Die Einrichtung von Dauerausstel-
lungen im Georgenbau als zeitgenössische Interpretatio-
nen des Studiolos in der eher kleinteiligen Raumstruktur
der ehemaligen höfischen Wohn- und Schlafgemächer
ist eine konsequente Fortschreibung dieser Geschichte.
Die Raumfassung der neuen Dauerausstellungsräume
stellt dabei einen ablesbaren Bezug zu den benachbarten
rekonstruierten Raumbereichen her. Der nach fotografi-
schem Vorbild sorgfältig rekonstruierte Parkettboden des
ehemaligen Audienzzimmers der Königin wird in allen
Ausstellungsräumen verwendet und stellt damit einen
ersten Bezug zur historischen Wohnarchitektur her. Auch
die fotografisch überlieferte Gliederung der historischen
Wohnräume mittels hölzerner Wandsockel, großmaß-
stäblicher Türdurchgänge, mit Stoffbespannung gefass-
ter Wandflächen und gevouteter Decken wird in den
neuen Ausstellungsräumen aufgegriffen und in abstrakt
minimalistischer Form neu interpretiert. Die im höfischen
Zeremoniell äußerst wichtigen Türblätter, die dem Gast
nur nach und nach geöffnet wurden und den Raum wei-
teten, fallen in der neuen Rauminszenierung der Dau-
erausstellungsräume weg. Der Raum als reglementierte
Sequenz wird zum offenen Rundgang, der Blick durch die
historischen Raumachsen als Ausstellungsführung nutz-
bar gemacht. In den fertiggestellten Ausstellungsräumen
ist der Bezug zum höfischen Wohnen noch heute spürbar.
Die Exponate der Ausstellung werden so in einem sehr
intimen räumlichen Rahmen präsentiert.
ZUM BEGRIFF
STUDIOLO
In der Renaissance richtete sich der italienische Adel
die ersten Studioli ein: aufwendig mit Holz ausgestal-
tete Räume, in denen Kunstwerke, Bücher und Studi-
enobjekte aufbewahrt wurden. Als eine Art Mischung
aus Bibliothek und Wunderkammer dienten sie dem
Studium und zeugten gleichzeitig von der Gelehr-
samkeit des Besitzers.
68
Antonello da Messina: Der heilige Hieronymus in seinem Gehäuse (1474 )
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GEORGENBAU
GEORGENBAU
MÜNZKABINETT UND RÜSTKAMMER
Baubeginn
Januar 2013 (1. OG, Rüstkammer)/
August 2013 (2. OG, Münzkabinett)
Bauliche Fertigstellung
20. April 2015 (2. OG, Münzkabinett)/
28. Januar 2016 (1. OG, Rüstkammer)
Eröffnung
6. Juni 2015 (2. OG, Münzkabinett)/
18. März 2016 (1. OG, Rüstkammer)
Kosten
16,1 Mio. Euro (1. und 2. OG zusammen)
Architekten
AFF Architekten, Berlin

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GEORGENBAU
GEORGENBAU
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INTROVERTIERTE UND EXTROVERTIERTE
AUSSTELLUNGSRÄUME
Der Rundgang durch den Ausstellungsbereich
Weltsicht
und Wissen um 1600
ist thematisch in sieben Studioli
gegliedert und wird anhand besonders herausragender,
jeweils axial im Zugangsbereich angeordneter Leitexpo-
nate geführt. Somit wird der Fokus beim Betreten eines
jeden Raumes auf ein neues Thema gelenkt und gleich-
zeitig sind raumübergreifende Bezüge herausgearbeitet.
In der Ausstellungsgestaltung wird die besondere Expo-
sition des Georgenbaus mit allseitiger Ausrichtung in alle
vier Himmelsrichtungen und Ausblicken in unterschiedli-
che Stadträume der Dresdner Altstadt genutzt. Um diese
thematischen Bezüge ausarbeiten zu können, ist die Aus-
stellung mit einigem technischen und konservatorischen
Aufwand als stadtraumbezogene Tageslichtausstellung
umgesetzt. Anhand der die Ausstellungsräume möblie-
renden Exponate, die wandgebunden oder in zurückhal-
tenden, ohne sichtbare Technik gestalteten Vitrinen prä-
sentiert werden, entsteht eine dichte Erzählung über die
Facetten des höfischen Lebens um 1600.
Im Münzkabinett wird aufgrund der hohen Anzahl klei-
ner und kleinster Exponate ein noch höheres Maß an
Konzentration und Intimität verlangt. Der Ausstellungs-
rundgang ist daher als Wechsel von Tageslichtsaal und
Kabinett konzipiert. Dabei sind drei Kabinette als intro-
vertierte Möbeleinbauten, ähnlich begehbarer Münz-
schränke, als Raum im Raum gestaltet, die jeden städ-
tischen Kontext ausblenden und jeweils einen eigenen
thematischen Kosmos der Münzen und Medaillen bilden.
Mit der Einrichtung des Münzkabinetts in unmittelbarer
Nähe des ursprünglichen Standortes der Alten Dresdner
Münzstätte am Elbufer wird eine Synthese architektoni-
scher, szenografischer und stadträumlicher Erzählungen
erreicht.
69
Blick in die Ausstellung
Weltsicht und Wissen
im Georgenbau
Sempers Handschrift in Gold und
Marmor
Der Kleine Ballsaal als historischer Ausbau
Der Kleine Ballsaal entstand zwischen 1865 und 1868
im Auftrag König Johanns von Sachsen unter der
Leitung des Hofbaumeisters Bernhard Krüger (1821–
1881). Mit einer Länge von 12,2 Metern, einer Breite
von 9,9 Metern und einer Höhe von 10,9 Metern
erstreckte er sich über das zweite und dritte Stock-
werk des Georgenbaus. Der Raum lässt sich durch je
zwei Türen an der Nord- und Westseite betreten. In
der Südwand formt sich eine logenähnliche Nische
aus. Die Ostwand wird von einer Fensterfront geglie-
dert. Genutzt wurde der Saal für Kammerbälle mit
einer beschränkten Gästezahl.
Bei der Fassung des Saales fühlte sich Krüger als
ehemaliger Semperschüler dem Geist der Hoch-
renaissance verpflichtet. Die Wände ließ er mit einem
Marmorsockel und Stuckmarmor verkleiden. Von den
großen Hohlkehlen unter der Galerie bis zur Decke
ziehen sich goldene Ornamentmalereien und reich
strukturierter, vergoldeter Stuck.
Bei der Zerstörung des Georgenbaus 1945 stürzten
die Ostwand und die Decke des Kleinen Ballsaals
komplett ein. An den übrigen Wänden ließ sich noch
die Lage der Türen, Fenster und des Kamins ablesen,
auch der Galeriehauptsims und die Auflager der Holz-
balkendecke ließen sich noch erkennen. Die Verluste
der Bausubstanz erlaubten den Wiederaufbau nur als
Rekonstruktion. Diese aufwendigste Form des Wie-
deraufbaus wurde nur wenigen Räumen des Schlosses
zuteil. Bei der Entscheidungsfindung für den Kleinen
Ballsaal spielte die Überlegung eine Rolle, dass er
ein seltenes Zeugnis des Semper-geprägten Historis-
mus in Dresden darstellte. Zudem komplettiert er die
repräsentative Raumfolge des zweiten Obergeschos-
ses, zu dem auch die Englische Treppe, das Turm-
zimmer und die Paraderäume zählen. Innerhalb der
gesamten Schlossanlage bildet er den Schlusspunkt
der durchgängig von den Wettinern geprägten Bau-
geschichte. Im Rahmen der Museumskonzeption des
Dresdner Schlosses beschloss die Sächsische Staatsre-
gierung 1997 den Wiederaufbau als Rekonstruktion.
2. OBERGESCHOSS

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GEORGENBAU
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VORÜBERLEGUNGEN UND WIEDERAUFBAU
Die Grundkubatur des Ballsaals stellte die Bauleitung des
Kulturpalastes bereits zwischen 1962 und 1967 wieder
her. Dabei bezog sie die noch vorhandenen Mauerreste
der Süd-, West- und Nordwand in den Wiederaufbau mit
ein, ersetzte die fehlende Ostwand und zog die Galerie
und die Decken aus Stahlbeton ein.
Als der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Bauma-
nagement (SIB) 2009 die Entwurfsunterlagen für den Wie-
deraufbau erstellte, konnten die Mitwirkenden auf die his-
torischen Planunterlagen, ein Handaufmaß von 1907 und
Schwarz-Weiß-Fotos vom Kleinen Ballsaal zurückgreifen.
Der Architekt Jens-Uwe Anwand und der Restaurator Hans-
Christoph Walther gewannen daraus auch mithilfe der
mess- und fototechnischen Auswertung der focus GmbH
Leipzig die Maße für Abstände, Abfolgen, Maßbeziehungen
und Profilierungen des Raumes und der reich gegliederten,
mehrstufigen Deckenausformung. Zu beachten war auch,
dass beim Bau im 19. Jahrhundert die sächsische Elle mit
56,64 Zentimetern die grundlegende Maßeinheit bildete,
von der sich alle anderen Maße ableiten ließen.
Die Rekonstruktion der verwendeten Farben und Mate-
rialien gelang zum einen über die Recherche in den
Unterlagen, beispielsweise durch Erwähnungen in Rech-
nungen. Zum anderen waren in der Wandnische der Süd-
wand noch Teile der Marmorverkleidung und des Stuck-
marmors erhalten geblieben, an denen sich die Profile
ablesen ließen.
Durch die vorgesehene Nutzung des Kleinen Ballsaals als
Sonderausstellungsbereich zwischen Münzkabinett und
Silbersaal war es außerdem ein Teil der Bauaufgabe, die
entsprechende Technik wie Bewegungsmelder und Kame-
ras zu integrieren.
70
Der Kleine Ballsaal als originalgetreue Rekonstruktion
71
Die Fotografie nach der Zerstörung von 1945 zeigt, dass
die Geschossdecken und die Ostfassade des Georgenbaus
gänzlich fehlten

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GEORGENBAU
GEORGENBAU
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REKONSTRUKTION DES SAALES
Welche Herausforderung es war, die Maße der histori-
schen Raumfassung in die des tatsächlich vorhandenen
Raumes anzupassen, beschreibt Hans-Christoph Walther:
»Bei angenommener Reduzierung der Raumbreite redu-
ziert sich u. a. auch die Länge des Geländers der Galerie.
Die Grundform des Geländers ergibt sich aus der Addi-
tion von Kreisen. Folglich müsste sich auch die Höhe des
Geländers ändern, anderenfalls ergeben sich Ovale statt
Kreise. Ebenso verhält es sich mit den meisten anderen
Bauteilen, da alle aufeinander Bezug nehmen und kein
Maß ohne das andere besteht und somit auch nicht
ohne Weiteres verändert werden kann« (Walther 2014,
S. 11). Vor allem durch den Wiederaufbau von 1962 bis
1968 stimmten einige Maße der Fenster im Ostflügel, der
Galerie und der westlichen Türöffnungen nicht exakt mit
den historischen Maßen überein und mussten angepasst
werden. Es folgten die Unterkonstruktion mit der Tech-
nikschicht, die Wandverschalung aus Marmor, Stuckmar-
mor, Stuccolustro und Stuck. Die Decke besteht aus einer
Holzkonstruktion und aufgebrachten Stuck- und Zierleis-
ten. Im nächsten Schritt erhielten die Oberflächen ihre
endgültige Fassung mit Vergoldungen, Polituren, Marmo-
rierungen und Bemalungen. Letztere übertrugen Malerin-
nen von Kartons im Maßstab 1 : 1 mit Pausen auf die Flä-
chen, die Details malten sie frei. Auch für alle plastischen
Details hatten Bildhauer im Vorfeld 1 : 1-Modelle ange-
fertigt. Die angewendeten Techniken entsprachen denen
der Entstehungszeit, um den Raumeindruck so authen-
tisch wie möglich zu gestalten. Deshalb wurden auch der
erhaltene Marmorlambris und der Stuckmarmor der Süd-
nische in die Rekonstruktion eingegliedert. Auch die drei
Kaminleuchter sind – aufwendig restaurierte – Originale.
Das Oberlicht des Originals erhielt eine künstliche
Lichtquelle, weil die darüber liegenden Räume bereits
als Münzkabinettdepot für die SKD ausgebaut wur-
den. Ein Lichtfühler steuert den Helligkeitsgrad der
Tageslichtdecke.
KLEINER BALLSAAL
Baubeginn
Mai 2009
Bauliche Fertigstellung
Januar 2019
Eröffnung
25. Januar 2019
Kosten
6,1 Mio. Euro
Architekt
Jens-Uwe Anwand, Büro für
Architekturplanung und Denkmalpflege, Dresden
Restauratorische Begleitung
Hans-Christoph Walther
73
Probeachsen dienen der Orientierung für die
weitere Farb- und Formgebung
72
Jens-Uwe Anwand, Hans-Christoph Walther und Jan Fleischer beim Einkleben
eines Fotos der Malerei in die Musterachse
GEORGENBAU
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GROSSER SCHLOSSHOF
GROSSER SCHLOSSHOF
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Fassade des Zwischenflügels und Treppenturm Südwest, 2019
10
GROSSER
SCHLOSSHOF
Das Terrain von Moritz von Sachsen
Der Große Schlosshof in Schwarz-Weiß
» Der Große Schlosshof ist für
uns so etwas wie das große
Herz, das hier schlagen wird.«
MARTIN ROTH ZUM KOLLOQUIUM GROSSER SCHLOSSHOF, MAI 2010
Wenn das Residenzschloss allein bereits ein Ausstel-
lungsobjekt der sächsischen Landesgeschichte ist,
dann dient der Große Schlosshof der Repräsentation
des Kurfürsten Moritz von Sachsen. Er gab dem Hof
mit den heutigen Ausmaßen seine zentrale Bedeu-
tung für die kurfürstlich-königliche Hofhaltung: Er
war der Austragungsort von Turnieren, Empfängen,
Aufzügen und sogar Jagden. Um Platz zu schaffen,
ließ der Kurfürst die Fronten der gotischen Vierflü-
gelanlage von 1475 verdoppeln und die Fassaden
mit einem komplexen Bildprogramm schmücken, das
seine politischen Unternehmungen im Gewand des
Alten Testaments und römischer Geschichtsschrei-
bung lobpreiste oder zumindest rechtfertigte. Der
aufwendige Schlossumbau sollte schließlich seinen
Sieg unterstreichen: Bei der Schlacht von Mühlberg
hatte er 1547 dem Schmalkaldischen Bund und vor
allem seinem Cousin, dem sächsisch-ernestinischen
Kurfürsten Johann Friedrich, eine Niederlage berei-
tet. Kaiser Karl V., dem der protestantische Fürsten-
bund ein Dorn im Auge war, erkannte ihm diesen
Dienst an, indem er Herzog Moritz nun seinerseits die
Kurfürstenwürde verlieh. Moritz’ Politik war wechsel-
haft, aber für sein Land sehr erfolgreich. Ursprünglich
katholisch, wurde er später protestantisch erzogen. Er
kämpfte aufseiten des katholischen Kaisers, um letzt-
endlich 1552 die Führung eines neuen evangelischen
Fürstenbundes zu übernehmen und auch den Kai-
ser mit dem Vertrag zu Passau zur Anerkennung der
protestantischen Reichsteile zu zwingen. Sein Wirken
musste sich in der Tat bildreich rechtfertigen. Sämt-
liche in die Fassade geritzten Szenen sind als Meta-
phern seines unermüdlichen Einsatzes für Sachsen zu
verstehen.
ERDGESCHOSS

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100 ·
GROSSER SCHLOSSHOF
GROSSER SCHLOSSHOF
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Bilder der Fassade
Grundlagen der Sgraffitogestaltung
Die Architekturgliederung und die Ornamente sind
durch die historischen Vorlagen gesichert. Beispiels-
weise ist die umlaufende Inschrift am Fries des
Hauptgesimses, die Moritz mit all seinen Herrschafts-
titeln benennt, auf den Gemälden Gabriel Tzschim-
mers aus dem 17. Jahrhundert lesbar. Die Fotografien
des verschollenen Schlossmodells, das vor 1590 ent-
stand, zeigen detaillierte Fassadenmalereien. Auch in
Kupferstichen von Anton Weck tauchen die bemalten
Hoffassaden auf. Auf dieser Grundlage ließ sich die
Fassadengestaltung des 16. Jahrhunderts wieder neu
herstellen: Am Ostflügel sind Szenen aus der Erbau-
ung Roms bis ins Jahr 9 v. Chr. zu sehen, die Titus
Livius’ Geschichtswerk entnommen sind. Sie illustrie-
ren das politisch-taktische Handeln von Moritz, vor
allem seine Rolle im Schmalkaldischen Krieg aufseiten
des Kaisers gegen den protestantischen Kurfürsten
Johann Friedrich von Sachsen. Der Nordostturm zeigt
Szenen aus Homers »Ilias«, beispielsweise die Entfüh-
rung der Helena auf ein Schiff. Der Trojanische Krieg
ist Thema des Nordwestturms. Auch die griechischen
Mythen untermauern den Herrschaftsanspruch des
neuen albertinischen Kurfürsten.
INSCHRIFT AM FRIES DES HAUPTGESIMSES
Nordflügel rechts vom Hausmannsturm
MAVRITIVS
Ostflügel
DEI GRATIA DVX SAXONIÆ SACRI ROMANI IMPERII
Südflügel
ARCHIMARCHALCVS ET ELECTOR LANDGRAVIVS
Westflügel
THVRINGIÆ MARCHIO MISNIAE BVRGRAVIVS
Nordflügel, links vom Hausmannsturm
MAGDEBVRGENSIS
Deutsche Übersetzung
Moritz,
von Gottes Gnaden,
Herrscher Sachsens – des Heiligen Römischen Reiches,
Erzmarschall und Kurfürst, Landgraf
von Thüringen, Markgraf von Meißen, Burggraf
von Magdeburg
75
Das Sgraffito im Giebel des Westflügels wurde 1991 als erster
Fassadenbereich im Schlosshof ausgeführt
GROSSER SCHLOSSHOF
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GROSSER SCHLOSSHOF
Baubeginn
Anfang der 1990er-Jahre
Bauliche Fertigstellung
Anfang 2023 geplant
Kosten
ca. 12,7 Mio. Euro
Architekt
Prof. Dr.-Ing. Gerhard Glaser

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GROSSER SCHLOSSHOF
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76
Alle Bilder entstanden zunächst im Maßstab 1 : 1 auf Karton, bevor sie in den Putz geritzt wurden
ENTSCHEIDUNG FÜR DIE RENAISSANCE
Bereits zu DDR-Zeiten setzte sich bei Kunsthistorikern
und Denkmalschützern die Ansicht durch, dass die Fassa-
dengestaltung der Renaissance ein originärer Bestandteil
des Hofes sei. In der Denkmalpflegerahmenzielstellung
des Instituts für Denkmalpflege von 1983 heißt es: »Her-
stellung der Fassaden des Großen Schlosshofes in der
Fassung von 1557 mit den Veränderungen und Ergän-
zungen um 1680« (Gerhard Glaser, S. 3). Eine Entschei-
dung, die der bedeutenden Rolle des Kurfürsten Moritz
für die sächsische Geschichte Rechnung trägt. Entspre-
chend wurde die Rekonstruktion des Großen Schlosshofs
in der Renaissancefassung des 16. und 17. Jahrhunderts
mitsamt der Sgraffitotechnik an den Fassaden festgelegt.
Die Renaissanceperiode bot sich auch deshalb an, weil
spätere Anbauten wie die Verbindungsgänge aus dem
19. Jahrhundert am Nordflügel ohnehin verbrannt waren.
Andererseits kamen die Vergrößerungen der Fenster im
Westflügel aus dem 18. Jahrhundert auch der musealen
Nutzung entgegen und wurden beibehalten. Aus dem-
selben Grund wurden die Butzenscheiben, die in frühe-
ren Jahrhunderten im Schloss verwendet wurden, nicht
rekonstruiert. Diese Vorgehensweise wurde auch im Kol-
loquium zum Großen Schlosshof, das vom 4. bis 6. Mai
2010 tagte, bestätigt.
HISTORISCHES SCHWARZ-WEISS
Mit den Bildern und Ornamenten auf Kratzputz sollte der
Zustand von 1680 wiederhergestellt werden. Das Original
hatte bereits beim Schlossbrand 1701 erheblich gelitten
und verschwand endgültig, als August der Starke 1717 die
Hoffassaden schlicht und glatt verputzen ließ. Die anderen
charakteristischen Architekturmerkmale des Hofes blieben
jedoch bis zur Zerstörung von 1945 in ihren wesentlichen
Teilen über die Jahrhunderte bestehen. Hierzu gehören die
Renaissance-Zwerchgiebel von Süd- und Westflügel, drei
der vier Wendelsteine und der große Altan im Bereich des
Hausmannsturms. Sie gehen im Wesentlichen auf Kurfürst
Moritz zurück. Die späteren Anbauten aus dem 18. und
19. Jahrhundert hingegen, darunter die Verbindungsgänge
im Nordflügel, brannten 1945 komplett ab. Der renais-
sancegerechte Wiederaufbau wurde schon in DDR-Zeiten
bei Sicherungsarbeiten berücksichtigt.
Zwischen die vergrößerten Fensteröffnungen des Nordflü-
gels aus dem 19. Jahrhundert mussten die Bildwerke sinn-
fällig eingeordnet werden.
DER ALTAN ALS INHALTLICHER UND
GESTALTERISCHER HÖHEPUNKT
Ein weiterer Bestandteil der originalgetreuen Rekon-
struktion des Großen Schlosshofes ist der Altan am Haus-
mannsturm. Caspar Voigt von Wierandt und Hans und
Bastian Kramer errichteten ihn zwischen 1547 und 1556
im Stil der italienischen Renaissance als viergeschos-
sige Loggia. Jede Etage wird von je einer toskanischen,
einer ionischen und zwei korinthischen Säulenreihen
gegliedert, die nach oben hin immer zierlicher werden.
Die Reliefs der Brüstungsplatten im ersten Obergeschoss
mit Szenen aus dem ersten Buch Josua schuf Hans Wal-
ther 1552. Sie gehören zu den wenigen Zeugnissen der
Renaissanceplastik nördlich der Alpen. Die Rücklagen
des Altans zierten biblische Darstellungen in farbiger
Freskomalerei.
BEFUNDE FÜR DEN WIEDERAUFBAU
Im Jahr 2000 liefen die Planungen für die Wiedererrich-
tung des Vorbaus. Dunger und Frölich hatten die Maße
des Altans vor ihrer Schlosssanierung in einer Seitenan-
sicht festgehalten und die rückwärtigen Säulen zur Hälfte
in die Wand einmauern lassen. Dort überstanden sie die
Kriegszerstörung und konnten nun als Vorlage dienen. Die
alten Fundamente, historische Fotografien und erhaltene
Reliefs waren weitere Quellen für die Rekon-struktion.
Ende 2007 begannen die Bildhauerarbeiten, ab 2008 lei-
tete das Radebeuler Architekturbüro Werner Hößelbarth
den Wiederaufbau. Für Bauteile mit feinen Details wie bei
den Reliefplatten wurde Cottaer Sandstein verwendet, bei
Teilen mit tragender Funktion kam Postaer Sandstein zum
Einsatz. Seit November 2009 steht der Altan wieder an
dem Platz, der ihm unter Kurfürst Moritz einst zugewie-
sen wurde.
REKONSTRUKTION DER FRESKEN
Die farbigen Fresken auf den Rücklagen stammen von
den Brüdern Gabriel und Benedict Tola aus Brescia, die im
16. Jahrhundert am Dresdner Hof arbeiteten und bereits
die Sgraffiti für den Stallhof entworfen hatten. Beim Kol-
loquium Großer Schlosshof 2010 wurde die Entscheidung
für die Reinszenierung der Fresken noch einmal mit der
Begründung bestätigt, dass sie sowohl inhaltlich als auch
gestalterisch das Zentrum der gesamten Hofgestaltung
bilden.
DER SCHLOSSHOF IM NEUEN NUTZUNGSKONZEPT
Das Nutzungskonzept für das Schloss weist dem Großen
Schlosshof keine bestimmte Aufgabe zu. Er soll frei blei-
ben für Ideen, die sonst keinen Platz im Schloss finden
würden. Als Aufführungsort einer Oper hat er sich bereits
bewährt: Im Juni 2014 führte die Sächsische Staatskapelle
Richard Strauss’
Feuersnot
auf. Ähnliche Veranstaltun-
gen sind auch in Zukunft möglich. Im Nordflügel soll das
Museumsrestaurant neben der Kapelle einziehen, während
in der Gotischen Halle des Ostflügels die Ausstellung zum
Schloss entstehen wird. Über die Englische Treppe ist jetzt
schon der Zugang zur Türckischen Cammer und zur Rüst-
kammer möglich. Ähnlich dem Stallhof wird er bis spät-
abends vom Schlossplatz durch den Durchgang unter dem
Hausmannsturm öffentlich zugänglich sein. So wird das
Schloss Teil des öffentlichen Raumes und macht gleichzei-
tig neugierig auf seine Inhalte.

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GROSSER SCHLOSSHOF
GROSSER SCHLOSSHOF
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Rekonstruktion einer Kratztechnik
Einfühlung in die Bilderwelt der Renaissance
Sgraffito kommt vom italienischen »sgraffiare«, das
»kratzen« bedeutet. Bei dieser Putztechnik wird erst
ein mit Holzkohle grau gefärbter Kalkmörtel zenti-
meterdick als Unterputz aufgetragen. Darüber kommt
eine dünne Schicht weißer Kalktünche (Tünich). Bevor
der weiche Putz hart wird, werden die Motive einge-
ritzt beziehungsweise herausgekratzt. Untersuchun-
gen am originalen Schlossputz ergaben, dass er auch
Kaseine enthielt, wahrscheinlich um das Aushärten zu
verzögern. Gegenüber farbiger Wandgestaltung hatte
diese Technik den Vorteil, billiger, einfacher, schneller
und haltbarer zu sein.
Kurfürst Moritz könnte die Putzkratztechnik auf sei-
ner Italienreise kennengelernt haben, die ihn 1549
auch nach Brescia führte. Schon ein Jahr später holte
er die Brüder Gabriel und Benedict Tola von dort
nach Dresden. Gemeinsam mit weiteren italienischen
Künstlern entwarfen sie die Sgraffitodekoration und
führten sie bis Ende 1552 aus.
Einen Eindruck, welch architekturgliedernde Funktion von
der verzierten Fassade ausging, gab der Stallhof, dessen
Langer Gang in den 1970er-Jahren zwar nicht in der
Sgraffitotechnik, aber doch mit den charakteristischen
Farben Anthrazit und Weiß in Renaissancemanier bemalt
wurde. Wie die Schlosshoffassaden einmal ausgesehen
hatten, vermittelten die Schwarz-Weiß-Fotografien eines
verloren gegangenen Schlossmodells von 1580 und zeit-
genössische Kupferstiche und Gemälde, die Bildwerke,
Ornamente und Scheinarchitektur unterschiedlich voll-
ständig wiedergeben.
Auf dieser Basis entwickelten die Denkmalpfleger Ange-
lika Dülberg und Gerhard Glaser zusammen mit den Res-
tauratoren Matthias Zahn und Siegfried Winderlich 1989
für die Ausstellung
Das Dresdner Schloss – Monument
sächsischer Geschichte und Kultur
eine Fassung im Maß-
stab 1 : 10. Im Anschluss entwarfen Restauratoren die
Einzelheiten mit Holzkohle in Originalgröße auf Kartons.
Um den Duktus der Renaissance so genau wie möglich zu
treffen, setzten sie sich intensiv mit der damaligen Ikono-
grafie, Ikonologie und Heraldik auseinander und suchten
nach erhaltenen Vorbildern im böhmischen und italieni-
schen Raum.
Die Verzierungen am Westgiebel gab das Staatshoch-
bauamt bereits 1991 in Auftrag. Das Ergebnis über-
zeugte, sodass bis 1994 die Fassade des Nordflügels vor
der Schlosskapelle ausgeführt wurde, anschließend der
Nordwestturm. Bis 1997 folgten die restliche Fassade des
Westflügels und die Treppenhaustürme. Ab 2003 konnten
die Restauratoren ihre Technik auch an den Fragmenten
überprüfen, die bei den Bauarbeiten am Bärengartenflü-
gel zutage traten.
Im Januar 2008 bewilligte der Sächsische Landtag weitere
15 Millionen Euro für den Fortgang des Schlossausbaus.
So konnten die Sgraffiti am Zwischenflügel Nord mit
seinen drei Giebeln im Jahr 2009 fertiggestellt werden.
Der Abschluss der Fassadenarbeiten dort war die Voraus-
setzung für den sensiblen Ausbau der Türckischen Cam-
mer und der Fürstengalerie im Inneren des Zwischenflü-
gels. 2010 begannen die Arbeiten an den Fassaden des
Ostflügels.
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GROSSER SCHLOSSHOF
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Vertreter der Sgraffitogruppe bei ihrem Tagwerk: Sie müssen alle
Linien in den weißen Tünich kratzen, bevor der Putz abbindet

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GROSSER SCHLOSSHOF
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Italienischer Import mit
sächsischen Eigenheiten
Interview mit Matthias Zahn
»Den gestalterischen und ikono-
grafischen Höhepunkt des Hofes
bildeten die farbigen Bemalungen
der Rückseiten der Loggia.«
MATTHIAS ZAHN
ZUM KOLLOQUIUM GROSSER SCHLOSSHOF 2010
ZUR PERSON
MATTHIAS ZAHN
Der Bauforscher und Restaurator ist seit 1988 in die Planungen
zum Wiederaufbau des Schlosses eingebunden. Schon während des
Restaurierungsstudiums beschäftigte er sich mit der Technologie
des Sgraffitos in der Renaissance. Den Rekonstruktionsprozess der
Sgraffiti im Schlosshof begleitete er von den ersten Proben an einem
Giebel des Westflügels an. Seit 2007 widmet sich das heute sieben-
köpfige Team aus Malern und Restauratoren auch der Gestaltung
der Fresken am Altan.
78
Ausführung der Probeachse im zweiten Obergeschoss
im November 2018
79
Das Arbeitsmodell im Maßstab 1 : 10 stellt das künstlerische
Programm und die begleitenden Fassungen dar
Was stellen die Szenen auf der Rücklage des
Altans dar?
Das erste Obergeschoss nimmt mit der Bekehrung des
Paulus ein Thema aus dem Neuen Testament auf. Im
zweiten Obergeschoss sind Maria mit dem Kind, Josef und
die Heiligen Drei Könige zu sehen. Gemalte Pilaster unter-
teilen die Szene in drei Felder. Im dritten Obergeschoss
ist eine Szene aus dem Alten Testament dargestellt: Die
Königin von Saba macht König Salomon ihre Aufwartung.
Während die Sgraffiti im Schlosshof vor allem mit Bege-
benheiten aus der römischen Antike auf die Stationen der
Herrschaft von Kurfürst Moritz und seine Tugendvorstel-
lungen anspielen, stellt das biblische Bildwerk des Altans
Moritz als weisen Herrscher dar: Verkörpert in König
Salomon, dem die höchsten weltlichen Machthaber ihre
Anerkennung zollen. Die Bekehrung des Paulus spielt auf
Moritz’ Rolle im Schmalkaldischen Krieg und im Augs-
burger Religionsfrieden an. Es kann gut sein, dass Philipp
Melanchton den Kurfürsten bei diesem Bildprogramm
beraten hat. Er beriet Moritz von Sachsen in vielen kir-
chenpolitischen Fragen. Die Brüder Gabriel und Benedict
Tola, die die Fresken ausführten, kamen dagegen aus dem
katholischen Italien. Im protestantischen Sachsen hätte
man ihnen allein die Szenen kaum überlassen können.
Wie kamen die Brüder Tola aus Brescia überhaupt
an den sächsischen Hof?
Moritz von Sachsen hatte 1549 bei seiner Reise zum Kon-
zil von Trient auch Mantua, Venedig, Ferrara und Mailand
besucht. Die Kultur, die er dort gesehen hatte, versuchte
er nach Dresden zu importieren. Mit den Brüdern Tola
holte er sich Musiker für die Hofkirche und Künstler für
seinen Schlossumbau in Personalunion nach Dresden.
Gabriel und Benedict Tola hatten in der Werkstatt des
Malers Girolamo Romanino (1485–1566) gearbeitet und
kannten die Technik der Sgraffito- und der Freskomalerei.

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GROSSER SCHLOSSHOF
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Die originalen Fresken waren seit dem Ende
des 19. Jahrhunderts nicht mehr zu sehen und
wurden spätestens 1945 vollständig zerstört.
Auf welche Vorlagen konnten Sie bei der
Rekonstruktion zurückgreifen?
Als wir 2015 den Auftrag bekamen, die Fresken zu rekon-
struieren, hatten wir schon viel Vorarbeit geleistet: Bereits
1988 hatten Martin Wolf und Siegfried Winderlich ein
rekonstruiertes Renaissancemodell des Schlosses gebaut,
an dem sich das Zusammenspiel und die Wirkung von
Sgraffiti und Fresken erkennen ließ. Beide sind wesentli-
che Bestandteile des Renaissance-Gesamteindrucks vom
Großen Schlosshof. Von Benedict Tola sind Entwurfs-
zeichnungen erhalten. Außerdem gibt es die Fotos des
verloren gegangenen Schlossmodells aus dem 16. Jahr-
hundert, Stiche von Gabriel Tzschimmer und Anton Weck
und eine Fotografie des Großen Schlosshofs von Her-
mann Krone von 1860, auf der noch Reste der Malerei im
zweiten Obergeschoss zu sehen sind.
Ein Modellbauer baute uns einen Teil der Fassade des
Nordflügels mit dem Altan im Maßstab 1 : 10. An ihm
konnten wir überprüfen, wie sich die Anschlüsse zu den
Sgraffiti herstellen lassen. Schließlich fertigten wir von
jeder Figurengruppe einen 1 : 1-Entwurf. Jeder Schritt
wurde mit dem Auftraggeber, Denkmalpflegern, Kunst-
historikern, beratenden akademischen Malern und
Architekten abgestimmt. Wir können nicht einfach ein
Bild entwickeln, wenn uns die Vorlagen fehlen. Für jedes
Detail suchten wir Analogiebeispiele aus der Renaissance
heraus. Die Entwicklung der Figuren ist die eigentliche
Arbeit – im Vergleich dazu geht die Ausführung später
schnell.
Für die Figuren und die gemalte Architektur-
illusion gaben die Fotografien und Stiche
Anhaltspunkte, aber Details wie beispielsweise
der Kleidung sind darauf kaum zu erkennen. Wie
haben Sie sich deren Ausführung erarbeitet?
Mit der Freskotechnik haben wir uns seit 2011 beschäf-
tigt. Wir sind nach Italien gereist, um uns auf die Spuren
der Tola-Brüder zu begeben. Der Maler Girolamo Roma-
nino aus Brescia bildete den Ausgangspunkt für unsere
Recherche nach dem künstlerischen Umfeld, in dem sich
die Tolas bewegt hatten. Sie arbeiteten in seiner Werk-
statt. Doch er gehörte zu einer älteren Generation, also
schauten wir in seinem Umkreis nach gleichaltrigen
Zeitgenossen der Tolas und stießen auf Lattanzio Gam-
bara, der ebenfalls in Romaninos Werkstatt gearbeitet
hatte. Von ihm sind Wandbilder mit biblischen Themen in
Parma erhalten, an denen wir uns schließlich orientierten.
Anders als bei Romanino tragen Gambaras Figuren nicht
mehr die zeitgenössische Renaissancekleidung, sondern
antikisierende Gewänder. Wir schauten uns auch genau
an, welche Farben er übereinanderlegte, denn wie damals
die Freskomalerei gehandhabt wurde, konnte uns nie-
mand mehr zeigen. In Italien werden zwar noch kleinere
Bereiche von Fresken restauriert, aber für ein Vorhaben
wie unseres, wo komplette Bilder neu entstehen, mussten
wir das Verfahren neu erfinden.
Mit welcher Technik und welchen Farben haben
Sie schließlich gearbeitet?
Gemalt wird auf einer vier bis fünf Millimeter dicken
Schicht Kalkputz. Die Farben müssen also kalkecht sein,
lichtecht sowieso. Das schränkt die Palette auf größ-
tenteils mineralische Farben ein: Die Ocker-, Rot- und
Grüntöne sind Erdfarben, das Rebschwarz stammt von
Holzkohle, Kalk färbt weiß, und das Blau ist Smalte – ein
blaues Glaspulver, dass sich direkt vermalen lässt. Roma-
nino verwendete es auch. Wir nahmen Farbproben mit
nach Parma und hielten sie an Gambaras Malereien, um
die richtigen Töne herauszusuchen. Wir schauten uns
auch an, wie großzügig Gambara die Konturen ausführte
und wie er seine Figuren in Tagewerke aufteilte: Die Farbe
muss aufgetragen werden, solange der Putz noch feucht
ist, deshalb wird nur so viel Fläche im Voraus verputzt, wie
ein Freskomaler an einem Arbeitstag bemalen kann. Um
das Abbinden hinauszuzögern, sollte die Luftfeuchtigkeit
hoch sein. Die Malereien werden deshalb bei Sonne auch
mit nassen Tüchern verhängt. Eine Schwierigkeit dabei
ist, dass die weiße Kalkfarbe im nassen Zustand kaum zu
sehen ist. Wie sehr sie deckt, stellt sich teilweise erst Tage
später heraus, wenn sie getrocknet ist.
GROSSER SCHLOSSHOF
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Der Altan mit den Fresken in der Rücklage stellt den
architektonischen und künstlerischen Höhepunkt bei der
Fassadengestaltung im Großen Schlosshof dar

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LANGER GANG
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Bauzustand im Jahr 2019: Die Bildfelder der 100 Meter
langen Decke wurden vor der Zerstörung fotografisch dokumentiert
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LANGER GANG
Ein Platz für lange Waffen
Der Logenplatz für Reitturniere
Als Kurfürst Christian I. zwischen 1586 und 1591 den
Stallhof anlegen ließ, nutzten die Baumeister Paul
Buchner und Hans Irmisch die mittelalterliche Stadt-
mauer für den Bau eines neuen Verbindungsgangs
zwischen dem Georgenbau und dem Johanneum,
dem damaligen Stallgebäude. Sie ging ein in die
100 Meter lange Nordfassade, die den Schlosskom-
plex vom öffentlichen Stadtraum abgrenzt. Seit dem
19. Jahrhundert trägt sie das Bild des Fürstenzugs,
erst als Sgraffito, ab 1907 aus Porzellanfliesen. Die
Südfassade des Langen Gangs hingegen öffnet sich
zum Stallhof mit einer Arkadenreihe aus 21 Bögen
auf 20 Säulen. Sie bilden eine offene Halle, in der
sich die Zuschauer bei höfischen Reitturnieren und
Hetzjagden sammelten. Im Langen Saal darüber prä-
sentierten die Wettiner ihre Ahnengalerie, bis August
der Starke 1731 eine Gewehrgalerie einrichten ließ –
den Grundstein für die Abteilung Feuerwaffen der
Rüstkammer.
Bis zur Zerstörung von 1945 folgten noch viele
Umbauten: Für eine Bibliothek wurden im 19. Jahr-
hundert die offenen Arkaden geschlossen, auch die
Fenster der Nord- und Südfront wurden je nach Nut-
zung baulich geschlossen oder wieder geöffnet. Die
Jagdtreppe stellte ab 1901 eine wichtige Verbindung
der drei Geschosse des Georgenbaus mit dem Ober-
geschoss und dem Dachgeschoss des Langen Gangs
her.
1945 wurden das Dach und das Obergeschoss des
Langen Gangs mitsamt seiner Renaissancekassetten-
decke zerstört. Ein Jahr später stürzten hofseitig auch
fünf der Arkadenbögen und die darüber liegende
Wand ein. Der Wiederaufbau begann 1956 im Zuge
der Einrichtung des Verkehrsmuseums im Johan-
neum, die Wiederherstellung der schwarz-weißen Gri-
saillemalereien an der Südseite folgte 1979. Bis 2015
nutzte das Verkehrsmuseum den Langen Gang als
Ausstellungsfläche.
1. OBERGESCHOSS

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LANGER GANG
LANGER GANG
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Ausstellung und Technik
unter einem Dach
Barrierefreier Zugang zum Langen Gang
In der Museumskonzeption für das Residenzschloss
gehört der Lange Gang zum Bereich der Rüstkammer
und ist Teil des Rundgangs im ersten Obergeschoss
des Ostflügels und des Georgenbaus. Nach dem Vor-
bild der Gewehrgalerie August des Starken dient der
100 Meter lange und fünf Meter breite Raum der
Präsentation historischer Feuerwaffen. Die Aufgabe
bestand darin, den Langen Gang in Anlehnung an die
Raumstruktur von 1731 auszubauen und dabei mit
moderner Technik auszustatten: Zum Anforderungs-
profil gehörte die Rekonstruktion der völlig zerstörten
Kassettendecke und der Wandmalereien, von denen
sich in den Fensterlaibungen Fragmente erhalten
hatten. Der museale Ausbau erforderte Wand- und
Standvitrinen, eine integrierte Klima- und Raumluft-
technik, Fußbodenheizung und eine Lichtführung
unter Berücksichtigung des einfallenden Tageslichts.
Die Jagdtreppe an der westlichen Stirnseite benötigte
zudem einen barrierefreien Umbau.
ABLAUF DER BAUARBEITEN
Der Beschluss zum Ausbau des Langen Gangs wurde 2008
bestätigt. Diplom-Restaurator Hans-Christoph Walther
dokumentierte ab 2010 Archivalien wie Planungsunter-
lagen, Rechnungen, historische Farbdias und Schwarz-
Weiß-Fotografien. Vor allem Letztere sind von hoher
Detailgenauigkeit und erlauben zusammen mit dem CAD-
Aufmaß des Stallhofes belastbare Rückschlüsse auf die
einstige Raumfassung und auf Architekturelemente. Die
Stahlbetondecke aus den 1950er-Jahren erwies sich als
niedriger als das historische Raummaß, zudem fehlte ihr
die statische Belastbarkeit für die geplante Nutzung des
Dachgeschosses als Technikraum. Sie wurde durch eine
Stahlträgerkonstruktion ersetzt, die nun auch die rekons-
truierte hölzerne Kassettendecke trägt. Ihre Bemalungen
entstanden auf Grundlage der historischen Fotografien
und Farbdias, die auch als Rekonstruktionsgrundlage der
Wandmalereien dienten. Bevor ein Team aus Theaterma-
lern und Restauratoren die Renaissancemotive auf die
Holztafeln der Decke und auf die Wände übertrug, ent-
wickelte es ab 2016 maßstabsgetreue Zeichnungen und
Farbstudien.
Charakteristisch für den Zustand von 1731 war der
alternierende Wechsel von offenen und geschlossenen
Fensternischen mit Gewehrschränken auf beiden Seiten
des Ganges. Um ihn wiederherzustellen, mussten einige
Blindfenster der Nordfassade geöffnet und einige Fens-
ter der Südfassade geschlossen werden. Der östlichste
Raumabschnitt zeigt den Raum heute so, wie er sich
1731 mit Gewehrschränken, Fürstenbildnissen, Turnier-
bildern und Trophäen tatsächlich darstellte. Im übrigen
Raum füllen moderne Wandvitrinen die geschlossenen
Fensternischen, durch die offenen fällt das Tageslicht ein.
Für den barrierefreien Zugang zum Langen Gang erhielt
die Jagdtreppe von 1901 einen zeitgemäßen Umbau,
der den Einbau eines Aufzugs im Treppenraum zuließ.
Die neue Treppe aus geschweißtem Stahlblech greift die
vier- und zweiarmige Anlage der alten Treppe im Erd-
und Obergeschoss auf und erlaubt einen direkten Blick
auf den Ausstellungsbereich. Zusammen mit dem Aufzug
erschließt sie neben dem Langen Gang auch das erste
Obergeschoss des Georgenbaus.
LANGER GANG
GEWEHRGALERIE/RÜSTKAMMER
Baubeginn
Januar 2016
Bauliche Fertigstellung
März 2020
Übergabe
3. April 2020
Kosten
10,5 Mio. Euro
Architekten
Heine Mildner Architekten, Dresden
Decken und Wandfassungen
Architekturbüro Rainer Henke, Dresden
Restauratorische Betreuung
Hans-Christoph Walther
82
Bauzustand der Jagdtreppe August 2019: Der Umbau des
Treppenhauses war wegen der unbefriedigenden Anbindung
des Langen Gangs an den Georgenbau notwendig. Das neue
Treppenhaus lässt sich barrierefrei nutzen und wird Teil des
Museumsrundgangs.
83
Visualisierungsstudie zum rekonstruktiven Umgang mit
Architekturelementen und zur Präsentation der kunstvollen Waffen,
Juli 2019

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AUSBLICK
AUSBLICK
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84
Gebaut wird immer – doch inzwischen sind die Sgraffito-
arbeiten an den Fassaden im Großen Schlosshof längst
abgeschlossen, Aufnahme von 2009
12
AUSBLICK
Immer kurz vor der Vollendung
Das Schloss als organischer Teil der Stadt
» Wenn das letzte Baustellenauto
aus dem Großen Schlosshof
gefahren ist, können wir wieder
das historische Sandsteinpflaster
verlegen lassen.«
INKA HÜNING, SACHBEARBEITERIN IM REFERAT
BAU- UND LIEGENSCHAFTSPOLITIK IM FINANZ-
MINISTERIUM DES FREISTAATES SACHSEN
Die alte Weisheit, dass ein Haus niemals fertig ist, gilt
auch für das Residenzschloss. Die zuerst fertiggestell-
ten Fassaden müssten bereits neu aufgearbeitet wer-
den, während die Fresken am Altan noch abbinden.
Mit der Fertigstellung dieser Fresken ist der Zeitpunkt
gekommen, an dem die Restauratoren ihre Werkstatt
in der Gotischen Halle des Ostflügels räumen kön-
nen und der nächste Bauabschnitt beginnt. Für ihn
hat das Land Sachsen 28,8 Millionen Euro bewilligt.
Dann wird das Erdgeschoss mit seinem Kreuzgewölbe
für eine museale Nutzung ausgebaut – eine Ausstel-
lung, die die Baugeschichte des Schlosses zum Thema
haben wird. Auch die Schlosskapelle im Nordflügel
diente bis vor Kurzem noch als Restaurierungswerk-
statt. Hier arbeiteten das Restauratorenteam der Para-
deräume an seinen Entwürfen und Modellen sowie
die Sgraffitogruppe an ihren Modellen für die Fres-
ken am Altan. Mit dem Auszug soll die Schlosskapelle
nutzungsneutral ausgebaut werden und kann dann
vom Konzert bis zum Kolloquium Platz für Veranstal-
tungen aller Art bieten.
Ebenfalls im Nordflügel, auf der anderen Seite des
Durchgangs zur Chiaverigasse, wird im Erdgeschoss
bis dahin das Schlossrestaurant eingezogen sein:
Das Architekturbüro Peter Kulka plant auf 270 Qua-
dratmetern Platz für 85 Gäste. Der darüber liegende
Große Ballsaal und der Propositionssaal dienten bis-
her als Depot und Werkstatt für das Inventar der
Paraderäume.
Ganz zum Schluss werden die Sandsteinplatten im
Großen Schlosshof neu eingebaut, die vor dem Wie-
deraufbau hier geborgen wurden. Dann ist es mög-
lich, durch das Grüne Tor des Großen Schlosshofs und
das Starcke-Portal des Kleinen Schlosshofs zur Chia-
verigasse, zur Schlossstraße oder zur Sophienstraße
zu gelangen. Das alte Kastell öffnet sich, erlaubt
Menschen Abkürzungen auf ihren Wegen durch die
Stadt, lädt sie ein, das Restaurant zu besuchen – und
macht neugierig auf die sächsische Geschichte in sei-
nen Mauern.

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ANHANG
ANHANG
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ANHANG
Geschichte des Dresdner Schlosses
LETZTES VIERTEL DES 12. JH.
jüngste archäologische Grabungen weisen auf dem Schlossgelände Reste eines
Ensembles von Holzbauten nach
ZWEITES VIERTEL DES 13. JH.
nach Planierung des Geländes Errichtung einer kastellartigen Anlage
1289
erste urkundliche Erwähnung der Burganlage als »Castrum«
UM 1400
Bau des Hausmannsturms als nordwestlichster Eckturm
UM 1468–1480
eine geschlossene Vierflügelanlage mit südlichem Torhaus entsteht
1485
nach der Leipziger Teilung wird Dresden ständige Residenz der albertinischen
Wettiner
1530–1535
unter Herzog Georg erfolgt die Erweiterung des Schlosses durch den Umbau des
alten Elbtores zum Georgenbau
1548–1556
nach Erwerb der Kurfürstenwürde für das albertinische Sachsen durch Herzog
Moritz erfolgt die Erweiterung der Schlossanlage im Stil der Renaissance unter
Beteiligung von Caspar Voigt von Wierandt
Neubau:
h
des westlichen Teils des Nordflügels mit der Schlosskapelle
h
des neuen Westflügels mit der »Geheimen Verwahrung«
h
des südlichen Südflügels unter Einbeziehung des spätgotischen Torhauses
h
von drei Wendelsteinen im Schlosshof
Umbau:
h
des Ostflügels mit dem Riesensaal
h
des Schössereiturms
h
des östlichen Teils des Nordflügels und des Hausmannsturms
1586–1591
Bau des Stallhofs unter Beteiligung von Hans Irmisch und Paul Buchner
1588–1595
Anlage des Kleinen Schlosshofs mit einem zweigeschossigen Torhaus unter
Beteiligung von Paul Buchner
1627–1633
Umbau des Riesensaals durch Wilhelm Dilich
1500
1400
1200
1600
85

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ANHANG
ANHANG
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20.09.1984
langfristiger Investitionsleistungsvertrag zum
Wiederaufbau des Dresdner
Schlosskomplexes
zwischen der Aufbauleitung des Rates des Bezirkes Dresden
und dem VEB (B) Gesellschaftsbau Dresden
13.02.1985
offizielle Bekanntgabe des Wiederaufbaus Dresdner Schloss
anlässlich der Wiedereröffnung der Semperoper
1985
Durchbruch des Mittelteils im Ostflügel (technologischer Durchbruch) für den
Einbau einer Kranbahn
1986
Beginn des Wiederaufbaus der äußeren Hülle am Westflügel
MÄRZ 1987
Auftrag zur Herstellung eines Arbeitsmodells für die Renaissancefassung
Dresdner Schloss
im Maßstab 1 : 100 und Beginn der wissenschaftlichen Arbeiten
an den Sgraffiti
12.10.1988
Aufsetzen der Hauben auf die beiden Ecktürme des Westflügels
28.10.1989
Eröffnung der Ausstellung
Das Dresdner Schloss – Monument sächsischer
Geschichte und Kultur
in den Räumen des Grünen Gewölbes im Erdgeschoss des
Westflügels
01.01.1991
Übernahme der Baumaßnahme durch die Sächsische Staatshochbauverwaltung
APRIL 1991
Rohbaufertigstellung des Westflügels und des Bereichs der ehemaligen Schloss-
kapelle im westlichen Nordflügel
10.04.1991
Baustellenrundgang und erstes Pressegespräch zum Bauvorhaben Dresdner
Schloss durch Finanzminister Prof. Dr. Georg Milbradt
1991–1997
Fertigstellung der Sgraffitiarbeiten im Großen Schlosshof:
h
Juni 1991: Westflügel Hoffassade, Probegiebel
h
Sept. 1993: Treppenturm Nordwest, Nordflügel westlicher Teil, Giebel
h
Nov. 1993: Nordflügel östlicher Teil, Giebel
h
Mai 1994: Nordflügel westlicher Teil, Schlosskapellenfassade
h
Nov. 1995: Treppenturm Nordwest, Anschluss Nordflügel westlicher Teil
an den Treppenturm Nordwest
h
Sept. 1997: Westflügel Hoffassade, unterhalb Hauptgesims
AUGUST 1991
Interimsnutzung des 1. Obergeschosses im Westflügel als Baustellenatelier
(Vorbereitung der Sgraffiti) und Werkstätten
SEPTEMBER / OKTOBER 1991
Montage der Turmhaube, der Laterne und der Spitze des Hausmannsturms
02.10.1991
Richtfest für die erste Bauetappe unter Anwesenheit von Ministerpräsident
Prof. Dr. Kurt Biedenkopf
05.10.1991
Tag der offenen Tür auf der Baustelle
26.11.1992
Besuch des amerikanischen Botschafters Robert Kimmitt, erste öffentliche
Veranstaltung im 2. Obergeschoss des Westflügels
1993
Demontage der Brücke zwischen Hofkirche und Schloss,
Fertigstellung des Rohbaus für den Zwischenflügel Nord,
Wiederherstellung der Fassaden des Nord- und Westflügels
1674–1676
Umbau des Hausmannsturms mit welscher Haube und Laterne auf 97 Meter
durch Wolf Caspar von Klengel
1683
Umbau im östlichen Teil des Südflügels: Abbruch des spätgotischen Torhauses,
Bau zweier Portale sowie des südöstlichen Wendelsteins
1692–1693
Errichtung der Englischen Treppe durch Johann Georg Starcke
1701
Schlossbrand vernichtet unter anderem Georgenbau, Ostflügel mit Riesensaal
und Schössereiturm
1717–1719
Wiederaufbau der zerstörten Bauteile des Schlosses,
barocke Gestaltung der Innenräume im 2. Obergeschoss: unter anderem
Audienzgemach, Schlafzimmer Augusts des Starken, Turmzimmer; Zwischen-
flügel zur Präsentation der Gemäldesammlung von August dem Starken
1723–1729
Einrichtung des Grünen Gewölbes unter Matthäus Daniel Pöppelmann,
Raymond Leplat und Zacharias Longuelune
1737
Auflösung der protestantischen Schlosskapelle und Versetzen des Kapellen-
portals an den Westgiebel der Sophienkirche (ab 1872 Standort Jüdenhof)
1775
erster Blitzableiter Dresdens auf dem Schlossturm
1833–1834
Umbauten am Georgenbau, Errichtung des 3. Obergeschosses
1837–1855
Neugestaltung der Räume im 2. Obergeschoss des Nordflügels als Großer
Ballsaal und Thronsaal (später Bankettsaal) durch Otto von Wolframsdorf nach
Einführung der konstitutionellen Monarchie in Sachsen (1831),
Wandmalereien von Eduard Bendemann (bis 1855)
1889–1901
anlässlich der 800-Jahr-Feier des Hauses Wettin erfolgte ein großer
Schlossumbau durch Gustav Dunger und Gustav Frölich:
h
Errichtung eines neuen südlichen Schlossflügels
h
einheitliche Fassadengestaltung im Neorenaissancestil
13.11.1918
Friedrich August III. verzichtet im Ergebnis der Novemberrevolution auf den
sächsischen Königsthron
1922
Eröffnung eines Schlossmuseums im 2. Obergeschoss
13.02.1945
Bombenangriff auf Dresden, das Schloss wird zerstört
1946–1948
Sicherung des Turmstumpfes vom Hausmannsturm
1962–1967
Sicherungsarbeiten im Bereich des Grünen Gewölbes und Wiederaufbau des
Georgenbaus
1978–1985
Investitionsvorbereitung für den Wiederaufbau des Dresdner Schlosses unter
Leitung der ehemaligen Aufbauleitung des Rates des Bezirkes Dresden
1982–1987
archäologische Grabungen im Großen Schlosshof
11.11.1983
Denkmalpflegerahmenzielstellung von Prof. Glaser, Institut für Denkmalpflege
1800
1900
1700

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ANHANG
ANHANG
· 121
2001
Fertigstellung der Loggia im Kleinen Schlosshof,
Beginn Ausbau Südteil für Verwaltung und Georgenbau für Münzkabinett
14.11.–16.11.2001
Durchführung eines internationalen Kolloquiums zur Wiederherstellung des
Historischen Grünen Gewölbes
2002
Beginn des Ausbaus für das Kupferstich-Kabinett und
des Neuen Grünen Gewölbes,
Fertigstellung Starcke-Portal
28.06.2002
feierliche Übergabe des Münzkabinetts im Georgenbau an die Staatlichen Kunst-
sammlungen Dresden
AUGUST 2002
Hochwasserkatastrophe
01.01.2003
Gründung des Staatsbetriebs Sächsisches Immobilien- und Baumanagement
(SIB)
2003
Fertigstellung des Südteils für die Verwaltung der Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden
20.05.2003
feierliche Einweihung der zentralen Kunstbibliothek im Südteil
29.08.2003
Pressekonferenz von Finanzminister Dr. Horst Metz zum Stand des
Wiederaufbaus
2004
Fertigstellung des Ausbaus Kupferstich-Kabinett und Neues Grünes Gewölbe
sowie bauvorbereitende Maßnahmen für das 2. Obergeschoss Westflügel,
Verfahren zur Auswahl der Architekten für die Baumaßnahmen Ostflügel
(1. Preis Büro Kulka und Partner, Köln/Dresden),
Abbau des Schlosskapellenportals, des sogenannten Schönen Tores, am
Standort Johanneum zur Sicherung der historisch wertvollen Bausubstanz und
Restaurierung der geschädigten Teile
11.01.2004
Dauerausstellung Grünes Gewölbe im Albertinum wird geschlossen
07.04.2004
Pressekonferenz von Ministerpräsident Prof. Dr. Georg Milbradt zum
Baufortschritt
10.04.2004
Tag der offenen Tür im Bärengartenflügel, in der Baustelle des Neuen Grünen
Gewölbes und in den Restaurierungswerkstätten für das Grüne Gewölbe
24.04.2004
feierliche Einweihung des Kupferstich-Kabinetts
07.09.2004
feierliche Einweihung des Neuen Grünen Gewölbes
2005
Beginn der Rohbauarbeiten Ostflügel, der Fassadensanierung Georgenbau und
des Einbaus der restaurierten Wandverkleidungen im Historischen Grünen
Gewölbe, Einrichtung eines provisorischen Cafés im Kleinen Schlosshof
10.06.2005
Pressekonferenz und Rundgang auf der Baustelle des Historischen Grünen
Gewölbes mit Finanzminister Dr. Horst Metz
18.06.2005
Tag der offenen Tür auf der Baustelle des Historischen Grünen Gewölbes
DEZEMBER 1993
Fertigstellung der Turmhaube des Treppenturms Südwest
FEBRUAR 1994
Schließung der Ausstellung
Das Dresdner Schloss – Monument sächsischer
Geschichte und Kultur
und Umzug in den Georgenbau, Baubeginn Südflügel,
Beginn der archäologischen Grabungen im Kleinen Schlosshof,
Einzug der Restaurierungswerkstätten des Grünen Gewölbes in das
1. Obergeschoss des Nordostflügels,
Sgraffitofassadengestaltung am westlichen Teil des Nordflügels,
Fertigstellung der Kupferhaut am Eckturm Süd
18.07.1994
Ludwig Coulin, Amtsvorsteher des Sächsischen Staatshochbauamtes Dresden I,
wird für die Schlossbaustelle zuständig
1995
Sicherung des Treppenturms Nordost
NOVEMBER 1995
Beginn des internationalen Schlosskolloquiums
1996
Setzen der Turmspitze des Treppenturms Südost,
Schließen der Hofdecke im Kleinen Schlosshof,
Fertigstellung des Treppenturms Nordwest mit vollständigem Fassadenschmuck,
Errichtung eines Notdachs auf der Englischen Treppe,
Übergabe des Gutachtens des internationalen Kolloquiums an den
Ministerpräsidenten
1997
erste Besprechung der Schlosskommission,
Planung und Durchführung der Baumaßnahmen zur Ausstellung
Unter einer
Krone – Kunst und Kultur während der sächsisch-polnischen Union,
Planungsbeginn für den Ausbau der Schlosskapelle als Interimsspielstätte für
das Kleine Haus
1998
Inbetriebnahme der Technikzentrale im Kellergeschoss unter dem Kleinen
Schlosshof
1999
Architektenwettbewerb für den Ausbau des Grünen Gewölbes (1. Preis Büro
Witter, Dresden) und Auswahlverfahren für die Architekten des Südteils (1. Preis
Büro Dissing+Weitling, Kopenhagen),
Fertigstellung des Rohbaus Südteil,
Beginn der archäologischen Grabungen im Ostflügel und
Weiterführung der Grabungen im Großen Schlosshof
09.01.1999
erste öffentliche Theatervorstellung in der Interimsspielstätte Schlosstheater
(Nutzung bis 01.07.2004)
01.05.1999
Beginn der vorgezogenen Leistungen für das Grüne Gewölbe
2000
Wiedererrichtung der Brücke zwischen Hofkirche und Schloss,
Restaurierungsbeginn an der Loggia im Kleinen Schlosshof nach dem Vorbild der
Probeachse,
Beginn Restaurierung Starcke-Portal am Durchgang zwischen Kleinem und
Großem Schlosshof
24.08.2000
Pressekonferenz von Finanzminister Prof. Dr. Georg Milbradt zum Stand des
Wiederaufbaus Dresdner Schloss
2000

122 ·
ANHANG
ANHANG
· 123
30.07.–13.11.2005
Ausstellung
Zeitschichten
der Denkmalpflege in Deutschland im 2. Obergeschoss
des West- und Nordflügels und in der Schlosskapelle
28.03.2006
feierliche Übergabe des Historischen Grünen Gewölbes von der Sächsischen
Staatshochbauverwaltung an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
25.07.2006
Richtfest für den Ostflügel
01.09.2006
feierliche Einweihung des Historischen Grünen Gewölbes durch
Bundeskanzlerin Angela Merkel
09.11.2006
Steinschluss für das gotische Gewölbe durch Ministerialdirigent Wolf Karl
Reidner und damit Schließung des technologischen Durchbruchs am Ostflügel
16.01.2007
Abschluss der äußeren Wiederherstellung des Schlosskomplexes mit dem
Setzen der Turmhaube auf den Treppenturm Nordost
30.01.2009
Eröffnung des Foyers Kleiner Schlosshof mit Übergabe der Überdachung
24.06.2009
Fertigstellung Portal Schönes Tor an der ehemaligen Schlosskapelle
31.07.2009
feierliche Übergabe der Fürstengalerie an die Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden, Rüstkammer
09.08.2009
Tag der offenen Tür anlässlich der SZ-Schlössertour 2009 auf der
Baustelle Residenzschloss
23.08.2009
Ausstellungseröffnung mit der dänischen Königin
30.11.2009
feierliche Übergabe der Türckischen Cammer an die Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer
NOVEMBER 2009
Fertigstellung des Rohbaus für den Altan am Nordflügel
07.03.2010
feierliche Eröffnung der Türckischen Cammer
29.03.2010
Übergabe der Englischen Treppe
19.09.2010
Tag der offenen Tür im Rahmen der SZ-Entdeckertour 2010 auf der
Baustelle Residenzschloss
27.04.2011
Pressetermin mit Finanzminister Prof. Dr. Georg Unland zum Stand der
Baumaßnahmen zum Wiederaufbau
22.08.2012
Presserundgang mit Finanzminister Prof. Dr. Georg Unland zum Stand der
Baumaßnahme Riesensaal und Hinweis auf Mittelkürzungen
18.02.2013
feierliche Eröffnung des Riesensaals
04.07.2013
Fertigstellung Schlingrippengewölbe Schlosskapelle
19.09.2013
Unterzeichnung der Finanzierungsvereinbarung durch
Bundeskulturstaatsminister Bernd Neumann und den sächsischen
Finanzminister Prof. Dr. Georg Unland zur finanziellen Beteiligung des Bundes
19.12.2014
Pressetermin mit Finanzminister Prof. Dr. Georg Unland im Georgenbau
20.04.2015
Pressetermin zur Fertigstellung des 2. Obergeschosses des Georgenbaus für das
Münzkabinett
06.06.2015
Ausstellungseröffnung Münzkabinett im Georgenbau
28.01.2016
feierliche Übergabe des 1. Obergeschosses des Georgenbaus an die Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer
18.03.2016
Eröffnung der Rüstkammer im Georgenbau
12.01.2017
feierliche Übergabe des 1. Obergeschosses Ostflügel und Nordostflügel
(Auf
dem Weg zur Kurfürstenmacht)
an die Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden, Rüstkammer
27.06.2017
Rundgang über die Schlossbaustelle mit Finanzminister Prof. Dr. Georg
Unland, dem Abteilungsleiter Dr. Günter Winands bei der Beauftragten der
Bundesregierung für Kultur und Medien und der Presse
06.06.2018
Pressetermin mit Ministerpräsident Michael Kretschmer und Finanzminister
Dr. Matthias Haß und der Vertreterin der Beauftragten bei der Bundesrepublik
für Kultur und Medien, Dr. Sigrid Bias-Engels, zum Stand der Paraderäume
25.01.2019
feierliche Übergabe und Eröffnung des Kleinen Ballsaals
26.01.2019
Tag der offenen Tür Kleiner Ballsaal
05.08.2019
Pressetermin mit Staatsminister Dr. Matthias Haß zur Teilbaumaßnahme
Langer Gang
20.08.2019
Pressetermin unter Beteiligung von Ministerpräsident Michael Kretschmer und
Finanzminister Dr. Matthias Haß zum Stand der Bauarbeiten der Paraderäume
28.09.2019
feierliche Eröffnung der Paraderäume und des Turmzimmers/Porzellankabinett
03.04.2020
feierliche Übergabe des Langen Gangs
04.04.2020
Tag der offenen Tür Langer Gang

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124 ·
ANHANG
ANHANG
· 125
Schönes Tor
Begriffsbestimmung
BEKRÖNUNG
1
Aufsatzfigur
Der Glaube
2
Aufsatzfigur
Der Triumphator
(Christus mit der Fahne)
3
Aufsatzfigur
Die Stärke
ATTIKA
4
Verdachung
5
Pilaster links außen
6
Nischenfigur
Jesaja
(für das Alte Testament)
7
Pilaster links innen
8
Mittelfeldrelief
Auferstehung Christi
9
Pilaster rechts innen
10
Nischenfigur
Paulus
(für das Neue Testament)
11
Pilaster rechts außen
GEBÄLK
12
Sims, u. a. mit Sparrenköpfen, Eierstab und
Zahnschnitt
13
Akanthusfries
14
Architrav
SÄULE (KORINTHISCH)
15
Kapitell
16
Schaft
17
Basis
18
Postament
INTERKOLUMNIUM
19
Nischenfigur
Johannes der Täufer
20
Figurenkonsole
21
Nischenfigur
Johannes der Evangelist
22
Nischenfigur
Moses
23
Jahreszahl MDLV (1555)
24
Nischenfigur
Petrus
TÜREINFASSUNG
25
Zwickel links mit Figurenrelief
26
Zwickel rechts mit Figurenrelief
TÜRGEWÄNDE
27
Türbogen mit Grotesken
28
Kämpfer
29
Jahreszahl MDLIIII (1554)
30
Schlussstein
TÜRBLATT
31
Attika mit Wahlspruch
V.D.M.I.E.
32
Mittelrelief
Christus mit der Ehebrecherin
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Jahreszahl MDLVI (1556)
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SOCKEL
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ANHANG
ANHANG
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Deckengemälde Audienzgemach
Begriffsbestimmung
1
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7
8
9
10
11
12
1
Kunst
2
Wissenschaft
3
Chronos/Saturn
4
Gerechtigkeit
5
Stärke
6
Wahrheit
7
Weisheit
8
Genius
9
Herkules
10
Hass
11
Zwietracht
12
Verleumdung
126 ·
ANHANG

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128 ·
ANHANG
ANHANG
· 129
Deckengemälde Paradeschlafzimmer
Begriffsbestimmung
1
Morgendlich nördlicher Reiter (aufsteigend)
2
Sonne
3
Quadriga Apollon
4
Genius mit Fackel
5
Aurora mit Putten
6
Hore, den Tag einläutend
7
Hore, Tau ausgießend
8
Pferdegespann
9
Putti mit Zügeln
10
Zephir (Westwind)
11
Chloris
12
Notos (Südwind)
13
Boreas (Nordwind)
14
Euros (Ostwind)
15
Abendlich östlicher Reiter (absteigend)
16
Schlaf/Morpheus
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Nachtwesen
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Nacht/Nox
19
Selene/Luna
20
Mond
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ANHANG
ANHANG
· 131
Mitglieder der Schlosskommission
STAATSMINISTERIUM DER FINANZEN
Leitung
Dr. Dr. Michael Antoni
2008–2010
Johann Gierl
2010–2016
Volker Kylau
2016–2018
Bernd Engelsberger
seit 2018
Gerlind Berndt
seit 2019
Marcus van Reimersdahl
2005–2014
Christine Behrens
seit 2018
Inka Hüning
seit 1997
Matthias Zier
seit 2008
Christine Koschtial
2005–2010
Sandra Zenker
2012–2013
Cornelia Rode
seit 2014
STAATSMINISTERIUM
FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST
Prof. Dr. Rainer Wedekind
2008–2012
Matthias Hüchelheim
seit 2012
Kerstin Kloss
seit 1999
STAATSBETRIEB SÄCHSISCHES
IMMOBILIEN- UND BAUMANAGEMENT,
NIEDERLASSUNG DRESDEN I
Ludwig Coulin
1994–2017
Dr. Ulf Nickol
seit 2017
Holger Krause
seit 2002
STAATSBETRIEB SÄCHSISCHES
IMMOBILIEN- UND BAUMANAGEMENT,
ZENTRALE
Prof. Dieter Janosch
2005–2019
Volker Kylau
seit 2019
Matthias von Rüdiger
2007–2015
Bernd Aschauer
seit 2013
Susann Bernhardt
2008–2015
LANDESAMT FÜR DENKMALPFLEGE
Prof. Dr. Rosemarie Pohlack
2002–2019
Alf Furkert
seit 2019
Dr. Hartmut Ritschel
seit 2019