image
Endbericht zum 1. Projektteil
"Landesbesenderungsprogramm Wolf" (2019 - 2021)
November 2021
Ilka Reinhardt & Gesa Kluth

Auftragnehmer:
LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland
(Reinhardt & Kluth GbR)
Dorfaue 9, D-02979 Spreewitz
Laufzeit des Vorhabens: 07.05.2019 – 15.11.2021
Auftraggeber:
Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG)
Projektbetreuung:
Dr. Ulrich Zöphel (LfULG)
Titelfoto:
MT7 („Hans“) am 07.01.2020 im Daubaner Wald.
Autor: A. Gebauer
(www.gebauer-wildphoto.com).
Der Bericht gibt die Auffassung und Meinung des Auftragnehmers wieder und muss nicht mit der
Auffassung des Auftraggebers übereinstimmen.

1
Inhalt
1. Einleitung
........................................................................................................................................ 2
2. Untersuchungsgebiet, Material und Methoden
................................................................ 2
3 Ergebnisse
....................................................................................................................................... 4
3.1 Biographie der besenderten Wölfe
................................................................................. 5
FT11 („Lotta“) / GW1147f
..................................................................................................... 5
FT12 („Juli“) / GW1289f
......................................................................................................... 7
MT7 („Hans“) / GW1061m
.................................................................................................... 8
MT8 („Peter“) / GW789m
.................................................................................................... 11
FT13 („Cora“) / GW2122f
.................................................................................................... 13
FT14 („Rona“) / GW1767f
................................................................................................... 14
FT15 („Lea“) / GW2110f
...................................................................................................... 16
3.2 Raumnutzung und Streifgebietsgrößen......................................................................
17
3.3 Abwanderungen
................................................................................................................... 22
3.4 Auswirkungen des ASP-Zauns auf die Raumnutzung der besenderten Wölfe
........................................................................................................................................................... 25
4. Diskussion
.................................................................................................................................... 27
4.1 Streifgebietsgrößen und Raumnutzung......................................................................
27
4.2 Exkursionen und Abwanderungen
................................................................................ 29
4.3 ASP-Zäune und ihr Einfluss auf das Raumverhalten von Wölfen
..................... 31
4.4 Ausblick...................................................................................................................................
31
Danksagung
...................................................................................................................................... 32
Literatur
.............................................................................................................................................. 32
Abkürzungsverzeichnis
................................................................................................................. 34

2
1. Einleitung
Im Zuge der Neuausrichtung des Sächsischen Wolfsmanagements ist im Auftrag des Sächsischen
Staatsministeriums
für
Umwelt
und
Landwirtschaft
(SMUL,
seit
12/2019
Sächsisches
Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft (SMEKUL)) ein mehrjähriges
Landesprogramm zur Besenderung von Wölfen aufgelegt worden. Im Rahmen dieses Programms
sollen in möglichst vielen Rudeln Wölfe besendert werden, um bessere Daten über das Leben von
Wölfen in der sächsischen Kulturlandschaft zu bekommen.
In der Vergangenheit hat es bereits zwei Besenderungsprogramme in Sachsen gegeben. Ein vom
Bundesamt für Naturschutz (BfN) beauftragtes F+E-Vorhaben (Pilotstudie zur Abwanderung und
Ausbreitung von Wölfen in Deutschland) und das Wanderwolfprojekt des SMUL, das durch eine
Projektgruppe bestehend aus der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW), dem
Internationalen Tierschutz-Fonds gGmbH (IFAW), dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und
dem World Wide Fund For Nature Deutschland (WWF) unterstützt wurde.
Routinemäßig
werden
im
sächsischen
Wolfsmonitoring
verschiedene
Monitoringmethoden
angewandt, wie die Suche nach Wolfshinweisen, Nahrungsanalysen durch Untersuchung von
Wolfskot, genetische Analysen, sowie der Einsatz von Wildkameras. Damit können allgemeine
Monitoringfragen beantwortet und auch wichtige Erkenntnisse über die Biologie der hier lebenden
Wölfe erhalten werden. Allerdings sind diese Methoden nicht ausreichend geeignet, um spezifische
Parameter wie z.B. Streifgebietsgrößen, Habitatnutzung, Aktivitätsverhalten, Abwanderungsverhalten
oder Bewegungsmuster zu untersuchen (LCIE 2018). Mit dem herkömmlichen Monitoring ist es nur
bedingt und oft nur zeitverzögert möglich, Territorialverschiebungen und Neugründungen von
Territorien innerhalb des bekannten Vorkommensgebietes festzustellen. Die Telemetrie bietet hier
eine geeignete Methode zumindest punktuell diese Dynamik zeitnah verfolgen und Wissenslücken
schließen zu können (Reinhardt & Kluth 2015). Sie liefert somit wichtige Erkenntnisse für die jährliche
Erhebung der Populationsgröße und des Vorkommensgebietes und stellt eine wertvolle Ergänzung
zum herkömmlichen Monitoring dar. Darüber hinaus kann anhand der Daten telemetrierter Tiere einer
breiten Öffentlichkeit anschaulich erklärt werden, wie Wölfe in der Kulturlandschaft Deutschlands
leben. Daher werden die mittels Telemetrie gewonnenen Erkenntnisse regelmäßig in Kurzberichten,
Pressemitteilungen und im Internet veröffentlicht
(https://www.wolf.sachsen.de/landesprogramm-
besenderung-5081.html), bis 2018 über das „Kontaktbüro Wölfe in Sachsen“ und seither über die
Pressestelle des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG).
Der
vorliegende
Bericht
gibt
einen
zusammenfassenden
Zwischenstand
der
bisherigen
Untersuchungsergebnisse des ersten Projektteils des „Landesbesenderungprogramm Wolf“ wieder.
2. Untersuchungsgebiet, Material und Methoden
Das hauptsächliche Untersuchungsgebiet liegt im sächsischen Teil der Lausitz (der Oberlausitz) im
Osten Sachsens in den Landkreisen Görlitz und Bautzen. Das Studiengebiet ist überwiegend flach.
Lediglich in den Königshainer Bergen und in der Hohen Dubrau gibt es Erhebungen, bis zu 415 bzw.
307 m. Die Böden sind sandig und meist mit Kiefernforsten, teilweise auch mit gemischten Eichen-
Kiefernwäldern bedeckt. Die Waldbedeckung beträgt 36 %. Die Bevölkerungsdichte in den Landkreisen
Görlitz und Bautzen beträgt durchschnittlich 124 bzw. 129 Einwohner pro km², wobei sie im
eigentlichen Studiengebiet noch niedriger ist. Im Untersuchungsgebiet kommen vor allem Reh

3
(
Capreolus capreolus
), Rothirsch (
Cervus elaphus
) und Wildschwein (
Sus scrofa
) als hauptsächliche
Beutetierarten des Wolfes vor (Wagner et al. 2012).
Der Fang von Wölfen erfolgte im Auftrag des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft
und
Geologie.
Die
hierfür
notwendigen
Tierversuchsgenehmigungen
liegen
vor.
Die
Ausnahmegenehmigung zum Fangen und Betäuben von Wölfen besteht aufgrund der Sächsischen
Wolfsmanagementverordnung vom 15. Mai 2019 § 13. Die Wölfe werden mittels gepolsterter
Fußfallen, die für den unversehrten Fang von Tieren für Forschungszwecke entwickelt wurden,
gefangen. Die Fallen werden mit Fallensendern überwacht, welche sofort ein Signal senden, wenn die
Falle ausgelöst wurde, so dass die Verweilzeit der Tiere in der Falle minimiert wird (Reinhardt & Kluth
2015;
mehr
Infos
unter:
https://www.wolf.sachsen.de/telemetrie-besenderung-
4239.html?_cp=%7B%22accordion-content-
5091%22%3A%7B%221%22%3Atrue%7D%2C%22previousOpen%22%3A%7B%22group%22%3A%22a
ccordion-content-5091%22%2C%22idx%22%3A1%7D%7D).
Bei den verwendeten Halsbandsendern handelt es sich zum einen um Satelliten-Sender (Tellus small)
der Firma Followit (Schweden) und um GPS-GSM Sender (GPS Plus, VERTEX Lite, VERTEX Plus jeweils
mit 1D-Batterie) der Firma Vectronic Aerospace (Berlin). Die Sender besitzen alle eine Satelliteneinheit,
über die das Halsband sich mit Hilfe von Satelliten lokalisieren kann. Die Lokationen werden im
Halsband gespeichert und in regelmäßigen Abständen an eine Bodenstation in der jeweiligen
Herstellerfirma übermittelt. Diese Übermittlung erfolgt je nach Halsbandtyp entweder via Satelliten
oder über das GSM-Netz. Die Daten können dann über Programme oder Webinterfaces
heruntergeladen werden. Zusätzlich sind die Halsbänder mit einem VHF-Sender (VHF = very high
frequency) ausgestattet, so dass sie auch mittels Handantenne lokalisiert werden können. Alle
verwendeten Halsbänder besitzen einen Drop Off Mechanismus, der das Halsband zwei Jahre nach der
Besenderung automatisch öffnet.
Der Zeitplan, wie häufig ein Sender sich lokalisieren und wie viele Lokationen zusammen in einem
Datenpaket verschickt werden sollen, ist frei programmierbar. Je häufiger der Sender sich lokalisiert
und Daten verschickt, desto kürzer ist die Senderlaufzeit. Die Halsbandsender waren die meiste Zeit so
eingestellt, dass sie sich alle vier Stunden lokalisierten, also sechsmal täglich und jeweils zwischen
sieben und zehn Lokationen in einem Datenpaket versendeten. Mit dieser Einstellung beträgt die
geschätzte Senderlaufzeit ca. 2 Jahre. Zwischendurch gab es Phasen, in denen einzelne Sender auf
einen engeren Rhythmus eingestellt wurden und sich alle 60 Minuten lokalisierten.
Die genetische Untersuchung der Proben der besenderten Wölfe erfolgt im Zentrum für
Wildtiergenetik des Senckenberg-Instituts im hessischen Gelnhausen. Das dortige Labor fungiert seit
2010 als Referenzzentrum für die Wolfsgenetik in Deutschland.
Die Auswertung des räumlichen Verhaltens der besenderten Wölfe erfolgte mit Hilfe von ArcGIS 10.7.
Die Berechnung der Streifgebietsgröße nach der Minimum Convex Polygon-Methode (MCP) nach
White & Garrott (1990) wurde mit Hilfe von RStudio (R Version 4.0.3, © 2020 The R Foundation for
Statistical Computing) durchgeführt. Das MCP100 entsteht, indem die äußeren Punkte aller Lokationen
miteinander verbunden werden. Einzelne, offensichtliche Exkursionen in Gebiete außerhalb der
sonstigen Nutzung wurden dabei aber nicht berücksichtigt. Zur Erstellung eines MCP95 werden
zunächst die 5 % der Lokationen entfernt, die am stärksten von den anderen abweichen, bevor die
äußeren Punkte aller anderen Lokationen miteinander verbunden werden.

4
3 Ergebnisse
Im Rahmen dieses Projektes wurden sechs Wölfe in der sächsischen Lausitz gefangen und mit
Halsbandsendern der Firmen Followit und Vectronic Aerospace ausgestattet, 2019 zwei, 2020 einer
und 2021 drei. Ein weiterer Wolf (MT7 / „Hans“) wurde im Rahmen einer Managementmaßnahme
besendert. Die Daten von diesem Tier werden hier ebenfalls vorgestellt (Abb. 1). Bei den besenderten
Tieren handelte es sich um fünf weibliche und zwei männliche Wölfe. Zum Zeitpunkt ihrer Besenderung
waren drei Wölfe adult (FT11, MT7, MT8), von denen zwei Elterntiere waren (FT11, MT8), zwei Wölfe
waren Jährlinge (FT12, FT14) und zwei weitere Welpen (FT13, FT15; Tab. 1).
Tab. 1: Im Rahmen des Projektes „Landesbesenderungsprogramm Wolf“ besenderte Tiere. Die Abkürzung FT
steht für female telemetry = Weibchen, MT für male telemetry =Männchen.
Wolf
besendert
wann
Alter /
Gewicht
besendert wo
(Territorium)
Status bei
Besenderung
Senderlauf
-zeit bis
Status bei
Berichtsschluss
FT11
("Lotta")
20.07.2019
adult /
28 kg
N
2. territoriale
Fähe
26.02.2020
tot
FT12
("Juli")
28.07.2019
Jährling /
24.5 kg
N
Jährling in
Elternterritorium
18.11.2020
tot
MT7
("Hans")
30.12.2019
adult /
unbekannt
außerhalb
explorativer
Disperser
07.05.2020
verschollen
MT8
(„Peter“)
09.04.2020
adult /
39 kg
MUL
territorialer
Rüde
sendet
noch
Rüde MUL
FT13
(„Cora“)
03.03.2021
Welpe /
28 kg
DZ II
Welpe in
Elternterritorium
04.04.2021
unklar
FT14
(„Rona“)
15.03.2021
Jährling /
29 kg
DZ II
Jährling in
Elternterritorium
sendet
noch
adult in
Elternterritorium
FT15
(„Lea“)
24.03.2021
Welpe /
30 kg
NO
Welpe in
Elternterritorium
sendet
noch
Jährling in
Elternterritorium
Von den sieben besenderten Wölfen lieferten zu Berichtsende noch drei Daten. Zwei Tiere haben ihre
Halsbandsender vorzeitig verloren (siehe 3.1), bei zwei weiteren Tieren waren nach sieben bzw. 15.5
Monaten die Batterien der Sender leer (Tab. 2).
Tab. 2: Laufzeit der Halsbandsender, Anzahl Lokationsversuche und Anteil erfolgreicher Lokationsversuche
aufgeschlüsselt nach Individuum und Sendertyp.
Wolf
Hersteller
(Sendertyp)
Sender-
laufzeit [d]
Anz. Lokations-
versuche
Anteil erfolgreicher
Lokationen [%]
Bemerkung
FT11
("Lotta")
Followit (Tellus small
Iridium)
223
1426
93
Batterie leer
FT12
("Juli")
Followit (Tellus small
Iridium)
479
3582
91
Batterie leer
MT7
("Hans")
VECTRONIC (GPS
PLUS)
129
1511
85
Sender
verloren
MT8
(„Peter“)
VECTRONIC (VERTEX
LITE GSM)
600
4026
99
sendet noch
FT13
(„Cora“)
VECTRONIC (VERTEX
PLUS GSM)
32
554
91
Sender
verloren
FT14
(„Rona“)
VECTRONIC (VERTEX
LITE GSM)
260
1819
96
sendet noch
FT15
(„Lea“)
VECTRONIC (VERTEX
PLUS GSM)
251
1750
89
sendet noch

image
5
Abb. 1: Alle Lokationen der sieben besenderten Wölfe von Sommer 2019 bis zum 30.11.2021 aus der Lausitz (die
Abwanderung von FT12 aus der Lausitz ist in der Abb. 26 dargestellt).
3.1 Biographie der besenderten Wölfe
FT11 („Lotta“) / GW1147f
Kurz vor Mitternacht des 19.07.2019 wurde auf dem Westteil des Truppenübungsplatzes Oberlausitz
ein Fallenalarm ausgelöst. Ein Wolf hatte sich gefangen. Da die Betäubung und das Handling des Tieres
in den ersten Minuten des 20. Juli erfolgten, wird dieses Datum als Besenderungsdatum geführt. Die
junge Fähe wog 28 kg und hatte noch deutlich erkennbare Zitzen (Abb. 3), was darauf hinwies, dass sie
in den Wochen zuvor Welpen gesäugt hatte. FT11 („Lotta“) ist eine 2017 geborene Tochter der Fähe
GW401f des Rudels Neustadt / Spremberg. 2019 hat sie im Alter von zwei Jahren neben ihren Eltern
als zweite reproduzierende Fähe im Rudel Neustadt / Spremberg mindestens fünf Welpen aufgezogen.
Der Vater ihrer Welpen (GW1310m) war ein Rüde unbekannter Herkunft (d.h. seine Eltern sind in
Deutschland nicht genetisch erfasst), der im Februar 2019 einmal im Territorium Hornow
(Brandenburg), das benachbart zu Neustadt / Spremberg liegt, genetisch gesampelt wurde. Die
Vaterschaft von GW1310m wurde über die genetischen Profile der Welpen zugeordnet. Da dieser Rüde
im Territorium Neustadt / Spremberg nicht direkt nachgewiesen wurde und am 02.04.2020 deutlich
westlich im Raum Senftenberg tot aufgefunden wurde, ist es möglich, dass er von den Eltern von FT11
(„Lotta“) nicht im Rudel akzeptiert wurde und nur in der Paarungszeit kurz mit ihr zusammen war.

image
image
image
6
Abb. 2: Die Neustädter Fähe GW401f (vorn) und ihre Tochter, die einige Wochen später besenderte
FT11 („Lotta“) (hinten). Bei beiden Fähen ist deutlich ein Gesäuge zu erkennen. Foto: L. Piltz.
FT11 („Lotta“) zeigte während der Monate ihrer Besenderung durchgehend das Raumnutzungsmuster
eines territorialen Wolfes. Das Kerngebiet des Territoriums Neustadt / Spremberg ist die Slamener
Heide zwischen Spremberg und Neustadt / Spree. Interessant war, dass die Wölfin auch regelmäßig
Flächen zwischen den Orten Schwarze Pumpe und Spremberg aufsuchte. Um von der Slamener Heide
dorthin und wieder zurück zu gelangen, wurden auch schmale Grünstreifen zwischen Spremberg und
Trattendorf bzw. zwischen Trattendorf und Zerre genutzt. Dies geschah ausschließlich nachts.
Abb. 3: FT11 („Lotta“) nach ihrem Fang am 20.07.2019 und bei ihrem Totfund am 24.03.2020. Wölfe sind im
Sommer sehr kurzhaarig, während sie im Winterhalbjahr ein deutlich längeres, dichtes Winterfell ausbilden.
Fotos: LUPUS.

image
7
Abb. 4: FT11 („Lotta“) (rechts) und mehrere Welpen im September 2019. Foto: C. van Kempen / L. Pilz.
Im Februar 2020 änderte FT11 („Lotta“) ihre Raumnutzung dahingehend, dass sie nun ausschließlich
den nördlichen, überwiegend auf Brandenburger Seite liegenden Teil des Territoriums Neustadt /
Spremberg nutzte. Fotofallenaufnahmen aus dieser Zeit zeigen sie zusammen mit einem Rüden. Am
26. Februar 2020 hörte das Halsband ohne vorherige Störungen auf zu senden. Suchen nach dem VHF-
Signal blieben zunächst erfolglos. Am 24. März wurde unweit von Neustadt / Spree auf der Frequenz
des Senders ein „Recovery“-Signal empfangen. Das Recovery-Signal startet automatisch, wenn das
Halsband beschädigt ist. Bei der Nachsuche wurde die Wölfin tot gefunden (Abb. 3). Die Obduktion am
Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) Berlin ergab, dass sie in Folge massiver
Bissverletzungen gestorben war. Nach dem Befund war FT11 („Lotta“) beim Auffinden maximal seit
einer Woche tot, also zwischen dem 18. und dem 20. März gestorben, ihr Halsband hatte unabhängig
davon bereits drei Wochen zuvor aufgehört zu senden (in ihrem Halsband waren Daten bis zum
28.02.2020 gespeichert). Der Fundort der toten Wölfin lag im Grenzbereich zwischen den Territorien
Neustadt / Spremberg und Mulkwitz. Offensichtlich war es zwischen den Rudeln zu Revierstreitigkeiten
gekommen, die FT11 („Lotta“) nicht überlebt hat.
FT12 („Juli“) / GW1289f
Am 28.07.2019 wurde eine kleine Jährlingsfähe gefangen (Abb. 5). Die junge Wölfin wog 24,5 kg und
war so schlank, dass in das Senderhalsband zusätzliche Löcher gestanzt werden mussten. Auch
FT12 („Juli“) stammt aus dem Rudel Neustadt / Spremberg. Sie ist eine ein Jahr jüngere Schwester von
FT11 („Lotta“). Die Jährlingsfähe hielt sich nach ihrem Fang zunächst ebenfalls überwiegend in der
Slamener Heide zwischen Spremberg und Neustadt / Spree auf. Die Streifgebiete der beiden
Schwestern FT11 und FT12 überlappten sich in den ersten beiden Monaten ihrer Besenderung. Dies
lässt darauf schließen, dass auch FT12 („Juli“) im Sommer Kontakt zu den Welpen der Rudels Neustadt
/ Spremberg hatte. Im September verlagerte sie ihren räumlichen Schwerpunkt und nutzte nun vor
allem ein kleines Gebiet am Rand ihres elterlichen Territoriums.

image
image
8
Abb. 5: FT12 („Juli“) nach ihrem Fang am 28.07.2019. Fotos: LUPUS.
Im Zentrum ihres Geburtsterritoriums, in der Slamener Heide, hielt sie sich nun kaum noch auf. Dies
war ein erster Hinweis auf die bevorstehende Abwanderung der jungen Wölfin. Ab Oktober 2019 fing
FT12 („Juli“) an, Exkursionen zu unternehmen. Zunächst waren es nur kurze Ausflüge in die nähere
Umgebung ihres Elternterritoriums. Allmählich wurden die Ausflüge länger und weiter (siehe Kap. 3.3).
Im Februar wanderte die junge Fähe endgültig ab und etablierte im April 2020, mit fast zwei Jahren
(23 Monaten) in Mecklenburg-Vorpommern ein eigenes Territorium im Landgrabental (LGT). Dort
gesellte sich im Sommer 2020 ein junger Rüde aus dem Teichland Territorium zu ihr. Die junge Wölfin
hatte nun sowohl ein eigenes Territorium, als auch einen Partner gefunden mit dem sie eine Familie
gründen konnte. Im November 2020 fiel ihr Halsbandsender aus, da die Batterie leer war. Im Mai 2021
wurde FT12 („Juli“) hochtragend auf einem Feldweg im Landgrabental tot in einer Pfütze gefunden.
Die Obduktion am Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) Berlin ergab, dass die Fähe in
Folge von Geburtskomplikationen verendet war. Sie war mit 11 Föten trächtig, einer davon lag im
Geburtskanal quer.
MT7 („Hans“) / GW1061m
Am 30.12.2019 verirrte sich ein Wolf in einen Hinterhof von Görlitz (Abb. 6 und 7). Als sich die von
Anwohnern gerufene Polizei näherte, sprang das Tier in Panik durch ein Kellerfenster. Der
hinzugerufene Tierarzt des Tierparks Görlitz betäubte den verängstigten Wolf im Keller und
untersuchte ihn anschließend in seiner Tierklinik (Abb. 8). Außer leichten Schnittverletzungen war das
Tier unversehrt. Es handelte sich um einen jungen, adulten Rüden. Er wurde noch am selben Abend
und nach Rücksprache mit dem Bundesforstbetrieb Lausitz auf den DBU-Naturerbeflächen Daubaner
Wald, mit einem Senderhalsband versehen, wieder freigelassen. Der Wolf erhielt die Bezeichnung MT7
(„Hans“). Da die Identität des Tieres zunächst unklar war und vermieden werden sollte, dass es mit
dem dortigen Rudel in Konflikt kommt, wurde der Wolf nicht mitten im Daubaner Wald, sondern am
Rand freigelassen. Überraschender Weise lief der junge Rüde, nachdem er vollständig aus der Narkose
aufgewacht war, direkt in das Kerngebiet des Daubaner Rudels und verbrachte dort die nächsten acht
Tage. Die genetischen Untersuchungen lieferten die Erklärung für dieses Verhalten: MT7 („Hans“)
stammte aus dem Daubaner Rudel und war zufällig in sein Geburtsterritorium zurückgebracht worden.
Der Rüde war dort bereits zuvor mehrmals genetisch gesampelt worden. Er wurde 2017 geboren und
war somit bei seiner Besenderung gut 2.5 Jahre (32 Monate) alt.
Nach seinem missglückten Ausflug nach Görlitz hielt MT7 („Hans“) sich im Januar und Februar
überwiegend im Daubaner Wald auf. Auf Fotofallenaufnahmen aus dieser Zeit ist er mehrmals
zusammen mit seinen Eltern und anderen Rudelmitgliedern zu sehen. Ab und zu unternahm der junge
Rüde teils mehrtägige Ausflüge, kehrte jedoch stets in sein Elternterritorium zurück.

image
image
image
image
image
9
Abb. 6: Fundort des Wolfes in Görlitz. Das Tier ist wahrscheinlich entlang des grünen Korridors von Süden in die
Stadt gelangt.
Abb. 7: Anwohner machten Fotos eines sichtlich gestressten Wolfes in einem Hinterhof in Görlitz. Fotos: BILD
Dresden vom 30.12.2019.
Abb. 8: MT7 in der Tierarztpraxis und in der Transportkiste kurz vor seiner Freilassung. Fotos: LUPUS.

image
10
Auf einem solchen Ausflug wurde MT7 („Hans“) Anfang März 2020 bei Kamenz in einen Verkehrsunfall
verwickelt, den er überlebte (er wurde über genetische Proben, die am Fahrzeug genommen wurden,
identifiziert). Nach dem Unfall bewegte er sich sechs Tage nur kleinräumig. Das Senderhalsband wurde
vorübergehend auf eine engere Taktung gestellt, um das Verhalten des Tieres besser zu überwachen.
Eine Woche später kehrte der Rüde wieder in den Daubaner Wald zurück und nahm kurz darauf auch
seine Erkundungen wieder auf.
Abb. 9: MT7 („Hans“) im Daubaner Wald. Foto. Axel Gebauer.
Nach einer längeren Übertragungslücke sendete das Halsband Anfang Mai 2020 plötzlich aus der
Königsbrücker Heide und verstummte dann. Nachdem zwei Wochen lang keine weiteren Lokationen
von MT7 („Hans“) kamen, wurde vom Flugzeug aus nach dem VHF-Signal seines Senders gesucht.
Tatsächlich konnte der Sender in der Königsbrücker Heide lokalisiert werden. Bei der Vor-Ort-Kontrolle
am Boden wurde dort das Halsband gefunden. An der Stelle, an der die beiden Halsbandenden
miteinander verschraubt sind, hatten sich die Muttern gelöst und das Halsband war somit offen. Ein
letzter Nachweis des Wolfes gelang Mitarbeitern des NSG Königsbrück am 12. Mai 2020. Der Rüde war
an einer Wildkamera vorbeigelaufen. An dem Eindruck im Fell ist deutlich erkennen, dass der Wolf bis
vor kurzem ein breites Halsband trug (Abb. 10). Seither gab es keine weiteren Nachweise mehr von
MT7 („Hans“).

image
11
Abb. 10: Der letzte Nachweis von MT7 („Hans“) am 12. Mai 2020, fünf Tage nachdem er sein Halsband verloren
hat, in der Königsbrücker Heide. Foto: NSG Königsbrück.
MT8 („Peter“) / GW789m
MT8 („Peter“) wurde in den Morgenstunden des 09. April 2020 im Grenzbereich zwischen den
Territorien Milkel und Mulkwitz gefangen. Das Alter des kräftigen Wolfsrüden wurde auf fünf bis sechs
Jahre geschätzt. Da der Fangort unweit der Spree lag, wurde der Wolf nach der Untersuchung und
Besenderung in eine Aufwachkiste gelegt und gewartet, bis er wieder komplett aus der Narkose
aufgewacht war (Abb. 11). So wird verhindert, dass ein Tier, dass noch nicht wieder vollkommen wach
ist, ins Wasser geht und dort möglicher Weise ertrinkt. Zunächst wurde vermutet, dass es sich bei dem
Wolf um den Rüden des Milkeler Rudels handelt. Dies wurde durch die ersten Senderdaten widerlegt.
Sofort nach der Freilassung schwamm der Rüde durch die Spree und lief auf die Nochtener Innenkippe,
nördlich von Neustadt / Spree. MT8 („Peter“) war offensichtlich der Rüde des Rudels Mulkwitz. Die
genetischen Untersuchungen bestätigten dies. GW789m, ein Rüde unbekannter Herkunft, war 2017
das erste Mal im Milkeler Territorium gesampelt worden und ist seit 2018 der Vaterrüde im Rudel
Mulkwitz. Über den gesamten bisherigen Zeitraum seiner Besenderung zeigte MT8 („Peter“) die
typische Raumnutzung eines territorialen Wolfes und bewegte sich in einem eng begrenzten Gebiet,
von dem aus er nur selten Ausflüge in die benachbarten Territorien unternahm.

image
image
image
image
image
image
12
Abb. 11: MT8 / Peter nach dem Fang in Narkose (o.li.), in der Aufwachkiste kurz vor dem Freilassen (o. re.) und
beim Verlassen der Kiste (u. li). Auf dem Foto unten rechts hat er bereits die Richtung gewechselt und läuft
Richtung Spree. Auf der anderen Flussseite ist das Kerngebiet des Territoriums MUL. Fotos: LUPUS.
Im Sommer 2020 zog MT8 („Peter“) zusammen mit seiner Partnerin GW1766f, die aus dem
benachbarten Rudel Nochten stammt, drei Welpen auf. Im darauffolgenden Sommer 2021 konnten
dagegen keine Reproduktionsnachweise gefunden werden. Ein Fotofallenbild der Fähe aus dem Mai
2021 lässt kein Gesäuge erkennen. Falls sie Welpen zur Welt gebracht hat, so hat sie diese offenbar
kurz nach der Geburt verloren.
Abb. 12: Welpen des Rudels MUL im Sommer 2020. Fotos: LUPUS.
Zu Berichtschluss war MT8 („Peter“) nach wie vor der Rüde im Territorium Mulkwitz und sein
Senderhalsband funktionierte noch.

image
13
Abb. 13: MT8 („Peter“) im Mai 2021 aufgenommen von einer Wildkamera. Foto: LUPUS.
FT13 („Cora“) / GW2122f
FT13 („Cora“) wurde am 03. März 2021 als Welpenfähe des Rudels Daubitz II gefangen und besendert
(Abb. 14). Spuren und Reste von Wildtierrissen an nachgesuchten Lokations-Häufungen zeigten, dass
sie noch mit ihren Eltern und Geschwistern zusammenlief. Am 04. April 2021 setzte ihr Sender eine
Mortalitätsmeldung ab. Eine solche Meldung wird dann gesendet, wenn sich der Sender mehrere
Stunden lang nicht bewegt. Bei der Vor-Ort-Kontrolle wurde das Senderhalsband von FT13 („Cora“)
gefunden (Abb. 15). Das Halsband war stark zerbissen und war ihr offensichtlich bei Rangeleien mit
anderen Rudelmitgliedern über die Ohren gezogen worden. Beim Anlegen eines Halsbandsenders wird
darauf geachtet, dass der Wolf es sich nicht selbst abstreifen kann. Zu eng darf das Halsband jedoch
auch nicht anliegen, um das Tier nicht zu behindern. So, wie ein Hund sich aus einem Halsband winden
kann, wenn er sich mit aller Kraft rückwärts gegen die Leine stemmt, so kann auch ein Wolf sich
befreien, wenn das Halsband von einem anderen Wolf festgehalten wird, zumal wenn das Halsband
halb durchgebissen ist. Die genetische Analyse der am Halsband genommenen Tupferprobe wies
GW2123m, einen Bruder von FT13 („Cora“) nach. Dieser hat seine Schwester offenbar von dem
Halsband „befreit“, nur einen Monat nach ihrer Besenderung. Weitere Nachweise der Wölfin gab es
bisher nicht. Ohne Halsband ist sie auf den Fotofallenaufnahmen nicht zu erkennen. Es bleibt
abzuwarten, ob sie im Rahmen des Wolfsmonitorings erneut genetisch gesampelt wird.

image
image
image
14
Abb. 14: FT13 („Cora“) wacht langsam aus der Narkose auf. Foto: LUPUS.
Abb. 15: Fund des Halsbandes von FT13 („Cora“).
FT14 („Rona“) / GW1767f
Ein weiterer Wolf aus dem Rudel Daubitz II wurde am 15. März 2021 gefangen (Abb. 16). FT14 („Rona“)
war zum Zeitpunkt des Fangs fast zweijährig (ca. 22 Monate). Sie ist eine ein Jahr ältere Halbschwester
von FT13 („Cora“). Beide haben dieselbe Mutter, aber unterschiedliche Väter. In den ersten Wochen
ihrer Besenderung wurde die junge Fähe häufig unmittelbar am Schutzzaun gegen die Afrikanische
Schweinepest (ASP-Zaun) lokalisiert, der im Herbst 2020 um den gesamten Ostteil des
Truppenübungsplatzes Oberlausitz gezogen worden war (s. 3.4). Anhand des Bewegungsmusters ergab
sich der Eindruck, dass die junge Fähe immer wieder nach einer Stelle suchte, den Zaun zu überwinden.
Dies hat sie bis zum Berichtsschluss nicht getan. Fotofallenaufnahmen des Bundesforstbetriebes
Lausitz aus dem Sommer 2021 zeigten, dass die Wölfin überwiegend alleine und nicht mit den anderen
Rudelmitgliedern zusammenlief. Die Lokationen von FT14 („Rona“) erlaubten daher auch keine
Rückschlüsse darauf, wo das Rudel Daubitz II seine Welpen aufzog.

image
image
15
Abb. 16: FT14 („Rona“) kurz nach ihrem Fang. Foto: LUPUS.
Im ersten halben Jahr ihrer Besenderung nutzte FT14 („Rona“) noch das gesamte umzäunte Gebiet,
hielt sich jedoch auffallend oft im Randbereich, insbesondere im Norden und Nord-Westen auf. Ab
September 2021 bis Berichtsschluss zeigte die junge Wölfin eine deutlich eingeschränkte
Gebietsnutzung. In den süd-östlichen Bereich des Ostteils des Truppenübungsplatzes lief sie nun fast
gar nicht mehr, auch die große Freifläche in der Mitte mied sie deutlich. Im süd-östlichen Teil des
Truppenübungsplatzes lag im Spätsommer der Rendezvous-Platz des Rudels Daubitz II. Ab Herbst 2021
war FT14 („Rona“) auf Fotofallenaufnahmen wiederholt zusammen mit einem anderen Wolf zu sehen
(Abb. 17). Ob es sich dabei immer um dasselbe Individuum handelt, ist unklar.
Abb. 17: FT14 („Rona“) zusammen mit einem weiteren Wolf am 15.09.2021 an einer Wasserstelle. Foto: A.
Gebauer.

image
image
image
image
16
FT15 („Lea“) / GW2110f
Am 24.03.2021 wurde eine Welpenfähe (11 Monate) des Rudels Nochten gefangen und besendert
(Abb. 18). Für einen weiblichen Welpen war das Tier groß und kräftig (30 kg). Die junge Wölfin hatte
an beiden Oberschenkeln Bissverletzungen, die bereits am Abheilen waren. Die Wunden wurden
gereinigt, desinfiziert und mit Wundsalbe behandelt. Die Wölfin erhielt die Bezeichnung FT15 („Lea“).
Abb. 18: FT15 („Lea“) während der Untersuchung. Foto: LUPUS.
Kurz nach ihrer Besenderung unternahm sie einen Ausflug in das Waldgebiet zwischen Weißwasser
und Krauschwitz; seither war sie nicht mehr dort. Daher ist davon auszugehen, dass dieses Gebiet nicht
zum Territorium des Nochtener Rudels gehört. Im Sommer ließen die Lokationen der jungen Fähe
Rückschlüsse auf den ungefähren Aufenthaltsort der Welpen zu. Offenbar half sie bei der Aufzucht
ihrer jüngeren Geschwister. Auf Fotofallenaufnahmen ist sie zusammen mit ihrer Mutter (GW731f) zu
sehen (Abb. 19). Im Herbst 2021 hielt die inzwischen eineinhalbjährige Fähe noch immer engen
Kontakt in ihrem Elternrudel (Abb. 20).
Abb. 19: FT15 („Lea“) kurz hinter ihrer Mutter, der Fähe GW731f (rechts). Fotos: Bundesforst.

image
17
Abb. 20: FT15 („Lea“) im November 2021 zusammen mit anderen Rudelmitgliedern. Foto: Bundesforst.
3.2 Raumnutzung und Streifgebietsgrößen
Von den im Rahmen dieses Projektes besenderten Wölfen waren zwei Tiere bereits bei der
Besenderung adult und territorial: FT11 („Lotta“) als zweite Fähe des Rudels Neustadt / Spremberg
und MT8 („Peter“) als Rüde des Rudels Mulkwitz. FT11 lebte als zweite reproduzierende Fähe in ihrem
Elternterritorium und zeigte dementsprechend das räumliche Verhalten einer territorialen Wölfin. Das
Raumverhalten von FT12 („Juli“) konnte von ihrer Zeit als Jährlingsfähe im elterlichen Territorium, über
die Phase ihrer Abwanderung bis zur Etablierung eines eigenen Territoriums im Landgrabental (LGT,
Mecklenburg-Vorpommern) verfolgt werden. Aus der territorialen Phase im LGT liegen Senderdaten
aus sieben Monaten vor. FT12 („Juli“) ist somit der dritte territoriale Wolf, von dem in diesem Projekt
die Territoriengröße ermittelt werden konnte.
Vom Rüden des Rudels Mulkwitz, MT8 („Peter“), lagen zu Berichtsschluss Senderdaten aus 19 Monaten
vor und damit deutlich länger als von den beiden Fähen. Um die Vergleichbarkeit mit anderen
Datensätzen zu gewährleisten, ist es sinnvoll nur die Werte maximal eines Jahres für die Kalkulation
von Territoriumsgrößen zu verwenden. Durch die Verschiebung von Territorien können diese sonst
größer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Legt man den Wert des 2. Besenderungsjahres von MT8 zu
Grunde, beträgt die mittlere Territoriumsgröße der drei territorialen Wölfe (MT8, FT11, FT12) 217 km²
MCP100 (± 111 SD) bzw. 134 km² MCP95 (± 62 SD).

image
18
Abb. 21: Raumnutzung der sieben besenderten Wölfe vom Sommer 2019 bis zum 30.11.2021 in der Lausitz.
Die Größen der Streifgebiete (Home Range) von Jungwölfen ohne eigenes Territorium können nicht
ohne weiteres mit den Territoriengrößen ihrer Eltern gleichgesetzt werden. Wölfe, die noch kein
eigenes Territorium haben, können auch Gebiete durchstreifen, die deutlich außerhalb ihrer
Elternterritorien liegen, so wie zum Beispiel FT12 („Juli“) und MT7 („Hans“). Der Rüde MT7 war zwar
zum Zeitpunkt seiner Besenderung schon adult, hielt sich jedoch noch überwiegend im Territorium
seiner Eltern auf. Allerdings unternahm er teils ausgiebige Exkursionen in die umliegenden Gebiete.
Insgesamt durchstreifte er in den gut vier Monaten seiner Besenderung eine Fläche von 2600 km².
Die beiden im März 2021 besenderten Fähen FT14 („Rona“) und FT15 („Lea“) hielten sich zu
Berichtsschluss noch in ihren jeweiligen Elternterritorien auf. Beide sind zwar keine Territorieninhaber,
in ihren Fällen entsprechen die Größen ihrer Home Ranges jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit in
etwa der Größe ihrer Elternterritorien. Im Fall von FT14 („Rona“) wurde der Ostteil des TrÜbPl
Oberlausitz im Herbst 2020 als Maßnahme gegen die Afrikanische Schweinepest (ASP) komplett
eingezäunt. Das Territorium des Rudels Daubitz II wurde dadurch auf eben diesen umzäunten Bereich
beschränkt, den FT14 („Rona“) bis zu Berichtsschluss nicht verlassen hat. FT15 („Lea“) unternahm bis
Ende November kaum Exkursionen außerhalb von ihrem hauptsächlich genutzten Gebiet. Dies, sowie
Fotofallenaufnahmen, die sie zusammen mit oder in kurzem zeitlichem Abstand zu anderen
Rudelmitgliedern zeigen, spricht dafür, dass ihr Streifgebiet sich bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend
mit dem Territorium ihrer Eltern deckte. In Abbildung 21 ist deutlich der Unterschied zwischen der
Raumnutzung territorialer Wölfe (FT11, MT8) bzw. von residenten Jungwölfen, die noch kein
Abwanderungsverhalten zeigen (FT14, FT15) und Individuen in der Abwanderung (MT7, FT12) zu
erkennen. Werden die Daten der beiden jungen Wölfinnen FT14 und FT15 als Äquivalente für die
Größe ihrer Elternterritorien gewertet, so ergibt sich für die fünf Territorien N, MUL, LGT, DZ II und NO
für die Jahre 2019 bis 2021 eine durchschnittliche Territoriengröße von 178 km² MCP100 (± 96 SD)

image
19
bzw. 116km² MCP95 (± 51 SD). Die bisher in diesem Projekt ermittelte durchschnittliche
Territoriengröße bezogen nur auf die Lausitz (N, MUL, DZ II, NO) beträgt 139 km² (± 46 SD) und 94 km²
MCP95 (± 16 SD). Hierbei ist zu berücksichtigen, dass das Rudel Daubitz II in seinem Kerngebiet
eingezäunt wurde und die ermittelte Streifgebietsgröße von FT14 („Rona“) durch den ASP-Zaun
künstlich herbeigeführt wurde (siehe Kap. 4.1). Die Daten von FT13 („Cora“) wurden hier nicht
berücksichtigt, da sie nach nur einem Monat ihr Senderhalsband verlor.
Tab. 3: Territorien- bzw. Streifgebietsgrößen von sieben Wölfen, die im Rahmen dieses Projektes besendert
wurden. Von FT12 ist nur die Zeit berücksichtigt, in der sie territorial war. Die Sender von MT8, FT14, FT15
lieferten bei Berichtsschluss am 30.11.2021 noch Daten. Weibchen sind mit FT bezeichnet, Männchen mit MT.
Wolf
Status
(Alter)
Territorium
von
bis
Tage
MCP100 MCP95
FT11
2. territoriale Fähe
(adult)
N
20.07.2019 28.02.2020
223
205
117
FT12
territoriale Fähe
(adult)
LGT
15.04.2020 18.11.2020
217
333
203
MT7
explorativer Disperser
(adult)
DN*
30.12.2019 07.05.2020
129
2600
-
MT8**
territorialer Rüde
(adult)
MUL
09.04.2020 09.04.2021
365
92
48
MT8**
territorialer Rüde
(adult)
MUL
10.04.2021 30.11.2021
234
113
82
FT13
noch in Elternterritorium
(Welpe)
DZ II
03.03.2021 04.04.2021
32
80
77
FT14
noch in Elternterritorium
(adult)
DZ II
15.03.2021 30.11.2021
260
101
83
FT15
noch in Elternterritorium
(Jährling)
NO
24.03.2021 30.11.2021
251
138
93
* DN ist das Elternterritorium von MT7, in dem er sich überwiegend aufhielt und wohin er von seinen
Exkursionen immer wieder zurückkehrte.
**Für MT8 wurden die Daten aus den beiden Senderjahren gesondert berechnet.
Werden die Streifgebietsgrößen kumulativ berechnet (Abb. 22), so zeigt sich, dass in den relativ kleinen
Gebieten in der Lausitz bereits nach wenigen Untersuchungsmonaten eine robuste Aussage über die
genutzte Gebietsgröße der residenten Tiere möglich ist, während die Größe für das MCP100 des
Territoriums LGT in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Ende der Senderlaufzeit noch anstieg. Der
Wert für das MCP95 im LGT stabilisierte sich dagegen nach fünf bis sechs Monaten.
Abb. 22: Entwicklung der Territorien- bzw. Streifgebietsgrößen mit Dauer der Besenderung. Für FT12 wurden
nur Daten aus ihrem Territorium LGT verwendet. Für MT8 wurden die Daten aus den beiden Senderjahren
gesondert berechnet.

image
20
Abb. 23: Die MCP100 aller residenten Wölfe aus dem aktuellen Besenderungsprojekt.

image
image
21
Abb. 24: Die MCP der in der Lausitz residenten Wölfe FT11, MT8, FT14 und FT15 (für MT8 sind die MCP aus
dem zweiten Jahr seiner Besenderung).

22
3.3 Abwanderungen
Im Rahmen dieser Untersuchung konnte das Abwanderungsverhalten von zwei Wölfen, FT12 („Juli“)
und MT7 („Hans“) beobachtet werden. Beide zeigten zunächst ein exploratives Dispersal, d. h. sie
unternahmen von ihren Elternterritorien ausgehend Exkursionen in die umliegenden Gebiete, von
denen aus sie immer wieder nach Hause zurückkehrten. MT7 verirrte sich bei einer solchen Exkursion
in das Stadtgebiet von Görlitz, wo er in einem Hinterhof in eine Sackgasse geriet, durch ein
Kellerfenster sprang und von einem Tierarzt aus seiner Zwangslage befreit wurde. Bei dieser Aktion
wurde ihm der Halsbandsender angelegt. Auch im Alter von fast drei Jahren hielt sich der Rüde noch
überwiegend im Kerngebiet seines Geburtsterritorium auf. Foto- und Videoaufnahmen aus dieser Zeit
belegen, dass er dort nach wie vor im Rudel akzeptiert war und mit seinen Eltern und jüngeren
Geschwistern mitlief. Die Ausflüge, die er von hieraus vor allem in östliche und westliche Richtung
unternahm, dauerten meist nur wenige Tage. Der weiteste führte ihn bis auf die Höhe von Kliczkow in
Polen, ca. 60 km von seinem Heimatterritorium entfernt (Abb. 21). Anfang Mai 2020 verlor er sein
Senderhalsband in der Königsbrücker Heide, ca. 50km vom Daubaner Wald entfernt. Danach verlieren
sich die Hinweise auf MT7 („Hans“); sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Die junge Fähe FT12 („Juli“) begann im Oktober 2019 im Alter von 18 Monaten von ihrem
Geburtsterritorium Neustadt / Spremberg aus, Exkursionen zu unternehmen. Davor hatte sie sich
einige Wochen überwiegend am Rand ihres Elternterritoriums in einem kleinen Gebiet aufgehalten.
Offenbar vermied sie den Kontakt zu anderen Rudelmitgliedern. Im Vergleich zu MT7 dauerten die
Ausflüge von FT12 deutlich länger. Mehrere Wochen lang hielt sie sich zum Beispiel im Territorium
Welzow auf, das benachbart zum Territorium Neustadt / Spremberg liegt. Auch das Territorium
Teichland, östlich von Cottbus, suchte sie mehrfach auf. Auf ihren Ausflügen überquerte die junge
Wölfin immer wieder die Autobahn A15. Nachdem sie sich im Dezember 2019 erneut überwiegend in
dem kleinen Gebiet am Rand ihres Elternterritoriums aufgehalten hatte, nahm sie im Januar ihre
Exkursionen wieder auf.
Im Januar 2020 verbrachte FT12 („Juli“) zunächst erneut mehrere Tage im Teichland-Territorium, dann
lief sie am 25.01. weiter nach Nord-Westen, bis sie auf Höhe des Tropical-Islands auf die A13 stieß. Von
hier aus lief die Wölfin in der Nacht parallel zur Autobahn nach Norden und kam am Morgen am
Autobahnkreuz Schönefeld an. Dort verbrachte sie den Tag (27.01.) in den Rieselfeldern südlich des
Berliner Rings (A10). In der Nacht zum 28.01. lief sie weiter nach Norden, überquerte die A10 und die
Stadtautobahn A117, bis sie an die Stadtgrenze von Berlin stieß. Hier wandte sie sich nach Osten und
gelangte durch einen schmalen Waldkorridor entlang der Brandenburg-Berliner Grenze in ein
Waldstück, das entlang des Adlergestells zwischen Grünau und Eichwald / Schmöckwitz liegt. Nach
Osten ist dieses Waldstück durch den Langen See begrenzt, auf den anderen Seiten schließt sich
ringsum dichte Bebauung an (Abb. 25). Das ca. 800 ha große Gebiet wird von einer stark befahrenen
Straße (Adlergestell) und Bahnlinien (inklusive ein Bahndreieck) durchschnitten und ist offizielles
Hundeauslaufgebiet. Es gibt für einen Wolf nur zwei Wege aus dieser Sackgasse heraus: über den hier
ca. 500m breiten See zu schwimmen (ohne zu wissen, was sich auf der anderen Seite befindet) oder
den gleichen Weg wieder zurückzulaufen, den die Wölfin gekommen war. Den gleichen Weg zurück zu
laufen bedeutete allerdings, dass FT12 („Juli“) erneut über 20 km durch deckungsarmes Gebiet
zwischen der A13 und dem Siedlungsbereich von Königs Wusterhausen und Bestensee laufen musste,
bevor sie wieder in ein größeres Waldgebiet kommt, das Ruhe und Deckung bietet. Für einen Wolf, der
diesen Weg bereits einmal gelaufen ist, sicherlich keine verlockende Option.

image
image
23
Vier Tage und Nächte blieb FT12 („Juli“) in dem Waldstück am Langen See und suchte nach einem
Ausweg (Abb. 25). Am ersten Tag bewegte sie sich in den Tagesstunden kaum. Das änderte sich in den
folgenden Tagen, an denen sie auch in den Tagesstunden aktiv war, dafür zum Teil in der Nacht ruhte.
Mindestens viermal überquerte sie in dieser Zeit das Adlergestell, einmal mitten am Tag. In der Nacht
zum ersten Februar verließ sie schließlich das schützende Waldstück und lief zügig den Weg den sie
gekommen war wieder zurück, überquerte die A10 und verbrachte den Tag verborgen in einem
Strauchkomplex in den Rieselfeldern nordwestlich von Königs Wusterhausen. Nachts lief sie weiter
und bog südlich von Bestensee nach Osten ab. Aber auch hier schien sie nicht weiter zu kommen. Im
Norden und Südosten stieß sie an mehreren Stellen auf Seen, die dieses Gebiet fast kreisförmig
umgeben. Nach zwei Tagen kehrte sie in das Gebiet des Teichland-Rudels zurück, von dem aus sie 12
Tage zuvor gestartet war. Vor hier aus unternahm FT12 („Juli“) noch zwei Exkursionen nach Polen und
kehrte am 16. Februar 2020 ein letztes Mal in ihr Geburtsterritorium Neustadt / Spremberg zurück.
Abb. 25: Ende Januar 2020 gerät FT12 („Juli“) auf ihrer Wanderung nach Berlin. Vier Tage sucht sie nach einem
Ausweg aus der Sackgasse, dann läuft sie wieder dahin zurück, woher sie gekommen ist. Die rechte Abbildung
ist ein Ausschnitt aus der linken. Die Laufrichtung ist mit Pfeilen markiert.
Allerdings hielt sich die Wölfin hier nicht lange auf, sondern lief bereits am nächsten Tag erneut nach
Norden und verbrachte vier Tage auf der Höhe zwischen Guben und Forst auf der polnischen Seite der
Neiße. Anschließend kehrte sie auf die deutsche Seite zurück und lief zügig in nördliche Richtung
weiter, bis an den Rand der Schorfheide. Von hier aus führte ihre Route immer weiter nordwärts nach
Mecklenburg-Vorpommern, wo sie am 01. März den Truppenübungsplatz Jägerbrück überquerte (der
alte Rüde des örtlichen Ueckermünder Rudels war 2007 aus dem Neustädter Rudel dorthin
abgewandert). Die junge Wölfin versuchte zunächst ihren Weg in nördliche Richtung fortzusetzen,
durch den Küstenverlauf der Ostsee (Stettiner Haff, Strelasund, Barther Bodden) wurde ihre Route
jedoch immer weiter nach Westen gebogen, bis FT12 („Juli“) am Mittag des 3. März am Saaler Bodden
in einem kleinen Feldgehölz strandete. Nach Norden und Westen war ihr der Weg durch die Ostsee

24
bzw. den Bodden abgeschnitten. Schließlich schlug die Wölfin den Rückweg ein und lief die letzten ca.
140 Kilometer ihrer Wanderung wieder zurück, bis in die Brohmer Berge im Südosten Mecklenburg-
Vorpommerns. Innerhalb von vier Wochen (vom 16. Februar bis zum 16. März 2020) hatte die junge
Wölfin, die zu Hause so kleinräumig unterwegs war, mindestens 784 km zurückgelegt und dabei
fünfmal Autobahnen überquert (A15, A12, A11; Abb. 26).
Im April 2020 verlagerte FT12 („Juli“) ihren räumlichen Schwerpunkt von den Brohmer Bergen in das
nördlich davon gelegene Landgrabental. Anfänglich unternahm sie von hier aus noch mehrere
Exkursionen in die Waldgebiete der Brohmer Berge und bei Torgelow. Offenbar waren diese
Waldkomplexe jedoch bereits von anderen Wölfen besetzt, so dass sie schließlich im Alter von knapp
zwei Jahren ihr eigenes Territorium im Landgrabental (LGT) etablierte. Die Abwanderungsdistanz
zwischen ihrem Geburtsterritorium (N) und ihrem Paarungsterritorium (LGT) betrug Luftlinie
(gemessen zwischen den beiden Mittelpunkten) 253 km. Im Sommer gesellte sich hier der Rüde
GW1813m zu ihr. Er stammt aus dem Rudel Teichland, dessen Territorium FT12 („Juli“) im
vorangegangenen Herbst / Winter mehrfach besucht hatte. Da der Rüde im Juni 2020 noch genetisch
in Brandenburg nachgewiesen wurde, ist sicher, dass die beiden Wölfe nicht zusammen nach
Mecklenburg-Vorpommern abgewandert sind.

image
25
Abb. 26: Bewegungsmuster von FT12 („Juli“) während ihrer Senderlaufzeit sowie die MCP100 ihres
Geburtsterritoriums Neustadt / Spremberg (MCP100 von FT11) und ihres Paarungsterritoriums Landgrabental.
3.4 Auswirkungen des ASP-Zauns auf die Raumnutzung der besenderten Wölfe
Im Winter 2019 / 2020 wurden zur Abwehr der Afrikanischen Schweinepest (ASP) entlang der deutsch-
polnischen Grenze Elektrozäune gezogen. Anhand der Lokationen von FT12 („Juli“) und MT7 („Hans“)
zeigte sich, dass diese Zäune zumindest für Wölfe keine Barriere waren (siehe Abb. 21). Nachdem im

image
image
26
Herbst 2019 erste Fälle der ASP auch im Osten Deutschlands nachgewiesen wurden, begann der Bau
von ASP-Zäunen im Auftrag der zuständigen Behörden auch im Landesinneren. Das Vorgehen ist dabei
von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Bereits im Herbst 2020 wurde unter anderem der
gesamte Ostteil des Truppenübungsplatzes auf Anordnung der Überwachungsstelle für Öffentlich-
Rechtliche Aufgaben der Bundeswehr (ÖRA) eingezäunt. Zunächst mit einem Elektrozaun, später mit
einem 1 m-hohen Festzaun. Der Zaun hat eine ca. 60cm breite Zaunschürze als Untergrabungsschutz.
In einigen Bereichen ist an der Außenseite des Zauns zusätzlich ein stromführender Draht in 20 cm
Höhe angebracht, um zu verhindern, dass Wildschweine sich von außen nach innen durchgraben
(Abb. 27).
Abb. 27: Festzaun, um den Ostteil des Truppenübungsplatzes Oberlausitz. Fotos: LUPUS.
Die im März 2021 besenderte Wölfin FT14 („Rona“) hat in den bisher acht Monaten ihrer Besenderung
den Zaun nicht überquert, obwohl sie sich häufig im Randbereich des umzäunten Gebietes aufhält und
wenig Kontakt zu anderen Rudelmitgliedern hat. Die Lokationsdaten zeigen, dass sie immer wieder am
ASP-Zaun entlangläuft. Auch die im Juni in den Zaun nachträglich eingebauten Querungshilfen
(Plastikröhren mit einem Durchmesser von 36 cm) hat sie bisher nicht angenommen. Vereinzelt
wurden inzwischen Untergrabungen des Zauns festgestellt und im Oktober 2021 zeigen
Fotofallenaufnahmen des Bundesforstbetriebs Lausitz, dass mindestens ein Wolf des Rudels Daubitz II
gelernt hat, über den Zaun zu springen - ein Jahr nach dem Zaunbau. Die inzwischen 2.5-jährige Wölfin
FT14 („Rona“) hat dies bis Berichtsschluss noch nicht gelernt.

image
27
Abb. 27: Raumnutzung der drei Wölfe, die im Herbst 2021 noch Senderdaten lieferten in Bezug auf die ASP-
Zäune.
Die beiden anderen Wölfe, deren Senderhalsband im Herbst 2021 noch Daten lieferten, MT8 („Peter“)
und FT15 („Lea“) sind weniger stark von den ASP-Zäunen betroffen. Im Falle des Nochtener Rudels von
FT15 wurde der Ostteil des Territoriums mit einem Elektrozaun ein- und die Wölfe dadurch quasi
ausgezäunt. In diesem vorher intensiv vom Rudel Nochten genutzten Gebiet, sind die Wölfe dieses
Rudels jetzt kaum noch anzutreffen. Der ASP-Zaun im Westen des Territoriums Mulkwitz (MT8) wurde
erst
im
Sommer
2021
gebaut.
MT8
hat
die
Zaunlinie
danach
mehrfach
gequert.
Querungsmöglichkeiten bestehen entlang der Bahnlinie, die durch das Gebiet führt, durch
Streusiedlungen und an defekten Zaunabschnitten / offenen Toren. Solche Querungsmöglichkeiten
sind im Gebiet von FT14 („Rona“) nicht gegeben.
4. Diskussion
4.1 Streifgebietsgrößen und Raumnutzung
Territorien sind per Definition Gebiete, die verteidigt werden (Burt 1943
fide
Mech & Boitani 2003).
Das können Futtergründe sein, zum Teil winzige Paarungsterritorien oder ganze Streifgebiete. Nicht
alle Tierarten sind territorial und manche Arten zeigen nur zu einer bestimmten Jahreszeit
Territorialverhalten (z.B. Rehböcke, Liberg et al. 1998, Damhirsche zur Paarungszeit, Alvarez et al.
1990). Es gibt auch Arten, die je nach Ressourcenverfügbarkeit territorial sind oder nicht (z. B. Dachse
Meles meles,
Sleeman & Mulcahy 2005).
Wölfe sind strikt territorial (Literaturüberblick in Mech & Boitani 2003). Bei ihnen entspricht das
Territorium ihrem Streifgebiet (home range). Benachbarte Rudel konkurrieren um Platz und

28
Ressourcen und tendieren zur Expansion (Mech & Boitani 2003). Territoriumsinhaber sind die
(potentiellen) Elterntiere, die ihr Territorium gegen fremde Wölfe verteidigen. Dafür markieren sie ihr
Revier mit Kot, Urin und Heulen und machen so ihren Gebietsanspruch geltend. Wolfsterritorien sind
keine statischen Gebilde mit feststehenden Grenzen. Ihr Grenzverlauf wird zwischen Nachbarn immer
wieder neu verhandelt (Mech & Boitani 2003). Reichen die olfaktorischen und akustischen
Markierungen hierfür nicht aus, kann es zu Kämpfen zwischen benachbarten Rudeln kommen, die bis
zum Tod führen können.
Von den im Rahmen dieses Projektes besenderten Tieren waren zwei bereits bei ihrer Besenderung
erwachsene Territoriumsinhaber (FT11, MT8). Von FT12 („Juli“) liegen sowohl Telemetriedaten aus der
Zeit vor, als sie sich noch in ihrem Elternterritorien aufhielt, als auch aus der Zeit, nachdem sie ein
eigenes Territorium etabliert hatte. Das Streifgebiet von Nachkommen, die noch in ihrem Geburtsrudel
leben, muss nicht mit dem Territorium ihrer Eltern identisch sein. Manche nutzen ein deutlich kleineres
Gebiet. Häufig ist ihr Streifgebiet jedoch größer als das elterliche Territorium, da sie von hier aus
Exkursionen in umliegende Areale unternehmen (Reinhardt & Kluth 2015). Dies traf für MT7 („Hans“)
und für FT12 („Juli“) zu, solange sie noch in der Lausitz lebte. Im Fall der beiden Wölfinnen FT14
(„Rona“) und FT15 („Lea“) kann dagegen davon ausgegangen werden, dass sich ihr Streifgebiet
ziemlich genau mit dem Territorium ihrer Eltern deckt. Bei FT14 ist dies der Fall, weil das Rudel DZ II
durch den ASP-Zaun in seinem Kerngebiet eingezäunt wurde und der Zaun bis Berichtsschluss von den
Wölfen kaum, von FT14 gar nicht, überwunden wurde. FT15 hält noch engen Kontakt zu ihren Eltern
und Geschwistern und hat bisher kaum Ausflüge außerhalb des Territoriums Nochten unternommen.
Vergleicht man nur die Daten aus der Lausitz aus den Jahren 2019 bis 2021 mit denen aus
vorangegangen Untersuchungen von 2009 bis 2014, so hat sich die durchschnittliche Größe der
Wolfsterritorien deutlich verringert (MCP100 von 350 auf 139 km² und MCP95 von 224 auf 94 km²).
Allerdings ist der Datensatz sehr klein und die Varianz zwischen den Individuen groß. Bereits 2013 gab
es schon Territorien, die der jetzigen Durchschnittsgröße entsprachen (Reinhardt & Kluth 2015).
Dennoch ist es offensichtlich, dass sich die durchschnittlichen Territoriengrößen seither verringert
haben. Der limitierende Faktor für die Territoriengröße ist vor allem die Nahrungsverfügbarkeit (Fuller
et al. 2003). In Gebieten mit hoher Beutetierdichte können Wolfsterritorien deutlich kleiner sein, als
dort wo sich wenige Beutetiere auf großer Fläche verteilen. In Europa sind die Wolfsterritorien im
hohen Norden erheblich größer als in Mittel- oder Südeuropa (Jedrzejewski et al. 2001), was mit der
unterschiedlichen Produktivität dieser Gebiete zusammenhängt. Je üppiger das Pflanzenwachstum,
desto mehr Pflanzenfresser und damit potentielle Beutetiere können in einem Gebiet leben und desto
kleiner können Wolfsterritorien sein. Allerdings werden am Anfang einer Besiedlung die Territorien oft
deutlich größer gewählt, als es unbedingt notwendig ist, so auch in der Lausitz. Wenn es keine
konkurrierenden Nachbarn gibt, kann man sein Gebiet relativ großzügig abstecken. Mit zunehmender
Besiedlung und Konkurrenz schrumpfen dann die Territorien bis auf eine Größe, die notwendig ist, um
im Jahresverlauf in diesem Gebiet leben und Nachkommen aufziehen zu können. Kleine
Wolfsterritorien kann es mittelfristig nur dort geben, wo die Nahrungsverfügbarkeit hoch ist.
In den letzten Jahren ist in der Lausitz eine hohe Dynamik in der räumlichen Struktur des
Wolfsbestandes zu beobachten. Wolfsterritorien werden verschoben, neue gegründet und bereits
bestehende verschwinden wieder. Die Karten in denen die ungefähre Lage der Wolfsterritorien
eingezeichnet werden, ändern sich von Jahr zu Jahr deutlich. Diese Dynamik in den Lausitzer
Wolfsterritorien zeigt, dass die Konkurrenz zwischen benachbarten Rudeln groß ist. Immer wieder
kommt es inzwischen auch zu Kämpfen mit tödlichem Ausgang. Die relativ geringe Territoriengröße

29
passt in dieses Gesamtbild. Trotzdem sind die Ergebnisse dieser Untersuchung auf Grund der geringen
Stichprobengröße mit Vorsicht zu interpretieren. Es ist möglich, dass die durchschnittliche
Territoriengröße in der Lausitz größer ist, als es anhand der vorliegenden Daten erscheint. Die Situation
von zwei der vier hier untersuchten Wölfe ist speziell: 1) Die Einzäunung des Rudels Daubitz II (FT14 /
„Rona“) auf dem Ostteil des Truppenübungsplatzes, wodurch die Territoriumsgröße dieses Rudels
deutlich verringert wurde. Fotos und Genetikergebnisse aus den vorangegangenen Jahren belegen,
dass das Rudel Daubitz II zuvor auch Flächen außerhalb des Truppenübungsplatzes und damit ein
größeres Gebiet als aktuell nutzte. 2) MT8 („Peter“), der Rüde des Rudels Mulkwitz befindet sich in
einer anderen, jedoch ebenfalls besonderen Situation. Sein Territorium liegt am Westrand des aktiven
Braunkohletagebaus Nochten, der sich immer weiter nach Westen voran gräbt. Das bedeutet zum
einen, dass immer größere Flächen des Territoriums MUL für die Wölfe nicht mehr nutzbar sind, da sie
weder Deckung noch Nahrung enthalten. Offenbar versucht MT8 das auszugleichen, in dem er
vermehrt in Richtung Norden und Osten vorstößt. Die voranschreitende Tagebaugrube bringt
allerdings auch mit sich, dass die Tiere, die bisher auf den nun abgebaggerten oder zum Abbau
vorbereiteten Flächen gelebt haben, von der Grube verdrängt werden. Die Wilddichte im Territorium
MUL ist daher sehr groß, wie Fotofallenaufnahmen belegen. Potentielle Beutetiere, wie Rothirsche,
Rehe und Wildschweine, denen buchstäblich der Boden unter den Hufen abgegraben wird, kommen
hier, am Rand der Tagebaugrube, in hohen Dichten vor. Entsprechend klein kann ein Wolfsterritorium
in einem solchen Gebiet sein.
4.2 Exkursionen und Abwanderungen
Die meisten Wölfe wandern aus ihrem Geburtsrudel ab (Mech & Boitani 2003). Die Abwanderung eines
jungen Tieres von dem Ort, an dem es geboren wurde, zu dem, an dem es sich das erste Mal fortpflanzt,
wird als Dispersal bezeichnet (Bekoff 1977
fide
Mech & Boitani 2003). Bis auf die wenigen Tiere, die
innerhalb ihres Elternrudels eine Paarungsposition übernehmen, verlässt jeder Wolf das Rudel, in dem
er geboren wurde (Mech & Boitani 2003).
Bei Wölfen wandern beide Geschlechter ab. Die Mehrzahl der Jungwölfe verlässt ihr Elternrudel im
Alter von 11 – 24 Monaten (Überblick in Mech & Boitani 2003), wobei es regional große Unterschiede
geben kann. In Finnland wandern die meisten Wölfe bereits in einem Alter von 11 bis 12 Monaten ab
(Kojola et al. 2006). In anderen Gebieten bleiben Wölfe deutlich länger in ihrem Geburtsrudel und
einige wenige verbringen dort sogar ihr ganzes Leben (Pedersen et al. 2005). In Spanien betrug das
durchschnittliche Dispersalalter 25 Monate (18 – 31 Monate; Blanco & Cortes 2007). In Deutschland
scheint das Abwanderungsalter stark zu variieren. Es wurden sowohl Individuen nachgewiesen, die
bereits deutlich vor dem Ende ihres ersten Lebensjahres abwanderten, als auch solche, die länger als
zwei Jahre in ihrem Elternrudel bleiben. Jedoch lassen die bisherigen Daten darauf schließen, dass auch
hier die meisten Wölfe vor Erreichen ihres zweiten Lebensjahres abwandern (Reinhardt & Kluth 2015).
Das Abwandern muss nicht plötzlich erfolgen, sondern kann auch einem Pulsieren ähneln, in dem ein
Jungwolf sich vom Rudel entfernt und wieder nähert. Manche Wölfe unternehmen über eine längere
Zeit immer wieder Ausflüge, bevor sie sich endgültig lösen und abwandern (Überblick in Mech &
Boitani 2003; Reinhardt & Kluth 2015). Dieses sogenannte explorative Dispersal zeigten sowohl MT7
als auch FT12 in dieser Studie.
Generell scheint die Abwanderungsdistanz negativ mit dem Alter der Tiere assoziiert zu sein. Das heißt,
je jünger der abwandernde Wolf ist, desto weiter wandert er in der Regel (Mech & Boitani 2003; Kojola

30
et al. 2006). Mech & Boitani (2003) vermuten, dass ein älteres Tier stärker dazu tendiert, in vertrauter
Umgebung zu bleiben. Tiere, die lange Distanzen abwandern, sind eher jung und scheinen dies
besonders entschlossen und „zielgerichtet“ zu tun (Mech & Boitani 2003). Bisherige Untersuchungen
von abwandernden Wölfen in Deutschland entsprechen diesem Bild (Reinhardt & Kluth 2016), so auch
die Daten von dem fast dreijährigen MT7 („Hans“). FT12 („Juli“) war bereits über 1.5 Jahre alt, als sie
begann, die Umgebung ihres Elternterritoriums zu erkunden. Ihre relativ langen Verweilzeiten im
Welzower und später im Teichlandterritorium deuten darauf hin, dass sie zunächst ebenfalls
versuchte, sich in der in der Nähe ihres Elternterritoriums zu etablieren. Erst als dies nicht gelang,
wendete sie eine andere Strategie an, und wanderte über eine weite Strecke ab (long distance
Dispersal). Diese Strategie zahlte sich bei ihr zunächst aus. Sie etablierte ein eigenes Territorium und
fand einen Paarungspartner. Allerdings starb sie bei der Geburt ihrer ersten Welpen.
Auch territoriale Tiere unternehmen ab und zu Exkursionen in benachbarte Gebiete um abzuklären,
wie die Chancen stehen, das eigene Territorium zu erweitern. Diese Ausflüge dauern oft nur wenige
Stunden, um ein Zusammentreffen mit den benachbarten Revierinhabern zu minimieren, das unter
Umständen tödlich verlaufen kann. Meist wird versucht, die Territoriumsgrenze in kleinen Schritten zu
verschieben. Am Rand von Wolfsterritorien wird daher häufig besonders intensiv markiert. Wird von
den Nachbarn nicht vehement genug dagegengehalten (markiert), kann die Grenze zu eigenen
Gunsten verschoben werden. Vielleicht erfolgen Ausflüge, die tief in ein Nachbargebiet hineinführen,
wenn von der anderen Seite über einen längeren Zeitraum nicht an der Grenze markiert wurde. Dann
gilt es abzuklären, ob das Territorium vakant ist und zumindest teilweise übernommen werden kann.
Ein solcher Fall der Übernahme eines benachbarten Territoriums, der ebenfalls mit Hilfe der Telemetrie
mitverfolgt werden konnte, ist in Reinhardt & Kluth (2015) beschrieben. Natürlich versuchen auch
Jungwölfe ohne eigenes Territorium, wie MT7 („Hans“) und FT12 („Juli“) solche entstehenden Lücken
möglichst zeitnah zu entdecken. Als Singles haben sie allerdings in weitgehend gesättigten Gebieten
gegen die etablierten Rudel kaum eine Chance. Am ehesten gelingt die Übernahme eines Territoriums,
wenn dort ein Elterntier stirbt und der Wolf quasi in eine bestehende Familie aufgenommen wird bzw.
junge Fähen haben die Option beim Tod der Mutter das elterliche Territorium übernehmen zu können
und so die Abwanderung ganz zu vermeiden. Ergibt sich keine solche Chance, heißt es entweder weiter
auf eine günstige Gelegenheit zu warten (MT7) oder zu versuchen, so weit zu wandern, bis ein Gebiet
gefunden, das geeignet erscheint, aber noch nicht vollständig von Wölfen besetzt wurde, wie FT12
(„Juli“) es schließlich tat.
Die Abwanderung von FT12 („Juli“) gibt einen beeindruckenden Einblick, wie Wölfe sich in der
Landschaft fortbewegen und orientieren. Wölfe haben keine Karten und Online-Tools, um die vor
ihnen liegende Landschaft zu erkunden. Sie navigieren auf Sicht und nach dem Prinzip von Versuch und
Irrtum. Gelangen sie auf ihrem Weg an ein Hindernis, wie zum Beispiel eine Siedlung, versuchen sie
zunächst herauszufinden, ob es nicht doch einen Weg hindurch gibt. Sie können nicht wissen, wie groß
oder durchlässig dieses Hindernis ist. Geht es nicht mehr voran, wird auf dem gleichen Weg, auf dem
man hineingelaufen ist, der Rückzug angetreten. Ähnlich reagierte auch der 2009 in der Lausitz
besenderte Wolf MT3 („Alan“), der auf seiner Abwanderung in die litauische Stadt Vilnius hinein- und
wieder hinauslief (Reinhardt & Kluth 2016). Werden die Tiere dabei von Menschen bemerkt, z.B. weil
sie teilweise noch im Hellen durch eine Ortschaft irren, ist dies für manche Medien ein Anlass zu
postulieren, dass Wölfe ihre Scheu verlören und immer näher an die Orte kämen. In der Regel bedeutet
so ein Erlebnis jedoch für die Tiere großen Stress und sie versuchen nur, so schnell wie möglich aus
dieser Situation wieder heraus zu kommen.

31
4.3 ASP-Zäune und ihr Einfluss auf das Raumverhalten von Wölfen
Die bisherigen Ergebnisse des räumlichen Verhaltens der besenderten Wölfe zeigen deutlich, dass ASP-
Zäune je nach Beschaffenheit für Wölfe (und wahrscheinlich auch für andere Tierarten) eine Barriere
darstellen können, zumindest dort, wo die Zäune regelmäßig instandgehalten werden und keine
Lücken aufweisen. Werden die Zäune von Siedlungen unterbrochen, finden die Tiere ihren Weg, um
von einer Seite auf die andere zu kommen. Dies kann unerwünschte Nebenfolgen haben, wenn Wölfe
in Folge vermehrt in Siedlungsnähe gesehen werden und Menschen dadurch verunsichert sind.
Bisher gibt es kein vorgeschriebenes Monitoring, um den Einfluss der Zäune auf Wölfe und andere
Tierarten zu untersuchen. Es gibt keine einheitlichen Vorgaben in Bezug auf Querungshilfen für ASP-
Zäune und es fehlen Untersuchungen, welche dieser Querungshilfen von welchen Tierarten
angenommen werden. Bisher ist ungewiss, welchen Einfluss die Zäune auf die Zu- und Abwanderung
von Wölfen haben und wie sie sich in Folge auf die Sozialstruktur auswirken. Werden Wölfe in Gebieten
mit ASP-Zäunen auf das Überwinden von Zäunen „trainiert“ und welche Folgen hat dies für den
Herdenschutz?
Die ASP hat einen massiven Einfluss auf die Hausschweinhaltung und die deutsche Agrarwirtschaft
(Sauter-Louis et al. 2021). Die Auswirkungen der Maßnahmen zur Bekämpfung der ASP auf die Natur
sind dagegen kaum bekannt. Naturräume werde durch ASP-Zäune in einem nicht zuvor gekannten
Ausmaß fragmentiert, bisher ohne, dass die Auswirkungen – nicht nur auf den Wolf – wissenschaftlich
untersucht werden. Dabei ist der Effekt, den die Zäune auf die Eindämmung der ASP in einem so
großflächigen Seuchengeschehen, wie wir es derzeit in Deutschland haben, ebenfalls ungewiss. Es ist
dringend notwendig, dass die Auswirkungen der rapide voranschreitenden Zäunungen zumindest in
wissenschaftlichen Begleituntersuchungen überwacht werden.
4.4 Ausblick
Im Laufe dieser Untersuchung zeigte sich erneut, wie hilfreich die Telemetrie einzelner Wölfe im
Rahmen des Monitorings sein kann. So wurde erst durch die Raumnutzung von MT8 („Peter“) deutlich,
dass es nördlich des Territoriums MUL noch ein weiteres Territorium geben musste. Durch das gezielte
Sammeln von Genetikproben und deren Auswertung konnte dies auch bestätigt werden. Das Rudel
Weißwasser wurde so nachgewiesen, welches allerdings nach wenigen Monaten bereits durch das
Rudel Halbendorf verdrängt wurde.
Daten zur Abwanderung von Wölfen über weite Distanzen können im hier vorliegenden Detail nur
durch die Telemetrie gewonnen werden, ebenso genaue Daten der Territoriengrößen. Allerdings
unterstreichen die im Rahmen dieses Projektes bisher erhobenen Daten einmal mehr, die große
individuelle Varianz im Verhalten einzelner Wölfe. Für verallgemeinernde Aussagen z. B. zu
Territoriumsgrößen sollte die Stichprobengröße daher höher sein.
Im Rahmen des geplanten zweiten Projektteils des Landesbesenderungsprogramm Wolf sollte die
Auswirkung der ASP-Zäune auf das räumliche Verhalten der Wölfe im Fokus liegen. Zu erwarten ist,
dass es auch hier große individuelle Unterschiede gibt, wie einzelne Wölfe auf die Zäune reagieren.

32
Danksagung
Für die wertvolle Unterstützung bei der Feldarbeit und bei den Fängen danken wir besonders Helene
Möslinger, Lea Wirk und Ronny Oehme vom LUPUS Institut, sowie dem Bundesforstbetrieb Lausitz, Jan
Schöne sowie Petra Berger, Torsten Leike und Giso Dahmer vom Landkreis Nordsachsen. Ein herzliches
Dankeschön
an
die
Kommandantur
des
Truppenübungsplatzes
Oberlausitz
für
ihre
Kooperationsbereitschaft. Martin Gerber vom LUPUS Institut erschafft mit seinen GIS-Kenntnissen die
Karten für die Öffentlichkeitsarbeit nach den Wünschen der Fachstelle Wolf und kümmert sich hoch
motiviert um Material und Ausrüstung.
Unser besonderer Dank gilt den Tierärzten Dr. Thomas und Dr. Metting, die stets ein offenes Ohr und
hilfreiche Ratschläge für uns haben sowie Frau Dr. Wibbelt vom IZW Berlin, die als
Tierschutzbeauftragte das Projekt kritisch-wohlwollend begleitet.
Finanziert wurde das Vorhaben mit Mitteln des Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und
Landwirtschaft und fachlich begleitet durch Dr. Zöphel vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft
und Geologie.
Literatur
Alvarez, F., Braza, F. & C. San Jose (1990): Coexistence of Territoriality and Harem Defense in a
Rutting Fallow Deer Population.
Journal of Mammalogy
71 (4): 692-695.
Blanco, J. C. & Y. Corte´s (2007): Dispersal patterns, social structure and mortality of wolves living in
agricultural habitats in Spain. Journal of Zoology 273: 114–124.
Fuller, T.K., L.D. Mech & J.F. Cochrane (2003): Wolf population dynamics. In Wolves: Behavior,
Ecology and Conservation. The University of Chicago Press, Chicago and London: S 161-191.
Jędrzejewski, W., Schmidt, K.; Theuerkauf, J., Jędrzejewska, B. & H. Okarma (2001): Daily Movements
and Territory Use by Radio-collared Wolves (Canis lupus) in Białowieża Primeval Forest in
Poland. Canadian Journal of Zoology 79 (11): 1993-2004.
Kojola, I., Aspi, J., Hakala, A., Heikkinen, S., Ilmoni, C., & S. Ronkainen (2006): Dispersal in an
expanding wolf population in Finland. Journal of Mammalogy 87(2): 281-286.
LCIE (2018): Studying large carnivores with telemetry for their conservation in Europe. Policy Support
Statements of the Large Carnivore Initiative for Europe (LCIE). URL:
http://www2.nina.no/lcie_new/pdf/636747690912601976_PPS_telemetry.pdf
Liberg, O., A. Johansson, R. Andersen & J.D.C. Linnell (1998): Mating system, mating tactics and the
function of male territoriality in roe deer. In: The European Roe Deer: The biology of success.
Ed. Reidar Andersen, Patrick Duncan, and John D.C. Linnell. Scandinavian University Press.
Mech, D. L. & L. Boitani (2003): Wolf social ecology. In Wolves: Behavior, Ecology and Conservation.
The University of Chicago Press, Chicago and London. S. 1-34.
Pedersen, H. C., Wabakken, P., Arnemo, J. M., Brainerd, S. M., Brøseth, H., Gundersen, H., Hjeljord,
O., Liberg, O., Sand, H., Solberg, E. J., Storaas, T., Strømseth, T. H., Wam, H. & B. Zimmermann
(2005): Rovvilt og Samfunn (RoSa).Det skandinaviske ulveprosjektet – SKANDULV. Oversikt
over gjennomførte aktiviteter i 2000 – 2004. NINA Rappoert 117. 78 S.

33
Reinhardt, I. & Kluth, G. (2015): Untersuchungen zum Raum-Zeitverhalten und zur Abwanderung von
Wölfen in Sachsen - Projekt "Wanderwolf". S 53. URL:
https://www.wolf-
sachsen.de/de/downloads-links.
Reinhardt, I. & Kluth, G. (2016): Abwanderungs- und Raumnutzungsverhalten von Wölfen (Canis
lupus) in Deutschland. Ergebnisse einer ersten Telemetriestudie. Natur und Landschaft 91:
262–271.
Sauter-Louis, C., Schulz, K., Richter, M., Staubach, C., Mettenleiter, T. C., & Conraths, F. J. (2021).
African swine fever: Why the situation in Germany is not comparable to that in the Czech
Republic or Belgium. Transboundary and Emerging Diseases: 1– 8.
https://doi.org/10.1111/tbed.14231
Sleeman, D. P. & M. F. Mulcahy (2005): Loss of Territoriality in a Local Badger Meles meles Population
at Kilmurry, Co Cork, Ireland.
The Irish Naturalists' Journal
28 (1): 11-19.
Wagner, C., Holzapfel, M., Kluth, G., Reinhardt, I., & Ansorge, H. (2012): Wolf (
Canis lupus
) feeding
habits during the first eight years of its occurrence in Germany. Mammalian Biology 77: 196–
203.
White, G.C., & R. A. Garrott (1990): Analysis of wildlife radio-tracking data. Academic Press, New
York, 383 S.

34
Abkürzungsverzeichnis
Rudelbezeichnungen:
DN
Dauban
DZ II
Daubitz II
LGT
Landgrabental
MUL
Mulkwitz
N
Neustadt / Spremberg
NO
Nochten
Sonstige Abkürzungen:
ASP
Afrikanische Schweinepest
GW
German Wolf, z .B. GW1310m: der 1310. genotypisierte Wolf in Deutschland, die
Abkürzung „m“ steht für male / männlich, „f“ für female / weiblich
FT
female telemetry = besendertes Weibchen
LfULG
Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
MCP100
Minimum Convex Polygon 100%
MCP95
Minimum Convex Polygon 95%
MT
male telemetry = besendertes Männchen
SMUL
Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft
SMEKUL
Sächsisches Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft
SD
Standardabweichung
TrÜbPl
Truppenübungsplatz