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University of Applied Police Science
Uwe Mader
&
Clauss-Siegfried Grommek
(Hrsg.)
Berufsethik
Seminarergebnisse
Rothenburger Beiträge
Polizeiwissenschaftliche Schriftenreihe
Band 59
Rothenburg/Oberlausitz 2012
ISBN 978-3-938015-38-4

Uwe Mader
&
Clauss-Siegfried Grommek
(Hrsg.)
Berufsethik
Seminarergebnisse
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
ROTHENBURG / OBERLAUSITZ 2012

Uwe Mader & Clauss-Siegfried Grommek
(Hrsg.)
Berufsethik
Seminarergebnisse

Eigenverlag der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Rothenburg/Oberlausitz 2012
Herausgeber ist der Beirat der Schriftenreihe
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
in Rothenburg/OL
Mitglieder des Beirates:
KD Axel Teichmann, Prof. Dr. Karlhans Liebl, Prof. Dr. Dieter Müller,
Ass. jur. Paul Senghaus, Prof. Dr. habil. Anton Sterbling, Dr. Dirk Dalberg,
Prof. Dr. Eberhard Kühne (Vorsitzender), Prof. Dr. Joachim Schubert,
Ltd. PD a.D. C.-Siegfried Grommek
Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Rektor/Prorektor
der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Uwe Mader & Clauss-Siegfried Grommek (Hrsg.)
Berufsethik. Seminarergebnisse
Rothenburg/OL: Hochschule der Sächsischen Polizei (FH), 2012.
(Rothenburger Beiträge; 59)
ISBN 978-3-938015-38-4
ISSN 1439-393X
EIGENVERLAG DER HOCHSCHULE DER SÄCHSISCHEN POLIZEI (FH)
- ROTHENBURG/OL -
Copyright
: Bei den Autoren der einzelnen Beiträge.
Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck oder die Vervielfälti-
gung des Werkes insgesamt oder in Auszügen ist nur mit der Zu-
stimmung der Verfasser gestattet.

VII
Inhaltsangabe
Vorwort
Die Autoren
I
Polizei und Werte
1
Der Eid
Der Eid als Schlüssel für Loyalität, Hierarchie im Amt - Hilfe
und/oder Herausforderung - Fragen an die Führung
3
„Die Bürgerschaft ist mein Dienstherr“
Erwartungen an die Öffentlichkeitsarbeit
Überlegungen zur Fürsorgepflicht besonders in Stresssituationen
- Stichpunkte für einen Vortrag
Der Stellvertreter des Dienstherrn vor Ort - die Fürsorgepflicht
besonders in Stresssituationen
10
10
15
20
Zu Konsequenzen stehen
„political correctness“
24
Die Pflicht „Gefahr“ zu tragen
Wie könnte Betreuungsarbeit eines Polizeiseelsorgers nach stark
belastenden Einsätzen aussehen?
Ideen für meine sehr persönliche Betreuungsarbeit nach stark
belastenden Einsätzen
Meine Betreuungsarbeit als Vorgesetzter nach stark belastenden
Einsätzen
Betroffenheit - Statement zum SZ-Artikel
„Die Nachmieterin“ v. 09.01.2008
30
30
34
43
48
Das Phänomen „Angst“
54
„Errare humanum est“ -
Umgang mit Schuld und Niederlagen im Leben
75
II
„Du sollst nicht töten“
81
Ein Widerspruch zum Polizeiberuf?
Überlegungen zum umfassenden Engagement bezüglich
Schusswaffen-Einsatz
Ich will doch nicht töten
84
84
92
Die besondere hoheitliche Aufgabe
Die Erfahrung von „Tod - Team - Reflexionen zum Eigenschutz“
Überbringen einer Todesnachricht - eine Hoheitliche Aufgabe
96
96
109

VIII
„Die Erfahrung von Tod“
Die Erfahrung Tod - Reflexionen zum Eigenschutz im
Arbeitsalltag eines Polizeibeamten
Die hoheitliche Nachricht in ihrer Rückwirkung
123
123
128
Im Sterben für andere - Organspende post mortem
132
III
Routine, Frust und Tabus
139
Das Instrument „Routine“
Routine - Gedanken und Fragen nach Sinnerfüllung im Dienst-
Alltag/Selbstentfremdung
141
146
Innere Kündigung
Frustrierte Seelen bringen keine Leistung
„Innere Kündigung“ ist ein Prozess
„Innere Kündigung“ - Was ist zu tun?
150
150
158
165
Der Umgang mit Tabus
Tabus in der Polizei - Ansätze zu deren Bewältigung
Keine Mauer des Schweigens!
169
169
174
IV
Das Ungewohnte
186
Die Fremden neben uns … - eine Annäherung
Blutrache und Ehrenmorde
Kriminelles Handeln oder Erhalt traditionalistischer Werte?
Sektenkultur in Deutschland - ein Teamvortrag
187
192
200
V
Vertrauen - keine Methode
220
Der steinige Weg zu einer „Vertrauenskultur“
Vertrauen als Ressource im Dienst - Thesen 1
Vertrauen als Ressource im Dienst - Thesen 2
„Es gibt nicht nur im Dienst ein Leben nach dem Dienst“ - Wer
alles mich trägt …
Polizeiseelsorge als Begleitung nicht nur im Dienst
222
228
232
238
243
„Schön und gut“ - kein Schluss
245

IX
Vorwort
Καλος και αγαθος
(kalos kai agathos)
„Schön und gut“ - Erklärungen aus unserer Antike -
Unsere griechischen „Vorfahren im Geiste“ meinten es tatsächlich weitestgehend so,
wie sie es ohne Punkt und Komma schrieben oder uns in Form von Skulpturen hinter-
ließen. Diese in unverbrüchlicher Kombination stehenden drei Wörter sind seit damals
zum LEITWORT geworden. Das gehörte für die Gesellschaft der Freien (im physi-
schen wie philosophischen Sinne zu verstehen!) zum unbedingten Credo (Bekenntnis)
auf jedem Gebiet, stand letztlich sogar als öffentlicher Ausdruck eines gesellschaftli-
chen Willens: Wer oder was SCHÖN war, war unumstritten auch GUT und hatte GUT
zu sein! Schön zu sein bedeutete für solcherart bezeichnete Menschen bzw. für alle
durch sie bewirkten Dinge oder Verhältnisse eine nicht mehr ablegbare Qualität. Dar-
aus erwuchs eine niemals zu leugnende Pflicht, nämlich gut zu sein und zu bleiben.
Der freie Grieche hatte diesem Axiom folgend zu streben und diesen normativen, im-
materiellen Wert von Kindesbeinen an zu vermitteln. Somit ergab sich αυτοματη (wir
übersetzen schlicht „automatisch“), bereits innerhalb der Familie mit all ihren Ver-
zweigungen als kleinstem, jede Gesellschaft begründendem Element mannigfache
Verantwortung. Zu dieser zu stehen und in ihr zu bleiben hatte Folgen für die πολις
(wir übersetzen „Stadt, Stadtstaat, →Politik im engeren wie weitesten Sinn). Verant-
wortung bedeutete immer auch die Wahrnehmung von LEHRE. Diese war wiederum
Teil alles Schönen und Guten und formte das persönliche Ethos, die persönliche
Wahrnehmung von Sitte und Moral zugunsten der eigenen Persönlichkeit und der Ge-
meinschaft. Ein wesentlicher Teil dieses Codex stellte die Bereitschaft dar, auch phy-
sisch dafür einzustehen.
Niemand sollte dabei übersehen, dass Sklaven und Fremde der Vielgestalt griechischer
Gesellschaften und Gesellschaftsfähigkeit auf keinen Fall, also auch statistisch nicht
hinzu zu rechnen waren. Lediglich im extremen militärischen Konfliktfall konnten
Ausnahmen gemacht werden. Dass in Familien der Freien oder an Philosophenschulen
selbst Sklaven als Lehrer etc. tätig waren, tat dem Selbstverständnis bis hin zum de-
mokratischen Areopag (Parlament und Gerichtsinstrument) keinen Abbruch.
Jedoch: Mindestens ihre Philosophen und Künstler, ihre Dichter waren hellwach, wenn
es um die Beobachtung von Freiheit, Demokratie, Chancenabwägungen und Grenz-
festlegungen im eigenen Land ging.

X
Und sie waren ehrlich, auch vor sich selbst, tapfer bis zum finalen „Scherbengericht“
oder den ernst zu nehmenden Schwerstkonflikten, der Selbstaufopferung.
Sie riskierten konsequente Auseinandersetzungen, weil und wenn sie es um der Men-
schen willen für nötig erachteten. Denn ein jeder Mensch galt als ζωον πολίτίκον
(
ge-
sellschaftliches, öffentlich wirksames Wesen
).
Das war Recht und Pflicht zugleich!
Natürlich war den sog. Antiken der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis nicht
fremd. Selbstredend kannten sie die Vorzüge dialektischer Betrachtungen, man könnte
auch sagen „Schlitzohrigkeit“ bei der Wertung gefahrbringender Tyranneien oder
missbrauchter Demokratie.
Sie wussten um Vorteile wie Nachteile von Korruption, Klientelarbeit – kurz, wir sind
wohl auch in dieser Hinsicht ihre direkten Nachkommen.
Die Römer als westliche Nachbarn betteten das Leben um des Lebens willen in striktes
Recht, um ein eindeutiges sozial-kulturelles, politisch-historisches und philosophisch-
religiöses Gleichgewicht zu erhalten, ursprünglich die Demokratie.
Um ein Bild zu nutzen: Auf solch einem Dreifuß würde ein für alle angesetzter Kessel
über gutem Feuer niemals umstürzen können.
Alles ethische Phantasterei, Träume, Utopien? Z.B. war des Sokrates Verteidigungsre-
de vor seinen klugen und sich deshalb in dieser Rede als gespiegelt erkennenden Rich-
tern eine vornehme, durch ihren geschliffenen Ausdruck dermaßen überlegene und
ätzend provozierend eindeutige Benennung gesellschaftlicher Bigotterie, dass die Ver-
urteilung zum Schierlingsbecher für Sokrates die zwingende Folge sein musste.
Die Liste seiner Erben scheint zur Endlosigkeit verdammt. Denn welche Gesellschaft
lässt sich gern direkt oder durch Spiegelung entlarven? Welches Individuum erträgt
ohne Weiteres den Nachweis der Grenzen seiner Sittlichkeit, seines höchst privaten
Ethos?
Die Vorsicht bei der Betrachtung des Menschenbildes gebietet hier beinahe den Kon-
junktiv.
Wir können höchstens einen zugleich ver- wie aufdeckenden Karneval mit seiner hier
und da Zähne knirschenden Toleranz ertragen, aber auch nur dann, wenn es um „die
Anderen“ geht.

XI
Unsere eigenen Eltern und Großeltern wussten noch warnend vom „Mehr Schein als
Sein“ zu reden, von den sagenumwobenen „Potjomkinschen Dörfern“, den demagogi-
schen Kulissenschiebereien.
Und doch: Auch sie sind sehenden Auges und hörenden Ohres in alle möglichen Fal-
len getappt. Sie handelten in der Mehrzahl durchaus als mehr oder weniger Überzeug-
te.
Andere haben rebelliert. Wieder andere hatten sich zu arrangieren, unter anderem ihrer
Frauen und Kinder und Freunde usw. wegen. Sie haben getan, was und wie es wohl
alle Menschen seit „Adam und Eva“ taten.
Denkpause !
Einerseits beeindruckend, Achtung gebietend und andererseits abscheulich zugleich
erscheint uns diese Art zu leben und zu überleben.
Um es freundlich auszudrücken: Wie anmaßend sind wir Heutigen angesichts eines
sich seit mehr als 3000 Jahre gestaltenden Menschenbildes? Bewusst oder unbewusst
weisen wir, unserem heute gültigen ethischen Filter entsprechend Schuld dem jeweils
Anderen zu oder nehmen sie ihm ab. Es ist an der Zeit folgende Erkenntnis zu beden-
ken: Jeder Mensch ist der Gefährdung ausgesetzt, durch einen mitunter diffizilen Auf-
bau eines „Feindbildes“ das eigene Versagen zu kaschieren, zu leugnen, zu rechtferti-
gen, ja für die Geschichte wirksam werden zu lassen.
Das Urteil der Nachkommenden aber ist stets gnadenlos, unbestechlich und in fast je-
dem Fall parteiisch, also nicht unbedingt fair. Denn sie erkennen und leben nie aus
demselben Kontext wie die zu Beurteilenden. Als scheinbar einfache Lösung dieses
schwierigen Problems ist die Relation aus der „Gnade der späten Geburt“ vorgegeben.
Gibt es in einem solchen unaufgebbaren Prozess um Recht und Gerechtigkeit noch ein
Mandat für Demut, Humanität? Ohne ein solches würde aber eine Gegenwart geformt,
die für alle Beteiligten unter der fürchterlichen Prämisse von Nichtachtung des katego-
rischen Imperativs (s. Immanuel Kant) die nächste Katastrophe formatiert. Somit wür-
de unsere eigene Gegenwart, die so schnell wieder Vergangenheit wird, bigott. ES SEI
DENN, JEMAND IST WACHSAM.
Aber ein solcher Dienst am Ganzen jedoch verzehrt Spannkraft.
Das alles macht etwaige Gedanken an „Gnade, Begnadigung“ nicht leichter ertragbar.
Denn mit ihnen bricht in jedem Fall, individuell wie gesellschaftlich eine echte Hu-

XII
mangeschichte produzierende Größenordnung in unsere Existenz, welche die Väter
des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland im Rückgriff auf die soeben
durchlebte Katastrophe nie mehr missen wollten: Verantwortung vor Gott. Zugleich
wollten sie ein auf humanistischer Klarheit gegründetes Gemeinwesen, wie es antike
Vorgriffe benannt hatten.
Was sie zu tun vermochten ist Stückwerk geblieben. Unser Wollen und Vollbringen
werden es auch sein. Aber bereits das zielstrebige Wollen erweist sich als Gewinn.
“Wer nichts über die Zeit vor seiner Geburt weiß, wird nie erwachsen werden. Wel-
chen Wert hat das menschliche Leben ohne die Verwobenheit mit dem der Vorfah-
ren?“ Das war die Frage des Juristen und Politikers Cicero. Was für ein ernüchterndes,
heraus forderndes Wort!
Wir haben die Freiheit es zu beachten. Oder wir bleiben, mit Dr. Martin Luther zu re-
den, der „alte Adam“ wie jener, der am Ende einer heißen Komödie sagte „nobody is
perfect“? Und lachte. Und lachte.
Genau aus diesem Grund sind wir so unglaublich verletzbar, wie alle Menschen vor
uns es waren. Einerseits sind ethische Kategorien für uns unumstritten, andererseits
aber hat uns bereits mit jedem Tag unseres Lebens der schelmische Eulenspiegel frech,
aufmüpfig, weise und freundlich, spitzzüngig und schlitzohrig als Lehrer für Ethik im
sicherem Griff. Im besten Fall wissen wir ihn in uns. Und das kann schon wieder
schmerzen.
So kann Gewissen wachsen.
Daraus wächst die mehr als unbequeme Frage, inwieweit wir Demokratie-Fähigkeiten
haben und sie entfalten ... etwa als Opportunisten, die um des eigenen Fortkommens
willen sogar "die eigene Mutter" verkauften. Die dienen sich jederzeit und jedermann
unter der Prämisse des für sie selbst höchstmöglichen Gewinns mit dem bekannten
„Pfiff auf die eigene Würde“ an.
Das andere Extrem wären Jammerlappen, welche wie Opportunisten gleichermaßen zu
aktiver Solidarität, loyaler Verantwortungsübernahme unfähig sind. Bereits der Ge-
danke an Positionierung wird als lästig empfunden.
„Schön und gut“ wird gesagt - mittels unpassender Flapsigkeit tun wir Heutigen sehr
schnelllebig und -lippig dies und jenes gründlich und eben nicht nur verbal ab. „Take
it easy.“ - oder so.

XIII
Vielleicht aber werden auf diese Weise mögliche Sternstunden, Glücksfälle, einzigar-
tige Augenblicke, einmalige Chancen etc. vertrödelt, verpasst, unterdrückt, nicht er-
kannt oder bewusst ausgeblendet...
Gott sei Dank – stets, wenn es um Menschen geht, kommt
Ethos
ins Spiel.
Uns bleibt schlechterdings die Pflicht, diesem Ethos eine Stimme, ein Gehör, ein Se-
hen, ein Fühlen, kurz, das Gesicht eines Menschen zu geben, der um seiner selbst und
um seiner Mitmenschen willen Mensch sein und bleiben will.
Deshalb haben sich die Verfasser der nachfolgenden Themenkreise angenommen und
ihre Überlegungen zur Verfügung gestellt.
Uwe Mader