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LUA-Mitteilungen 03/2017
LANDESUNTERSUCHUNGS-
ANSTALT FÜR DAS GESUNDHEITS-
UND VETERINÄRWESEN

│1
Inhaltsverzeichnis
Humanmedizin
Epidemiologische Information für den Freistaat Sachsen ......................................................................................................................................... 2
HIV/AIDS im Freistaat Sachsen – Jahresbericht 2016 ................................................................................................................................................ 7
Aktuelle Einschätzung zu Ambrosia-Pollenfunden an der Pollenmessstelle Chemnitz ..................................................................................22
Lebensmitteluntersuchungen
MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester in raffinierten Fetten und Ölen
..................................................................................................................32
Frittierfette – Vorsicht, heiß und fettig!.......................................................................................................................................................................34
„Brot“ - Deutsches Kulturgut ..........................................................................................................................................................................................36
Nail Art - Kann Kunst gefährlich sein? .........................................................................................................................................................................40
Neue Rechtsbestimmungen im Bereich des LFGB – April 2017 bis Juni 2017 .................................................................................................42
Neue Rechtsbestimmungen Veterinärmedizin - April 2017 bis Juni 2017 ........................................................................................................46
Beschwerdeproben-Report für Lebensmittel und Bedarfsgegenstände sowie Tabakerzeugnisse (2. Quartal 2017) .............................47
BSE - Untersuchungen 2. Quartal 2017 .......................................................................................................................................................................48
Tollwutuntersuchungen 2. Quartal 2017 .....................................................................................................................................................................48
Salmonellenberichterstattung im Freistaat Sachsen - 2. Quartal 2017 .............................................................................................................49

2 │
Epidemiologische Information für den Freistaat
Sachsen
2. Quartal 2017 (vom 03.04. – 02.07.2017)
Astrovirus
Von den 671 im Quartal übermittelten Fällen kam einer als an
der Krankheit verstorben zur Meldung. Es handelte sich um eine
87-jährige Frau, die trotz stationärer Behandlung 5 Tage nach
Erkrankungsbeginn verstarb. Der Erregernachweis gelang aus
Stuhl der Patientin.
Clostridium difficile-Infektion, schwerer Verlauf
Im zweiten Quartal des Jahres wurden 45 schwere Verläufe ei-
ner Clostridium difficile-Infektion übermittelt. Es verstarben 11
Frauen und 6 Männer im Alter zwischen 56 und 97 Jahren an
den Folgen der Infektion.
Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJK)
Die beiden im Berichtszeitraum übermittelten CJK-Fällen wur-
den als verstorben registriert. Es handelte sich dabei um Frauen
im Alter von 70 bzw. 88 Jahren.
Denguefieber
Die 9 im Berichtszeitraum gemeldeten Erkrankungen betrafen 5
Frauen und 4 Männer im Alter zwischen 20 und 56 Jahren nach
Aufenthalten in Indonesien, Kenia, Thailand, Malaysia sowie auf
den Seychellen und Mauritius.
Enterovirus-Infektion
Mit 181 Fällen lag die Zahl der im Berichtszeitraum übermit-
telten Infektionen auf einem hohen Niveau. Im Vergleich zum
5-Jahres-Mittelwert (133 Erkrankungen) wurden deutlich mehr
Infektionen gemeldet. 95 betroffene Patienten wiesen eine re-
spiratorische, 35 eine gastroenteritische und 12 eine meningi-
tische Symptomatik (Nachweis aus Liquor) auf. Weitere 39 Er-
regernachweise wurden ohne bekanntes klinisches Bild erfasst.
Ein 31 Jahre alter Mann erkrankte bereits im Februar mit aku-
ter respiratorischer Symptomatik. Dieser Zustand besserte sich
nicht und er verstarb im März an den Folgen einer Enterovi-
rusinfektion. Laut Obduktionsbericht zeigten sich eine Karditis
infolge einer „verschleppten respiratorischen Infektion“ sowie
eine „blutreiche Lunge“. Aus Sekreten des Respirationstraktes
gelang der Nachweis von Enterovirus.
Gasbrand
Eine 93 Jahre alte Frau musste sich nach einem Oberschenkel-
bruch einer chirurgischen Versorgung unterziehen. Einen Tag
nach der Operation entwickelte sich eine nekrotisierende Faszi-
tis und der Allgemeinzustand der Patientin verschlechterte sich
rapide. Trotz Hüftexartikulation ließ sich die Infektion nicht be-
herrschen und die Frau verstarb am darauf folgenden Tag. Aus
Wundabstrich gelang der Nachweis von
Clostridium perfringens
.
Haemophilus influenzae-Erkrankung
Es kamen im Berichtszeitraum 13 Fälle nach Referenzdefinition
zur Meldung. Betroffen waren bis auf zwei 8 Monate alte Säug-
linge ausschließlich erwachsene Patienten im Alter zwischen 63
und 88 Jahren. Bei allen Betroffenen gelang der Nachweis aus
Blut. In keinem Fall wurde ein Kapseltyp angegeben.
Hantavirus-Infektion
Im Berichtszeitraum wurden 3 Hantavirus-Fälle gemeldet. Be-
troffen waren Männer im Alter zwischen 28 und 53 Jahren, die
mit Fieber und Nierenfunktionsstörungen bzw. Muskel- und
Gliederschmerzen erkrankten. Die Infektionen konnten serolo-
gisch (in einem Fall Puumalavirus) bestätigt werden. Zwei der
Betroffenen hatten sich während der Inkubationszeit in unter-
schiedlichen Regionen Baden-Württembergs aufgehalten, die
als Hantavirus-Endemiegebiete bekannt sind. Bei einer Erkran-
kung sind die Ermittlungen zur möglichen Infektionsquelle noch
nicht abgeschlossen.
Hepatitis E
Im aktuellen Berichtszeitraum wurden im Freistaat Sachsen 72
Virushepatitis E-Fälle übermittelt, was dem 5-Jahres-Mittelwert
entspricht. Bei 39 Betroffenen war aufgrund der Schwere der
Erkrankung eine stationäre Behandlung nötig. Todesfälle kamen
nicht zur Meldung.
HUS, enteropathisch
Eine 78-jährige Frau erkrankte mit Durchfall; später zeigten
sich Nierenfunktionsstörungen und eine Thrombozytopenie, was
eine Hospitalisierung erforderlich machte. Aus Urin gelang der
Nachweis von Shigatoxin (EHEC O103:H2). Eine Infektionsquelle
konnte nicht eruiert werden.
Leptospirose
Ein 44-Jähriger zeigte allgemeine Krankheitszeichen und ent-
wickelte eine Nierenfunktionsstörung, was eine stationäre Be-
handlung nötig werden ließ. Serologisch betätigte sich eine
Infektion mit
Leptospira interrogans
. Eine mögliche Infektions-
quelle konnte nicht ermittelt werden.
Listeriose
Im Berichtszeitraum wurden 18 Listeriose-Fälle übermittelt. Bis
auf ein Neugeborenes (siehe angeborene Infektion) waren die
Patienten zwischen 39 und 94 Jahre alt.
Ein 47-Jähriger, bei dem sich ein meningitisches Krankheitsbild
(Nachweis von
Listeria monocytogenes
im Liquor) zeigte und
eine 76-jährige Frau mit Sepsis verstarben an den Folgen der
Infektion.
Listeriose, angeborene Infektion
Aus Leipzig wurde die Infektion eines zu früh (24. Schwanger-
schaftswoche) geborenen Jungen gemeldet. Das Kind entwickel-
te kurz nach der Geburt ein septisches Krankheitsbild. Aus Blut
sowie aus verschiedenen Abstrichmaterialien vom Neugebore-
nen gelang der Nachweis von
L. monocytogenes
. Die 39-jährige
Mutter zeigte kurz vor der Geburt allgemeine Krankheitszeichen
und es setzten vorzeitig Wehen ein. Der Erregernachweis erfolg-
te aus der Plazenta.

│3
Malaria
Es kamen 3 Fälle von Malaria tropica zur Meldung. Ein deut-
sches Ehepaar (48 und 53 Jahre alt) erkrankte nach der Rück-
kehr von einer Urlaubsreise nach Malawi. Eine Prophylaxe war
nicht erfolgt.
Ein weiterer Fall betraf eine 60-jährige deutsche Frau. Sie hatte
sich in Sierra Leone aufgehalten und erkrankte mit schwerster
Symptomatik. Trotz intensivmedizinischer Behandlung verstarb
die Patientin zwei Tage nach ihrer Aufnahme in einem säch-
sischen Krankenhaus. Die Betroffene hatte im Zusammenhang
mit ihrer Reise keine Malaria-Prophylaxe durchgeführt.
Masern
Im zweiten Quartal des Jahres kamen 15 Masern-Fälle zur Mel-
dung. Dies entsprach einer Neuerkrankungsrate von 0,4 Erkran-
kungen pro 100.000 Einwohner. Kumulativ ergibt sich somit für
das Jahr 2017 ein Stand von 68 Masern-Fällen in Sachsen.
Ausgehend von einem heilpädagogisch-künstlerischen Thera-
piezentrum im Landkreis Zwickau erkrankten ein 11 Monate
alter Säugling, 4 Kinder im Alter zwischen 3 und 9 Jahren sowie
weitere 10 Personen zwischen 16 und 52 Jahren an Masern. Bei
2 weiteren Betroffenen gelang der serologische Nachweis der
Infektion, jedoch war das klinische Bild nicht vollständig ausge-
prägt. Alle Personen waren nicht gegen Masern geimpft.
Die anthroposophische Einrichtung verfügt über einen Hof mit
Landwirtschaft und Gartenbau, Galerie (Vernissagen), Gäste-
haus, Hofcafe mit diversen Veranstaltungen sowie pädagogi-
schen Projekten. Dort dauernd wohnhaft sind ca. 20 Personen:
Familien, Pflegekinder und Einzelpersonen. Erkrankungsbeginn
war zwischen dem 25.04. und 02.05.17. Arztbesuche sind nur in
Einzelfällen erfolgt. Der Indexfall konnte trotz intensiver Ermitt-
lungen nicht eruiert werden.
Unter den Erkrankten befand sich ein Austauschschüler aus Li-
tauen, der wie die anderen erkrankten Kinder und Jugendlichen
die Waldorfschule in Chemnitz besucht und hospitalisiert war,
sowie ein in Erfurt studierender Sohn einer Bewohnerin.
Zusätzlich zu den 15 in Sachsen gemeldeten Fällen erkrankte
auch ein junger Mann aus Remscheid, NRW, der in Erfurt hos-
pitalisiert wurde und sich im relevanten Zeitraum auf dem Hof
aufgehalten hatte.
Für ungeimpfte Kontaktpersonen wurden Tätigkeits- und Be-
suchsverbote für Gemeinschaftseinrichtungen für mindestens
14 Tage ausgesprochen sowie ein Veranstaltungsverbot festge-
legt. Umgebungsuntersuchungen (Labordiagnostik) wurden ein-
geleitet. Riegelungsimpfungen wurden angeboten, jedoch von
den Betroffenen nicht angenommen.
Meningitiden
Im Quartal wurden 47 Erkrankungen übermittelt. Durch welche
Erreger diese verursacht waren, ist aus Tabelle 1 ersichtlich. Be-
rücksichtigt sind hier nur die Fälle, bei denen der Erregernach-
weis aus dem Liquor der Patienten erfolgte.
Bei einem 47-jährigen Mann konnte eine Meningitis, verursacht
durch
Listeria monocytogenes
, als todesursächlich angesehen
werden.
Ein 54-Jähriger mit schweren Vorerkrankungen verstarb an den
Folgen einer bakteriellen Meningitis durch
Streptococcus sali-
varius
.
Tabelle 1: Erkrankungen mit dem klinischen Bild Meningi-
tis/Enzephalitis in Sachsen (Vergleich 2. Quartal
2017 zu 2016)
Erreger
2. Quartal 2017
2. Quartal 2016
Erkran-
kung
Tod Inzi-
denz
Erkran-
kung
Tod Inzi-
denz
bakt. Erreger gesamt
19
2
0,4
18
-
0,4
Borrelien
6
-
0,2
4
-
0,1
Listerien
3
1
0,07
4
-
0,1
Meningokokken
1
-
0,02
2
-
0,05
Pneumokokken
7
-
0,2
7
-
0,2
Streptococcus agala-
ctiae
1
-
0,02
1
-
0,02
Streptococcus spp.
1
1
0,02
-
-
-
virale Erreger gesamt
29
-
0,7
20
-
0,5
Enterovirus
12
-
0,3
7
-
0,2
FSME-Virus
1
-
0,02
-
-
-
Herpesvirus
2
-
0,04
-
-
-
Varizella-Zoster-Virus
14
-
0,4
13
-
0,3
Gesamtzahl
48
2
1,2
38
-
0,9
Meningokokkenerkrankung, invasiv
Eine 37 Jahre alte Frau erkrankte mit meningitischer Sympto-
matik. Mittels PCR gelang aus Liquor der Nachweis von Menin-
gokokken der Gruppe B.
MRSA-Infektion (invasive Erkrankung)
Im Berichtszeitraum wurden 52 Infektionen übermittelt. Betrof-
fen war hauptsächlich die Altersgruppe der über 65-Jährigen.
Die MRSA-Nachweise wurden aus Blut geführt. 4 Männer und
2 Frauen zwischen 77 und 91 Jahren verstarben an den Folgen
der Infektion.
caMRSA-Nachweis
Im aktuellen Quartal kamen 15 Nachweise (12 Infektionen und
3 Kolonisationen) zur Übermittlung. Betroffen waren 4 Klein-
kinder, ein 6-Jähriger, ein Jugendlicher sowie 9 Erwachsene im
Alter von 25 bis 65 Jahren. 5 Fälle waren vermutlich ausland-
sassoziiert.
Multiresistente Erreger (MRE) mit Carbapenem-Resistenz
Im Berichtszeitraum kamen 131 Nachweise zur Erfassung (Er-
regeraufschlüsselung in Tabelle 2). Den größten Anteil (66 %)
stellten
Pseudomonas aeruginosa
, gefolgt von
Klebsiella spp.
mit
15 %.
Zwei Männer im Alter von 39 bzw. 71 Jahren verstarben an den
Folgen einer Infektion mit
P. aeruginosa
.
Tabelle 2: Gramnegative Bakterien mit erworbener Carba-
penemase/Carbapenem-Resistenz im 2. Quartal
2017
Erreger
Infektion Kolonisation Gesamt-
Fallzahl
dav. Tod
Acinetobacter spp.
1
3
4
-
Enterobacter spp.
1
12
13
-
Escherichia coli
1
6
7
-
Klebsiella spp.
1
18
19
-
Pseudomonas aeruginosa
19
68
87
2
Serratia spp.
-
1
1
-
Gesamtzahl
23
108
131
2

4 │
Norovirus-Gastroenteritis
Gegenüber dem letzten Quartal wurde ein deutlicher Rückgang
(- 72 %) der Norovirus-Infektionen registriert. Die Inzidenz be-
trug 20 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Verglichen mit
dem 5-Jahresmittelwert (40 Erkrankungen pro 100.000 Einwoh-
ner) lag die erfasste Quartalsinzidenz deutlich darunter.
Es kamen im Berichtszeitraum lediglich 29 Erkrankungshäufun-
gen zur Meldung. Betroffen waren überwiegend Seniorenheime,
Kindertagesstätten sowie medizinische Einrichtungen.
Eine 89-jährige Frau verstarb an den Folgen der Infektion.
Ornithose
Ein 17-jähriger Jugendlicher mit privater Taubenzucht erkrankte
mit Kopfschmerzen und Fieber und wurde stationär behandelt.
Mittels PCR erfolgte die labordiagnostische Bestätigung einer
Infektion mit
Chlamydia psittaci
.
Paratyphus
Ein 44-jähriger deutscher Mann erkrankte während eines 4-mo-
natigen Aufenthalts in Myanmar mit Fieber, Bauchschmerzen
und Durchfall. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde
er stationär behandelt. Aus Stuhl gelang der Nachweis von
Sal-
monella Paratyphi A
.
Pertussis
Im zweiten Quartal des Jahres ergab sich aus den übermittel-
ten 217 Erkrankungen eine Neuerkrankungsrate von 5 Erkran-
kungen pro 100.000 Einwohner, was in etwa der Inzidenz des
zurückliegenden Quartals entsprach. Im Vergleich zum Vorjah-
reszeitraum (n = 101) wurden mehr als doppelt so viele Erkran-
kungen registriert.
71 % der Betroffenen waren nicht bzw. nur unvollständig gegen
Keuchhusten geimpft.
Zusätzlich wurden 51 Keimträger identifiziert, bei denen das
kli-
nische Bild fehlte bzw. nicht vollständig ausgeprägt war.
Es wurde im Berichtsquartal über 10 Pertussis-Häufungen be-
richtet. Betroffen waren Kindertagesstätten und Schulen mit
jeweils 5 bis 11 Betroffenen.
Im Berichtszeitraum kamen zusätzlich 24 Parapertussis-Fälle
zur Meldung.
Pneumokokken-Erkrankung (invasiv)
Insgesamt wurden 69 Erkrankungen sowie 5 Infektionen ohne
bestehendes klinisches Bild registriert. Bei den Patienten han-
delte es sich um drei Kinder im Alter von 1, 4 und 5 Jahren und
um Erwachsene zwischen 19 und 92 Jahren.
Bei 7 Betroffenen, die mit meningitischer Symptomatik erkrank-
ten, erfolgte der Erregernachweis aus Liquor, bei allen anderen
aus Blut.
Ein 81-jähriger Mann verstarb an den Folgen einer Pneumokok-
ken-Sepsis.
Q-Fieber
Bei einem 57-jährigen Mann, der unter allgemeinen Krankheits-
zeichen litt, wurde serologisch eine Q-Fieber-Infektion diag-
nostiziert. Eine mögliche Infektionsquelle konnte nicht eruiert
werden.
Rotavirus
Bei den Rotavirus-Infektionen konnte gegenüber dem Vorquar-
tal saisonbedingt ein weiterer Anstieg der Neuerkrankungsrate
von 45 auf 53 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner registriert
werden. Verglichen mit dem 5-Jahresmittelwert (42 Erkrankun-
gen pro 100.000 Einwohner) lag die erfasste Quartalsinzidenz
darüber.
Zwei Männer im Alter von 86 und 94 Jahren verstarben an den
Folgen der Infektion.
Salmonellose
Saisonal bedingt wurde eine höhere Neuerkrankungsrate (6 Er-
krankungen pro 100.000 Einwohner) erreicht als im Vorquartal.
Diese lag jedoch unter dem Niveau des 5-Jahresmittelwerts von
9 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner.
Ein 72-jähriger Mann erkrankte und verstarb an einer Infekti-
on mit Salmonellen der Gruppe B. Eine Infektionsquelle konnte
nicht eruiert werden.
Erkrankungsausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen kamen
im Berichtszeitraum nicht zur Meldung. Die Serovare
Salmonel-
la Enteritidis
und
S. Typhimurium
dominierten mit einem Anteil
von jeweils 38 bzw. 26 % des Salmonellen-Vorkommens.
Shigellose
Im Berichtszeitraum kamen die
Shigella sonnei
-Erkrankung ei-
nes 24-Jährigen nach seiner Rückkehr aus Spanien und einer
49-Jährigen nach einer dreiwöchigen Trekkingtour durch Nepal
sowie die
S. flexneri
-Erkrankung einer 90-Jährigen ohne be-
kannte Infektionsquelle zur Meldung.
Typhus abdominalis
Ein 26-jähriger Mann erkrankte bereits während eines 6-wöchi-
gen Aufenthalts in Indien. Nach der seiner Rückkehr begab er
sich in stationäre Behandlung. Aus Stuhl gelang der Nachweis
von
Salmonella Typhi
.
Zytomegalie, angeborene Infektion
Bei einem männlichen Neugeborenen wurde eine konnatale Zy-
tomegalievirus-Infektion diagnostiziert. Weitere Angaben lagen
zu diesem Fall nicht vor.
Tod an sonstiger Infektionskrankheit
Die im ersten Quartal des Jahres übermittelten Fälle betrafen
jeweils 15 Männer und 10 Frauen im Alter von 56 bis 92 Jahren
(Median: 76 Jahre).
Tabelle 3: Todesfälle gemäß IfSGMeldeVO § 1 Absatz 2 im
2. Quartal 2017
Erreger
Anzahl
Klinisches Bild
Aspergillus spp.
1
Dyspnoe
Enterococcus spp.
1
Sepsis
Escherichia coli
2
Peritonitis, Sepsis, Multiorgan-
versagen
Klebsiella pneumoniae
3
Pneumonie, Sepsis, Multiorgan-
versagen
Proteus mirabilis
1
Urosepsis
Staphylococcus spp.
10
Pneumonie, Sepsis
Streptococcus spp.
7
Pneumonie, Sepsis

│5
2. Quartal
14. - 26. MW 2017
kumulativ
2017
2016
Fälle
T
Fälle
T
Fälle
T
Adenovirus-Enteritis
466
1.165
545
Adenovirus-Infektion, respiratorisch
268
691
1
249
Adenovirus-Konjunktivitis
17
39
16
Amöbenruhr
2
5
14
Astrovirus-Enteritis
671
1
1.573
1
397
Borreliose
359
445
408
Brucellose
1
Campylobacter-Enteritis
1.099
1.927
1
1.390
Chlamydia trachomatis-Infektion
953
2.056
1.065
Clostridium difficile-Enteritis
1.021
2.365
1.230
Clostridium difficile-Infektion, schwerer Verlauf
45
17
106
41
39
9
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
2
2
5
5
2
1
Denguefieber
9
12
13
Echinokokkose
1
EHEC-Infektion
40
78
34
Enterovirus-Infektion
181
1
376
2
171
Escherichia coli-Enteritis
152
283
181
FSME
1
1
2
Gasbrand
1
1
1
1
1
Giardiasis
69
132
89
Gonorrhoe
234
455
218
Gruppe B-Streptokokken-Infektion
744
1.443
863
Haemophilus influenzae-Erkrankung, invasiv
13
32
2
9
Hantavirus-Infektion
3
4
1
Hepatitis A
7
18
13
Hepatitis B
82
194
165
Hepatitis C
47
94
1
97
Hepatitis E
72
130
106
1
Herpes zoster
216
434
356
HUS
1
1
Influenza
148
16.323
80
1.831
2
Kryptosporidiose
26
42
32
Legionellose
13
20
11
Leptospirose
1
2
2
Listeriose
18
2
34
4
19
1
Malaria
3
1
12
1
4
Masern
15
68
16
Übermittelte Infektionskrankheiten im Freistaat Sachsen
2. Quartal 2017 und kumulativer Stand 2016 und 2017
Nosokomiale Ausbrüche
Tabelle 4: Nosokomiale Ausbrüche gemäß § 6 Absatz 3/§11
Absatz 2 IfSG im 2. Quartal 2017
Erreger
Zahl der Ausbrüche
Gesamtfallzahl
Aspergillus fumigatus
1
4
Serratia marcescens
1
2
Verantwortlich:
Dr. med. Sophie-Susann Merbecks
und Mitarbeiter des FG Infektionsepidemiologie
LUA Chemnitz

6 │
2. Quartal
14. - 26. MW 2017
kumulativ
2017
2016
Fälle
T
Fälle
T
Fälle
T
Meningokokken-Erkrankung, invasiv
1
6
1
2
MRE-Nachweis mit Carbapenem-Resistenz
131
2
253
3
124
3
MRSA-Infektion, invasiv
52
6
120
14
78
5
caMRSA-Nachweis
15
28
20
Mumps
5
9
10
Mycoplasma hominis-Infektion
204
421
178
Mycoplasma-Infektion, respiratorisch
237
632
256
Norovirus-Enteritis
825
1
3.812
5
1.282
Ornithose
1
2
1
Parainfluenza-Infektion, respiratorisch
107
321
121
Paratyphus
1
1
Parvovirus B19-Infektion
74
120
103
Pertussis
217
412
125
Pneumokokken-Erkrankung, invasiv
69
1
209
14
80
7
Q-Fieber
1
1
Rotavirus-Erkrankung
2.156
2
3.976
4
1.334
Röteln
1
3
RS-Virus-Infektion, respiratorisch
43
2.244
3
248
Salmonellose
254
1
402
2
366
1
Scharlach
397
916
702
Shigellose
3
9
6
Syphilis
57
100
51
Toxoplasmose
14
32
33
Tuberkulose
54
109
1
57
1
Typhus abdominalis
1
2
Windpocken
446
915
665
Yersiniose
72
171
106
Zikavirus-Infektion
1
Zytomegalievirus-Infektion
13
28
1
74
angeborene Infektion
2
3
4
Tod an sonstiger Infektionskrankheit
25
62
21
T = Todesfälle
Veröffentlicht werden Fälle nach den Kriterien der RKI-Referenzdefinition (soweit vorhanden).
Um eine Vergleichbarkeit mit dem Vorjahr zu erzielen, wurden für 2016 diese Kriterien ebenfalls angewandt.

│7
HIV/AIDS im Freistaat Sachsen – Jahresbericht 2016
Nachfolgend werden die Zahlenberichte über die Ergebnisse der
an der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und
Veterinärwesen (LUA) Sachsen durchgeführten serologischen
HIV-Untersuchungen im Jahr 2016 aufgeführt. Des Weite-
ren ist eine Zusammenstellung der vom Robert Koch-Institut
(RKI) erhobenen HIV-Daten für Sachsen (RKI SurvStat Stand:
01.05.2017, bis Ende Februar 2017) zu finden.
Untersuchungsergebnisse der LUA
Die Labordiagnostik einer Infektion mit den HI-Virustypen
1 (HIV-1) oder 2 (HIV-2) basiert auf einer serologischen Stu-
fendiagnostik.
In Stufe 1 wird die Patientenprobe (Erstprobe, Serum) in ei-
nem Antikörper-Antigen-Kombinationstest untersucht („HIV-
Screening-Test“, ELISA). Bei einem positiven bzw. grenzwertigen
Ergebnis im HIV-Screening-Test wird die Erstprobe in Stufe 2
einem immunologischen HIV-Bestätigungstest (Immunoblot)
unterzogen. Dieser Antikörper-basierte Test ermöglicht zusätz-
lich eine Unterscheidung zwischen einer HIV-1- und HIV-2-In-
fektion.
Im Rahmen der Stufendiagnostik besteht außerdem die Mög-
lichkeit zum direkten HIV-1-Nachweis durch Einsatz der Nuk-
leinsäure-Amplifikationstechnik (NAT, RT-PCR-Untersuchung).
Die Nachweisgrenze der eingesetzten PCR-Methode liegt unter
50 RNA-Kopien/ml.
Im Jahr 2016 wurden an der LUA Sachsen 7.290 HIV-Screening-
Untersuchungen durchgeführt. Damit war im Berichtsjahr ein
Probenrückgang gegenüber dem Vorjahr von ca. 60 % (2015:
16.832 Untersuchungen) zu beobachten. Diese Entwicklung
steht im Zusammenhang mit der Aussetzung des HIV-Screenings
von Asylsuchenden im Rahmen der ärztlichen Erstuntersuchung
gemäß der Novellierung der Verwaltungsvorschrift zum Vollzug
der Asylbewerbergesundheitsbetreuung vom 29.07.2015 (VwV
AsylGesBetr). Dementsprechend gehört das HIV-Screening be-
reits seit August 2015 nicht mehr zum serologischen Unter-
suchungsspektrum der Erstuntersuchung von Asylbewerber-
proben. (Im Jahr 2015 wurden im Zeitraum von Januar bis Juli
2015 noch insgesamt 10.252 Serumproben von Asylbewerbern
mit dem HIV-Screening-Test untersucht.)
Im Berichtsjahr wurden von den 7.290 im HIV-Screening un-
tersuchten Proben insgesamt 74 Seren (1,02 %) im Rahmen der
serologischen Stufendiagnostik mittels Immunoblot als „positiv“
bestätigt (Tabelle 1). Bei den positiv bestätigten Antikörpertes-
ten handelte es sich um HIV-1-Infektionen. Bei keinem der HIV-
Positiven wurden eindeutig Antikörper gegen das HI-Virus Typ 2
nachgewiesen. Bei einem HIV-Infizierten war die
HIV-1-Infekti-
on bereits bekannt.
Die 74 HIV-1-positiven Seren konnten 51 Patienten zugeordnet
werden. Dies entspricht einer patientenbezogenen Positivrate
von 0,70 % (51/7.290). Im Vorjahr waren bei 0,44 % (74/16.798)
der in der LUA untersuchten Patienten HIV-Antikörper nachge-
wiesen worden.
Im Berichtsjahr wurde in insgesamt drei Fällen (nach einem
reaktiven/grenzwertigen HIV-Screening-Test bzw. im Zusam-
menhang mit einer spezifischen diagnostischen Fragestellung)
eine HIV-1-PCR-Untersuchung zusätzlich zur serologischen
HIV-Stufendiagnostik durchgeführt. In keiner der drei mittels
RT-PCR untersuchten Plasmaproben war eine HIV-1-Viruslast
nachweisbar.
Unter den 51 HIV-Positiven von 2016 sind 47 männliche und
vier weibliche Personen. Vier der männlichen HIV-Infizierten
waren als Asylsuchende registriert. Dies entspricht einem Anteil
von ca. 8 % (4/51). Im Vorjahr lag dieser bei ca. 26 % (19/74).
Insgesamt beträgt der Ausländeranteil 2016 unter den als HIV-
positiv Diagnostizierten ca. 29 % (15/51), im Vorjahr hatte er
etwa 36 % (27/74) ausgemacht. Als Herkunftsländer der aus-
ländischen männlichen HIV-Infizierten (ohne Hinweis auf Asyl)
sind Kuba, Marokko, Mongolei, Lettland, Russische Föderation,
Syrien, Ukraine, Ungarn und Vietnam zu nennen. Die vier Asylsu-
chenden mit HIV-Infektion stammten aus Italien, dem Libanon,
Libyen und Venezuela. Von den vier weiblichen HIV-positiven
Personen stammten zwei aus Deutschland, eine aus Kamerun,
für die vierte Person wurde kein Herkunftsland übermittelt.
Die Zahlen der für Sächsische Justizvollzugsanstalten durchge-
führten HIV-Untersuchungen sind in Tabelle 2 aufgeführt.
Zeitliche Entwicklung der HIV-Neudiagnosen
Die Zahl der neu diagnostizierten HIV-Infektionen lag im Jahr
2016 deutschlandweit, wie auch in Sachsen, weiterhin auf ho-
hem Niveau (Abbildung 1, Abbildung 2). Nachdem 2001 der bis-
herige Tiefpunkt der HIV-Erstdiagnosen in Deutschland erreicht
worden war, kam es anschließend wieder zu einer Zunahme der
HIV-Neudiagnosen, insbesondere in der Gruppe der Männer,
die Sex mit Männern haben (MSM). Vor allem auch seit 2012
sind die HIV-Erstdiagnosen sowohl deutschlandweit als auch in
Sachsen zunächst weiter angestiegen. Ihre Zahl blieb jedoch im
Jahr 2016 unter den Werten der beiden vorausgegangenen Be-
richtsjahre, lag aber über derjenigen von 2013.
Die Meldungen der HIV-Neudiagnosen dürfen jedoch nicht mit
der Zahl der HIV-Neuinfektionen gleichgesetzt werden. Sie er-
lauben keine direkten Rückschlüsse auf die Infektionszeitpunk-
te, da HIV-Infektion und HIV-Test zeitlich auseinander liegen
können.
Nach der Modellierung des RKI, in die auch eine genauere
Schätzung des Infektionszeitpunktes einfließt, hat sich die Zahl
der HIV-Neuinfektionen in Deutschland bis Ende der 1990er-
Jahre deutlich verringert. Von 2000 bis ca. 2005 erfolgte wieder
ein Anstieg der HIV-Neuinfektionen, mit einer Plateaubildung
ab 2006. Vom RKI wird die Gesamtzahl der HIV-Neuinfektionen
für Deutschland in 2015 wie auch in den beiden Vorjahren auf
3.200 (3.000–3.400) und für Sachsen auf 180 (160–210) ge-
schätzt (Epidemiologische Kurzinformation des RKI: HIV/AIDS in
Deutschland bzw. in Sachsen - Eckdaten der Schätzung, Stand:
Ende 2015;
http://www.rki.de).
Nach Angaben des RKI wurden im Jahr 2016 aus Sachsen 145
HIV-Erstdiagnosen gemeldet (Tabelle 3, Abbildung 1). Im Vorjahr
hatte die Zahl der Erstmeldungen um ca. ein Drittel höher bei
190 Neudiagnosen gelegen. Von 2001 bis 2016 sind insgesamt
1.485 HIV-Erstdiagnosen aus Sachsen erfasst worden.

8 │
Die durchschnittlichen Meldezahlen von
HIV-Erstdiagnosen aus Sachsen sind im
Zeitverlauf stufenartig angestiegen. In
den Jahren 2001-2004 wurden jährlich
durchschnittlich 35 neu diagnostizierte
HIV-Infektionen an das RKI gemeldet.
Im Zeitraum 2005-2009 lagen die Mel-
dezahlen für HIV-Neudiagnosen aus dem
Freistaat Sachsen im Durchschnitt bei 76,
in den Jahren 2010-2012 bei 109 und
während der letzten 4 Jahre bei 160 (Ta-
belle 3).
Im Freistaat Sachsen sollten gemäß
Schätzungen des RKI Ende 2015 ca. 2.200
(2.000-2.400) Menschen mit HIV/AIDS
leben (Epidemiologische Kurzinformation
des RKI: HIV/AIDS in Sachsen - Eckdaten
der Schätzung, Stand: Ende 2015;
www.rki.de).
Neben den HIV-Meldungen gemäß In-
fektionsschutzgesetz (IfSG) fließen in die
Schätzwerte des RKI weitere Datenquel-
len ein: das AIDS-Fallregister, die AIDS-
und HIV-Todesfallberichte an das RKI, die
Todesursachen-Statistik der statistischen
Landesämter sowie die Verkaufsdaten zur
antiretroviralen Therapie aus Apotheken-
abrechnungszentren.
In Deutschland lag die Zahl der HIV-
Erstdiagnosen im Berichtsjahr 2016 bei
3.415 (RKI SurvStat, Stand: 01.05.2017,
bis Ende Februar 2017) (Abbildung 2). Es
ist nach Schätzungen des RKI davon aus-
zugehen, dass Ende 2015 in Deutschland
ca. 84.700 (78.300-91.100) Menschen
mit HIV/AIDS lebten (Epidemiologische
Kurzinformation des RKI: HIV/AIDS in
Deutschland - Eckdaten der Schätzung,
Stand: Ende 2015;
http://www.rki.de).
Ein Vergleich der Inzidenzen der HIV-
Erstdiagnosen (gemeldete Erstdiagnosen
pro 100.000 Einwohner) in Sachsen und
Deutschland zeigt die Abbildung 3. Im
Berichtsjahr lag die Inzidenz der HIV-
Erstdiagnosen in Sachsen bei 3,6 pro
100.000 Einwohner etwa auf dem Niveau
von 2013 und unter dem deutschland-
weiten Wert von 4,2. Im Vorjahr hatte
diese in Sachsen mit 4,7 pro 100.000 Ein-
wohner erstmalig seit Erfassungsbeginn
über derjenigen in Deutschland (4,5 pro
100.000) gelegen.
Geschlechts- und Altersverteilung bei
HIV-Neudiagnosen
Im Zeitraum 2001-2016 waren durch-
schnittlich ca. 12 % der HIV-positiv
Getesteten in Sachsen weiblichen und
2,0
1,9
2,0
2,6
2,5
2,8
3,4
4,1
4,7
3,6
3,4
3,4
3,5
3,3
3,3
3,7
4,0
4,3
4,5
4,2
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
3,5
4,0
4,5
5,0
2007
2009
2011
2013
2015
Erstdiagnosen pro 100.000 EW
Jahr
Sachsen
Deutschland
Abbildung 3:
Inzidenz der HIV-Erstdiagnosen in Sachsen und Deutschland, 2007-2016
2.765
2.824
2.857
2.694
2.660
2.952
3.235
3.500
3.694
3.415
0
500
1.000
1.500
2.000
2.500
3.000
3.500
4.000
2007
2009
2011
2013
2015
Anzahl
Jahr
Abbildung 2:
HIV-Erstdiagnosen in Deutschland im Zeitverlauf, 2007-2016
83
79
85
109
105
112
138
168
190
145
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
200
2007
2009
2011
2013
2015
Anzahl
Jahr
Abbildung 1:
HIV-Erstdiagnosen in Sachsen im Zeitverlauf, 2007-2016

│9
ca. 87 % männlichen Geschlechts. Das
gleiche prozentuale Verhältnis bei der
Geschlechtsverteilung der HIV-Erstdi-
agnosen in Sachsen war auch im Be-
richtsjahr 2016 zu beobachten (Tabelle 3,
Abbildung 4). Dies entsprach annähernd
dem deutschlandweiten Verhältnis bei
der Geschlechterverteilung unter den
HIV-positiv Getesteten in 2016 (Frauen:
21 %, Männer: 79 %).
Ca. 73 % aller HIV-Neudiagnosen im
Freistaat Sachsen von 2001-2016 wur-
den in den Altersgruppen von 25 bis 49
Jahren (1.083/1.485) erfasst, wobei die
Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen mit
ca. 31 % (466/1.485) den größten Anteil
aufweist. Keine signifikanten
Unterschie-
de bestanden dagegen zwischen den
Altersgruppen der 25- bis 29-Jährigen
und der 40- bis 49-Jährigen: Ca. 22 %
(322/1.485) der HIV-Erstdiagnosen waren
der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen
und ca. 20 % (295/1.485) den 40- bis
49-Jährigen zuzuordnen (Tabelle 7, Ab-
bildung 5, Abbildung 6).
Bei einer Betrachtung der jährlichen Al-
tersverteilung bei den gesicherten HIV-
Erstdiagnosen in Sachsen zwischen 2012
und 2016 (Abbildung 6) ist die Alters-
gruppe der 30- bis 39-Jährigen seit 2013
und insbesondere im Berichtsjahr 2016
am stärksten vertreten. Bis 2015 folgen
anteilmäßig jeweils die Altersgruppen
der 25- bis 29- und 40- bis 49-Jährigen.
Im Berichtsjahr 2016 tritt unter den HIV-
Erstdiagnostizierten die Altersgruppe der
40- bis 49-Jährigern erstmalig seit 2012
an die zweite Stelle nach den 30- bis
39-Jährigen. Ebenso bemerkenswert im
Berichtsjahr 2016 ist der vergleichsweise
hohe Anteil der Altersgruppe der 60- bis
74-Jährigen im Bezug zu den Vorjahren
seit 2012.
Unter den altersspezifischen Inzidenzen
der Gesamt-HIV-Erstdiagnosen (gemel-
dete Erstdiagnosen pro 100.000 der je-
weiligen Altersgruppe) in Sachsen waren
im Jahr 2016 die höchsten und dabei an-
nähernd vergleichbare Werte bei den 30-
bis 39-Jährigen (8,8 pro 100.000), den
25- bis 29-Jährigen (8,5 pro 100.000)
und den 20- bis 24-Jährigen (8,3 pro
100.000) zu beobachten (Tabelle 8).
Bei weiterer Aufschlüsselung der Alters-
verteilung auf die beiden Geschlechter
ergibt sich in Sachsen im Zeitraum 2001-
2016 folgender Sachverhalt: Für beide
Geschlechter wurden HIV-Erstdiagnosen
92,8
87,3
88,2
85,3
90,5
91,1
92,0
91,1
85,3
87,6
87,4
6,0
11,4
11,8
14,7
9,5
8,9
8,0
8,9
14,7
12,4
12,3
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
gesamt
Anteil (%)
Jahr
männlich
weiblich
Abbildung 4:
HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Geschlecht und Diagnosejahr, 2007-2016
10
28
192
322
466
295
123
40
3
6
0
40
80
120
160
200
240
280
320
360
400
440
480
520
0-14
15-19 20-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-74 75-99
k.A.
Anzahl
Alter (Jahre)
Abbildung 5:
HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Altersgruppen, 2001-2016
0
10
20
30
40
50
60
70
80
0-14 15-19 20-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-74 75-99
Anzahl
Alter (Jahre)
2012
2013
2014
2015
2016
Abbildung 6:
HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Altersgruppen und Diagnosejahr, 2012-2016

10 │
am häufigsten in den Altersgruppen
von 20 bis 49 Jahren gestellt (jeweils
ca. 85 %). Beim männlichen Geschlecht
ist ein signifikant höherer Anteil an
Neu-
diagnosen bei den 30- bis 39-Jährigen zu
beobachten (31,9 %.) Dagegen dominie-
ren anteilsmäßig bei den HIV-Erstdiagno-
sen der Frauen nahezu übereinstimmend
die zwei Altersgruppen zwischen 25 und
39 Jahren (25-29 Jahre: 26,4 % bzw.
30-39 Jahre: 27,5 %, Tabelle 7, Abbil-
dung 7).
Sowohl beim männlichen als auch beim
weiblichen Geschlecht lagen im Zeitraum
2001-2016 die höchsten
altersspezifi-
schen Inzidenzen der HIV-Erstdiagnosen
in der Altersgruppe von 25 bis 29 Jahren
(Männer: 12,3 pro 100.000, Frauen: 2,5
pro 100.000, Tabelle 8).
Die Gesamt-Inzidenz von HIV-Erstdiag-
nosen war im Berichtsjahr beim männ-
lichen Geschlecht mit 6,3 pro 100.000
um das Siebenfache höher als die für das
weibliche Geschlecht ermittelte Neudi-
agnosen-Inzidenz von 0,9 pro 100.000
(Tabelle 8). Bei den männlichen HIV-
Erstdiagnostizierten wurden 2016 für
die drei Altersgruppen zwischen 20 bis
39 Jahren vergleichbar hohe altersspe-
zifische Inzidenzen von 13,3; 12,5 bzw.
15,7 pro 100.000 ermittelt. Eine ähnliche
Situation beim weiblichen Geschlecht
konnte im Berichtsjahr nicht beobachtet
werden. Hier lag der Scheitelpunkt in der
Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen bei
einer altersspezifischen Inzidenz von 3,9
pro 100.000 (Tabelle 8, Abbildung 8, Ab-
bildung 9).
Die Abbildung 10 zeigt die
altersspezifi-
schen Inzidenzen der HIV-Neudiagnosen
bei Männern im Freistaat Sachsen im
zeitlichen Verlauf (Zeitraum 2012-2016).
Bei dieser Betrachtung dominieren je-
weils die Altersgruppen zwischen 20-39
Jahren.
Regionale Verteilung der HIV-Erstdi-
agnosen in Sachsen
Von den insgesamt 145 im Jahr 2016 neu
diagnostizierten HIV-Infektionen im Frei-
staat Sachsen stammten 46 (31,7 %) aus
dem Stadtraum Leipzig, 35 (24,1 %) aus
dem Stadtraum Dresden und 24 (16,6 %)
aus dem Stadtraum Chemnitz. Aus dem
„übrigen Land“ wurden 2016 insgesamt
40 (27,6 %) HIV-Erstdiagnosen an das
RKI übermittelt (Tabelle 4).
0,6
1,7
12,8
21,0
31,9
20,0
8,9
2,5
0,2
1,1
0,4
3,3
14,3
26,4
27,5
18,7
3,8
3,8
0,5
0,5
0
5
10
15
20
25
30
35
0-14 15-19 20-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-74 75-99 k.A.
Anteil (%)
Alter (Jahre)
männlich
weiblich
Abbildung 7:
HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Altersgruppen und Geschlecht, 2001-2016
1
1
11
18
43
27
14
11
1
2
1
5
2
5
1
2
0
10
20
30
40
50
60
0-14 15-19 20-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-74 75-99 k.A.
Anzahl
Alter (Jahre)
männlich
weiblich
Abbildung 8:
HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Altersgruppen und Geschlecht, 2016
0,4
1,2
13,3
12,5
15,7
10,1
4,4
3,0
0,5
1,4
2,7
3,9
0,8
2,1
0,3
0,5
0
5
10
15
20
0-14 15-19 20-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-74 75-99 k.A.
Erstdiagnosen pro 100.000
Alter (Jahre)
männlich
weiblich
Abbildung 9:
Inzidenz der HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Altersgruppen und Geschlecht, 2016

│11
Von den HIV-Meldungen aus Sachsen
kamen im Zeitraum 2001-2016 ca. 34 %
(497/1.485) aus dem Stadtraum Leipzig,
ca. 24 % (358/1.485) aus dem Stadtraum
Dresden und ca. 13 % (196/1.485) aus
dem Stadtraum Chemnitz. Für das „übri-
ge Land“ wurden rund 29 % (434/1.485)
der HIV-Erstdiagnosen erhoben (Tabel-
le 4, Abbildung 11, Abbildung 12).
Eine Gegenüberstellung der HIV-Mel-
dungen seit 2001 aus den Stadträumen
Dresden und Leipzig zeigt, dass bei annä-
hernd gleicher Einwohnerzahl 2003 aus
Leipzig etwa 10-mal so viele, in den Jah-
ren 2004 und 2005 fast doppelt so viele
HIV-Neudiagnosen gemeldet wurden wie
aus dem Stadtraum Dresden (Tabelle 4).
Umgekehrt überwog in zwei Berichtsjah-
ren (2002 und 2011) die Anzahl der HIV-
Erstdiagnosen im Stadtraum Dresden.
Nahezu übereinstimmende Meldezahlen
neu diagnostizierter HIV-Infektionen
wurden in den beiden Stadträumen Dres-
den und Leipzig dagegen in den Jahren
2006, 2007 sowie 2013 registriert.
Im Berichtsjahr war die Zahl der HIV-
Meldungen aus dem Stadtraum Leipzig
wie auch im Vorjahr um ein Viertel höher
als aus dem Stadtraum Dresden und na-
hezu doppelt so hoch wie im Stadtraum
Chemnitz. Demgegenüber war aus dem
„übrigen Land“ eine insgesamt höhe-
re Zahl an HIV-Meldungen als aus den
Stadträumen Dresden bzw. Chemnitz re-
gistriert worden (Tabelle 4, Abbildung 11,
Abbildung 12).
Die Abbildung 13 zeigt die Inzidenzen
der gemeldeten HIV-Erstdiagnosen pro
100.000 Einwohner in den Regierungs-/
Direktionsbezirken/Regionen bzw. Stadt-
räumen Sachsens im zeitlichen Verlauf.
Im Berichtsjahr waren die Neudiagnosen-
Inzidenzen im Vergleich zum Vorjahr in
jeder dieser regionalen Kategorien leicht
gesunken. Die Inzidenz der HIV-Erstdi-
agnosen in der Region Leipzig lag 2016
mit 5,5 pro 100.000 Einwohner - wie
auch in den vergangenen Jahren - über
dem sächsischen Mittel (2016: 3,6 pro
100.000).
Wie im Vorjahr wurde mit 9,7 HIV-
Neudiagnosen pro 100.000 Einwohner
die höchste Inzidenz in Sachsen für den
Stadtraum Chemnitz registriert (2015:
11,3). Für den Stadtraum Leipzig lag die-
se bei 8,2 (2015: 10,9). Im Stadtraum
Dresden sank die Inzidenz der HIV-Erst-
diagnosen 2016 mit 6,4 pro 100.000 auf
0
5
10
15
20
25
30
0-14 15-19 20-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-74 75-99 k.A. Gesamt
Erstdiagnosen pro 100.000
Alter (Jahre)
2012
2013
2014
2015
2016
Abbildung 10: Altersspezifische Inzidenzen der HIV-Erstdiagnosen beim männlichen Geschlecht in Sachsen,
2012-2016
24,1
33,5
13,2
29,2
0
5
10
15
20
25
30
35
40
Dresden
Leipzig
Chemnitz
übriges Land
Anteil (%)
Stadtraum
Abbildung 11: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Stadträumen, 2001-2016
7
21
34
35
48
35
9
42
37
58
61
46
7
15
28
35
28
24
9
34
39
40
53
40
0
10
20
30
40
50
60
70
2001
2012
2013
2014
2015
2016
Anzahl
Jahr
Dresden
Leipzig
Chemnitz
übriges Land
Abbildung 12: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Stadträumen, 2001 und 2012-2016

12 │
das Niveau von 2013 bzw. 2014 (6,4 bzw.
6,5). Im Vorjahr hatte diese bei 8,8 ge-
legen.
Die vergleichsweise hohe Inzidenz an
HIV-Erstdiagnosen im Stadtraum Chem-
nitz während der letzten Jahre kann im
Wesentlichen auf die dortige Lokalisation
der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB)
zurückgeführt werden.
Infektionsrisiko bei HIV-Infektionen
Angaben zum Infektionsrisiko liegen
in Sachsen in ca. 77 % der gemeldeten
HIV-Erstdiagnosen vor (Tabelle 5, Abbil-
dung 14).
Im Zeitraum 2001-2016 gaben im Durch-
schnitt 59 % der HIV-Positiven aus Sach-
sen als Infektionsrisiko Sex mit Männern
an (MSM = Männer, die Sex mit Män-
nern haben). Der entsprechende Wert für
Deutschland lag bei etwa 52 %. Durch
heterosexuelle Kontakte (Hetero) wurden
im oben genannten Zeitraum 14,1 % der
HIV-Infektionen in Sachsen und deutsch-
landweit ca. 21 % der Fälle übertragen.
Das dritthäufigste Infektionsrisiko für
eine HIV-Infektion ist der intravenö-
se Drogengebrauch (IVDA) mit 3,1 % in
Sachsen und deutschlandweit mit 4,2 %
(Tabelle 5, Tabelle 6, Abbildung 14, Ab-
bildung 15).
In Deutschland war während der letzten
Jahre bis 2010 eine kontinuierliche Zu-
nahme des Anteils von Männern, die Sex
mit Männern haben, an den neu-diag-
nostizierten HIV-Infektionen zu verzeich-
nen. Im Berichtsjahr waren deutschland-
weit ca. 50 % der HIV-Erstdiagnosen auf
den Übertragungsweg MSM zurückzu-
führen. In Sachsen lag dieser Anteil 2016
mit 60,7 % im Mittel der letzten Jahre
seit 2004 (ca. 61 %). In den Jahren 2001-
2003 hatte er im Freistaat durchschnitt-
lich 36 % betragen.
Im Vergleich zum Vorjahr zeigen 2016
die Zahlen der HIV-Erstdiagnosen, die
einem Transmissionsweg durch hetero-
sexuelle Kontakte zugeschrieben wer-
den, in Sachsen eine leicht steigende
Tendenz. HIV-Erstdiagnosen mit diesem
Infektionsrisiko werden im Freistaat im
Berichtsjahr mit 16,6 % (2015: 14,7 %)
angegeben (Deutschland: 2016: 25,3 %,
2015: 26,0 %).
Eine Aufschlüsselung des Infektionsrisi-
kos nach Stadträumen im Berichtsjahr
zeigt die Abbildung 16. Für den Stadt-
8,8
10,9
11,3
4,4
6,8
3,5
4,7
6,4
8,2
9,7
2,8
5,5
3,0
3,6
0
2
4
6
8
10
12
14
16
SK Dresden SK Leipzig SK Chemnitz Region
Dresden
Region
Leipzig
Region
Chemnitz
Sachsen
Erstdiagnosen
pro 100.000 EW
2001
2012
2013
2014
2015
2016
Abbildung 13: Inzidenz der HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Stadträumen (SK) und Regionen, 2001 und
2012-2016
876
46
209
7
347
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
1000
MSM
IVDA
Blut
Hetero
PPI
k.A.
Anzahl
Infektionsrisiko
3,1%
14,1%
0,5%
59,0%
Abbildung 14: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Infektionsrisiko, 2001-2016
MSM = Männer, die Sex mit Männern haben
Hetero = heterosexuelle Kontakte
IVDA = intravenöse Drogengebrauch
PPI
= Mutter-Kind-Infektion
Blut = Bluttransfusion/Blutprodukte
k.A.
= keine Angabe
53
52
57
59
72
65
83
103
109
88
7
9
10
14
14
10
15
21
28
24
18
18
16
34
18
31
37
36
43
26
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
Jahr
MSM
Hetero
IVDA
PPI
k.A.
Abbildung 15: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Infektionsrisiko und Diagnosejahr, 2007-2016
Legende s. Abbildung 14

│13
raum Chemnitz und das „übrige Land“
ist 2016 bei den möglichen HIV-Übertra-
gungswegen ein ähnliches Verteilungs-
muster erkennbar. Bei allen Stadträumen
dominierte der Anteil der Transmissi-
onsgruppe MSM. In den Stadträumen
Dresden und Leipzig lag das Infektions-
risiko MSM 2016 kongruent bei ca. 65 %
(65,7 % bzw. 65,2 %). Für das „übrige
Land“ wurde bezüglich MSM-Transmissi-
on in 2016 der nahezu gleiche Prozent-
satz von 55,0 % wie für den Stadtraum
Chemnitz (54,2 %) ermittelt.
Der heterosexuelle Übertragungsweg
wurde im Berichtsjahr besonders häu-
fig - in 25,7 % der Fälle - im Stadtraum
Dresden angegeben. Der entsprechende
Vorjahreswert lag bei 2 %. Im Stadtraum
Chemnitz und auch im „übrigen Land“
lag der Anteil der durch heterosexuelle
Kontakte übertragenen HIV-Infektionen
bei durchschnittlich 17 %. Im Stadtraum
Leipzig spielte der heterosexuelle Über-
tragungsweg 2016 eine vergleichsweise
untergeordnete Rolle (8,7 %).
Bei Betrachtung der Infektionsrisiken für
die Geschlechter in Sachsen zeigt sich,
dass bei den Frauen im Zeitraum 2001-
2016 die HIV-Infektionen am häufigsten
(ca. 74 %) durch heterosexuelle Kontakte
erworben wurden. Ca. 68 % der Män-
ner gaben im oben genannten Zeitraum
sexuelle Kontakte mit Männern (MSM)
und nur 5,5 % der Fälle heterosexuelle
Kontakte als Infektionsrisiko an (Tabel-
le 6, Abbildung 17). Das dritthäufigste
Übertragungsrisiko für eine HIV-Infektion
in Sachsen 2016 war der intravenöse
Drogengebrauch (IVDA), was bei beiden
Geschlechtern mit einer ähnlichen Häu-
figkeit beobachtet wurde (Frauen: 3,8 %,
Männer: 2,9 %).
AIDS-Erkrankungen
Zum Zeitpunkt der Berichterstellung wa-
ren die aktuellen Daten des RKI über die
mitgeteilten AIDS-Fälle des Jahres 2016
noch nicht veröffentlicht.
Aus dem Freistaat Sachsen wurden seit
Erfassungsbeginn bis Ende 2015 insge-
samt 186 AIDS-Fälle berichtet (Tabel-
le 10). Die Meldung der AIDS-Erkrankun-
gen erfolgt durch die behandelnden Ärzte
auf freiwilliger Basis. Es wird daher auch
für Sachsen – von lokalen Ausnahmen
abgesehen – von einer Untererfassung
der AIDS-Fälle ausgegangen.
23
30
13
22
88
9
4
4
7
24
2
2
2
6
3
10
4
9
26
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
Dresden
Leipzig
Chemnitz
übriges
Land
gesamt
Stadtraum
MSM
Hetero
IVDA
PPI
k.A.
Abbildung 16: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Infektionsrisiko und Stadtraum, 2016
Legende siehe Abbildung 14
67,5
5,5
73,6
2,9
3,8
23,7
21,4
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
männlich
weiblich
Geschlecht
MSM
Hetero
IVDA
PPI
k.A.
Abbildung 17: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Infektionsrisiko und Geschlecht, 2001-2016
Legende siehe Abbildung 14

14 │
Nach Schätzungen des RKI soll die Gesamtzahl der Todesfälle
bei HIV-Infizierten in Sachsen seit Beginn der Epidemie bis Ende
2015 bei ca. 160 (150-170) liegen. Im Jahr 2015 sollen im Frei-
staat 5 (5-10) Menschen aufgrund ihrer AIDS-Erkrankung ver-
storben sein (Epidemiologische Kurzinformation des RKI: HIV/
AIDS in Deutschland bzw. in Sachsen - Eckdaten der Schätzung,
Stand: Ende 2015;
http://www.rki.de).
Für Deutschland schätzt das RKI die Gesamtzahl der HIV-Posi-
tiven seit Beginn der Epidemie bis Ende 2015 auf etwa 84.700
(78.300-91.100), die Zahl der Todesfälle auf ca. 28.100 (27.000-
29.200). Im Jahr 2015 sollen ca. 460 (440-480) Todesfälle bei
HIV-Infizierten eingetreten sein (Epidemiologische
Kurzinfor-
mation des RKI: HIV/AIDS in Deutschland - Eckdaten der Schät-
zung, Stand: Ende 2015;
http://www.rki.de).
Zusammenfassung
Mit 145 HIV-Neudiagnosen in 2016 im Freistaat Sachsen lag die
Anzahl an HIV-Erstnachweisen ca. ein Viertel unter dem Vorjah-
reswert von 190, aber über der durchschnittlichen Anzahl der
HIV-Erstnachweise der letzten sieben Jahre (138). Im Berichts-
jahr ergab sich für Sachsen eine Inzidenz der HIV-Erstdiagnosen
von 3,6 pro 100.000 Einwohner (bundesdeutscher Durchschnitt
4,2). In den neuen Bundesländern lag die Inzidenz der HIV-Erst-
diagnosen 2016 bei 2,9 pro 100.000.
Bezogen auf den Zeitraum 2001-2016 waren durchschnittlich
87 % der HIV-positiv Getesteten männlichen und 12 % weibli-
chen Geschlechts.
Im Zeitraum 2001-2016 wurde in Sachsen die größte Anzahl der
HIV-Erstdiagnosen insgesamt aus der Altersgruppe der 30- bis
39-Jährigen (ca. 31 %) gemeldet. In dieser Altersgruppe wur-
den ebenso die meisten Neudiagnosen sowohl beim weiblichen
als auch beim männlichen Geschlecht gestellt (ca. 28 % bzw.
ca. 32 %). Im Jahr 2016 waren in Sachsen vergleichbar hohe
altersspezifische Inzidenzen der Gesamt-HIV-Erstdiagnosen pro
100.000 bei den Altersgruppen der 20- bis 24-Jährigen (8,3), der
25- bis 29-Jährigen (8,5) und der 30- bis 39-Jährigen (8,8) zu
beobachten. Bei den männlichen HIV-Erstdiagnostizierten wur-
den 2016 für die drei Altersgruppen zwischen 20 bis 39 Jahren
die höchsten altersspezifischen Inzidenzen von 13,3; 12,5 und
15,7 pro 100.000 beobachtet.
Durchschnittlich 34 % der Erstnachweise bei HIV-Infizierten
seit 2001 stammten aus dem Stadtraum Leipzig. Im Berichtsjahr
lag der prozentuale Anteil hier bei ca. 32 %, in den Stadträumen
Chemnitz und Dresden bei 17 % bzw. 24 %.
Für die Region Leipzig wurde im Berichtsjahr eine über dem
sächsischen Durchschnitt liegende Inzidenz der HIV-Neudiag-
nosen von 5,5 pro 100.000 Einwohner beobachtet (Sachsen: 3,6
pro 100.000). Bei den Regionen Chemnitz und Dresden lagen die
Neudiagnosen-Inzidenzen unter dem sächsischen Mittelwert
(3,0 bzw. 2,8 pro 100.000 Einwohner).
Für die Stadträume Chemnitz und Leipzig konnten 2016 nahezu
übereinstimmende Inzidenzen von HIV-Erstdiagnosen gezeigt
werden (9,7 bzw. 8,2 pro 100.000 Einwohner). Für den Stadt-
raum Dresden wurde im Berichtsjahr eine Inzidenz von 6,4 pro
100.000 Einwohner ermittelt.
Mit ca. 61 % lag im Berichtsjahr der Anteil der MSM an den
neu diagnostizierten HIV-Infizierten im Mittel der letzten Jahre
seit 2004.
Bearbeiter: Dr. med. Ingrid Ehrhard
LUA Dresden
DB Ursula Reif
LUA Dresden
Anlagen: Tabelle 1 bis 10

│15
Tabelle 1: Ergebnisse der in der LUA Sachsen durchgeführten HIV-Antikörperteste im Jahr 2016
(bezogen auf positive Seren)
Chemnitz
Dresden
Leipzig
Gesamt
absolut
%
absolut
%
absolut
%
absolut
%
1. HIV-Antigen/ Antikörper-Screening-
Untersuchungen insgesamt
1.465
100,00
3.060
100,00
2.765
100,00
7.290
100,00
davon Frauen
459
31,33
1.036
33,86
921
33,31
2.416
33,14
1.1 davon im Bestätigungstest positiv
14
0,96
33
1,08
27
0,98
74
1,02
davon Frauen
1
0,07
3
0,10
3
0,11
7
0,10
2. anonyme Untersuchungen insgesamt
728
49,69
2.879
94,08
2.118
76,60
5.725
78,53
2.1 davon im Bestäti gungstest positiv
5
0,34
33
1,08
15
0,54
53
0,73
3. Differenzierung nach Einsendern
3.1 Gesundheitsämter
1.265
86,35
2.904
94,90
2.651
95,88
6.820
93,55
3.2 Justizvollzugs anstalten/Polizei
182
12,42
143
4,67
112
4,05
437
5,99
3.3 Krankenhäuser
0
0,00
6
0,20
0,00
0,00
6
0,08
3.4 sonstige
18
1,23
7
0,23
2
0,07
27
0,37
4. Differenzierung nach Personen gruppen
4.1 Personen mit häufig wechselnden Partnern
28
1,91
146
4,77
8
0,29
182
2,50
4.2 intravenöse Drogenabhängige
0
0,00
2
0,07
1
0,04
3
0,04
4.3 Asylbewerber
49
3,34
3
0,10
3
0,11
55
0,75
4.4 Hämophile/nach Bluttransfusion/Dialyse
0
0,00
0
0,00
0
0,00
0
0,00
4.5 medizinisches Personal
2
0,14
1
0,03
0
0,00
3
0,04
4.6 ohne Angaben
1.386
94,61
2.908
95,03
2.753
99,57
7.047
96,67
Tabelle 2: In der LUA Sachsen durchgeführte HIV-Antikörperteste für Sächsische Justizvollzugsanstalten im Jahr 2016
Anzahl der Untersuchungen
davon positiv im Bestätigungstest
Region Chemnitz
178
davon:
Chemnitz
51
Zwickau
4
Waldheim
123
Region Dresden
92
davon:
Bautzen
22
Dresden
18
Görlitz
39
Zeithain
13
Region Leipzig
112
2
davon:
Leipzig JV-Krankenhaus
58
2
Regis-Breitingen
19
Torgau
35
Gesamt
382
2

16 │
Tabelle 3: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Diagnosejahr und Geschlecht
(RKI SurvStat Stand: 01.05.17, bis Ende Februar 2017)
Jahr
Geschlecht
Gesamt
männlich
weiblich
unbekannt
absolut
%
absolut
%
absolut
%
absolut
%
2001
22
68,8
9
28,1
1
3,1
32
100
2002
31
91,2
3
8,8
0
0
34
100
2003
14
58,3
9
37,5
1
4,2
24
100
2004
40
81,6
9
18,4
0
0
49
100
2005
57
83,8
11
16,2
0
0
68
100
2006
54
84,4
9
14,1
1
1,6
64
100
2007
77
92,8
5
6,0
1
1,2
83
100
2008
69
87,3
9
11,4
1
1,3
79
100
2009
75
88,2
10
11,8
0
0
85
100
2010
93
85,3
16
14,7
0
0
109
100
2011
95
90,5
10
9,5
0
0
105
100
2012
102
91,1
10
8,9
0
0
112
100
2013
127
92,0
11
8,0
0
0
138
100
2014
153
91,1
15
8,9
0
0
168
100
2015
162
85,3
28
14,7
0
0
190
100
2016
127
87,6
18
12,4
0
0
145
100
Gesamt
1.298
87,4
182
12,3
5
0,3
1.485
100
Tabelle 4: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Diagnosejahr und Region
(RKI SurvStat Stand: 01.05.17, bis Ende Februar 2017)
Jahr
Stadtraum
übriges Land
Gesamt
Dresden
Leipzig
Chemnitz
Zwickau*
abs.
%
abs.
%
abs.
%
abs.
%
abs.
%
abs.
%
2001
7
21,9
9
28,1
7
21,9
1
3,1
8
25,0
32
100
2002
12
35,3
10
29,4
2
5,9
1
2,9
9
26,5
34
100
2003
1
4,2
12
50,0
2
8,3
0
0
9
37,5
24
100
2004
12
24,5
23
46,9
3
6,1
2
4,1
9
18,4
49
100
2005
14
20,6
26
38,2
6
8,8
6
8,8
16
23,5
68
100
2006
18
28,1
18
28,1
7
10,9
2
3,1
19
29,7
64
100
2007
19
22,9
22
26,5
9
10,8
5
6,0
28
33,7
83
100
2008
21
26,6
31
39,2
3
3,8
-
-
24
30,4
79
100
2009
18
21,2
30
35,3
10
11,8
-
-
27
31,8
85
100
2010
28
25,7
44
40,4
6
5,5
-
-
31
28,4
109
100
2011
35
33,3
28
26,7
11
10,5
-
-
31
29,5
105
100
2012
21
18,7
42
37,5
15
13,4
-
-
34
30,4
112
100
2013
34
24,6
37
26,8
28
20,3
-
-
39
28,3
138
100
2014
35
20,8
58
34,5
35
20,8
-
-
40
23,8
168
100
2015
48
25,3
61
32,1
28
14,7
-
-
53
27,9
190
100
2016
35
24,1
46
31,7
24
16,6
-
-
40
27,6
145
100
Gesamt
358
24,1
497
33,5
196
13,2
-
-
434
29,2
1.485
100
*seit 2008 nicht mehr separat ausgewiesen im SurvStat

│17
Tabelle 5: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Diagnosejahr und Übertragungsweg
(RKI SurvStat Stand: 01.05.17, bis Ende Februar 2017)
Jahr
Übertragungsweg
Gesamt
MSM
IVDA
Blut
Hetero
PPI
k.A.
abs.
%
abs.
%
abs.
%
abs.
%
abs.
%
abs.
%
abs.
%
2001
8
25,0
1
3,1
0
0
14
43,8
1
3,1
8
25,0
32
100
2002
15
44,1
1
2,9
0
0
6
17,6
0
0
12
35,3
34
100
2003
9
37,5
0
0
0
0
10
41,7
0
0
5
20,8
24
100
2004
31
63,3
2
4,1
0
0
7
14,3
1
2,0
8
16,3
49
100
2005
42
61,8
1
1,5
0
0
12
17,6
0
0
13
19,1
68
100
2006
30
46,9
2
3,1
0
0
8
12,5
0
0
24
37,5
64
100
2007
53
63,9
4
4,8
0
0
7
8,4
1
1,2
18
21,7
83
100
2008
52
65,8
0
0
0
0
9
11,4
0
0
18
22,8
79
100
2009
57
67,1
2
2,4
0
0
10
11,8
0
0
16
18,8
85
100
2010
59
54,1
2
1,8
0
0
14
12,8
0
0
34
31,2
109
100
2011
72
68,6
1
1,0
0
0
14
13,3
0
0
18
17,1
105
100
2012
65
58,0
5
4,5
0
0
10
8,9
1
0,9
31
27,7
112
100
2013
83
60,1
2
1,4
0
0
15
10,9
1
0,7
37
26,8
138
100
2014
103
61,3
8
4,8
0
0
21
12,5
0
0
36
21,4
168
100
2015
109
57,4
9
4,7
0
0
28
14,7
1
0,5
43
22,6
190
100
2016
88
60,7
6
4,1
0
0
24
16,6
1
0,7
26
17,9
145
100
Gesamt
876
59,0
46
3,1
0
0
209
14,1
7
0,5
347
23,4
1.485
100
Legende: MSM
=
Männer, die Sex mit Männern haben
IVDA
=
intravenöse Drogengebrauch
Blut
=
Bluttransfusion/Blutprodukte
Hetero
=
heterosexuelle Kontakte
PPI
=
Mutter-Kind-Infektion
k.A.
=
keine Angabe
Tabelle 6: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Diagnosejahr, Geschlecht und Übertragungsweg
(RKI SurvStat Stand: 01.05.17, bis Ende Februar 2017)
Jahr
Geschlecht
Infektionsrisiko
Gesamt
MSM
IVDA
Blut
Hetero
PPI
k.A.
2001
männlich
8
1
0
5
1
7
22
weiblich
0
0
0
8
0
1
9
unbekannt
0
0
0
1
0
0
1
2002
männlich
15
1
0
4
0
11
31
weiblich
0
0
0
2
0
1
3
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2003
männlich
9
0
0
1
0
4
14
weiblich
0
0
0
8
0
1
9
unbekannt
0
0
0
1
0
0
1
2004
männlich
31
2
0
1
0
6
40
weiblich
0
0
0
6
1
2
9
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2005
männlich
42
1
0
3
0
11
57
weiblich
0
0
0
9
0
2
11
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2006
männlich
30
1
0
2
0
21
54
weiblich
0
1
0
5
0
3
9
unbekannt
0
0
0
1
0
0
1
2007
männlich
53
3
0
2
1
18
77
weiblich
0
0
0
5
0
0
5
unbekannt
0
1
0
0
0
0
1

18 │
Jahr
Geschlecht
Infektionsrisiko
Gesamt
MSM
IVDA
Blut
Hetero
PPI
k.A.
2008
männlich
52
0
0
5
0
12
69
weiblich
0
0
0
4
0
5
9
unbekannt
0
0
0
0
0
1
1
2009
männlich
57
2
0
3
0
13
75
weiblich
0
0
0
7
0
3
10
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2010
männlich
59
2
0
2
0
30
93
weiblich
0
0
0
12
0
4
16
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2011
männlich
72
1
0
4
0
18
95
weiblich
0
0
0
10
0
0
10
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2012
männlich
65
3
0
5
1
28
102
weiblich
0
2
0
5
0
3
10
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2013
männlich
83
2
0
9
0
33
127
weiblich
0
0
0
6
1
4
11
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2014
männlich
103
8
0
9
0
33
153
weiblich
0
0
0
12
0
3
15
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2015
männlich
109
6
0
9
1
37
162
weiblich
0
3
0
19
0
6
28
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2016
männlich
88
5
0
8
1
25
127
weiblich
0
1
0
16
0
1
18
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
2001-2016
männlich
876
38
0
72
5
307
1.298
weiblich
0
7
0
134
2
39
182
unbekannt
0
1
0
3
0
1
5
Gesamt
876
46
0
209
7
347
1.485
Legende s. Tabelle 5
Tabelle 7: HIV-Erstdiagnosen in Sachsen nach Diagnosejahr, Geschlecht und Altersgruppe
(RKI SurvStat Stand: 01.05.17, bis Ende Februar 2017)
Jahr
Geschlecht
Altersgruppe
Gesamt
0-14
15-19
20-24
25-29
30-39
40-49
50-59
60-74
75-99
k.A.
2001
männlich
1
2
2
7
5
2
2
1
0
0
22
weiblich
0
0
3
1
4
0
0
0
0
1
9
unbekannt
0
0
0
0
1
0
0
0
0
0
1
2002
männlich
0
0
4
6
11
9
1
0
0
0
31
weiblich
0
0
1
0
1
1
0
0
0
0
3
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2003
männlich
0
0
1
3
7
2
0
1
0
0
14
weiblich
0
0
0
5
2
1
0
1
0
0
9
unbekannt
0
0
0
0
1
0
0
0
0
0
1
2004
männlich
1
1
6
8
10
8
5
0
0
1
40
weiblich
1
0
2
2
2
1
1
0
0
0
9
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0

│19
Jahr
Geschlecht
Altersgruppe
Gesamt
0-14
15-19
20-24
25-29
30-39
40-49
50-59
60-74
75-99
k.A.
2005
männlich
0
0
6
10
25
14
1
1
0
0
57
weiblich
0
1
2
2
4
1
0
1
0
0
11
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2006
männlich
2
1
4
14
17
12
3
0
0
1
54
weiblich
0
0
4
4
0
1
0
0
0
0
9
unbekannt
0
0
0
1
0
0
0
0
0
0
1
2007
männlich
1
0
9
14
24
20
7
1
0
1
77
weiblich
0
1
0
1
1
2
0
0
0
0
5
unbekannt
0
0
0
0
0
1
0
0
0
0
1
2008
männlich
0
1
7
12
26
17
3
3
0
0
69
weiblich
0
0
1
2
2
3
1
0
0
0
9
unbekannt
0
0
0
0
0
1
0
0
0
0
1
2009
männlich
0
0
8
14
27
20
1
4
0
1
75
weiblich
0
0
3
4
1
2
0
0
0
0
10
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2010
männlich
0
4
20
17
33
11
8
0
0
0
93
weiblich
0
1
3
3
3
3
1
2
0
0
16
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2011
männlich
0
3
11
27
20
27
7
0
0
0
95
weiblich
0
0
1
3
2
3
1
0
0
0
10
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2012
männlich
1
3
19
28
23
12
12
3
0
1
102
weiblich
0
0
0
5
3
1
1
0
0
0
10
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2013
männlich
0
3
19
24
39
26
13
3
0
0
127
weiblich
1
0
1
4
3
2
0
0
0
0
11
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2014
männlich
0
1
19
41
48
28
15
1
0
0
153
weiblich
0
0
1
3
5
3
1
1
1
0
15
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2015
männlich
1
2
20
30
56
24
24
4
1
0
162
weiblich
0
2
2
4
15
5
0
0
0
0
28
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2016
männlich
1
1
11
18
43
27
14
11
1
0
127
weiblich
0
1
2
5
2
5
1
2
0
0
18
unbekannt
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2001-2016
männlich
8
22
166
273
414
259
116
33
2
5
1.298
weiblich
2
6
26
48
50
34
7
7
1
1
182
unbekannt
0
0
0
1
2
2
0
0
0
0
5
Gesamt
10
28
192
322
466
295
123
40
3
6
1.485

20 │
Tabelle 8: Altersspezifische Inzidenz der HIV-Erstdiagnosen pro 100.000 in Sachsen nach Diagnosejahr und Geschlecht
(RKI SurvStat Stand: 01.05.17, bis Ende Februar 2017)
Jahr
Geschlecht
Altersgruppe
Gesamt
0-14
15-19
20-24
25-29
30-39
40-49
50-59
60-74
75-99
k.A.
2001
männlich
0,4
1,3
1,3
5,6
1,5
0,6
0,7
0,3
0
1,0
weiblich
0
0
2,3
0,9
1,3
0
0
0
0
0,4
Gesamt
0,2
0,7
1,8
3,5
1,5
0,3
0,4
0,1
0
0,7
2002
männlich
0
0
2,6
4,8
3,4
2,6
0,4
0
0
1,5
weiblich
0
0
0,8
0
0,3
0,3
0
0
0
0,1
Gesamt
0
0
1,8
2,6
1,9
1,5
0,2
0
0
0,8
2003
männlich
0
0
0,7
2,3
2,3
0,6
0
0,3
0
0,7
weiblich
0
0
0
4,5
0,7
0,3
0
0,2
0
0,4
Gesamt
0
0
0,4
3,3
1,7
0,5
0
0,2
0
0,6
2004
männlich
0,4
0,7
4,0
5,9
3,4
2,3
1,8
0
0
1,9
weiblich
0,5
0
1,5
1,7
0,8
0,3
0,4
0
0
0,4
Gesamt
0,4
0,4
2,8
4,0
2,1
1,3
1,1
0
0
1,1
2005
männlich
0
0
4,0
7,1
8,8
4,1
0,4
0,3
0
2,7
weiblich
0
0,8
1,5
1,7
1,6
0,3
0
0,2
0
0,5
Gesamt
0
0,4
2,8
4,6
5,4
2,2
0,2
0,2
0
1,6
2006
männlich
0,9
0,8
2,7
9,6
6,2
3,5
1,0
0
0
2,6
weiblich
0
0
3,0
3,2
0
0,3
0
0
0
0,4
Gesamt
0,5
0,4
2,9
7,0
3,3
1,9
0,5
0
0
1,5
2007
männlich
0,4
0
6,2
9,7
9,0
5,8
2,3
0,3
0
3,7
weiblich
0
1,0
0
0,8
0,4
0,6
0
0
0
0,2
Gesamt
0,2
0,5
3,3
5,5
5,0
3,4
1,1
0,1
0
2,0
2008
männlich
0
1,1
4,9
8,4
9,9
5,0
1,0
0,8
0
3,4
weiblich
0
0
0,8
1,6
0,9
0,9
0,3
0
0
0,4
Gesamt
0
0,6
2,9
5,2
5,7
3,2
0,6
0,4
0
1,9
2009
männlich
0
0
5,7
9,8
10,5
6,0
0,3
1,1
0
3,7
weiblich
0
0
2,3
3,2
0,4
0,6
0
0
0
0,5
Gesamt
0
0
4,1
6,7
5,8
3,4
0,2
0,5
0
2,0
2010
männlich
0
6,1
14,6
12,0
12,9
3,3
2,5
0
0
4,6
weiblich
0
1,6
2,4
2,4
1,3
1,0
0,3
0,5
0
0,8
Gesamt
0
3,9
8,8
8,2
7,5
2,2
1,4
0,3
0
2,6
2011
männlich
0
4,7
8,7
19,1
7,9
8,3
2,2
0
0
4,7
weiblich
0
0
0,9
2,4
0,9
1,0
0,3
0
0
0,5
Gesamt
0
2,4
4,9
10,9
4,6
4,8
1,3
0
0
2,5
2012
männlich
0,4
4,7
17,1
20,2
9,2
4,0
3,9
0,8
0
5,2
weiblich
0
0
0
4,0
1,4
0,4
0,3
0
0
0,5
Gesamt
0,2
2,4
9,3
12,6
5,5
2,2
2,1
0,4
0
2,8
2013
männlich
0
4,4
19,3
17,2
15,2
9,0
4,2
0,8
0
6,4
weiblich
0,4
0
1,1
3,2
1,3
0,8
0
0
0
0,5
Gesamt
0,2
2,3
10,5
10,6
8,7
5,1
2,1
0,4
0
3,4
2014
männlich
0
1,4
21,5
29,0
18,2
10,1
4,8
0,3
0
7,7
weiblich
0
0
1,2
2,4
2,2
1,2
0,3
0,2
0,3
0,7
Gesamt
0
0,8
10,5
16,6
10,7
5,9
2,6
0,3
0,2
4,1
2015
männlich
0,4
2,5
24,1
20,8
20,4
8,9
7,6
1,1
0,5
8,1
weiblich
0
3,1
2,7
3,1
6,2
2,1
0
0
0
1,4
Gesamt
0,2
2,6
14,0
12,5
13,8
5,7
3,8
0,5
0,2
1,7
2016
männlich
0,4
1,2
13,3
12,5
15,7
10,1
4,4
3,0
0,5
6,3
weiblich
0
1,4
2,7
3,9
0,8
2,1
0,3
0,5
0
0,9
Gesamt
0,2
1,3
8,3
8,5
8,8
6,3
2,4
1,7
0,2
3,6

│21
Jahr
Geschlecht
Altersgruppe
Gesamt
0-14
15-19
20-24
25-29
30-39
40-49
50-59
60-74
75-99
k.A.
2001-2016
männlich
0,2
1,4
8,1
12,3
9,3
5,0
2,4
0,5
0,08
4,0
weiblich
0,1
0,4
1,4
2,5
1,3
0,7
0,1
0,1
0,02
0,5
Gesamt
0,1
0,9
4,9
7,7
5,6
3,0
1,3
0,3
0,04
2,2
Tabelle 9: Bestätigte HIV-Antikörperteste in der BRD und den NBL
(RKI SurvStat Stand: 01.05.17, bis Ende Februar 2017)
Bundesland
Anzahl der positiven HIV-
Bestätigungsteste
01.01.2001-31.12.2016
Anzahl der positiven HIV-
Bestätigungsteste
2016
Inzidenz der HIV-Erstdiagnosen pro
100.000 Einwohner
2016
Brandenburg
705
69
2,8
Mecklenburg-Vorpommern
519
45
2,8
Sachsen
1.485
145
3,6
Sachsen-Anhalt
746
70
3,1
Thüringen
348
41
1,9
NBL gesamt
3.843
370
2,9
Deutschland
43.079
3.415
4,2
Tabelle 10: Berichtete AIDS-Fälle in Sachsen nach Diagnosejahr (Epidemiologisches Bulletin 38/2016, Stand: 01.03.16)
Jahr der Diagnose
Anzahl der berichteten AIDS-Fälle
<2006
95
2006
7
2007
9
2008
3
2009
4
2010
4
2011
13
2012
13
2013
12
2014
16
2015
10
Gesamt
186

22 │
Aktuelle Einschätzung zu Ambrosia-Pollenfunden
an der Pollenmessstelle Chemnitz
1.
Einleitung
Durch luftgetragene Pollen verursachte Allergien - haupt-
sächlich Heuschnupfen und Asthma sowie pollen-assoziierte
Nahrungsmittelallergien - zählen aktuell in Deutschland allein
wegen ihrer hohen und immer noch zunehmenden Prävalenzen
unstrittig zu den bevölkerungsmedizinisch bedeutsamsten Er-
krankungen. Insgesamt bilden die Pollen windbestäubter
Pflan-
zen die wichtigste Gruppe von Allergenträgern in der Außen-
luft und der Heuschnupfen (allergische Rhinokonjunktivitis)
repräsentiert den größten Anteil an der Gesamtprävalenz der
Atemwegsallergien. Die Lebenszeitprävalenz allein für den Heu-
schnupfen liegt in Deutschland bei 15 Prozent (Deutsche Gesell-
schaft für Allergologie und Klinische Immunologie, 2014). Die
adäquate medizinische Versorgung (Diagnostik und Therapie)
großer Teile der Bevölkerung sowie das gesamte begleitende
Management - von der epidemiologischen Dokumentation, In-
formation und Öffentlichkeitsarbeit bis zur umweltbezogenen
und klinischen Forschung - stellen für das Gesundheitssystem
eine enorme Herausforderung dar. Daher besitzen sämtliche
Maßnahmen, die der Entstehung und Entwicklung entsprechen-
der allergischer Erkrankungen entgegenwirken (insbesondere
alle Maßnahmen zur Primär- und Sekundärprävention), auch
gesundheitspolitisch eine große Bedeutung.
2.
Systematisches Pollenflug-Monitoring als bewähr-
tes Instrument der gesundheitsbezogenen Umwelt-
beobachtung
Die systematische Beobachtung und Bewertung der Außenluft-
verhältnisse hinsichtlich der Belastung mit allergieauslösenden
Pollen ist eine der nützlichsten Säulen für effektive primär- und
sekundärpräventive Maßnahmen gegen Allergien. In den letzten
10 Jahren wurden von einem breiten Kreis klinischer, wissen-
schaftlicher, gesundheitspolitischer und gesundheitsbehördli-
cher Akteure zahlreiche Anstrengungen unternommen, um dem
weiteren Vormarsch der Allergien dringend Einhalt zu gebieten
und diese sogar zurückzudrängen. Eine handlungsleitende Funk-
tion kam diesbezüglich dem vom Bundesministerium für Ernäh-
rung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) erstmals
2007 der Öffentlichkeit vorgestellten
„Aktionsplan gegen Al-
lergien“
zu, der die Senkung des Allergierisikos für Menschen
in Deutschland in den Mittelpunkt seiner avisierten Aktivitäten
rückte.
Konkret wurden in diesem Plan die folgenden 3 Punkte als die
wichtigsten Ziele genannt (BMELV 2010):
]
mehr Sicherheit und Lebensqualität für Allergikerinnen und
Allergiker im Alltag,
]
die Entstehung von Allergien möglichst durch Maßnahmen
der Prävention zu mindern,
]
frühzeitiges Erkennen neu aufkommender Allergien durch ein
verbessertes Monitoring.
Bezogen auf die Pollenallergien leistet das
Pollenflug-Moni-
toring in allen drei genannten Punkten maßgebliche konkrete
Beiträge:
]
indem es regionalspezifisch über die jeweils aktuelle
Pol-
lenflugsituation informiert
; eine Kenntnis, die die Pollenal-
lergiker benötigen, um in dem betreffenden expositionsre-
levanten Zeitfenster entsprechende Vermeidungsstrategien
bzw. individuelle Schutzmaßnahmen optimal einrichten zu
können (z. B. gezielte Planung bestimmter Tagesaktivitäten,
spezielle Urlaubsplanungen als sekundärpräventive Maßnah-
men);
]
indem es das frühzeitige Erkennen von neu aufkommen-
den luftgetragenen Allergenen überhaupt erst ermöglicht
;
insbesondere sind solide wissenschaftliche Kenntnisse über
frühzeitige Interventionsmöglichkeiten zur Allergievermei-
dung auf eine sorgfältige Erfassung und Charakterisierung
der zugrundeliegenden Expositionsbedingungen in quantita-
tiver und qualitativer Hinsicht unbedingt angewiesen, wofür
sich als treffendes Beispiel die hierzulande gerade
stattfin-
dende zunehmende Verbreitung einer ursprünglich aus Nord-
amerika stammenden hochallergenen Ambrosiaart (
Ambrosia
artemisiifolia
) anführen lässt;
]
indem es mit die Basis für ein kompetentes Krankheits-
management bildet (allergenspezifische Diagnose, Therapie
und Karenzmaßnahmen)
; insbesondere bei der ursächlichen
Abklärung von allergischen Beschwerden und hierauf gerich-
teten individuellen Therapiemaßnahmen müssen Arzt und
Patient sehr eng zusammenarbeiten und aktuelle Informa-
tionen zum Pollenflug stellen ein wichtiges diagnostisches
Bindeglied dieser Zusammenarbeit dar (unter anderem zur
Untermauerung von Patientenbeobachtungen sowie zur Un-
tersetzung der Relevanz allergologischer Tests); gleichwohl
existieren hinreichende Erfahrungen zum therapieunterstüt-
zenden Nutzen bestimmter Karenzmaßnahmen und gezielter
Verhaltensweisen zur Senkung der Pollenexposition.
Der grundsätzliche Nutzen des Pollenflugmonitorings besteht
demnach zusammenfassend darin, dass mit vergleichsweise
moderatem Aufwand (verglichen mit anderen
flächendecken-
den Systemen der Luftüberwachung) auf allen beeinflussbaren
Ebenen der Allergie-Entstehung und -manifestation positiv, das
heißt im Sinne einer Besserung von gesundheitsschützenden
Bedingungen, Sicherheit und Lebensqualität eingewirkt werden
kann. Durch gezielte Informationen zum Pollenflug kann
einer-
seits Einfluss auf das Erkennen und die Vermeidung allergener
Risiken genommen werden, andererseits kann bei einmal ma-
nifest gewordener Krankheit die Ausprägung der Beschwerden
in optimaler Weise gezielt therapeutisch und verhaltensbedingt
vermindert werden. Nach unserer Auffassung ist die Effektivi-
tät des Luftpollen-Informationssystems wegen der zugrunde-
liegenden unmittelbaren Expositions-Wirkungs-Beziehungen
(Soforttyp-Allergie) und durch die unmittelbar mögliche Beein-
flussung der gesundheitlichen Verhältnisse (z. B. direkte gezielte
Einflussnahme auf Beschwerden) den anderen etablierten
Über-
wachungssystemen für Luftschadstoffe überlegen.

image
image
│23
3.
Die Pollenmessstelle am LUA-Standort Chemnitz
In Umsetzung des gesetzlichen Auftrages zur Beobachtung der
Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf die Gesundheit (§ 1
SächsGDG vom 11.12.1991) ist die LUA Sachsen am bundesweit
etablierten Pollenflugmonitoring beteiligt. Die zum Fachgebiet
Umweltmedizin gehörende Pollenmessstelle am LUA-Standort
Chemnitz ist Bestandteil eines überregionalen Netzwerkes von
gegenwärtig 40 Pollenmessstellen, die über das gesamte Bun-
desgebiet verteilt sind und die von der Stiftung Deutscher Polle-
ninformationsdienst (PID) koordiniert werden. 1983 wurde durch
den PID in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst
(DWD) die systematische Luftpollenerfassung in Deutschland
eingeführt. Durch die Anwendung einer einheitlichen Methode
der Pollenerfassung mit der sogenannte „Burkard-Pollenfalle“
(siehe Abbildung 1) ist es möglich, für alle beteiligten Länder
vergleichbare Ergebnisse zu erzielen und für die
Pollenflugbe-
wertung zu nutzen. Seit 1993 werden an der LUA-Messstelle
Chemnitz mittels einer solchen „Falle“ fortlaufend und ganztä-
gig die Pollen der 8 wichtigsten allergieauslösenden Baum- und
Pflanzenpollen (Gräser, Birke, Hasel, Erle, Esche, Roggen, Beifuß
und Ambrosia) sowie weitere Luftpollenarten und Pilzsporen aus
der Luft eingefangen und anschließend einer quantitativen und
qualitativen lichtmikroskopischen Analyse im Labor unterzogen.
Die Pollenfalle steht in 4 m Höhe auf einem Nebengebäude
der LUA am Rande eines parkähnlichen Geländes ca. 1.000 m
entfernt vom Stadtzentrum Chemnitz. Die Stadt liegt im Erzge-
birgsbecken umrahmt von Ausläufern des Erzgebirges im Süden
und von den Höhen des Mittelsächsischen Berglandes im Nor-
den auf etwa 300 Meter über Normalhöhennull. Das Klima ist
eher kühl-gemäßigt mit einer jährlichen Durchschnittstempe-
ratur von 7,9 °C (verglichen mit Freiburg im Breisgau 11,4 °C).
Die vorherrschende Windrichtung ist während 38 % der Jahres-
stunden Südwest.
Der tageweise ausgewertete Luftpollengehalt (24-h-Mittelwert
bezogen auf einen m
3
Luft) wird kontinuierlich an den Pollen-
informationsdienst gemeldet, der in Zusammenarbeit mit dem
Deutschen Wetterdienst unter Berücksichtigung der jeweiligen
meteorologischen und phänologischen Situation (Beobach-
tungen der Blühzeiten) entsprechende Informationen zur re-
gionalen und überregionalen Pollen-Luftbelastung sowie den
daraus resultierenden Gesundheitsrisiken bereitstellt. Diese
Informationen werden außer von Allergikern und Ärzten auch
von Gesundheitsbehörden, Krankenkassen, wissenschaftlichen
Institutionen, Kommunalverwaltungen, Klimatologen, Städte-
und Landschaftsplanern, Land- und Forstwirtschaftlern genutzt.
Obwohl die Blütezeiten der meisten Pflanzen schon sehr lange
bekannt sind, haben erst diese modernen Messungen des regio-
nal und jahreszeitlich jeweils unterschiedlichen Pollenaufkom-
mens zur Erstellung genauer Pollenflugkalender in Deutschland
geführt.
Der
Pollenflugkalender
gibt Auskunft darüber, wann in den vier
Regionen Deutschlands – in Norddeutschland, Westdeutsch-
land, im mittel- und ostdeutschen Raum sowie in Süddeutsch-
land – grundsätzlich mit Luftbelastungen der allergieauslösen-
den Baum- und Pflanzenpollen zu rechnen ist (erstreckt sich
vom Beginn der Pollenflugzeit über die Hauptflugzeit bis zum
Ende des Pollenfluges). In der Abbildung 2 ist der regionale
Pol-
lenflugkalender für den mittel- und ostdeutschen Raum
darge-
stellt.
Der Kalender repräsentiert sozusagen die jeweilige
„Pollenflug-
saison“ und gibt Patienten, die ihr krankmachendes Allergen
kennen, zunächst eine grobe Orientierung, wann in einer Ve-
getationsperiode mit relevantem Pollenflug und möglichen
Be-
schwerden allgemein zu rechnen ist. Eine deutlich höhere zeitli-
che und räumliche Auflösung besitzen die jeweils tagesaktuellen
und noch für 2 Tage vorausberechneten
Pollenflugvorhersagen
.
Hier wird vom Deutschen Wetterdienst mit spezifischen
Mo-
dellen gemeinsam aus den Pollenflugdaten und den Daten der
regionalen Wettervorhersage - sowie zusätzlich aus den Beob-
achtungsdaten zum regionalen Blühverhalten der betreffenden
Pflanzen und Bäume - für derzeit 27 unterschiedliche Gebiete
in Deutschland ein sogenannter
Pollenflug-Gefahrenindex
er-
stellt. Die Pollenmessstelle der LUA Chemnitz liefert die Pollen-
daten für die Prognose in der Region „Mittelgebirge Sachsen“.
Die Grundlage für den gesundheitlichen Gefahrenbezug bilden
entsprechende Erfahrungswerte aus der klinischen Allergologie
über Beschwerden auslösende Pollenkonzentrationen in der
Luft. Damit wird dem Allergiker eine täglich aktualisierte regi-
onalspezifische Information über die zu erwartende Belastung
mit symptomrelevantem Pollenflug geboten. Die Zuverlässigkeit
des Gefahrenindex hängt maßgeblich von der fachgerechten
Differenzierung und richtigen Interpretation der Pollenkörner
(Qualität der Pollenflugdaten) ab, eine Tätigkeit, die viel
spezifi-
sches Fachwissen sowie etliche Erfahrung erfordert und deshalb
nicht im „Vorbeigehen“ erledigt werden kann. Die Protagonis-
ten des Pollenfluginformationsdienstes und namhafte klinische
Abbildung 1:
Burkard-Pollenfalle (Quelle LUA Chemnitz)
Abbildung 2:
Pollenflugkalender (Quelle Polleninformationsdienst)

24 │
Allergologen befürworten deshalb seit Jahren eine vollständige
Überführung der Pollenflugüberwachung in die Verantwortung
der öffentlichen Hand (ähnlich wie die hoheitliche Überwa-
chung von Luftschadstoffen).
4.
Der Neophyt Ambrosia artemisiifolia steht unter
besonderer Beobachtung
Als Neophyten werden neue, ursprünglich hier nicht heimische
Pflanzenarten bezeichnet, die bei uns absichtlich oder
verse-
hentlich eingeschleppt wurden und in der Folge verwildert sind.
Das Beifußblättrige Traubenkraut (
Ambrosia artemisiifolia
) zählt
hierzulande zu diesen „neuen Pflanzen“, da sie von ihrer
an-
gestammten Heimat Nordamerika nach Europa eingeschleppt
wurde. Seitdem hat sich diese Ambrosia-Art - regional zwar
sehr unterschiedlich - aber dennoch immer weiter ausgebreitet.
Die expansive Ausbreitung in Europa begann hauptsächlich vor
ca. 30 Jahren, zunächst vor allem in den wärmeren europäi-
schen Regionen (hauptsächlich in der ungarischen Tiefebene, in
der Po-Ebene Norditalien, im Rhonetal Frankreich). Die Pflanze
bevorzugt warme, helle und nicht zu trockene Standorte und
wächst besonders gern auf Brachflächen. Der erste gesicherte
Nachweis von
Ambrosia artemisiifolia
in Deutschland erfolgte
1860 auf einem Kartoffelacker bei Hamburg (BfN 2013). Inzwi-
schen ist die Pflanze in allen Bundesländern nachweisbar und
auf dem Vormarsch, allerdings noch nicht überall vollständig
etabliert (oftmals nur unbeständig und in kleinen Beständen, vor
allen an Straßenrändern und in sonnenwarmen Gebieten, BfN
2013). In einzelnen Bundesländern, in denen seit etlichen Jahren
entsprechende Fundorte systematisch erfasst werden, weisen
die Statistiken eindeutig auf eine Zunahme hin. Beispielswei-
se sind die Funde der großen Bestände mit ≥≥ 100 Pflanzen in
Bayern, einem bislang eher weniger betroffenem Bundesland,
von 20 großen Beständen im Jahr 2006 auf 235 Bestände im
Jahr 2011 gestiegen. Einer Analyse der Freien Universität Berlin
zufolge wurden im Jahr 2010 allein in Berlin 1.150 Fundorte
gezählt, in Brandenburg waren es 443 sogenannte „große Be-
stände“. Allein die Tatsache einer Einführung und zunehmenden
Etablierung von ursprünglich gebietsfremden Arten bedingt al-
lerdings zunächst noch keine hinreichende Begründung für Ge-
fährdungen und entsprechende Besorgnisse.
5.
Warum steht Ambrosia artemisiifolia unter beson-
derer Beobachtung?
Ausschlaggebend dafür, wie der Etablierung einer gebietsfrem-
den Pflanzenart begegnet werden muss, ist das von ihr
aus-
gehende Gefährdungspotenzial für ein bestimmtes Schutzgut.
Zum Spektrum möglicher Schädigungen durch Neophyten allge-
mein zählen neben nachteiligen Beeinflussungen ökosystemarer
Prozesse (z. B. Verdrängung heimischer Arten, Destabilisierung
von Bachufern) auch Einbußen bei der Produktion landwirt-
schaftlicher Produkte (z. B. in der Futtermittelproduktion durch
Verunreinigungen), Destabilisierung von Bauten und schließlich
Gefährdungen der Gesundheit. Im Falle der
Ambrosia artemi-
siifolia
ist entsprechend einer EU-Verordnung die Invasivität
nach naturschutzfachlichen Kriterien (das heißt das Verdrän-
gungspotenzial für einheimische Pflanzen) zum gegenwärtigen
Zeitpunkt noch nicht das dominante Merkmal für die Charak-
terisierung des Neophyten als Problempflanze (EU-Verordnung
Nr. 1143/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 22.10.2014 über die Prävention und das Management der
Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten).
Die Beifußblättrige Ambrosie bekommt nach amtlicher natur-
schutzfachlicher Bewertung (BfN 2013) in Deutschland bisher
lediglich den Invasivitätsstatus
„potenziell invasive Art“
.
Nach übereinstimmender Auffassung der Gesundheitsbehörden
sowie der - insbesondere allergologisch tätigen - Ärzteschaft
sind die von der Pflanze ausgehenden Gesundheitsrisiken als
das bedeutsamste Kriterium dafür anzusehen, weshalb der fort-
schreitenden Etablierung dieses Neophyten gegenwärtig und
zukünftig konsequent entgegengewirkt werden sollte. Es besteht
die begründete Befürchtung, dass die in Deutschland ohnehin
zahlenmäßig bereits an der Spitze der allergischen Atemweg-
serkrankungen stehenden Pollenallergien durch die weiter zu-
nehmende Ausbreitung der Pflanze nochmals einen deutlichen
Schub erfahren könnten. Diese Besorgnis resultiert einerseits
aus Erfahrungen anderer Staaten und Regionen, in denen sich
diese Ambrosia-Art bereits in größeren Beständen fest etabliert
hat (egal ob als Neophyt oder als einheimische Pflanze). Dort
haben sich die Ambrosiapollen bereits zu einer der bedeutends-
ten Quelle für verschiedene allergische Erkrankungen entwickelt
(hauptsächlich für den sogenannten „Ambrosia-Heuschnupfen“
sowie für das allergische „Ambrosia-Asthma“).
Dies belegen unstrittig zahlreiche konsistente Studienergebnis-
se, die in verschiedenen Ländern mit heimisch gewordener
Am-
brosia artemisiifolia
erhoben wurden. Beispielsweise rangieren
in mehreren Gebieten der USA und Kanada die Ambrosiapollen
als Auslöser für die genannten beiden Erkrankungen an zwei-
ter Stelle (nach Gräserpollen). In den USA sind etwa 26 % der
Bevölkerung gegen Ambrosiapollen sensibilisiert (unter dortigen
Allergikern deutlich mehr). Auch die Sensibilisierungsraten in ei-
nigen europäischen Gebieten (z. B. in Ungarn, Region Oberitalie-
nische Poebene) mit bereits langen und fest etablierten Bestän-
den heben sich deutlich von den Sensibilisierungsprävalenzen in
Ländern bzw. Regionen mit unsteter Verbreitung der Pflanze ab.
Zu Bedenken gibt außerdem ein in verschiedenen europäischen
Regionen festgestellter zunehmender Trend zur Sensibilisierung
(z. B. in Österreich, in Baden Württemberg). Der Anteil an
kli-
nisch relevanten Erkrankungen bei vorliegender Ambrosia-Sen-
sibilisierung ist zwar nach Aussagen einer der umfangreichsten
Studien (14 europäische Länder, 3.034 Patienten mit vermuteter
Inhalationsallergie, sogenannte GALEN-Studie) zur europawei-
ten Verteilung von derartigen allergenspezifischen
Erkrankungs-
raten mit 64,6 % nicht so hoch wie z. B. bei der Birke oder bei
den Gräsern (90,7 % bzw. 90,0 %), dennoch ist er beachtlich. Der
epidemiologische Zusammenhang zwischen ausgeprägten Amb-
rosiavorkommen/Pollenbelastungen einerseits, und hohen Amb-
rosiasensibilisierungs- bzw. -erkrankungsraten andererseits, gilt
aufgrund der konsistenten Studienlage als belegt. In der deut-
schen Allgemeinbevölkerung liegen die Sensibilisierungsraten
nach einer Erhebung des RKI (sogenannten DEGS 1-Studie 2013)
von 7.025 18- bis 79-jährigen Erwachsenen bei 8,2 % (getestet
gegen die Beifußblättrige Ambrosie W1). Unter Patienten mit
Allergieverdacht betrug der Sensibilisierungsanteil in einer gro-
ßen Studie bereits 14,4 % (Burbach et al. 2009, getestet gegen
Major- und Minorallergene von
Ambrosia artemisiifolia
). Dies
ist zwar im Vergleich zu den hiesigen Hauptallergie-Auslösern
noch als moderat zu bezeichnen (z. B. betrugen in derselben
Studie die Sensibilisierungsraten gegen die Birkenpollen 37 %),
jedoch muss diese Zahl in Relation zu dem gegenwärtig noch
niedrigen durchschnittlichen Anteil von Ambrosiapollen in der
Luft ( < 1 % des Gesamtpollenaufkommens vs. 49,6 % bei den
Birkenpollen) interpretiert werden. Regional können allerdings

│25
deutliche Unterschiede zutage treten. Überdies ist das soge-
nannte „lag-time“-Phänomen zu berücksichtigen. Es bezeichnet
die Zeitspanne von ca. 10-15 Jahren zwischen der Exposition
gegenüber einer „neuen“ Pollenart und der Entwicklung von be-
völkerungsmedizinisch bedeutsamen Allergieraten.
Die
Risikocharakterisierung eines Allergens
kann grundsätzlich
aus
medizinischer Sicht
(z. B. über die Parameter Häufigkeit
der Sensibilisierung, Häufigkeit der Erkrankung sowie über den
Schweregrad und die Progredienz der Erkrankung) oder aus
allergenbezogener/expositionsbezogener Sicht
erfolgen (Art
und Beschaffenheit des Allergieauslösers). Je höher der Anteil
an Personen, die in einer untersuchten Bevölkerungsgruppe
spezifische Sensibilisierungen gegen bestimmte
Pflanzenpol-
len aufweisen (
Sensibilisierungsanteil in einer Bevölkerungs-
stichprobe
), und je höher der Anteil an Erkrankungen, die einer
spezifischen Sensibilisierung gegen bestimmte Pflanzenpollen
zugeordnet werden können (
Erkrankungsanteil an spezifisch
Sensibilisierten
), umso höher ist das von einer Pflanzenart
aus-
gehende Allergierisiko. Für beide genannten Risikodeterminan-
ten muss bei der
Ambrosia artemisiifolia
- basierend auf der
gegenwärtigen Daten- und Beobachtungslage - von sehr erheb-
lichen, bis an die Spitze reichenden Gesundheitsrisiken ausge-
gangen werden (verglichen mit anderen Pollenarten).
Auch bestimmte
Eigenschaften der Pflanze und ihrer
aller-
gentragenden Pollen
selbst lassen bei weiterhin zunehmender
Etablierung des Neophyten eine deutliche Aggravation des Al-
lergiegeschehens sowohl auf der bevölkerungsmedizinischen
Ebene als auch auf der individualmedizinischen Ebene erwarten:
]
Die Hauptblütezeit dieser Ambrosie ist im mittel- und ost-
deutschen Raum relativ spät von Anfang August bis Anfang
September. Die Hauptblütezeit der meisten anderen poten-
ten allergieauslösenden Pflanzen- bzw. Baumarten ist dann
bereits vorüber (Ausnahme: einheimischer Beifuß), weshalb
sich für mehrfach sensibilisierte Ambrosia-Allergiker die „Be-
schwerdesaison“ verlängern kann. Einige artverwandten und
ebenfalls stark allergenen einheimischen Beifußkräuter blü-
hen etwa zur gleichen Zeit. Daher kann es zu Überlagerun-
gen der Pollenexposition mit Ausbildung von entsprechenden
Kreuzreaktionen kommen (sogenannte „Beifuß-Ambrosia-
Problemkomplex“). Koinzidente Mehrfachsensibilisierungen
gegen weitere Allergene von anderen Beifußarten (teilweise
auch gegen andere Korbblüter) sind deshalb eher die Regel
und es ist eine gegenseitige Beeinflussung, mit
möglicher-
weise synergistischen Auswirkungen auf das Allergiegesche-
hen, nicht auszuschließen (erhöhtes Risiko für Kreuzallergi-
en).
]
Unter optimalen Standortbedingungen können gut ent-
wickelte Pflanzen (bis 2 m Höhe) offenbar eine große Zahl
von Pollenkörnern (bis zu 1 Milliarde pro Pflanze) freisetzen.
Da die Stärke einer emittierenden Quelle allgemein als eine
maßgebliche Determinante mit für die Luftbelastung im Im-
missionsfeld gilt, muss diese hohe Ergiebigkeit der Pollenpro-
duktion plausiblerweise als ein begünstigender Faktor für die
Allergenexposition bzw. letztlich auch für das Allergierisiko
mit angesehen werden. Selbstverständlich wird die Verbrei-
tung der Pollen im Immissionsfeld durch zahlreiche meteoro-
logische, orografische und lokale Einflussfaktoren zusätzlich
überlagert.
]
Die Pollen der
Ambrosia artemisiifolia
sind mit einem
Durchmesser von ca. 20 Mikrometer vergleichsweise klein
(verglichen mit anderen Pollenarten mit Durchmessern bis
100 µm). Wegen dieser geringen Größe sind sie gut flugfähig
und besitzen eine hohe Ferntransportrelevanz, die Flugstre-
cken betragen nachweislich bis zu mehreren 100 Kilometern.
Auch diese Eigenschaft erhöht das Expositionsrisiko, unter
Umständen sogar in Gebieten, die selbst noch gar nicht oder
nur sehr lokal von der Einbürgerung des Neophyten betroffen
sind. Die physische Präsenz der Pflanze im näheren Umfeld
wäre somit nicht unbedingt eine zwingende Voraussetzung,
um in Kontakt mit Pollenallergenen zu kommen und ent-
sprechenden Risiken ausgesetzt zu sein. Selbstverständlich
können auch bei Reisen in Länder mit hohem Pollenvorkom-
men entsprechende Kontakte stattfinden. Die relativ kleinen
Ambrosiapollen sind darüber hinaus besser atembar als die
meist größeren anderen Pollenarten, wenngleich alle über 10
Mikrometer großen Partikel in der obersten Etage der Atem-
wege (Nase, Rachen) abgeschieden werden. Entscheidend für
das Allergierisiko sind allerdings letztlich die aus den Pollen
freigesetzten Allergene, die meist viel kleiner sind und so-
mit auch in darunterliegende Atemwegsbereiche gelangen
können (analog wie Feinstaub). Die Zahl der Pollen erfüllt
daher die Funktion eines „Surrogats“ für die tatsächliche Al-
lergenkonzentration, die auf die Schleimhaut trifft. Aktuelle
Untersuchungen zum Allergengehalt in einer Ambrosia-Polle
deuten darauf hin, dass diese Pollen tatsächlich deutlich
mehr Hauptallergene enthalten könnten, als beispielsweise
Baum- und Gräserpollen (Bergmann 2013).
]
Die Inhaltsstoffe der Ambrosiapollen besitzen offensicht-
lich eine hohe biologische Aktivität, die bei Kontakt mit
Schleimhautoberflächen von genetisch prädisponierten
Per-
sonen - offenbar wirksamer als bei anderen Pollenarten - in
immunologisch-entzündliche Prozesse münden. Dafür spre-
chen sowohl epidemiologische und experimentell gewon-
nene Daten als auch der bisherige Erfahrungsstand aus dem
Bereich der klinischen Allergologie. Beispielsweise ist es ge-
lungen, in nasalen Provokationen bei Erwachsenen mit „Am-
brosia-Heuschnupfen“ außerhalb der Pollensaison mit nur 10
Ambrosiapollen plötzliche nasale Symptome auszulösen. Die-
se niedrige Konzentration hat sich inzwischen als klinisch re-
levanter „Erfahrungswert“ etabliert. Der PID stuft daher eine
Intensität ab 11 Ambrosiapollen pro m
3
Luft für die Erstellung
des Pollenflug-Gefahrenindex als „hohe Belastung“ ein (zum
Vergleich: bei Haselpollen wird eine Konzentration von mehr
als 100 Pollen pro m
3
als hohe Belastung bezeichnet). In der
Literatur finden sich außerdem Hinweise, wonach 5 Pollen
pro m
3
Luft ausreichen sollen, um eine Sensibilisierung ge-
gen diese Pollenart hervorzurufen. Als Sensibilisierung wird
in der Allergologie eine vorgeschaltete Immunreaktion des
allergenexponierten Organismus bezeichnet (im Sinne einer
Allergievorstufe), aus der sich später einmal eine Allergie-
Erkrankung entwickeln kann.
]
Es gibt weitere Beobachtungen, die vermuten lassen, dass
die Inhaltsstoffe der Ambrosiapollen, verglichen mit anderen
Pollenarten, besondere Aktivitäten entfalten können. Dazu
zählt unter anderem die Feststellung von vergleichsweise
hohen spezifischen Asthmaprävalenzen vor allem in Ländern
mit gut etablierten Pflanzenbeständen, was ein erhöhtes
Ri-
siko für den gefürchteten „Etagenwechsel“ nahelegt. Nach

26 │
Dahl bergen die Ambrosiapollen für asthmatische Beschwer-
den, verglichen mit anderen Pollenarten, ein 2-fach höhe-
res Potenzial (Dahl 1999). Weitere Beobachtungen, wonach
verstärkt auch noch höhere Altersgruppen oder sogar Hunde
von einer Ambrosia-Allergie betroffen sein können, zählen
ebenso zu den Besonderheiten. Es müssen nicht zwangsläufig
besonders starke Allergene für diese festgestellten Wirkungs-
besonderheiten verantwortlich sein (Bergmann 2013). Pollen
sind nicht ein bloßer Allergenträger. Sie beinhalten eine Viel-
zahl von immunmodulatorisch und proinflammatorisch
wir-
kenden Substanzen, die in der Summe (das heißt bezogen
auf den gesamten Pollenextrakt) eine deutlich höhere biolo-
gische Reaktivität bewirken können, als jeder Bestandteil für
sich (Es wurden zahlreiche Inhaltsstoffe molekularbiologisch
bereits identifiziert, darunter mehrere Allergene, Lipide,
En-
zyme, Nukleoside.). Wahrscheinlich sind für die genannten
Besonderheiten und für die damit verbundenen problemati-
schen Entwicklungen eine ungünstige Kombination solcher
Polleninhaltsstoffe sowie mehrere sich begünstigende Fak-
toren in der Mensch-Pflanzen-Interaktion verantwortlich
(einschließlich anthropogene Zusatzfaktoren wie z. B. der
Klimawandel).
6.
Die Expositions-Wirkungskette
Voraussetzung für die zuverlässige Abschätzung eines umwelt-
bezogenen Krankheitsrisikos ist die Kenntnis der bestehenden
oder zu erwartenden Exposition. Im Hinblick auf die
Pollen-
allergie
muss dazu die Qualität und Quantität des Allergens
bzw. Allergenträgers (der Pollen) bekannt sein bzw. gemessen
werden. Die
Pollenbelastung in der Luft
ist wiederum von der
Anwesenheit einer pollenfreisetzenden Quelle –
der Pflanze
abhängig, die ergiebig genug sein muss, um über der allergie-
auslösenden Schwelle liegende Pollenmengen zu emittieren. Die
Expositions-Wirkungskette für den Endpunkt „Pollenallergie“
besteht daher grundsätzlich aus 3 Elementen - der pollenemit-
tierenden
Pflanze
, dem
Pollengehalt in der (Atem)Luft
und der
aktiven Pollenallergie
als Wirkungsendpunkt (einschließlich der
vorgeschalteten Sensibilisierung). Jedes dieser Glieder unterliegt
im Mikro- und Mesobereich wiederum einer großen Zahl von
zeitlich und örtlich variablen Einflussfaktoren und individuellen
Gegebenheiten, die nicht alle dargestellt werden können. Die
folgende Darstellung zeigt hiervon nur die wichtigsten Deter-
minanten.
Pflanze
Pollen
Sensibilisierung
Allergie
Im folgenden Abschnitt soll, bezogen auf
Ambrosia artemisii-
folia
, die konkrete aktuelle Situation dieser 3 Elemente in dem
der Chemnitzer Pollenmessstelle zugeordneten Gebiet erläutert
werden.
7.
Wie ist die aktuelle Situation hinsichtlich Ambro-
sia artemisiifolia im Umfeld der Pollenmessstelle
Chemnitz einzuschätzen?
Die Pflanze
Die Zahl und Größe der Pflanzenbestände in einer Region ist nur
eine grobe Determinante für das Allergierisiko der dort lebenden
Bevölkerung. Zwar werden in Gebieten mit größerem bzw. gut
etabliertem Pflanzenvorkommen meist deutlich höhere
Pollen-
konzentrationen und auch Allergie- bzw. Sensibilisierungsraten
festgestellt als in Gebieten mit nur vereinzelten Pflanzenfunden.
Allerdings reichen für die Ausbildung einer Ambrosia-Allergie
(Sensibilisierung und Symptome) offenbar sehr geringe Pollen-
konzentrationen (bereits > 10 Pollen/m
3
gelten als „hohe Belas-
tung“), die gegebenenfalls aus Einträgen der umgebenden Re-
gionen via Ferntransport stammen können. Dies bedeutet, dass
das Auftreten von allergologisch bedeutsamen Luftpollenbelas-
tungen nicht unbedingt an die Existenz regional ausgeprägter
Bestände gebunden ist, sondern dass stets auch die Situation
in den angrenzenden Regionen bzw. Ländern berücksichtigt
werden muss (einschließlich die zahlreichen das Immissionsfeld
beeinflussenden meteorologischen und orographischen
Bedin-
gungen wie unter anderem Lage zur Hauptwindrichtung, Gelän-
debeschaffenheit und so weiter).
Im Umfeld der Pollenmessstelle Chemnitz befinden sich nach
ak-
tueller Einschätzung keine beständigen und größeren Ambrosia-
Vorkommen. Dafür sprechen sowohl die vorliegenden Daten der
Sächsischen Ambrosia-Meldestelle als auch die geographische
Lage des der Chemnitzer Pollenmessstelle zugeordneten Ge-
bietes (Mittelgebirge Sachsen und Mittelgebirgsvorland). Zum
Zwecke der genaueren Erfassung der bisherigen und zukünf-
tigen Ausbreitung des Neophyten im Freistaat Sachsen wurde
ab 2014 eine Meldestelle mit Verwendung eines einheitlichen
Erfassungsbogens im Sächsischen Staatsministerium für Sozi-
ales und Verbraucherschutz eingerichtet. Der über Internet für
jedermann zugängliche Erfassungsbogen
(https://www.gesunde.
sachsen.de/ambrosia.html) bietet Behörden aber auch Bürgern,
Landwirten und so weiter die Möglichkeit, entsprechende Fund-
orte und wichtige Begleitinformationen (z. B. Standortart und
Standortnutzung, Größe der Bestände) an eine zentrale Stelle
zu melden. Außerdem werden in Sachsen noch vom Landwirt-
schaftsressort (Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geo-
logie) entsprechende Fundorte in landwirtschaftlichen Kulturen
registriert. Eine systematische bzw. gezielte Suche und Erfas-
sung von Ambrosia-Standorten erfolgt in Sachsen jedoch nicht.
Größere etablierte Pflanzenbestände sind bislang seit der
Exis-
tenz der Meldestelle 2014 weder aus dem Nahfeld der Chem-
nitzer Pollenfalle (Chemnitzer Stadtgebiet) noch aus den an-
grenzenden Kreisgebieten gemeldet worden. Nach den bislang
eingegangenen Meldedaten ist das Vorkommen der
Ambrosia
artemisiifolia
im Chemnitzer Mittelgebirgsvorland und der an-
grenzenden Mittelgebirgsregion insgesamt noch unregelmäßig
und von geringem Ausmaß. Gemeldet wurden bislang lediglich
wenige Einzelfunde (oft von Gärtnern oder Spaziergängern) an
meist unbeständigen Standorten, an denen die Pflanze wohl
noch keine selbsterhaltenden Populationen aufbauen konnte
(sogenannte „unetablierte“ Standorte). Nach Information der
örtlichen Naturschutzbehörde zählen zu diesen Standorten be-
vorzugt Vogelfutterstellen und Sonnenblumenpflückfelder. Da
an den anderen Vorzugsstandorten der Pflanze (z. B. an
Stra-
ßenrändern, Bahndämmen, Schutthalden oder ähnlichem) nicht
gezielt nach Vorkommen gesucht wird, ist von einer höheren
Dunkelziffer auszugehen. Eine beständige Etablierung der
Pflan-
ze in Form größerer Vorkommen bzw. eine exponentielle Aus-
breitung gilt dennoch im Chemnitzer Mittelgebirgsvorraum und
in den angrenzenden Mittelgebirgen aufgrund der klimatischen
Verhältnisse gegenwärtig (noch) nicht als sehr wahrscheinlich.
Eine Standortanalyse in Bayern hatte ergeben, dass in dortigen
Regionen mit einer durchschnittlichen Jahresmitteltemperatur
< 8,1 °C bislang noch keine großen Ambrosiabestände gefunden
wurden. Die Chemnitzer Region bietet der Pflanze aufgrund der
Höhenlage und ihres kühlgemäßigten Klimas (Chemnitz liegt

│27
bereits knapp 300 m über NHN) mit einer bekanntermaßen ge-
genüber dem Flachland in Sachsen verkürzten Vegetationsperi-
ode gegenwärtig noch keine optimalen Bedingungen (die jähr-
liche Durchschnittstemperatur in Chemnitz beträgt 7,9 °C). Ob
und gegebenenfalls wann und wie schnell sich das im Zuge der
auch hier zu erwartenden Klimaveränderungen möglicherweise
ändert, lässt sich derzeit schwierig beurteilen. Eine zunehmende
Verbreitung ist aber vor diesem Hintergrund auch hier zukünftig
nicht auszuschließen. Dies legen entsprechende Entwicklungen
in anderen Montan- und Submontanregionen Deutschlands und
in angrenzenden Ländern nahe.
Von den Nachbarregionen außerhalb Sachsens ist die unmit-
telbar an Sachsen angrenzende Region der brandenburgischen
Niederlausitz - speziell ein Gebiet westlich und südwestlich von
Cottbus mit den Kommunen Vetschau, Drebkau und Calau - zu
nennen, in welchem sich die Pflanze besonders gut etabliert hat.
Diese Region (große Teile zählen zur Bergbaufolgelandschaft)
gehört zu den deutschlandweit am stärksten mit Ambrosia be-
wachsenen Landesteilen. Ein massenhaftes Vorkommen stellt
die ansässigen Kommunen dort vor erhebliche Probleme. Das
Gebiet liegt nur ca. 127 km Luftlinie von Chemnitz entfernt,
günstigerweise sind hier Winde aus Richtung Nordost jedoch
relativ selten (nur 12 % der Jahresstunden NO-Winde). Auch im
Osten und Nordosten von Sachsen wird die Pflanze bereits
häu-
figer gefunden als im Raum Chemnitz und im Erzgebirgskreis.
In der aktuellen geobotanischen Fachliteratur sind derzeit in
Sachsen nur das Elbtal und die Oberlausitz als Gebiete mit ver-
einzelten „eingebürgerten“ Ambrosiavorkommen ausgewiesen
(Quelle: Gutte, Hardtke, Schmidt, Flora von Sachsen, Weissdorn-
Verlag 2013). Allerdings handelt es sich auch hier eher noch um
lokale bzw. zerstreute Vorkommen und nicht um ausgedehnte
Massenbestände. Auch im angrenzenden Nordwestsachsen ist
die Situation derzeit insgesamt noch als unbeständig zu charak-
terisieren. Weitere Regionen mit dokumentierten ausgedehnten
und etablierten Beständen liegen mehrere hundert Kilometer
von Chemnitz entfernt und können den Pollenflug hier
höchs-
tens noch via Ferntransport unter ganz speziellen meteorologi-
schen Bedingungen – begrenzt auf bestimmte kürzere Zeitfens-
ter – beeinflussen.
Die Pollen
Die Exposition gegenüber Ambrosiapollen (hauptsächlich via
Atmung) ist die Voraussetzung, damit sich entsprechende Sen-
sibilisierungen (Allergievorstufen) und allergische Erkrankungen
wie der „Ambrosia-Heuschnupfen“ und das „Ambrosia-Asthma“
bei genetisch suszeptiblen Personen entwickeln können. Die je-
weils aktuelle Luftpollenzahl wird in der klinischen Allergologie
als ein wichtiger Risikoprädiktor (unter anderem als Surrogat
für die Intensität der Allergie-Exposition) angesehen. Bei Vor-
liegen kohärenter klinischer Befunde wird der Pollengehalt der
Luft zur Untermauerung der Diagnose einer Ambrosia-Allergie
mit genutzt.
In der Routineüberwachung gilt die Zahl der Pollen (n pro m
3
Luft) gegenwärtig als der am besten etablierte Indikator für die
Allergenlast in der Luft. Für eine noch genauere Expositions-
bewertung müssten die betreffenden Inhalationsallergene (z. B.
Konzentration, Dauer) direkt quantifiziert werden können.
Ent-
sprechend praxisausgereifte Methoden zur Routinemessung von
Ambrosia-Allergenen stehen allerdings (noch) nicht zur Verfü-
gung.
Stellvertretend für die tatsächliche Allergenexposition erfolgt
deshalb die Zählung der Pollen, um den Expositionsgrad ge-
genüber diesen Umweltallergenen angenähert zu bestimmen.
Der Deutsche Wetterdienst hat in Zusammenarbeit mit dem
PID eine Einstufung der Belastungsintensitäten anhand der in
der Luft gemessenen Pollenkonzentration vorgenommen. Dabei
wurde als Bewertungsgrundlage die Anzahl der Ambrosiapollen
als 24-Stundenmittelwert pro m
3
Luft festgelegt (siehe Tabel-
le 1).
Tabelle 1: Einstufung der Luftbelastungsintensität mit
Ambrosiapollen (DWD, Stand 01.06.2012)
Anzahl Pollen als Tagesmittelwert pro m
3
Luft
Pollenart
keine
Belastung
geringe
Belastung
mittlere
Belastung
hohe
Belastung
Ambrosia
0
1 - 5
6 - 10
über 10
Es ist dabei immer zu berücksichtigen, dass die meisten Pol-
lenspezies derselben Pflanzenart in ihrer Allergenfreisetzung
bereits natürlicherweise einer gewissen Variabilität unterlie-
gen, weshalb die bisherigen Intensitätsbewertungen eher als
klinische Erfahrungswerte und nicht als wissenschaftliche ab-
geleitete Schwellen für das zwangsläufige Auftreten von
Ge-
sundheitsstörungen verstanden werden dürfen. Ein weiterer
Grund für die eingeschränkte Möglichkeit, entsprechende All-
ergierisiken standortspezifisch exakt zu beurteilen, ist die
indi-
viduell stark variierende Reaktionsbereitschaft (fachsprachlich:
Disposition) des Menschen für allergische Erkrankungen. Unter
Umständen dauert es Jahre oder sogar Jahrzehnte bis allergisch
veranlagte und exponierte Personen erkranken oder es bleibt
sogar lebenslang bei einer „klinisch stummen“ Sensibilisierung.
Die physiologischen Grundlagen für die Risikobeurteilung bei
Allergien sind nicht vergleichbar mit den klassischen Dosis-
Wirkungs-Beziehungen in der Toxikologie. Der nachfolgenden
Betrachtung der Pollenkonzentration an einer Messstation soll-
ten diese allgemeinen Aspekte zum besseren Verständnis vor-
angestellt werden.
Seit 2006 wird von uns systematisch und gezielt nach dem
Vorkommen von Ambrosiapollen in Chemnitz gefahndet. Am-
brosiapollen in der Luft wurden hier – verglichen mit anderen
Messstationen – relativ spät, nämlich erstmalig an 2 Tagen im
Jahr 2012 detektiert. Seitdem gibt es zwar jährlich wiederkeh-
rende Funde, allerdings auf einem insgesamt niedrigen Niveau
und ohne erkennbaren Trend. Lediglich 0,2 % des gesamten
Pollenaufkommens von den acht wichtigsten allergierelevanten
Pollenarten (Birke, Gräser, Erle, Esche, Hasel, Beifuß, Roggen,
Ambrosia) lassen sich in Chemnitz bisher der Ambrosia zuord-
nen (verglichen mit 63 % bei den Birkenpollen). Entsprechend
niedrig sind die in den einzelnen Jahren gefundenen Jahressum-
men, die sich auf wenige Tage, jeweils im August und Septem-
ber, verteilen (2012: 2 Tage, 2013: 5 Tage, 2014: 17 Tage, 2015:
9 Tage, 2016: 11 Tage). Verglichen mit den Pollenflugzeiten bei
den heimischen Hauptallergie-Auslösern wie den Süßgräsern
(ca. 120 Fundtage) oder der Birke (ca. 40 Fundtage) mit fast
ausnahmslos immensen Jahressummen (zum Teil bei der Birke
> 10.000 Pollen, bei den Süßgräsern > 2.000 Pollen) kann bei
der Ambrosie noch nicht von einer stabilen Pollensaison (mit
ausgedehnter Vorblüte, Hauptblüte und Nachblüte) gesprochen
werden.

28 │
In der Abbildung 3 sind die Jahressummen der im Zeitraum von
2012 (erste Ambrosiapollen-Funde) bis 2016 an der Messstation
Chemnitz erfassten Ambrosiapollen graphisch dargestellt. Die
Jahressummen der Ambrosiapollen werden aus den täglichen
24-h-Mittelwerten (pro m
3
Luft) gebildet.
Die Herkunft der Pollen lässt sich mit der zugrundeliegenden
Methode der Pollenanalytik nicht bestimmen. Das eher instabile
Bild der bisherigen Fundsituation an der Messstation Chemnitz,
insbesondere die festgestellten erheblichen Schwankungen,
sprechen jedoch sehr für eine maßgebliche Beeinflussung durch
Ferntransporte. Als schlüssig geklärt kann ein solch dominanter
Ferneintrag unter anderem für den September 2014 gelten. Hier
wurden während ausgeprägter Wetterlagen mit Südostwinden
an unserer Messstation die bis dato höchsten Ambrosia-Pollen-
zahlen festgestellt (die Jahressumme 2014 betrug 204 Pollen/m
3
Luft). Nach Angaben der Stiftung Deutscher Polleninformati-
onsdienst waren im selben Zeitraum auch an etlichen weiteren
Messorten, selbst noch im nördlichen Teil Deutschlands, derarti-
ge Auffälligkeiten feststellbar (Jahresaufkommen im selben Jahr
an zahlreichen Messstationen > 100 Pollen pro m
3
). An der zu
Chemnitz nächstgelegenen Messstation in Dresden (TU Dresden)
wurde im selben Jahr eine Jahressumme von 431 Ambrosiapol-
len pro m
3
Luft gemessen (Quelle: PID 2014), die zu den höchs-
ten dort analysierten Pollenzahlen gehört.
Das Phänomen des Ferntransports von Ambrosiapollen über Län-
dergrenzen hinweg (zum Teil über mehrere hundert Kilometer
Entfernung) ist unstrittig, daher erscheint hierzulande ein Ein-
trag von Pollen aus südosteuropäischen bzw. osteuropäischen
Ländern, mit teilweise massenhaften und fest etablierten
Pflan-
zenvorkommen, bei entsprechenden Windrichtungen plausibel.
Aus allergologischer Sicht ist es bedeutsam, ob und ggf. an wel-
chen Tagen die oben genannten Intensitätsschwellen für mittle-
re und hohe Belastungen überschritten werden. Bislang wurden
an unserer Messstation die Intensitätsschwellen für eine „starke
Belastung“ nur im Jahr 2014 überschritten (siehe Abbildung 4).
Dies war eine Episode von 5 aufeinanderfolgenden Tagen vom
03.-07. September 2014. Es folgte im selben Jahr eine zweite
kurze Episode von 2 Tagen mit „mittlerer Belastung“, alle sonsti-
gen im Jahr 2014 analysierten Ambrosia-Pollenkonzentrationen
waren als „geringe Belastung“ einzustufen (weitere 10 Tage).
Außer diesen Befunden wurden an der Pollenmessstelle
Chemnitz nur noch einmal im Jahr 2013 an 5 Tagen „mittle-
re Belastungen“ festgestellt. In allen anderen Jahren mit Am-
brosia-Pollenfunden bewegten sich die Pollenkonzentrationen
(Tages-Mittelwerte) ausnahmslos im Bereich einer „geringen
Belastung“. Insgesamt sind damit Funde von allergierelevanten
Ambrosia-Pollenkonzentrationen in der Luft an der Messstelle
der LUA Chemnitz bislang immer noch ein seltenes Ereignis.
Obwohl die Belastungsverhältnisse mit Ambrosiapollen im Ein-
zugsbereich der Pollenfalle Chemnitz noch relativ verhalten
sind und kaum Auffälligkeiten aufweisen, darf nicht verkannt
werden, dass dies nicht überall so ist. Bereits innerhalb der Ter-
ritorien einzelner Bundesländer können je nach orographischer
Struktur und klimatischen Bedingungen beträchtliche regionale
Unterschiede hinsichtlich der Pollenbelastungen nachgewiesen
werden. Regionen, in denen sich aufgrund guter Standortbe-
dingungen die Pflanze bereits ausbreiten konnte und/oder wo
günstige orographische Bedingungen für Polleneinströmungen
aus solchen Gebieten herrschen, weisen in der Regel deutlich
höhere Luftbelastungen auf als z. B. die Chemnitzer Region.
Am benachbarten Pollenfallenstandort in Dresden (ca. 90 km
von Chemnitz entfernt) wurden bereits viele Jahre früher deut-
lich höhere Ambrosia-Pollenzahlen als in Chemnitz registriert,
was unstrittig auch der speziellen orographischen Lage dort
mit geschuldet ist (die Öffnung nach Osten durch das Elbtal,
sogenannte „Elbtalweitung“ begünstigt Polleneinströmungen
aus den osteuropäischen Ländern). Noch höhere Pollenkonzen-
trationen wurden an den Pollenfallenstandorten in der Nieder-
lausitz gemessen. Am Standort Drebkau, in einem der Nieder-
lausitzer Problemgebiete, wurden in manchen Jahren mehr als
hundertfach höhere Ambrosia-Pollenzahlen als in Chemnitz
registriert. Es gilt durch etliche Studien als belegt, dass in sol-
chen Gebieten die ambrosiaspezifischen Sensibilisierungsraten
und auch die entsprechenden Erkrankungszahlen höher liegen
als in belastungsärmeren oder problemfreien Gebieten. Da die
Ambrosiapollen durch ihre guten Flugeigenschaften auch in
pflanzenärmere oder sogar bis in „pflanzenfreie“ Gebiete
vor-
dringen können, wo sie bereits medizinische Folgeprobleme mit
verursachen, darf die gegenwärtig noch nicht flächendeckende
und auch noch nicht invasive Ausbreitung der Pflanze nicht als
Rechtfertigungsargument für unterlassene Bekämpfungsstrate-
gien benutzt werden.
Sensibilisierung/Erkrankung
Sensibilisierungen sind spezifische Reaktionen des
Immunsys-
tems auf entsprechende Allergenkontakte bei genetisch dispo-
nierten Personen (Disposition bedeutet hier Veranlagung für
2
33
204
36
25
0
50
100
150
200
250
2012
2013
2014
2015
2016
Jahressumme der Ambrosiapollen/m
3
Jahr
Abbildung 3:
Jahressummen der Ambrosiapollen an der Messstation Chemnitz
im Zeitraum 2012-2016
12111
37
50
52
22
13
2111
9
7
3
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
24-h-Pollen-Mittelwert/m3 Luft
Tage mit Ambrosia-Pollenflug
Schwelle zu starker
Belastung
Schwelle zu mittlerer
Belastung
Abbildung 4:
Ambrosia-Pollenflug an der Messstation Chemnitz im Jahr 2014

│29
eine Allergie), die jeder allergischen Erkrankung vorausgehen.
Sensibilisierungen sind zunächst bloß symptomlose Vorstufen
einer allergischen Erkrankung, die nicht zwangsläufig in eine
allergische Erkrankung (z. B. einen Heuschnupfen) übergehen
müssen. Art und Ausmaß der Pollenallergie hängen von indi-
viduellen Empfindlichkeitsunterschieden, der Art und Intensität
des Pollenkontakts sowie von der biologischen Aktivität der Pol-
leninhaltsstoffe ab und werden zusätzlich von Umweltfaktoren
(unter anderem Luftschadstoffen), die auf die Pollen
und
Men-
schen einwirken, maßgeblich mit beeinflusst. Es erkrankt immer
nur ein Teil der Sensibilisierten, je höher dieser Anteil ist, umso
reaktiver war die Pollen-Mensch-Interaktion mit allen daran
beteiligten Determinanten (zuvorderst Kontaktintensität und
Kontaktqualität). Die allergische Erkrankung (der allergische
Schnupfen, das allergische Asthma, die pollenassoziierte Nah-
rungsmittelallergie) ist der Endpunkt der Expositions-Wirkungs-
Kette. Für eine valide Diagnose bedarf es des Sensibilisierungs-
nachweises, einer kompatiblen Symptomatik (am besten auch
unter Einschluss einer konjunktivalen und/oder nasalen Provo-
kation) und möglichst auch eines Expositionsnachweises. Eine
eindeutige Allergie gegen Ambrosiapollen zu diagnostizieren, ist
nach wie vor nicht unproblematisch, denn Patienten mit Am-
brosia-Sensibilisierungen reagieren meistens auch auf andere
Pollen der zeitgleich blühenden verwandten Beifußarten (und/
oder auf andere Korbblüter). Die Pollen dieser „Schwestern-
pflanzen“ lösen dieselben Symptome aus und besitzen zum Teil
sehr ähnliche Allergene, weshalb der Allergienachweis durch
entsprechende Kreuzreaktionen oft überlagert wird und somit
nicht spezifisch genug ist. Bei der Einschätzung von
Allergieri-
siken (Sensibilisierungsraten, Erkrankungsraten) durch Ambro-
siapollen muss dieser Aspekt berücksichtigt werden, da er zu
Verzerrungen führen kann.
Repräsentative Daten zur Prävalenz von Ambrosia-Sensibi-
lisierungen aus dem Raum Chemnitz liegen uns nicht vor. Als
einzige systematische Untersuchung, die wenigstens einen
ersten annähernden Eindruck über das diesbezügliche Sensibi-
lisierungsniveau innerhalb von Sachsen vermittelt, ist die soge-
nannte
„Life-Adult-Studie“
zu nennen. Im Rahmen dieser Stu-
die wurde eine Kohorte von 10.000 Leipziger Erwachsenen auf
verschiedene Erkrankungen untersucht (z. B. kardiovaskuläres
System, psychische Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen),
darunter auch die Sensibilisierungslage gegenüber Ambrosia-
pollen. Im Ergebnis dieser Analyse zeigte sich bei 4 % der mittels
Hautpricktest untersuchten Personen eine entsprechende Sen-
sibilisierung. Diese Zahlen können zwar nicht uneingeschränkt
auf Chemnitz übertragen werden. Der Raum Leipzig bietet aber
sicherlich der Pflanze keine schlechteren Bedingungen als das
Erzgebirgsvorland und der Mittelgebirgsraum. Verglichen mit
Problemregionen in anderen Bundesländern sind diese genann-
ten Prävalenzen derzeit als noch moderat einzuschätzen. Der
Vergleich mit der RKI-DEGS-Studie (2013), die in der deutschen
Allgemeinbevölkerung Sensibilisierungsraten gegen die Beifuß-
blättrige Ambrosie von 8,2 % ermittelt hat (siehe Punkt 6), be-
stätigt diese Einschätzung.
8.
Vorläufiges Fazit für den Standort Chemnitz
Aus den hier ausgewerteten aktuellen Daten und Informationen
lässt sich zusammenfassend folgendes Fazit für die Region um
den Pollenfallenstandort Chemnitz ziehen:
1. Die Region um den Standort der Pollenmessstelle Chemnitz
bietet derzeit aus verschiedenen Gründen (unter anderem
ungünstige klimatische Bedingungen, spezielle orografische
Lage) weder für die Etablierung der Pflanze
Ambrosia arte-
misiifolia
, noch für einen maßgeblichen Ferneintrag entspre-
chender Pollen günstige Voraussetzungen. Dies spiegelt sich
insbesondere in der gegenwärtig noch als sehr moderat zu
charakterisierenden Expositionssituation – bezogen auf die
in Chemnitz bis dato gemessenen Pollenzahlen – wider. Der
Pollenflug ist als das essentielle Bindeglied zwischen dem
Vorkommen der Pflanze und der Pollenallergie anzusehen.
Ohne hinreichende Expositionen ist eine entsprechende
Krankheitsentwicklung nicht möglich.
2. Obgleich die Umfeldbedingungen in dieser Region nicht
günstig sind, gibt es allerdings auch hier bereits erste Anzei-
chen für ein aufkommendes Geschehen auf allen 3 Ebenen
der Expositions-Wirkungs-Kette (Pflanze-Pollen-Allergie).
Das Pflanzenvorkommen beschränkt sich dabei derzeit in
der Region noch auf nicht etablierte, vereinzelte Funde. Die
Luftanalysen auf Ambrosiapollen ergeben bislang seit der
systematischen Suche ab dem Jahr 2006 an insgesamt nur
12 Tagen Überschreitungen der allergologisch relevanten
Pollenzahlen (> 5 Pollen/m
3
Luft). Insgesamt spricht hier der-
zeit sowohl die Fundsituation bei den Pflanzen als auch bei
den Pollen noch nicht für stabile Verhältnisse. Repräsentati-
ve Zahlen zur Sensibilisierung bzw. zu allergischen Erkran-
kungen durch entsprechende Pollenallergene von
Ambrosia
artemisiifolia
liegen uns aus dem näheren Umfeld der Pol-
lenmessstelle Chemnitz derzeit nicht vor. Nach Rücksprache
mit klinisch tätigen Ärzten in Chemnitz werden aber bereits
auch hier bei einem kleinen Patientenklientel entsprechende
Zusammenhänge diagnostiziert.
3. Die letzten 5 Jahre mit positiven Funden von Ambrosiapollen
an der Messstation Chemnitz lassen keinen systematischen
Trend in irgendeine Richtung erkennen. Der insgesamt dis-
kontinuierliche Verlauf mit teilweise deutlichen intra- und
intersaisonalen Schwankungen wird wahrscheinlich - darauf
deuten die Windrichtungsdaten hin - durch Polleneinträge
via Ferntransport maßgeblich verursacht bzw. beeinflusst.
Der instabile Konzentrationsverlauf spricht derzeit hier nicht
für eine kontinuierliche saisonale Hintergrundbelastung, dies
passt zu der Fundsituation bei den Pflanzen. Die Bedeutung
derart sporadisch auftretender Ereignisse und Expositionen
für die Entwicklung von entsprechenden Allergien ist wis-
senschaftlich nicht geklärt. Die weitere Entwicklung des hie-
sigen Vorkommens von Ambrosiapollen in der Luft und der
betreffenden Folgewirkungen werden maßgeblich vom Aus-
breitungsverhalten und von der Invasionsdynamik der Pflanze
in unserer Region und/oder in den benachbarten Regionen
abhängen.
4. Die Verhältnisse in der Region um die Pollenmessstelle Chem-
nitz untermauern außerdem eine Beobachtung, die auch in
anderen Ländern mit ursprünglich nicht heimischer Ambro-
sia gemacht wird: Zu sehen ist momentan eine noch starke
Regionalität bzw. auch Lokalität des Pflanzen- und
Pollen-
vorkommens. Die Ausbreitung der Pflanze ist an bestimmte
Umweltbedingungen gebunden. Je besser diese erfüllt sind,
umso günstiger sind die Voraussetzungen für die Etablierung.
Hier gibt es derzeit noch große Unterschiede und insgesamt

30 │
ist die Pflanze in den meisten sächsischen Regionen aktuell
wohl noch eher selten (Es müssen allerdings diesbezüglich
erhebliche Beobachtungslücken eingeräumt werden.). Es
existieren inzwischen allerdings in fast allen Bundesländern
„Hot spots“ mit etablierten, regional bzw. lokal begrenzten
Beständen. Die Region um die Pollenmessstation Chemnitz
gehört nicht dazu. Aber bereits in der ca. 130 km entfernt lie-
genden Niederlausitz haben sich die wahrscheinlich deutsch-
landweit größten Ambrosiavorkommen fest etabliert und die
dort erfassten Pollen der
Ambrosia artemisiifolia
zählen dem-
entsprechend zu den höchsten in Deutschland gemessenen
Konzentrationen.
5. Die Ergebnisse der Pollenanalysen der Pollenmessstelle
Chemnitz dokumentieren aber auch, dass bezüglich der Am-
brosiaproblematik ein vollständiges „Inseldasein“ hierzulande
nicht mehr möglich ist (evtl. ausgenommen bestimmte Hö-
henlagen). Bedingt durch die gute Flugfähigkeit der Pollen
reicht eine Etablierung der Pflanze in angrenzenden oder
auch ferneren Regionen bzw. Ländern offensichtlich aus, um
über den Ferntransport selbst in pflanzenfreien oder -raren
Gebieten messbare und teilweise sogar allergologisch rele-
vante Luftkonzentrationen - wenigstens sporadisch - her-
beizuführen. Obgleich die Bedeutung derartiger Expositions-
muster für die Entwicklung von Allergien noch unklar ist, sind
auch in solchen Gebieten ohne eine eigenständige Ambrosia-
problematik bereits moderate Sensibilisierungs- und Erkran-
kungsprävalenzen auszumachen (wahrscheinlich verursacht
durch kombinierte örtliche Expositionen).
9.
Schlussfolgerungen
]
Aus umweltmedizinischer Sicht kommt es darauf an, den
Ambrosia-Pollenflug auf niedrigstmöglichem Niveau zu
hal-
ten (Minimierung). Die effektivste Strategie zur Erreichung
dieses Zieles besteht in der konsequenten Bekämpfung und
somit gezielten Eindämmung der Pflanze (eine vollständige
Eliminierung ist wahrscheinlich in den meisten Regionen
nicht mehr erreichbar). Unter dem Aspekt der Primärpräven-
tion ist die erfolgreiche Bekämpfung der Pflanze außerdem
die einzige Möglichkeit, die Entstehung neuer Allergien zu
verhindern.
]
Der derzeitige Wissens- und Erfahrungsstand zu den Metho-
den, mit denen diese eingewanderte Ambrosia-Art erfolg-
reich bekämpft bzw. deren weitere Ausbreitung wenigstens
deutlich verlangsamt werden kann, ist als hinreichend an-
zusehen. Zu dem diesbezüglichen Spektrum zählen erprobte
biologische, chemische und physikalische Bekämpfungsmaß-
nahmen (gerichtet unter anderem auf die Vermeidung der
Einschleppung, Verschleppung und auf die Befallsbeseitigung
sowie auf die Verhinderung der Auskeimung, des Wachstums
und der Verfestigung), eine rege Öffentlichkeitsarbeit sowie
spezielle gesetzliche Regelungen als verbindliche Handlungs-
grundlage für die tangierten unterschiedlichen Ressorts (wie
z. B. die erfolgte Anpassung der Futtermittel-Verordnung EU
Nr. 574/2011 der Kommission vom 16. Juni 2011). Ausführli-
che Abhandlungen und spezielle fachwissenschaftliche Emp-
fehlungen zu Bekämpfungsmethoden sind von den zustän-
digen Fachinstitutionen im Internet veröffentlicht worden
(z. B. „Strategies for Ambrosia control“, EUPHRESCO projekt
Ambrosia 2009,
www.euphresco.org).
]
Von den administrativen Maßnahmen wird das zügige Kon-
stituieren einer verbindlichen Melde- und Bekämpfungs-
verpflichtung als am wichtigsten erachtet. Das Etablieren
einer bindenden Rechtsgrundlage für diesbezüglich konse-
quentere Aktivitäten wurde unter anderem auch von einer
nationalen Expertentagung am Julius-Kühn-Institut 2013
unisono befürwortet (Julius-Kühn Archiv 2014). Appelle an
eine interessierte Öffentlichkeit oder
Eradikationskampag-
nen, Aktionsprogramme o. ä. auf ausschließlich freiwilliger
Basis waren nach den bisherigen Erfahrungen meistens
bloß eingeschränkt bzw. punktuell und insgesamt weniger
nachhaltig erfolgreich.
]
Die gemeinsame Abfassung und konsequente Umsetzung
von untereinander abgestimmten Bekämpfungsstrategien
auf allen Ebenen der zuständigen Gesundheits- und Um-
weltressorts ist im Rahmen einer ressortübergreifenden
Zusammenarbeit unabdingbar, um den anstehenden Pro-
blemen erfolgreich begegnen zu können. Wegen diver-
gierender Kompetenzen und Zuständigkeiten für die un-
terschiedlichen Maßnahmen im Schnittstellenbereich von
Gesundheits- und Umweltbehörden gestaltet sich die Zu-
sammenarbeit nicht immer einfach (zuständig für die auf-
tretenden Gesundheitsschäden ist das Gesundheitsressort,
zuständig für die Bekämpfung der Pflanze ist das Umwelt-
bzw. Landwirtschaftsressort). Das Szenario der stark zuneh-
menden Ausbreitung einer Pflanzenart mit derart hohem
allergenen Potenzial ist bislang einzigartig und beispiellos.
Entsprechend flexibel sollten die betroffenen Behörden
bzw. Verwaltungen auf die besonderen Herausforderungen
reagieren, was ggf. unkonventionelle Aktivitäten zur Über-
windung von bürokratischen Hürden mit einschließt.
]
Bislang hat aufgrund fehlender Regelungen jedes Bundes-
land in Art und Umfang unterschiedliche Aktivitäten zur Er-
fassung und Bekämpfung der Ambrosia aufzuweisen (man-
che Bundesländer suchen gezielt nach der Pflanze, manche
haben freiwillige Aktionsprogramme und so weiter). Dies
hat zur Folge, dass auf allen drei Ebenen der oben genann-
ten Expositions-Wirkungskette (Pflanze-Pollen-Allergie)
in-
nerhalb von Deutschland nur lückenhafte, wenig systema-
tische und somit kaum vergleichbare Daten vorliegen. Als
essentielle Grundlage für gezielte Gegenmaßnahmen muss
das Monitoring der diesbezüglichen Umwelt-
und
Gesund-
heitsverhältnisse auf allen drei Ebenen – der
Pflanzenaus-
breitungsbeobachtung, der Pollenflugbeobachtung und der
Beobachtung der Sensibilisierungs- bzw. Morbiditätsent-
wicklung – verbessert, das heißt breiter und stärker syste-
matisch (unter anderem zeitlich, örtlich, methodisch koor-
diniert) angelegt werden. Nur damit lassen sich verlässliche
Aussagen sowohl über zukünftige Entwicklungen, als auch
über den Bedarf und schließlich auch über den Erfolg von
Problembewältigungsmaßnahmen gewinnen.
]
Eine kontinuierliche und möglichst breit angelegte
Öf-
fentlichkeitsarbeit spielt im gesamten Problembewälti-
gungsmanagement eine herausragende Rolle, zumal viele
Pflanzenstandorte bekanntermaßen auch in privatem
Ge-
lände liegen, was amtlichen Stellen zunächst oft verborgen
bleibt. Unter Beteiligung von den betreffenden kommuna-
len, behördlichen und politischen Verantwortungsträgern
sind neben allgemeinen Aufklärungskampagnen für die

│31
Allgemeinbevölkerung verstärkt auch
zielgruppenspezifi-
sche (z. B. auf Landwirte, Garten- und Grundstücksbesitzer,
Bauunternehmer, Ärzte gerichtet) Informations- und Bera-
tungsangebote systematisch zu etablieren, insbesondere und
zuvorderst in denjenigen Gebieten, in denen sich die Indizien
für eine Ausbreitung und Verfestigung der Pflanze
verdich-
ten. Den Behörden des ÖGD kommt gemäß §11 SächsGDG die
Verpflichtung zu, für die Bevölkerung zu Fragen des
gesund-
heitlichen Umweltschutzes, das heißt zu den entsprechenden
umweltmedizinischen Zusammenhängen, qualifizierte
Bera-
tungsangebote vorzuhalten.
]
Nach unserer Auffassung wäre es aus der Sicht des Gesund-
heitsschutzes (überdies auch aus gesundheitsökonomischen
Gründen) nicht verantwortbar, wenn das derzeit insgesamt
noch relativ seltene Vorkommen größerer verfestigter
Pflan-
zenbestände als Argument benutzt würde, um die genannten
Maßnahmen weiter aufzuschieben. Das Beispiel Chemnitz
zeigt, dass flächendeckend expansive Ausbreitungsmuster
der Pflanze nicht erforderlich sind, um allergologisch
rele-
vante Pollenkonzentrationen und erste Auswirkungen auch
auf die Gesundheit in bis dato weitgehend unauffälligen
Gebieten hervorzurufen. Für das Zustandekommen gesund-
heitsrelevanter Expositionsszenarien gegenüber den Pollen
bedarf es nicht unbedingt der flächenhaften oder
exponen-
tiellen Ausbreitung der Pflanze und auch nicht einer
erheb-
lichen Gefährdung der Biodiversität (als amtliches Kriteri-
um für die naturschutzfachliche Invasivitätsbewertung). Es
reicht offensichtlich auch eine allmähliche bzw. punktuell
zunehmende Verbreitung der Pflanze (z. B. mit zahlreichen
„hot spots“).
]
Für eine Pflanzenbekämpfung, die das Ziel verfolgt, den
Pollenflug zu minimieren, um letztlich der Entstehung
neu-
er Allergien vorzubeugen, gibt es bislang keine etablierte
spezialgesetzliche Regelung, dennoch muss die Pflanze aus
gesundheitlichen Vorsorgegründen bekämpft werden. Von
einigen Ausnahmen abgesehen kann derzeit in den meisten
Regionen Deutschlands das Vorsorgeprinzip als handlungs-
leitendes Prinzip und Grundlage für staatliches und behörd-
liches Handeln zum Schutz vor sich abzeichnenden Gesund-
heitsrisiken angewendet werden. Die wissenschaftliche und
erfahrungsbegründete Evidenzlage, dass ohne vorbeugend
wirksame Bekämpfungsstrategien entsprechende Gesund-
heitsrisiken tatsächlich drohen, reicht auf allen Ebenen der
Expositions-Wirkungskette (Pflanze, Pollen und
gesundheit-
liche Auswirkungen) über bloße Anhaltspunkte und Plausi-
bilitätsannahmen hinaus. In einigen Gebieten Deutschlands
mit flächenhaft eingebürgerten Pflanzenbeständen ist sogar
die Schwelle zur Gefahrenabwehr bereits überschritten wor-
den. Das Vorsorgeprinzip als eines der Hauptprinzipien des
deutschen Umweltrechts und grundlegendes Handlungs-
prinzip der deutschen und auch europäischen Umweltpoli-
tik legitimiert vollumfänglich die unter Punkt 9 genannten
Aktivitäten (unter anderem die konsequente Erfassung, Mo-
nitoring, Bekämpfung), die frühestmöglich (mindestens aber
beim Auftreten erster Indizien für entsprechende Probleme)
begonnen werden sollten.
]
Die Beifußblättrige Ambrosie ist zwar in Deutschland nach
amtlicher naturschutzfachlicher Bewertung als „etabliert“
eingestuft, jedoch weisen das Ausbreitungsstadium und die
Ausbreitungsdynamik derzeit noch große regionale Unter-
schiede auf (von „fehlender Einschleppung“ bis „Sättigung“).
Das Chemnitzer Mittelgebirgsvorland und das umgebende
Bergland mit insgesamt ungünstigen Umfeldbedingungen für
die Pflanze stehen – wenn überhaupt – wohl erst am
Be-
ginn der Einbürgerung. In diesem frühen Stadium der Inva-
sionsentwicklung sind wegen der noch übersichtlichen Lage
Vorsorgemaßnahmen (gegen die Einschleppung) sowie die
gezielte lokale Bekämpfung und fortlaufende Beobachtung
der Pflanze noch besonders erfolgversprechend. Hier lässt
sich womöglich die Einbürgerung der Pflanze noch
verhin-
dern oder deren Ausbreitung wenigstens noch effektiv ver-
zögern. Hat hingegen die exponentielle Ausbreitung erst
einmal begonnen, so sind wirksame Gegenmaßnahmen er-
wiesenermaßen deutlich ineffektiver und somit aufwändiger.
Die Zeitspanne bis zur rasanten Ausbreitung kann Jahre oder
Jahrzehnte betragen, sie lässt sich lokal schwer prognosti-
zieren. Eine Beschleunigung durch den Klimawandel gilt als
sehr wahrscheinlich. Die hiesigen Naturschutzbehörden sind
sich dieser Zusammenhänge bewusst und sind diesbezüglich
aktiv.
Eine Liste mit der zugrundeliegenden Literatur ist im Fachgebiet
verfügbar.
Bearbeiter: Dr. med. Mario Hopf
LUA Chemnitz
DB Valentina Aurich
LUA Chemnitz

image
32 │
MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester in raffinierten
Fetten und Ölen
Eine Gruppe neuer Kontaminanten tritt zunehmend in den Fo-
kus und stellt die Lebensmittelindustrie und die Überwachung
vor neue Aufgaben: die MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester. Als
Prozesskontaminanten kommen sie nahezu ubiquitär in allen
raffinierten Fetten und Ölen vor, welche in der
Lebensmittelin-
dustrie in großen Mengen, auch zur Herstellung von Babynah-
rung, verarbeitet werden.
Aus chemischer Sicht werden zu den MCPD-Fettsäureestern die
3-MCPD-Fettsäureester und die 2-MCPD-Fettsäureester gezählt
(MCPD = Monochlorpropan-1,2-diol). Hierbei handelt es sich
um Diglyceride, bei denen eine Fettsäure durch ein Chloratom
ersetzt wurde. Glycidyl-Fettsäureester weisen einen Epoxidring
am Glycerin-Rückgrat auf. 2006 wurde ihr Vorkommen erstmals
in Ölen beschrieben.
Während der Verdauung werden die Fettsäuren durch Enzyme
abgespalten und 2-MCPD, 3-MCPD sowie Glycidol freigesetzt.
Aufgrund der bisherigen toxikologischen Daten wird 3-MCPD
als gesundheitsschädlich und Glycidol als genotoxisch und
kanzerogen eingestuft. Für 2-MCPD liegen bisher noch keine
ausreichenden Daten vor, die für die Risikobewertung geeignet
sind. [1]
MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester entstehen im
Raffinati-
onsprozess während der Desodorierung. Bei diesem
Raffinati-
onsschritt werden dem Öl durch Wasserdampfdestillation
ge-
ruchs- und geschmacksintensive Begleitstoffe entzogen. In das
getrocknete und auf 200-230 °C erhitzte Öl wird Wasserdampf
eingeblasen. Bei Anwesenheit von chlorhaltigen Verbindungen
können 2- und 3-MCPD-Fettsäureester entstehen. Glycidyl-
Fettsäureester bilden sich unter großer thermischer Belastung
durch intramolekulare Reaktionen, bei denen zwei Fettsäuren
abgespalten werden und sich ein Epoxidring bildet. Die physi-
kalische Desodorierung mit Wasserdampf ist das am häufigsten
eingesetzte Verfahren. Durch eine gute Prozessführung kann
die Bildung der Prozesskontaminanten aber minimiert werden.
Andere Desodorierungsarten (chemisch, zweistufig) werden aus
Kostengründen bisher kaum eingesetzt. Raffinierte Öle und
Fet-
te werden aufgrund ihrer guten Verarbeitungseigenschaften
(geschmacksneutral, lange Haltbarkeit) und dem günstigen Preis
nahezu in allen verarbeiteten Lebensmitteln verwendet. Hierbei
neigen besonders Fruchtöle, wie Palmöl, zur Bildung der MCPD-
und Glycidyl-Fettsäureester. Auch Verarbeitungsverfahren, wie
Rösten von Ölsaaten oder Braten mit Öl, begünstigen die
Bil-
dung dieser Prozesskontaminanten. [1, 2]
Die EFSA hat für 3-MCPD einen TDI (Tolerable Daily Intake) von
0,8 µg/kg Körpergewicht abgeleitet. Für Glycidol als mutmaß-
lich genotoxische Substanz ist die Ableitung eines TDI-Wertes
nicht möglich. Hier gilt das ALARA-Prinzip (As Low As Reasona-
bly Achievable). Dies bedeutet, dass die Gehalte so niedrig wie
möglich gehalten werden sollen. Mit Hilfe des MoE-Konzeptes
(Margin of Exposure) ist eine Priorisierung der genotoxischen
kanzerogenen Substanzen für das Risikomanagement möglich.
Der MoE ergibt sich als Verhältnis aus der Exposition und ei-
ner Dosis, bei der eine Wirkung gerade noch festgestellt werden
konnte. Für Substanzen mit MoE-Werten über 25.000 wird das
Risiko als eher niedrig eingeschätzt. Je kleiner der MoE-Wert ist,
umso größer erscheint das Risiko und umso dringlicher werden
Minimierungsmaßnahmen.
Die Aufnahmemengen an MCPD- und Glycidyl-Fettsäureestern
hängen stark vom Ernährungsverhalten ab. Für einen durch-
schnittlichen Erwachsenen mit normalem Ernährungsverhalten
ist nicht von einer Ausschöpfung des TDI für 3-MCPD-Fett-
säureester auszugehen. Auch die für diesen Fall ermittelten
MoE-Werte für Glycidol legen nur ein geringes Risiko nahe. Bei
nichtgestillten Babys, die mit industriell gefertigter Säuglings-
milchnahrung ernährt werden, verhält sich dies jedoch anders.
Säuglingsmilchnahrung muss den speziellen Bedürfnissen von
Babys gerecht werden. Aus ernährungsphysiologischen und
technologischen Gründen wird raffiniertes Palmfett in
Mischun-
gen mit anderen Fetten verwendet. Die EFSA kommt zu dem
Schluss, dass gesundheitlich bedenkliche Mengen an Glycidol
von Babys aufgenommen werden könnten. Für die Aufnahme
von Glycidol ergeben sich in Abhängigkeit vom betrachteten
Expositionsszenario für Säuglinge und Kleinkinder MoE-Wer-
te von deutlich unter 25.000. Eine Reduktion der Gehalte an
MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester wird aus Gründen des Ver-
braucherschutzes von staatlicher Seite als erforderlich angese-
hen. [1, 3, 4]
In Vorbereitung von Höchstmengenregelungen wurde für eine
präzisere Expositionsbewertung im Jahr 2014 eine Empfehlung
zum Monitoring der MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester durch
die Kommission herausgegeben. [5] In Kürze sollen Höchstge-
halte für Glycidyl-Fettsäureester in die VO (EG) Nr. 1881/2006
aufgenommen werden. In dem Verordnungs-Entwurf werden
Höchstgehalte (berechnet als freies Glycidol) von 1000 µg/kg Öl
und 75 µg/kg Säuglingsnahrung (Pulver) bzw. 10 µg/kg Säug-
lingsnahrung (flüssig) genannt. Für 3-MCPD-Fettsäureester sind
ebenfalls Höchstgehalte geplant. Diese hängen jedoch von der
Abbildung 1:
Übergang von MCPD-/Glycidyl-Fettsäureester vom Rohstoff Öl
in alle hiermit hergestelltenn Lebensmittel (Quelle:
www.pixa-
bay.de)

image
│33
abschließenden Sicherheitsbewertung der EFSA ab. Hier werden
3-MCPD-Fettsäureester-Höchstgehalte (berechnet als freies
3-MCPD) von 2000 µg/kg Öl und 125 µg/kg Säuglingsnahrung
(Pulver) bzw. 15 µg/kg Säuglingsnahrung (flüssig) angestrebt.
An der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen wurde bereits eine
Methode zur Bestimmung der MCPD- und Glycidyl-Fettsäure-
ester in Ölen und Fetten eingearbeitet. Die Analytik der
Pro-
ben gestaltet sich durch eine mehrstufige Aufarbeitung äußerst
komplex. In einem ersten Schritt müssen die Fettsäureester un-
ter sehr milden Bedingungen gespalten werden, um 2-/3-MCPD
und Glycidol freizusetzen. In den weiteren Schritten werden die
Matrixbestandteile entfernt. Nach einer Derivatisierung werden
die erhaltenen Probelösungen mittels GC-MS gemessen.
In allen bisher untersuchten raffinierten Fetten und Ölen
wur-
den MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester nachgewiesen. Für eini-
ge Proben lagen die Ergebnisse über den vom Gesetzgeber ange-
strebten Höchstgehalten. Die Bemühungen der Industrie durch
eigene Forschungsprogramme eine Minimierung dieser Prozess-
kontaminanten zu erreichen, sollten daher ebenso fortgeführt
werden wie die Überwachung der Höchstgehaltsregelungen
durch staatliche Stellen. Im nächsten Schritt soll die Methode
für die Säuglingsmilchnahrung erweitert werden. Die Untersu-
chung von Lebensmitteln für diese besonders schutzwürdige
Verbrauchergruppe ist eine zentrale Aufgabe der Lebensmittel-
überwachung.
Quellen:
[1] EFSA CONTAM Panel (EFSA Panel on Contaminants in the
Food Chain), 2016, Scientific opinion on the risks for human
health related to the presence of 3- and 2-monochlorop-
ropanediol (MCPD), and their fatty acid esters, and glycidyl
fatty acid esters in food. EFSA Journal 2016;14(5):4426,
159 pp. doi: 10.2903/j.efsa.2016.4426
[2] Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V.,
Toolbox zur Minimierung von 3-MCPD-Fettsäureestern
und Glycidyl-Fettsäureestern in Lebensmitteln, Februar
2016
[3] Bundesinstitut für Risikobewertung – Informationen zu
Monochlorpropandiol (3MCPD), abrufbar unter:
www.bfr.bund.de/de/a-z_index/monochlorpropandiol__3_
mcpd_-5031.html#fragment-2
[4] Bundesinstitut für Risikobewertung – Informationen zu
Glycidol-Fettsäureester, abrufbar unter:
http://www.bfr.
bund.de/de/a-z_index/glycidol_fettsaeureester-28929.
html#fragment-2
[5] Empfehlung der Kommission vom 10. September 2014 zum
Monitoring des Vorkommens von 2- und 3-Monochlorpro-
pan-1,2-diol (2- und 3-MCPD), von 2- und 3-MCPD-Fett-
säureestern und Glycidyl-Fettsäureestern in Lebensmitteln
(ABl. L 271, S. 93)
Bearbeiter: DLC Claudia Sauer
LUA Dresden
Abbildung 2: Während der Verdauung werden die Fettsäuren der Prozesskon-
taminaten abgespalten. die entstehenden Produkte sind gesund-
heitsschädlich (FS = Fettsäure)

image
34 │
Frittierfette – Vorsicht, heiß und fettig!
Es kommt in Imbissen, Gaststätten, Großbäckereien und Kan-
tinen, aber auch im privaten Haushalt zum Einsatz – das Frit-
tierfett. Frittierte Speisen wie Pommes frites, Schnitzel, Fisch
oder Krapfen erfreuen sich großer Beliebtheit, denn sie sind
knusprig und zugleich saftig und ihre Zubereitung ist einfach
und schnell. [1]
Der Frittierprozess
Frittieren ist ein Garprozess, bei dem wasserhaltige Lebensmittel
bei Temperaturen von 140 –180 °C vollständig in Speiseöl oder
-fett eintauchen. Dabei bildet sich zunächst innerhalb weniger
Sekunden eine dünne Kruste. Das im Lebensmittel gebundene
Wasser wird infolge der Verdunstung in der Randzone nach und
nach aus dem Inneren an die Randschicht transportiert und
schließlich an das umgebende Öl abgegeben. Ist dieser Vorgang
abgeschlossen, steigt die Temperatur im Inneren des frittierten
Gutes auf über 100 °C an. Es beginnt die Ausbildung des ty-
pischen Frittieraromas und –geschmacks sowie der goldgelben
Farbe (Abbildung 1). [2]
Neben diesen erwünschten Veränderungen kommt es aber auch
immer zu unerwünschten Veränderungen, die schließlich zum
Verderb des Frittieröls/-fetts führen. Durch Oxidations- und Po-
lymerisationsreaktionen entstehen polare Verbindungen, Poly-
mere, cyclische und aromatische Verbindungen. Die Qualität des
Frittiermediums und infolge dessen auch des Frittiergutes wird
dabei negativ beeinflusst. [2]
Bei der Auswahl des geeigneten Frittierfetts sollte aber nicht
nur auf die Hitze- und Oxidationsstabilität geachtet werden.
Allgemein gilt, je mehr gesättigte Fettsäuren das Frittierfett
bzw. –öl enthält, desto hitzestabiler ist es. Aus ernährungsphy-
siologischer Sicht sind Fette und Öle mit hohem Anteil an
ein-
fach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren günstiger, jedoch
auch anfälliger für Oxidation. Trotzdem ist dieser Punkt nicht
außer Acht zu lassen, da mit dem frittierten Lebensmittel auch
immer eine gewisse Menge des Frittierfetts verzehrt wird. So
nehmen Pommes Frites während des Frittierens 6 – 12 % Fett
auf, bei Kartoffelchips sind es sogar 30 – 40 %. [2]
Außer den technologischen und ernährungsphysiologischen
Gesichtspunkten spielen auch kulinarische Aspekte eine Rolle.
Das Frittierfett sollte möglichst geschmacks- und geruchsneu-
tral sein und durch die Zubereitung den Eigengeschmack der
Speisen unterstreichen. Die Verwendung von nativen Ölen ist
möglich, jedoch muss dabei bedacht werden, dass beim Frit-
tieren der typische, arteigene Geschmack des verwendeten Öls
auf das Frittiergut übergeht und diese Öle weniger hitzestabil
sind. [1, 2]
Welches Fett oder Öl zum Frittieren geeignet ist, hängt
außer-
dem von der Dauer des Frittierprozesses und von der Art und
Menge des Frittiergutes ab. Die Frittiertemperatur sollte dabei
175 °C nicht überschreiten. [1, 2, 3]
Höhere Temperaturen beschleunigen den Garprozess nicht,
führen jedoch zu einer schnelleren Zersetzung des Frittierfetts.
Zudem wird die Bildung von Acrylamid in den frittierten Lebens-
mitteln beschleunigt. [2] Acrylamid steht im Verdacht krebser-
regend zu sein und entsteht vor allem beim Frittieren von Kar-
toffelerzeugnissen. [3]
Beurteilung von Frittierfetten und -ölen
Bei der Beurteilung von Frittierfetten und -ölen steht die Sen-
sorik stets im Vordergrund. Diese wird im erwärmten Zustand
(ca. 35 °C) durchgeführt, da Geschmacksabweichungen in die-
sem Temperaturbereich am ehesten feststellbar sind. [4] An-
hand von Aussehen, Geruch und Geschmack wird beurteilt, ob
ein Frittierfett zum Verzehr durch den Menschen ungeeignet im
Sinne von Art. 14 Abs. 2 b) in Verbindung mit Abs. 5 der VO (EG)
Nr. 178/2002 (Lebensmittel-Basisverordnung) ist. Zusätzlich
dienen einige Parameter zur Objektivierung des sensorischen
Befunds (Tabelle 1). [5]
Tabelle 1: Parameter zur Objektivierung des sensorischen
Befunds bei Frittierfetten und –ölen [5]
Parameter
Werte für nicht zum Verzehr
geeignete Fette
Petrolether-unlösliche oxidierte
Fettsäuren
> 0,7 %
Polare Anteile
≥≥
24 %
Rauchpunkt
≤≤
170 °C
Rauchpunktdifferenz zum nicht
erhitzten Frittierfett
≥≥
50 °C
Säurezahl
≥≥
2,0
Di- und oligomere Triglyceride
≥≥
12 %
Weist das Frittierfett eindeutige Geruchs- und Geschmacks-
mängel auf – z. B. stark brandig, stark kratzend, ranzig, bitter,
tranig – und wird dies gegebenenfalls durch weitere analytische
Kriterien objektiviert, gilt es als verdorben. Verdorbene Frittier-
fette gelten nach der Lebensmittel-Basisverordnung als nicht
sichere Lebensmittel und dürfen gewerbsmäßig nicht in den
Verkehr gebracht werden. Gleiches gilt für die in diesem Fett
frittierten Lebensmittel. [2, 3, 4]
Untersuchungen an der LUA
Frittierfette, die an der LUA zur Untersuchung eingehen, werden
zunächst auf ihre sensorische Beschaffenheit geprüft. Um wei-
tere Anhaltspunkte zur Verzehrfähigkeit zu erhalten, wird das
Abbildung 1: Pommes frites aus der Fritteuse (Quelle:
www.amazingayu.com)
Frittierfett anschließend auf die polaren Anteile, den Rauch-

image
│35
punkt, die Rauchpunktdifferenz zum ungebrauchten Fett und
die Säurezahl untersucht. Zudem werden verschiedene Schnell-
tests – z. B. Fri-Test, Oxitest, Schnelltest auf polare Anteile –
durchgeführt, um die Belastung des Frittierfetts abzuschätzen.
Im Ergebnis zeigt beispielsweise der Fri-Test, ob das in Frage
stehende Fett „gut“, „noch gut“ oder „auszutauschen“ ist. Zum
Teil werden solche Schnelltests bereits von den Frittierfettnut-
zern selbst verwendet.
In den letzten Jahren gingen im Schnitt um die 60 Proben Frit-
tierfette und –öle zur Untersuchung ein. Dabei wird stets das
gebrauchte Frittierfett mit dem ungebrauchten Originalfett ver-
glichen (Abbildung 2).
Im vergangenen Jahr wurden von 66 eingegangenen Proben
9 Frittierfette aufgrund abweichender Sensorik als „nicht zum
Verzehr geeignet“ beurteilt. Das entspricht einer Beanstan-
dungsquote von 14 %. Weitere 8 Proben waren hinsichtlich ihrer
chemisch-physikalischen Parameter auffällig, jedoch sensorisch
noch in Ordnung. Die Zahlen des letzten Jahres bestätigen damit
die Daten der Jahre zuvor (Tabelle 2). Die Beanstandungsquote
bei Frittierfetten schwankt in der Regel zwischen 10 und 15 %.
Hinzu kommt jährlich eine gewisse Anzahl an Befundmitteilun-
gen aufgrund der nicht zufriedenstellenden Analysenergebnisse
bei noch akzeptabler Sensorik, sodass im Durchschnitt 25 % al-
ler im Jahr eingehenden Proben auffällige Befunde liefern.
Fazit
Frittierfette und –öle zeigen nach wie vor eine hohe Bean-
standungsquote um die 25 %. Jedes vierte Frittierfett weist
entweder eine schlechte chemisch-physikalische, aber noch
akzeptable sensorische Qualität auf oder ergibt eine deutlich
abweichende Sensorik und ist damit nicht zum Verzehr geeig-
net. Dies zeigt, dass die Verwender von Frittierfetten noch nicht
hinreichend über die Problemfelder des Frittierens und die rich-
tige Prozessführung aufgeklärt sind. Daher müssen Imbissbu-
den, Gaststätten, Bäckereien und Großkantinen auch weiterhin
beprobt werden.
Anmerkung:
Bei einem Frittierfett handelt es sich um eine Stufenprobe, bei
der das gebrauchte und das ungebrauchte Fett unter einer Pro-
bennummer als zwei verschiedene Teilproben eingehen. Zu den
Proben wird ein von der LUA entworfener Fragebogen mit Anga-
ben zum Frittierfett eingereicht. Dieser wurde überarbeitet und
ist als Anlage zu diesem Artikel angefügt. Wie dort aufgeführt,
sind für die Untersuchung besonders länger gebrauchte Frittier-
fette und –öle von Bedeutung. Nur so kann festgestellt werden,
ob ein Fett auch am Ende seiner vorgesehenen Nutzungsdauer
noch von akzeptabler Qualität ist. Erst kürzlich gewechselte und
kaum gebrauchte Fette sind per se in Ordnung und daher für die
Untersuchung der Belastungsparameter nicht relevant. Im Sin-
ne einer risikoorientierten Probennahme sollte daher zukünftig
verstärkt darauf geachtet werden, nur länger gebrauchte und
untersuchungsrelevante Frittierfette einzuschicken.
Literatur
[1]
http://www.friteuse.org/friteusenfett/
(letzter Zugriff:
02.08.2017)
[2] Broschüre „Optimal Frittieren“, Empfehlungen der Deut-
schen Gesellschaft für Fettwissenschaft, Oktober 2007
[3] Merkblatt „Frittierfette“, Chemische und Veterinäruntersu-
chungsämter Baden-Württemberg, Stand: Januar 2004
[4] L. Bertling: „Erlaubt-Verboten in Gastronomie und Ge-
meinschaftsverpflegung“, 13. Auflage, Behr’s Verlag, 2013,
S. 213-216
[5] Stellungnahme des Arbeitskreises Lebensmittelchemischer
Sachverständiger der Länder und des Bundesamtes für Ver-
braucherschutz und Lebensmittelsicherheit (ALS) zur Be-
urteilung von Frittierfett; Stellungnahme 2006/14, Journal
für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 1 (2006)
S. 371
Bearbeiter: DLC Franziska Steger
LUA Chemnitz
Tabelle 2: LUA-Proben 2008 - 2016
2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
Proben insgesamt
66
60
63
62
65
74
61
59
53
davon Beanstandungen
9
6
8
8
10
6
2
15
8
davon Befundmitteilungen
8
6
12
8
10
14
13
9
7
Beanstandungsquote
14 %
10 %
13 %
13 %
15 %
8 %
3 %
25 %
15 %
auffällige Proben
26 %
20 %
32 %
26 %
31 %
27 %
25 %
41 %
28 %
Abbildung 2: Gebrauchtes (links) und ungebrauchtes (rechts) Frittierfett
(Quelle: LUA Chemnitz)

image
36 │
„Brot“ - Deutsches Kulturgut
„Der Geruch des Brotes ist der Duft aller Düfte. Es ist der Urduft
unseres irdischen Lebens, der Duft der Harmonie, des Friedens
und der Heimat.“ (Nobelpreisträger Jaroslav Seifert, 1901-
1986). [1]
In kaum einem anderen Land Europas wird Brot in dem Maße
verzehrt, wie in Deutschland. 2016 wurden in Deutschland 1,8
Milliarden kg Brot verkauft, wobei Marktführer auf dem Brot-
markt noch immer die handwerklichen Bäckereien inklusive ih-
rer Filialen mit 47 % aller Brotumsätze sind, gefolgt von den
Discountern (23,9 %) und den Supermärkten (22,4 %). [1]
Brot stellt nicht nur ein Grundnahrungsmittel dar, sondern ist
Teil der deutschen Kultur. Überdies ist deutsches Brot nicht nur
weltweit beliebt, sondern auch in seiner Vielfalt einzigartig.
Noch vor einigen Jahren ging man in Deutschland von etwa 300
Brotsorten sowie über 1.200 verschiedenen Arten Kleingebäck
aus [1, 2]. Diese Zahl scheint jedoch überholt.
Um die Vielfalt an Sorten zu erfassen und dem Ziel, die deutsche
Brotkultur als immaterielles Weltkulturerbe von der UNESCO
schützen zu lassen, existiert seit März 2011 das Deutsche Brot-
register des Deutschen Brotinstituts, in dem jedes Mitglied einer
Bäckerinnung die für seinen Backbetrieb und seine Region typi-
schen Brote unter
www.brotregister.de
eingeben kann. Aktuell
verzeichnet das Brotregister ca. 3.200 unterschiedliche Brotspe-
zialitäten. Die Deutsche Brotkultur wurde zudem im Jahr 2014
in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes
aufgenommen. [1]
Die Grundlage für jedes Brot bilden Getreide bzw. Getreideer-
zeugnisse, Wasser, Salz und das Lockerungsmittel. Die Variation
der verwendeten Getreidesorten und -erzeugnisse, der Teigfüh-
rung, der Verarbeitung und die Verwendung spezieller Zutaten
haben dabei einen prägenden Einfluss auf die verschiedenen
Sorten.
Dabei zählen zu
Getreide
die Brotgetreidearten Weizen, Roggen
und Dinkel, sowie die anderen Getreidearten Gerste, Hafer, Hir-
se, Mais, Reis, Triticale (Artenkreuzung aus Weizen und Roggen)
und Buchweizen.
Getreideerzeugnisse
sind sämtliche Erzeug-
nisse aus gereinigtem Getreide, welches weiter bearbeitet wur-
de (z. B. durch Zerkleinern, Quetschen, Fraktionieren, Erhitzen),
z. B. Mehl, Backschrot, Vollkornmehl, Vollkornschrot, Grieß und
Dunst, Keime, Flocken und Speisekleie.
Um die Herstellung von Brot und Kleingebäck zu erleichtern
bzw. zu vereinfachen, wechselnde Verarbeitungseigenschaften
der Rohstoffe auszugleichen und Backergebnisse in gleicher
Qualität zu erzielen, stehen dem Bäcker spezielle Backmittel
Abbildung 1:
Einflussfaktoren der Brotherstellung (Quelle [2])

image
│37
zur Verfügung. Hierbei handelt es sich um unterschiedliche Mi-
schungen aus Lebensmitteln einschließlich Zusatzstoffen, die
meist in einer Menge von weniger als 10 Prozent auf das Mehl
berechnet bei der Teigherstellung zugegeben werden [3].
Die Einflussfaktoren der Brotherstellung sind der Abbildung 1 im
Überblick zu entnehmen.
Maßgeblich für die Beurteilung dieser Erzeugnisse sind neben
den allgemeinen rechtlichen Vorschriften die Leitsätze des
Deutschen Lebensmittelbuches für Brot und Kleingebäck [3].
Dabei entspricht Kleingebäck in der Regel den Anforderungen
an das gleichnamige Brot, sofern keine besonderen Beurtei-
lungsmerkmale vorliegen; unterscheidet sich jedoch durch das
Gewicht des Einzelstücks davon, welches unter 250 g liegt.
Im Wesentlichen wird zwischen den Sorten Weizenbrot, Rog-
genbrot, Weizenmischbrot und Roggenmischbrot unterschie-
den, die in ihrem Anteil der verwendeten Getreideerzeugnisse
variieren. Dabei sind die in den Leitsätzen angegebenen Mengen
Gewichtsangaben in Prozent, die sich auf die Gesamtmenge des
verwendeten Getreides und/oder Getreideerzeugnisse beziehen.
Weizenbrot
oder
Weißbrot
wird aus mindestens 90 % Weizen-
mehl hergestellt. Weizenbrote sind meist mit Hefe gelockert und
deshalb säurearm, mild im Geschmack und gut bekömmlich.
Helles Weizenbrot trocknet leicht aus und sollte deshalb rela-
tiv frisch verzehrt werden. Typische Weizenbrote sind Weißbrot,
Toastbrot, Baguette und Ciabatta. [3, 4, 5]
Roggenbrot
wird aus mindestens 90 % Roggenmehl hergestellt
und braucht bei seinem Anteil von mindestens 90 Prozent Rog-
gen unbedingt Sauerteig zur Herstellung, weil es sonst nicht
backfähig ist. Es schmeckt kräftig und säuerlich, ist kompakter
in der Konsistenz und hält sehr lange frisch. [3, 4]
Mischbrote aus Weizen oder Roggen
haben einen Weizen- bzw.
Roggenanteil zwischen mindestens 50 und maximal 90 Prozent.
Sie werden je nach Menge des Roggenmehls mit Sauerteig oder
einer Mischung aus Sauerteig und Hefe zur Lockerung gebracht.
Weizenmischbrote schmecken milder als Roggenmischbrote und
werden schneller altbacken. [3, 4]
Weiterhin enthält
Vollkornbrot
mindestens 90 Prozent Wei-
zen- oder Roggenvollkornerzeugnisse in beliebigem Verhältnis
zueinander, wobei ein Weizenvollkornbrot aus mindestens 50
Prozent Weizenvollkornerzeugnissen und entsprechend ein Rog-
genvollkornbrot aus mindestens 50 Prozent Roggenvollkorner-
zeugnissen hergestellt wird. Die zugesetzte Säuremenge stammt
zu mindestens zwei Dritteln aus Sauerteig.
Vollkornbrote mit anderen Getreidearten
wie Hafervollkornbrot
werden aus mindestens 20 Prozent Hafervollkornerzeugnissen,
insgesamt aus mindestens 90 Prozent Vollkornerzeugnissen,
hergestellt. Entsprechendes gilt für Vollkornbrote mit Bezeich-
nungen von anderen Getreidearten (z. B. Gerstenvollkornbrot).
Getreide-Vollkornerzeugnisse wie Vollkornmehl und Vollkorn-
schrot enthalten die gesamten Bestandteile der gereinigten
Körner einschließlich des Keimlings. Die Körner können jedoch
von der äußeren Fruchtschale befreit sein.
Die nachfolgende Übersicht (Abbildung 2) gibt die Standard-
brotsorten wieder.
Neben den Grundsorten existiert aufgrund der Vielfalt an Ge-
treidearten, speziellen Backverfahren und Zutaten eine Reihe
von Spezialbroten, die in der Abbildung 3 dargestellt sind.
Hierzu zählen z. B. Brote, die spezielle Backverfahren durchlau-
fen wie beispielsweise Pumpernickel, Knäckebrot und Holzofen-
brot oder Brote mit besonderen Getreidearten wie Mehrkornbrot,
Buchweizenbrot oder Dinkelbrot. An diese und andere spezielle
Erzeugnisse werden in den Leitsätzen für Brot und Kleingebäck
besondere Anforderungen gestellt.
Hervorzuheben ist das sogenannte Schinkenbrot, bei dem es
sich um Roggenvollkornbrot oder Roggenschrotbrot, in halbrun-
der Form freigeschoben, angeschoben oder im Kasten gebacken,
Abbildung 2:
Übersicht der Standardbrotsorten (Quelle [2])

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handelt. Es weist einen herzhaft-aromatischen Geschmack auf.
Entgegen der Bezeichnung und sicherlich auch mancher Ver-
brauchererwartung ist ein Zusatz von Schinken jedoch nicht
üblich. Schinken wird nur in wenigen Gegenden und nur bei
Mehlbroten zugesetzt.
Zudem enthalten die Leitsätze auch Anforderungen an Mindest-
anteile wertbestimmender Zutaten, wenn diese in der Bezeich-
nung oder Aufmachung von Brot und Kleingebäck zum Ausdruck
kommen. Beispiele hierfür sind Milch bei Milchbrötchen, wel-
ches mindestens 50 l standardisierte Vollmilch oder entspre-
chende Mengen Kondensmilch – und/oder entsprechende Men-
gen Trockenmilcherzeugnisse – auch ergänzt durch Butterfett
auf 100 kg Getreideerzeugnisse enthalten muss, oder Butter bei
Buttertoast. Dieses enthält mindestens 5 kg Butter oder ent-
sprechende Mengen Milchfetterzeugnisse auf 100 kg Getreide-
erzeugnisse, wobei andere Fette – außer als Trennfette – nicht
verwendet werden.
Im Trend liegen derzeitig vor allem Brotsorten mit verändertem
Nährwert wie eiweißangereicherte, ballaststoffangereicherte
oder brennwertverminderte bzw. kohlenhydratverminderte Bro-
te sowie Backwaren, denen Mineralstoffe oder Vitamine zuge-
setzt sind. Darüber hinaus werden zunehmend auch glutenfreie
Brote auf dem Markt angeboten.
Insbesondere spielt bei der Herstellung der genannten Erzeug-
nisse die Verwendung von Ölsaaten und sogenanntem
Pseudo-
getreide wie beispielsweise Buchweizen, Amaranth, Quinoa und
Chiasamen eine wesentliche Rolle. Neben den in diesen Pflanzen
vorkommenden hohen Anteil spezieller Nährstoffe wie Eiweiß-
und Ballaststoffe werden beispielsweise Buchweizen, Amaranth
und Quinoa aufgrund ihrer Glutenfreiheit als Getreideersatz für
die Ernährung von Personen mit einer Gluten-Unverträglichkeit
(Zöliakie) eingesetzt.
Mit der Erweiterung der Verwendungszwecke durch den Durch-
führungsbeschluss 2013/50/EU [5] sind Chiasamen (Salvia his-
panica) zu einem interessanten neuartigen Lebensmittel bezie-
hungsweise zu einer neuartigen Lebensmittelzutat geworden
und liegen als Zutat unter anderem in Brot aktuell sehr im Trend.
Dabei sind in Backwaren nicht mehr als 10 % der Samen zuge-
lassen. Derartige Erzeugnisse werden oftmals aufgrund des Bal-
laststoffgehaltes und einer vorteilhaften Fettzusammensetzung
mit nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben beworben.
Die Untersuchung von Brot und Kleingebäck an der LUA Sach-
sen beinhaltet neben der sensorischen Prüfung die Überprüfung
der Verkehrsfähigkeit nach den Leitsätzen für Brot und Kleinge-
bäck sowie der Aufmachung und Kennzeichnung, wobei unter
anderem Nährwertangaben und nährwert- bzw. gesundheitsbe-
zogene Angaben bei speziellen Brotsorten im Blickfeld stehen.
Darüber hinaus werden wertgebende Bestandteile wie Butter
oder Milch bestimmt und entsprechend ausgelobte Erzeugnis-
se anhand der Kriterien der Leitsätze für Brot und Kleingebäck
beurteilt. Eine zentrale Rolle bei der Beurteilung spielt außer-
dem die Prüfung der Allergenkennzeichnung einschließlich der
Untersuchung