IAB-Betriebspanel, Länderbericht Sachsen
– Ergebnisse der fünfzehnten Welle 2010 –
Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und
Verkehr (01097 Dresden, Wilhelm-Buck-Strasse 2, 0351/564 0, 0351/564 8068)
gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und aus Mitteln des Freistaates
Sachsen
Finanzierung der Basisstichprobe des IAB-Betriebspanels durch das Institut für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)
Datenerhebung:
TNS Infratest Sozialforschung GmbH München
Auswertung:
SÖSTRA Sozialökonomische Strukturanalysen GmbH Berlin
Berlin, 2011

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Inhaltsverzeichnis
EINFÜHRUNG .......................................................................................................................3
IN ALLER KÜRZE ..................................................................................................................5
1.
DATENBASIS..................................................................................................................9
2.
AUSWIRKUNGEN DER WIRTSCHAFTSKRISE AUF DIE BETRIEBE.........................11
3.
ENTWICKLUNG UND STRUKTUR DER BETRIEBE UND BESCHÄFTIGUNG...........16
3.1 Entwicklung der Zahl der Betriebe 1993 bis 2010 ..................................................16
3.2 Beschäftigungsentwicklung im Zeitraum 1995 bis 2011.........................................17
3.2.1
Branchen ..........................................................................................................19
3.2.2
Betriebsgrößenklassen.....................................................................................21
3.2.3
Eigentumsverhältnisse......................................................................................22
3.2.4
Tätigkeitsgruppen (Qualifikation)......................................................................23
3.2.5
Betriebliche Arbeitszeiten.................................................................................26
4.
ATYPISCHE BESCHÄFTIGUNG UND KURZARBEIT..................................................31
4.1 Atypische Beschäftigungsverhältnisse....................................................................31
4.2 Kurzarbeit................................................................................................................46
5.
FACHKRÄFTEBEDARF ................................................................................................51
5.1 Betriebliche Indikatoren des Fachkräftebedarfs......................................................52
5.2 Besetzung von Fachkräftestellen............................................................................55
6.
BETRIEBLICHE AUSBILDUNG.....................................................................................60
6.1 Ausbildungsverhalten der Betriebe.........................................................................62
6.2 Ausbildungsverhältnisse.........................................................................................68
6.3 Übergang von Ausbildung in Beschäftigung („zweite Schwelle“)............................70
7.
WEITERBILDUNG.........................................................................................................75
7.1 Betriebliche Weiterbildungsaktivitäten ....................................................................77
7.2 Weiterbildungsquote der Beschäftigten ..................................................................80
8.
WIRTSCHAFTLICHE KENNZIFFERN IM KRISENJAHR..............................................82
8.1 Umsatz...................................................................................................................82
8.2 Export.....................................................................................................................85
8.3 Investitionen............................................................................................................90
8.4 Innovationen...........................................................................................................92
8.5 Ertragslage und Gewinnsituation............................................................................99
8.6 Löhne und Gehälter .............................................................................................. 101
8.7 Tarife.................................................................................................................... 107
9.
DER ANGLEICHUNGSPROZESS SACHSENS ..........................................................108
9. 1 Zur Analyse des Angleichungsprozesses............................................................. 109
9. 2 Zur zukünftigen Entwicklung des Angleichungsprozesses ................................... 113
RESÜMEE..........................................................................................................................116

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Einführung
Das IAB-Betriebspanel wurde in Sachsen als mündliche Arbeitgeberbefragung auf Leitungs-
ebene von Juli bis Oktober 2010 zum fünfzehnten Mal durchgeführt. Das Antwortverhalten
der Betriebe wurde somit unmittelbar durch die Auswirkungen der internationalen Finanz-
und Wirtschaftskrise beeinflusst.
Ebenfalls zum fünfzehnten Mal wurden mit Hilfe einer Aufstockungsstichprobe eigene Panels
für die einzelnen ostdeutschen Länder und Berlin erarbeitet. In gleicher Weise beteiligen sich
seit dem Jahr 2000 auch die westdeutschen Länder. Das Institut für Wirtschaftsforschung
Halle (IWH) finanziert eine Erweiterungsstichprobe für das verarbeitende Gewerbe, was sich
anteilig auch in einer höheren Betriebszahl für Sachsen niederschlägt. Insgesamt wirken am
IAB-Betriebspanel bundesweit ca. 15.600 Betriebe aller Branchen und Größen mit, in Ost-
deutschland ca. 6.000 und in Sachsen 1.126 Betriebe.
Das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr hat durch seine finan-
zielle Beteiligung ein spezifisches Betriebspanel für das Land ermöglicht. Ziel dieses Panels
ist es, aktuelle repräsentative Daten über die Beschäftigungsentwicklung sowie Informatio-
nen über ausgewählte wirtschaftliche Kennziffern der Betriebe in Sachsen zu erhalten.
Als zentraler inhaltlicher Themenkomplex des Fragebogens 2010
(Schwerpunktthema)
ste-
hen die
Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf Beschäftigung und Wirt-
schaft
im Mittelpunkt des Gesamtberichtes.
Lt. Panelanalyse der vorangegangenen 14. Welle hatte die weltweite Finanz- und Wirt-
schaftskrise bis Mitte 2009 wirtschaftlich
nicht die befürchteten Auswirkungen in der Realwirt-
schaft hinterlassen. Insgesamt war die Wirtschaft in den neuen Bundesländern bis zu diesem
Zeitpunkt vom Wirtschaftsabschwung weniger betroffen als die der alten Bundesländer. Bei
dieser Einschätzung muss jedoch beachtet werden, dass die in den Monaten Juli bis Sep-
tember 2009 erhobenen Daten der Betriebe sich in der Regel auf das Geschäftsjahr 2008
bezogen. Da die Finanzkrise aber erst Mitte 2008 (15.9.2008 Zusammenbruch der Lehman
Bank) begann, schlugen sich die Auswirkungen in der Realwirtschaft nur z. T. im Jahr 2008
nieder. Die personalpolitischen
Angaben waren aktueller und ließen zumindest z. T. Ein-
schätzungen bis zum Stichtag 30.6.2009 zu. Aber auch auf dem Arbeitsmarkt, als einem
„typischen Nachläufer“ im Konjunkturzyklus, waren die Auswirkungen der Finanz- und Wirt-
schaftskrise nicht zuletzt im Zusammenhang mit der verbesserten und verlängerten Kurzar-
beiterregelung noch überschaubar. Die tatsächlichen Auswirkungen der Finanz- und Wirt-
schaftskrise konnten somit erst mit der hier vorgestellten 15. Welle des Betriebspanels ein-
geschätzt werden.
Auf deren Daten aufbauend wurde in zwei Schritten vorgegangen:
Zum einen
wurden die Betriebe gefragt, ob, in welcher Richtung, in welchem Ausmaß und in
welchem Zeitraum die Krise den Betrieb betroffen hat. Daraus abgeleitet wurden die perso-
nalpolitischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise analysiert.
Zum anderen
wurden die wichtigsten personalpolitischen und wirtschaftlichen Kennziffern,
die im Betriebspanel erhoben werden, für die Krisenbetriebe gesondert ausgewertet.
Zusätzlich wurden in der 15. Welle Fragen zur Leiharbeit und zur Übernahme von Ausbil-
dungsabsolventen („zweite Schwelle“) gestellt:
Leiharbeit:
Die Zahl der Leiharbeiter ist mit der Finanz- und Wirtschaftskrise bis Mitte 2009
deutlich zurückgegangen. Dieser Rückgang der Leiharbeit vollzog sich zwar vor dem Hinter-
grund einer insgesamt noch immer zunehmenden Beschäftigung in der Wirtschaft Sachsens.
Er bestätigt aber, dass bei einem konjunkturellen Abschwung Leiharbeiter als Erste entlas-
sen werden. Interessant ist, wie sich die Leiharbeit bis Mitte 2010 entwickelt hat und darüber
hinaus, welche Gründe es für den Einsatz von Leiharbeit gibt.
Zweite Schwelle:
Aufgrund des hohen Engagements der Betriebe, der Sozialpartner und
der Politik ist es bislang relativ gut gelungen, allen interessierten und befähigten Jugendli-
chen einen Ausbildungsplatz anbieten zu können. Schwieriger stellt sich demgegenüber die

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Situation beim Übergang an der zweiten Schwelle, dem Schritt von der Berufsausbildung in
das Arbeitsleben, dar. Die aktuelle Quote der direkt von ihrem Ausbildungsbetrieb Über-
nommenen in Sachsen liegt deutlich unter dem westdeutschen Wert. Die Wahrscheinlichkeit,
nach der Ausbildung im Ausbildungsbetrieb eine Beschäftigung aufzunehmen, ist damit in
Sachsen auch weiterhin geringer als im Westen Deutschlands. In den unterschiedlich hohen
Übernahmequoten kommen die großen regionalen Unterschiede im Hinblick auf die Auf-
nahmefähigkeit der regionalen Arbeitsmärkte für junge Fachkräfte zum Ausdruck. Neben den
standardmäßigen Erhebungen zur zweiten Schwelle im IAB-Betriebspanel wird in der 15.
Welle zusätzlich nach den Gründen einer Nichtübernahme gefragt sowie die Art der betrieb-
lichen oder tarifvertraglichen Regelungen zur Übernahme von Ausbildungsabsolventen fest-
gestellt.
In das diesjährige IAB-Betriebspanel wurden im Rahmen des
Basisprogramms
folgende,
sich jährlich
wiederholenden Fragenkomplexe aufgenommen:
Beschäftigungsentwicklung;
Geschäftspolitik und Geschäftsentwicklung;
Ertrag und Gewinn;
betriebliche Arbeitszeiten;
betriebliche Investitionen und Innovationen;
betriebliche Weiterbildung;
Personalstruktur, Personalbewegung und Personalsuche;
Berufsausbildung und Ausbildungsstellen;
Tarif und Lohn.
Ein entscheidender Vorteil dieser seit 1996 auch in Sachsen jährlich laufenden Arbeitgeber-
befragung besteht darin, dass sowohl für Ostdeutschland und Westdeutschland insgesamt
als auch für die einzelnen Länder das gleiche Fragenprogramm und das gleiche Erfas-
sungs-, Hochrechnungs- und Auswertungsverfahren verwendet werden. Infolgedessen sind
vergleichende Analysen zwischen den einzelnen Ländern und zu den Ergebnissen für Ost-
und Westdeutschland insgesamt ohne methodische und definitorische Schwierigkeiten im
langjährigen Zeitverlauf möglich.

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In aller Kürze
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) führt in
Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr
seit 1996 jährlich eine Arbeitgeberbefragung in sächsischen Betrieben durch (Betriebspanel
Sachsen). Im Jahre 2010 fand diese Befragung zum fünfzehnten Mal statt. Für Auswertun-
gen in Sachsen liegen für das Jahr 2010 Interviews von 1.126 Betrieben vor. Mit der Stich-
probe wurden 1,0 Prozent der Betriebe mit 6,7 Prozent der Beschäftigten erfasst. Die befrag-
ten Betriebe repräsentieren die Grundgesamtheit von 114.668 Betrieben mit mindestens
einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Sachsen zum 30.06.2009.
Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Betriebe
Jeder dritte sächsische Betrieb war zwischen Mitte 2008 und Mitte 2010
von der Krise nega-
tiv betroffen. In diesen Betrieben waren 37 Prozent aller Beschäftigten Sachsens tätig. Die
wichtigsten personalpolitischen Maßnahmen, die in den letzten 2 Jahren in den von der Wirt-
schaftskrise negativ betroffenen Betrieben ergriffen wurden, waren der Einsatz von
Kurzarbeit (25 Prozent aller Krisenbetriebe), der Abbau von Überstunden und der Aufbau
von Minusstunden auf Arbeitszeitkonten sowie betriebsbedingte Kündigungen (jeweils
18 Prozent).
Auch Mitte 2010
waren die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise für die Betriebe
noch nicht vorüber. Immerhin steckten 33 Prozent der sächsischen Betriebe, die in den ver-
gangenen zwei Jahren von der Krise negativ betroffen waren, laut IAB-Betriebspanel nach
eigenen Angaben Mitte 2010 noch immer in der Krise (das sind 11 Prozent aller Betriebe).
Für 56 Prozent der Betriebe ist die Krise noch spürbar, aber es geht aufwärts. In 11 Prozent
der Betriebe ist die Krise überwunden.
Die aktuellen Krisenbetriebe weisen bei den wichtigsten wirtschaftlichen Kennziffern deutlich
schlechtere Werte auf als die Betriebe, die die Krise überwunden haben. Das betrifft vor al-
lem die Kennziffer Umsatz, die Exportquoten, die Investitionsbereitschaft sowie die Ertrags-
lage und die Gewinnsituation in den entsprechenden Betrieben.
Betriebs- und Beschäftigungsentwicklung
Die
Zahl der Betriebe
(mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten),
die in Sachsen 2006 auf einen Tiefpunkt von knapp 114 Tsd. Betrieben gesunken war,
nimmt seitdem wieder leicht zu, und hat auch in den Jahren der Finanz- und Wirtschaftskrise
keinen spürbaren Rückgang erfahren. 2010 war ein leichter Anstieg zu beobachten.
Nachdem die
Beschäftigtenzahl
Sachsens zwischen Mitte 1995 und Mitte 2005
um
287 Tsd. Personen bzw. fast 16 Prozent gesunken ist, weisen die Panelangaben zwischen
Mitte 2005 und Mitte 2008 einen Beschäftigtenzuwachs von ca. 74 Tsd. Personen aus. Die-
ser Beschäftigungszuwachs ergab sich fast ausschließlich aus der Zunahme sozialversiche-
rungspflichtiger Beschäftigung und hierbei zum überwiegenden Teil aus den verschiedenen
Formen der Teilzeit. In den Krisenjahren verlief die Beschäftigungsentwicklung unterschied-
lich. Mitte 2008 bis Mitte 2009
wurde die positive Entwicklung der Vergangenheit unterbro-
chen (-17 Tsd.). Mitte 2009 bis Mitte 2010
stieg - mit dem Anspringen der Konjunktur - die
Beschäftigtenzahl wieder um 34 Tsd. Personen an. Insgesamt gab es am 30.6.2010 in
Sachsen nach den Ergebnissen der Panelbefragung 1.648 Tsd. Beschäftigte. Der Beschäfti-
gungsanstieg zwischen Mitte 2009 und Mitte 2010 war sowohl auf die Zunahme der sozial-
versicherungspflichtigen Beschäftigung (29 Tsd.) als auch der nicht sozialversicherungs-
pflichtigen Beschäftigung (5 Tsd.) zurückzuführen. In diesem Zeitraum ist der Zuwachs fast
ausschließlich den verschiedenen Formen der Teilzeitbeschäftigung geschuldet.
Atypische Beschäftigungsverhältnisse
Die Bedeutung atypischer Beschäftigungsformen hat 2010 wieder deutlich zugenommen,
nachdem sie im Krisenjahr 2009 bei 33 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse lag. Der
Flexibilisierungsgrad der sächsischen Wirtschaft ist 2010 um 4 Prozentpunkte angestiegen
und erreicht aktuell 37 Prozent (Ost- wie Westdeutschland ebenfalls je 37 Prozent).

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Die einzelnen Formen atypischer Beschäftigung haben in der sächsischen Wirtschaft 2010
ein unterschiedliches Gewicht. Im Unterschied zum Vorjahr, in dem verschiedenartige, zum
Teil auch gegenläufige Entwicklungstendenzen für die einzelnen Beschäftigungsformen zu
beobachten waren, war Mitte 2010 mit Ausnahme der Leiharbeit für alle anderen atypischen
Beschäftigungsformen wieder eine Zunahme zu verzeichnen. Kräftige Zuwächse hat es vor
allem bei der „klassischen“ Teilzeitbeschäftigung, aber auch bei den Midi-Jobs sowie der
befristeten Beschäftigung gegeben. Eher leichtere Zuwächse sind bei den Mini-Jobs festzu-
stellen. Dies könnte sich damit begründen lassen, dass die einzelnen atypischen Beschäfti-
gungsformen über unterschiedliche Flexibilisierungspotenziale verfügen und damit auch zur
Bewältigung der Krisensituation in differenzierter Weise genutzt werden.
Der Flexibilisierungsgrad der Beschäftigung von Frauen fiel in Sachsen mit 53 Prozent deut-
lich höher aus als der der Männer mit 17 Prozent, denn insbesondere in „frauendominierten“
Branchen spielen atypische Beschäftigungsverhältnisse eine große Rolle.
Die Flexibilisierungspotenziale der atypischen Beschäftigungsformen wurden von den Be-
trieben in Abhängigkeit von ihrer Krisenbetroffenheit in differenzierter Weise genutzt. Sächsi-
sche Betriebe, die noch immer in der Krise stecken, weisen einen merklich höheren Flexibili-
sierungsgrad gegenüber jenen aus, die die Krise bereits vollständig oder teilweise überwun-
den haben. Ausschlaggebend auch dafür ist der höhere Stellenwert von Teilzeittätigkeiten,
vorrangig der „klassischen“ Teilzeit.
Kurzarbeit
Neben den atypischen Beschäftigungsformen wird auch die
Kurzarbeit
von den sächsischen
Betrieben als Instrument zur Krisenintervention angewendet. Unter den personalpolitischen
Maßnahmen rangiert sie als Instrument zur Krisenintervention an erster Stelle, womit ihre
Interventionswirkungen entsprechend hoch einzuschätzen sind. Dieses Instrument der Ar-
beitsmarktpolitik wurde im ersten Halbjahr 2010 von 10 Prozent der Betriebe für 6 Prozent
aller Beschäftigten Sachsens genutzt. Da entspricht gegenüber dem Vorjahr einem leichten
Rückgang des Anteils der Kurzarbeitenden an allen Beschäftigten (um 1 Prozentpunkt), ge-
messen an der absoluten Anzahl der Kurzarbeiter war damit ein Rückgang um ca. 16 Pro-
zent gegenüber 2009 verbunden.
Im ersten Halbjahr 2010 führten in Sachsen 18 Prozent der Betriebe mit Kurzarbeit Maß-
nahmen zur beruflichen Orientierung oder Weiterbildung für ihre Kurzarbeiter durch. Gegen-
über 2009 entspricht dies einer Steigerung um 3 Prozentpunkte. Aktuell werden damit
13 Prozent aller Kurzarbeiter qualifiziert. Auch das entspricht einer deutlichen Zunahme ge-
genüber 2009 um 6 Prozentpunkte und kommt damit fast einer Verdoppelung gleich. Trotz
der zu beobachtenden Zuwächse bleibt aber festzustellen, dass die bestehenden Möglich-
keiten von den sächsischen Betrieben noch immer zu wenig genutzt werden.
Qualifikation
11 Prozent der Beschäftigten (ohne Auszubildende) waren 2010 auf Arbeitsplätzen für einfa-
che Tätigkeiten eingesetzt, 65 Prozent auf Arbeitsplätzen, die einen Berufsabschluss vor-
aussetzten. 17 Prozent waren Angestellte/Beamte für qualifizierte Tätigkeiten mit abge-
schlossenem Hochschul- bzw. Fachhochschulstudium und 7 Prozent tätige Inhaber/Vorstän-
de/Geschäftsführer. Dieses hohe Qualifikationsniveau der Beschäftigten stellt bei der Stand-
ortwerbung einen wichtigen Vorzug Sachsens dar.
Nach wie vor gibt es in den Betriebsangaben zur Qualifikation zwischen Sachsen, Ost- und
Westdeutschland große Unterschiede. Der Anteil der Beschäftigten mit Berufsausbildung ist
in Sachsen wie in den neuen Ländern insgesamt deutlich höher als in den alten. Ein Grund
hierfür könnte darin bestehen, dass sich 83 Prozent aller Betriebe in Sachsen in ostdeut-
schem Eigentum befinden, so dass davon auszugehen ist, dass ein Großteil dieser Betriebe
die qualifikatorischen Anforderungen an Arbeitsplätze immer noch vor dem Erfahrungs-
hintergrund der Personalpolitik der DDR definiert. Auch ist der Anteil geringfügiger Beschäf-
tigungsverhältnisse in Westdeutschland deutlich höher als in sächsischen Betrieben (12 zu
7 Prozent). Da es sich bei diesen Beschäftigungsverhältnissen in der Regel um un- und an-

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gelernte Tätigkeiten handelt, erklärt sich auch hieraus der höhere Anteil an Einfacharbeits-
plätzen in westdeutschen Betrieben.
Betriebliche Arbeitszeiten
Das jährliche Arbeitszeitvolumen eines sächsischen Beschäftigten ist im Durchschnitt höher
als das eines westdeutschen Beschäftigten. Zum einen ist die durchschnittliche vereinbarte
Wochenarbeitszeit für Vollzeitbeschäftigte in Sachsen um etwa 0,9 Stunden länger ist als in
Westdeutschland, zweitens ist der Verbreitungsgrad der Teilzeitarbeit in Sachsen geringer
als in Westdeutschland (um knapp 3 Prozentpunkte niedrigere Teilzeitquote), wobei drittens
die dabei vereinbarte Wochenarbeitszeit der Teilzeitbeschäftigten in Sachsen um 4,8 Stun-
den länger ausfällt, viertens gab es in Sachsen 2010 weniger Feiertage als in alten Bundes-
ländern (beim Urlaub gibt es kaum noch Unterschiede). Das bedeutet, dass der sächsische
Beschäftigte im Jahr 2010 im Vergleich zu seinem westdeutschen Kollegen im Durchschnitt
länger arbeitete, wobei die Mehrarbeit einem Zeitäquivalent von ca. 3,5 Wochen entsprach.
Der Anteil der Betriebe mit Überstunden war in den letzten Jahren sowohl in Sachsen, Ost-
als auch in Westdeutschland in der Tendenz relativ konstant. Infolge der Finanz- und Wirt-
schaftskrise ist der Anteil der Betriebe mit Überstunden in den Jahren 2008 und 2009 gesun-
ken, in Sachsen stärker als in Ost- und Westdeutschland. Im Jahr 2009 wurden fast in jedem
zweiten sächsischen Betrieb (47 Prozent) Überstunden geleistet.
Die unterschiedliche Krisenbetroffenheit der sächsischen Betriebe spiegelt sich in verschie-
denen Kennziffern (Überstunden, Arbeitszeitkonten, Langzeitkonten) wider. Die genannten
Arbeitszeitregelungen werden von den aktuellen Krisenbetrieben deutlich weniger in An-
spruch genommen als von Betrieben, die nicht von der Krise betroffen waren bzw. sie über-
wunden haben.
Fachkräftebedarf
Unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise ist die Nachfrage nach Fachkräften 2009 zwar
leicht gesunken, aber keinesfalls eingebrochen. Demgegenüber sind sowohl die Zahl der
Einstellungen und der offenen Fachkräftestellen im ersten Halbjahr 2010 als auch die Suche
nach Fachkräften Mitte 2010 wieder deutlich gestiegen. Die Nichtbesetzungsquote (Anteil
unbesetzter Stellen am Fachkräftebedarf) lag in Sachsen 2009 bei 14 Prozent, 2010 stieg sie
wieder auf 19 Prozent an und erreichte damit wieder das Niveau vor der Finanz- und Wirt-
schaftskrise. Die Nichtbesetzung von Fachkräftestellen war zum Teil friktionsbedingt, d. h.
auf den objektiv benötigten Zeitaufwand bei der Personalsuche zurückzuführen, andererseits
fehlten jedoch aus Sicht der Betriebe auch fachlich geeignete Bewerber. Die Besetzungs-
probleme konzentrieren sich vorrangig auf den Bereich Hochqualifizierter, was in ausgewähl-
ten Branchen, insbesondere in der Wissenswirtschaft, zu Problemen führen kann. Zuneh-
mende Schwierigkeiten bei der Besetzung von Fachkräftestellen haben die Kleinstbetriebe in
Sachsen. Aktuell gibt es aber keinen generellen, flächendeckenden Fachkräftemangel im
Freistaat.
Ausbildung
Der Anteil der ausbildenden Betriebe an allen Betrieben
(Brutto-Ausbildungsbetriebsquote)
lag Mitte 2010 bei 23 Prozent. Damit konnte seit einigen Jahren erstmals wieder der ostdeut-
sche Durchschnittswert erreicht werden. Bildete der Freistaat seit mehreren Jahren das
Schlusslicht unter den ostdeutschen Bundesländern, so erreichte Sachsen damit aktuell die
Spitzenposition im ostdeutschen Ländervergleich. Als einziges unter den ostdeutschen Län-
dern hatte Sachsen während der Krise insgesamt keinen Rückgang, sondern eine Zunahme
des Anteils der ausbildenden Betriebe an den Betrieben insgesamt zu verzeichnen.
Die Gruppe der ausbildungsberechtigten, aber nicht ausbildenden Betriebe
bildet mit 25 Pro-
zent in Sachsen ein beachtliches Potenzial für ein höheres Ausbildungsplatzangebot. Strate-
gien zur Verbreiterung der betrieblichen Ausbildungsbasis in Sachsen müssten vor allem
darauf abzielen, bei einer größeren Zahl von Betrieben, insbesondere von Kleinst- und
Kleinbetrieben, als bisher die Voraussetzungen für eine eigene Ausbildung zu schaffen. Dar-
über hinaus wäre es vor allem für kleinere Betriebe wichtig, dass diese bei vorhandener
Ausbildungsberechtigung auch tatsächlich ausbilden.

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Nachdem die Übernahmequoten von Auszubildenden nach abgeschlossener Ausbildung in
ein Arbeitsverhältnis desselben Betriebe 2009 in Sachsen gegenüber dem Vorjahr um
5 Prozentpunkte gefallen waren, sind sie bis Mitte 2010 wieder um 10 Prozentpunkte ange-
stiegen. Mit 60 Prozent erreicht sie aktuell den höchsten Wert unter den ostdeutschen Län-
dern. Damit lag die Übernahmequote deutlich oberhalb des ostdeutschen Durchschnitts, und
sie hatte sich bereits stark an die Werte der alten Länder angenähert.
Weiterbildung
Die Finanz- und Wirtschaftskrise hatte insgesamt negative Wirkungen auf die betrieblichen
Weiterbildungsaktivitäten der sächsischen Betriebe. Für die Betriebe war sie offenbar wenig
Anlass, den erforderlichen Anpassungsprozess an die sich verändernden Marktbedingungen
gezielt mittels Weiterbildungsaktivitäten zu unterstützen. Dies schlägt sich sowohl in einem
geringeren Anteil der Betriebe mit Weiterbildungsaktivitäten als auch in einer ebenfalls gerin-
geren Weiterbildungsquote der hier Beschäftigten nieder. Ein spürbarer Rückgang beider
Kennziffern war in Sachsen zwar nur 2009 zu beobachten, die 2010 zu verzeichnende Zu-
nahme gegenüber dem Vorjahr konnte jedoch nicht dazu beitragen, wieder die Vorkrisenwer-
te zu erreichen. Im 1. Halbjahr 2010 förderten 48 Prozent der Betriebe Maßnahmen der be-
ruflichen Weiterbildung. Die Weiterbildungsquote der Beschäftigten lag bei 32 Prozent.
Auch im Jahre 2010 zeigten sich sächsischen Unternehmen weiterbildungsaktiver als west-
deutsche Betriebe. Bevorzugte Gruppe betrieblicher Weiterbildungsaktivitäten waren in
Sachsen weiterhin die weiblichen Beschäftigten.
Innovationen
Die Finanz- und Wirtschaftskrise hatte keine negativen Wirkungen auf das Innovationsge-
schehen in den sächsischen Betrieben. 2009 waren 38 Prozent aller Betriebe mit Umsatz in
Sachsen innovativ (43 Prozent in Westdeutschland), fast genauso viele wie ein Jahr zuvor.
In diesen innovativen Betrieben mit Umsatz waren 2010 54 Prozent aller Beschäftigten
Sachsens tätig (Westdeutschland 62 Prozent). Damit erreicht der Freistaat unter den neuen
Bundesländern Spitzenwerte.
Diese positive Bilanz dürfte sich im Wesentlichen daraus erklären, dass Sachsen bundesweit
zu den Ländern zählt, in denen die Betriebe am häufigsten im Bereich Forschung und Ent-
wicklung (FuE) tätig sind. Nach Panel-Angaben des Vorjahres betreiben in Sachsen im Ver-
gleich zu den ostdeutschen Ländern mit 7 Prozent aller Betriebe anteilig fast doppelt so viele
Betriebe FuE. Gleichzeitig verzeichnet Sachsen längerfristig einen deutlichen Anstieg der
betrieblichen Beteiligung an FuE. In den anderen neuen Ländern erhöhten sich zwar eben-
falls die Anteile FuE-betreibender Betriebe, diese liegen aber deutlich unterhalb des sächsi-
schen Niveaus.
Entwicklung des Angleichungsprozesses in Sachsen
Der Produktivitätsabstand der sächsischen Betriebe zu den westdeutschen Betrieben hat
sich seit Anfang der 1990er Jahre im Durchschnitt deutlich verringert. Ausgehend von einem
Produktivitätsniveau, das nach der Wende nur 30 Prozent des westdeutschen betrug, hat
sich der Rückstand bis heute mehr als halbiert. Der Angleichungsprozess verläuft in unter-
schiedlichen Phasen: Während sich der Produktivitätsabstand Anfang der 1990er Jahre
deutlich verringerte, stagnierte er zwischen 1995 und 2001, verringerte sich dann aber zwi-
schen 2002 und 2005 um 14 Prozentpunkte. Der Anpassungsprozess ist allerdings seit 2006
wieder unterbrochen. Der bestehende Produktivitätsabstand der sächsischen Betriebe ver-
größerte sich sogar seit 2005. Die Angleichungsquote 2010 lag bei 68 Prozent.

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1. Datenbasis
Für die Befragungswelle 2010 liegen für Querschnittsauswertungen in Sachsen verwertbare
Interviews von 1.126 Betrieben vor. Die befragten Betriebe repräsentieren die Grundgesamt-
heit von 114.668 Betrieben mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten
in Sachsen zum 30.06.2009. Mit der Stichprobe wurden 1,0 Prozent der genannten Betriebe
erfasst, in denen 6,7 Prozent aller Beschäftigten tätig sind.
Alle in der vorliegenden Studie ausgewiesenen Angaben beruhen auf einer Hochrechnung.
Diese erfolgte in zwei Schritten:
1. Gewichtung der antwortenden Betriebe entsprechend der, der Stichprobe zugrunde lie-
genden, Struktur der Datenbasis, nämlich der Verteilung der Betriebe nach Branchen und
Betriebsgrößenklassen. Daraus wird jeweils ein Hochrechnungsfaktor pro Betrieb ermit-
telt. Die sich so ergebende, hochgerechnete Stichprobe entspricht der Gesamtzahl aller
Betriebe mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am 30.06.2009.
2. Schätzung von fehlenden Angaben (Imputation) durch Extrapolation, auf der Basis von
Referenzklassen aus der Ist-Matrix der antwortenden Betriebe. Die Imputation von Daten
ist insbesondere für die Hochrechnung von Absolutzahlen erforderlich, da anderenfalls die
hochgerechneten Werte zu niedrig ausfallen würden (z. B. Investitionen).
Für die Auswertungen im Rahmen des vorliegenden Berichtes wird für den heterogenen Be-
reich der Dienstleistungen, unter Beachtung der inhaltlichen Bedeutung und der notwendigen
Fallzahlen, für eine verallgemeinerungsfähige Interpretation der Ergebnisse, folgende Bran-
chengliederung
1
gewählt:
Unternehmensnahe Dienstleistungen:
Dazu gehören Grundstücks- und Wohnungs-
wesen, Rechts- und Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung, Unternehmensberatung,
Architektur- und Ingenieurbüros, Forschung und Entwicklung, Werbung und Marktfor-
schung, Veterinärwesen, Vermietung beweglicher Sachen, Vermittlung und Überlas-
sung von Arbeitskräften sowie übrige Dienstleistungen (überwiegend für Unterneh-
men).
Neben den unternehmensnahen Dienstleistungen werden die personenbezogenen
Dienstleistungen Erziehung und Unterricht
sowie Gesundheits- und Sozialwesen
aufgrund ihrer Bedeutung, Abgrenzbarkeit und Größe jeweils gesondert dargestellt.
Eine dritte Untergruppe der personenbezogenen Dienstleistungen bilden die übrigen
Dienstleistungen. Dazu gehören Gaststätten, Beherbergungsgewerbe, Kunst, Unter-
haltung, Erholung und Sport, Reparatur von Datenverarbeitungsgeräten und Ge-
brauchsgütern sowie sonstige, überwiegend persönliche Dienstleistungen (z. B.
Wäscherei, Friseur, Sauna).
Bei Vergleichen der im IAB-Betriebspanel ermittelten Beschäftigtenzahlen mit anderen Da-
tenquellen – Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) oder Erwerbstätigen-
rechnung des Bundes und der Länder – sind folgende Punkte zu beachten:
1. Als Beschäftigte werden im IAB-Betriebspanel alle Personen angesehen, die einer Er-
werbstätigkeit nachgehen, und zwar
a) unabhängig von der Dauer der tatsächlich geleisteten oder vertragsmäßig zu leisten-
den wöchentlichen Arbeitszeit,
b) unabhängig davon, ob sie eine sozialversicherungspflichtige oder eine nicht sozialver-
sicherungspflichtige Tätigkeit ausüben und
c) unabhängig von ihrer Stellung im Beruf.
Im IAB-Betriebspanel werden als Beschäftigte also auch Beamte, tätige Inhaber, mithelfende
Familienangehörige und geringfügig Beschäftigte erfasst.
1
Seit der Befragungswelle 2009 werden die Daten des IAB-Betriebspanels nach der WZ 2008 aufbereitet; bis einschließlich
der Befragungswelle 2008 erfolgte dies nach der WZ 2003.

10
Da die Beschäftigtenzahlen der
Beschäftigtenstatistik der BA
keine Beamten, tätigen Inhaber
und mithelfenden Familienangehörigen enthalten, und geringfügig Beschäftigte nur dann
erfasst werden, wenn diese zusätzlich eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aus-
üben oder durch Zusammenrechnung mehrerer geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse
sozialversicherungspflichtig werden, sind die im Betriebspanel ermittelten Beschäftigtenzah-
len insgesamt höher als die in der Beschäftigtenstatistik der BA ausgewiesenen Beschäftig-
tenzahlen.
2. Im Betriebspanel werden nur Betriebe befragt, in denen mindestens eine sozialversiche-
rungspflichtig beschäftigte Person tätig ist.
2
Betriebe ohne sozialversicherungspflichtig
Beschäftigte wie z. B. Ein-Personen-Betriebe (u. a. Freiberufler, Gewerbetreibende) oder
Dienststellen im öffentlichen Sektor, in denen ausschließlich Beamte beschäftigt sind,
werden nicht befragt, da sie in der Grundgesamtheit nicht enthalten sind.
Da die Beschäftigtenzahlen in der
Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder
auch
Ein-Personen-Betriebe sowie Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung ent-
halten, sind die im Betriebspanel ermittelten Beschäftigtenzahlen insgesamt geringer als die
in der Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder ausgewiesenen Beschäftigten-
zahlen.
3. Im Betriebspanel werden Beschäftigungsfälle gezählt, wodurch vereinzelt Doppelzäh-
lungen auftreten können, wenn ein Beschäftigter bzw. eine Beschäftigte Arbeitsverhält-
nisse mit zwei oder mehreren Betrieben hat (Mehrfachbeschäftigung, z. B. geringfügige).
4. Bei Vergleichen mit anderen Datenquellen ist auch zu beachten, dass sich die Beschäf-
tigtendaten des Betriebspanels in der Regel auf den Stichtag 30. Juni beziehen.
5. Alle ostdeutschen Gesamtdaten im Betriebspanel schließen das Land Berlin mit ein; ana-
log werden die westdeutschen Daten ohne Berlin ausgewiesen.
Aufgrund der unterschiedlichen Erfassungskriterien liegen die im Betriebspanel aus-
gewiesenen Beschäftigtenzahlen zwischen den Angaben aus der amtlichen Erwerbstätigen-
rechnung und der Beschäftigtenstatistik der BA (vgl. Abbildung 1). Die Panelzahlen sind je-
doch repräsentativ und geben die zeitliche Beschäftigungsentwicklung zutreffend und aktuell
wider.
2
Ohne private Haushalte und exterritoriale Organisationen.

image
11
Abbildung1:
Beschäftigungsentwicklung nach verschiedenen Datenquellen in Sachsen – 1995 bis 2010
* Angaben des Arbeitskreises „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“, Berechnungsstand: Au-
gust 2010/Februar 2011, im Jahresdurchschnitt
** Beschäftigtenangaben des IAB-Betriebspanels (ohne Ein-Personen-Betriebe), jeweils zum 30.6.
*** Angaben der Beschäftigtenstatistik der BA, jeweils zum 30.6., für 2010 vorläufige Angabe
Die in Form von mündlichen Interviews stattfindende Befragung bei Inhabern, Geschäftsfüh-
rern bzw. leitenden Mitarbeitern in Sachsen ansässiger Betriebe erfolgte in den Monaten Juli
bis Oktober 2010.
Basierend auf der bereits zum fünfzehnten Mal durchgeführten Arbeitgeberbefragung in
Sachsen konnten Querschnittsvergleiche über die Jahre 1996 bis 2010 in die Auswertung
aufgenommen werden.
Für alle Zahlenangaben in dieser Studie gilt: Durch Rundungen können sich bei der Summie-
rung der Einzelangaben geringfügige Abweichungen zur Endsumme ergeben. Der Wert 0
bedeutet weniger als 0,5, jedoch mehr als nichts. Mit einem „ . “ werden in den Tabellen An-
gaben gekennzeichnet, deren Zahlenwert nicht sicher genug ist; mit einem „ - “ nicht vorhan-
dene Werte.
2.
Auswirkungen der Wirtschaftskrise 2009 auf die Betriebe
Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hatte insbesondere 2009 gravierende Auswirkun-
gen auf die deutsche und auch auf die sächsische Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt
(BIP) ging deutschlandweit im Jahr 2009 um 4,7 Prozent, in Westdeutschland um
5,4 Prozent, in Ostdeutschland um 3,5 Prozent
3
und in Sachsen um 3,8 Prozent
4
zurück.
Noch sind die Folgen der tiefgreifendsten Wirtschaftskrise seit Bestehen der Bundesrepublik
nicht überwunden, und es gilt, den begonnenen Aufschwung zu unterstützen. Im Jahr 2010
konnte wieder ein deutlicher Anstieg des BIP in Ostdeutschland von 2,7 Prozent erreicht
werden, der sich nach einer Projektion für 2011 voraussichtlich fortsetzen wird (+1,8 Pro-
3
Wirtschaftsdaten Neue Bundesländer, Hrsg. BMWI, Juli 2010, S. 4.
4
Vgl.:
http://www.smwa.sachsen.de/de/Wirtschaft/Wirtschaftsstandort_Sachsen/Zahlen_und_Fakten/19159.html

12
zent).
5
Nach einer Schätzung des ifo Institut für Wirtschaftsforschung Niederlassung Dres-
den vom Juni 2010 wird auch das BIP des Freistaates Sachsen in 2010 wieder steigen – um
1,9 Prozent. Für 2011 wird ein Wachstum um 1,3 Prozent vorhergesagt.
6
Die aggregierten Daten des BIP können nicht die unterschiedliche Betroffenheit der einzel-
nen Betriebe, der Branchen und Betriebsgrößenklassen zeigen. Mit der 15. Befragungswelle
des IAB-Betriebspanels wurden Einschätzungen der Betriebe hinsichtlich ihrer Krisenbetrof-
fenheit erhoben. Hierbei handelt es sich um subjektive betriebliche Wertungen, die einerseits
deutlich machen, ob ein Betrieb überhaupt die Auswirkungen der Krise spürte, wie stark er
betroffen war und wie die aktuelle Situation Mitte 2010 eingeschätzt wird. Immerhin schätzen
11 Prozent aller Betriebe Sachsens ein, dass sie sich immer noch in der Krise befinden (vgl.
Abbildung 2).
Abbildung 2:
Krisenbetroffenheit der Betriebe in Sachsen zwischen Mitte 2008 und Mitte 2010
Betriebe insgesamt
100 %
Krisenbetriebe Mitte 2008 bis Mitte 2010
37 %
Nicht-Krisenbetriebe Mitte 2008 bis Mitte 2010
53 %
W. n.
10 %
Situation der Betriebe Mitte 2010:
Negativ
32 %
Po-
sitiv
1 %
Bei-
des
4 %
Weiter-
hin Kri-
sen-
betrieb
11 %
Es geht
aufwärts
18 %
Krise
über-
wun-
den
3 %
Nachfolgend werden als Krisenbetriebe
diejenigen bezeichnet, die nach eigenen Angaben in
den zurückliegenden zwei Jahren (Mitte 2008 bis Mitte 2010) überwiegend negative Krisen-
auswirkungen verzeichneten. Aktuelle Krisenbetriebe
sind Betriebe, die auch noch Mitte
2010 in der Krise steckten.
Gesplittete Krisenwirkungen
Die Ergebnisse des IAB-Betriebspanels belegen in Bezug auf die Krisenbetroffenheit der
Betriebe ein differenziertes Bild: Jeder dritte Betrieb war zwischen Mitte 2008 bis Mitte 2010
mit negativen Krisenauswirkungen konfrontiert. So schätzten Mitte 2010 32 Prozent der
sächsischen Betriebe
ein (Westdeutschland 37 Prozent), dass sie in den letzten zwei Jahren
von der Krise negativ betroffen waren. In diesen Betrieben waren 37 Prozent aller sächsi-
schen Beschäftigten
tätig (Westdeutschland 41 Prozent). Es gab aber auch Betriebe, die im
Zusammenhang mit der Krise positive Effekte für ihren Betrieb verzeichneten (gut 1 Prozent
der Betriebe mit über 2 Prozent aller Beschäftigten). Es ist zu vermuten, dass diese Betriebe
von den beiden Konjunkturpaketen der Bundesregierung profitierten. Darüber hinaus schätz-
ten 4 Prozent der Betriebe (mit 8 Prozent aller Beschäftigten) ein, dass sie sowohl negativ
als auch positiv von der Krise beeinflusst wurden (vgl. Tabelle 1).
Erwartungsgemäß waren die sächsischen Betriebe des verarbeitenden Gewerbes, speziell
die exportintensiven Zweige, besonders stark von der Krise betroffen. Jeder zweite Betrieb
5
Vgl. Konjunktur aktuell: Aufschwung in Deutschland geht weiter – Krisenprävention und Krisenmanagement in Europa unter
Reformdruck. In: Wirtschaft im Wandel, 1/2011, Halle, Seite 7.
6
Vgl.: ifo Institut für Wirtschaftsforschung Niederlassung Dresden: Konjunkturprognose Ostdeutschland und Sachsen 2010 /
2011. Pressemeldung 2010/2011, Dresden im Juni 2010. Veröffentlicht unter:
http://www.cesifo-
group.de/portal/page/portal/ifoContent/N/data/forecasts/forecasts_container/kprogifo20100623/kprogost-20100628-PM-
Konjunktur.pdf

13
verzeichnete negative Krisenauswirkungen (exportintensive Zweige 65 Prozent). Demge-
genüber war im Baugewerbe und den Dienstleistungen nur jeder fünfte bzw. jeder vierte Be-
trieb betroffen.
Eine Betrachtung nach Betriebsgrößenklassen zeigt, dass der Einfluss der Krise in den
Klein- und Mittelbetrieben am größten war (47 bis 56 Prozent), während die Krisenbetroffen-
heit bei Kleinstbetrieben bei rund einem Drittel lag. Von den Betrieben mit über
250 Beschäftigten waren 44 Prozent von der Krise betroffen (vgl. ebenfalls Tabelle 1).
Tabelle 1:
Betriebe mit Auswirkungen der Wirtschaftskrise Mitte 2008 bis Mitte 2010 in Sachsen nach Branchen** und Be-
triebsgrößenklassen (Stand: 30.6.2010) (alle Betriebe)
Anteil der
Darunter
Betriebe mit
Auswirkun-
gen der
Krise
Überwie-
gend nega-
tiv
Überwie-
gend positiv
Beides
Betroffen-
heitsgrad
der Betriebe
bei negati-
ven Auswir-
kungen
Branche/Betriebsgrößenklasse/Länder
Prozent
Prozent
Punkte
Land- und Forstwirtschaft*
26
24
0
2
3,3
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 55 54 0 0 4,5
Verarbeitendes Gewerbe
55
50
2
3
3,2
Baugewerbe 32 19 3 11 3,1
Handel und Reparatur
50
46
3
1
3,1
Verkehr/Information/Kommunikation* 29 28 1 0 3,0
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen* 28 27 0 1 2,7
Dienstleistungen 32 27 0 5 2,9
Unternehmensnahe Dienstleistungen
39
32
0
7
2,7
Erziehung und Unterricht*
65
51
1
13
2,9
Gesundheits- und Sozialwesen
2
2
0
0
3,5
Übrige Dienstleistungen
41
38
0
3
3,2
Organisationen ohne Erwerbszweck*
26
26
0
0
3,3
Öffentliche Verwaltung
36
34
1
1
3,8
1 bis
4 Beschäftigte
35
31
1
3
3,2
5 bis
9 Beschäftigte
32
26
2
5
2,8
10 bis
49 Beschäftigte
47
40
2
5
3,1
50 bis 249 Beschäftigte
56
49
2
5
3,1
ab 250 Beschäftigte
44 27 4 13 3,1
Sachsen insgesamt
37
32
1
4
3,1
Mecklenburg-Vorpommern 39 34 3 2 3,2
Brandenburg 35 31 2 2 3,1
Sachsen-Anhalt 35 33 1 1 3,1
Thüringen 38 34 1 3 3,1
Berlin 33 28 2 3 3,1
Ostdeutschland 36 32 2 2 3,1
Westdeutschland 43 37 3 3 3,2
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Wenn die Betriebe von der Krise negativ betroffen waren, so geschah das nicht immer in
gleicher Intensität. Anhand einer Skala von 1 (gering betroffen) bis 5 (sehr stark betroffen)
wurden von den Betrieben differenzierte Einschätzungen getroffen. 5 Prozent der Krisenbe-
triebe stuften ihre Betroffenheit als gering ein, während 53 Prozent eine mittelstarke und
26 Prozent eine starke und sehr starke Betroffenheit konstatierten. Errechnet man aus der
Werteskala einen durchschnittlichen Betroffenheitsgrad, dann erkennt man, dass der Bereich
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall, aber auch das verarbeitende Gewerbe überproportional
stark betroffen waren (vgl. ebenfalls Tabelle 1).

image
14
Mit der aktuellen Erhebungswelle des IAB-Betriebspanels ist es möglich, die wichtigsten per-
sonalpolitischen Maßnahmen der Betriebe zur Reduzierung des Arbeitsvolumens in den letz-
ten zwei Jahren zu quantifizieren. Die Befunde zeigen, dass die Unternehmen in der Regel
verschiedene personalpolitische Maßnahmen parallel zueinander einsetzen. Mehr als jeder
dritte Betrieb in Sachsen führte mindestens eine personalpolitische Maßnahme durch
(38 Prozent). Nach Einschätzung der Betriebe wurden in diesem Zeitraum vorrangig Maß-
nahmen zum Einsatz von Kurzarbeit (12 Prozent) und zum Abbau von Überstunden bzw.
Aufbau von Minusstunden auf Arbeitszeitkonten (11 Prozent aller Betriebe) ergriffen. Jeweils
8 Prozent der Betriebe ordneten eine Verkürzung der Arbeitszeit sowie betriebsbedingte
Kündigungen an. Die Zurückstellung geplanter Personalaufstockungen wurden von 7 Pro-
zent aller Betriebe verfügt.
Es wird deutlich, dass in den von der Krise betroffenen Betrieben im Vergleich zu den Betrie-
ben, die nicht von der Krise betroffen waren, eine völlig andere Wertigkeit bei den einzelnen
personalpolitischen Maßnahmen zu verzeichnen ist. Die zwischen Mitte 2008 und Mitte 2010
von der Krise negativ betroffenen Betriebe (Krisenbetriebe) haben zu 62 Prozent die ver-
schiedensten personalpoltischen Maßnahmen angewandt, die übrigen Betriebe dagegen nur
zu 27 Prozent. Diese Unterschiede spiegeln sich bei jeder der aufgeführten Maßnahmen
wider. Besonders deutlich sind die Unterschiede bei der Kurzarbeit und betriebsbedingten
Kündigungen (vgl. Abbildung 3).
Abbildung 3:
Betriebe mit personalpolitischen Maßnahmen in den letzten zwei Jahren unter sächsischen Krisen- und Nicht-
Krisenbetrieben (alle Betriebe)
Wirtschaftskrise heute?
Auch Mitte 2010
sind die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise für die Betriebe
noch nicht vorüber. Der öffentliche Schuldenabbau wird sich über Jahre hinziehen, Banken
halten Kredite mitunter zurück, die Investitionsbereitschaft einiger Betriebe hält sich in Gren-
zen. Daher geht eine ganze Reihe von Ökonomen davon aus, dass die Krise nicht tot ist,
sondern nur schläft. Immerhin stecken 33 Prozent der sächsischen Betriebe, die in den ver-
gangenen zwei Jahren negativ von der Krise betroffen waren (26 Prozent der westdeutschen
Betriebe), laut IAB-Betriebspanel nach eigenen Angaben noch immer in der Krise (aktuelle

image
image
15
Krisenbetriebe). In diesen Betrieben sind 23 Prozent der Beschäftigten aller Krisenbetriebe
tätig. Für 56 Prozent der Betriebe ist die Krise zwar noch immer spürbar, aber es würde
schon wieder aufwärts gehen. In 11 Prozent der Betriebe gilt die Krise als überwunden (vgl.
Abbildung 4).
Abbildung 4:
Gegenwärtige Einschätzung der Krisensituation (Stand: 30. Juni 2010) (Krisenbetriebe der letzten 2 Jahre)
Insbesondere im verarbeitenden Gewerbe stehen Krisenbetriebe unter einem hohen Wett-
bewerbsdruck, der zum Teil sogar den Fortbestand des Betriebes gefährdet. Erwartungsge-
mäß gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der gegenwärtigen Krisenbetroffenheit
der Betriebe einerseits und der Intensität des Wettbewerbsdrucks, einer möglichen Gefähr-
dung des Fortbestandes des Betriebes sowie auch der Ertragslage/Gewinnsituation anderer-
seits. Die Differenzen zwischen den aktuellen Krisenbetrieben und den Betrieben, die nicht
von der Krise betroffen waren, sind beim hohen Wettbewerbsdruck (76 zu 31 Prozent), bei
der Gefährdung des Fortbestandes des Betriebes (46 zu 40 Prozent) sowie der Ertragslage
(Note 3,8 zu 2,5) und den Anteilen der Betriebe mit Gewinn (56 zu 82 Prozent) besonders
deutlich ausgeprägt (vgl. Tabelle 2).
Tabelle 2:
Gegenwärtige Situation der Krisenbetriebe nach ausgewählten Kennziffern im sächsischen verarbeitenden Ge-
werbe
Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck
keiner gering mittel hoch
Davon:
Fortbe-
stand
des
Betrie-
bes
gefähr-
det
Ertrags-
lage
Anteil
der
Betrie-
be mit
Gewinn
Gegenwärtige Situation der Krisen-
betriebe
Prozent Prozent Note Prozent
Krisenbetriebe 2 7 39 52 29 3,6 50
Betrieb steckt noch in der Krise
0
4
20
76
46
3,8
56
Krise ist noch spürbar, es geht
aber wieder aufwärts
2 8 44 47 20 3,6 46
Krise ist überwunden 4 7 52 37 22 3,4 60
Nicht-Krisenbetriebe 2 19 47 31 40 2,5 82
Insgesamt 2 13 43 42 33 3,0 66
Fazit:
Jeder dritte Betrieb Sachsens war zwischen Mitte 2008 und Mitte 2010 von der Wirtschafts-
und Finanzkrise negativ betroffen. Diese Betroffenheit konzentrierte sich besonders auf das
verarbeitende Gewerbe und hier auf die exportintensiven Zweige. Die Betriebe reagierten
darauf mit einer breiten Palette an personalpolitischen Maßnahmen. Die wichtigsten waren
der Einsatz von Kurzarbeit und der Abbau von Überstunden.

image
16
Auch Mitte 2010 hatte nach Einschätzungen der sächsischen Betriebe immer noch etwa je-
der zehnte Betrieb die Krise nicht überwunden, was sich in einem sehr hohen Wettbewerbs-
druck, der Gefahr einer Insolvenz und in einer schlechten Ertrags- und Gewinnsituation zeig-
te.
3.
Entwicklung und Struktur der Betriebe und Beschäftigung
3.1
Entwicklung der Zahl der Betriebe 1993 bis 2010
Die Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) weist neben der Anzahl sozial-
versicherungspflichtig Beschäftigter auch die Entwicklung der Zahl der existierenden Betrie-
be in Sachsen im zeitlichen Verlauf aus (vgl. Abbildung 5). Die Anzahl der bestehenden Be-
triebe (mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten) ist in Sachsen nach
Angaben der Bundesagentur für Arbeit – nachdem 1999 mit über 136 Tsd. ein Höhepunkt
erreicht war - auf unter 114 Tsd. Betriebe in 2006 gesunken. Wesentlich zu dieser negativen
Entwicklung trugen in Sachsen das Baugewerbe sowie der Bereich Handel/Reparatur bei.
Erstmals seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der sächsischen Betriebe in den Jah-
ren 2007 und 2008 wieder leicht auf ca. 114,5 Tsd. erhöht. 2009 ist die Zahl der Betriebe in
Sachsen mit unter 115 Tsd. im Vergleich zum Vorjahr in etwa konstant geblieben, 2010 war
bereits ein leichter Anstieg auf über 115 Tsd. Betriebe festzustellen. Damit waren bis Mit-
te 2010 keine gravierenden Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf den Bestand
der Betriebe im Freistaat zu verzeichnen.
Abbildung 5:
Entwicklung der Anzahl der Betriebe mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Sachsen
1993 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni)
Quelle: Betriebsdatei der Bundesagentur für Arbeit
Eine Betrachtung der sächsischen Betriebslandschaft nach dem Gründungsjahr
(Betriebs-
biografie)
zeigt, dass 20 Prozent aller Betriebe vor 1990 gegründet wurden und damit zu

17
den so genannten Altbetrieben (ehemalige Treuhandbetriebe
7
, ehemalige Genossenschaften
und Privatbetriebe)
zählen. In diesen Betrieben sind 27 Prozent aller sächsischen Beschäf-
tigten tätig. Die Mehrheit der Betriebe (77 Prozent) wurde 1990 und später gegründet. Da es
sich bei diesen Neugründungen
eher um Kleinbetriebe handelt (im Durchschnitt 13 Beschäf-
tigte), ist ihr Gewicht für die Beschäftigung nicht ganz so groß, auch wenn sie mit 71 Prozent
einen hohen Anteil an den Erwerbstätigen Sachsens beschäftigen. Die hohe Gründungsdy-
namik in Sachsen ist nicht zuletzt auf entsprechende Fördermaßnahmen des Bundes, der
Länder und der Europäischen Union (EU) zurückzuführen. Allein in den Betrieben, die in den
Jahren 2006 bis Mitte 2009 gegründet wurden, waren ca. 135 Tsd. Beschäftigte tätig (vgl.
Tabelle 3).
Tabelle 3:
Betriebe und Beschäftigte in Sachsen 2010 (Stand: 30. Juni) nach der Betriebsbiografie (alle Betriebe)
Betriebsbiografie Beschäftigte
Verteilung der
Betriebe
Anzahl
Anzahl je Be-
trieb
Verteilung
Prozent Tsd. Personen Personen Prozent
Altbetriebe (Gründung bis 1989)
20
439
19
27
Neugründungen (Gründung ab 1990)
77
1.174
13
71
Davon
1990 bis 1991
18
389
19
24
1992 bis 1995
20
330
15
20
1996 bis 2000
14
165
10
10
2001 bis 2005
12
155
11
9
2006 bis Mitte 2009
13
135
9
8
Keine Angabe 3 35 9 2
Insgesamt 100 1.648 14 100
3.2
Beschäftigungsentwicklung im Zeitraum 1995 bis 2011
Die Betriebe wurden zum Beschäftigtenbestand im Jahr 2010 und zur voraussichtlichen Be-
schäftigungsentwicklung bis 2011 befragt. Auf der Grundlage dieser Befragungsergebnisse
kann die Beschäftigungsentwicklung für Sachsen insgesamt eingeschätzt werden.
Nachdem die Beschäftigtenzahl Sachsens zwischen Juni 1995 (Start des ostdeutschen IAB-
Betriebspanels mit der ersten Welle) und Juni 2005 um 287 Tsd. Personen bzw. fast 16 Pro-
zent gesunken ist, weisen die Panelangaben zwischen Mitte 2005 und Mitte 2008
für Sach-
sen einen Beschäftigtenzuwachs von ca. 74 Tsd. Personen aus. In den Krisenjahren verlief
die Beschäftigungsentwicklung unterschiedlich: Mitte 2008 bis Mitte 2009
wurde die positive
Entwicklung der Vergangenheit unterbrochen, die Beschäftigtenzahlen verringerten sich um
17 Tsd. Mitte 2009 bis Mitte 2010
aber stieg mit dem Anspringen der Konjunktur die Be-
schäftigtenzahl wieder um 34 Tsd. Personen an. Insgesamt gab es am 30.6.2010 in Sachsen
nach den hochgerechneten Ergebnissen der Panelbefragung 1.648 Tsd. Beschäftigte. Damit
gab es im Freistaat Sachsen trotz eines kurzfristigen Beschäftigungsabbaus 2008/2009 wäh-
rend der aktuellen Krise einen Beschäftigungszuwachs, der sich auf 17 Tsd. Personen belief.
Dieser Beschäftigungsanstieg zwischen Mitte 2008 und Mitte 2010 beruhte weitgehend auf
einer Zunahme sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im Rahmen der klassischen
Teilzeit (25 Tsd.) (vgl. Abbildung 6).
7
Vgl. auch J. Wahse: Das gegenwärtige Beschäftigungs- und Wirtschaftspotenzial privatisierter ehemaliger Treuhandunter-
nehmen, Auswertung einer Befragung vollständig privatisierter Unternehmen im Mai 2003 im Auftrag der BvS. In: „Schnell
privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen.“ Ein Rückblick auf 13 Jahre Arbeit der Treuhandanstalt und der
Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, Berlin, 2003, S. 303-330.

image
image
18
Abbildung 6:
Strukturelle Veränderung der Zahl der Beschäftigten zwischen Mitte 2005 und Mitte 2008 sowie in den beiden
Krisenjahren in Sachsen
Der Beschäftigungszuwachs zwischen Mitte 2009 und Mitte 2010 von 34 Tsd. Beschäftigten
wurde durch die Betriebe bewirkt, die entweder von der Krise generell nicht betroffen waren
(+ fast 35 Tsd.) bzw. von denen, die die Krise als überwunden einschätzten (+2 Tsd.) bzw. in
denen es bereits wieder aufwärts geht (+4 Tsd.). Die Betriebe, die auch heute noch in der
Krise stecken, verringerten dagegen ihre Beschäftigungszahl um fast 7 Tsd. Personen.
Der
Frauenanteil an den Beschäftigten
liegt in den Betrieben Sachsens im Ergebnis eines
kontinuierlichen Anstiegs gegenwärtig bei 48 Prozent (Westdeutschland 45 Prozent). Eine
differenzierte Betrachtung der Betriebe, die sich im privaten Eigentum und der, die sich im
öffentlichen Eigentum befinden, zeigt, dass es hinsichtlich der Beschäftigungsanteile von
Frauen deutliche Unterschiede gibt. Während der Frauenanteil im Juni 2010 in Betrieben in
Privateigentum bei 44 Prozent lag, erreichte er in Betrieben im öffentlichen Bereich mit
60 Prozent erwartungsgemäß deutlich höhere Werte.
Die große Mehrheit der Betriebe in Sachsen (82 Prozent) geht bis Mitte 2011
von einem sta-
bilen Beschäftigungsniveau aus. Der Anteil der Betriebe mit erwartetem Personalabbau liegt
nur noch bei 6 Prozent, während der Anteil der Betriebe mit Beschäftigungszuwachs
12 Prozent beträgt. Damit ist die Zahl der Betriebe mit erwartetem Stellenzuwachs doppelt
so hoch wie die Zahl der Betriebe mit erwartetem Stellenabbau.
Praktikanten und freie Mitarbeiter
Gesondert werden durch das IAB-Betriebspanel Praktikanten sowie freie Mitarbeiter mit
Werk- oder Dienstverträgen erfasst. Sie bilden ein zusätzliches Beschäftigungspotenzial (ca.
48 Tsd. Personen), das laut Definition und Fragestellung des IAB-Betriebspanels nicht zu
den Beschäftigen der Betriebe zählt, wie es bisher analysiert wurde (vgl. Tabelle 4).
Tabelle 4:
Praktikanten und freie Mitarbeiter nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 2010 (Stand: 30. Juni) (alle Betriebe)
Länder
Anteil der Betriebe mit …
Beschäftigte als …
Praktikanten
freien Mitarbeitern
Praktikanten
freie Mitarbeiter
Prozent Tsd. Personen
Sachsen 13 5 31 17
Mecklenburg-Vorpommern 15 5 13 8
Brandenburg 13 5 15 8
Sachsen-Anhalt 16 5 17 8
Thüringen 12 5 12 8
Berlin 15 11 23 57
Ostdeutschland
14
6
111
106
Westdeutschland 15 8 492 550
Der Einsatz von Praktikanten ist durchaus ambivalent: Einerseits sammeln Praktikanten Be-
rufserfahrungen, andererseits werden oftmals Jungakademiker, die noch keinen regulären

19
Arbeitsplatz finden konnten, von den Betrieben eingestellt (z. T. unentgeltlich) und dadurch
häufig reguläre Arbeitsverhältnisse durch den Einsatz hochmotivierter, kostengünstiger Prak-
tikanten ersetzt. Die Anzahl der Praktikanten lag in Sachsen 2010 bei 31 Tsd. Personen.
Belief sie sich 2005 noch auf weit über 50 Tsd. (2003 waren es 61 Tsd. Personen) und mehr
Personen, ist sie inzwischen in etwa auf die Hälfte gesunken.
Freie Mitarbeiter
(mit Werk- oder Dienstverträgen) sind oft hochqualifiziert und auf bestimmte
Aufgaben spezialisiert. Ein freier Mitarbeiter kann Freiberufler oder Gewerbetreibender sein
oder auch ein Angestellter bei einem ersten Betrieb, der die freie Mitarbeit bei einem zweiten
Betrieb nebenberuflich ausübt. Freie Mitarbeiter werden sehr häufig in Beschäftigungsberei-
chen genutzt, in denen abhängig von den jeweiligen Aufträgen schnell Engpässe eintreten,
feste Mitarbeiter aber wegen der hohen Fixkosten nicht rentabel wären.
8
Die Anzahl der frei-
en Mitarbeiter lag in Sachsen 2010 bei nur noch 17 Tsd. Personen, in den Jahren zuvor lag
deren Zahl bei über 30 Tsd. Personen. Diese Entwicklung zeigt, dass es offenbar einen deut-
lichen Zusammenhang zwischen der Betroffenheit der sächsischen Betriebe von der Krise
und ihrem Bedarf an Praktikanten und freien Mitarbeitern gibt. Krisenbetriebe greifen aktuell
in geringerem Maße auf diese Personengruppe zurück als Nichtkrisenbetriebe.
3.2.1 Branchen
Trotz fortschreitender, wenn auch sehr langsamer Angleichung der ostdeutschen an die
westdeutsche Branchenstruktur der Betriebe, gibt es nach wie vor größere Unterschiede bei
der Beschäftigtenstruktur:
In Sachsen werden im Vergleich zu Westdeutschland das höhere Gewicht des Baugewerbes
sowie der höhere Anteil des Bereiches Erziehung und Unterricht deutlich. Sachsen weist
beim verarbeitenden Gewerbe in Relation zu Ostdeutschland insgesamt ein deutlich höheres
Gewicht auf. Dies kann als erfolgreiche Re-Industrialisierung gewertet werden. Geringer sind
die Anteile in Handel und Reparatur (vgl. Tabelle 5).
8
Müsste ein freier Mitarbeiter nach dem Gesamterscheinungsbild seiner Tätigkeit eigentlich einen Angestelltenvertrag be-
kommen, so kann eine Scheinselbstständigkeit vorliegen.

20
Tabelle 5:
Betriebe und Beschäftigte in Sachsen 2010 (Stand: 30. Juni) nach Branchen** (alle Betriebe)
Branche Beschäftigte
Verteilung
Vertei-
lung der
Betriebe
Anzahl Anzahl je
Betrieb
Sachsen Ost-
deutsch-
land
West-
deutsch-
land
Prozent Tsd.
Personen
Personen
Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
2
25
10
1
2
1
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 1 28 25 2 2 2
Verarbeitendes Gewerbe 10 310 26 19 15 21
Baugewerbe 13 129 9 8 7 6
Handel und Reparatur
20
235
10
14
13
16
Verkehr/Information/Kommunikation* 6 98 15 6 7 7
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen* 3 26 8 2 2 4
Dienstleistungen 42 650 14 39 40 35
Unternehmensnahe Dienstleistungen 17 231 12 14 15 13
Erziehung und Unterricht*
3
95
31
6
5
4
Gesundheits- und Sozialwesen
11
219
17
13
13
12
Übrige Dienstleistungen 12 105 8 6 7 6
Organisationen ohne Erwerbszweck*
2
29
11
2
2
1
Öffentliche Verwaltung
1
118
78
7
10
7
Insgesamt 100 1.648 14 100 100 100
Darunter
Wissenswirtschaft 19 356 17 22 20 23
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Bei einem Beschäftigungszuwachs zwischen Mitte 2009 und Mitte 2010 in Sachsen von
34 Tsd. Personen bzw. gut 2 Prozent zeigt die Untersuchung nach Branchen folgende Ent-
wicklung:
Im verarbeitenden Gewerbe
hat sich die Beschäftigtenzahl bis Mitte 2010 stabilisiert.
Der Dienstleistungssektor
war in den letzten Jahren Gewinner im Strukturwandel.
Dies traf auch für das Jahr 2010 zu. Mit Ausnahme der übrigen Dienstleistungen
(Rückgang um 2 Prozent) stieg die Beschäftigung in allen anderen Bereichen dieses
Sektors gegenüber 2009 an: im Bereich Erziehung und Unterricht um knapp 1 Pro-
zent, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in den unternehmensnahen Dienstleis-
tungen sogar um jeweils 5 Prozent.
Die langjährige schwierige wirtschaftliche Lage in der Bauwirtschaft
entspannt sich;
die Beschäftigungszahl hat sich nicht zuletzt durch die Konjunkturpakete um
fast 4 Prozent erhöht.
Die Beschäftigtenzahlen im Bereich Handel und Reparatur
sind um 2 Prozent, bei Fi-
nanz- und Versicherungsdienstleistern sogar um 13 Prozent gestiegen.
Langfristig hat sich die Beschäftigungsstruktur nach Branchen in Sachsen deutlich verändert.
Dem sich seit Mitte der 1990er Jahre bis 2010 vollziehenden Beschäftigungsrückgang im
produzierenden Gewerbe von insgesamt 19 Prozent steht ein Beschäftigungszuwachs im
Dienstleistungsgewerbe von ca. 24 Prozent gegenüber.
9
Darüber hinaus vollziehen sich aber auch innerhalb des produzierenden Gewerbes
und in-
nerhalb der Dienstleistungen Veränderungen, die beschäftigungsseitig durchaus gegenläufig
sein können. Daher erscheint neben der gewohnten Brancheneinteilung auch eine gesonder-
9
Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen der Panelwellen bis 2008 vergleich-
bar.

21
te Betrachtung der
Wissenswirtschaft
10
sinnvoll. Die Wissenswirtschaft identifiziert im
Rahmen einer Branchenbetrachtung forschungsintensive Industrien
– das sind Branchen, in
denen Gütergruppen mit einem hohen Aufwand an Forschungs- und Entwicklungsleistungen
hergestellt werden und damit auf den Einsatz von Wissen angewiesen sind - und wissensin-
tensive Dienstleistungen
11
– das sind Branchen, die vorwiegend durch Informationstechnolo-
gien sowie Forschung und Entwicklung charakterisiert sind.
Die Wissenswirtschaft spielt für die wirtschaftliche Entwicklung in Sachsen eine wichtige Rol-
le. Nach Informationen aus dem IAB-Betriebspanel 2010 sind in Sachsen wie in Ostdeutsch-
land 19 Prozent und in Westdeutschland 18 Prozent der Betriebe
der Wissenswirtschaft
zuzuordnen. Den überwiegenden Teil (ca. 17 Prozent) davon machen Betriebe in den unter-
nehmensnahen Dienstleistungen aus. Der Rest entfällt auf die Betriebe der FuE-intensiven
Bereiche des verarbeitenden Gewerbes.
In den sächsischen Betrieben der Wissenswirtschaft arbeiten insgesamt 22 Prozent (West-
deutschland 23 Prozent) aller Beschäftigten,
darunter 14 Prozent im Bereich der unterneh-
mensnahen Dienstleistungen und 8 Prozent in forschungsintensiven Bereichen des verarbei-
tenden Gewerbes.
3.2.2 Betriebsgrößenklassen
Die Verteilung der Betriebe und Beschäftigten auf Betriebsgrößenklassen
12
zeigt in Sachsen
eine stärkere Konzentration auf Kleinstbetrieben mit weniger als 5 Beschäftigten. Auf diese
Betriebsgruppe entfallen in Sachsen 49 Prozent der Betriebe mit 10 Prozent aller Beschäftig-
ten (Westdeutschland: 42 Prozent der Betriebe, 6 Prozent der Beschäftigten). Demgegen-
über liegt der Anteil größerer Betriebe mit 250 und mehr Beschäftigten in Sachsen wie auch
in Ost- und Westdeutschland unterhalb von 1 Prozent. Die Beschäftigtenanteile in dieser
Betriebsgruppe liegen allerdings in Westdeutschland mit 30 Prozent deutlich höher als in
Sachsen mit 21 Prozent. Die durchschnittliche Beschäftigtenzahl in den Betrieben Sachsens
lag Mitte 2010 bei 14 Personen
13
(in Westdeutschland bei 18 Personen) (vgl. Tabelle 6).
In Sachsen scheint sich die ungünstige kleinteilige Betriebsgrößenstruktur zu verfestigen.
Eine Angleichung der Betriebsstruktur an Westdeutschland hinsichtlich der Betriebsgröße ist
– wie bei den Branchen – in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten. Dies hat nachteilige Aus-
wirkungen auf das Produktivitätsniveau in Sachsen, da die Kleinbetriebe häufig nur die Hälfte
des Niveaus größerer Betriebe erreichen.
10
Die Betrachtung der Wissenswirtschaft erfolgte in Anlehnung an die Abgrenzung der „Wissenswirtschaft“, wie sie vom
Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung (NIW) und dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsfor-
schung (ISI) (NIW/ISI-Liste 2006) vorgenommen wurde. (Vgl. Harald Legler, Rainer Frietsch: Neuabgrenzung der Wissens-
wirtschaft – forschungsintensive Industrien und wissensintensive Dienstleistungen (NIW/ISI-Listen 2006). In: Studien zum
deutschen Innovationssystem, Nr. 22-2007, Hrsg. Bundesministerium für Bildung und Forschung, S. 14 ff. sowie Bericht zur
technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2007. Hrsg. Bundesministerium für Bildung und Forschung, S. 166 ff.) Zur
Definition und Bedeutung der Wissenswirtschaft vergleiche auch: Fischer u. a.: Langfristig handeln, Mangel vermeiden: Be-
triebliche Strategien zur Deckung des Fachkräftebedarfs. Ergebnisse des IAB-Betriebspanels 2007. In: IAB Forschungsbe-
richt Nr. 3/2008, S. 8 ff.
11
Zu den Dienstleistern der Informationsgesellschaft zählen laut Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) IKT-
Dienstleister (Softwareunternehmen, IT-Dienste, IKT-Handel, Telekommunikationsdienstleister) und Wissensintensive
Dienstleister (Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung, Unternehmensberatung, Architekturbüros, technische Beratung und
Planung, Forschung und Entwicklung, Werbung).
12
Beschäftigungsseitig werden die Unternehmen nach der seit dem 1.1.2005 geltenden KMU-Definition der Europäischen
Union gruppiert: „Kleinstunternehmen“ – weniger als 10 Beschäftigte; „Kleinunternehmen“ – weniger als 50 Beschäftigte;
„mittlere Unternehmen“ – weniger als 250 Beschäftigte. Im IAB-Betriebspanel wird dieser Einteilung beim Ausweis der Be-
triebsgrößenklassen Rechnung getragen, wobei aufgrund des Umfangs von Kleinstunternehmen mit weniger als
5 Beschäftigten diese Betriebsgruppe innerhalb der Kleinstbetriebe gesondert ausgewiesen wird.
13
Bei der Bewertung dieser Zahl muss beachtet werden, dass die Panelerhebung nach dem Betriebs- und nicht nach dem
Unternehmenskonzept erfolgt, d. h., dass beispielsweise große Unternehmen nicht als eine Einheit befragt werden, sondern
jeder Betrieb getrennt. Da sich Großunternehmen zunehmend dezentralisieren und häufig in wirtschaftlich selbstständige
Betriebe aufspalten, besteht auch dadurch eine Tendenz zur Verkleinerung der Betriebsgröße.

22
Tabelle 6:
Betriebe und Beschäftigte in Sachsen 2010 (Stand: 30. Juni) nach Betriebsgrößenklassen (alle Betriebe)
Betriebsgrößenklasse Beschäftigte
Verteilung
Vertei-
lung der
Betriebe
Anzahl Anzahl je
Betrieb
Sachsen Ost-
deutsch-
land
West-
deutsch-
land
Prozent Tsd.
Personen
Personen
Prozent
1 bis
4 Beschäftigte
49
157
3
10
9
6
5 bis
9 Beschäftigte
27
200
7
12
12
11
10 bis
49 Beschäftigte
20
465
21
28
27
27
50 bis 249 Beschäftigte
4
477
95
29
28
26
ab 250 Beschäftigte
0 349 617 21 24 30
Insgesamt
100 1.648 14 100 100 100
Eine Betrachtung der Beschäftigungsentwicklung zwischen 2009 und 2010 in Sachsen nach
Betriebsgrößenklassen zeigt, dass alle Betriebsgrößenklassen zum Beschäftigungszuwachs
beigetragen haben. Die Kleinstbetriebe hatten einen Zuwachs von insgesamt ca. 9 Tsd. Per-
sonen zu verzeichnen. Mit 14 Tsd. Personen entfiel der größte Anteil am Zuwachs
(41 Prozent) auf die Kleinbetriebe. Mittlere Betriebe beschäftigten 2010 etwa 4 Tsd. Perso-
nen mehr gegenüber dem Vorjahr, und bei den Großbetrieben mit mehr als 250 Beschäf-
tigten waren es + 7 Tsd. Personen.
Hinsichtlich der Größenstruktur unterscheiden sich die Betriebe in den beiden Teilbereichen
der Wissenswirtschaft
deutlich. Bei den Betrieben der FuE-intensiven Bereiche des verarbei-
tenden Gewerbes handelt es sich eher um größere Betriebe (durchschnittliche Betriebsgröße
50 Personen, Westdeutschland 94 Personen), wohingegen in den unternehmensnahen
Dienstleistungen überdurchschnittlich viele kleine Betriebe (durchschnittliche Betriebsgröße
12 Personen, Westdeutschland 14 Personen) mit weniger als zehn Beschäftigten zu finden
sind.
3.2.3 Eigentumsverhältnisse
Im Rahmen des Transformationsprozesses ist in Sachsen eine Betriebslandschaft mit unter-
schiedlichen
Eigentumsverhältnissen
entstanden. Vor allem im Zuge der Privatisierung,
aber auch im Rahmen der Gründungswelle von neuen Betrieben, ergab sich eine differen-
zierte Eigentumsstruktur bei den sächsischen Betrieben. Tabelle 7 zeigt die Zusammen-
setzung der Betriebslandschaft in Sachsen nach den Eigentumsverhältnissen. An diesen
Relationen hat sich seit Beendigung der Privatisierungsphase durch die Treuhandanstalt
Mitte der 1990er Jahre kaum etwas verändert.
Über die Hälfte der Beschäftigten Sachsens ist in Betrieben in ostdeutschem Eigentum tätig.
17 Prozent der Beschäftigten entfallen auf Betriebe in westdeutschem Eigentum.
14
Da aber
nur 6 Prozent der Betriebe westdeutsche Eigentümer haben, ist offensichtlich, dass es sich
dabei eher um mittlere oder größere Betriebe handelt. Gleiches gilt für Betriebe in aus-
ländischem Besitz. Dies ist auch an der durchschnittlichen Betriebsgröße erkennbar (Betrie-
be in ostdeutschem Eigentum: 10 Beschäftigte, Betriebe in westdeutschem und ausländi-
schem Eigentum: 37 bzw. 28 Beschäftigte).
14
Die Zuordnung erfolgt nach dem Kriterium „mehrheitlich oder ausschließlich“.

23
Tabelle 7:
Betriebe und Beschäftigte in Sachsen 2010 (Stand: 30. Juni) nach den Eigentumsverhältnissen der Betriebe (alle
Betriebe)
Eigentumsverhältnis Beschäftigte
Verteilung der
Betriebe
Anzahl
Anzahl je Betrieb
Verteilung
Prozent Tsd. Personen Personen Prozent
Ostdeutsches Eigentum
83
905
10
55
Westdeutsches Eigentum
6
275
37
17
Ausländisches Eigentum
2
62
28
4
Öffentliches Eigentum
3
249
65
15
Sonstiges bzw. nicht bekannt
6
157
24
9
Sachsen insgesamt
100
1.648
14
100
3.2.4 Tätigkeitsgruppen (Qualifikation)
Die Verteilung der Beschäftigten auf Tätigkeitsgruppen ordnet diese nach ihrer ausgeübten
Tätigkeit
15
und lässt damit Rückschlüsse auf die Qualifikationsanforderungen an den ent-
sprechenden Arbeitsplätzen zu.
11 Prozent der Beschäftigten (ohne Auszubildende) waren 2010 auf Arbeitsplätzen für einfa-
che Tätigkeiten eingesetzt, die keine Berufsausbildung erforderten; 65 Prozent der Beschäf-
tigten waren auf Arbeitsplätzen tätig, die einen Berufsabschluss voraussetzten. 17 Prozent
waren Angestellte/Beamte für qualifizierte Tätigkeiten (mit abgeschlossenem Hochschul-
bzw. Fachhochschulstudium) und 7 Prozent waren tätige Inhaber/Vorstände oder Geschäfts-
führer (vgl. Tabelle 8).
Die Befragungsergebnisse belegen, dass es nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen
und Männern hinsichtlich ihres Einsatzes nach Qualifikationsanforderungen gibt.
15
Die Beschäftigten werden in Abhängigkeit von ihrer ausgeübten Tätigkeit unterteilt in „Beschäftigte für einfache Tätigkeiten“,
das sind un- und angelernte Arbeiter sowie Angestellte/Beamte für einfache Tätigkeiten; „Beschäftigte mit Berufsabschluss“,
das sind Facharbeiter sowie Angestellte/Beamte mit abgeschlossener Lehre; in „Beschäftigte für qualifizierte Tätigkeiten mit
Hochschul- bzw. Fachhochschulabschluss“ sowie in „Tätige Inhaber/Vorstände/Geschäftsführer“.

24
Tabelle 8:
Beschäftigte (ohne Auszubildende) in Sachsen 2010 (Stand: 30. Juni) nach Tätigkeitsgruppen und Branchen**
(alle Betriebe)
Branche
Beschäftigte für einfa-
che Tätigkeiten
Beschäftigte mit
Berufsabschluss
Beschäftigte mit Hoch-
schul- oder Fach-
hochschulabschluss
Tätige Inha-
ber/Vorstände/Ge-
schäftsführer
Beschäftigte
insgesamt
Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
5
73
11
11
100
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 11 64 21 4 100
Verarbeitendes Gewerbe
11
73
12
4
100
Baugewerbe 3 81 5 11 100
Handel und Reparatur
9
76
6
9
100
Verkehr/Information/Kommunikation* 4 80 9 7 100
Finanz-/Versicherungsdienstleistung.* 0 79 6 15 100
Dienstleistungen 16 53 24 7 100
Unternehmensnahe Dienstleistungen
20
49
22
9
100
Erziehung und Unterricht*
3
34
61
2
100
Gesundheits- und Sozialwesen
11
64
20
5
100
Übrige Dienstleistungen 29 55 2 14 100
Organisationen ohne Erwerbszweck*
22
49
26
3
100
Öffentliche Verwaltung
5
62
32
1
100
Sachsen insgesamt
11
65
17
7
100
Darunter
Wissenswirtschaft
17
56
21
6
100
Ostdeutschland 13 63 17 7 100
Westdeutschland
23
58
13
6
100
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Tabelle 8 zeigt auch, welchen Anteil die einzelnen Tätigkeitsgruppen in den verschiedenen
Branchen Sachsens aufweisen:
Nicht überraschend ist der hohe Anteil der Beschäftigten für einfache Tätigkeiten
in
den übrigen Dienstleistungen (29 Prozent), was auf die niedrige Qualifikationsstruktur
vor allem im großen Bereich Gaststätten, aber auch bei Wäscherei/Reinigung zu-
rückzuführen ist. Auch in den unternehmensnahen Dienstleistungen ist der Anteil un-
und angelernter Arbeitskräfte mit 20 Prozent hoch, da neben anspruchsvollen Ar-
beitsaufgaben auch einfache Tätigkeiten - wie z. B. Reinigungsarbeiten, Wachdiens-
te, Catering - ausgeführt werden.
Beschäftigte mit Berufsabschluss
dagegen haben ihren Schwerpunkt naturgemäß mit
73 bis 81 Prozent in der Land- und Forstwirtschaft, im verarbeitenden Gewerbe, in
den Bereichen Handel/Reparatur, Verkehr/Information/Kommunikation sowie in Fi-
nanz-/Versicherungsdienstleistungen und im Baugewerbe.
Beschäftigte für qualifizierte Tätigkeiten mit Hochschul- bzw. Fachhochschulab-
schluss sind erwartungsgemäß mit einem Beschäftigtenanteil von 61 Prozent im Be-
reich Erziehung und Unterricht sowie in der öffentlichen Verwaltung (32 Prozent) kon-
zentriert. Demgegenüber weisen das Baugewerbe, die Bereiche Handel/Reparatur,
Land- und Forstwirtschaft sowie die übrigen Dienstleistungen nur Werte von ca. 2
bis 11 Prozent auf.

25
Auch die
Wissenswirtschaft
weist einen deutlich höheren Anteil an Hochschul- bzw.
Fachhochschulabsolventen (21 Prozent) auf als der Durchschnitt der anderen Bran-
chen in der Privatwirtschaft. Dies bezieht sich gleichermaßen auf die forschungs- und
entwicklungsintensiven Branchen des verarbeitenden Gewerbes und die unterneh-
mensnahen Dienstleistungen.
Tätige Inhaber
sind in besonderem Maße bei Finanz- und Versicherungs-
dienstleistern (15 Prozent), im Baugewerbe (12 Prozent) sowie in den übrigen Dienst-
leistungen (14 Prozent) vertreten. Sie konzentrieren sich vor allem auf Betriebe mit
weniger als 5 Beschäftigten (34 Prozent).
Die Angaben des IAB-Betriebspanels verdeutlichen, dass es nach wie vor in Sachsen und
Ostdeutschland gegenüber Westdeutschland große Unterschiede in den Angaben der Be-
triebe zu Tätigkeiten mit und ohne erforderliche Berufsausbildung gibt. Der Anteil der Tätig-
keiten, bei denen eine Berufsausbildung vorausgesetzt wird, ist in den neuen Ländern immer
noch höher als in den alten. Ein Grund hierfür könnte darin bestehen, dass sich 83 Prozent
aller Betriebe in Sachsen in ostdeutschem Eigentum befinden, so dass davon auszugehen
ist, dass ein Großteil dieser Betriebe die qualifikatorischen Anforderungen an Arbeitsplätze
immer noch vor dem Erfahrungshintergrund der Personalpolitik der DDR definiert. Aus den
vorangegangenen Befragungswellen ist bekannt, dass insbesondere der Tätigkeitsanteil mit
erforderlichem Facharbeiterabschluss in Sachsen fast doppelt so hoch ist wie in westdeut-
schen Betrieben.
16
Umgekehrt ist es bei Tätigkeiten, die keine berufliche Ausbildung voraus-
setzen.
Das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften ist in den ostdeutschen Bundesländern ver-
gleichsweise hoch. Dies kann sich auf das Anspruchsniveau der Betriebe auswirken, die
möglicherweise bevorzugt Beschäftigte mit Berufsabschluss einstellen wollen. Einfachar-
beitsplätze sind heute keineswegs vorwiegend mit Ungelernten besetzt. Auf 63 Prozent die-
ser Arbeitsplätze entfallen Mitarbeiter mit formaler Qualifizierung.
17
Auch ist der Anteil geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse in Westdeutschland deutlich
höher als in sächsischen Betrieben (12 zu 7 Prozent). Da es sich bei diesen Beschäftigungs-
verhältnissen in der Regel um un- und angelernte Tätigkeiten handelt, erklärt sich auch hier-
aus der höhere Anteil an Einfacharbeitsplätzen in westdeutschen Betrieben.
Zusammenfassend zeigt ein Niveauvergleich
mit Westdeutschland:
Der Anteil der Beschäftigten für Tätigkeiten, die eine Berufsausbildung erfordern, ist
in Sachsen um 7 Prozentpunkte höher als in Westdeutschland. Auch der Anteil von
Tätigkeiten für Hochqualifizierte ist in Sachsen um 4 Prozentpunkte höher.
Umgekehrt ist es bei Beschäftigten, deren Tätigkeit keine berufliche Ausbildung vor-
aussetzt. Ihr Anteil liegt um 12 Prozentpunkte niedriger als in Westdeutschland.
Eine Zeitreihenbetrachtung
seit 1996 für Sachsen über 15 Panelwellen hinweg signalisiert
deutliche Veränderungen der qualifikatorischen Zusammensetzung der Beschäftigten, und
zwar eindeutig in Richtung steigender Qualifikationsanforderungen. Der Anteil der einfachen
Tätigkeiten hat sich 2010 im Vergleich zu 1996 deutlich verringert, demgegenüber ist der
Anteil qualifizierter Arbeitskräfte in den vergangenen 15 Jahren angestiegen (vgl. Abbil-
dung 7). Trotz der zunehmenden Bedeutung der qualifizierten Arbeit kann von einer Margi-
nalisierung einfacher Arbeit nicht gesprochen werden. In den letzten Jahren ist der Anteil der
einfachen Arbeit nahezu konstant geblieben.
18
„Zwar nimmt die Zahl qualifizierter Beschäftig-
ter zu, dies geschieht allerdings weniger zulasten der Geringqualifizierten als vielmehr zulas-
16
Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der zehnten Welle 2005, April 2006, S.22 f.
17
Vgl. Claudia Weinkopf: Gar nicht so einfach?! Perspektiven für die Qualifizierung, Arbeitsgestaltung und Entlohnung. In:
Perspektiven der Erwerbsarbeit: Einfache Arbeit in Deutschland, Dokumentation einer Fachkonferenz der Friedrich-Ebert-
Stiftung, WISO Diskurs, Juni 2007, S. 27.
18
Vgl. Lutz Bellmann/Jens Stegmaier: Einfache Arbeit in Deutschland - Restgröße oder relevanter Beschäftigungsbereich? In:
Perspektiven der Erwerbsarbeit ..., a. a. O., S. 16.

image
26
ten der Facharbeit. Im Dienstleistungsbereich kann sogar von einem Bedeutungszuwachs
einfacher Arbeit gesprochen werden.“
19
Abbildung 7:
Beschäftigte (ohne Auszubildende) nach Tätigkeitsgruppen 1996 bis 2010 (Stand: 30. Juni) in Sachsen
Das ohne Zweifel vorhandene hohe Qualifikationsniveau der Erwerbstätigen stellt einen
wichtigen Vorzug Sachsens bei der Standortwerbung und der Ansiedlungsförderung dar, vor
allem im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung des Fachkräftepotenzials.
3.2.5 Betriebliche Arbeitszeiten
Die aktuelle Diskussion um den Wirtschaftsstandort Deutschland bezieht auch die Arbeitszeit
mit ein.
20
Aber auch im nationalen Vergleich zwischen den neuen und den alten Bundeslän-
dern ist die Arbeitszeit Gegenstand der Diskussion: einerseits unter dem Gesichtspunkt der
Herstellung gleicher Arbeits- und Lebensbedingungen, andererseits als Wettbewerbsvorteil
der neuen Bundesländer im Zusammenhang mit dem sich nur zögerlich vollziehenden An-
gleichungsprozess. Bei vielen Vergleichen (Lebensstandard, Produktivität, Lohn) zwischen
den alten und den neuen Bundesländern sollte das unterschiedliche Arbeitszeitvolumen
be-
achtet werden. Dabei gibt es vier
Einflussfaktoren: Zum einen ist es die durchschnittlich ver-
einbarte Wochenarbeitszeit für Vollzeitbeschäftigte, zweitens der Verbreitungsgrad der Teil-
zeitarbeit und drittens die dabei vereinbarte Wochenarbeitszeit der Teilzeitbeschäftigten so-
wie viertens die Zahl der Feiertage (die auf Arbeitstage entfallen). Die vorliegenden Ergeb-
nisse für das Jahr 2010 belegen, dass ein Vollzeitbeschäftigter in Sachsen wöchentlich etwa
0,9 Stunden länger arbeitete als ein Vollzeitbeschäftigter in Westdeutschland. Die Teilzeit-
quote war um knapp 3 Prozentpunkte niedriger als in Westdeutschland und die wöchentliche
Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten um 4,8 Stunden länger (vollzeitnahe Teilzeitbeschäfti-
19
Vgl. Ruth Brandherm: Zusammenfassung. In: Perspektiven der Erwerbsarbeit ..., ebenda, S. 4.
20
Lt. einer EU-Studie zu Arbeitszeiten 2008 ist die Wochenarbeitszeit je Vollzeitbeschäftigten in Deutschland im europaweiten
Vergleich höher als in den meisten EU-Ländern (Deutschland 41,2 Std., EU-Durchschnitt 40,4 Std.). Auch hat sich die Wo-
chenarbeitszeit zwischen 2003 und 2008 in Deutschland um 1,6 Std. erhöht. Vgl. Working time development – 2008,
http://www.eurofound.europa.eu/eiro/studies/tn0903039s/tn0903039s.htm.
Vergleicht man dagegen die Jahresarbeitszeiten
(neben der Berücksichtigung der Wochenarbeitszeit erfolgt auch die Einbeziehung des Urlaubsanspruchs und der Feierta-
ge) im internationalen Maßstab, so zählt Deutschland – neben Schweden, Dänemark und Frankreich – zu den EU-Ländern
mit der niedrigsten Jahresarbeitszeit. Vgl. Früher Feierabend. In: iwd, Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirt-
schaft Köln, Nr. 46, 12. November 2009, S. 1.

image
27
gung). Damit arbeitete ein Beschäftigter in Sachsen 2010 im Durchschnitt wöchentlich 2,5
Stunden länger als sein westdeutscher Kollege. Dadurch entspricht die durchschnittliche
wöchentliche Mehrarbeit eines Beschäftigten in Sachsen einem jährlichen Arbeitszeitvolu-
men von ca. 3,5 Wochen (die Anzahl der Feiertage war 2010 in Sachsen nicht geringer,
beim Urlaub gibt es kaum noch Unterschiede).
Länge der Wochenarbeitszeit
Die durchschnittlich vereinbarte
wöchentliche Arbeitszeit je Vollzeitbeschäftigten beträgt
2010 nach Panel-Angaben in Sachsen 39,6 Stunden (Westdeutschland 38,7 Stunden). In
Sachsen wurde bis Mitte der 1990er Jahre die Wochenarbeitszeit verkürzt, danach hat sich
die durchschnittlich vereinbarte Wochenarbeitzeit kaum noch verändert (vgl. Abbildung 8).
Demgegenüber ist die Wochenarbeitszeit in Westdeutschland seit 1996 bis 2008 kontinuier-
lich um insgesamt 0,9 Stunden angestiegen, in den letzten beiden Jahren blieb sie in etwa
konstant.
21
Abbildung 8:
Entwicklung der durchschnittlich vereinbarten Wochenarbeitszeit je Vollzeitbeschäftigten zwischen 1996 und
2010 in Sachsen, Ost- und Westdeutschland
*
Errechnete Werte, da für 2005 und 2007 die Daten nicht erfragt wurden.
Überstunden
Nach den Ergebnissen des IAB-Betriebspanels wurden fast in jedem zweiten sächsischen
Betrieb
(47 Prozent) im Jahr 2009 sowohl transitorische als auch definitive Überstunden
22
geleistet.
Im Zeitvergleich ist festzustellen, dass der Anteil der Betriebe mit Überstunden in Sachsen
wie in Ost- und Westdeutschland in der Tendenz relativ konstant war. Infolge der Finanz-
21
Vgl. auch „Zurück zur 40-Stunden-Woche“. In: iwd, Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Nr. 27,
8. Juli 2010, S. 1 sowie die Diskussionen zur Verlängerung der Wochenarbeitszeit als Maßnahme zur Bekämpfung des
Fachkräftemangels (DIW, IWH und IW Köln)
http://www.focus.de/finanzen/news/fachkraeftemangel-das-ende-der-38-
stunden-woche_aid_565040.html.
22
Bei den „transitorischen Überstunden“ findet ein Zeitausgleich statt; die „definitiven Überstunden“ werden (mit oder ohne
Zuschläge) bezahlt
oder unentgeltlich geleistet.

image
28
und Wirtschaftskrise ist der Anteil der Betriebe mit Überstunden in den Jahren 2008 und
2009 gesunken (vgl. Abbildung 9).
Abbildung 9:
Anteil der Betriebe mit Überstunden in Sachsen, Ost- und Westdeutschland 1996 bis 2009
*
Gilt für das 1. Halbjahr.
** Errechnete Werte, da für 1999, 2004 und 2006 die Daten nicht erfragt wurden.
Von den Betrieben mit Überstunden gleichen über die Hälfte der Betriebe (52 Prozent) die
geleisteten Überstunden ausschließlich durch Freizeit aus, nur bei 7 Prozent erfolgt generell
ein finanzieller Ausgleich. Weitere 35 Prozent praktizieren sowohl den Freizeit- als auch den
finanziellen Ausgleich und schließlich gleichen 6 Prozent Überstunden überhaupt nicht aus.
Neben Überstunden (47 Prozent der Betriebe) gibt es eine Reihe weiterer Instrumente zur
Arbeitszeitsteuerung. Beachtliche Größenordnungen werden vor allem bei der bedarfsab-
hängigen Samstagsarbeit (44 Prozent), der Anwendung versetzter Arbeitszeiten (41 Prozent)
sowie der ständigen oder regelmäßigen Samstagsarbeit
(31 Prozent) erreicht (vgl. Tabel-
le 9).

29
Tabelle 9:
Betriebe mit weiteren Instrumenten der Arbeitszeitsteuerung in Sachsen nach Betriebsgrößenklassen (Anteil an
der Zahl der Betriebe, Mehrfachnennungen, Stand: 30. Juni 2010)
Betriebsgrößenklasse
Ständige
oder
regelmä-
ßige
Sams-
tags-
arbeit
Bedarfs-
abhän-
gige
Sams-
tags-
arbeit
Ständige
oder
regelmä-
ßige
Sonn-
tagsarbeit
Versetzte
Arbeits-
zeiten
Schicht-
arbeit
Vertrau-
ensar-
beitszeit
Verän-
derte
Dauer
und Lage
von Teil-
zeit
Prozent
1 bis 4 Beschäftigte 26 40 9 37 6 28 13
5 bis 9 Beschäftigte 30 44 8 42 9 23 22
10 bis 49 Beschäftigte 41 51 16 48 37 16 17
50 bis 249 Beschäftigte 35 64 20 55 64 24 32
ab 250 Beschäftigte 42 47 40 72 64 28 56
Sachsen insgesamt 31 44 11 41 16 24 17
Arbeitszeit- und Langzeitkonten
Arbeitszeitkonten bieten den Betrieben ein mit Überstunden vergleichbares Flexibilitätspo-
tenzial, sind kostengünstiger und können beschäftigungsstabilisierend wirken. Sie erlauben,
vereinbarte Arbeitszeiten variabel zu verteilen. Zugleich profitieren die Beschäftigten in ihren
Möglichkeiten der Zeitgestaltung und gewinnen Handlungsspielräume für eine bessere Ab-
stimmung zwischen außerberuflichen und betrieblichen Zeitanforderungen. Inwieweit Ar-
beitszeitkonten im Konjunkturabschwung Beschäftigung stabilisieren, „hängt vor allem von
den Obergrenzen für Zeitguthaben und Zeitschulden sowie [die] den Ausgleichszeiträumen
der Kontenstände ab“
23
.
Laut IAB-Betriebspanel sind gegenwärtig in 32 Prozent der Betriebe Arbeitszeitkonten (von
der Gleitzeitarbeit bis hin zu Jahresarbeitszeitvereinbarungen) vorhanden und in 0,4 Prozent
geplant. Dies ist ein deutlicher Rückgang gegenüber 2009 (2009: 37 Prozent). Insgesamt
gelten Arbeitszeitkonten für 51 Prozent der Beschäftigten, das heißt, jeder zweite Arbeit-
nehmer in Sachsen ist in irgendeiner Form in vorhandene Regelungen zu Arbeitszeitkonten
eingebunden. Damit wird deutlich, dass die Betriebe in hohem Maße das Flexibilisierungspo-
tenzial von Arbeitszeitkonten nutzen (vgl. Tabelle 10).
Tabelle 10:
Betriebe und Beschäftigte mit Arbeitszeitkonten in Sachsen 2010 nach Betriebsgrößenklassen (Anteil an der Zahl
der Betriebe bzw. Beschäftigten, Stand: 30. Juni)
Betriebsgrößenklasse
Betriebe mit
Arbeitszeit-
konten
Betriebe mit
geplanten Ar-
beitszeitkonten
Beschäftigte mit vorhandenen
Arbeitszeitkonten
Anteil an allen Betrieben
Anzahl
Anteil an Be-
schäftigten
Prozent Tsd. Personen Prozent
1 bis
4 Beschäftigte
18
0
29
19
5 bis
9 Beschäftigte
33
0
58
29
10 bis
49 Beschäftigte
53
2
213
46
50 bis 249 Beschäftigte
76
1
321
67
ab 250 Beschäftigte
73 6 223 64
Sachsen insgesamt
32
0
844
51
In größeren Betrieben (ab 250 Beschäftigte) stehen zwei von drei Beschäftigten Arbeitszeit-
konten zur Verfügung. Dagegen sind Arbeitszeitkonten in kleinen Betrieben weit weniger
verbreitet. In der Entwicklung wird sich dieser Abstand noch verstärken, was anhand der
geplanten Einführung von Zeitkonten abzusehen ist (vgl. ebenfalls Tabelle 10).
23
Alexander Herzog-Stein, Hartmut Seifert: Stabile Beschäftigung durch flexible Arbeitszeiten. In: ARBEIT, Zeitschrift für
Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, 19. Jahrgang (2010), Heft 2 + 3, S. 149 ff.

30
Der Zeitraum, in dem die Abweichungen von der vereinbarten Sollarbeitszeit spätestens
ausgeglichen werden müssen,
wird in Betrieben unterschiedlich gewählt. 48 Prozent der
Betriebe (Westdeutschland 43 Prozent) wählen als Zeitraum das Jahr. Der Zeitraum bis zu
einem Halbjahr wird von 22 Prozent der Betriebe gewählt, ohne festen Ausgleichszeitraum
arbeiten 29 Prozent (Westdeutschland entsprechend 18 bzw. 36 Prozent) der Betriebe.
Im Zusammenhang mit der Flexibilisierungsdiskussion gewinnt die Frage an Bedeutung, ob
in den Betrieben über die relativ kurzfristigen Überstundenkonten hinaus, die durch die ver-
einbarte Sollarbeitszeit ausgeglichen werden müssen, auch separate Langzeitkonten
einge-
richtet werden könnten, um größere Arbeitszeitguthaben für längerfristige Arbeitsfreistellun-
gen anzusparen (Sabbaticals, Weiterbildungszeiten, Verkürzung der Lebensarbeitszeit
usw.). Offensichtlich spielen diese Formen in der Theorie eine größere Rolle als in der Pra-
xis, denn nur 2 Prozent der Betriebe Sachsens (Westdeutschland 2 Prozent) arbeitet mit
derartigen Langzeitkonten. Innerhalb der verschiedenen Formen der Langzeitkonten haben
die Langzeitfreistellungen (Sabbaticals) sowie die Verkürzung der Lebensarbeitszeit das
größte Gewicht. In zunehmendem Maße gewinnt auch das Ziel, für Familienzeiten und Wei-
terbildung freigestellt zu werden, an Bedeutung. Erwartungsgemäß steigt mit zunehmender
Betriebsgröße die Akzeptanz der verschiedenen Formen der Langzeitkonten (vgl. Tabel-
le 11).
Tabelle 11:
Vorhandensein von separaten Langzeitkonten in Sachsen 2010 nach Betriebsgrößenklassen (Anteil an der Zahl
der Betriebe; Stand: 30. Juni)
Betriebsgrößenklasse
davon (Mehrfachnennungen möglich)
Betriebe
mit Lang-
zeitkonten
Langzeit-
freistel-
lungen
(Sabbati-
cals)
Weiterbil-
dungs-
zeiten
Verkür-
zung der
Lebens-
arbeitszeit
Freistel-
lung für
Familien-
zeiten
Sonstiges
Prozent Prozent
1 bis
4 Beschäftigte
0
.....
5 bis 9 Beschäftigte 2 79 0 0 0 21
10 bis 49 Beschäftigte 3 55 16 22 15 21
50 bis 249 Beschäftigte 7 13 14 16 8 60
ab 250 Beschäftigte 15 27 22 80 52 10
Sachsen insgesamt 2 60 9 14 9 24
Fazit:
Das verausgabte jährliche Arbeitszeitvolumen ist in Sachsen höher als in Westdeutschland.
Die Mehrarbeit, die ein Sächsischer Beschäftigter im Durchschnitt im Jahr 2010 leistete, ent-
sprach einem Arbeitszeitvolumen von ca. 3,5 Wochen. Diese Unterschiede sollten bei den
verschiedenen Pro-Kopf-Vergleichen (Lebensstandard, Produktivität, Lohn) zwischen Sach-
sen und den alten Bundesländern beachtet werden.
Die unterschiedliche Krisenbetroffenheit der sächsischen Betriebe spiegelt sich in verschie-
denen Kennziffern (Überstunden, Arbeitszeitkonten, Langzeitkonten) wider. Die genannten
Arbeitszeitregelungen werden von den aktuellen Krisenbetrieben deutlich weniger in An-
spruch genommen als von Betrieben, die nicht von der Krise betroffen waren (vgl. Tabel-
le 12).

31
Tabelle 12:
Arbeitszeitgestaltung nach der Krisenbetroffenheit in Sachsen (alle Betriebe)
Wochenarbeits-
Anteil der Betriebe mit ...
zeit je Vollzeit-
beschäftigten
Überstunden Arbeitszeit-
konten
Langzeit-
konten
Krisenbetroffenheit
Stunden Prozent
Krisenbetriebe
39,5
39
32
0
Betrieb steckt noch in der Krise
39,4
33
18
0
Krise ist noch spürbar, es geht
aber wieder aufwärts
39,5 43 41 1
Krise ist überwunden
39,7
38
25
0
Nicht-Krisenbetriebe
39,7
50
32
2
Sachsen insgesamt
39,6
47
32
2
4.
Atypische Beschäftigung und Kurzarbeit
Die Untersuchungen im Rahmen des IAB-Betriebspanels weisen längerfristig eine abneh-
mende Bedeutung des so genannten Normalarbeitsverhältnisses für Sachsen aus. Gleich-
zeitig wächst der Stellenwert von Beschäftigungsverhältnissen, die davon abweichen. In der
aktuellen Panelwelle werden daher vertiefend atypische Beschäftigungsverhältnisse
24
unter-
sucht, darunter aktuelle Entwicklungen im Bereich der Leiharbeit. Angesichts der Finanz-
und Wirtschaftskrise wird schließlich der Frage nachgegangen, inwieweit diese dazu geführt
hat, dass Betriebe Mitte 2010 – wie bereits 2009 – verstärkt auf das arbeitsmarktpolitische
Instrument der Kurzarbeit zurückgegriffen haben. Die Darstellung folgt der aktuellen sozial-
wissenschaftlichen Diskussion, nach der Kurzarbeit nicht zu den atypischen Beschäftigungs-
verhältnissen gezählt wird.
4.1 Atypische Beschäftigungsverhältnisse
Das IAB-Betriebspanel erfasst regelmäßig den Umfang und die Struktur atypischer Beschäf-
tigungsverhältnisse. Atypische Beschäftigung stellt in der Fachliteratur einen Sammelbegriff
in Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis dar. Die zentralen Unterscheidungskriterien
25
sind: die Beschäftigungsstabilität in Form der Arbeitsplatzsicherheit, die gesetzlich bzw. tarif-
lich verankerte soziale Absicherung (Arbeitslosen-, Kranken-, Pflege- sowie Rentenversiche-
rung), eine existenzsichernde Einkommenshöhe, Teilhabechancen im Erwerbsleben (z. B.
Zugang zu Angeboten der beruflichen Weiterbildung, Aufstiegschancen etc.) sowie die Wei-
sungsgebundenheit des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber.
26
In dieser Abgrenzung
gelten folgende Beschäftigungsformen als atypisch:
Teilzeitarbeit einschließlich geringfügiger Beschäftigung (Mini-Jobs, Teilzeit-Midi-
Jobs, „klassische“ Teilzeit),
befristete Beschäftigung
27
(ungeförderte und geförderte Beschäftigung
28
),
Leiharbeit.
In der aktuellen Fachliteratur wird darauf verwiesen, dass atypische Beschäftigungsformen
nicht per se prekär sind, wenngleich sie vielfach Merkmale von unsicheren, zum Teil nicht
auf einem Rechtsanspruch basierenden Beschäftigungsverhältnissen aufweisen.
29
Daher
24
Seit der 14. Welle des IAB-Betriebspanels wird der Begriff der atypischen Beschäftigung verwendet. In den vorangegan-
genen Erhebungswellen wurde von Nicht-Standard-Beschäftigungsverhältnissen gesprochen.
25
Mindestens eines der folgenden Kriterien muss zutreffen.
26
Vgl. B. Keller; H. Seifert: Atypische Beschäftigungsverhältnisse: Flexibilität, soziale Sicherheit und Prekarität. In WSI Mittei-
lungen 5/2006, Düsseldorf, S. 235 ff. sowie Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Atypische Beschäftigung auf dem deutschen
Arbeitsmarkt. Begleitmaterial zum Pressegespräch am 9. September 2008 in Frankfurt am Main; Wiesbaden, 2008, insbes.
S. 5 f.
27
Eine Überschneidung von Teilzeit- und befristet Beschäftigten ist nach Angaben des SOEP (Sozio-oekonomisches Panel)
eher marginal gegeben.
28
Die Größenordnung geförderter Befristung resultiert aus den Angaben der Bundesagentur für Arbeit.
29
Vgl. T. Fuchs: Arbeit & Prekarität. Ausmaß und Problemlagen atypischer Beschäftigungsverhältnisse, Stadtbergen, 2006,
S. 5.

image
32
setzt sich zunehmend der Standpunkt durch, dass atypische Beschäftigung nicht mit Prekari-
tät gleichzusetzen ist. So kann beispielsweise sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäf-
tigung („klassische Teilzeit“) durchaus dem Beschäftigungswunsch von Arbeitnehmern unter
gegebenen persönlichen wie familiären Rahmenbedingungen entsprechen.
Deutliche Steigerung des Flexibilisierungsgrades
Atypische Beschäftigungsverhältnisse haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten als be-
triebliche Flexibilisierungsinstrumente an Bedeutung gewonnen. Ihre wichtigsten Funktionen
bestehen in einer verbesserten Anpassungsfähigkeit des Arbeitseinsatzes sowie in der Sen-
kung der anfallenden Arbeitskosten. Begünstigt wurde die Verbreitung atypischer Beschäfti-
gungsformen durch die Schaffung entsprechender gesetzlicher Grundlagen.
30
Quantifiziert
werden atypische Beschäftigungsverhältnisse mittels der Kennziffer Flexibilisierungsgrad
(Anteil atypischer Beschäftigungsverhältnisse an allen Beschäftigten). Nach Berechnungen
aus dem IAB-Betriebspanel hat sich in Sachsen der Flexibilisierungsgrad der Beschäfti-
gungsverhältnisse in den vergangenen 15 Jahren fast verdoppelt. Zählte 1996 noch etwa
jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis zu den atypischen (21 Prozent), war es 2010 bereits
mehr als jedes dritte (37 Prozent). Darüber hinaus hat die Vielfalt atypischer Beschäftigungs-
formen zugenommen. Einen ersten Überblick über vollzogene Entwicklungen seit Mitte der
1990er Jahre vermittelt Abbildung 10, wobei später die einzelnen Formen genauer analysiert
werden.
Abbildung 10:
Entwicklung des Flexibilisierungsgrades und einzelner atypischer Beschäftigungsformen in Sachsen 1996 bis
2010
Die Befunde der aktuellen Erhebung verweisen auf einen weiteren Bedeutungszuwachs aty-
pischer Beschäftigungsformen zwischen Mitte 2009 und Mitte 2010 in sächsischen Betrie-
ben. 2010 beläuft sich der Flexibilisierungsgrad in Sachsen auf 37 Prozent. Das entspricht
einer Erhöhung um 4 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Damit wird das bislang höchs-
te Niveau des Flexibilisierungsgrades in Sachsen erreicht. Die sächsischen Betriebe greifen
in der aktuellen Krise insgesamt offenbar verstärkt auf atypische Beschäftigungsalternativen
30
Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen gehören das Beschäftigungsförderungsgesetz mit seinen Novellierungen, das
Teilzeit- und Befristungsgesetz wie auch Gesetzgebungen im SGB II für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt.

33
zurück. Eine vergleichbare Entwicklung des Flexibilisierungsgrades (Zuwachs um 4 Prozent-
punkte) hat es auch in Westdeutschland gegeben (vgl. Tabelle 13).
Tabelle 13:
Flexibilisierungsgrad nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 1996 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) (alle Be-
triebe)
Länder Flexibilisierungsgrad
1996 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Prozent
Sachsen 21 29 28 30 33 33 35 33 37
Mecklenburg-Vorpom. 22 29 29 31 36 34 34 32 37
Brandenburg 19 29 28 27 34 31 32 32 35
Sachsen-Anhalt 18 28 29 31 32 31 34 33 34
Thüringen 20 29 28 29 34 34 31 31 33
Berlin 22 31 31 34 38 36 39 37 42
Ostdeutschland 20 29 29 31 35 33 35 33 37
Westdeutschland 25 29 28 30 34 33 35 33 37
Die Untersuchung des betrieblichen Flexibilisierungsgrades in Abhängigkeit von der Krisen-
betroffenheit ergibt Unterschiede. In den aktuellen Krisenbetrieben erreicht der Flexibilisie-
rungsgrad derzeit sogar 43 Prozent, in Betrieben mit überwundener Krise sind es lediglich
32 Prozent. In Krisenbetrieben, in denen es zum Befragungszeitpunkt bereits wieder auf-
wärts geht, beträgt der Flexibilisierungsgrad 24 Prozent. Dieser Befund spricht offenbar für
einen Zusammenhang zwischen der Krisenbetroffenheit und der Nutzungsintensität flexibler
Beschäftigungsformen in den Betrieben.
Einen Gesamtüberblick, welche Bedeutung den verschiedenen Beschäftigungsformen zur-
zeit in der sächsischen Wirtschaft zukommt, vermittelt Abbildung 11.

image
34
Abbildung 11:
Atypische Beschäftigungs- und Normalarbeitsverhältnisse in Sachsen und Westdeutschland (Stand:
30. Juni 2010)
Der Flexibilisierungsgrad erreicht in Abhängigkeit von der Branche
unterschiedliche Größen-
ordnungen. Besonders hoch fällt er in Organisationen ohne Erwerbszweck (72 Prozent), in
den übrigen Dienstleistungsbereichen (61 Prozent), im Gesundheits- und Sozialwesen
(60 Prozent) sowie im Bereich Erziehung und Unterricht (54 Prozent) aus. Auch in der öffent-
lichen Verwaltung liegt er mit 45 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Besonders niedrig

35
ist er mit 11 bzw. 13 Prozent im Bauwesen und im Bereich Bergbau/Energie/Wasser/Abfall,
aber auch im verarbeitenden Gewerbe (18 Prozent). In der Wissenswirtschaft liegt der Flexi-
bilisierungsgrad derzeit insgesamt bei 30 Prozent, wobei in den FuE-intensiven Zweigen des
verarbeitenden Gewerbes lediglich 16 Prozent, in den unternehmensnahen Dienstleistungen
allerdings 38 Prozent erreicht werden. Mit Ausnahme der Kleinbetriebe (10 bis 49 Beschäf-
tigte), in denen der Flexibilisierungsgrad aktuell lediglich 31 Prozent erreicht, liegt dieser in
den anderen Betriebsgrößenklassen zwischen 36 und 40 Prozent.
Der Flexibilisierungsgrad der Betriebe unterscheidet sich nach ihren Eigentumsverhältnissen.
In Betrieben im öffentlichen Eigentum erreicht er 49 Prozent, in privatwirtschaftlichen Firmen
beträgt er 32 Prozent. Damit liegt der Flexibilisierungsgrad im öffentlichen Bereich deutlich
über dem des privaten Sektors.
Beim Flexibilisierungsgrad treten erhebliche geschlechterspezifische Unterschiede
auf: Der
Flexibilisierungsgrad lag bei den Frauen mit 53 Prozent (Westdeutschland mit 58 Prozent)
deutlich oberhalb des Flexibilisierungsgrades der Männer mit 17 Prozent (Westdeutschland
16 Prozent). Damit ist in Sachsen lediglich jede zweite Frau in einem Normalarbeitsverhältnis
tätig, während dies auf vier von fünf (83 Prozent) der erwerbstätigen Männer zutrifft. Diese
Unterschiede resultieren in erster Linie daraus, dass Teilzeitbeschäftigung von Frauen domi-
niert wird.
Umfang und Struktur atypischer Beschäftigungsverhältnisse
Die einzelnen Formen atypischer Beschäftigungsverhältnisse unterlagen bereits in den ver-
gangenen Jahren teilweise starken Veränderungen. Diese waren und sind sowohl auf Ände-
rungen in der Gesetzeslage zurückzuführen als auch auf Annäherungen im Erwerbsverhal-
ten ostdeutscher sowie sächsischer Beschäftigter an das Erwerbsverhalten in Westdeutsch-
land. Ergänzend zu den vorangegangenen Erhebungswellen wird die Entwicklung atypischer
Beschäftigung auch im Kontext der Krise betrachtet.
Teilzeitarbeit
Teilzeitbeschäftigung ist eine heterogene Gruppe unterschiedlicher Beschäftigungsverhält-
nisse, die sich vor allem hinsichtlich ihrer Sozialversicherungspflicht sowie des Entgelts von-
einander unterscheiden. Zur Teilzeitbeschäftigung zählen geringfügige Beschäftigungsver-
hältnisse (Mini-Jobs)
31
, Teilzeit-Midi-Jobs
32
sowie „klassische“ sozialversicherungspflichtige
Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse (ohne abgesenkte Sozialversicherungsbeiträge). Auf-
grund ihrer besonderen Bedeutung für die sächsische Wirtschaft werden neben der Teilzeit-
arbeit insgesamt die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse, Midi-Jobs und „klassische
Teilzeit“ nachfolgend in gesonderten Abschnitten behandelt. Das IAB-Betriebspanel gestattet
eine differenzierte Betrachtung der Teilzeitbeschäftigung nach ihren verschiedenen Formen:
Mit 27 Prozent entfällt ein gutes Viertel der Teilzeitbeschäftigten auf die so genannten Mini-
Jobs, 15 Prozent der Teilzeitbeschäftigten in den sächsischen Betrieben haben einen Midi-
Job (Teilzeit). Rechnerisch folgt aus diesen Angaben, dass über die Hälfte der in Teilzeit
Beschäftigten (58 Prozent) eine „klassische“ Teilzeittätigkeit ausübt.
Mitte 2010 gab es in Sachsen 414 Tsd. Teilzeitbeschäftigte
33
(davon 110 Tsd. Mini-Jobs, 62
Tsd. Teilzeit-Midi-Jobs sowie 242 Tsd. Beschäftigte in „klassischer“ Teilzeit). Das sind
46 Tsd. mehr als im Vorjahr. Dies entspricht einer Zunahme der Teilzeitbeschäftigung um
rund 13Prozent. Damit beläuft sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an den Beschäftigten
31
Zu den geringfügig entlohnten Beschäftigten (Mini-Jobs) zählen Beschäftigte, bei denen das monatliche Arbeitsentgelt
400 € nicht überschreitet bzw. eine „kurzfristige“ Beschäftigung vorliegt. Es gibt geringfügig Beschäftigte, die ausschließlich
dieser Beschäftigung nachgehen und geringfügig Beschäftigte, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und einen
Nebenjob
ausüben. Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit gibt es Mini-Jobs überwiegend im Rahmen ausschließlich
geringfügiger Beschäftigung. Da im IAB-Betriebspanel nach Beschäftigungsverhältnissen gefragt wird, werden beide For-
men geringfügiger Beschäftigung erfasst.
32
Als Midi-Jobs werden Beschäftigungsverhältnisse (ohne Auszubildende) bezeichnet, bei denen der Monatsverdienst zwi-
schen 401 € und 800 € brutto liegt. Für diese Beschäftigungsverhältnisse gelten ermäßigte Sozialversicherungsbeiträge.
33
Die Anzahl der im IAB-Betriebspanel ausgewiesenen Teilzeitbeschäftigten sind höher als die BA-Zahlen, da im Panel neben
den sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigten auch die nicht sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigten
ausgewiesen werden.

36
insgesamt auf nunmehr 25 Prozent. Das entspricht einer Zunahme um ca. 3 Prozentpunkte
gegenüber 2009 (vgl. Tabelle 14).
Die Entwicklung der letzten Jahre im Zusammenhang mit der Gesamtentwicklung am säch-
sischen Arbeitsmarkt verlief damit unterschiedlich. In den Jahren vor der Krise (2007/2008)
hatten alle sv-pflichtigen Erwerbsformen ihren Anteil am Beschäftigungszuwachs. Dabei
spielten zwar die „klassische“ Teilzeitarbeit sowie die Mini- und Midi-Jobs bereits eine be-
sonders große Rolle, aber er war auch auf die Zunahme von Vollzeittätigkeiten zurückzufüh-
ren. Nicht-sv-pflichtige Beschäftigung wurde demgegenüber abgebaut. Dies könnte Aus-
druck personalpolitischer Umstrukturierungsprozesse in den Betrieben angesichts eines sich
abzeichnenden Fachkräftemangels sein. Möglicherweise setzten sächsische Betriebe in die-
ser Situation zur Erhöhung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zunehmend auf die Stabilisierung
bzw. den Ausbau ihrer Kern- bzw. Stammbelegschaften als eine Strategie, um vor allem die
eigenen Fachkräfte zu halten. Demgegenüber konzentrierte sich der Beschäftigungszuwachs
während der Krise im Wesentlichen auf die weitere Verbreitung der sv-pflichtigen „klassi-
schen“ Teilzeitarbeit und einen – wenngleich auch eher geringfügigen – Abbau der Vollzeit-
beschäftigung. Möglicherweise ist auch dies eine Strategie der sächsischen Betriebe zum
Erhalt des eigenen Fachkräftepotenzials unter den Bedingungen der Krise.
Eine Betrachtung der Teilzeitarbeit nach dem Eigentum
der Betriebe verweist auf ihren höhe-
ren Stellenwert für den öffentlichen Bereich. In Betrieben, die sich im privaten Eigentum be-
finden, arbeiteten 23 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, im öffentlichen Bereich waren es
30 Prozent. Im Vergleich zu 2008 hat sich damit eine Steigerung in den Betrieben, die sich
im privaten Eigentum befinden, um 2 Prozentpunkte ergeben, während der Anteil der Teil-
zeitbeschäftigten im öffentlichen Sektor sogar geringfügig gesunken ist.
Die Teilzeitquote der sächsischen Betriebe liegt weiterhin mit 3 Prozentpunkten unterhalb
jener der westdeutschen Betriebe (vgl. ebenfalls Tabelle 14).
Tabelle 14:
Teilzeitbeschäftigte nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 1996 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) (alle Betrie-
be)
Länder Teilzeitbeschäftigte
Anteil an allen Beschäftigten
1996 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Prozent
Sachsen
14 21 19 20 22 22 24 22 25
Betriebe im Privateigentum - 20 16 17 19 19 21 20 23
Betriebe im öffentl. Eigentum - 24 29 31 34 30 31 28 30
Mecklenburg-Vorpommern 13 20 19 20 23 22 22 21 26
Brandenburg 13 20 19 18 23 21 22 23 24
Sachsen-Anhalt 11 20 19 20 22 20 24 23 24
Thüringen
12 20 19 20 23 21 20 21 23
Berlin
17 22 20 23 24 23 27 23 28
Ostdeutschland 14 20 19 20 23 22 23 22 25
Westdeutschland 22 23 22 22 26 25 26 25 28
Teilzeitarbeit wird überwiegend von Frauen ausgeübt. 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten in
Sachsen sind Frauen (Westdeutschland 80 Prozent). Die Teilzeitquote der Frauen beträgt in
den sächsischen Betrieben 42 Prozent, die der Männer 10 Prozent. Nach Einschätzungen
des WSI
34
sowie des IW Köln
35
steht in Ostdeutschland ca. die Hälfte der Teilzeittätigkeiten
34
Vgl. Christina Klenner: Gleichstellungspolitik vor alten und neuen Herausforderungen – Welchen Beitrag leistet die Famili-
enpolitik? In: WSI Mitteilungen, Düsseldorf 10/2007, S. 525. Auch in einer aktuelleren Untersuchung zu den Erwerbs- und
Einkommenskonstellationen in Ostdeutschland spricht Chr. Klenner von „unfreiwillig teilzeitbeschäftigten Frauen“ als einer
Form von Unterbeschäftigung. Vgl. Christina Klenner: Wer ernährt die Familie? Erwerbs- und Einkommenskonstellationen in
Ostdeutschland. In: WSI Mitteilungen, Düsseldorf 11/2009, S. 619 ff.
35
„Rund 64 Prozent der Teilzeitbeschäftigten Ostdeutschlands würden lieber einer Vollzeittätigkeit nachgehen, die aber nicht
zu finden ist.“ Vgl. Teilzeitarbeit – Die Karriere bleibt auf der Strecke. In: iwd, Informationsdienst des Instituts der deutschen
Wirtschaft Köln, Nr. 24, 11. Juni 2009, S. 2.

37
den individuellen Wünschen dieser Beschäftigten entgegen. Eine aktuelle Untersuchung des
Statistischen Bundesamtes belegt diesen Befund des WSI speziell für ostdeutsche Mütter:
Generell wird ostdeutschen Müttern mit Kindern unter 15 Jahren eine etwas höhere Er-
werbsbeteiligung im Vergleich zu westdeutschen Müttern bescheinigt (58 Prozent gegenüber
55 Prozent), wobei die Vollzeitorientierung im Osten wesentlich höher liegt (Vollzeitquote
ostdeutscher Mütter: 53 Prozent; westdeutscher Mütter 22 Prozent). In Teilzeit tätige Mütter
in Ost und West haben dafür offensichtlich unterschiedliche Motive. In Ostdeutschland sind
lediglich für 52 Prozent der Betroffenen private bzw. familiäre Gründe ausschlaggebend,
während dies in Westdeutschland auf 89 Prozent zutrifft. „Für fast vier von zehn Müttern
(38%) lag im Osten der Grund für eine Einschränkung des Beschäftigungsumfangs in einem
Mangel an Vollzeitarbeitsplätzen. Das bedeutet, dass Teilzeit-Arbeit für Mütter im Osten häu-
figer notwendiges Übel bedeutet, wohingegen sich westdeutsche Frauen überwiegend für
ihre Familien aus dem Erwerbsleben zurückziehen. Gründe hierfür sind sicherlich der höhere
ökonomische Druck, der auf den Frauen im Osten lastet. Für Mütter im Westen hingegen ist
häufiger die traditionelle Rollenteilung Motivation, die Arbeit zu reduzieren.“
36
Interessant für die Beurteilung des Umfangs der Teilzeitarbeit ist deren Struktur nach der
durchschnittlich vereinbarten Wochenarbeitszeit. Die durchschnittliche Länge einer Teilzeit-
beschäftigung betrug 2010 in Sachsen 23 Stunden je Woche, deutlich mehr als in West-
deutschland (18 Stunden). Die Teilzeitbeschäftigung ist in Sachsen in Bezug auf die Be-
schäftigtenzahl zwar nach wie vor weniger verbreitet, allerdings liegt die für Teilzeitbeschäf-
tigte durchschnittlich vereinbarte Wochenarbeitszeit hier höher.
Teilzeittätigkeit differiert zwischen den Branchen:
Besonders stark ist sie in den Dienstlei-
stungsbereichen verbreitet. Das betrifft vor allem das Gesundheits- und Sozialwesen
(44 Prozent), die übrigen Dienstleistungen (42 Prozent) und ebenso Erziehung und Unter-
richt mit 35 Prozent. Auch im Bereich Handel und Reparatur sowie in der öffentlichen Ver-
waltung sind Teilzeittätigkeiten überdurchschnittlich vertreten (33 bzw. 32 Prozent). Ver-
gleichsweise wenig ist Teilzeitbeschäftigung in den Bereichen Bergbau/Energie/Wasser/Ab-
fall, im Bauwesen und im verarbeitenden Gewerbe (zwischen 7 und 10 Prozent) vertreten.
Unterschiede hinsichtlich der Verbreitung von Teilzeitbeschäftigung sind auch zwischen den
Betriebsgrößen
zu erkennen, allerdings sind diese nicht sehr stark ausgeprägt. Bei den
Kleinstbetrieben mit bis zu vier Beschäftigten liegt die Teilzeitquote bei 30 Prozent, in den
Unternehmen mit bis zu neun Beschäftigen bei 29 Prozent. In den größeren Betriebsgrößen
liegt sie zwischen 23 und 25 Prozent.
Geringfügige Beschäftigung
Geringfügige Beschäftigung in Form der Mini-Jobs (als eine Form von Teilzeitarbeit) ist in
den sächsischen Betrieben gegenüber dem Vorjahr nur leicht angestiegen. Mitte 2010 gab
es in 33 Prozent der Betriebe geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, im Vorjahr waren es
32 Prozent. Diese Entwicklung ging ebenfalls mit einem leichten Zuwachs der geringfügig
Beschäftigten einher. Im Vergleich zum Vorjahr befanden sich im Juni 2010 rund 4 Tsd. Per-
sonen mehr in dieser Beschäftigungsform, womit es in den sächsischen Betrieben nun ins-
gesamt 110 Tsd. geringfügig Beschäftigte gibt. Damit haben Mini-Jobs in ihrer Bedeutung als
Flexibilisierungsinstrument 2010 weiterhin an Bedeutung gewonnen. Gestützt wird diese
Einschätzung zusätzlich dadurch, dass die geringfügige Beschäftigung in den aktuellen Kri-
senbetrieben stärker ausgeprägt ist. Dies trifft zwar weniger für den Anteil der Betriebe mit
geringfügiger Beschäftigung zu, dafür aber auf den Anteil der geringfügig Beschäftigten an
allen Beschäftigten. In den aktuellen Krisenbetrieben beträgt der Anteil der Mini-Jobber an
den Beschäftigten 8 Prozent, demgegenüber in allen anderen Betrieben knapp 7 Prozent.
Nach wie vor ist der Anteil geringfügiger Beschäftigung in Sachsen deutlich geringer als in
Westdeutschland. Dieser beläuft sich 2010 für sächsische Betriebe auf etwa 7 Prozent, für
westdeutsche Betriebe auf gut 12 Prozent (vgl. Tabelle 15).
36
Vgl. Stefan Rübenach: Alles beim Alten: Mütter stellen Erwerbstätigkeit hinten an. Statistisches Bundesamt, Destatis,
4. März 2010.
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Navigation/Publikationen/STATmagazin/2010/Arbeitsm
arkt2010__03,templateId=renderPrint.psml__nnn=true.

38
Tabelle 15:
Geringfügig Beschäftigte* nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 1996 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) (alle
Betriebe)
Länder Geringfügig Beschäftigte
Anteil an allen Beschäftigten
1996 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Prozent
Sachsen 4 6 6 5 6 6 7 7 7
Betriebe im Privateigentum - - - 6 7 7 7 7 7
Betriebe im öffentl. Eigentum
-
-
-
2
2
3
4
4
4
Mecklenburg-Vorpommern 2 6 7 7 7 6 6 7 7
Brandenburg 3 6 7 6 6 6 7 8 8
Sachsen-Anhalt 2 6 6 5 6 6 7 7 7
Thüringen 2 7 7 7 8 7 8 7 8
Berlin
7 6 8 7 6 7 7 8 8
Ostdeutschland 3 6 7 6 7 6 7 7 7
Westdeutschland 12 11 11 11 12 12 12 13 12
* Bis 2004 wurden geringfügig Beschäftigte in der Kategorie „sonstige Beschäftigte“ erfasst, seit 2005 gesondert ausgewiesen.
Die geringfügig Beschäftigten Sachsens konzentrieren sich auf die verschiedenen Branchen
des Dienstleistungssektors, in denen über die Hälfte aller Mini-Jobber tätig ist (57 Prozent):
In den unternehmensnahen Dienstleistungen sind 22 Prozent der Mini-Jobber beschäftigt, in
den übrigen Dienstleistungen 21 Prozent und im Gesundheits- und Sozialwesen 11 Prozent.
Der Bereich Handel/Reparatur vereinigt 17 Prozent dieser Personengruppe auf sich. In allen
anderen Branchen der sächsischen Wirtschaft sind geringfügige Beschäftigungsverhältnisse
von untergeordneter Bedeutung und liegen im einstelligen Bereich. Am stärksten sind Mini-
Jobs in Betrieben mit 10 bis 49 Beschäftigten vertreten (35 Prozent). Am wenigsten greifen
Kleinstbetriebe sowie Großbetriebe auf diese Beschäftigungsform zurück (12 bzw. 13 Pro-
zent).
Geringfügige Beschäftigung spielt sowohl in Betrieben im öffentlichen als auch im Privatei-
gentum eine Rolle. Die Unterschiede bestehen zum einen, wenn der Anteil der Betriebe be-
trachtet wird, die diese Beschäftigungsform anwenden (44 bzw. 33 Prozent). Zum anderen
zeigen sich Unterschiede in Bezug auf den Anteil der Beschäftigten: In Betrieben des öffent-
lichen Bereichs zählen nur 4 Prozent der Beschäftigten zu den geringfügig Beschäftigten, in
privaten Firmen sind es demgegenüber 7 Prozent (vgl. ebenfalls Tabelle 15).
37
Midi-Jobs
Midi-Jobs werden ganz überwiegend in Form einer Teilzeitbeschäftigung ausgeübt (88 Pro-
zent aller Midi-Jobs). Deshalb werden nachfolgend diese Beschäftigungsverhältnisse in ihrer
Gesamtheit betrachtet. Im Vorjahresvergleich ist ein deutlicher Anstieg bei den Midi-Jobs zu
beobachten. In 27 Prozent der sächsischen Betriebe gibt es heute diese Beschäftigungs-
form, während es im Vorjahr 21 Prozent waren. Die Zahl der Midi-Jobs stieg von 55 Tsd.
Midi-Jobs in 2009 auf nunmehr insgesamt 70 Tsd. Midi-Jobs an (darunter 62 Tsd. in Teilzeit).
Das entspricht einem Zuwachs um 15 Tsd. Mitte 2010 befanden sich gut 4 Prozent der Be-
schäftigten in solch einem Arbeitsverhältnis, was ebenfalls einem Anstieg gegenüber 2009
entspricht (vgl. Tabelle 16). Verallgemeinernd kann man sagen, dass es seit Beginn der Er-
hebung dieser Form atypischer Beschäftigung im Jahre 2003 keine größeren Schwankungen
im Anteil der verfügbaren Midi-Jobs gibt.
37
Die 14. Erhebungswelle des IAB-Betriebspanels gibt zusätzlich Auskunft über die Gründe für den Einsatz geringfügiger
Beschäftigung. Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der vierzehnten Welle 2009, April 2010, S.34 f.
publiziert unter:
http://www.smwa.sachsen.de/set/431/09-Pn-Sachsen.pdf

39
Tabelle 16:
Midi-Jobs nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 2003 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) (alle Betriebe)
Länder Midi-Jobs
Anteil an allen Beschäftigten
2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Prozent
Sachsen 4 4 4 4 5 5 3 4
Betriebe im Privateigentum 5 5 4 4 6 5 4 5
Betriebe im öffentl. Eigentum 1 2 1 1 1 1 1 1
Mecklenburg-Vorpommern 3 3 4 3 3 3 3 4
Brandenburg 3 3 4 4 4 4 3 3
Sachsen-Anhalt 4 4 5 4 4 5 5 5
Thüringen 3 3 3 4 3 3 3 3
Berlin 4 4 4 4 4 4 4 4
Ostdeutschland 4 4 4 4 4 4 4 4
Westdeutschland 3 3 3 3 3 3 3 3
Von den aktuellen Krisenbetrieben beschäftigten 21 Prozent so genannte Midi-Jobber. Von
den Betrieben, die die Krise überwunden haben, sind es 23 Prozent. 30 Prozent der Betrie-
be, in denen die Krise zwar noch spürbar ist, in denen es aber bereits wieder aufwärts geht,
greifen auf diese Beschäftigungsform zurück.
8 Tsd. Personen bzw. 12 Prozent der Midi-Jobber waren Vollzeitbeschäftigte.
Besonders starke Verbreitung finden Midi-Jobs in Betrieben des Bereichs Bergbau/Ener-
gie/Wasser/Abfall sowie der übrigen Dienstleistungen (jeweils 42 Prozent), aber auch in der
öffentlichen Verwaltung (39 Prozent). Am geringsten verbreitet sind Midi-Jobs in der Land-
und Forstwirtschaft (4 Prozent), im Bereich Erziehung und Unterricht sowie im Bauwesen (14
bzw. 16 Prozent).
27 Prozent der Betriebe im privaten Eigentum und 29 Prozent im öffentlichen Eigentum nut-
zen Midi-Jobs. Allerdings ist der Anteil der Beschäftigten mit Midi-Jobs an allen Beschäftig-
ten in Betrieben im Privateigentum (5 Prozent) höher als in Betrieben in öffentlichem Eigen-
tum (1 Prozent) (vgl. ebenfalls Tabelle 16).
„Klassische Teilzeit“
Die „klassische Teilzeit“ wird im IAB-Betriebspanel nicht direkt erfragt. Sie wird als Differenz
zwischen der Teilzeit insgesamt sowie den Mini- und Teilzeit-Midi-Jobs errechnet, die jeweils
im IAB-Betriebspanel erhoben werden.
„Klassische Teilzeittätigkeit“ unterscheidet sich vom so genannten Vollzeiterwerb vor allem
durch eine dauerhaft kürzere Wochenarbeitszeit für die betroffene Erwerbsperson. Mit dem
Teilzeit- und Befristungsgesetz vom Januar 2001 ist nicht nur das Recht von Teilzeitarbeits-
verhältnissen im deutschen Arbeitsrecht geregelt, sondern es stellt auch die Nicht-
Diskriminierung
38
von in Teilzeit beschäftigten Personen sicher. Mit diesem Gesetz wurde
unter anderem auf die wachsende Bedeutung von Teilzeit reagiert.
Teilzeiterwerb ist seit jeher eine Frauendomäne. „Klassische Teilzeit“ weist Frauen im Rah-
men des traditionellen bürgerlichen Familienbildes die Funktion als Hinzuverdienende zu.
Dabei wird von einem Rollenmuster für Frauen ausgegangen, das ihnen vorrangig die Haus-
und Familienarbeit zuordnet. Unter diesen Bedingungen bietet ein Teilzeiterwerb Frauen
günstigere Chancen, bereits während oder aber auch nach der Familienphase im Beruf wie-
der Fuß zu fassen sowie die familiären und beruflichen Pflichten gut miteinander vereinbaren
38
§ 4 des Teilzeit- und Befristungsgesetzes befasst sich mit dem Verbot der Diskriminierung. So heißt es dort: „(1) Ein teilzeit-
beschäftigter Arbeitnehmer darf wegen der Teilzeitarbeit nicht schlechter behandelt werden als ein vergleichbarer vollzeit-
beschäftigter Arbeitnehmer, es sei denn, dass sachliche Gründe eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen. Einem
teilzeitbeschäftigten Arbeitnehmer ist Arbeitsentgelt oder eine andere teilbare geldwerte Leistung mindestens in dem Um-
fang zu gewähren, der dem Anteil seiner Arbeitszeit an der Arbeitszeit eines vergleichbaren vollzeitbeschäftigten Arbeit-
nehmers entspricht.“

40
zu können. „Klassische Teilzeit“ ordnet sich somit in das so genannte Ernährermodell ein,
das Männern die Rolle des Allein- bzw. Hauptverdieners zuschreibt. Es ist zu beachten, dass
eine Teilzeittätigkeit vielfach den individuellen Wünschen der Erwerbstätigen, insbesondere
der Frauen, auch tatsächlich entspricht und nicht per se eine Form der Diskriminierung dar-
stellt. Allerdings belegt auch gerade die Entwicklung in Ostdeutschland, dass Teilzeiterwerb
– insbesondere von Frauen – oft ungewollt und mangels betrieblicher Angebote für eine
Vollzeitbeschäftigung ausgeübt wird. Teilzeitarbeit kommt durchaus auch den Flexibilitätser-
fordernissen der Unternehmen zu Gute. Das zeigt: Hinter der Ausbreitung dieser Beschäfti-
gungsform stehen sehr unterschiedliche Motive und Interessenlagen seitens der Arbeitneh-
mer – insbesondere der Arbeitnehmerinnen – sowie der Arbeitgeber.
Mitte 2010 waren in Sachsen etwa 247 Tsd. Personen im Rahmen einer „klassischen Teil-
zeitbeschäftigung“ tätig. Das entspricht 15 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse, eine
deutliche Steigerung gegenüber 2009 (vgl. Tabelle 17).
Tabelle 17:
„Klassische Teilzeit“ nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 1996 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) (alle Be-
triebe)
Länder
Beschäftigte in „klassischer Teilzeit“
Anteil an allen Beschäftigten
1996 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Prozent
Sachsen
10 12 9 10 14 11 13 12 15
Betriebe im Privateigentum - 8 6 7 9 8 9 8 12
Betriebe im öffentl. Eigentum - 22 25 27 30 26 27 24 25
Mecklenburg-Vorpommern 10 10 9 9 14 12 13 12 16
Brandenburg 10 12 9 8 13 11 11 13 14
Sachsen-Anhalt 10 12 10 11 13 11 13 12 13
Thüringen
10 11 10 10 12 10 10 10 13
Berlin
10 12 9 11 13 12 15 12 17
Ostdeutschland 10 12 9 10 13 11 13 12 15
Westdeutschland - 10 8 8 12 9 12 10 13
Befristete Beschäftigung
Mitte 2010 greifen sächsische Betriebe wieder in verstärktem Maße auf befristete Beschäfti-
gung
39
zurück. Am 30. Juni 2010 hatten 157 Tsd. Personen einen befristeten Arbeitsvertrag.
Das waren etwa 14 Tsd. Personen mehr gegenüber dem Vorjahr (143 Tsd. Personen). Da-
mit hat sich der Anteil dieser Beschäftigungsform an den Beschäftigten insgesamt 2010 um
1 Prozentpunkt auf 10 Prozent erhöht. Damit spielen diese Arbeitsverhältnisse in Sachsen im
Vergleich zu Westdeutschland (7 Prozent) eine etwas größere Rolle (vgl. Tabelle 18). Dies
ist im Wesentlichen auf die weiterhin umfangreichere Arbeitsmarktförderung in Sachsen zu-
rückzuführen. Mitte 2010 wurden 16 Prozent aller befristeten Beschäftigungsverhältnisse in
Sachsen öffentlich gefördert, in Westdeutschland waren es lediglich 3 bis 4 Prozent. Werden
die arbeitsmarktpolitisch induzierten Teile aus der befristeten Beschäftigung herausgerech-
net, nähert sich die Befristungsquoten in Sachsen an die westdeutsche an, obwohl sie wei-
terhin noch etwas höher liegt.
39
Befristete Beschäftigungsverhältnisse können sowohl ungefördert als auch gefördert (z. B. ABM) sein.

41
Tabelle 18:
Befristet Beschäftigte nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 1996 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) (alle
Betriebe)
Länder Befristet Beschäftigte
Anteil an allen Beschäftigten
1996 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Prozent
Sachsen 6 7 7 8 8 8 9 9 10
Betriebe im Privateigentum - 6 5 7 6 7 7 5 7
Betriebe im öffentl. Eigentum - 9 12 10 13 16 18 19 19
Mecklenburg-Vorpommern 9 8 8 10 10 10 9 9 9
Brandenburg 6 7 8 7 10 8 8 8 9
Sachsen-Anhalt 7 7 7 9 8 8 7 7 7
Thüringen 7 7 8 7 8 9 9 8 8
Berlin
5 7 9 10 12 11 11 11 12
Ostdeutschland 7 7 8 8 9 9 9 9 9
Westdeutschland 3 5 5 6 6 7 7 7 7
Befristete Arbeitsverhältnisse spielen in den aktuellen Krisenbetrieben eine etwas größere
Rolle (8 Prozent der Beschäftigten) als in jenen, die die Krise bereits überwunden haben
(6 Prozent der Beschäftigten) bzw. in denen es bereits wieder aufwärts geht (7 Prozent der
Beschäftigten). In den Noch-Krisenbetrieben befinden sich 7 Prozent aller befristet Beschäf-
tigten.
Befristete Beschäftigungsverhältnisse sind vor allem ein Kennzeichen der Dienstleistungs-
branchen. Der Anteil der befristet Beschäftigten an den Beschäftigten insgesamt (inkl. Aus-
zubildende) beläuft sich im Bereich Erziehung und Unterricht auf 19 Prozent, im Gesund-
heits- und Sozialwesen auf 15 Prozent sowie in den unternehmensnahen und in den übrigen
Dienstleistungen ebenfalls auf 15 Prozent. Nur Organisationen ohne Erwerbszweck errei-
chen mit 26 Prozent einen noch höheren Anteil. Der Anteil befristeter Beschäftigungsverhält-
nisse korreliert mit der Betriebsgröße. Erwartungsgemäß erreichen kleinere Betriebe
3 Prozent, Großbetriebe demgegenüber 14 Prozent.
Insgesamt greift ein Fünftel (20 Prozent) der sächsischen Betriebe auf diese Beschäftigungs-
form zurück. In Betrieben des privaten Eigentums hatten 17 Prozent aller Betriebe befristete
Beschäftigungsverhältnisse, im öffentlichen Sektor waren es hingegen 59 Prozent. Die stär-
kere Verbreitung befristeter Beschäftigung in Betrieben des öffentlichen Sektors zeigt sich
auch in Bezug auf die Beschäftigten selbst: Hier sind 19 Prozent und in Betrieben im Privat-
eigentum 7 Prozent der Beschäftigten ein befristetes Arbeitsverhältnis eingegangen.
Auffällig ist, dass im öffentlichen Bereich Betriebe deutlich häufiger Beschäftigte für hochqua-
lifizierte Tätigkeiten mit erforderlichem Hochschul- bzw. Fachhochschulabschluss befristet
einstellen (24 Prozent) als Betriebe in der Privatwirtschaft (5 Prozent). Die hohe Befristungs-
quote im öffentlichen Sektor erklärt sich in starkem Maße aus der Einstellungspraxis staatli-
cher Universitäten bzw. (Fach-)Hochschulen sowie sonstiger Forschungseinrichtungen: Hier
wird das Wissenschaftspersonal im Kontext zeitlich befristeter Forschungsvorhaben ebenso
befristet – für die Dauer der Projekte – eingestellt.
40
Bei der befristeten Beschäftigung bestehen vergleichsweise geringe geschlechterspezifische
Unterschiede. 57 Prozent der befristet Beschäftigten sind Frauen (Westdeutschland 54 Pro-
zent). Die Befristungsquote der Frauen liegt bei 11 Prozent, die der Männer bei 8 Prozent
(Westdeutschland 8 Prozent bzw. 6 Prozent).
Interessant sind auch vom IW Köln vorliegende Befunde zur Altersstruktur der befristet Be-
schäftigten: Befristungen sind vor allem ein Kennzeichen für junge Menschen. Rund ein Drit-
tel der unter 25-Jährigen ist befristet angestellt. Das spricht für die Strategie vieler Betriebe,
40
Vgl. Befristet Beschäftigte. In der Mitte der Gesellschaft. In: iwd, Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft
Köln, Nr. 42, 21. Oktober 2010, S. 5.

42
Berufseinsteiger zunächst in ihrer beruflichen Einstiegsphase auf Eignung zu testen.
41
Inwie-
fern sich dieser Ansatz angesichts des demografischen Wandels und der bestehenden
Nachfrage nach Fachkräften auch in Zukunft eignen wird, junges, gut qualifiziertes Fachper-
sonal an ein Unternehmen zu binden, bleibt abzuwarten.
Innerhalb der befristeten Arbeitsverhältnisse findet eine umfangreiche Personalbewegung
statt. Rund die Hälfte (49 Prozent) der im ersten Halbjahr 2010 erfolgten 98 Tsd. Neueinstel-
lungen unterlagen einer Befristung. Auch 2010 wurden befristete in unbefristete Arbeitsver-
hältnisse umgewandelt. Dies bezog sich auf 8 Prozent aller ursprünglich befristeten Arbeits-
verhältnisse. Welche Bedeutung Befristung als Instrument der Flexibilisierung hat, zeigt sich
daran, dass für gut 8 Tsd. Beschäftigte der befristete Arbeitsvertrag ausgelaufen ist und nicht
verlängert wurde. Das entspricht in etwa der Hälfte des Vorjahrswertes (17 Tsd.).
42
Leiharbeit
Leiharbeit
43
(auch als Zeitarbeit, Arbeitnehmerüberlassung, Personalleasing bezeichnet) ist
eine flexible Beschäftigungsform, die in Deutschland wesentlich länger existiert als die Mini-
und Midi-Jobs, die erst im Zuge der so genannten Hartz-Reformen zur Ausweitung des Nie-
driglohnsektors in dieser Form eingeführt wurden. Bis Anfang der 1970er Jahre besaß die
Bundesagentur für Arbeit das Monopol auf Arbeitnehmerüberlassung – so der damals gän-
gige Begriff. Die gewerbsmäßige Überlassung von Arbeitnehmern durch Verleihunternehmen
wurde in der Bundesrepublik erstmals mit dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz im Jahre
1972 geregelt. Die zunächst sehr strengen gesetzlichen Regelungen wurden seitdem schritt-
weise gelockert. Im Rahmen der Hartz-Gesetzgebungen in der ersten Hälfte dieses Jahr-
zehnts (Gesetz für moderne Dienstleitungen am Arbeitsmarkt) erfolgte eine deutliche Modi-
fizierung der gesetzlichen Grundlagen für diese Erwerbsform: Wesentliche Schutzbestim-
mungen für Zeitarbeitnehmer – wie das besondere Befristungsverbot, das Synchronisations-
verbot, das Wiedereinstellungsverbot und die Beschränkung der Überlassungsdauer auf
höchstens zwei Jahre – wurden gestrichen. Dadurch hat diese Form atypischer Beschäfti-
gung für die Unternehmen an Attraktivität gewonnen.
Derzeit befindet sich Leiharbeit stark im Fokus der politischen Diskussion. Im Kern wird die
Diskussion vor allem um die Qualität und Mindestentlohnung dieser Erwerbsform, insbeson-
dere um Equal-Pay und Equal-Treatment von Leiharbeitnehmern geführt, die eine Verdrän-
gung regulärer Beschäftigung verhindern soll. Der Blick richtet sich auch auf die volle Freizü-
gigkeit in der EU ab 1. Mai 2011.
Weiterer Rückgang der Leiharbeit seit 2009
Im IAB-Betriebspanel wird Leiharbeit als eine Form atypischer Beschäftigung seit 1998 erho-
ben. Wie die Panelbefunde zeigen, ist offenbar im Ergebnis der Hartz-Reformen in Sachsen
und Ostdeutschland insgesamt, ähnlich wie auch in Westdeutschland, seit Mitte dieses Jahr-
zehnts eine Zunahme der Leiharbeit zu verzeichnen. Zwischen 2004 und 2007 hat es in
Sachsen, gemessen am Anteil der Leiharbeiter an den Beschäftigten insgesamt aber auch
bezogen auf die Anzahl dieser Beschäftigten, mehr als eine Verdoppelung gegeben. 2007
waren 2,1 Prozent der sächsischen Beschäftigten als Leiharbeitskräfte tätig. Das entsprach
ca. 33 Tsd. Leiharbeitern. Die Höchstwerte wurden in Sachsen im Jahre 2006 erreicht: Mit
36 Tsd. Leiharbeitskräften entfielen 2,3 Prozent aller Beschäftigten auf diese Beschäfti-
gungsform. Trotz dieses erheblichen Zuwachses spielt diese Form atypischer Beschäftigung
im Vergleich zu anderen Instrumenten flexibler Beschäftigung in den sächsischen Betrieben
41
Ebenda, S. 4 f.
42
Die 14. Erhebungswelle des IAB-Betriebspanels gibt zusätzlich Auskunft über die Gründe für die Befristung von Arbeitsver-
hältnissen sowie die Verteilung nach Tätigkeiten. Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der vierzehn-
ten Welle 2009, April 2010, S.37 f., publiziert unter:
http://www.smwa.sachsen.de/set/431/09-Pn-Sachsen.pdf
43
„Ein Leiharbeitsverhältnis liegt vor, wenn der Arbeitnehmer mit seiner Zustimmung von dem Arbeitgeber (Verleiher), der mit
ihm im eigenen Namen einen Arbeitsvertrag geschlossen hat, an einen anderen Arbeitgeber (Entleiher) zur Erbringung von
Arbeitsleistung überlassen (ausgeliehen) wird. Zwischen „Verleiher“ und „Entleiher“ besteht ein zumeist entgeltlicher Vertrag
eigener Art über die Arbeitnehmerüberlassung. Leiharbeitnehmer sind v. a. die von Zeitarbeits-Unternehmen eingestellten
und an andere Unternehmen überlassenen Arbeitskräfte.“
Vgl.:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/leiharbeitsverhaeltnis.html?referenceKeywordName=Leiharbeitnehmer.

43
aber nach wie vor nur eine geringe Rolle. Auch gemessen am europäischen Niveau bleibt
die Bedeutung von Leiharbeit relativ niedrig. Das trifft für Sachsen, Ost- und Westdeutsch-
land gleichermaßen zu.
War seit Mitte dieses Jahrzehnts über mehrere Jahre eine kontinuierliche Steigerung sowohl
der Anzahl der Leiharbeitnehmer als auch des Anteils der Leiharbeiter an allen Beschäftigten
zu verzeichnen, so gab es mit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 erstmals einen deutli-
chen Rückgang. Dieser hat sich 2010 weiter fortgesetzt. Damit sind aktuell in den sächsi-
schen Betrieben 24 Tsd. Leiharbeitskräfte tätig, was 1,4 Prozent der Beschäftigten ent-
spricht. Das bedeutet, die absolute Zahl der Leiharbeitskräfte ist gegenüber dem Vorjahr
noch einmal gesunken, allerdings fiel der aktuelle Rückgang mit lediglich 2 Tsd. Leiharbei-
tern deutlich geringer aus. 2009 belief sich der Rückgang gegenüber 2008 auf insgesamt
6 Tsd. Leiharbeiter. Auf den bisherigen Höchststand des Jahres 2006 bezogen sind in Sach-
sen derzeit lediglich noch zwei Drittel der Leiharbeitskräfte beschäftigt. Die Leiharbeitsbran-
che in Sachsen hat somit nicht zum Beschäftigungszuwachs zwischen Mitte 2009 und Mitte
2010 beigetragen (vgl. Tabelle 19). Derzeit greifen 3 Prozent der Betriebe auf diese Beschäf-
tigungsform zurück.
Tabelle 19:
Leiharbeit nach Ländern, Ost- und Westdeutschland 1998 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) (alle Betriebe)
Länder Leiharbeit
Anteil an allen Beschäftigten
1998 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Prozent
Sachsen
0,5 0,5 0,5 0,9 1,0 2,3 2,1 2,0 1,6 1,4
Betriebe im Privateigentum - 0,6 0,6 1,1 1,2 2,8 2,5 2,4 1,6 1,7
Betriebe im öffentl. Eigentum - 0,1 0,1 0,2 0,1 0,1 0,2 0,3 0,2 0,3
Mecklenburg-Vorpommern 0,4 0,7 0,3 0,5 0,6 1,6 1,4 1,2 0,9 1,0
Brandenburg 0,6 0,7 0,7 0,7 1,1 1,1 1,2 1,8 1,0 1,2
Sachsen-Anhalt
0,8 0,7 0,6 0,8 1,4 1,8 2,0 1,9 1,8 1,8
Thüringen
0,4 0,7 0,7 0,8 1,0 2,3 2,9 2,4 1,0 1,5
Berlin
0,8 0,8 0,7 1,1 1,3 1,2 1,3 1,5 1,6 1,9
Ostdeutschland
0,6 0,7 0,6 0,8 1,1 1,7 1,8 1,8 1,4 1,5
Westdeutschland 0,7 0,8 0,7 1,0 1,1 1,5 1,8 2,1 1,2 1,6
Leiharbeit wird hauptsächlich von Betrieben des Privateigentums genutzt (ca. 21 Tsd. Be-
schäftigte); in Firmen des öffentlichen Bereiches ist sie kaum vertreten.
Überdurchschnittlich stark gibt es Leiharbeit im verarbeitenden Gewerbe (12 Prozent der
Betriebe) und in der Branche Bergbau/Energie/Wasser/Abfall (7 Prozent) sowie im Bauge-
werbe (6 Prozent). Allerdings konzentriert sich diese Beschäftigungsform auf das verarbei-
tende Gewerbe (mit 16 Tsd. Leiharbeitern sind hier 68 Prozent dieser Beschäftigten prä-
sent). Die Nutzung dieser Beschäftigungsform hängt auch mit der Betriebsgröße zusammen.
Dabei ist festzustellen, dass kleine Betriebe so gut wie gar nicht auf diese Beschäftigungs-
form zurückgreifen, große Betriebe von dieser aber intensiv Gebrauch machen (33 Prozent).
Leiharbeit hat während der letzten Jahre und Jahrzehnte einen Bedeutungswandel durch-
lebt. Dieser lässt sich zum einen an der längerfristigen Zunahme dieser Beschäftigungsform,
zum anderen an Veränderungen im Qualifikationsprofil der Leiharbeitskräfte festmachen.
War diese Erwerbsform ursprünglich vor allem gering qualifizierten Personen vorbehalten, so
üben gegenwärtig nach Angaben des IW Köln nur noch gut ein Drittel der Leiharbeiter Hilfs-
tätigkeiten aus.
44
44
Vgl. Keine Gefahr für Stammkräfte. In: iwd, Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Nr. 41,
14. Oktober 2010, S. 1.

44
Leiharbeit und Krise
Leiharbeit ist eine Beschäftigungsform, die stark konjunkturabhängig ist. Je stärker die Kri-
senbetroffenheit war bzw. ist, desto geringere Bedeutung hatte bzw. hat Leiharbeit. So be-
schäftigen lediglich 3 Prozent der Mitte 2010 noch immer von der Krise betroffenen Firmen
Leiharbeitskräfte, während es in jenen Betrieben, die die Krise bereits überwunden haben,
7 Prozent sind. Von den Betrieben, die die Krise Mitte 2010 zwar noch spüren, in denen es
aber bereits wieder aufwärts geht, waren es sogar 10 Prozent. Leiharbeit wird von den säch-
sischen Betrieben demzufolge dazu genutzt, die neuen, verbesserten Marktbedingungen zu
nutzen und die Produktion hochzufahren. Leiharbeiter spielen also offenbar vor allem bei der
Markterkundung in der aufsteigenden Konjunkturphase eine große Rolle.
Vor dem Hintergrund der Krise, aber auch angesichts sich ausdifferenzierender betrieblicher
Strategien zur Nutzung von Leiharbeit, wurden die Unternehmen 2010 erstmals nach den
Gründen für die Inanspruchnahme von Leiharbeit in den letzten 2 Jahren gefragt (vgl. Tabel-
le 20). Aus Sicht der Betriebe insgesamt dominiert die mit dem Einsatz von Leiharbeit ver-
bundene flexible Verfügbarkeit von Arbeitskräften: 78 Prozent der Betriebe gaben als Grund
die geringe Dauer des Einsatzes an und weitere 74 Prozent verwiesen auf die dadurch ge-
gebene schnelle Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Den sächsischen Betrieben geht es beim
Einsatz von Leiharbeitskräften also in erster Linie um die Absicherung kurzfristig anfallender
und zeitlich begrenzter Beschäftigungserfordernisse. Die Abfederung von marktgegebenen
Unsicherheiten beim Einsatz von Leiharbeit ist im Vergleich dazu von deutlich geringerer
Bedeutung, denn lediglich 34 Prozent der Unternehmen gaben an, über diese Beschäfti-
gungsform Unwägbarkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung abzusichern.
Weitere Gründe, Leiharbeit in Anspruch zu nehmen, folgen vor allem strategischen perso-
nalpolitischen Überlegungen, die zugleich im Zusammenhang mit der Vermeidung bzw. der
Reduzierung von damit verbundenen Kosten stehen. 16 Prozent der Betriebe beschäftigen
Leiharbeiter, um deren mögliche Eignung mit Blick auf eine spätere Einstellung zu prüfen.
Leiharbeit gestattet dies ohne Risiken für den die Leiharbeitskraft nutzenden Betrieb. Außer-
dem sehen 14 Prozent der befragten Firmen in Leiharbeitern einen direkten Kostenvorteil, da
sie somit Aufwand sowohl für die Akquirierung von Arbeitskräften als auch für mögliche Ent-
lassungen vermeiden. Schließlich betrachten 9 Prozent die Einstellung von Leiharbeitskräf-
ten als einen Kompromiss, wenn sie die gesuchten Qualifikationen auf dem regulären Ar-
beitsmarkt nicht finden konnten (vgl. ebenfalls Tabelle 20). Die Antworten der westdeutschen
Betriebe fallen ähnlich aus.
Diese Befunde der aktuellen Panelwelle sprechen dafür, dass Leiharbeit für die Betriebe zum
gegenwärtigen Zeitpunkt unterschiedliche Funktionen erfüllt. Leiharbeit ist heute offenbar
nicht mehr nur von Bedeutung, wenn es darum geht, betriebliche Arbeitsspitzen abzusichern.
Dies deckt sich auch mit aktuellen Untersuchungen. So werden beispielsweise die Nut-
zungsstrategien der Betriebe im Kontext von Leiharbeit in einer Studie im Auftrag der Otto
Brenner Stiftung nach drei Typen strukturiert, wobei alle drei Typen sowohl der Flexibilität als
auch der Kostenreduzierung in den Betrieben dienen: Erstens sichert Leiharbeit den Ad-Hoc-
Einsatz von Arbeitskräften, zweitens fungiert sie als Flexibilitätspuffer und drittens zeigt sich
immer stärker die strategische Nutzung von Leiharbeit. Letztere und „… historisch jüngste
Nutzungsstrategie …“ wird von den Einsatzbetrieben „… nicht mehr rein reaktiv als perso-
nalpolitisches Anpassungsinstrument (Flexibilitätspuffer), sondern strategisch als Instrument
der Ungewissheitskontrolle…“ genutzt. „In Kombination mit einer ‚Personalpolitik der unteren
Linie‘ wird Leiharbeit eingesetzt, um die Auswirkungen der zukünftigen und damit ungewis-
sen Entwicklungen der Produktmärkte auf die Profitabilität und damit die Kapitalrendite zu
kontrollieren.“
45
Leiharbeit dient zunehmend der – häufig betrieblich vereinbarten – Beschäf-
tigungssicherung der Stammbelegschaften.
45
Hajo Holst, Oliver Nachtwey, Klaus Dörre: Funktionswandel von Leiharbeit. Neue Nutzungsstrategien und ihre arbeits- und
mitbestimmungspolitischen Folgen. Eine Studie im Auftrag der Otto Brenner Stiftung. Frankfurt/Main, August 2009, publi-
ziert in der Reihe OBS-Arbeitsheft 61, S. 17.

45
Tabelle 20:
Gründe für den Einsatz von Leiharbeitskräften in den letzten 2 Jahren nach Ländern, Ost- und Westdeutschland
(alle Betriebe)
Länder
Davon: Gründe für Leiharbeit
Anteil
der
Betrie-
be mit
Leih-
arbeit
in den
letzten
2 Jah-
ren
Schnel-
le Ver-
fügbar-
keit
Geringe
Einsatz-
dauer
Benö-
tigte
Qualifi-
kation
nicht
vorhan-
den
Unsi-
chere
wirt-
schaftli-
che
Entwick
lung
Keine
Kosten
bei
Perso-
nalak-
quise
Eig-
nung
prüfen
für
Einstel-
lung
Sonsti-
ges
Prozent
Sachsen 5 74 78 9 34 14 16 8
Betriebe im Privateigentum 5 74 80 8 33 14 18 9
Betriebe im öffentl. Eigentum 3 93 84 14 46 19 0 0
Mecklenburg-Vorpommern 5 64 81 10 20 23 13 12
Brandenburg 4 61 71 20 25 8 22 10
Sachsen-Anhalt 5 74 75 6 18 14 10 5
Thüringen 7 67 75 12 23 8 16 2
Berlin
6 67 74 13 24 16 20 11
Ostdeutschland 5 69 76 11 25 14 16 8
Westdeutschland 6 71 72 13 29 20 19 8
Je nach Krisenbetroffenheit verschiebt sich die Bedeutung einzelner Gründe für den Einsatz
von Leiharbeit. So ist das mit Leiharbeit verbundene Flexibilisierungspotenzial für jene Be-
triebe, die die aktuelle Krise noch nicht überwunden haben, insgesamt von deutlich größerer
Bedeutung. Für jene Betriebe, die die Krise bereits überwunden haben bzw. für die es nun
wieder aufwärts geht, spielt die Erprobung und damit die insgesamt kostengünstige Akquirie-
rung geeigneter Arbeitskräfte eine größere Rolle als für die von der Krise noch aktuell betrof-
fenen Firmen.
Nutzung atypischer Beschäftigungsformen während der Krise
Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, wie differenziert bei unterschiedlicher
Krisenbetroffenheit der Betriebe Mitte 2010 atypische Beschäftigungsverhältnisse genutzt
wurden. Wie Tabelle 21 zu entnehmen ist, lassen sich gewisse Unterschiede zum einen zwi-
schen Krisen- und Nicht-Krisenbetrieben und zum anderen innerhalb der Krisenbetriebe
feststellen. Trotz erkennbarer Unterschiede gestatten die Panelbefunde aber kaum, von spe-
zifischen Mustern der Krisenbewältigung zu sprechen. Eher sollten die Befragungsergebnis-
se Anlass für weitergehende wissenschaftliche Untersuchungen sein.
Werden die Krisen- mit den Nicht-Krisenbetrieben verglichen, dann fällt vor allem der höhere
Flexibilisierungsgrad letzterer auf, der sich im Wesentlichen aus dem höheren Stellenwert
von Teilzeittätigkeiten erklären dürfte. Inwieweit der höhere Flexibilisierungsgrad dazu beige-
tragen hat, dass diese Betriebe keine Krisenwirkungen erlitten haben oder ob dies vorrangig
ein Struktureffekt ist – insbesondere im Kontext der Differenzierung nach dem Eigentum (vor
allem Stellenwert der öffentlichen Verwaltung) – bedarf tiefergehender Untersuchungen.
Werden die von der Krise tangierten Unternehmen nach ihrer aktuellen Krisenbetroffenheit
betrachtet, dann zeigen sich ebenfalls Unterschiede. Betriebe, die noch immer in der Krise
stecken, weisen einen merklich höheren Flexibilisierungsgrad gegenüber jenen aus, die die
Krise bereits vollständig oder teilweise überwunden haben. Ausschlaggebend auch dafür ist
der höhere Stellenwert von Teilzeittätigkeiten, vorrangig der „klassischen Teilzeit“. Sie schei-
nen gegenüber anderen Flexibilisierungsinstrumenten für die Krisenbewältigung von zentra-
ler Bedeutung zu sein. Allerdings sind auch andere Flexibilisierungsinstrumente wie Mini-
und Midi-Jobs oder auch die Befristung von etwas größerer Bedeutung für die aktuellen Kri-
senbetriebe. Letztlich bedarf es dafür weiterführender Analysen - was mit Paneldaten aber
nicht möglich ist - um beispielsweise zu klären, ob hier zum Zwecke des Haltens von Fach-

46
kräften Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse in Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse umgewan-
delt wurden, in welchen Relationen Vollzeit- und Teilzeitarbeitskräfte entlassen wurden usw.
Tabelle 21:
Flexibilisierungsgrad der Betriebe nach ihrer Krisenbetroffenheit 2010 in Sachsen (Stand: 30. Juni)
Krisenbetroffenheit
Darunter: Anteil
Flexibili-
sie-
rungs-
grad
Anteil
Teilzeit
Mini-
Jobs
Midi-
Jobs
(Teilzeit)
„klassi-
sche
Teilzeit“
Anteil
Vollzeit-
Midi
Anteil
befristet
Be-
schäftig-
ter
Anteil
Leihar-
beiter
Prozent
Krisenbetriebe 29 20 7 4 10 1 7 2
Betrieb steckt noch in
der Krise
43 34 8 5 21 0 8 1
Krise ist noch spürbar,
es geht aber wieder auf-
wärts
24 16 6 3 7 1 7 1
Krise ist überwunden 32 20 8 4 8 1 6 6
Nicht-Krisenbetriebe 41 28 7 4 17 0 11 1
Sachsen insgesamt 37 25 7 4 15 1 10 1
Fazit:
Die jüngsten Panelergebnisse geben zu der Feststellung Anlass, dass die sächsi-
schen Betriebe im 1. Halbjahr 2010 – entgegen der Entwicklung im Krisenjahr 2009 – nun
wieder stärker auf atypische Beschäftigungsformen zurückgegriffen haben. Der Flexibilisie-
rungsgrad der sächsischen Wirtschaft hat sich um 4 Prozentpunkte erhöht und erreicht aktu-
ell 37 Prozent. Damit sind die Werte Sachsens mit denen für Ost- und Westdeutschland (je-
weils 37 Prozent) identisch.
Die einzelnen Formen atypischer Beschäftigung haben in der sächsischen Wirtschaft unter-
schiedliches Gewicht. Die verschiedenartige Nutzungsintensität der einzelnen atypischen
Beschäftigungsformen könnte sich aus ihrer unterschiedlichen Tradition erklären. Im Ver-
gleich zur Teilzeitarbeit handelt es sich bei Mini- und Midi-Jobs um relativ junge Instrumente
der deutschen Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. Im Unterschied zum Vorjahr, in dem
unterschiedliche, zum Teil auch gegenläufige Entwicklungstendenzen für die einzelnen Be-
schäftigungsformen zu beobachten waren, war Mitte 2010 mit Ausnahme der Leiharbeit für
alle anderen atypischen Beschäftigungsformen wieder eine Zunahme zu verzeichnen. Kräfti-
ge Zuwächse hat es vor allem bei der „klassischen“ Teilzeitbeschäftigung, aber auch bei den
Midi-Jobs sowie der befristeten Beschäftigung gegeben. Eher leichtere Zuwächse sind bei
den Mini-Jobs festzustellen.
Diese Entwicklungen könnten sich daraus begründen, dass die einzelnen atypischen Be-
schäftigungsformen über unterschiedliche Flexibilisierungspotenziale verfügen und damit
auch zur Bewältigung der Krisensituation in differenzierter Weise genutzt werden. Betriebe,
die von der Krise besonders negativ betroffen waren, greifen vor allem auf die Flexibilisie-
rungspotenziale von Teilzeittätigkeiten zurück.
4.2 Kurzarbeit
Konjunkturelle Kurzarbeit ist ein traditionelles und bewährtes Instrument bundesdeutscher
Arbeitsmarktpolitik, dessen Ziel es gegenwärtig vor allem ist, den Betrieben Fachkräfte zu
erhalten, krisenbedingte Arbeitslosigkeit zu vermeiden und die betriebliche wie die gesamt-
wirtschaftliche Beschäftigungssituation zu stabilisieren. Zur Abfederung des aktuellen, bis-
lang stärksten wirtschaftlichen Abschwungs in der Geschichte der Bundesrepublik, hat die
Bundesregierung mit Beginn des Jahres 2009 schrittweise die bis dahin geltenden Regelun-
gen zur Inanspruchnahme von Kurzarbeit verändert,
46
wodurch vor allem die Attraktivität
46
Zum Zwecke der erleichterten Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld wurde mit Wirkung vom 01.02.2009 und zunächst
befristet bis Ende 2010 § 421t in das SGB III aufgenommen. Die befristet wirksamen veränderten Regelungen zur Kurzar-
beit sind Bestandteil der Konjunkturpakete I und II.

47
dieses Instrumentes für die von der Konjunkturentwicklung betroffenen Betriebe erhöht wer-
den sollte.
Die Bundesregierung hat eine positive Einschätzung zur bisherigen Nutzung der Kurzarbeit
und ihrer Rolle als Instrument zur Krisenintervention getroffen. So erklärte die Bundesmini-
sterin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen, im April 2010: „Die vergangenen Mona-
te haben uns gezeigt, dass Kurzarbeit eine richtige und nachhaltige Antwort auf die Krise ist.
Mit dem Kurzarbeitergeld können Unternehmen schwierige Zeiten überstehen, ohne Mitar-
beiterinnen und Mitarbeiter entlassen zu müssen. Hunderttausende Arbeitsplätze konnten
gerettet werden, dies mit zwei Dritteln vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen. Das
ist eine gute Bilanz. Dadurch wurde wertvolles Wissen in den Betrieben gehalten. Sobald
sich die Auftragslage wieder bessert, stehen die kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitar-
beiter sofort zur Verfügung, und die Unternehmen müssen nicht lange und kostspielig nach
neuem, qualifiziertem Personal suchen.“
47
Ähnlich äußerte sich im September 2010 auch
Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit: „Wir haben damit die richtige Ent-
scheidung in Deutschland getroffen …“, denn mit Hilfe der Kurzarbeit konnten die Unter-
nehmen „… eine Beschäftigungsbrücke über die Krise bauen“.
48
Dies und die Tatsache,
dass „…die deutsche Wirtschaft … noch nicht über den Berg…“
49
ist, war für die Bundesre-
gierung Mitte 2010 Anlass, die in 2009 veränderten Regelungen zur Kurzarbeit mit nur weni-
gen Ausnahmen
50
bis März 2012 zu verlängern.
51
Kurzarbeit als vorrangiges personalpolitisches Instrument der Krisenintervention
Mit der aktuellen Erhebungswelle des IAB-Betriebspanels ist es möglich, den Stellenwert von
Kurzarbeit als Instrument der Krisenintervention näher zu bestimmen. Dazu wurden die
Betriebe unter anderem danach gefragt, welche personalpolitischen Maßnahmen sie in den
letzten zwei Jahren genutzt haben. Insgesamt haben 38 Prozent der sächsischen Unter-
nehmen in den letzten 2 Jahren personalpolitische Maßnahmen ergriffen. Über die Hälfte
von diesen Betrieben (55 Prozent) hat damit auf die Krise reagiert und war vor allem be-
strebt, das Arbeitsvolumen zu reduzieren. Als wichtigste Maßnahme nach Nutzung der Kurz-
arbeit (12 Prozent der Betriebe) erwies sich der Abbau von Überstunden (11 Prozent der
Betriebe). Jeweils 8 Prozent verkürzten die Arbeitszeit und sprachen betriebsbedingte Kün-
digungen aus. Ähnlich verlief diese Entwicklung im Westteil Deutschlands. 7 Prozent der Be-
triebe stellten die Aufstockung ihres Personals vorerst zurück.
Der Einsatz von Kurzarbeit als Ansatz zur Krisenintervention seitens der sächsischen Betrie-
be rangiert damit an vorderster Stelle. Daher sollten auch die Bedeutung dieses Instrumen-
tes sowie seine Wirksamkeit nicht unterschätzt werden. So trifft das Institut für Wirtschafts-
forschung Halle (IWH) folgende Einschätzung für 2009: „Im Wesentlichen ist es auf drei Ur-
sachenkomplexe zurückzuführen, dass sich die Situation auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt
– gemessen an der Schwere des konjunkturellen Einbruchs – bislang nicht ungünstiger ent-
wickelt hat: Der wichtigste Grund liegt darin, dass die Unternehmen dem abrupten Nachfra-
geausfall durch Arbeitszeitverkürzungen begegnet sind. So wurden Überstunden abgebaut,
aufgelaufene Guthaben auf Arbeitszeitkonten geräumt und Betriebsferien vorgezogen oder
verlängert. Entscheidend war jedoch die Inanspruchnahme der vom Gesetzgeber erweiterten
Kurzarbeiterregelungen.“
52
47
Vgl. Mit Kurzarbeit die Krise meistern. Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
http://www.bmas.de/portal/31218/property=pdf/a843__Flyer__kurzarbeit.pdf.
48
Vgl.
http://www.n-tv.de/wirtschaft/Kurzarbeit-hat-sich-gelohnt-article1523896.html.
49
Vgl. Mit Kurzarbeit die Krise meistern. Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
http://www.bmas.de/portal/31218/property=pdf/a843__Flyer__kurzarbeit.pdf.
50
Über das Jahr 2010 hinaus werden vor allem folgende Sonderregelungen nicht mehr gewährt: Die Förderung der Weiterbil-
dung für Leiharbeitskräfte sowie nach § 421t Abs. 5 SGB III. Auch die sogenannte Konzernregelung nach § 421 Abs. 1,
S. 1, Nr. 3 SGB III, die Unternehmen mit mehreren Standorten bei der Zahlung der SV-Beiträge begünstigte, entfällt.
51
Am 08.07.2010 hat der Deutsche Bundestag die seit 2009 in Kraft befindlichen und bewährten Sonderregelungen für das
Kurzarbeitergeld um 15 Monate bis März 2012 verlängert. Diese sind im vom Bundestag beschlossenen „Gesetz für besse-
re Beschäftigungschancen am Arbeitsmarkt“ (kurz: Beschäftigungschancengesetz/BeschCG) verankert, das zum Jahres-
wechsel 2010/11 in Kraft getreten ist. Vgl.
http://www.buzer.de/gesetz/9454/.
52
Vgl. Hans-Ulrich Brautzsch: Arbeitsmarktbilanz Ostdeutschland: Deutlicher Beschäftigungsrückgang auch in den Neuen
Bundesländern. In: Wirtschaft im Wandel, 11/2009, Halle, Seite 459 f. veröffentlicht unter
http://www.iwh-

48
Die 15. Welle legt wie die 14. Welle des IAB-Betriebspanels Befunde zur Inanspruchnahme
des Instrumentes „Kurzarbeit“ in sächsischen Betrieben vor. Damit können Einschätzungen
zur Nutzungsintensität des Instrumentes über den bisherigen Krisenverlauf vorgenommen
werden. Ein Vergleich zur Erhebung aus dem Jahre 2003, ebenfalls einem Krisenjahr, ges-
tattet es, Entwicklungen und eventuelle Besonderheiten darzustellen und die Frage zu be-
antworten, inwieweit das nunmehr stärker auf die betrieblichen Bedürfnisse ausgerichtete
Instrument unter den Bedingungen der Krise greift.
Rückgang der Kurzarbeit in 2010
Im ersten Halbjahr 2010 nutzten 10 Prozent (2009: 6 Prozent) der sächsischen Betriebe
Kurzarbeit (vgl. Tabelle 22). Das ist noch einmal eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr
und unterstreicht die obige Einschätzung des IWH. Anders sieht es bei der Entwicklung der
Zahl der Kurzarbeiter aus. In Kurzarbeit waren Mitte 2010 knapp 6 Prozent der sächsischen
Beschäftigten (2009: 7 Prozent). Das entspricht einem deutlichen Rückgang der Anzahl der
Kurzarbeiter gegenüber dem Vorjahr.
Insgesamt ist damit auch die aktuelle Nutzung dieses Instrumentes noch immer stärker im
Vergleich zum Krisenjahr 2003. Damals hatten lediglich 5 Prozent aller sächsischen Betriebe
im 1. Halbjahr Kurzarbeit verfügt. Diese Befunde sind Ausdruck dafür, dass die verbesserten
Regelungen zur Kurzarbeit von den sächsischen Betrieben auch noch 2010 angenommen
wurden - also zu einem Zeitpunkt, als bereits der konjunkturelle Aufschwung wieder einge-
setzt hatte - und auch noch bis Mitte 2010 einen Beitrag zur Stabilisierung von Beschäftigung
in Sachsen geleistet haben.
Unterschiede in der Inanspruchnahme der Kurzarbeit ergeben sich in Abhängigkeit von der
Branche.
Am intensivsten wird Kurzarbeit gegenwärtig im Bereich Erziehung und Unterricht
(26 Prozent der Betriebe), in der Baubranche und im verarbeitenden Gewerbe genutzt
(23 bzw. 19 Prozent der Betriebe). Damit entfallen 22 bzw. 49 Prozent, insgesamt also fast
drei Viertel aller Kurzarbeiter in Sachsen auf das Bauwesen und das verarbeitende Gewer-
be. Weitere 13 Prozent der Kurzarbeiter entfallen auf unternehmensnahe Dienstleistungen,
8 Prozent auf die Branche Handel und Reparatur sowie 3 Prozent auf den Bereich Verkehr,
Information, Kommunikation.
Eine besonders große Rolle spielt Kurzarbeit im ersten Halbjahr 2010 noch immer für die
exportintensiven Bereiche des verarbeitenden Gewerbes. Dies ist Ausdruck dafür, dass die-
se nach wie vor relativ stark von den weltwirtschaftlichen Auswirkungen der gegenwärtigen
Krise betroffen sind. Hier praktizieren 30 Prozent der Betriebe Kurzarbeit. Auf diesen Bereich
entfällt über ein Viertel (28 Prozent) aller Kurzarbeiter. Ähnlich wichtig ist dieses Instrument
für die FuE-intensiven Branchen. 27 Prozent der Betriebe nutzen es, womit 23 Prozent der
Kurzarbeiter erfasst werden. In allen anderen Branchen kommt Kurzarbeit derzeit kaum Be-
deutung zu. In Bezug auf diese Strukturen zeichnete sich dieses Bild bereits 2009 ab.
Unterschiede in der Nutzung der Kurzarbeit lassen sich ebenso in Abhängigkeit von der Be-
triebsgröße beobachten. Nur 7 Prozent aller sächsischen Kleinstbetriebe (2009: 4 Prozent)
mit bis zu 4 Beschäftigten praktizieren 2010 Kurzarbeit, demgegenüber sind es aber
19 Prozent der mittleren und 8 Prozent der größeren Betriebe. Der gegenüber 2009 zu beo-
bachtende starke Rückgang der Kurzarbeit bei den größeren Betrieben könnte Ausdruck
dafür sein, dass es ihnen früher als den kleineren Unternehmen gelungen ist, auf die Kon-
junktur aufzuspringen. Dass Kurzarbeit aber in der Regel von größeren Betrieben stärker als
von kleineren Firmen genutzt wird, könnte mehrere Gründe haben: Zum einen könnte dafür
eine stärkere Exporttätigkeit dieser Betriebe und damit deren höhere Abhängigkeit vom
Weltmarkt maßgeblich sein. Zum anderen verfügen Großbetriebe über andere Möglichkei-
ten, den mit der Beantragung und Umsetzung von Kurzarbeit verbundenen Aufwand zu rea-
lisieren. Dies könnte Bedarf anzeigen, das arbeitsmarktpolitische Instrument trotz aller An-
strengungen des Arbeitgeberservices der Arbeitsagenturen noch stärker auf die Bedingun-
gen der kleineren Betriebe auszurichten.
halle.de/d/publik/wiwa/11-09-04.pdf. Der Autor schätzt ferner ein, dass das Kurzarbeitergeld bei einem durchschnittlichen
Arbeitszeitausfall von etwa einem Drittel etwa 50.000 Arbeitnehmer vor Arbeitslosigkeit bewahrt habe.

49
Ungeachtet dieses Trends fallen jedoch die Anteile der Kurzarbeiter an allen Beschäftigten in
Betrieben mit Kurzarbeit in den kleinen Betrieben im Vergleich zu den mittleren und Groß-
betrieben deutlich höher aus. So befindet sich in kurzarbeitenden Kleinstbetrieben gut die
Hälfte aller Beschäftigten in dieser Beschäftigungsform. In mittleren und Großbetrieben be-
läuft sich deren Anteil auf jeweils 44 Prozent. Die bestehenden Unterschiede im Anteil der
Kurzarbeiter an den Beschäftigten in kurzarbeitenden Firmen könnten sich daraus ergeben,
dass bei größeren Betrieben vorrangig bestimmte Produktionsbereiche bzw. Betriebsteile
von Kurzarbeit betroffen sind, während diese bei kleinen Betrieben oft den Großteil der Be-
legschaft tangiert.
Tabelle 22:
Betriebe und Beschäftigte mit Kurzarbeit 2003, 2009 und 2010 (Stand: jeweils 1. Halbjahr) in Sachsen nach aus-
gewählten Branchen** und Betriebsgrößenklassen (alle Betriebe)
Anteil der Betriebe
mit Kurzarbeit an
allen Betrieben
Beschäftigte in Kurzarbeit
Verteilung
Anteil an allen
Beschäftigten
Prozent
Prozent Prozent
Branche/Betriebsgrößenklasse/Länder
2003 2009 2010 2003 2009 2010 2003 2009 2010
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 0 22 0 0 7 0 0 17 0
Verarbeitendes Gewerbe 9 19 19 54 71 49 9 27 15
Baugewerbe
8 15 23 22 11 22 7 10 17
Handel und Reparatur 7 2 8 7 5 8 2 3 3
Unternehmensnahe Dienstleistungen 0 5 10 2 5 13 0 2 5
1 bis 4 Beschäftigte 5 4 7 14 3 7 4 2 4
5 bis 9 Beschäftigte 4 3 11 8 3 14 2 2 6
10 bis 49 Beschäftigte 5 12 14 24 34 27 3 9 6
50 bis 249 Beschäftigte 7 16 19 34 38 43 4 9 9
Ab 250 Beschäftigte 4 17 8 20 22 9 3 7 3
Sachsen insgesamt 5 6 10 100 100 100 3 7 6
Mecklenburg-Vorpommern 1 5 5
1 3 4
Brandenburg
3 5 6
2 4 4
Sachsen-Anhalt
2 6 8
2 5 4
Thüringen
3 6 8
2 8 6
Berlin
2 2 3
1 2 2
Ostdeutschland
3 5 7
2 5 4
Westdeutschland 2 4 6
2 7 5
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Eine differenzierte Betrachtung für Betriebe des Privateigentums und jene Betriebe, die dem
öffentlichen Sektor zugehören, ergibt, dass Kurzarbeit als arbeitsmarktpolitisches Instrument
vorrangig von ersteren genutzt wird (10 Prozent der Betriebe und 94 Prozent aller Kurzarbei-
ter).
Qualifizierung von Kurzarbeitern
Kurzarbeit sieht neben finanziellen Regelungen zum Kurzarbeitergeld auch Maßnahmen zur
beruflichen Orientierung und Weiterbildung vor. „Die Zeiten des Arbeitsausfalls sollen vom
Betrieb dazu genutzt werden, die Vermittlungsaussichten der Arbeitnehmer insbesondere
durch eine berufliche Qualifizierung, zu der auch eine zeitlich begrenzte Beschäftigung bei
einem anderen Arbeitgeber gehören kann, zu verbessern.“
53
Dies unterstreicht den aktiven
Beitrag dieses Instrumentes zur Marktanpassung. Noch stärker kommt sein präventiver Cha-
53
Vgl. SGB III, § 175 (1).

50
rakter mit den aktuellen Regelungen zur Geltung, denn zuzüglich zu den bislang geltenden
Bestimmungen
54
ist nunmehr eine Bezuschussung der beruflichen Weiterbildung für in Kurz-
arbeit befindliche Fachkräfte möglich.
55
Dies soll dazu beitragen, sie für Beschäftigungs-
alternativen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Zugleich erhalten Betriebe
die Möglichkeit, ihren Fachkräften arbeitsplatzbezogene Kenntnisse zu vermitteln. Damit
können diese für ihren Arbeitgeber mit Kompetenzen und Know-how ausgestattet werden,
die einer Anpassung an aktuelle Bedarfe entsprechen. Insbesondere wenn Betriebe diese
Möglichkeit nutzen, dürfte dies von Anpassungsbemühungen in konjunkturellen Krisenzeiten
zeugen.
56
Im ersten Halbjahr 2010 führten in Sachsen 18 Prozent der Betriebe mit Kurzarbeit (West-
deutschland 14 Prozent der Betriebe) Maßnahmen zur beruflichen Orientierung oder Weiter-
bildung für ihre Kurzarbeiter durch. Gegenüber 2009 entspricht dies einer Steigerung um
3 Prozentpunkte. Damit werden die Werte aus dem Jahr 2003 noch weiter überschritten,
denn 2003 qualifizierten lediglich 4 Prozent der Betriebe ihre in Kurzarbeit befindlichen Be-
schäftigten.
Aktuell werden damit 13 Prozent aller Kurzarbeiter qualifiziert (Westdeutschland 12 Prozent).
Auch das entspricht einer deutlichen Zunahme gegenüber 2009 um 6 Prozentpunkte und
kommt damit nahezu einer Verdoppelung gleich. Im Jahre 2003 belief sich der Anteil sogar
nur auf 2 Prozent. Trotz der zu beobachtenden Zuwächse in 2009 und 2010 gegenüber 2003
sowie der höheren Quoten gegenüber Ost- und Westdeutschland bei Qualifizierungsmaß-
nahmen für Kurzarbeiter bleibt festzustellen, dass die bestehenden Möglichkeiten von den
sächsischen Betrieben noch immer zu wenig genutzt werden.
Die geringe Weiterbildungsquote bei Kurzarbeit (13 Prozent) überrascht insofern nicht, als
dass von der Möglichkeit zur Qualifizierung im Rahmen von Kurzarbeit bisher insgesamt we-
nig Gebrauch gemacht wurde.
57
Dies gilt für Sachsen, Ostdeutschland und Westdeutschland
gleichermaßen. Die vergleichsweise geringen Weiterbildungsbemühungen der Betriebe wäh-
rend der Kurzarbeit dürften auch dahingehend zu interpretieren sein, dass Kurzarbeit aus
unternehmerischer Sicht vorrangig der Abfederung der konjunkturell bedingten Ausfälle die-
nen soll. So hatten lediglich 5 Prozent der sächsischen Betriebe, die in den letzten beiden
Jahren personalpolitische Maßnahmen ergriffen haben, ihren Beschäftigten verstärkt Weiter-
bildungsangebote unterbreitet. Zudem gibt es viele weitere Fördermöglichkeiten für betriebli-
che Qualifizierung (vgl. auch Kapitel 7).
Mit Kurzarbeit verknüpfte Qualifizierungsmaßnahmen konzentrieren sich auf wenige Bran-
chen: Vorreiter sind 2010 das verarbeitende und das Baugewerbe, in dem 20 bzw. 19 Pro-
zent aller kurzarbeitenden Betriebe Maßnahmen zur beruflichen Orientierung oder Weiterbil-
dung durchführen. Aus diesen beiden Branchen kommen knapp drei Viertel aller Kurzarbei-
ter, die sich in dieser Zeit weiterbilden. Der Rest entfällt zu gleichen Teilen auf unterneh-
mensnahe Dienstleistungen sowie den Bereich Erziehung und Unterricht.
Qualifizierungsaktivitäten bei Kurzarbeitern hängen außerdem von der Betriebsgröße
ab.
Während lediglich 23 Prozent der Kleinstbetriebe mit bis zu 4 Mitarbeitern diesbezüglich ak-
tiv sind, sind es bei den Großbetrieben fast zwei Drittel (63 Prozent). Gut ein Drittel der mitt-
leren Betriebe (39 Prozent) erweist sich ebenfalls als weiterbildungsaktiv. Auf diese Gruppe
der Betriebe (50 bis unter 250 Beschäftigte) entfällt allerdings fast die Hälfte aller sich qualifi-
54
SGB III § 77, Abs. 2 sieht die vollständige Übernahme von Weiterbildungskosten für geringqualifizierte Kurzarbeiter vor.
Dieser klassische Ansatz wird über Bildungsgutscheine, die über die Agentur für Arbeit ausgegeben werden, umgesetzt. Er
zielt auf Un- und Angelernte ab und soll ihnen einen anerkannten Berufsabschluss bzw. eine Teilqualifizierung ermöglichen,
um ihnen so neue Chancen am Arbeitsmarkt zu eröffnen.
55
Die Bezuschussung erfolgt mit ESF-Mitteln auf der Grundlage der ESF-Richtlinie des Bundes vom 18.12.2008 in der Fas-
sung vom 10.03.2009. In Abhängigkeit von der Art der Maßnahme, der Betriebsgröße sowie der Zielgruppe können zwi-
schen 25 und 80 Prozent der Weiterbildungskosten bezuschusst werden.
Vgl. auch
http://www.arbeitsagentur.de/zentraler-Content/Veroeffentlichungen/Merkblatt-Sammlung/MB-Qualifizierung-Kurz-
arbeitergeldbezieher.pdf.
56
Mit den Daten des IAB-Betriebspanels kann allerdings nicht zwischen den verschiedenen Zielgruppen von Weiterbildungs-
maßnahmen unterschieden werden.
57
Vgl. Axel Deeke: Konjunkturelle Kurzarbeit – Was kann bei vorübergehendem Arbeitsausfall bewirkt werden? In: WSI
Mitteilungen, 8/2009, Düsseldorf, S. 450 f.

51
zierenden Kurzarbeiter (45 Prozent). Im Falle der Großbetriebe ab 250 Beschäftigten sind es
lediglich 7 Prozent. Auch dieser Befund überrascht nicht, sind es doch ohnehin die mittleren
und großen Firmen, die sich auch unabhängig von Kurzarbeit als wesentlich weiterbildungs-
aktiver als kleinere Betriebe erweisen. Das geringe Weiterbildungsengagement der kleinen
Firmen erklärt sich nicht nur aus oft fehlenden personellen und zeitlichen Ressourcen. Viele
dieser Betriebe haben überdies Probleme, Angebote zu finden, mit denen sie ihren oft sehr
spezifischen Weiterbildungsbedarf abdecken können. Daher ist es umso wichtiger, kleine
Betriebe verstärkt über die neuen Weiterbildungsmöglichkeiten für Kurzarbeiter zu informie-
ren, sie dafür zu sensibilisieren und sie hinsichtlich der konkreten Nutzungsmöglichkeiten
noch umfangreicher zu beraten.
Fazit:
Seitens der sächsischen Unternehmen wird der Kurzarbeit in den letzten 2 Jahren -
und 2010 noch verstärkt gegenüber 2009 - unter den personalpolitischen Maßnahmen als
Instrument zur Krisenintervention ein hoher Stellenwert beigemessen. In diesem Spektrum
rangiert sie an vorderster Stelle, womit ihre Interventionswirkung entsprechend einzuschät-
zen ist. Dieses Instrument der Arbeitsmarktpolitik wurde von 10 Prozent der Betriebe für
6 Prozent der Beschäftigten genutzt. Im Vergleich zu 2003, ebenfalls einem Krisenjahr, stellt
dies eine deutliche Erhöhung der Inanspruchnahme von Kurzarbeit dar. Damit dürfte Kurzar-
beit sowohl 2009 als auch 2010 einen nennenswerten Beitrag zur Stabilisierung von Be-
schäftigung in Sachsen geleistet haben. Die Befunde sprechen dafür, dass die mit der Fi-
nanz- und Wirtschaftskrise verbesserten Regelungen zur Kurzarbeit gegriffen haben und
sich die Attraktivität dieses Instrumentes für sächsische Betriebe verbessert hat. Ob damit
bereits alle Möglichkeiten dieses beschäftigungspolitischen Instrumentes seitens der sächsi-
schen Betriebe ausgeschöpft sind, muss offen bleiben. 18 Prozent der Betriebe mit Kurzar-
beit und 13 Prozent aller Kurzarbeiter in Sachsen nutzen die Möglichkeit zur beruflichen Wei-
terbildung.
5. Fachkräftebedarf
Die Problematik eines bestehenden bzw. erwarteten Fachkräftemangels in Deutschland
steht erneut und stärker denn je im Fokus der öffentlichen Diskussion. Die Auseinanderset-
zungen verlaufen kontrovers und reichen von „Alarmsignalen“ eines akuten und wachstums-
gefährdenden Fachkräftemangels, der von der Wirtschaft beklagt wird, bis zur Behauptung,
es gäbe weder derzeit noch künftig eine Mangelsituation im Fachkräftebereich. Die vorlie-
genden Argumente beruhen auf unterschiedlichen empirischen Untersuchungen und Analy-
sen bestehender Statistiken.
Auch die aus dem IAB-Betriebspanel vorliegenden Ergebnisse sprechen dafür, dass die Fra-
ge der Verfügbarkeit von Fachkräften im Blickfeld wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischer
Überlegungen
58
bleiben sollte.
Aber wie zugespitzt ist die Fachkräftesituation derzeit tatsächlich? Das IAB-Betriebspanel als
repräsentatives Befragungsinstrument der Betriebe mit mindestens einem sozialversiche-
rungspflichtig Beschäftigten liefert Informationen über die Besetzungssituation von Fachkräf-
testellen seit Mitte der 1990er Jahre im jeweils zurückliegenden Halbjahr und zwar für alle
Branchen und Betriebsgrößenklassen. Hierbei wird die Sichtweise der Betriebe widergespie-
gelt. Dabei werden in den Betrieben sowohl die erfolgten Einstellungen von Fachkräften er-
fasst als auch der Umfang nicht besetzter Fachkräftestellen.
58
Der Bund hat die "Zukunftsinitiative Fachkräftesicherung" ins Leben gerufen, im Rahmen derer gemeinsam mit den ostdeut-
schen Ländern, Kammern und Sozialpartnern „regionenspezifische Ansätze zur Fachkräftesicherung insbesondere für klei-
nere Betriebe in ausgewählten Branchen entwickelt werden, die in Ostdeutschland ein hohes Wachstumspotenzial aufwei-
sen.“ Vgl. Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2010, 22. September 2010, S. 31 f.
http://www.zuwanderung.de/SharedDocs/Downloads/BODL/Jahresberichte/2010.pdf?__blob=publicationFile
(Zugriff:
14.10.2010). Mit der „Fachkräfteinitiative in ostdeutschen Zukunftsfeldern“ als einem Bestandteil der "Zukunftsinitiative
Fachkräftesicherung" sollen darüber hinaus regionale Ansätze der Fachkräftesicherung gefördert werden, die einen Beitrag
leisten zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit ostdeutscher kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) und somit zur Unter-
stützung des wirtschaftlichen Wachstums in den neuen Ländern. Vgl. Fachkräfteinitiative in ostdeutschen Zukunftsfeldern,
Der Beauftragte der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Bundesministerium des Innern.
http://www.bmi.bund.de/BODL/DE/Themen/ArbeitAusbildung/fachkraefte/fachkraefte_node.html
(Zugriff: 14.10.2010).

52
Hierbei tritt jedoch eine Schwierigkeit auf: Wenn man nicht besetzte Stellen erfasst, so kann
es für die Nicht-Besetzung unterschiedliche Ursachen geben. Zum einen gibt es offene Stel-
len durch den normalen Prozess der Personalsuche (Stellenausschreibung, Warten auf Be-
werbungen und deren Sichtung, Führung der Personalgespräche etc.), so genannte frikti-
onsbedingt freie Stellen.
59
Diese freien Stellen gibt es immer, und sie sind auch nicht – zu-
mindest im Zusammenhang mit der Diskussion um einen Fachkräftemangel – als problema-
tisch anzusehen. Zum anderen gibt es aber auch freie Stellen, die längere Zeit unbesetzt
bleiben und somit die zu verrichtenden Tätigkeiten entweder gar nicht oder über Mehrarbeit
der bestehenden Belegschaft erledigt werden müssen. Für die Diskussion um den Fachkräf-
tebedarf sind insbesondere diese Stellen von Bedeutung. Mit den vorliegenden Ergebnissen
aus dem IAB-Betriebspanel können die verschiedenen Gründe für die Nicht-Besetzung von
Fachkräftestellen allerdings nicht voneinander unterschieden werden. Das bedeutet, dass
die ausgewiesenen freien Stellen sowohl den „normalen Umfang“ an Nicht-Besetzung bein-
halten als auch bestehende Schwierigkeiten widerspiegeln, überhaupt geeignete Fachkräfte
zu finden. Dennoch lassen sich aus den Relationen von Besetzung und Nicht-Besetzung von
Fachkräftestellen, insbesondere aus den Veränderungen im Zeitverlauf, Schlussfolgerungen
für die bestehende Situation der Deckung des Fachkräftebedarfs in Sachsen ziehen.
Nachfolgende Auswertungen beruhen ausschließlich auf betrieblichen Angaben zu Einstel-
lungen und zur Nicht-Besetzung von Fachkräftestellen im jeweils zurückliegenden Halbjahr,
also auf den Angaben der Betriebe über ihren tatsächlichen Besetzungserfolg bei Fachkräf-
testellen. Die vorliegenden Informationen sind demnach harte betriebliche Fakten und deut-
lich aussagekräftiger als beispielsweise die Frage: „Haben Sie Probleme, Stellen für Fach-
kräfte zu besetzen?“
5.1
Betriebliche Indikatoren des Fachkräftebedarfs
Die Angaben aus dem IAB-Betriebspanel bieten umfangreiche Informationen, um den be-
trieblichen Fachkräftebedarf zu charakterisieren. Darüber hinaus ist es möglich, Veränderun-
gen im Zeitverlauf aufzuzeigen, da Angaben zum Fachkräfteeinsatz seit Mitte der 1990er
Jahre erhoben werden. In der Vergangenheit zeigte sich, dass der Fachkräftebedarf eng an
die konjunkturelle Entwicklung gebunden ist. Mit den aktuellen Befragungsergebnissen lie-
gen betriebliche Einschätzungen vor, die den Fachkräftebedarf unter den Bedingungen der
Finanz- und Wirtschaftskrise beschreiben. Die Ergebnisse der Vorjahresbefragung belegen,
dass durch die Anwendung der Kurzarbeiterregelung die Auswirkungen der Krise auf die Be-
schäftigung deutlich geringer ausfielen als ursprünglich befürchtet. Das Potenzial an Fach-
kräften konnte in hohem Maße in den Betrieben gehalten werden.
Der betriebliche Fachkräftebedarf lässt sich nicht mit einer einzigen umfassenden Kennziffer
darstellen. Um sich dem Bedarf an Fachkräften in seiner quantitativen Dimension, seiner
qualitativen Strukturierung und vor allem seiner künftigen Entwicklung zu nähern, wird aus
dem IAB-Betriebspanel eine Reihe von Indikatoren herangezogen und deren Niveau und
zeitliche Entwicklung dargestellt. Die Indikatoren aus dem IAB-Betriebspanel zum bestehen-
den Fachkräftebedarf beziehen sich auf
Neueinstellungen, nicht besetzte Stellen und Perso-
nalsuche zum nächstmöglichen Einstellungstermin
.
Neueinstellungen von Fachkräften
Der Umfang der Fachkräfteeinstellungen folgt im Großen und Ganzen dem konjunkturellen
Verlauf. Das betriebliche Einstellungsverhalten von Fachkräften hat sich während der Wirt-
schaftskrise nur kurzfristig verändert. Im 1. Halbjahr 2009 sank die Zahl der Einstellungen
qualifizierter Fachkräfte zwar deutlich um fast 10 Prozent auf 70 Tsd. Im 1. Halbjahr 2010 ist
59
Nach Angaben des IAB vergingen vom Beginn der Suche bis zur Entscheidung für einen Bewerber im Jahr 2009 durch-
schnittlich 46 Tage. Mit steigenden Qualifikationsanforderungen verlängerte sich die Personalsuche deutlich: von 39 Tagen
bei Arbeitsplätzen mit erforderlicher gewerblicher oder kaufmännischer Ausbildung bis auf 68 Tage bei Arbeitsplätzen mit
erforderlichem Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Vgl. Markus Heckmann, Anja Kettner, Martina Rebin, Kurt Vog-
ler-Ludwig: Stellenbesetzungen in Zeiten der Krise. In: IAB-Kurzbericht 23/2010, S. 4.

image
53
demgegenüber bereits wieder ein Anstieg auf 74 Tsd. Einstellungen zu verzeichnen, was
einen wieder steigenden Bedarf an Fachkräften signalisiert (vgl. Abbildung 12).
Überraschend hatte sich im 1. Halbjahr 2009 der Anteil der Betriebe, die Einstellungen von
Fachkräften vorgenommen haben, gegenüber dem Vorjahr sogar noch weiter erhöht. Im
1. Halbjahr 2010 sank der Anteil allerdings auf nunmehr 21 Prozent und damit auf das Ni-
veau vor der Krise – allerdings ging dies mit einem Anstieg der Einstellungen einher (vgl.
ebenfalls Abbildung 12).
Abbildung 12:
Einstellungen von Fachkräften 1996 bis 2010 (jeweils 1. Halbjahr) in Sachsen
*
Errechnete Werte, da für die Jahre 1999, 2004 und 2006 die Daten nicht erfragt wurden.
Betriebe in Sachsen, die in den vergangenen 2 Jahren von der Krise betroffen waren, stell-
ten im 1. Halbjahr 2010 anteilig seltener Fachkräfte ein als die übrigen Betriebe. Etwa
26 Prozent aller Neueinstellungen von Fachkräften entfielen auf diese Betriebsgruppe (bei
einem Beschäftigtenanteil an den Fachkräften von ca. 36 Prozent). Betriebe, in denen es
nach eigenen Angaben wieder aufwärts geht bzw. die die Krise bereits überwunden haben,
stellten Fachkräfte etwas häufiger als die übrigen Betriebe ein. Das bedeutet, dass die Wirt-
schaftskrise keine nachhaltigen Folgen auf das Einstellungsverhalten der Betriebe hinsicht-
lich der Fachkräfte in Sachsen hatte.
Nicht besetzte Stellen für qualifizierte Tätigkeiten
Da die Angebotsseite von Fachkräften nicht Gegenstand des IAB-Betriebspanels ist, werden
nachfolgend die nicht besetzten Stellen
als Indikator für Disparitäten am Arbeitsmarkt ver-
wendet. Es sei darauf hingewiesen, dass ein Teil dieser Stellen friktionsbedingt nicht besetzt
war.
2008 haben sich im Vergleich zu 2005 sowohl die Anzahl unbesetzter Fachkräftestellen als
auch der Anteil der Betriebe mit unbesetzten Fachkräftestellen vervielfacht. Der Konjunktur-
einbruch im 1. Halbjahr 2009 hatte Konsequenzen für die Nichtbesetzung von Fachkräfte-
stellen. Nach Angaben der Betriebe konnten im 1. Halbjahr 2009 nur noch 11 Tsd. Stellen für
qualifizierte Tätigkeiten bis zum Stichtag der Befragung nicht besetzt werden. Mit der Erho-
lung der Wirtschaft in 2010 und dem Anstieg von Fachkräfteeinstellungen waren zum Befra-
gungszeitpunkt mit 17 Tsd. wieder deutlich mehr Stellen unbesetzt als im Vergleichszeitraum

image
54
des Vorjahres. Auch der Anteil der Betriebe mit unbesetzten Fachkräftestellen erhöhte sich
auf gut 7 Prozent (vgl. Abbildung 13). Der Umfang unbesetzter Stellen für Fachkräfte erreich-
te in etwa wieder das Niveau von 2008, auch waren anteilig mehr Betriebe von der Beset-
zungsproblematik betroffen. 2010 wurde diesbezüglich ein Höchstwert erreicht.
Abbildung 13:
Betriebe mit nicht besetzten Fachkräftestellen und Zahl nicht besetzter Fachkräftestellen in Sachsen 1996 bis
2010 (jeweils 1. Halbjahr)
Auf Betriebe, die die Krise überwunden haben bzw. in denen es wieder aufwärts geht, entfällt
etwa ein Drittel aller nicht besetzten Fachkräftestellen in Sachsen (bei einem Beschäfti-
gungsanteil an den Fachkräften von etwa 30 Prozent).
Suche nach Fachkräften
Unter den Bedingungen der Finanz- und Wirtschaftskrise war die Suche nach Fachkräften
zum nächstmöglichen Einstellungstermin 2009 deutlich gesunken, aber keinesfalls eingebro-
chen. Im Vergleich zu den Jahren des konjunkturellen Aufschwungs 2007 bis Mitte 2008
suchten Mitte 2010 in Sachsen genauso viele Betriebe eine ähnliche Anzahl von Fachkräf-
ten: Von etwa 11 Prozent aller sächsischen Betriebe wurden Mitte 2010 insgesamt 25 Tsd.
Fachkräfte zum nächstmöglichen Einstellungstermin gesucht. Das ist rund ein Fünftel mehr
als 2009 (19 Prozent) und der zweithöchste Werte seit Mitte der 1990er Jahre (vgl. Abbil-
dung 14).

image
image
55
Abbildung 14:
Suche nach Fachkräften zum nächstmöglichen Zeitpunkt 1996 bis 2010 (Stand: jeweils 30. Juni) in Sachsen
*
Errechneter Wert, da für 1999 die Daten nicht erfragt wurden.
Bei den gesuchten Fachkräften ist es von Interesse, in welchem Umfang und in welcher Re-
lation beide Teilgruppen der Fachkräfte – Beschäftigte mit abgeschlossener Lehre einerseits
und Beschäftigte mit einem Hochschul- bzw. Fachhochschulabschluss andererseits – ge-
sucht werden. Von den 25 Tsd. gesuchten Fachkräften in Sachsen entfielen gut drei Viertel
auf Beschäftigte mit abgeschlossener Lehre
60
und knapp ein Viertel auf Hochschulabsolven-
ten.
5.2
Besetzung von Fachkräftestellen
Anstieg des Fachkräftebedarfs
Aus der Zusammenführung von eingestellten Fachkräften und nicht besetzten Fachkräfte-
stellen kann auf den jeweiligen Fachkräftebedarf insgesamt geschlossen werden. Mit dem
konjunkturellen Aufschwung 2005 bis 2008 hat sich der Fachkräftebedarf in Sachsen deut-
lich erhöht. In 2009 verringerte sich der Fachkräftebedarf in Sachsen, um allerdings in 2010
wieder anzusteigen, ohne jedoch das hohe Niveau vor der Finanz- und Wirtschaftskrise wie-
der zu erreichen (vgl. Abbildung 15).
60
Der Erhebungszeitpunkt Mitte des Jahres umfasst den Zeitpunkt des Abschlusses der Lehre und der Möglichkeit der Über-
nahme von Ausbildungsabsolventen.

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56
Abbildung 15:
Fachkräftebedarf in Sachsen 1996 bis 2010 (jeweils 1. Halbjahr)
Aus einer Gegenüberstellung von Einstellungen und nicht besetzten Stellen kann einge-
schätzt werden, inwieweit die Besetzung von Fachkräftestellen problemlos verlief bzw. grö-
ßere Schwierigkeiten auftraten. Um diese Informationen zu erhalten, wird eine so genannte
Nichtbesetzungsquote
berechnet. Die Nichtbesetzungsquote für Fachkräfte ist definiert als
Anteil der nicht besetzten Stellen für Fachkräfte an allen für Fachkräfte angebotenen Ar-
beitsplätzen (vollzogene Einstellungen plus nicht besetzte Stellen). Auf diesem Weg können
Einschätzungen über Überschuss- oder Mangelsituationen im Bereich der Fachkräfte getrof-
fen werden. Die Ergebnisse des IAB-Betriebspanels belegen, dass der steigende Fachkräf-
tebedarf während des letzten konjunkturellen Aufschwungs mit zunehmenden Besetzungs-
schwierigkeiten einherging. Zwischen 2005 und 2008 erhöhte sich die Nichtbesetzungsquote
für Fachkräfte von 8 auf 19 Prozent, im Krisenjahr 2009 verringerte sie sich auf 14 Prozent.
Mit dem Anstieg des Fachkräftebedarfs in 2010 nahmen die Besetzungsprobleme erneut zu.
Die Nichtbesetzungsquote stieg wieder auf 19 Prozent und erreichte damit das Niveau des
Wachstumsjahres 2008.
Die Nichtbesetzungsquote in Westdeutschland lag in den letzten Jahren in der Regel höher
als der sächsische und der ostdeutsche Vergleichswert. Das heißt, die Fachkräftesituation
war in westdeutschen Betrieben angespannter. Inzwischen nähern sich die sächsische und
die ostdeutsche Nichtbesetzungsquote den westdeutschen Werten tendenziell an (vgl. Abbil-
dung 16).

image
57
Abbildung 16:
Nichtbesetzungsquote der Fachkräftestellen in Sachsen, Ost- und Westdeutschland 1996 bis 2010 (jeweils 1.
Halbjahr)
Zur Gruppe der Fachkräfte zählen Beschäftigte mit Hochschul- bzw. Fachhochschulab-
schluss sowie Beschäftigte mit Berufsabschluss. Eine Analyse der Panelergebnisse des Jah-
res 2008 hat gezeigt, dass Arbeitsplätze mit erforderlichem Hochschul- bzw. Fachhoch-
schulabschluss schwieriger zu besetzen sind als Arbeitsplätze, die einen Berufsabschluss
voraussetzen. Diese Aussage gilt sowohl für Sachsen als auch für Ost- und für Westdeutsch-
land. Die Nichtbesetzungsquote bei Hochschul- bzw. Fachhochschulabsolventen lag im 1.
Halbjahr 2008 in Sachsen bei 35 Prozent, bei Arbeitsplätzen mit Berufsabschluss bei 14 Pro-
zent.
61
Die Ergebnisse belegen, dass die sächsischen Betriebe vor allem Schwierigkeiten
haben, Stellen mit höheren Qualifikationsanforderungen zu besetzen.
Eine Betrachtung nach
Branchen
zeigt, dass sich die Fachkräftesituation durchaus unter-
schiedlich darstellt. Zu den Branchen mit nahezu problemloser Besetzung von Fachkräfte-
stellen gehören der Bereich Erziehung und Unterricht sowie die Branche Berg-
bau/Energie/Wasser/Abfall sowie die öffentliche Verwaltung. Auch die übrigen Dienstleistun-
gen und das verarbeitende Gewerbe weisen mit 12 und 14 Prozent unterdurchschnittliche
Nichtbesetzungsquoten auf. Oberhalb des Landesdurchschnitts liegt diese Kennziffer in der
Land- und Forstwirtschaft sowie in den unternehmensnahen Dienstleistungen (jeweils
29 Prozent), ein Extremwert wird bei Finanz- und Versicherungsdienstleistern mit 78 Prozent
erreicht. Auf die unternehmensnahen Dienstleistungen entfallen allein 38 Prozent der derzeit
nicht besetzten Stellen, auf das verarbeitende Gewerbe 7 Prozent und auf das Bauwesen
15 Prozent. Das bedeutet, allein diese drei Branchen haben insgesamt einen Anteil von
60 Prozent am Fachkräftebedarf in Sachsen. Problematisch ist vor allem auch die Situation
in der Wissenswirtschaft.
Dieser Wirtschaftsbereich hat ein oberhalb des Durchschnitts lie-
gendes Qualifikationsniveau und aufgrund seiner beschäftigungsmäßig dynamischen Ent-
wicklung eine relativ hohe Nachfrage nach Fachpersonal. 27 Prozent aller Fachkräftestellen
waren hier zum Befragungszeitpunkt nicht besetzt. Der Anteil der Wissenswirtschaft am Ge-
samtbedarf von Fachkräften liegt bei 28 Prozent, an den nicht besetzten Stellen bei 41 Pro-
zent. Die großen Besetzungsprobleme in diesem Bereich sind ein Alarmzeichen, da die Wis-
61
Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der 13. Welle 2008, April 2009, S. 42f. publiziert unter:
http://www.smwa.sachsen.de/set/431/Betriebspanel%202008%20lang.177316.pdf,
a. a. O.

image
58
senswirtschaft eine Schlüsselrolle für Wachstum und Beschäftigung einnimmt (vgl. Abbil-
dung 17). Eine Voraussetzung für die Lösung der Besetzungsprobleme in der Wissenswirt-
schaft wären attraktivere Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen, einschließlich der Entloh-
nung für die Hochschulabsolventen des Landes und für wanderungsbereite Akademiker.
Abbildung 17:
Nichtbesetzungsquote der Fachkräftestellen im 1. Halbjahr 2010 nach Branchen und Betriebsgrößenklassen in
Sachsen
Die Betrachtung nach
Betriebsgrößengruppen
zeigt, dass Besetzungsprobleme bei Stellen
für Fachkräfte mit steigender Betriebsgröße deutlich abnehmen (vgl. ebenfalls Abbildung 17).
Die größten Probleme haben Kleinstbetriebe
mit bis zu 4 Beschäftigten. Hier beträgt die
Nichtbesetzungsquote 52 Prozent, das heißt jede zweite Stelle für Fachkräfte konnte im
1. Halbjahr 2010 nicht besetzt werden. Allerdings entfielen auf Betriebe dieser Größenklasse
lediglich 9 Prozent des Gesamtbedarfs an Fachkräften des Freistaats, jedoch 25 Prozent
aller nicht besetzten Stellen für Fachkräfte. In kleineren und mittleren
Betrieben (10 bis 249
Beschäftigte) blieb rund jede 7. Stelle für Fachkräfte unbesetzt (Nichtbesetzungsquote 16 bis
17 Prozent). Auf Betriebe dieser Größenordnung entfielen fast zwei Drittel (64 Prozent) des
Bedarfs und 57 Prozent aller nicht besetzten Stellen. In Großbetrieben
ist die Situation deut-
lich entspannter. Hier liegt die Nichtbesetzungsquote bei Fachkräften bei lediglich 4 Prozent.
17 Prozent des gesamten Bedarfs an Fachkräften entfiel auf Großbetriebe, jedoch nur
3 Prozent aller nicht besetzten Fachkräftestellen. Stellenbesetzungsprobleme bei Fachkräf-
ten, insbesondere in kleineren Betrieben, hängen möglicherweise damit zusammen, dass
diese bei Einstellungen weniger kompromissbereit sind und auch sein können. Die Umset-
zung von Kompromissen (Einarbeitungszeiten, fachliche Qualifizierung) ist immer mit finan-
ziellem, zeitlichem und personellem Aufwand verbunden, den kleinere Betriebe teilweise
nicht tragen können. Größere Betriebe können eher qualifikatorische Defizite ausgleichen,
bieten bessere berufliche Perspektiven, sind flexibler in der Arbeitszeitgestaltung und zahlen
höhere Löhne (das Lohn- und Gehaltsniveau aller Beschäftigten in Kleinstbetrieben beträgt
nur ca. die Hälfte der Löhne und Gehälter in größeren Betrieben mit 250 und mehr Beschäf-
tigten).
Tendenziell wachsen die Besetzungsprobleme mit zunehmender Überwindung der Krise.
Betriebe, die nach eigener Einschätzung die Krise überwunden haben, weisen eine über-
durchschnittlich hohe Nichtbesetzungsquote von 29 Prozent auf.

59
Künftig eher steigender Problemdruck der Fachkräftesicherung
Das Problem der ausreichenden Verfügbarkeit von Fachkräften wird dadurch verschärft,
dass infolge des demografischen Wandels die Betriebsbelegschaften zunehmend altern und
in höherem Maße als bisher altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Auf diese
Situation müssen die Betriebe mit Neueinstellungen reagieren und/oder personalpolitische
und arbeitsorganisatorische Veränderungen vornehmen, die den bestehenden Fachkräfte-
druck verringern. Nach den voraussichtlichen personalpolitischen Problemen befragt gaben
28 Prozent der Betriebe an, dass sie in den kommenden zwei Jahren Schwierigkeiten be-
fürchten, die notwendigen Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Damit hat sich mit der
wieder steigenden Nachfrage nach Fachkräften in Sachsen der Anteil der Betriebe mit be-
fürchteten Problemen im Vergleich zu 2008 (15 Prozent) spürbar erhöht. Diese Angaben
deuten darauf hin, dass die Betriebe in Sachsen sich zunehmend der Fachkräftesituation
bewusst sind. Insgesamt jedoch wird die „Qualität des Fachkräfteangebots“ in Sachsen seit
Jahren von den Betrieben als „gut“ bewertet.
62
Mismatch-Situationen zwischen Angebot und Nachfrage bei qualifizierten Tätigkeiten werden
in Zukunft wahrscheinlich verstärkt auftreten. Der prognostizierte Bevölkerungsrückgang in
Deutschland zwischen 2010 und 2030 von 2 Prozent wird begleitet von einem starken Rück-
gang jüngerer Bevölkerungsgruppen (-10 Prozent der unter 20-Jährigen, -10 Prozent der 20-
bis unter 65-Jährigen). Demgegenüber wird sich der Bevölkerungsanteil der 65-Jährigen und
noch Älteren um etwa 30 Prozent erhöhen. Deutlich ungünstiger wird die Entwicklung in Ost-
deutschland sein, insbesondere in der Altersgruppe der 20- bis unter 65-Jährigen, also der
Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Hier wird zwischen 2010 und 2030 in Ostdeutschland
ein Rückgang von 23 Prozent erwartet (Westdeutschland -7 Prozent).
Diese Entwicklung dürfte in den kommenden Jahren nicht ohne Folgen für den Arbeitsmarkt
bleiben. Bereits gegenwärtig gibt es Fachkräfteengpässe in bestimmten Berufsgruppen so-
wie im Bereich der Hochqualifizierten, was bereits zu Problemen in ausgewählten Branchen,
insbesondere in der Wissenswirtschaft, geführt hat. Die sich für die kommenden Jahre ab-
zeichnenden strukturellen Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung signalisieren,
dass sich die gegenwärtig vorhandenen einzelnen Probleme im Bereich der Fachkräftesiche-
rung in den kommenden Jahren deutlich verschärfen dürften.
Unabhängig von der konkreten Situationseinschätzung des Fachkräftemarktes in Sachsen
wie auch in Deutschland insgesamt gibt es verschiedene Wege und „Stellschrauben“, das
Fachkräfteangebot sowohl gegenwärtig als auch künftig zu beeinflussen. Neben der Nutzung
bestehender Potenziale im Bereich der betrieblichen Ausbildung (Erhöhung der Zahl der
ausbildenden Betriebe sowie der Übernahmequoten von Ausbildungsabsolventen) und der
Weiterbildung, der längeren Einbeziehung älterer Arbeitnehmer in den Arbeitsprozess, län-
gerer Arbeitszeiten von Teilzeitbeschäftigten, der Erschließung bestehender Potenziale von
Arbeitslosen und der aktiven stillen Reserve, der Verlängerung der wöchentlichen Arbeits-
zeit
63
, spielen auch Fragen der Einbindung ausländischer Fachkräfte eine Rolle. Ab 1. Mai
2011 gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit für alle EU-Mitgliedsländer. Derzeit ist allerdings of-
fen, welchen Einfluss dieser Schritt auf den deutschen und speziell den sächsischen Ar-
beitsmarkt haben wird. Offen ist ebenso, inwieweit Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern eine
Tätigkeit in Sachsen und in Deutschland insgesamt aufnehmen werden.
Die Landesregierung versucht mit verschiedenen Initiativen bereits seit einigen Jahren, die
Fachkräfteproblematik offensiv anzugehen. So stellt das Sächsische Ministerium für Wirt-
schaft und Arbeit beispielsweise ab 2008 für drei Jahre 735.000 Euro für ein Pilotprojekt be-
reit, über das mehrere Verbundinitiativen im Land gefördert werden. Damit sollen unter ande-
rem die Bewerberzahl und die Bewerberzahlqualität insbesondere für die Elektro- und Metall-
62
Vgl. IAB-Betriebspanel, Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der 11. Welle 2006, S. 82 sowie der vierzehnten Welle 2009, a.
a. O., S. 83 f.
63
Vgl.
http://www.focus.de/finanzen/news/fachkraeftemangel-das-ende-der-38-stunden-woche_aid_565040.html.

60
industrie und die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen erhöht werden.
64
Zugleich gibt
es die Fachkräfte-Initiative ProfiSACHS, bei der es sich um eine Gemeinschaftsinitiative der
Verbundinitiativen Automobilzulieferer Sachsen, Maschinenbau Sachsen, Bahntechnik Sach-
sen und Technische Textilien im Auftrage des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft
und Arbeit handelt. Unter dem Dach von ProfiSACHS sollen die beteiligten Verbundinitiativen
die Unternehmen beim vorausschauenden Personalmanagement unterstützen, indem sie
zum Beispiel passgenaue Fachkräfteprofile erstellen, die den Anforderungen der neuesten
technologischen Entwicklungen in den jeweiligen Branchen entsprechen.
65
Schließlich sei
das aus dem Ideenwettbewerb „Fachkräfteinitiative in ostdeutschen Zukunftsfeldern“ hervor-
gegangene Projekt "Aus einem Guss - Fachkräfteentwicklung im Netzwerk" erwähnt, das am
01. Oktober 2010 vom ARBEIT UND LEBEN Sachsen e. V. in Kooperation mit dem Bil-
dungswerk der Sächsischen Wirtschaft gestartet wurde. In diesem Rahmen werden das
Gießereinetzwerk Leipzig und die in ihm vertretenen Unternehmen unterstützt, indem die
Fachkräfteentwicklung modellhaft auf die aktuellen Erfordernisse ausgerichtet wird. Dazu
werden bis Mitte 2012 entsprechende Initiativen in den Bereichen Berufsorientierung, Aus-
bildung und der berufsbegleitenden Weiterbildung entwickelt und umgesetzt.
66
Fazit:
Aktuell gibt es keinen generellen, flächendeckenden Fachkräftemangel in Sachsen. Die Jah-
re des konjunkturellen Aufschwungs bis 2008 und auch das Jahr 2010 waren zwar durch
einen steigenden Fachkräftebedarf in den sächsischen Betrieben und zunehmende Nichtbe-
setzungsquoten gekennzeichnet, dies weist jedoch nicht auf eine akute Problemlage hin.
Unter den Bedingungen der Finanz- und Wirtschaftskrise war in Sachsen der Fachkräftebe-
darf rückläufig, begleitet von rückläufigen Einstellungen und sinkenden Nichtbesetzungsquo-
ten. Dennoch gibt es im Bereich Hochqualifizierter erkennbare Besetzungsprobleme und
partielle Knappheiten, was in ausgewählten Branchen, insbesondere in der Wissenswirt-
schaft, zu Problemen führen kann. Zunehmende Schwierigkeiten bei der Besetzung von
Fachkräftestellen haben kleinere sächsische Betriebe. Überdurchschnittlich stark mit Beset-
zungsschwierigkeiten konfrontiert sind Betriebe, die die Krise überwunden haben und sich im
konjunkturellen Aufschwung befinden. Die betrieblichen Stellenangebote für Fachkräfte müs-
sen attraktiver werden, um das vorhandene Potenzial zu halten und zu nutzen.
6. Betriebliche Ausbildung
Die eigene Berufsausbildung trägt nicht nur entscheidend zur Sicherung des betrieblichen
Fachkräftebedarfs bei, sondern bietet jungen Frauen und Männern auch einen qualifizierten
Einstieg in die Arbeitswelt und eine berufliche Zukunft. Eine abgeschlossene Berufsausbil-
dung kann als Initialqualifikation für eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration angesehen
werden. Misslingt der Berufsstart, ist die Wahrscheinlichkeit von Arbeitslosigkeit und der In-
anspruchnahme von Transferleistungen relativ hoch. Daher ist ein ausreichendes Ausbil-
dungsplatzangebot durch die Betriebe einerseits und eine dementsprechende Anzahl von
Bewerbern andererseits eine Voraussetzung für eine ausgeglichene Ausbildungsbilanz.
Während die letzten Jahre in der Regel durch einen Mangel an Ausbildungsstellen charakte-
risiert waren, wird es in den nächsten Jahren für die Betriebe schwieriger werden, ihren Be-
darf an Auszubildenden zu decken.
Demografisch bedingt sinkt in Sachsen die Anzahl von Ausbildungsbewerbern, da jetzt die
Kinder aus den geburtenschwachen Jahrgängen nach der Wende von den Schulen abgehen
(in Westdeutschland steigt die Zahl der Bewerber weiterhin an). Bis 2020 wird eine weitere
Reduzierung der Bevölkerungsanzahl der 15- bis unter 25-Jährigen um 23,6 Prozent prog-
64
Vgl.:
http://www.smwa.sachsen.de/set/431/Verbundinitiativen09_de.pdf.
65
Vgl.:
http://www.smwa.sachsen.de/de/Meldung/Fachkraefteinitiative_ProfiSACHS_gestartet/144314.html?referer=104413.
66
Vgl.:
http://www.arbeitundleben.eu/arbeit-und-bildung/472-aus-einem-guss-fachkraefteentwicklung-im-netzwerk.

61
nostiziert.
67
Zugleich gibt es als entlastenden Faktor eine nicht unbeträchtliche Zahl an Ju-
gendlichen, die sich in den Vorjahren vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemühten (so
genannte Altnachfrager), wenngleich deren Anzahl in den letzten Jahren deutlich rückläufig
ist. Damit schließt sich zunehmend die Lücke zwischen gemeldeten Bewerbern und gemel-
deten Stellen auf dem Ausbildungsmarkt. Doch trotz dieser zunächst positiven Entwicklungs-
tendenzen auf dem sächsischen Ausbildungsmarkt besteht weiterhin ein hoher Problem-
druck, „…denn nach wie vor sind Divergenzen im Hinblick auf die räumliche und sektorale
Verteilung von Angebot und Nachfrage vorhanden. Zudem sind immer noch ein Drittel aller
Ausbildungsstellen außerbetrieblicher Art
68
und etwa ein Drittel aller Azubis mit Wohnort in
Sachsen absolviert die Ausbildung außerhalb des Bundeslandes.“
69
Um den Jugendlichen reale Chancen für eine berufliche Ausbildung zu geben und damit
gleichzeitig das Fachkräfteproblem zu entschärfen, haben Bund und Länder eine Reihe von
unterstützenden Initiativen gestartet.
Der seit 2004 bestehende „Nationale Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in
Deutschland“ wurde am 26.10.2010 von der Bundesregierung und den deutschen Wirt-
schaftsverbänden um weitere vier Jahre verlängert.
70
Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels soll mit dem „Ausbildungsplatzprogramm
Ost“ die Situation auf dem ostdeutschen Ausbildungsmarkt optimiert und somit der Abwan-
derung junger Menschen aus den neuen Bundesländern entgegengewirkt werden. Im Aus-
bildungsjahr 2009/2010 wurden damit insgesamt 5.000 neue Ausbildungsplätze bereitge-
stellt.
71
In diesem Zusammenhang muss auch auf das Programm der Einstiegsqualifizierung
(EQ) hingewiesen werden, welches in erster Linie darauf abzielt, Jugendliche mit besonders
erschwerten Vermittlungsaussichten in Ausbildung zu bringen. Das Programm fällt unter die
so genannten Nachvermittlungsaktionen im Rahmen des Ausbildungspaktes.
72
Auch die Landesregierung des Freistaates Sachsen unterstützt die berufliche Erstausbildung
Jugendlicher mit verschiedenen Förderansätzen. Große Aufmerksamkeit wird dabei der Ver-
besserung der Berufsorientierung, insbesondere der Etablierung einer bedarfsgerechteren
Berufsorientierungsstruktur in Sachsen gewidmet. Auf diesem Wege sollen sowohl Ausbil-
dungsabbrüche als auch lange Orientierungsphasen vor der Aufnahme einer Ausbildung ver-
ringert werden. Schülerinnen und Schülern allgemeinbildender Schulen sollen mittels einer
vorrangig unternehmensbezogenen Berufsorientierung frühzeitig Kontakte zu potenziellen
Ausbildungsbetrieben vermittelt werden. Berufskundliche Qualifizierungen, Unternehmens-
planspiele sowie eine unternehmensbezogene Durchführung des Unterrichts gehören bei-
spielsweise zu den förderfähigen Maßnahmen im Rahmen der Strukturförderung zur Ver-
besserung des Systems der Berufsorientierung, die der Freistaat Sachsen aus Mitteln des
Europäischen Sozialfonds und Landesmitteln fördert. Diese Initiativen wurden nicht zuletzt
auch vor dem Hintergrund des steigenden Fachkräftebedarfs entwickelt, der zugleich mit
stetig zunehmenden technischen und wissensintensiven Anforderungen der Tätigkeiten und
einer eher rückläufigen Anzahl an Arbeitsplätzen für Ungelernte einhergeht.
67
Vgl.: Uwe Sujata, Antje Weyh, Manja Zillmann: Der Arbeitsmarkt für Jüngere in Sachsen. Eine Analyse des regionalen
Arbeits- und Ausbildungsmarktes. Erschienen in der Reihe IAB Regional IAB Sachsen, 1/2010, Nürnberg. Veröffentlicht un-
ter:
http://doku.iab.de/regional/s/2010/regional_s_0110.pdf
68
Eine eigene Ausbildung ist mit Kosten verbunden, bringt aber viele Vorteile – auch in Krisenzeiten. Sie sichert nicht nur die
praxisnahe Vermittlung von Ausbildungsinhalten und damit die enge Verknüpfung der Ausbildung mit der Arbeitswelt, son-
dern verringert auch die mit der Suche, Auswahl und Einstellung von bereits qualifizierten Arbeitskräften verbundenen be-
trieblichen Aufwendungen. Betriebliche Ausbildung sichert und verbessert die Wettbewerbsfähigkeit des Betriebes.
69
Vgl.: Uwe Sujata, Antje Weyh, Manja Zillmann: Der Arbeitsmarkt für Jüngere in Sachsen. Eine Analyse des regionalen
Arbeits- und Ausbildungsmarktes. Erschienen in der Reihe IAB Regional IAB Sachsen, 1/2010, Nürnberg. Veröffentlicht un-
ter:
http://doku.iab.de/regional/s/2010/regional_s_0110.pdf,
S. 8.
70
Vgl. Gemeinsame Erklärung der Partner des Ausbildungspaktes und der Bundesagentur für Arbeit.
http://www.arbeitsagentur.de/zentraler-Content/A04-Vermittlung/A041-Erschliessung/Publikation/pdf/Gem-Erklaerung-
Paktpartner-2010-10-26-pdf.pdf.
71
Vgl. Schavan: "Wichtiger Beitrag für den Ausbildungsstellenmarkt Ost", Pressemitteilung des BMBF, 139/2009, vom
12.06.2009.
http://www.bmbf.de/press/2582.php.
72
Vgl. Bundesregierung: „Partner verlängern den Ausbildungspakt“, Pressemitteilung vom 05.03.2010, unter:
http://www.bundesregierung.de/Content/DE/PeriodischerBericht/RundbriefAusbildung/2010/03/2010-03-05-partner-
verlaengern-ausbildungspakt.html.

62
Weitere Initiativen der sächsischen Landesregierung orientieren nicht nur auf die Bereitstel-
lung zusätzlicher Ausbildungsstellen, sondern sie beziehen vielfältige Aspekte zur Verbesse-
rung der Qualität der beruflichen Erstausbildung ein. Daher ist die Wirtschaftspolitik des Frei-
staates Sachsen hinsichtlich der Sicherung des eigenen Fachkräftenachwuchses auch dar-
auf ausgerichtet, die Betriebe in den unterschiedlichsten Fragen der Ausbildung zu unter-
stützen – beispielsweise mittels Förderung der betrieblichen Lehrlingsunterweisung, der För-
derung von Ausbildung im Verbund im In- und Ausland, der Förderung des Externen Ausbil-
dungsmanagements (EXAM) und umfassender Beratung von Betrieben, die zum ersten Mal
ausbilden. Auch die berufliche Erstausbildung, der Erwerb von Zusatzqualifikationen sowie
die Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung im Handwerk sind Bestandteile der Förderung
des Freistaates.
Interessant ist auch, dass gesonderte Bemühungen unternommen werden, um die jungen
Menschen in ihrer Heimatregion zu halten. Dabei greift die Landesregierung unter anderem
auf das BMBF-Bundesprogramm JOBSTARTER zurück, das sich zum Ziel gesetzt hat, neue
Instrumente zu erproben, mit denen die Ausbildungsbereitschaft insbesondere kleinerer und
mittlerer Unternehmen gesteigert werden kann.
73
Damit will die Landesregierung vor allem
auf die bestehenden Nachwuchsprobleme dieser Firmen reagieren. Das in Sachsen noch bis
Ende 2012 laufende Projekt „Ausbildung vor Ort“ beinhaltet unter anderem eine 24 Veran-
staltungen umfassende Tour mit dem Titel „Tage der Ausbildung“, während der in verschie-
denen Regionen Sachsens Schülerinnen und Schüler, Eltern, Unternehmen und relevante
Akteure zum Thema Ausbildung zusammengebracht werden und auf der für die großen
Chancen einer Ausbildung „vor Ort“ geworben werden soll.
74
6.1
Ausbildungsverhalten der Betriebe
Die Fähigkeit des dualen Systems der Berufsausbildung, eine ausreichende, das heißt der
Nachfrage der Jugendlichen entsprechende Zahl von Ausbildungsplätzen bereitzustellen, ist
ganz wesentlich vom Anteil ausbildungsberechtigter Betriebe und ihrer tatsächlichen Ausbil-
dungsbeteiligung abhängig. Als Indikatoren für betriebliche Ausbildungsbeteiligung werden in
der Regel die Ausbildungsbetriebsquote
und die Ausbildungsquote herangezogen. Beide
Quoten lassen sich mit dem IAB-Betriebspanel darstellen, welches jährlich entsprechende
betriebliche Daten erhebt.
Ausbildungsberechtigung der Betriebe
In Sachsen verfügt seit Ende der 1990er Jahre mit schwankender, zuletzt jedoch leicht ab-
nehmender Tendenz in etwa die Hälfte aller Betriebe eigenen Angaben zufolge über die Vo-
raussetzungen, um selbst ausbilden zu können. Mitte 2010 waren es 48 Prozent der Betrie-
be. Damit gehört Sachsen nach Berlin zu den ostdeutschen Ländern mit den geringsten An-
teilen ausbildungsberechtigter Betriebe. In Westdeutschland sind über den genannten Zeit-
raum etwa 60 Prozent aller Betriebe ausbildungsberechtigt. Der im Vergleich mit West-
deutschland deutlich geringere Anteil in Sachsen hat unter anderem strukturelle Gründe: Die
Betriebsgrößenstruktur ist in Sachsen kleinteiliger als in Westdeutschland (vgl. auch Kapitel
3.2.2). Da kleinere Betriebe in deutlich geringerem Maße über formale Ausbildungsvoraus-
setzungen verfügen als größere Betriebe, wirkt sich dies in Sachsen negativ auf die Ausbil-
dungsbeteiligung der Betriebe insgesamt aus.
In Sachsen ist der Anteil ausbildungsberechtigter Betriebe insbesondere in der Betriebsgrö-
ßenklasse der Kleinst- und Kleinbetriebe spürbar niedriger als in Westdeutschland. Bei den
mittleren Betrieben ist er nahezu vergleichbar hoch, und bei den Großbetrieben übersteigt er
bereits den westdeutschen Anteilswert um 3 Prozentpunkte. Betriebe in Sachsen verfügen
somit – unabhängig von der Betriebsgröße – weniger häufig als Betriebe in Westdeutschland
über die formalen Voraussetzungen, um selbst ausbilden zu können. Die betrieblichen Aus-
73
Vgl. Arbeit und Leben Sachsen e. V.: Mitteilung vom 03. Juni 2010, unter:
http://www.arbeitundleben.eu/arbeit-und-
bildung/463-auftakt-der-veranstaltungstour-ausbildung-vor-ort-in-bautzen.
74
Vgl. Vgl. Arbeit und Leben Sachsen e.V.: Mitteilung vom 03. Juni 2010, unter:
http://www.arbeitundleben.eu/arbeit-und-
bildung/463-auftakt-der-veranstaltungstour-ausbildung-vor-ort-in-bautzen.

image
63
bildungsleistungen verteilen sich in Sachsen also auf vergleichsweise weniger Betriebe als in
Westdeutschland. Im Vergleich zu Ostdeutschland sind im Freistaat in Klein-, Mittel- und
Großbetrieben anteilig zwar mehr Betriebe ausbildungsberechtigt, doch unter den Kleinstbe-
trieben mit bis zu 4 Beschäftigten besteht ein beträchtlicher Abstand zu Ostdeutschland. Das
heißt, Sachsen besitzt auch eine schmalere Ausbildungsbasis als Ostdeutschland (vgl. Ab-
bildung 18).
Abbildung 18:
Anteil ausbildungsberechtigter Betriebe an allen Betrieben nach Betriebsgrößenklassen in Sachsen, Ost- und
Westdeutschland, 2010
Die beobachteten Unterschiede bei den Ausbildungsaktivitäten dürften vor allem mit den
unterschiedlich stark ausgeprägten betrieblichen Möglichkeiten zur eigenen Ausbildung zu-
sammenhängen. Viele Betriebe in Sachsen sind Neugründungen mit einer vergleichsweise
jungen Betriebsbelegschaft, die einerseits um ihre Konsolidierung am Markt kämpfen und
zum Teil keine ausgeprägten Traditionen im Ausbildungsverhalten haben. Andererseits sind
sie mit einem gut und breit ausgebildeten Facharbeiterangebot konfrontiert, aus welchem sie
über eine externe Strategie ihren Bedarf decken können.
Ausbildungsbeteiligung der Betriebe
Das Vorhandensein einer förmlichen Beantragung und Bewilligung einer betrieblichen Aus-
bildungsberechtigung ist eine notwendige Voraussetzung, um als Betrieb ausbilden zu kön-
nen. Ausbildungsberechtigte Betriebe bilden die Basis der beruflichen Ausbildung im dualen
System und stecken den betrieblichen Rahmen für Ausbildungsleistungen ab. Die tatsächli-
che Ausbildungsbeteiligung der Betriebe fällt naturgemäß niedriger aus als das vorhandene
Ausbildungspotenzial. Zur Bestimmung der tatsächlichen Ausbildungsbeteiligung
75
der Be-
triebe wird als Indikator in der Regel die so genannte Ausbildungsbetriebsquote
herangezo-
gen. Diese beschreibt das Ausmaß der Konzentration bzw. Streuung von Ausbildungsleis-
tungen und liefert damit wichtige Informationen über das rechnerische Ausmaß möglicher
75
Die Definition von Ausbildungsbetrieben ist im Rahmen des IAB-Betriebspanels weit gefasst. Es werden neben Angaben zu
abgeschlossenen Ausbildungsverträgen für das zum Zeitpunkt der Befragung zu Ende gehende und für das beginnende
Ausbildungsjahr noch geplante Neuverträge, der gegenwärtige Bestand an Auszubildenden sowie erfolgreiche Ausbil-
dungsabsolventen, die bereits in den ersten Monaten des Jahres und damit vor dem Stichtag der Befragung ihre Ausbildung
abgeschlossen haben, berücksichtigt.

64
Potenziale zur Erhöhung der Ausbildungsbeteiligung. Nachfolgend wird zum einen auf den
Anteil ausbildender Betriebe an allen Betrieben (Brutto-Ausbildungsbetriebsquote) einge-
gangen, zum anderen auf den Anteil ausbildender Betriebe an allen ausbildungsberechtigten
Betrieben (Netto-Ausbildungsbetriebsquote).
Die Ergebnisse des IAB-Betriebspanels in der zeitlichen Entwicklung zeigen, dass die Aus-
bildungsbeteiligung der sächsischen Betriebe immer deutlich unter der der westdeutschen
Betriebe liegt. Von allen Betrieben in Sachsen bildete in den letzten Jahren gut jeder fünfte
Betrieb aus; die Brutto-Ausbildungsbetriebsquote
lag in der Regel zwischen 20 und 23 Pro-
zent. Von den Betrieben Westdeutschlands bildete demgegenüber knapp jeder dritte Betrieb
aus; die Brutto-Ausbildungsbetriebsquote schwankte zwischen 31 und 32 Prozent. Relativ
gesehen, also gemessen am Anteil ausbildender Betriebe, war die Ausbildungsbeteiligung in
den Betrieben Westdeutschlands seit Ende der 1990er Jahre etwa konstant. Demgegenüber
ist für die sächsischen Betriebe charakteristisch, dass sie während der letzten konjunkturel-
len Aufschwungsphase ihre Ausbildungsbeteiligung deutlich von 25 Prozent auf 20 Prozent
reduzierten. Im Krisenjahr 2008 gab es wieder eine leichte Erhöhung der Ausbildungsbeteili-
gung der sächsischen Betriebe, die auch 2009 in etwa auf diesem Niveau gehalten werden
konnte. Mitte 2010 lag die Brutto-Ausbildungsbetriebsquote bei 23 Prozent, womit seit eini-
gen Jahren erstmals wieder der ostdeutsche Durchschnittswert erreicht werden konnte. Bil-
dete der Freistaat seit mehreren Jahren das Schlusslicht unter den ostdeutschen Bundes-
ländern, so erreichte Sachsen damit aktuell die Spitzenposition im ostdeutschen Länderver-
gleich. Als einziges unter den ostdeutschen Ländern hatte Sachsen während der Krise ins-
gesamt keinen Rückgang, sondern eine Zunahme des Anteils der ausbildenden Betriebe an
den Betrieben insgesamt zu verzeichnen. Ob von der Finanz- und Wirtschaftskrise im kom-
menden Jahr – wie bereits in den anderen ostdeutschen Ländern bisher zu beobachten war
– noch ein negativer Einfluss auf die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe zu erwarten sein
wird, werden die Erhebungen in 2011 zeigen (vgl. Abbildung 19).
Eine unterschiedliche Krisenbetroffenheit in Bezug auf die Ausbildungsbeteiligung zeigt sich
auch daran, dass die Betriebe, die sich auch heute noch in der Krise befinden (aktuelle Kri-
senbetriebe), seltener Ausbildungsverträge für das Ausbildungsjahr 2009/2010 abschlossen
als Betriebe, die die Krise vollständig überwunden haben.

image
65
Abbildung 19:
Ausbildungsbeteiligung (Brutto-Ausbildungsbetriebsquote) aller Betriebe in Sachsen, Ost- und Westdeutschland
1996 bis 2010
In Sachsen ist nicht nur die Brutto-Ausbildungsbetriebsquote geringer als in Westdeutsch-
land, auch die Netto-Ausbildungsbetriebsquote
erreicht nicht das westdeutsche Niveau. Von
allen ausbildungsberechtigten Betrieben in Sachsen bildete seit Anfang der 2000er Jahre
knapp jeder zweite Betrieb aus. Die Netto-Ausbildungsbetriebsquote schwankte im Zeitraum
2000 bis 2009 zwischen 46 und 53 Prozent. 2010 erhöhte sich analog zur Brutto-Ausbil-
dungsbetriebsquote auch die Netto-Ausbildungsbetriebsquote und erreichte mit 49 Prozent
ebenfalls erstmalig einen Spitzenwert unter den ostdeutschen Bundesländern (vgl. Abbil-
dung 20).

image
66
Abbildung 20:
Ausbildungsbeteiligung (Netto-Ausbildungsbetriebsquote) der ausbildungsberechtigten Betriebe in Sachsen, Ost-
und Westdeutschland 1996 bis 2010
Wie der Blick auf die Netto-Ausbildungsbetriebsquoten in den einzelnen Betriebsgrößenklas-
sen im Vergleich zeigt, liegt die Ausbildungsbeteiligung der ausbildungsberechtigten Betriebe
in den beiden Gruppen der Kleinstbetriebe in Sachsen deutlich unter der in Westdeutschland
(um ca. 5 bis 10 Prozentpunkte). Diese Betriebe verfügen in Sachsen somit nicht nur weni-
ger häufig über die formalen Ausbildungsvoraussetzungen, um selbst ausbilden zu können,
sondern sie beteiligen sich auch – sofern diese Voraussetzungen vorliegen – zu einem ver-
gleichsweise geringeren Anteil an der Ausbildung als Betriebe dieser Größenordnung in
Westdeutschland.
In Betrieben mit mehr als 10 Beschäftigten ist der Anteil der Betriebe mit formalen Ausbil-
dungsvoraussetzungen gegenüber Westdeutschland ausgeglichen, gegenüber Ostdeutsch-
land fällt sie höher aus. Die Ausbildungsbeteiligung der mittleren und größeren sächsischen
Unternehmen liegt demgegenüber jeweils über den Anteilen West- und Ostdeutschlands.
Das vorhandene Potenzial wird somit hier stärker ausgeschöpft als in Ost- und auch in
Westdeutschland (vgl. Abbildung 21).

image
67
Abbildung 21:
Anteil ausbildender Betriebe an ausbildungsberechtigten Betrieben nach Betriebsgrößenklassen (Netto-
Ausbildungsbetriebsquote) in Sachsen, Ost- und Westdeutschland, 2010
Strategien zur Verbreiterung der betrieblichen Ausbildungsbasis in Sachsen müssten dem-
nach in zwei Richtungen gehen:
bei einer größeren Zahl von Betrieben, insbesondere von Kleinst- und Kleinbetrieben,
als bisher die Voraussetzungen für eine eigene Ausbildung zu schaffen und damit zur
aktiven und selbstständigen Sicherung des betrieblichen Fachkräftenachwuchses
beizutragen,
den Ausschöpfungsgrad des Ausbildungspotenzials vor allem in kleineren Betriebs-
größenklassen (unter 10 Beschäftigte) zu erhöhen.
Die für den Befragungszeitpunkt ermittelte Ausbildungsbeteiligung (Netto-Ausbildungs-
betriebsquote) ist auch in den einzelnen Branchen
unterschiedlich hoch. In Sachsen beteiligt
sich in einzelnen Branchen (Finanz-/Versicherungsdienstleistungen, Verkehr/Information/
Kommunikation sowie öffentliche Verwaltung, aber auch unternehmensnahe Dienstleistun-
gen und verarbeitendes Gewerbe) ein jeweils deutlich größerer Anteil von Betrieben an der
Ausbildung als im Bereich Bergbau/Energie/Wasser/Abfall, im Bauwesen oder im Gesund-
heits- und Sozialwesen sowie im Bereich Erziehung und Unterricht. Diese Unterschiede dürf-
ten unter anderem auf die unterschiedlich stark ausgeprägten Ausbildungstraditionen der
einzelnen Bereiche der Wirtschaft sowie auf die branchenspezifische Bedeutung der eigenen
Ausbildung für die Fachkräftegewinnung zurückzuführen sein. Die niedrigen Netto-
Ausbildungsbetriebsquoten in einigen der genannten Bereiche hängen unter anderem auch
mit dem hohen Bedarf an hochqualifizierten Beschäftigten, das heißt Personen mit einem
akademischen Abschluss, zusammen, der auf dem Wege der eigenen Ausbildung nicht ge-
deckt werden kann.
Das IAB-Betriebspanel erlaubt zusätzlich Aussagen zur Ausbildungsbeteiligung von Betrie-
ben nach ihrer Kammerzugehörigkeit. Nach den vorliegenden Ergebnissen ist die Netto-
Ausbildungsbetriebsquote im Zuständigkeitsbereich der Industrie- und Handelskammern
(66 Prozent) höher als im Bereich der Handwerkskammern (40 Prozent). Die unterschiedli-
che Betriebsgrößenstruktur dürfte auch hier eine nicht unbeträchtliche Rolle für die Erklärung
der unterschiedlich hohen Anteile spielen.

68
Ausbildungsbeteiligung der Betriebe im Längsschnitt
Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich jährlich der Anteil ausbildender Betriebe an allen Betrie-
ben in der Tendenz nicht grundsätzlich verändert: Von allen Betrieben in Sachsen bildet jähr-
lich etwa jeder fünfte Betrieb aus und in Westdeutschland jeder dritte. Dies ist das Ergebnis
der stichtagsbezogenen Auswertungen aus dem IAB-Betriebspanel. Betrachtet man aber
das Ausbildungsengagement der Betriebe über einen längeren Zeitraum (Längsschnittanaly-
se), so zeigt sich, dass deutlich mehr Betriebe ausbildungsaktiv sind.
Im Mittelpunkt der Bemühungen, die Ausbildungsbasis zu verbreitern, stehen vor allem jene
Betriebe, die berechtigt sind, selbst auszubilden, sich aber aus unterschiedlichen Ursachen
nicht an der Ausbildung beteiligen. In den letzten Jahren betrug der jeweils zum Stichtag
ermittelte Anteil dieser Betriebe an Betrieben mit Ausbildungsberechtigung jeweils rund 50
Prozent. Würde sich nur ein Teil dieser ausbildungspassiven Betriebe, so eine mögliche
Schlussfolgerung, in der Ausbildung von jungen Frauen und Männern engagieren, könnte die
relative Ausbildungsbasis deutlich erweitert werden. Wie Längsschnittuntersuchungen zum
betrieblichen Ausbildungsverhalten im Zeitverlauf gezeigt haben, ist dieser pauschale
Schluss jedoch nur mit Einschränkungen zulässig.
76
Denn auch wenn sich im Aggregat über
alle Betriebe in den letzten Jahren keine Veränderung gezeigt hat, kann sich dies auf der
betriebsindividuellen Ebene ganz anders darstellen. Wenn Betriebe nach Abschluss einer
Ausbildung nicht sofort eine neue Ausbildung anschließen, tauchen sie in dem Jahr des
„Pausierens“ als Betriebe auf, die trotz Ausbildungsberechtigung nicht ausbilden. Diese Be-
triebe können aber nicht als ausbildungspassiv im eigentlichen Sinne bezeichnet werden, da
sie durchaus ausbilden, dies aber nicht permanent tun. Für Sachsen zeigt sich, dass sich in
einem Zeitraum von insgesamt sieben Jahren mehr als drei Viertel der ausbildungsberechtig-
ten Betriebe permanent oder mit Pausen an der Ausbildung beteiligt haben.
77
Das vorhan-
dene Ausbildungspotenzial wird demnach in deutlich höherem Maße ausgenutzt, als dies die
durch die Stichtagserhebungen ermittelten, jährlichen Anteilswerte vermuten ließen.
6.2 Ausbildungsverhältnisse
Bisher lag der Fokus der Betrachtung auf der Beteiligung der Betriebe an der Ausbildung,
und zwar unabhängig von der tatsächlichen damit verbundenen Zahl von Ausbildungsver-
hältnissen. Um Erkenntnisse über die mit der Ausbildungsbeteiligung verbundenen tatsächli-
chen Ausbildungsleistungen gewinnen zu können, muss zusätzlich die Ausbildungsquote
ermittelt werden.
Leistungsfähige Ausbildungsbasis in Sachsen
Die Ausbildungsquote
(Anteil der Auszubildenden an den Beschäftigten) beträgt 2010 in
Sachsen 4,0 Prozent und ist damit etwas niedriger als in Ost- und Westdeutschland
(4,4 bzw. 4,5 Prozent).
Beim Vergleich der Ausbildungsquoten in Sachsen, Ost- und Westdeutschland muss aller-
dings die unterschiedlich starke Bedeutung außerbetrieblicher Ausbildungsplätze, welche
ebenfalls in die Berechnung der Ausbildungsquote eingehen, berücksichtigt werden. In
Sachsen und Ostdeutschland hatten in den vergangenen Jahren außerbetriebliche Ausbil-
dungsverhältnisse für so genannte marktbenachteiligte Jugendliche, die dazu dienen, die
Lücke zwischen betrieblichem Lehrstellenangebot und Lehrstellennachfrage zu schließen,
eine große Bedeutung. Als Folge der demografischen Entwicklung verliert die außerbetriebli-
che Ausbildung für marktbenachteiligte Jugendliche an Bedeutung. Der Auszubildendenan-
teil der Branche Erziehung und Unterricht, die als Hauptträger außerbetrieblicher Ausbildung
gilt, ist in Sachsen mit 10 Prozent (Ostdeutschland 17 Prozent) aber immer noch um ein Viel-
faches höher als in Westdeutschland, wo der entsprechende Anteil lediglich 3 Prozent be-
76
Vgl. M. Frei, F. Janick: Wo Ausbildungspotenzial noch brach liegt. In: IAB-Kurzbericht 19/2008.
77
Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der 12. Welle 2007, April 2008, S.47 ff., publiziert unter:
http://www.smwa.sachsen.de/set/431/BP-Langfassung.pdf

image
69
trägt.
78
Nach Ausklammerung der Branche Erziehung und Unterricht (mit einer Ausbildungs-
quote von 7 Prozent in Sachsen) verringert sich die Ausbildungsquote im Freistaat von ur-
sprünglich 4,0 Prozent auf 3,9 Prozent und ist dann damit auch niedriger als die entspre-
chende westdeutsche Quote von 4,6 Prozent.
79
Überdurchschnittlich hohe Ausbildungsleistungen – gemessen am Verhältnis von Auszubil-
denden und Beschäftigten – weisen die drei Branchen Finanz- und Versicherungsdienstleis-
tungen (5,9 Prozent), die Land- und Forstwirtschaft (4,9 Prozent) und auch das verarbeiten-
de Gewerbe (4,7 Prozent) auf.
Die Verteilung der Auszubildenden
80
auf die einzelnen Branchen entspricht im Wesentlichen
den unterschiedlichen Anteilen der Wirtschaftsbereiche an den Beschäftigten.
42 Prozent der Auszubildenden werden in Betrieben des Dienstleistungsgewerbes ausgebil-
det. Ein großer Teil dieser Ausbildungsleistungen resultiert in erster Linie daraus, dass fast
ein Viertel der Auszubildenden in diesem Bereich allein auf die Branche Erziehung und Un-
terricht entfällt, welcher im Wesentlichen die Bildungswerke freier Träger, über- und außer-
betriebliche Bildungseinrichtungen usw. zugeordnet werden. In diesen Einrichtungen werden
Ausbildungsleistungen abgedeckt, die das Dienstleistungsgewerbe als Querschnittsbereich
insbesondere im Rahmen der außerbetrieblichen Ausbildung auch für andere Branchen er-
bringt (vgl. Abbildung 22). Über ein Drittel der Auszubildenden sind dem Gesundheits- und
Sozialwesen zuzuordnen.
Abbildung 22:
Verteilung der Auszubildenden in Sachsen nach Branchen (Stand: 30. Juni.2010)
Die seit 2005 infolge des demografischen Wandels deutlich sinkenden Schülerzahlen in
Sachsen sowie in Ostdeutschland stellten die Betriebe in den zurückliegenden Jahren be-
reits bei der Besetzung von Ausbildungsstellen vor Probleme. Während 2005 nach Angaben
78
Die unterschiedlich hohen Anteile außerbetrieblich ausgebildeter Jugendlicher in Ost und West korrespondieren mit unter-
schiedlich hohen Anteilen der Branche Erziehung und Unterricht an allen Auszubildenden.
79
Die Ausklammerung der Ausbildungsleistungen der Branche Erziehung und Unterricht führt aufgrund des geringen Anteils
dieser Branche an den Auszubildenden für Westdeutschland zu keiner wesentlichen Veränderung der durchschnittlichen
Ausbildungsquote.
80
Auszubildende und Beamtenanwärter

image
70
der sächsischen Betriebe nur 7 Prozent aller Ausbildungsplätze im zurückliegenden Ausbil-
dungsjahr nicht besetzt werden konnten, erhöhte sich der Anteil auf 23 Prozent für das Aus-
bildungsjahr 2009/2010 (vgl. Abbildung 23) (Ostdeutschland 22 Prozent).
Abbildung 23:
Anteil der unbesetzten Ausbildungsplätze an allen angebotenen Ausbildungsplätzen in Sachsen im Ausbildungs-
jahr 2009/2010 nach ausgewählten Branchen und Betriebsgrößenklassen
Besonders hohe Nichtbesetzungsquoten weisen Kleinstbetriebe auf – mit deutlich steigender
Tendenz in den vergangenen Jahren. Demgegenüber haben Großbetriebe nur wenige nicht
besetzte Stellen. Die vorliegenden Ergebnisse sprechen dafür, dass trotz sinkender Bewer-
berzahlen attraktive Ausbildungsplätze in Großbetrieben nach wie vor besetzt werden kön-
nen, mit sinkender Betriebsgröße aber die vermeintlich weniger attraktiven Ausbildungsplät-
ze in kleineren Betrieben unbesetzt bleiben. Kleinstbetriebe sind die Verlierer im Wettbewerb
um die Besetzung von Ausbildungsplätzen. Diese Aussagen gelten auch für Ostdeutschland
insgesamt. In Westdeutschland lag aufgrund der höheren Bewerberzahlen die Nichtbeset-
zungsquote von Ausbildungsplätzen im zurückliegenden Ausbildungsjahr bei nur 13 Prozent.
6.3
Übergang von Ausbildung in Beschäftigung („zweite Schwelle“)
Stark gestiegene Übernahme von Ausbildungsabsolventen
Die Situation beim Übergang an der zweiten Schwelle, dem Schritt von der Berufsausbildung
in das Arbeitsleben, gestaltet sich seit Jahren schwierig. Seit 1996 entwickelt sich die Über-
nahmequote – das heißt, der Anteil vom Ausbildungsbetrieb übernommener Absolventen an
allen Absolventen
81
– sehr diskontinuierlich, es sind im Mehrjahresturnus erhebliche
Schwankungen zu beobachten. 2003 erreichte die Übernahmequote in Sachsen mit 41 Pro-
zent ihren Tiefstwert, sie konnte danach aber wieder deutlich gesteigert werden. Die Ergeb-
nisse der laufenden Befragungswelle signalisieren gegenüber dem Vorjahr einen beträchtli-
81
Nach Angaben des BiBB rechnet sich eine Übernahme von Ausbildungsabsolventen für die Betriebe. Einem Netto-Aufwand
von durchschnittlich 10.200 € je Auszubildenden während der Ausbildungszeit steht eine Ersparnis pro Kopf bei Übernahme
des Ausbildungsabsolventen für nicht erforderliche Bewerbung und Einarbeitung in Höhe von ca. 4.200 € gegenüber. Vgl.
Ausbildungskosten – Es lohnt sich in den Nachwuchs zu investieren. In: iwd, Informationsdienst des Instituts der deutschen
Wirtschaft Köln, Nr. 42, 15. Oktober 2009, S. 4 f.

image
71
chen Anstieg der Übernahmequoten in Sachsen auf 60 Prozent.
82
Damit wird unter den ost-
deutschen Ländern eine Spitzenposition erreicht. Trotzdem liegt die aktuelle Quote in Sach-
sen nach wie vor leicht unter dem westdeutschen Wert (62 Prozent). In den vergangenen
4 Jahren ist in Sachsen immer mindestens die Hälfte der Ausbildungsabsolventen vom aus-
bildenden Betrieb übernommen worden. Damit lagen die Übernahmequoten deutlich ober-
halb des ostdeutschen Durchschnitts (vgl. Abbildung 24).
Abbildung 24:
Entwicklung der Übernahmequoten von Auszubildenden in Sachsen, Ost- und Westdeutschland von 1996 bis
2010 (Stand: jeweils 30. Juni)
Neben den fehlenden Übernahmemöglichkeiten bei Betrieben, die von vornherein über Be-
darf ausgebildet haben, ist auch das hohe Gewicht außerbetrieblicher Ausbildungsverhält-
nisse in Sachsen zu berücksichtigen. Statistisch werden diese Ausbildungsplätze dem Be-
reich Erziehung und Unterricht zugerechnet. Eine Übernahme ist bei dieser Art der Ausbil-
dung nicht möglich, was sich reduzierend auf die durchschnittliche Übernahmequote aus-
wirkt. Bei Herausrechnung des Bereichs Erziehung und Unterricht erhält man folgerichtig
deutlich höhere Quoten. Für Sachsen beträgt die so ermittelte durchschnittliche Übernahme-
quote 64 Prozent, und sie ist damit um 4 Prozentpunkte höher als die Quote bei Einbezie-
hung der Branche Erziehung und Unterricht. Für Westdeutschland beträgt die Quote ohne
den Bereich Erziehung und Unterricht ebenfalls 64 Prozent. Die so ermittelte westdeutsche
Quote ist nicht wesentlich höher (+ 2 Prozentpunkte) als die ursprünglich ermittelte, was die
erheblich geringere Bedeutung außerbetrieblicher Ausbildungsverhältnisse unterstreicht.
Unter Berücksichtigung der reinen betrieblichen Übernahme werden in Sachsen inzwischen
genau so viele Ausbildungsabsolventen übernommen wie in Westdeutschland. Sachsen ist
damit das ostdeutsche Land mit der höchsten Übernahmequote.
Erstmalig sind in der diesjährigen Befragungswelle des IAB-Betriebspanels Informationen zu
betrieblichen oder tariflichen Vereinbarungen hinsichtlich der Übernahme von Ausbildungs-
absolventen erhoben worden. Gefragt wurde nach verpflichtenden Regelungen zur befriste-
ten oder unbefristeten Übernahme von Auszubildenden nach erfolgreich bestandener Ab-
schlussprüfung. Der Anteil der Betriebe mit betrieblichen Vereinbarungen zur Übernahme
82
Über den Umfang der von anderen Betrieben übernommenen Ausbildungsabsolventen bzw. über weitere Verbleibswege
(z. B. Besuch weiterführender Bildungseinrichtungen) liegen aus dem aktuellen Panel keine Angaben vor.

72
von Ausbildungsabsolventen liegt in Sachsen bei 2 Prozent (Ostdeutschland ebenfalls
2 Prozent, Westdeutschland gut 2 Prozent). Verpflichtende Übernahmeregelungen konzent-
rieren sich auf die größeren Betriebe (29 Prozent der Betriebe ab 250 Beschäftigte, West-
deutschland 37 Prozent), die in Westdeutschland einen höheren Beschäftigtenanteil haben.
Knapp jeder fünfte übernommene Ausbildungsabsolvent in Sachsen (17 Prozent) wurde auf-
grund tariflicher Übernahmeregelungen (Ostdeutschland 20 Prozent) Westdeutschland
27 Prozent) eingestellt.
Zusammenfassend lassen sich folgende Gründe für die weiterhin niedrigere Übernahmequo-
te in Sachsen gegenüber Westdeutschland nennen:
große Unterschiede im Hinblick auf die Aufnahmefähigkeit der regionalen Arbeits-
märkte für junge Fachkräfte;
83
hoher Stellenwert der Ausbildung über Bedarf;
höheres Gewicht der außerbetrieblichen Ausbildungsverhältnisse in Sachsen;
generell niedrigere Tarifbindung sächsischen Betriebe sowie geringere Verbreitung
tarifvertraglicher bzw. betrieblicher Vereinbarungen zur Übernahme von Ausbil-
dungsabsolventen.
Die Wahrscheinlichkeit für Auszubildende in Sachsen, nach Abschluss der Ausbildung im
Ausbildungsbetrieb zu verbleiben, ist in einigen Branchen
deutlich höher als in anderen. Am
höchsten ist der Anteil der vom Ausbildungsbetrieb übernommenen Absolventen in Organi-
sationen ohne Erwerbszweck, in der öffentlichen Verwaltung, im Baugewerbe, bei Finanz-
/Versicherungsdienstleistern und im verarbeitenden Gewerbe (vgl. Tabelle 23).
Tabelle 23:
Übernahmequoten in Sachsen 2010 (Stand 30. Juni) nach Branchen** (alle Betriebe)
Branche Übernahmequote
2010
Verteilung der Absolventen
2010
Prozent Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
65
2
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 82 2
Verarbeitendes Gewerbe
74
20
Baugewerbe 78 8
Handel und Reparatur
57
13
Verkehr/Information/Kommunikation* 78 4
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen* 74 2
Dienstleistungen 33 37
Unternehmensnahe Dienstleistungen
46
5
Erziehung und Unterricht*
14
9
Gesundheits- und Sozialwesen
36
14
Übrige Dienstleistungen
42
9
Organisationen ohne Erwerbszweck*
99
8
Öffentliche Verwaltung
88
4
Sachsen insgesamt
60
100
Darunter
Wissenswirtschaft
65
11
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Auf die oben genannten Branchen mit überdurchschnittlich hohen Übernahmequoten entfällt
aber in der Regel (Ausnahme ist das verarbeitende Gewerbe) nur ein geringer Anteil an allen
Ausbildungsabsolventen. Während auf das verarbeitende Gewerbe immerhin 20 Prozent
83
Im Juni 2010 war die Arbeitslosenquote von Personen unter 25 Jahren mit 12,5 % in Ostdeutschland und 10,1 Prozent in
Sachsen etwa doppelt so hoch wie in Westdeutschland, wo sie 6,4 % betrug (Arbeitslosenquoten, Bundesagentur für Arbeit
2009).

73
aller Ausbildungsabsolventen im Befragungsjahr entfallen, beträgt der entsprechende Anteil
in den anderen genannten Branchen mit überdurchschnittlich hohen Übernahmequoten zu-
sammen nur rund 22 Prozent. Abgesehen vom verarbeitenden Gewerbe, profitiert von den
überdurchschnittlich hohen Übernahmequoten in einigen Teilen der Wirtschaft somit nur eine
relativ geringe Zahl von Ausbildungsabsolventen. Schlusslichter bei der Übernahme sind der
Bereich Erziehung und Unterricht, das Gesundheits- und Sozialwesen sowie die übrigen und
die unternehmensnahen Dienstleistungen.
Beim Übergang der Ausbildungsabsolventen in Beschäftigung bestehen beträchtliche ge-
schlechterspezifische Unterschiede: 51 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer wur-
den vom ausbildenden Betrieb im Jahre 2010 übernommen (Westdeutschland: Übernahme-
quote der Frauen 61 Prozent, der Männer 64 Prozent).
Die Übernahmequoten unterscheiden sich deutlich nach der Krisenbetroffenheit der Betrie-
be. So liegt die Übernahmequote bei den Betrieben, die sich nach eigenen Angaben auch
heute noch in der Krise befinden (aktuelle Krisenbetriebe), mit 68 Prozent deutlich unter der
Übernahmequote in Betrieben, die die Krise überwunden haben (91 Prozent).
Gründe der Nichtübernahme
Die Gründe für den Nichtverbleib
von Ausbildungsabsolventen im Ausbildungsbetrieb sind
vielfältig, wie die Befragungsergebnisse verdeutlichen (vgl. Tabelle 24):
26 Prozent der Betriebe mit nicht übernommenen Auszubildenden sagten, dass zwar
ein Übernahmeangebot vorlag, die Absolventen jedoch aufgrund anderer Pläne von
sich aus gegangen sind. Andere gingen, weil sie sich für eine Arbeit in einem ande-
ren Betrieb entschieden hatten bzw. eine weitere schulische oder berufliche Qualifi-
zierung vorhatten (z. B. Studium), oder ihren Wehr- bzw. Zivildienst ableisten muss-
ten. Dies fällt besonders im verarbeitenden Gewerbe auf (44 Prozent).
34 Prozent der Betriebe gaben an, dass die Absolventen nicht den betrieblichen An-
forderungen entsprachen. Möglicherweise wurde auch hier bereits von vornherein
über Bedarf ausgebildet - mit dem Ziel, unter einer größeren Zahl von Nach-
wuchskräften auswählen zu können. Diese Praxis findet sich besonders häufig in den
Klein- und in den Großbetrieben.
38 Prozent der Betriebe, die nicht alle Ausbildungsabsolventen übernahmen, gaben
an, dass die Ausbildung von vornherein über Bedarf erfolgte. Vor dem Hintergrund
des tatsächlich geringeren Bedarfs an Nachwuchsfachkräften konnte dann lediglich
ein Teil der ausgebildeten Jugendlichen übernommen werden. Dies konzentrierte
sich deutlich auf unternehmensnahe Dienstleistungen sowie die Branchen Berg-
bau/Energie/Wasser/Abfall und Verkehr, Information, Kommunikation.
14 Prozent der Betriebe führten an, dass sich die wirtschaftliche Lage ihres Betriebes
schlechter entwickelt hat, als erwartet. Dies war vor allem für den Bereich Erziehung
und Unterricht wie das Baugewerbe relevant.

74
Tabelle 24:
Gründe für Nichtübernahme von Ausbildungsabsolventen in Sachsen nach Branchen** und Betriebsgrößen-
klassen (Stand: 30.6.2010, Mehrfachnennungen, alle Betriebe mit erfolgreichen Ausbildungsabsolventen)
Anteil der
Gründe der Nichtübernahme
Betriebe, die
nicht alle
Absolventen
übernahmen
Ausbildung
über Bedarf
Schlechte
wirtschaft-
liche Lage
Absolvent
hatte ande-
re Pläne
Absolvent
entsprach
nicht be-
trieblichen
Anforderun-
gen
Branche/Betriebsgrößenklasse/Länder
Prozent
Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
50
16
26
33
25
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 35 85 24 0 15
Verarbeitendes Gewerbe 39 21 22 44 22
Baugewerbe 21 27 36 0 .
Handel und Reparatur
53
15
1
37
65
Verkehr/Information/Kommunikation* 40 77 23 35 0
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen* 14 0 33 0 .
Dienstleistungen 61 55 11 15 26
Unternehmensnahe Dienstleistungen 65 100 0 0 0
Erziehung und Unterricht*
96
44
50
1
0
Gesundheits- und Sozialwesen
62
46
4
29
15
Übrige Dienstleistungen 45 16 0 30 84
Organisationen ohne Erwerbszweck*
49
0
0
0
44
Öffentliche Verwaltung 29 23 0 0 5
1 bis
4 Beschäftigte
100
0
0
1
0
5 bis
9 Beschäftigte
49
75
0
0
25
10 bis
49 Beschäftigte
44
22
14
33
47
50 bis 249 Beschäftigte
44
41
21
29
19
ab 250 Beschäftigte 44 44 23 36 46
Sachsen insgesamt 45 38 14 26 34
Mecklenburg-Vorpommern 56 23 6 34 20
Brandenburg 55 30 26 41 16
Sachsen-Anhalt 54 25 16 32 36
Thüringen insgesamt 47 21 14 40 29
Berlin 44 36 6 51 24
Ostdeutschland 50 30 14 37 27
Westdeutschland 51 20 14 43 23
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Die von den Betrieben genannten Gründe für die Nichtübernahme von Ausbildungsabsolven-
ten haben sich in den letzten 5 Jahren deutlich verändert.
84
Dies hängt insbesondere mit der
wirtschaftlichen Situation der Betriebe sowie demografischen Veränderungen zusammen.
Das Jahr 2005 war auch in Sachsen ein wachstumsschwaches Jahr, das Beschäftigungsni-
veau lag auf seinem Tiefpunkt. Demgegenüber wird aktuell in den sächsischen Betrieben
Beschäftigung wieder aufgebaut, die Wirtschaft wächst. So ist es nicht erstaunlich, dass we-
niger häufig als noch 2005 wirtschaftliche Schwierigkeiten der Betriebe als Grund für eine
Nichtübernahme genannt wurden (2005: 31 Prozent; 2010: 14 Prozent). Deutlich zugenom-
men hat demgegenüber der Grund „Absolventen entsprachen nicht den betrieblichen Anfor-
derungen“ (2005: 16 Prozent; 2010: 34 Prozent). Dies ist zum einen auf sinkende Bewerber-
zahlen zurückzuführen. Die Auswahlmöglichkeiten der Betriebe werden damit geringer. An-
dererseits könnte es darüber hinaus ein Hinweis auf die von den Betrieben beklagte sinken-
de Ausbildungsreife der Jugendlichen sein, wobei für diese Aussage aus dem Betriebspanel
keine Informationen vorliegen. Neben diesen Gründen gaben 2010 die Betriebe ähnlich wie
84
Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der 10. Welle, a. a. O., S.60.

75
bereits 2005 an, dass die Jugendlichen andere Pläne hätten (2005: 27 Prozent; 2010: 26
Prozent).
Fazit:
In Sachsen hat sich in den vergangenen Jahren eine leistungsstarke, aber dennoch deutlich
ausbaufähige betriebliche Ausbildungsbasis herausgebildet. Der Anteil ausbildungsberech-
tigter Betriebe ist deutlich geringer als in Westdeutschland und auch niedriger als in Ost-
deutschland. Dies ist insbesondere auf die relativ geringe Ausbildungsbeteiligung von
Kleinst- und Kleinbetrieben in Sachsen zurückzuführen. Demgegenüber schöpfen die mittle-
ren und größeren Betriebe Sachsens ihr vorhandenes Ausbildungspotenzial ebenso aus wie
westdeutsche Betriebe dieser Größenklassen, bei Großbetrieben übersteigt der Anteil den
für Westdeutschland sogar um 3 Prozentpunkte.
Mitte 2010 lag die Brutto-Ausbildungsbetriebsquote bei 23 Prozent, womit seit einigen Jah-
ren erstmals wieder der ostdeutsche Durchschnittswert erreicht werden konnte. Bildete der
Freistaat seit mehreren Jahren das Schlusslicht unter den ostdeutschen Bundesländern, so
erreicht Sachsen damit aktuell die Spitzenposition im ostdeutschen Ländervergleich. Als ein-
ziges unter den ostdeutschen Ländern hatte Sachsen während der Krise insgesamt keinen
Rückgang, sondern eine Zunahme des Anteils der ausbildenden Betriebe an den Betrieben
insgesamt zu verzeichnen. 2010 erhöhte sich analog zur Brutto-Ausbildungsbetriebsquote
auch die Netto-Ausbildungsbetriebsquote und erreichte mit 49 Prozent ebenfalls erstmalig
einen Spitzenwert unter den ostdeutschen Bundesländern. Die Ausbildungsquote in Sachsen
liegt bei Herausrechnung außerbetrieblicher Ausbildungsverhältnisse (3,9 Prozent) unterhalb
des Niveau Westdeutschlands, ist aber mit der für Ostdeutschland identisch. Damit zählt
Sachsen nach Berlin zu den neuen Bundesländern mit den niedrigsten Ausbildungsquoten.
Die Ergebnisse der laufenden Befragungswelle signalisieren einen kräftigen Anstieg der
Übernahmequoten in Sachsen gegenüber dem Vorjahr. Die Übernahmequote lag 2010 bei
64 Prozent (ohne Erziehung und Unterricht), es erreicht damit den Wert für Westdeutschland
und ist aktuell das ostdeutsche Land mit der höchsten Übernahmequote. Hinsichtlich der
Ursachen für eine Nichtübernahme von Absolventen wurde von den Betrieben am häufigsten
darauf verwiesen, dass sie von vornherein über Bedarf ausgebildet haben und die Absolven-
ten nicht den betrieblichen Anforderungen entsprechen würden. Dieser Grund spielte 2005
noch eine deutlich geringere Rolle. Dies dürfte u. a. Ausdruck des demografisch bedingten
Bewerberrückgangs sein, der die Auswahlmöglichkeiten der Betriebe einschränkt.
7. Weiterbildung
Informationen über die betriebliche Weiterbildung werden im IAB-Betriebspanel seit Jahren
erhoben und ausgewertet. Die Betriebe stehen infolge des wirtschaftlichen Strukturwandels –
unter anderem ausgelöst durch den technischen Fortschritt und einen zunehmenden interna-
tionalen Wettbewerbsdruck – hinsichtlich der Bildung und der Qualifikation ihrer Mitarbeiter
vor neuen Herausforderungen. Permanentes Lernen ist inzwischen in vielen Berufsgruppen
und Betrieben einer der wichtigsten Bestandteile der Personalstrategie geworden, zumal in
vielen Betrieben eine absehbare Alterung der Belegschaften und der nicht zuletzt damit ver-
bundene perspektivische Bedarf an Fachkräften für zusätzliche Dramatik sorgen. Die aktuel-
len Befunde zu den Personalproblemen, die die Betriebe in den nächsten beiden Jahren auf
sich zukommen sehen, belegen dies nur partiell. Mit 9 Prozent hat fast jeder 10. sächsische
Betrieb einen „großen Bedarf an Weiterbildung und Qualifizierung“ signalisiert.
Viele sächsische Betriebe nutzen die vom Bund zur Verfügung gestellten Angebote zur För-
derung der betrieblichen Weiterbildung. Ein Beispiel dafür ist die seit März 2009 in Kraft be-
findliche ESF-Richtlinie zur Förderung der berufsbegleitenden Bildung von Beschäftigten (so
genannte Sozialpartnerrichtlinie),
85
über die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales
gemeinsam mit dem Europäischen Sozialfonds mit 140 Millionen Euro die Weiterbildung von
85
Vgl. ESF-Richtlinie zur Förderung der beruflichen Weiterbildung von Beschäftigten (Sozialpartnerrichtlinie), vom 26. März
2009. In: Amtlicher Teil Bundesanzeiger, Nummer 57, Seite 1373
http://www.initiative-weiter-
bilden.de/fileadmin/pdfs/downloads/Sozialpartnerrichtlinie.pdf.

76
Beschäftigten bis 2013 unterstützt. Gegenstand der Förderung sind nicht nur Weiterbildungs-
aktivitäten in den Betrieben, wobei die Förderung eine regionale oder branchenbezogene
Vereinbarung der Sozialpartner zur Weiterbildung voraussetzt, in der Ziele, Handlungs-
schwerpunkte und Qualifikationsbedarfe definiert sind. Zugleich können über die Sozialpart-
nerrichtlinie Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die betriebliche
Weiterbildung gefördert werden. Das betrifft beispielsweise die Stärkung der Beratungsstruk-
turen, Kooperationen, aber auch den Transfer bewährter Instrumente und Verfahren.
2010 wurde vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung der Ideenwett-
bewerb "Regionale Qualifizierungsinitiativen in Ostdeutschland" ausgelobt, der Teil der natio-
nalen Qualifizierungsinitiative "Aufstieg durch Bildung" ist, durch die die Aus- und Weiter-
bildung in ganz Deutschland verbessert werden soll.
86
Im Sommer 2010 wurden die zehn
innovativsten Konzepte zur Bewältigung der Fachkräfteproblematik ermittelt, die ein Jahr
lang mit je 100.000 Euro Maßnahmen zur Fachkräftesicherung in ausgewählten Regionen
der neuen Bundesländer umsetzen dürfen.
Eigenständige Fördermaßnahmen zur berufsbegleitenden Weiterbildung werden auch vom
Freistaat Sachsen angeboten. In seiner Fachregierungserklärung „Starke Wirtschaft - Star-
kes Sachsen: Mit Tradition und Innovation Sachsen auf eigene Beine stellen“ vom 19. Janu-
ar 2011 führte Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Sven Morlok, unter anderem
aus: „Unsere oberste Priorität ist es, alles dafür zu tun, dass in Sachsen Arbeitsplätze gesi-
chert und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. … Unser Ziel sind Arbeitsplätze, die sich
selbst tragen. … Ein Arbeitsplatz entsteht, wenn ein Unternehmer sich mit dem zusätzlichen
Mitarbeiter einen zusätzlichen Erfolg verspricht. … Deshalb konzentriert sich unsere Be-
schäftigungspolitik darauf, die Beschäftigten fit zu machen für den Arbeitsmarkt, damit sie in
der Lage sind, die Erwartungen der Unternehmer zu erfüllen.“
87
Förderangebote der Landesregierung Sachsen sollen in erster Linie kleine und mittlere Un-
ternehmen unter anderem dabei unterstützen, ihr Fachpersonal auf dem aktuellsten Wis-
sensstand zu halten, um auf diese Weise ihre Innovationskraft und somit Arbeitsplätze dau-
erhaft sichern zu können. Darüber hinaus ist auch eine Verbesserung von Unternehmensfüh-
rungs- und Personalentwicklungsprozessen in kleinen und mittleren Unternehmen Ziel der
Landesförderung. Im Rahmen des Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetzes (AFBG) können
weiterbildungswillige Personen mit handwerklichen Bildungsabschlüssen zur Unterstützung
während der Vorbereitung auf öffentlich-rechtliche Fortbildungsprüfungen unter anderem das
sogenannte Meister-BAföG beantragen.
88
Zur Förderung der beruflichen Weiterbildung hat die Landesregierung auch Förderangebote
entwickelt, die sich nicht vorrangig an die Unternehmen, sondern direkt an die Arbeitnehmer
richten. So bietet der Freistaat Sachsen seinen im Land ansässigen Arbeitnehmern den Wei-
terbildungsscheck Sachsen an. Mit diesem Instrument können bis zu 80 Prozent an Weiter-
bildungskosten wie Teilnahme- und Prüfungsgebühren gefördert werden. Die Zugangshür-
den sind niedrig, so dass sich jeder weiterbildungswillige Arbeitnehmer passende Angebote
selber aussuchen und dafür einen Antrag zur Förderung bei der Sächsischen Aufbaubank
einreichen kann. Eine Obergrenze für die Höhe des Zuschusses ist nicht festgelegt.
89
Staatsminister Morlok konnte dazu bisher eine sehr positive Bilanz ziehen: „Getreu dem Mot-
to ‚Eigeninitiative zahlt sich aus‘ stellt der Freistaat Sachsen bis 2013 insgesamt 13 Millionen
Euro als Weiterbildungsschecks zur Verfügung. … In den ersten elf Wochen seit dem 1. No-
vember 2010 haben über 890 Arbeitnehmer einen Antrag gestellt. 319 haben bereits eine
86
Vgl. Magazin für Infrastruktur und die neuen Länder, Die Bundesregierung, Nr. 011, 09/2008.
http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Magazine/MagazinInfrastrukturNeueLaender/011/t3-ideenwettbewerb.html.
87
Fachregierungserklärung von Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Sven Morlok „Starke Wirtschaft - Starkes
Sachsen: Mit Tradition und Innovation Sachsen auf eigene Beine stellen“ vom 19. Januar 2011, Seite 4f.
88
Vgl. Sächsisches Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Rubrik „Berufsbegleitende Weiterbildung“, unter:
http://www.smwa.sachsen.de/de/Arbeit/Berufliche_Bildung/Weiterbildung/17781.html.
89
Vgl.
http://www.bildungsmarkt-sachsen.de/de/weiterbildung/weiterbildung_finanzieren/weiterbildungsscheck_sachsen.php

77
Förderzusage erhalten. Der Weiterbildungsscheck ist ein Erfolgsmodell für die Arbeitnehmer
im Freistaat Sachsen.“
90
Im IAB-Betriebspanel konzentrieren sich die Fragestellungen zur betrieblichen Weiterbildung
auf die formal-organisierte Weiterbildung, also auf inner- und außerbetriebliche Maßnahmen,
für die die Betriebe Beschäftigte freistellen
bzw. die anfallenden Kosten ganz oder teilweise
übernehmen. Diese „klassischen“ Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung bilden nach wie
vor wesentliche Eckpfeiler für die berufliche Kompetenzentwicklung der Beschäftigten.
Aufgrund eines unterschiedlichen Verständnisses von betrieblicher Weiterbildung und der
daraus resultierenden begrifflichen und methodischen Abgrenzung sind Vergleiche der Pa-
nelergebnisse mit anderen Untersuchungen schwierig, da in der Regel verschiedene Erhe-
bungskonzepte zu Grunde liegen. Aufgrund des einheitlichen Fragebogens für die alten und
die neuen Länder im IAB-Betriebspanel lassen sich jedoch die Weiterbildungsaktivitäten zwi-
schen Ost- und Westdeutschland und auch zwischen den einzelnen ostdeutschen Ländern
vergleichen, da überall die gleiche Definition und Erhebungsmethodik verwendet werden.
Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass im IAB-Betriebspanel sämtliche Angaben zur betrieb-
lich-beruflichen Weiterbildung für das 1. Halbjahr 2010 erhoben wurden. Die ermittelten Indi-
katoren sind damit grundsätzlich nur für den Zeitraum eines halben Jahres aussagefähig,
womit ein Vergleich mit anderen Untersuchungsergebnissen, die in der Regel auf Jahreszeit-
räumen basieren, erschwert wird. Allerdings ermöglichen 15 Panelwellen aussagekräftige
Informationen über den Stand und die Entwicklung betrieblicher Weiterbildung.
Mit der 15. Panelwelle werden auch die Untersuchungen zum Weiterbildungsgeschehen in
den sächsischen Betrieben in den Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise gestellt.
7.1 Betriebliche Weiterbildungsaktivitäten
Wieder steigende Weiterbildungsaktivitäten der sächsischen Betriebe
Mit Beginn der 2000er Jahre ist für die Betriebe in Sachsen ein deutlicher Anstieg ihrer Wei-
terbildungsaktivitäten
91
zu verzeichnen. Während im 1. Halbjahr 2001 in Sachsen gut jeder
dritte Betrieb Weiterbildung realisierte, traf dies auf jeden zweiten Betrieb im 1. Halbjahr 2008
zu. Mit Einsetzen der Finanz- und Wirtschaftskrise sind die Weiterbildungsaktivitäten der Be-
triebe deutlich gesunken, trotz der mit der neuen Kurzarbeiterregelung eröffneten Möglichkei-
ten für eine geförderte Weiterbildung. 2009 war die Weiterbildungsbeteiligung der Betriebe
gegenüber dem Vorjahr um 4 Prozentpunkte gesunken. Im 1. Halbjahr 2010 war aber wieder
ein Anstieg um 2 Prozentpunkte auf 48 Prozent zu verzeichnen (44 Prozent in Westdeutsch-
land) (vgl. Abbildung 25). Damit lag Sachsen über den Anteilen west- wie ostdeutscher Be-
triebe.
90
Fachregierungserklärung von Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Sven Morlok „Starke Wirtschaft - Starkes
Sachsen: Mit Tradition und Innovation Sachsen auf eigene Beine stellen“ vom 19. Januar 2011, Seite 5.
91
Die Frage lautete: „Förderte Ihr Betrieb/Ihre Dienststelle im 1. Halbjahr 2010 Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen? Das
heißt: Wurden Arbeitskräfte zur Teilnahme an inner- oder außerbetrieblichen Maßnahmen freigestellt bzw. wurden die Kos-
ten für Weiterbildungsmaßnahmen ganz oder teilweise vom Betrieb übernommen?“

image
78
Abbildung 25:
Betriebe mit Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen in Sachsen, Ost- und Westdeutschland 1997 bis 2010 (jeweils
1. Halbjahr)
*
Errechnete Werte, da für die Jahre 1998, 2002, 2004 und 2006 die Daten nicht erfragt wurden.
Die für 2009 abnehmenden, 2010 aber wieder leicht erhöhten Weiterbildungsaktivitäten der
Betriebe könnten auf einen Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise schließen
lassen. Ob ein derartiger Zusammenhang tatsächlich besteht, kann durch eine Differenzie-
rung zwischen jenen Betrieben, die heute immer noch von der Krise betroffen sind und je-
nen, die die Krise teilweise oder gänzlich überwunden haben, erfasst werden. Betriebliche
Weiterbildung ist in Betrieben, die die Krise inzwischen überwunden haben, deutlich über-
durchschnittlich präsent, denn in 61 Prozent dieser Firmen werden 2010 Maßnahmen zur
Fort- und Weiterbildung angeboten. Von jenen Betrieben, in denen es bereits wieder auf-
wärts geht, obwohl die Krise noch nicht vollständig bewältigt ist, unterbreiten 45 Prozent der-
artige Maßnahmen. Allerdings zeigen sich unter den Noch-Krisenbetrieben lediglich
30 Prozent weiterbildungsaktiv. Sie liegen damit deutlich unter dem sächsischen Durch-
schnitt (vgl. Tabelle 25).
Das aktuelle betriebliche Weiterbildungsengagement kann demnach nicht losgelöst von der
wirtschaftlichen Situation der Betriebe während der Finanz- und Wirtschaftskrise gesehen
werden.

79
Tabelle 25:
Anteil der Betriebe mit Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen in Sachsen, Ost- und Westdeutschland im
1. Halbjahr 2010 in Abhängigkeit von ihrer aktuellen Krisenbetroffenheit
Alle
Gegenwärtige Situation
Betriebe
Krisen-
betriebe
(von der
Krise
negativ
betroffen)
Der Betrieb
steckt noch in
der Krise
Die Krise ist
noch spürbar,
es geht aber
wieder auf-
wärts
Die Krise ist
überwunden
Alle Be-
triebe, die
von der
Krise nicht
negativ
betroffen
waren
Prozent Prozent Prozent Prozent
Sachsen 48 42 30 45 61 51
Ostdeutschland 45 44 34 47 54 46
Westdeutschland 44 40 28 44 44 46
Fragt man nach den Branchen, in denen Betriebe im 1. Halbjahr 2010 überdurchschnittlich
hohe Weiterbildungsaktivitäten zeigen, so sind es insbesondere die öffentliche Verwaltung
(97 Prozent) und der Bereich Erziehung und Unterricht (90 Prozent der Betriebe), aber auch
das Gesundheits- und Sozialwesen (80 Prozent). Einen hohen Anteil mit 66 Prozent erreicht
auch die Finanz- und Versicherungswirtschaft. Die hohe Weiterbildungsbeteiligung der Be-
triebe und Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung, des Gesundheits- und Sozialwesens
sowie des Bereichs Erziehung und Unterricht resultiert auch aus bestehenden gesetzlichen
Verpflichtungen zur Weiterbildung in diesen Bereichen und entsprechenden gesetzlichen
Regelungen zur Finanzierung. Eine weit unterdurchschnittliche Zahl an Weiterbildungsmaß-
nahmen weisen die Branchen Bergbau, Energie, Wasser, Abfall mit lediglich 15 Prozent der
Betriebe, übrige Dienstleistungen mit einem Anteil von 25 Prozent sowie die Landwirtschaft,
in der lediglich knapp jeder dritte Betrieb (30 Prozent) Weiterbildungsmaßnahmen realisiert,
auf. Auch das Baugewerbe und der Bereich Verkehr/Information/Kommunikation liegen mit
jeweils 39 Prozent deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Das verarbeitende Gewerbe er-
reichte 43 Prozent und liegt damit ebenfalls unter dem Landesdurchschnitt.
Betrachtet man die Betriebsgrößenklassen,
so nimmt der Anteil der Betriebe mit Weiterbil-
dungsmaßnahmen tendenziell mit der Beschäftigtenzahl zu. 95 Prozent der Betriebe mit
mehr als 250 Beschäftigten haben im 1. Halbjahr 2010 entsprechende Weiterbildungs-
maßnahmen durchgeführt. Demgegenüber waren es bei den Kleinstbetrieben mit weniger
als 5 Beschäftigten lediglich 32 Prozent der Betriebe, die sich Weiterbildungsmaßnahmen
„leisteten“.
92
92
Gerade die betriebsproportionale Einbeziehung dieser Kleinstbetriebe mit weniger als 5 Beschäftigten, ihren geringen
Weiterbildungsaktivitäten und ihrem hohen Gewicht (49 Prozent aller Firmen in Sachsen gehören zu dieser Betriebsgrößen-
klasse), können eine Erklärung für die geringere Beteiligungsquote der Betriebe an Weiterbildungsmaßnahmen im IAB-
Betriebspanel (48 Prozent) gegenüber anderen Umfrageergebnissen sein.

image
80
7.2
Weiterbildungsquote der Beschäftigten
Wieder Anstieg der Weiterbildungsquote im 1. Halbjahr 2010
Im IAB-Betriebspanel 2010 sind auch Angaben zum Teilnehmerumfang der betrieblichen
Weiterbildungsmaßnahmen im definierten Sinn (d. h. Freistellung bzw. Kostenübernahme)
enthalten, mit denen differenzierte Weiterbildungsquoten
(Anteil der Mitarbeiter, die im Unter-
suchungszeitraum an Weiterbildungsmaßnahmen teilgenommen haben, an den Beschäf-
tigten aller Betriebe) ermittelt werden können.
93
Die so berechnete Weiterbildungsquote für
Sachsen lag im 1. Halbjahr 2010
94
bei 32 Prozent (bezogen auf alle Beschäftigten).
95
Damit
hat sich die Weiterbildungsquote der Beschäftigten parallel zur wieder gestiegenen Beteili-
gung sächsischer Betriebe an der Weiterbildung gegenüber 2009 wieder erhöht (um
2 Prozentpunkte). Damit wird ein Spitzenwert unter den ostdeutschen Ländern erreicht. Nach
wie vor beteiligen sich die Beschäftigten in Sachsen und den neuen Bundesländern insge-
samt häufiger an betrieblicher Weiterbildung als die Beschäftigten in den alten Bundeslän-
dern (25 Prozent) (vgl. Abbildung 26).
Abbildung 26:
Weiterbildungsquoten (Anteil der Teilnehmer an betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen an den Beschäftigten
aller Betriebe) in Sachsen, Ost- und Westdeutschland 1997 bis 2010 (jeweils 1. Halbjahr)
*
Errechnete Werte, da für die Jahre 1998, 2000, 2002, 2004 und 2006 die Daten nicht erfragt wurden.
Tabelle 26 macht deutlich, dass die Weiterbildungsquote der Krisenbetriebe insgesamt zwar
etwas niedriger aber nicht gravierend geringer gegenüber den Nichtkrisenbetrieben ausfällt.
93
Über eine ”Weichenfrage” war es den Betrieben möglich, Angaben entweder zu Teilnehmern an Weiterbildungsmaßnahmen
(Personen) oder zu Teilnahmefällen zu machen. Bei der Angabe von Teilnehmern wird jeder Beschäftigte, der im Erhe-
bungszeitraum an mindestens einer Maßnahme teilgenommen hat, nur einmal gezählt. Dagegen wird bei der Angabe von
Teilnahmefällen jede realisierte Maßnahme eines Teilnehmers gezählt, so dass je Beschäftigten mehrere Teilnahmefälle
möglich sind.
94
Die Schätzung der Weiterbildungsquote für 2010 insgesamt erfolgt unter Beachtung von zwei wichtigen Prämissen: keine
parallele Entwicklung von Teilnehmern und Teilnahmefällen sowie stärkere Konzentration der Weiterbildung auf das erste
Kalenderhalbjahr. Damit ist eine Verdopplung des Halbjahreswertes der Weiterbildungsquote ausgeschlossen, schätzungs-
weise liegt sie für das Gesamtjahr 2010 bei etwa 45 bis 50 Prozent.
95
Bezieht man die Zahl der Weiterbildungsteilnehmer nur auf die Beschäftigten in den Betrieben, in denen es tatsächlich im
1. Halbjahr 2010 Weiterbildung gab, dann ergeben sich selbstverständlich deutlich höhere Quoten (42 Prozent gegenüber
32 Prozent).

81
Sie scheint damit relativ unabhängig von der Krise zu sein. In Ost- und Westdeutschland
lässt sich die gleiche Tendenz beobachten.
Tabelle 26:
Weiterbildungsquote der Betriebe in Sachsen, Ost- und Westdeutschland 2010 (1. Halbjahr) in Abhängigkeit von
ihrer Krisenbetroffenheit
Alle
Gegenwärtige Situation
Betriebe
Krisen-
betriebe
(von der
Krise
negativ
betroffen)
Der Betrieb
steckt noch in
der Krise
Die Krise ist
noch spürbar,
es geht aber
wieder auf-
wärts
Die Krise ist
überwunden
Alle Be-
triebe, die
von der
Krise nicht
negativ
betroffen
waren
Prozent Prozent Prozent Prozent
Sachsen 32 28 22 29 34 34
Ostdeutschland 30 27 24 28 26 32
Westdeutschland 25 22 19 22 23 27
Zwischen den einzelnen Branchen gibt es wesentliche Abweichungen bei den Weiterbil-
dungsquoten der Beschäftigten. Überdurchschnittlich hohe Weiterbildungsquoten sind Mitte
2010 im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens (49 Prozent), in der Branche Verkehr,
Information, Kommunikation (43 Prozent) und bei den Finanz-/Versicherungsdienstleistun-
gen (41 Prozent) festzustellen. Mit jeweils unter 20 Prozent weisen Betriebe der Land- und
Forstwirtschaft sowie der übrigen Dienstleistungen die niedrigsten Weiterbildungsquoten
aus. Auch das verarbeitende Gewerbe hat mit nur 23 Prozent eine sehr niedrige Weiterbil-
dungsquote.
Während die Betriebsgröße
einen deutlichen Einfluss darauf hat, ob ein Betrieb Weiterbil-
dung überhaupt fördert, hat sie als Maß der Reichweite von betrieblicher Weiterbildung auf
Ebene der Beschäftigten keinen vergleichbar großen Einfluss. Die Weiterbildungsbeteiligung
liegt in allen Betriebsgrößenklassen mit Ausnahme der kleinen Betriebe (5 bis 9 Beschäftigte
41 Prozent) zwischen 24 und 34 Prozent.
Nach wie vor höhere Weiterbildungsbeteiligung von Frauen
Das IAB-Betriebspanel weist die Weiterbildungsquoten der Betriebsbelegschaften für Frauen
und Männer differenziert aus. Die vorliegenden Angaben zur geschlechterdifferenzierten
Beteiligung an Weiterbildungsmaßnahmen
weisen darauf hin, dass die sächsischen Betriebe
starken Wert auf die Entwicklung der Kompetenzen ihrer Mitarbeiterinnen legen: 54 Prozent
aller Teilnehmenden an betrieblichen Qualifizierungen waren 2010 weiblich (Westdeutsch-
land 48 Prozent). Die insgesamt höhere Weiterbildungsbeteiligung von Frauen zeigt sich
auch bei einer Betrachtung der geschlechterspezifischen Weiterbildungsquoten.
Die Weiter-
bildungsquote von Frauen (Anteil der Teilnehmenden an den weiblichen Beschäftigten) ist
mit 36 Prozent (Westdeutschland 27 Prozent) um 8 Prozentpunkte höher als die Weiterbil-
dungsquote der Männer. Sächsische Frauen partizipieren demzufolge auch in den Jahren
der Finanz- und Wirtschaftskrise stärker an Weiterbildungsmaßnahmen als Männer. Die Re-
lationen zwischen den Geschlechtern fallen gegenüber 2009 ähnlich aus (10 Prozentpunkte).
In erster Linie dürfte die überdurchschnittliche Weiterbildungsbeteiligung von Frauen darauf
zurückzuführen sein, dass Branchen mit einem überdurchschnittlichen Frauenanteil generell
eine hohe Weiterbildungsquote aufweisen. Dabei handelt sich um Branchen wie etwa die
öffentliche Verwaltung bzw. das Gesundheits- und Sozialwesen, die beschäftigungsseitig nur
bedingt Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen haben.
Fazit:
Die für das 1. Halbjahr 2010 vorliegenden Befunde sprechen dafür, dass die globale
Finanz- und Wirtschaftskrise insgesamt nur im Jahre 2009 vorrangig negative Wirkungen auf
die betrieblichen Weiterbildungsaktivitäten der sächsischen Betriebe hatte. 2010 stieg so-
wohl die Weiterbildungsbeteiligung der Betriebe als auch die Weiterbildungsquote der Be-
schäftigten wieder an. Da bei beiden Kennziffern aber noch nicht wieder der Vorkrisenwert
erreicht ist, könnte dies Ausdruck dafür sein, dass die sächsischen Betriebe den erforderli-

82
chen Anpassungsprozess an die sich verändernden Marktbedingungen nur teilweise mittels
Weiterbildungsaktivitäten unterstützen. Ganz offenbar nutzten viele Betriebe die Zeit der Kri-
se aber nicht für eine verstärkte betriebliche Weiterbildung. Bevorzugte Gruppe betrieblicher
Weiterbildungsaktivitäten waren auch 2010 die weiblichen Beschäftigten (vgl. auch Kapitel
4.2).
8. Wirtschaftliche Kennziffern im Krisenjahr 2009
Die in diesem Abschnitt im Fokus stehenden Kennziffern
96
- Umsatz, Export, Investitionen,
Innovationen, Ertrag/Gewinn, Löhne und tarifliche Bindung - haben eine doppelte Funktion:
Zum einen sind es wichtige Indikatoren zur Analyse der betrieblichen Nachfrage nach Ar-
beitskräften, und zum anderen haben sie einen eigenständigen Wert in Bezug auf die Dar-
stellung der wirtschaftlichen Lage Sachsens. Letzteres erlangt umso mehr an Bedeutung, als
der Aufholprozess in Sachsen in der Vergangenheit differenziert, aber letztlich sehr zögerlich
verlief.
8.1 Umsatz
Das Geschäftsvolumen ist eine aussagefähige Kennziffer zur Messung der Leistung und
Leistungsfähigkeit eines Betriebes. Betriebe der gewerblichen Wirtschaft definieren ihr Ge-
schäftsvolumen als Umsatz. Banken und Kreditinstitute weisen ihr Geschäftsvolumen als
Bruttozins- und Provisionserträge sowie das Handelsergebnis aus, bei Versicherungs-
unternehmen bilden die Bruttobeitragseinnahmen das Geschäftsvolumen. In Gebietskörper-
schaften und Organisationen ohne Erwerbscharakter entspricht das Geschäftsvolumen ih-
rem Haushaltsvolumen. Der Umsatz
(ohne Umsatzsteuer) bildet die bestimmende Kennziffer
in der wirtschaftlichen Tätigkeit der meisten Betriebe.
Das absolute Umsatzvolumen hat sich in den Jahren der Konjunktur zwischen 2005 und
2007 in Sachsen deutlich erhöht. Im Vergleich zu 2005 erreichte es 2007 107 Prozent
(Westdeutschland: 107 Prozent). Durch die Wirtschaftskrise wurde dieser Anstieg bereits
2008 unterbrochen (2008 gegenüber 2007 - 5 Prozent, 2009 gegenüber 2008 - 2 Prozent).
Für das Jahr 2010 rechnet der Durchschnitt der befragten Betriebe in Sachsen aber wieder
mit einer Steigerung des Umsatzes um ca. 2 Prozent gegenüber 2009.
97
Das verarbeitende
Gewerbe setzt wie vor der Wirtschaftskrise das Umsatzwachstum deutlich fort (+ 5 Prozent
gegenüber 2009), wogegen das Baugewerbe rückläufig ist. Damit zeichnet sich ab, dass
auch im Jahre 2010 die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes weiter zu- und die des
Baugewerbes abnimmt. (vgl. Abbildung 27).
96
Zu beachten sind die unterschiedlichen Bezugszeitpunkte der Kennziffern: Während bei Löhnen und Tarifbindung der
30.06.2010 die Basis ist, beziehen sich alle anderen Kennziffern auf das Jahr 2009.
97
Die von den Betrieben erwartete Entwicklung des Umsatzes für 2010 ist nur bedingt interpretierbar, weil sie auf Einschät-
zungen beruht, die während der Befragung im Sommer 2010 erfolgten und daher ein hohes Maß an Unsicherheit beinhal-
ten.

image
83
Abbildung 27:
Umsatzentwicklung in Sachsen, Ost- und Westdeutschland insgesamt sowie in ausgewählten Branchen* 2005 bis
2010 (2005 = 100)
* Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen der Panelwellen bis 2008 vergleich-
bar.
Branchen- und Betriebsgrößenstrukturen beeinflussen Umsatzniveau
In struktureller Hinsicht fallen beim Vergleich von Volumen und Struktur des Umsatzes zwi-
schen Sachsen, Ost- und Westdeutschland zwei Zusammenhänge ins Gewicht: erstens die
Branchen- und zweitens die Größenstruktur der Betriebe. Beide Strukturen weisen bemer-
kenswerte Unterschiede zwischen der sächsischen und der ost- und westdeutschen Wirt-
schaft auf (vgl. auch Kapitel 3.2.1 und 3.2.2).
Zunächst die Betrachtung der Branchenstruktur
des Jahres 2009. Bestimmend für die struk-
turellen Unterschiede sind das verarbeitende Gewerbe, das Baugewerbe, Handel und Repa-
ratur sowie die Dienstleistungen. Das verarbeitende Gewerbe
erreicht im Unterschied zu den
anderen neuen Bundesländern - und damit gegenüber Ostdeutschland insgesamt - mit
34 Prozent einen sehr hohen Wert, der Ostdeutschlands Anteil um 7 Prozentpunkte übertrifft
und in sich dem westdeutschen Wert annähert (36 Prozent). Dagegen erreicht das Bauge-
werbe mit einem Anteil von 8 Prozent am Umsatz der sächsischen Wirtschaft ein nach wie
vor deutlich höheres Niveau als in Westdeutschland (5 Prozent). Auch der Umsatzanteil bei
den Dienstleistungen
ist in Sachsen mit 19 Prozent höher als in Westdeutschland
(14 Prozent), aber deutlich geringer als in Ostdeutschland insgesamt (24 Prozent), wobei
hier die hohen Anteile Berlins als Dienstleistungszentrum zu Buche schlagen. Der Bereich
Handel und Reparatur ist in Westdeutschland breiter aufgestellt als in Sachsen und Ost-
deutschland (vgl. Tabelle 27).

84
Tabelle 27:
Verteilung des Umsatzes in Sachsen, Ost- und Westdeutschland 2009 nach Branchen** (alle Betriebe mit Um-
satz)
Branche Sachsen Ostdeutschland Westdeutschland
Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
1
2
1
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 5 5 4
Verarbeitendes Gewerbe 34 27 36
Baugewerbe 8 8 5
Handel und Reparatur
28
27
31
Verkehr/Information/Kommunikation* 5 7 8
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen* 0 0 1
Dienstleistungen 19 24 14
Unternehmensnahe Dienstleistungen
10
13
9
Erziehung und Unterricht*
0
1
0
Gesundheits- und Sozialwesen
6
5
3
Übrige Dienstleistungen 3 5 2
Insgesamt 100 100 100
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Auch die Größenstrukturen der Betriebe weisen bemerkenswerte Unterschiede auf. Der An-
teil kleinerer Betriebe dominiert in Sachsen und Ostdeutschland. Große Betriebe als regiona-
le Konzentrationspunkte für die Einbindung von Zulieferungen sowie Forschung und Entwick-
lung sind rar. Mit wenigen Ausnahmen (Land- und Forstwirtschaft, Erziehung und Unterricht)
ist die durchschnittliche Betriebsgröße der sächsischen Betriebe in allen Branchen geringer
als in Westdeutschland. Kleine Betriebe erzielen geringere Umsätze und können weitaus
weniger Ressourcen bündeln, die die gesamtwirtschaftliche Entwicklung fördern. Sie sind
häufig nicht darauf ausgelegt, in neue Dimensionen hineinzuwachsen und überregionale
Märkte zu bedienen.
In neue Größenstrukturen zu gelangen erfordert in der Regel längere Zeiträume und über-
proportionales Wachstum der Leistung der Betriebe bzw. die Neuansiedelung größerer Be-
triebe. Größere Betriebe (ab 250 Beschäftigte) tragen in Sachsen 26 Prozent zum gesamten
Umsatz bei, in Westdeutschland sind es 38 Prozent (vgl. Tabelle 28).
Tabelle 28:
Anteil des Umsatzes in Sachsen, Ost- und Westdeutschland 2009 nach Betriebsgrößenklassen (alle Betriebe mit
Umsatz)
Betriebsgrößenklasse Sachsen Ostdeutschland Westdeutschland
Prozent
1 bis
4 Beschäftigte
7
7
4
5 bis
9 Beschäftigte
10
11
7
10 bis
49 Beschäftigte
27
31
22
50 bis 249 Beschäftigte
30
29
29
ab 250 Beschäftigte 26 22 38
Insgesamt 100 100 100
Nachfrage - begrenzender Faktor der Umsatzentwicklung
Die Kapazitäten der Betriebe hätten ausgereicht, um wesentlich mehr Umsatz zu erwirtschaf-
ten. Nach Angaben der sächsischen Betriebe im IAB-Betriebspanel wäre 2009 mit dem vor-
handenen Personal und mit den vorhandenen Anlagen bei 66 Prozent der Betriebe ein höhe-
rer Umsatz möglich gewesen, wenn es eine entsprechende Nachfrage gegeben hätte. Die-
ser auf den ersten Blick sehr hohe Anteil darf natürlich nicht überbewertet werden. Eine voll-
ständige Auslastung aller Kapazitäten, das heißt das ständige Erreichen der Kapazitätsgren-
ze, ist selbstverständlich nur in Ausnahmefällen möglich und würde eine kurzfristige Reakti-

85
on auf Nachfrageschwankungen ausschließen. Spitzenreiter bei freien Kapazitäten sind die
Branchen Bergbau/Energie/Wasser/Abfall sowie Erziehung und Unterricht, Finanz- und Ver-
sicherungsdienstleistungen, Handel/Reparatur. Auch das verarbeitende Gewerbe liegt mit
73 Prozent über dem Landesdurchschnitt (vgl. Tabelle 29).
Tabelle 29:
Mögliche Umsatzsteigerungen bei angenommener entsprechender Nachfrage in Sachsen 2009 nach Branchen**
(alle Betriebe mit Umsatz)
Branche/Länder
Mehr Umsatz wäre
mit vorhandenem
Personal/Anlagen
möglich gewesen
Hätte dafür zusätzli-
ches Personal benö-
tigt
Hätte dafür zusätzli-
che Anlagen benötigt
Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
81
19
2
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 99 1 1
Verarbeitendes Gewerbe
73
26
6
Baugewerbe 48 50 8
Handel und Reparatur
83
17
3
Verkehr/Information/Kommunikation* 61 39 9
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen* 90 10 0
Dienstleistungen 59 38 9
Unternehmensnahe Dienstleistungen
55
43
9
Erziehung und Unterricht*
99
1
0
Gesundheits- und Sozialwesen
45
50
12
Übrige Dienstleistungen
74
26
6
Sachsen insgesamt
66
32
7
Mecklenburg-Vorpommern 59 40 15
Brandenburg 72 25 9
Sachsen-Anhalt 63 34 11
Thüringen 73 26 7
Berlin 67 32 8
Ostdeutschland insgesamt
67
31
9
Westdeutschland 68 30 6
*
Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statis-
tischen Fehlertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen
Panelwellen vergleichbar.
Eine Unterauslastung auf Dauer gefährdet die wirtschaftliche Existenz. Fehlender Umsatz
schließt ein, entweder Arbeitsplätze abzubauen oder auf Einkommen zu verzichten. Eine
dementsprechende Niedriglohnstrategie kann vielleicht kurzfristig betriebliche Effizienzpro-
bleme lösen, mittel- und langfristig muss aber ein forschungs- und innovationsintensives Pro-
duktionsprofil, aufbauend auf einem hohen Qualifikationsniveau der Beschäftigten, die ent-
scheidende Wirtschaftsstrategie der Betriebe sein.
Nachvollziehbar ist die Aussage, dass in den Krisenbetrieben 2008/2009 und auch in den
aktuellen Krisenbetrieben die Kapazitätsauslastung 2009 deutlich geringer war als in den
Betrieben, die die Krise überwunden haben bzw. gar nicht von ihr betroffen waren.
8.2 Export
Die Regionalstrukturen des Umsatzes zeigen, dass die Absatzchancen der sächsischen Be-
triebe noch immer begrenzt sind.
Mit dem Ziel, den Absatz von Produkten und Leistungen aus Ostdeutschland auf ausgewähl-
ten Absatzmärkten zu verbessern, unterstützt das Vermarktungshilfeprogramm (VHP) des

86
BMWi in den neuen Bundesländern kleine und mittlere Unternehmen beim Eintritt in Aus-
landsmärkte.
98
Die größten Probleme junger innovativer Unternehmen – die besonders stark auch in den
neuen Bundesländern vertreten sind - bestehen meist in deren Mangel an Bekanntheit,
Netzwerken und Eigenkapital. Um die Möglichkeiten dieser Unternehmen bei der Erschlie-
ßung in- und ausländischer Absatzmärkte zu verbessern und ihnen somit die Chance zu ge-
ben, international wettbewerbsfähig zu werden, stellt die Bundesregierung verschiedene
Fördermittel zur Verfügung.
99
So können z. B. mit Hilfe des „Messeprogramms junge innova-
tive Unternehmen“ kleine Unternehmen, die jünger als zehn Jahre sind, an von Messeveran-
staltern organisierten Gemeinschaftsständen teilnehmen und dabei finanziell unterstützt
werden. Des Weiteren werden Betriebe in Form von Finanzierungshilfen (KfW/ERP) und
Risikoübernahmen („Hermesdeckung“) unterstützt, aber auch Exportseminare im Ausland
sowie Exportberatungen werden finanziell gefördert. Für die neuen Bundesländer als Stand-
orte der Forschung und Entwicklung im Bereich Erneuerbare Energien ist auch die „Export-
initiative Erneuerbare Energien“ von Bedeutung.
Auch der Freistaat Sachsen misst dem Auslandsengagement seiner Betriebe einen hohen
Stellenwert bei. Daher unterstützt er dieses zusätzlich durch ein vielfältiges Förderange-
bot.
100
Der Anbahnung internationaler Geschäftsbeziehungen insbesondere für junge Unter-
nehmen dient vor allem die Förderung von Messebeteiligungen. Sie stellen eine wichtige
Unterstützung dar, handelt es sich doch bei diesen zumeist um Firmen, denen es nicht nur
an Geschäftskontakten sondern oft auch an Kapital mangelt, das für eine Messebeteiligung
aber dringend erforderlich ist. Die Entwicklung der Außenwirtschaftsbeziehungen wird aber
auch noch über andere Initiativen der Landesregierung gefördert. Im Rahmen der Mit-
telstandsrichtlinie erfolgt beispielsweise eine gezielte Beratung für Einzelunternehmen, die
vor allem kleinen und mittleren Unternehmen die Möglichkeit bieten soll, Marktanalysen und -
studien durchführen zu lassen.
101
Firmengemeinschaften sind eine Zielgruppe der direkten
Außenwirtschaftsberatung. Die Maßnahmen für Firmengemeinschaften beinhalten unter an-
derem die Förderung der Durchführung von Machbarkeitsstudien, die Erarbeitung einer fir-
menbezogenen Strategie sowie die Beratung zur Durchführung von Imagemaßnahmen bei
der Einführung eines Produktes auf dem Markt.
102
Zusätzlich dazu finden bilaterale Wirt-
schaftsforen statt, und auch Unternehmerreisen ins Ausland werden durch das Sächsische
Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr gefördert. Sächsische Unternehmen, die
Kooperationen mit Unternehmen im In- und Ausland anstreben, werden in ihren Bemühun-
gen durch die Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH, die landeseigene Wirtschaftsförde-
rungsgesellschaft, unterstützt.
103
Der Sächsische Außenwirtschaftstag 2010 als Gemeinschaftsveranstaltung der Außenwirt-
schaftsinitiative Sachsen, in der sich sowohl das Wirtschafts- als auch das Umweltministeri-
um des Freistaates sowie die Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH, die sächsischen Indust-
rie- und Handwerkskammern und die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft engagieren,
bot den sächsischen Unternehmen die Möglichkeit, sich zu vielfältigen Fragen internationaler
Wirtschaftsbeziehungen zu informieren und beraten zu lassen.
Auch wenn das Bundesland Sachsen in Bezug auf das Auslandsengagement seiner Betrie-
be eine führende Stellung einnimmt, konzentriert die Landesregierung ihre Kräfte weiterhin
und noch zunehmend darauf, dieses zu fördern. „Wir brauchen noch mehr sächsische ‚Ex-
98
Vgl. Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2010, a. a. O., S. 216.
99
Vgl. Ideen, Innovation, Wachstum. Messeförderung, außenwirtschaftliche Hilfen. Die Bundesregierung.
http://www.foerderinfo.bund.de/de/653.php
(Zugriff: 26.10.2010).
100
Vgl. Medienservice Sachsen: Medieninformation „Außenwirtschaftsförderung 2010“ (27.11.2009), unter:
http://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/136946.
101
Vgl. Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Rubrik – Außenwirtschaftsberatung, unter:
http://www.smwa.sachsen.de/de/Foerderung/Mittelstand/Aussenwirtschaftsberatung/18862.html.
102
Vgl. Vgl. Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Rubrik – Außenwirtschaftsberatung, unter:
http://www.smwa.sachsen.de/de/Foerderung/Mittelstand/Aussenwirtschaftsberatung/18862.html.
103
Vgl. Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Rubrik – Außenwirtschaft/Messen, unter:
http://www.smwa.sachsen.de/de/Wirtschaft/Aussenwirtschaft___Messen/18136.html.

87
portschlager‘ auf dem Weltmarkt, wie es heute Produkte aus Mikroelektronik, Automobilbau
und Maschinenbau bereits sind.“ – so die Einschätzung von Staatsminister Morlok in seiner
Fachregierungserklärung vom Januar 2011.
104
Mit dieser Zielstellung wurde Anfang März
2011 eine neue Mittelstandsrichtlinie vom Kabinett beschlossen, die vor allem das Ziel ver-
folgt, den sächsischen Mittelstand für den Weltmarkt fit zu machen. „Die Internationalisierung
ist ein Gebot der Stunde. Deshalb liegt hier auch ein neuer Schwerpunkt der Unterstüt-
zung.“
105
Ein Ansatz besteht darin, die Mittel für Messe- und Außenwirtschaftsförderung zu
verdoppeln. Neu ist eine engere Verknüpfung zwischen der Förderung von Innovationen und
Exportaktivitäten. Und ebenfalls neu ist die verstärkte Erschließung von Synergien bei den
Auslandsaktivitäten der sächsischen Betriebe durch eine bessere Verzahnung der Bereiche
Außenwirtschaftsförderung, Investorenwerbung und Tourismus.
106
Exportquote und exportierende Betriebe
Die Exportquote
(Exportanteil am Umsatz) der Betriebe in Sachsen betrug im Jahr 2009 laut
IAB-Betriebspanel 12 Prozent (im verarbeitenden Gewerbe 30 Prozent), die der westdeut-
schen 19 Prozent (im verarbeitenden Gewerbe 40 Prozent). Damit erreicht Sachsen im ost-
deutschen Ländervergleich die höchste Exportquote. Die sächsische Exportquote stieg zwi-
schen 1995 und 2007 von 3 auf 14 Prozent an, im verarbeitenden Gewerbe von 11 auf
34 Prozent.
107
In den Krisenjahren gingen die Exportquoten in Sachsen allerdings zurück,
was sich aus der vergleichsweise starken Einbindung der sächsischen Wirtschaft in den
Weltmarkt erklären dürfte. Bei nach wie vor bestehenden großen Unterschieden im Niveau
der Exportquoten fand seit Mitte der 1990er Jahre aber eine spürbare Annäherung an die
westdeutschen Exportquoten statt (vgl. Abbildung 28).
104
Fachregierungserklärung von Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Sven Morlok „Starke Wirtschaft - Starkes
Sachsen: Mit Tradition und Innovation Sachsen auf eigene Beine stellen“ vom 19. Januar 2011, Seite 6
105
Vgl. Pressemitteilung des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr vom 08.03.2011
106
Vgl. Fachregierungserklärung von Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Sven Morlok „Starke Wirtschaft - Star-
kes Sachsen: Mit Tradition und Innovation Sachsen auf eigene Beine stellen“ vom 19. Januar 2011, Seite 7
107
Betriebe in ausländischem Eigentum in Sachsen sind mit einer Exportquote von 32 Prozent (im verarbeitenden Gewerbe
38 Prozent) besonders stark in die internationale Arbeitsteilung eingebunden.

image
88
Abbildung 28
:
Exportquote insgesamt und im verarbeitenden Gewerbe* in Sachsen und Westdeutschland 1995 bis 2009 (alle
Betriebe mit Umsatz)
*
Aufgrund der Neuzuordnung der Branchen nach der WZ 2008 sind die Angaben des verarbeitenden Gewerbes nur bedingt
mit den Ergebnissen der Panelwellen bis 2008 vergleichbar.
Die Annäherung Sachsens an Westdeutschland findet ihre Widerspiegelung im Anteil der
exportierenden Betriebe. Dieser Anteil liegt in Sachsen insgesamt bei 13 Prozent (im verar-
beitenden Gewerbe 32 Prozent), in Westdeutschland sind es ebenfalls 13 Prozent (im verar-
beitenden Gewerbe 32 Prozent).
Der Anteil exportierender sächsischer Betriebe insgesamt
wie auch der im verarbeitenden Gewerbe erreicht damit inzwischen das Niveau West-
deutschlands. Als Problem und Herausforderung für den weiteren Angleichungsprozess er-
gibt sich somit vor allem die Steigerung des Exports am Umsatz der Unternehmen. Aller-
dings ist hierbei eine Relativierung angebracht. Viele Produkte aus sächsischen Betrieben
kommen auf Umwegen ins Ausland. So geht ein beträchtlicher Teil der Ostprodukte in die
alten Bundesländer, die zum Teil dort als Zulieferungen in „westdeutsche“ Produkte einge-
baut und danach exportiert werden.
Die aktuellen Krisenbetriebe weisen eine gleich hohe Exportquote
auf wie die Betriebe, die
die Krise überwunden haben (jeweils 13 Prozent). Der Anteil der exportierenden Betriebe,
liegt bei den aktuellen Krisenbetrieben niedriger ist als bei den Betrieben, die die Krise
überwunden haben (11 Prozent zu 13 Prozent).
Exportintensive Zweige
Die exportintensiven Zweige
108
des sächsischen verarbeitenden Gewerbes haben im Ver-
gleich zu Westdeutschland zwar bereits einen leicht höheren Anteil am Gesamtumsatz, ihr
Anteil an den Beschäftigten liegt aber noch immer unter dem Wert für Westdeutschland.
2009 entfielen in Westdeutschland 54 Prozent des gesamten Umsatzes
im verarbeitenden
Gewerbe auf exportintensive Zweige. In Sachsen waren es sogar 55 Prozent. 46 Prozent der
Beschäftigten
konzentrieren sich in Westdeutschland auf exportintensive Zweige, dagegen in
Sachsen nur 41 Prozent (vgl. Abbildung 29).
108
Als exportintensiv werden die Zweige angesehen, die einen Exportanteil am Umsatz von 30 Prozent und mehr aufweisen.

image
89
Abbildung 29:
Umsatz, Beschäftigte und Angleichungsquote der Produktivität in den exportintensiven Zweigen des verarbeiten-
den Gewerbes* in Sachsen und Westdeutschland 2009
*
Aufgrund der Neuzuordnung der Branchen nach der WZ 2008 sind die Angaben des verarbeitenden Gewerbes nur bedingt
mit den Ergebnissen der Panelwellen bis 2008 vergleichbar.
Letztlich liegt aber die Produktivität die sächsischen exportintensiven Zweige gegenüber
Westdeutschland zurück. Eine dementsprechende Angleichungsquote liegt bei den exportin-
tensiven Zweigen bei 84 Prozent, dagegen bei den nicht exportintensiven Zweigen bei
65 Prozent.
Die Gründe für die schwächeren Exportleistungen sächsischer Betriebe sind vor allem struk-
tureller Natur:
Ein wesentlicher Grund ist in den vergleichsweise kleineren Betriebsgrößen zu se-
hen. Die Industriebetriebe in Sachsen sind – von der Personalstärke her gesehen –
im Schnitt deutlich kleiner als in Westdeutschland. Um auf größeren Märkten präsent
zu sein, müssen neben den qualitativen Anforderungen häufig bestimmte Mindestan-
forderungen kontinuierlich abgesichert werden können, was vielen sächsischen Be-
trieben nach wie vor Probleme bereitet.
Ein zweiter Grund ist die ungünstige Struktur innerhalb des verarbeitenden Gewer-
bes. Zwar haben sich die exportintensiven Zweige des sächsischen verarbeitenden
Gewerbes in den letzten Jahren positiv entwickelt - ihr Anteil am Umsatz des sächsi-
schen verarbeitenden Gewerbes insgesamt ist gestiegen, die Exportquote konnte
deutlich gesteigert werden - dennoch weisen diese exportintensiven Zweige nach wie
vor einen geringeren Anteil an den Beschäftigten aus als in Westdeutschland.
Über diese strukturellen Gründe hinaus hat der Exportrückstand auch unternehmens-
bedingte Ursachen wie beispielsweise das geringere Alter der Betriebe sowie unzu-
reichende Kontakte und Netzwerke sächsischer Betriebe.
109
109
Vgl. Prognos-Studie: Chancen und Hindernisse von Auslandsstrategien ostdeutscher Unternehmen im Rahmen des För-
derprogramms „Aufbau Ost“ – Endbericht (im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung), Ber-
lin, 30.06.2009; S. 97.
http://www.prognos.com/fileadmin/pdf/publikationsdatenbank/EE_26883_Chancen-und-Hindernisse-
von-Auslandsstrategien-fuer-deutsche-Unternehmen-Langfassung.pdf.

90
Eine Analyse des aktuellen und des geplanten Auslandsengagements der sächsischen Be-
triebe – allerdings nicht bezogen auf die Exportaktivitäten sondern auf die Übernahme eines
Unternehmens im Ausland, die Gründung eines Standortes oder eines Tochterunternehmens
im Ausland bzw. die Übernahme einer Kapitalbeteiligung von mindestens 10 Prozent an ei-
nem ausländischen Unternehmen – ergibt, dass sich dabei gegenwärtig vor allem das verar-
beitende und das Baugewerbe engagieren. Knapp 3 Prozent der Betriebe des verarbeiten-
den Gewerbes, darunter aber 6 Prozent der FuE-intensiven Branchen, und rund 4 Prozent
der Baubetriebe sind hier aktiv. Von den Betrieben der unternehmensnahen Dienstleistungen
sind es ca. 1 Prozent, von denen der übrigen Dienstleistungen sind es zwischen 1 und 2 Pro-
zent. In der Planung für ein Auslandsengagement befanden sich Mitte 2010 aber 23 Prozent
aller Betriebe des Bereiches Finanz- und Versicherungsdienstleistungen.
8.3 Investitionen
Da Investitionen und insbesondere Ausrüstungsinvestitionen in einer modernen, innovativ
und intensiv produzierenden Wirtschaft für die ökonomische Dynamik ausschlaggebend sind,
ist durch ihre Entwicklung der Weg vorgezeichnet, den eine Region ökonomisch geht. Eine
hohe Investitionsbereitschaft der sächsischen Betriebe in den 1990er Jahren führte zur weit-
gehenden Erneuerung, Umstrukturierung und Erweiterung des Kapitalstocks fast aller säch-
sischen Betriebe. Diese Entwicklung war untrennbar verbunden mit einer umfangreichen
öffentlichen Investitionsförderung.
110
Dabei spielt die Investitionszulage eine zentrale Rolle.
Mit der so genannten Investitionszulage werden Firmen gefördert, die in den neuen Ländern
investieren. Die unbürokratische Antragsstellung macht diese steuerliche Förderung insbe-
sondere auch für kleine und kleinste Unternehmen attraktiv. „Nach 2013 soll die Investitions-
förderung in den neuen Bundesländern in die im Grundgesetz verankerte Gemeinschafts-
aufgabe zur "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" (GRW) überführt werden.“
111
Die Bundesregierung unterstützt mit dieser Förderung das wirtschaftliche Wachstum und die
Schaffung dauerhafter Arbeitsplätze für Hochqualifizierte in den neuen Ländern. Investitio-
nen in den neuen Bundesländern werden darüber hinaus auch durch die Gemeinschaftsauf-
gabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) gefördert.
112
Die Landesregierung des Freistaates Sachsen hat 2010 damit begonnen, die Weichen im
Bereich der Investitionsförderung neu zu stellen: So führte der Staatsminister für Wirtschaft,
Arbeit und Verkehr Sven Morlok aus: „Nach zwanzig Jahren Aufbauarbeit gilt es nun, den
Übergang in eine neue Zeit zu schaffen: Wir wollen aus eigenen Kräften Stärke erlangen und
auf eigenen Beinen stehen. Nach der Wende ist viel aufgebaut worden. Das ist eine hervor-
ragende Grundlage für diesen Weg, der jetzt vor uns liegt. Mit staatlicher Unterstützung ha-
ben viele Unternehmen im Freistaat ihre Gründung erfolgreich gemeistert und sind auf
Wachstumskurs. Diese Förderung war nach der Wende richtig und notwendig, um schnell
den Anschluss zu schaffen. In den kommenden Jahren aber sinken die dafür zur Verfügung
stehenden Mittel. Es ist Zeit für einen Kurswechsel bei der Förderpolitik. Wir werden überall
dort maximal fördern, wo es um Neuansiedlungen und große Erweiterungen geht. Bei ande-
ren Investitionen bereiten wir uns aber auf die Änderung der EU-Förderung ab 2014 vor. Und
dies bedeutet zurückgehende Förderquoten.“
113
Zur Neujustierung der Förderpolitik gehört
beispielsweise eine bevorzugte Investitionsförderung für wachsende, innovationsorientierte
110
Es gibt zwei wesentliche Instrumente zur Förderung der Investitionsaktivitäten: die Investitionszulage und die Investitions-
zuschüsse. Auf die Investitionszulage
besteht ein Rechtsanspruch. Sie ist eine
steuerliche
Hilfe, wird mit der Einkommens-
teuererklärung beantragt und mit der Steuerschuld verrechnet. Aus all dem ergibt sich ein zeitlicher Lag zwischen Investiti-
onsdurchführung und Auszahlung der Fördermittel von mindestens einem Jahr. Investitionszuschüsse
sind Bestandteil der
GA und müssen vor Beginn des Investitionsvorhabens beantragt werden. Bei Bewilligung kann der Förderbeitrag zeitgleich
mit der Investitionsdurchführung oder sogar vorher ausgezahlt werden. Die Verfahrensweise ist vergleichbar mit der von der
Gewährung von Krediten. Hier dürfte eher kein zeitlicher Lag zwischen der Investition und Auszahlung der Fördermittel be-
stehen. Möglich wäre aber ein Vorlauf vor der Investitionsdurchführung.
111
Vgl. Investitionen fördern: Unternehmen in den neuen Ländern stärken. Der Beauftragte der Bundesregierung für die Neuen
Bundesländer, Bundesministerium des Innern.
http://www.bmi.bund.de/BODL/DE/Themen/Innovation/investitionen/investitionen_node.html.
112
Vgl. Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2010, a. a. O., S. 31.
113
Vgl. Fachregierungserklärung von Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Sven Morlok „Starke Wirtschaft - Star-
kes Sachsen: Mit Tradition und Innovation Sachsen auf eigene Beine stellen“ vom 19. Januar 2011, Seite 7

image
91
KMU aber auch die verstärkte Konzentration auf Darlehen (Nachrangdarlehensfonds von
100 Millionen Euro, Ausbau von Beteiligungs- und Bürgschaftsangeboten).
Entwicklung der Investitionsbereitschaft Sächsischer Betriebe
Die Investitionsbereitschaft der sächsischen Betriebe nahm in der Vergangenheit einen an-
deren Verlauf als die der westdeutschen Betriebe, bei denen sowohl der Anteil der Betriebe
mit Investitionen als auch das Investitionsvolumen und die Investitionsintensität dem kon-
junkturellen Verlauf folgten. Für Sachsen waren dagegen seit 1995 in der Tendenz sowohl
sinkende Investitionsvolumina als auch rückläufige Investitionsintensitäten charakteristisch.
Das in den 1990er Jahren in Sachsen zur Verfügung stehende Investitionsvolumen war hoch
und bildete die Grundlage für eine weitgehende Erneuerung, Umstrukturierung und Erweite-
rung des Kapitalstocks. In den Folgejahren bis 2001 erfolgte ein absoluter Rückgang an In-
vestitionen, begleitet von einer deutlichen Verringerung der Investitionsintensitäten in den
sächsischen Betrieben. Diese Investitionsentwicklung hat den Angleichungsprozess nicht
befördert. Selbst beim letzten konjunkturellen Aufschwung vor der Wirtschaftskrise sanken
das Investitionsvolumen und die Investitionsintensität in den sächsischen Betrieben weiter-
hin, wenn auch nur geringfügig, während sie in den westdeutschen Betrieben deutlich an-
stiegen. Während der Wirtschaftskrise aber blieb die Investitionsbereitschaft der Betriebe
nahezu stabil (vgl. Abbildung 30).
Abbildung 30:
Investitionsbereitschaft der Betriebe in Sachsen 1995 bis 2009 (alle Betriebe mit Umsatz)
Die Investitionsbereitschaft der sächsischen Betriebe mit Umsatz kann unter Berücksichti-
gung der Entwicklung des absoluten Investitionsvolumens, der Investitionsintensität sowie
des Anteils investierender Betriebe in folgende Etappen eingeteilt werden:

92
In den 1990er Jahren war die Investitionsbereitschaft der sächsischen Betriebe am
höchsten: Zwei von drei Betrieben investierten, das Investitionsvolumen war in etwa
doppelt so hoch wie gegenwärtig und auch die Investitionsintensität erreichte Spit-
zenwerte von über 16 Tsd. € je Beschäftigten, die deutlich oberhalb westdeutscher
Vergleichswerte lagen. Infolge dieser Entwicklung erhöhte sich die Kapitalausstattung
je Arbeitsplatz, so dass die bestehenden Unterschiede zu westdeutschen Betrieben
verringert werden konnten.
Zwischen der Jahrtausendwende und 2005
traten in der Investitionsbereitschaft der
sächsischen Betriebe Schwankungen auf. Dies betraf sowohl den Anteil investieren-
der Betriebe als auch das jährliche Investitionsvolumen und die Investitionsintensität.
Die genannten Kennziffern lagen 2005 in etwa auf dem Niveau der Jahrtausendwen-
de.
Zwischen 2005 und 2007,
also in Jahren guter konjunktureller Entwicklung, hat sich
nach Angaben der sächsischen Betriebe die Investitionsbereitschaft nicht erhöht. Der
Anteil investierender Betriebe stagnierte, das Investitionsvolumen und die Investiti-
onsintensität waren leicht rückläufig.
In den Jahren 2008 und 2009,
also während der Finanz- und Wirtschaftskrise, ist die
Investitionsbereitschaft der Betriebe in Sachsen nahezu stabil geblieben. Zwar ging
der Anteil der investierenden Betriebe 2009 gegenüber 2008 zurück, gleichzeitig er-
höhte sich aber das Investitionsvolumen geringfügig, und die Investitionen je Be-
schäftigten blieben fast stabil (in Westdeutschland Rückgang jeweils um ca.
25 Prozent).
Im Jahr 2010
beabsichtigten 57 Prozent aller sächsischen Betriebe zu investieren (West-
deutschland 63 Prozent). Von diesen wollte ca. jeder zehnte Betrieb sein ursprünglich vorge-
sehenes Investitionsvolumen verringern. Diese Entscheidung der Betriebe wird nur in weni-
gen Fällen mit einer restriktiven Kreditvergabe der Banken begründet.
114
In Abhängigkeit von der Krisenbetroffenheit der Betriebe sind die verschiedenen Investitions-
kennziffern erstaunlicherweise nicht sehr unterschiedlich. Der Anteil investierender Betriebe
weist zwar gewisse Unterschiede auf, gegenüber 2009 und 2010 zeigen sich aber über alle
Betriebe deutliche Steigerungstendenzen. Am stärksten mit 10 Prozentpunkten fallen sie für
die aktuellen Krisenbetriebe aus. Die Investitionsintensität weist ebenfalls keine gravierenden
Unterschiede aus (vgl. Tabelle 30).
Tabelle 30:
Investitionskennziffern der Betriebe nach ihrer Krisenbetroffenheit in Sachsen (alle Betriebe mit Umsatz)
Krisenbetroffenheit
Anteil der investieren-
den Betriebe 2009
Anteil der Betriebe mit
geplanten Investitio-
nen 2010
Investitionsintensität
(Investitionen je Be-
schäftigten) 2009
Prozent Tsd. €
Krisenbetriebe
45
52
6
Betrieb steckt noch in der Krise
35
45
5
Krise ist noch spürbar, es geht
aber wieder aufwärts
48 53 7
Krise ist überwunden
60
66
5
Nicht-Krisenbetriebe 54 60 5
Sachsen insgesamt
51
57
5
8.4 Innovationen
Die wirtschaftliche Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der sächsischen Betriebe wird maß-
geblich vom Innovationsverhalten der Betriebe geprägt, von Investitionen in Forschung und
Entwicklung sowie in Humankapital seitens der Betriebe und des Staates. In Sachsen wie in
114
Vgl. auch Sebastian Bechmann, Vera Dahms, Agnes Fischer, Marek Frei, Ute Leber: 20 Jahre Deutsche Einheit – Ein
Vergleich der west- und ostdeutschen Betriebslandschaft im Krisenjahr 2009. In: IAB Forschungsbericht Nr. 6/2010, S. 27 f.

93
den neuen Bundesländern insgesamt sind betriebliche Innovationsaktivitäten mitentschei-
dend, um dem Aufholprozess neue Impulse zu verleihen.
Die Bundesregierung unterstützt durch ein differenziertes Förderinstrumentarium Forschung
und Innovationen in den neuen Bundesländern.
Vor dem Hintergrund der nach wie vor vergleichsweise geringen Forschungs- und Entwick-
lungskapazitäten in der ostdeutschen Wirtschaft wird die Bundesregierung die Förderpro-
gramme „Unternehmen Region“ und „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand“ (ZIM)
nach eigenen Angaben auf hohem Niveau fortsetzen. Erklärte Ziele sind in diesem Zusam-
menhang die Stärkung der Innovationskraft in der ostdeutschen Wirtschaft sowie die stärkere
Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft in den neuen Ländern.
115
Der Solidarpakt (So-
lidarpakt II bis 2019
116
), der Hochschulpakt und ebenso die Exzellenzinitiative werden auch
in Zukunft unvermindert weiter umgesetzt.
Mit dem Modellvorhaben „Investitionszuschuss technische Infrastruktur“ des Bundesministe-
riums für Wirtschaft und Technologie soll im Rahmen der Richtlinie INNO-KOM-Ost durch
Unterstützung bei der Modernisierung grundlegender apparativer Ausrüstungen und techni-
scher Infrastruktur im Bereich Forschung und Entwicklung zur Erhaltung und Verbesserung
der innovativen Leistungsfähigkeit der gemeinnützigen externen Industrieforschungseinrich-
tungen beigetragen werden. Das Modellvorhaben startete am 01. Januar 2009
117
und ist bis
31. Dezember 2011 befristet.
118
Mit ZIM-SOLO
119
(ZIM – Fördermodul Einzelprojekte seit 1. Januar 2009
120
) sollen For-
schungs- und Entwicklungsaktivitäten zur Entwicklung innovativer Produkte, Verfahren oder
technischer Dienstleistungen ohne Einschränkung auf bestimmte Technologien und Bran-
chen gefördert werden. Unterstützt wird laut BMWi die Durchführung von einzelbetrieblichen
FuE-Projekten in KMU zur Entwicklung betriebsinterner Innovationskompetenz.
Der „High-Tech Gründerfonds“ wurde bis zum Sommer 2011 verlängert und danach wird es
einen Anschlussfonds („High-Tech Gründerfonds II“) geben. Auch dieser soll wieder in Form
einer öffentlich-privaten Partnerschaft gestaltet werden. Zusätzlich zu den bisher beteiligten
Industriepartnern und der KfW-Bankengruppe soll auch neuen Industriepartnern eine Beteili-
gung offen stehen.
121
Eigene Ressourcen zur Förderung der Innovationsfähigkeit und -kraft stellt auch der Frei-
staat Sachsen zur Verfügung. Es ist erklärte Technologie- und Wirtschaftspolitik der Landes-
regierung, die eigenen Unternehmen noch innovativer zu machen, um noch stärker und er-
folgreicher als bisher auf den Weltmärkten präsent zu sein. Zur Erreichung dieses Vorha-
bens wird künftig die gesamte Wertschöpfungskette von der Forschung bis zur Fertigung
wesentlich stärker als bisher Gegenstand der staatlichen Unterstützung sein.
122
Mit dieser
Ausrichtung wurden im März 2011 auch die neuen Mittelstandsrichtlinien vom sächsischen
Regierungskabinett verabschiedet. Dazu führte Staatsminister Morlok in seiner Presseerklä-
rung zur Einführung der neuen Richtlinien zur Förderung des Mittelstands aus: „Um sich ge-
genüber der Konkurrenz auf dem internationalen Markt behaupten zu können, brauchen die
Unternehmen innovative Produkte. Aber auch das Design spielt eine wichtige Rolle, manch-
mal die entscheidende. Der Freistaat unterstützt die Markteinführung innovativer Produkte
und das Produktdesign. Das gehört heutzutage zusammen, hier haben wir auch die Richtli-
115 Vgl. Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2010, a. a. O., S. 31 und 87.
116 Vgl. ebenda, S. 30.
117 Vgl. Bundesministerium für Forschung und Technologie: „Das Förderprogramm INNO-KOM-Ost“, unter:
http://www.fue-
foerderung.de/foepro/ikom/index.php?navanchor=1710010.
118 Vgl. Richtlinie „FuE-Förderung gemeinnütziger externer Industrieforschungseineinrichtungen in Ostdeutschland - Innovati-
onskompetenz Ost“ (INNO-KOM-Ost), Ergänzende Förderbekanntmachung: Modellvorhaben „Investitionszuschuss techni-
sche Infrastruktur“ vom 6. April 2010
http://www.fue-foerderung.de/foepro/ikom/dokumente/iz_richtlinie.pdf.
119 Vgl. Einzelprojekte ZIM-SOLO, Bundesministerium für Wirtschaft und Technlogie,
http://www.zim-bmwi.de/einzelprojekte.
120 Vgl. Förderprogramm INNOvative WAchsTumsTräger – INNO-WATT,
http://www.inno-watt.de/.
121 Vgl. Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Abgeordneten Andrea Wicklein, Willi Brase, Doris Barnett,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD – Drucksache 17/2515 – Innovative Gründungen in Deutschland, S. 5, un-
ter:
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/026/1702635.pdf.
122
Vgl. Fachregierungserklärung von Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Sven Morlok „Starke Wirtschaft - Star-
kes Sachsen: Mit Tradition und Innovation Sachsen auf eigene Beine stellen“ vom 19. Januar 2011, Seite 6

94
nien zusammengefasst. Ebenso können Mittelständler auch Förderung für die Einstellung
eines Vertriebs- oder Designassistenten erhalten,“ so der Minister. Zudem vergebe der Frei-
staat Sachsen in diesem Jahr bereits zum 16. Mal einen Innovationspreis an sächsische Mit-
telständler, die aus einer Idee ein erfolgreiches Produkt gemacht haben. Auch einen Design-
preis habe der Freistaat ins Leben gerufen. Er wird in diesem Jahr zum 13. Mal ausgelobt.
Minister Morlok: „Die Staatspreise für Innovationen und Design würdigen die zunehmende
Bedeutung dieser Anforderungen des Weltmarktes - und den sächsischen Unternehmer-
geist.“
123
Neben diesem neuen Förderansatz, der Ende März 2011 in Kraft tritt, können die Unterneh-
men Sachsens aber auch weiterhin von schon bekannten und bewährten Förderansätzen
profitieren. Dazu gehören vor allem vielfältige Zuschüsse. Diese sollen insbesondere FuE-
Projekte mit einem hohen Risikofaktor zu Gute kommen. Das Sächsische Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst bietet Zuschüsse für FuE-Einzel- und Verbundprojekte sowie für
den Technologietransfer, die vorrangig auf die Förderung der Entwicklung neuer Produkte
und Verfahren abzielen. Unternehmen mit FuE-Projekten bzw. mit Verbundprojekten sowie
Forschungseinrichtungen können unabhängig von ihrer Größe bezuschusst werden. Es gibt
zum einen die Möglichkeit, Zuschüsse für FuE-Projekte auf dem Gebiet der Industriefor-
schung zu erhalten, durch die bis zu 60 Prozent der förderfähigen Kosten zum Beispiel für
Personal, Material, Auftragsforschung, Know-how-Erwerb, Patentierungsausgaben (nur für
KMU) und Abschreibungen (in Verbindung mit Investitionen, die für die Realisierung des Pro-
jektes unerlässlich sind) abgedeckt werden können.
124
Zum anderen werden Projekte auf
dem Gebiet der “experimentellen Entwicklung” mit bis zu 35 Prozent der förderfähigen Kos-
ten unterstützt.
125
Außerdem kann für technologiepolitisch bedeutsame FuE-Vorhaben ein
fünfprozentiger Bonus gewährt werden.
Auch die Intensivierung der Zusammenarbeit Sächsischer KMU mit Forschungseinrichtun-
gen wird vom Land gefördert. So wurde am 01. Juli 2010 die Förderrichtlinie des Sächsi-
schen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst über die Gewährung von Innovations-
prämien für KMU verabschiedet. Laut Richtlinie sollen darüber zusätzliche Potenziale für
Forschung und Entwicklung sowie für den Technologietransfer in Sachsen identifiziert und
ausgebaut werden.
126
Darüber hinaus soll über eine Innovationsprämie die Innovationskraft
der KMU und somit deren Wettbewerbssituation verbessert werden. Dieses Instrument för-
dert die Inanspruchnahme externer FuE-Dienstleistungen von Hochschulen, außeruniversitä-
ren Forschungseinrichtungen und außeruniversitären wirtschaftsnahen Forschungseinrich-
tungen sowie privatwirtschaftlichen Anbietern für die Planung und Entwicklung neuer Produk-
te, Verfahren oder Dienstleistungen bzw. die wesentliche Verbesserung bestehender Pro-
dukte, Verfahren oder Dienstleistungen sowie die technische Unterstützung in der Umset-
zungsphase.
127
Neben den Bemühungen der Landesregierung FuE im Freistaat insgesamt auf eine breitere
Basis zu stellen, widmet sie sich aber auch dem Ausbau und der Stärkung der Spitzenfor-
schung. Im Rahmen der bereits 2007 vom Land ins Leben gerufenen Landesexzellenzinitia-
tive, die an die Exzellenzinitiative des Bundes anknüpft und Projekte in ausgewählten univer-
sitären Forschungsbereichen fördert, stellt der Freistaat Sachsen bis zum Jahr 2013 insge-
samt rund 160 Millionen Euro aus EFRE-Mitteln
128
und Mittel des Landes zur Verfügung. Mit
123
Vgl. Pressemitteilung des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr vom 08.03.2011
124
Vgl. Vgl. Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Fördermittel für Ansiedlungen in Sachsen
(Stand: Juni 2010), Folie 13, unter:
http://www.invest-in-saxony.net/set/157/IncentSaxony_deutsch_09_2010.pdf.
125
Vgl. Vgl. Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Fördermittel für Ansiedlungen in Sachsen
(Stand: Juni 2010), Folie 12-13, unter:
http://www.invest-in-saxony.net/set/157/IncentSaxony_deutsch_09_2010.pdf.
126
Vgl. Handwerkskammer zu Leipzig: Merkblatt die sächsische Innovationsprämie (InnoPrämie) (Stand: Juli 2010), unter:
http://www.hwk-leipzig.de/3,0,2243.html.
127
Vgl. Sächsische AufbauBank (SAB): Innovationsprämie, unter:
http://www.sab.sachsen.de/de/foerderung/programme/p_wirtschaft/fp_wirtschaft/detailfp_wi_17664.html.
128
Aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) werden 2010 rund 43 Millionen Euro für FuE zur
Verfügung gestellt. Insgesamt stehen damit für die außeruniversitäre Forschung im Freistaat Sachsen 2010 306 Millionen
Euro bereit. Vgl. Homepage des Freistaates Sachsen : Rubrik – Forschung, unter:
http://www.forschung.sachsen.de/.

95
diesen Mitteln sollen vor allem auch aussichtsreiche Forschungscluster an sächsischen Uni-
versitäten und deren Entwicklungsdynamik gestärkt werden.
129
Auch der personellen Ausstattung der Hochschulen und Universitäten wird erhöhtes Augen-
merk gewidmet. So ist es Ziel des ESF-Programms Hochschule und Forschung, vor allem
dem Nachwuchs an akademischen Spitzenkräften Entwicklungsperspektiven im Freistaat zu
eröffnen, um somit deren Abwanderung in andere Bundesländer oder ins Ausland zu verhin-
dern. Dies soll beispielsweise mit Hilfe von Mentoring-Netzwerken an den Universitäten rea-
lisiert werden. Für dieses Programm werden in der aktuellen EU-Förderperiode bis 2013 ins-
gesamt 120 Millionen Euro inklusive Kofinanzierung durch das Land bereitgestellt. Damit ist
Sachsen nach Angaben des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst das erste Land,
das in so großem Umfang ESF-Mittel im Bereich Hochschule und Forschung einsetzt.
130
Sachsens Betriebe mit guten Voraussetzungen für Innovationen
131
Aus der Erhebungswelle des vorangegangenen Jahres liegen empirische Befunde vor, die
auf das hohe Niveau der sächsischen Wirtschaft in Forschung und Entwicklung (FuE) hin-
weisen. Der Freistaat Sachsen zählt bundesweit zu den Ländern, in denen die Betriebe am
häufigsten in diesem Bereich tätig sind. Im Vergleich zu den ostdeutschen Ländern betreiben
in Sachsen mit 7 Prozent aller Betriebe anteilig fast doppelt so viele Betriebe FuE. Gleichzei-
tig verzeichnet Sachsen nach Angaben des IAB-Betriebspanels seit 2001 einen deutlichen
Anstieg der betrieblichen Beteiligung an FuE. In den anderen neuen Ländern erhöhten sich
zwar ebenfalls die Anteile FuE-betreibender Betriebe, diese liegen aber deutlich unterhalb
des sächsischen Niveaus. Für die alten Bundesländer ist demgegenüber seit Jahren ein
konstant hoher Anteil von 5 Prozent der Betriebe mit FuE charakteristisch.
Mit dieser Entwicklung geht zugleich eine starke Konzentration des ostdeutschen FuE-Per-
sonals auf Sachsen einher. Der Anteil der FuE-Beschäftigten an allen Beschäftigten im Frei-
staat lag bei 4,4 Prozent und erreichte damit bundesweit einen Spitzenwert (Ostdeutschland
2,7 Prozent, Westdeutschland 3,0 Prozent).
FuE-Aktivitäten der Betriebe Sachsens sind in erster Linie für das verarbeitende Gewerbe
sowie die unternehmensnahen Dienstleistungen kennzeichnend. Im verarbeitenden Gewer-
be betreiben seit 2001 relativ konstant etwa 16 bzw. 17 Prozent der Betriebe FuE. Die FuE-
Aktivitäten sind erwartungsgemäß in den FuE-intensiven Branchen des verarbeitenden Ge-
werbes besonders hoch, wo über ein Drittel der Betriebe auf diesem Gebiet tätig ist. Ein ähn-
lich hoher Anteil gilt für die exportintensiven Zweige des verarbeitenden Gewerbes. Für diese
Branchen ist eine deutliche Zunahme des Engagements in FuE während des letzten kon-
junkturellen Aufschwungs charakteristisch. Damit verläuft die Entwicklung im Freistaat Sach-
sen ähnlich wie in Westdeutschland.
Ausschlaggebend für das Engagement der Betriebe auf dem Gebiet von FuE ist deren Grö-
ße. Mit steigender Betriebsgröße erhöht sich der Anteil FuE betreibender Betriebe (im Jahr
2009: von 2 bis 6 Prozent in den Kleinstbetrieben, 12 Prozent in den kleinen Firmen, auf
18 Prozent in mittleren und 39 Prozent in größeren Betrieben). Der Anteil FuE betreibender
größerer Betriebe gemessen an allen größeren Betrieben ist in Sachsen deutlich höher als
im ostdeutschen Durchschnitt (24 Prozent) und liegt auch oberhalb des westdeutschen
Durchschnitts (33 Prozent). Für alle Betriebsgrößenklassen ist aber seit 2001 eine deutliche
Zunahme ihrer FuE-Aktivitäten zu beobachten, wobei diese insbesondere in den größeren
Betrieben sehr deutlich ausfallen. Darin schlägt sich nieder, dass größere Betriebe sowohl
personell als auch finanziell für FuE deutlich bessere Voraussetzungen haben als kleinere
129
Vgl. Homepage des Freistaates Sachsen : Rubrik – Forschung/Landesexzellenzinitiative, unter :
http://www.forschung.sachsen.de/2829.html#article1480
idarticle1480.
130
Vgl. Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst: Richtlinie ESF Hochschule und Forschung des SMWK
131
Die positiven Einschätzungen, die die Expertenkommission Forschung und Innovation in ihrem aktuellen Gutachten zu
Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2010 zum Freistaat Sachsen trifft, konnten mit
den Befunden der Panelerhebung aus dem Jahre 2009 untersetzt, in ausgewählten Fragen z. T. ergänzt werden. Vgl.
http://www.e-fi.de/fileadmin/Gutachten/EFI_2010.pdf

96
Betriebe. Dieser Befund zeigt, wie bedeutsam gerade Förderansätze in diesem Bereich für
KMU sind.
Die intensiven FuE-Aktivitäten der sächsischen Wirtschaft beruhen nicht zuletzt auf Koope-
ratiosbeziehungen, denn der größte Teil der Betriebe mit FuE-Tätigkeit geht auf diesem Ge-
biet zugleich Kooperationsbeziehungen mit anderen Betrieben, Universitäten/Fachhochschu-
len bzw. externen Beratern ein (91 Prozent). Damit liegen sächsische Betriebe zwar im Be-
reich des ostdeutschen Durchschnittswertes, aber deutlich über dem westdeutschen Anteils-
wert (82 Prozent). Die Betriebsgröße hat auf die Kooperationsintensität interessanterweise
kaum Einfluss.
Produktinnovationen
Die Innovationsaktivitäten der Betriebe sind vielfältig und lassen sich nicht an einem einzel-
nen Indikator oder einer einzelnen Technologie festmachen. Ein Bündel von Indikatoren ist
erforderlich, um die betrieblichen Innovationsaktivitäten annähernd sowohl input- als auch
outputseitig abgrenzen und bewerten zu können. Neu- bzw. Weiterentwicklungen von Pro-
dukten und Dienstleistungen einerseits oder technologische bzw. organisatorische Ver-
änderungen andererseits, sowie die damit bzw. dabei erzielten internen und externen öko-
nomischen Wirkungen, unterstreichen die komplexe Natur des betrieblichen Innovationsge-
schehens. Dessen Messung und Beurteilung ist allerdings auch mit Hilfe verschiedener Indi-
katoren nur bedingt möglich.
Alle Innovationsaktivitäten werden im IAB-Betriebspanel mit Hilfe von „Innovatorenraten“
ausgewiesen, die die betriebliche Verbreitung von Innovationsaktivitäten (Produkt- und Pro-
zessinnovationen) widerspiegeln. Nach Angaben der aktuellen Panelwelle waren 2009
38 Prozent aller Betriebe mit Umsatz in Sachsen innovativ (43 Prozent in Westdeutschland).
In diesen innovativen Betrieben mit Umsatz waren 54 Prozent aller Beschäftigten Sachsens
tätig (Westdeutschland 62 Prozent). Damit erreicht der Freistaat Sachsen unter den neuen
Bundesländern Spitzenwerte, denn im ostdeutschen Durchschnitt weisen insgesamt 33 Pro-
zent der Betriebe Innovationen aus, in denen 47 Prozent der Beschäftigten tätig sind.
Nachfolgende Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf Betriebe mit Umsatz.
Längerfristig vergleichbare Angaben zwischen 1998 und 2009 lassen sich für Produktinnova-
tionen treffen, die in den jeweiligen Befragungswellen explizit erhoben wurden. Während die
Innovatorenrate bei Produktinnovationen in den sächsischen Betrieben mit Umsatz zwischen
den Panelwellen 1998 und 2004 rückläufig war, ist sie in der Befragung 2007 auf 38 Prozent
angestiegen (Westdeutschland 40 Prozent). In den Krisenjahren 2008 und 2009 beträgt die
Innovatorenrate jeweils rund 37 Prozent, das heißt die Wirtschaftskrise hat sich nicht auf das
Innovationsgeschehen ausgewirkt. Dies ist sicherlich eine Antwort auf die Anforderungen der
Globalisierung und der damit verbundenen verstärkten Exportanstrengungen der sächsi-
schen Wirtschaft. In den letzten Jahren ist die Innovatorenrate der sächsischen Betriebe mit
Umsatz insgesamt zwar niedriger als die der westdeutschen Betriebe, das verarbeitende
Gewerbe Sachsens erreicht aber deutlich höhere Werte als das westdeutsche verarbeitende
Gewerbe (vgl. Abbildung 31)

image
97
Abbildung 31:
Anteil der Betriebe mit Produktinnovationen in Sachsen, Ost- und Westdeutschland von Mitte 1996 bis 2009 (alle
Betriebe mit Umsatz)
*
In den Befragungswellen 1998, 2001, 2004 und 2007 wurden Produktinnovationen der jeweils letzten 2 Jahre erhoben.
**
Ab Befragungswelle 2008 beziehen sich die Produktinnovationen jeweils auf das zurückliegende Geschäftsjahr (veränder-
te Fragestellung).
*** Aufgrund der Neuzuordnung der Branchen nach der WZ 2008 sind die Angaben des verarbeitenden Gewerbes nur bedingt
mit den Ergebnissen der Panelwellen bis 2008 vergleichbar.
In Sachsen weist das verarbeitende Gewerbe mit 58 Prozent überdurchschnittlich hohe
Raten bei den Produktinnovationen auf (ebenso der Bereich Erziehung und Unterricht und
die Land- und Forstwirtschaft). Die Bereiche Bau, Verkehr/Information/Kommunikation sowie
die übrigen Dienstleistungen und das Gesundheits- und Sozialwesen erreichen den
Durchschnittswert. Dagegen lagen die Raten in der Branche Bergbau/Energie/Wasser/Abfall
mit lediglich 5 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt.
Im IAB-Betriebspanel wird zwischen drei Arten von Produktinnovationen unterschieden:
Weiterentwicklungen:
Von einem Unternehmen bereits angebotene Leistungen oder
Produkte werden verbessert bzw. weiterentwickelt;
Sortimentsneuheiten:
Von einem Unternehmen angebotene Produkte oder Dienstleis-
tungen, die auf dem Markt vorhanden waren und neu ins Angebot aufgenommen
wurden;
Marktneuheiten: Von einem Unternehmen werden völlig neue Produkte oder Dienstleis-
tungen ins Angebot aufgenommen, für die ein neuer Markt geschaffen werden muss.
Insgesamt dominieren unter den Betrieben Sachsens die Betriebe mit Weiterentwicklungen
und auch mit Sortimentsneuheiten gegenüber denen mit Marktneuheiten (vgl. Abbildung 32).

image
98
Abbildung 32:
Anteil der Betriebe mit einer oder mehreren Produktinnovationen an den Betrieben in Sachsen 2009
Produktinnovationen spielen insbesondere in der Wissenswirtschaft und hier vor allem in den
FuE-intensiven Zweigen des verarbeitenden Gewerbes eine große Rolle. Unter Ausklamme-
rung von Mehrfachnennungen sind in den FuE-intensiven Zweigen des verarbeitenden Ge-
werbes etwa 72 Prozent aller Betriebe produktinnovativ. Diese Betriebe führten mindestens
eine der drei hier definierten Produktinnovationen durch. Noch stärker auf Innovationen aus-
gerichtet sind die exportorientierten Branchen des verarbeitenden Gewerbes. Von ihnen er-
weisen sich 74 Prozent aller Betriebe als produktinnovativ.
Im Unterschied zu den Produktinnovationen gehen Prozessinnovationen
erst seit der
12. Welle 2007 mit einer gesonderten Fragestellung in die Auswertungen ein. Von allen Be-
trieben Sachsens realisierten 2009 11 Prozent Prozessinnovationen (Westdeutschland
12 Prozent). Die Innovatorenrate bei Prozessinnovationen liegt damit deutlich unterhalb der
Innovatorenrate für Produktinnovationen. Auch bei dieser Art von Innovationen erreicht das
verarbeitende Gewerbe überdurchschnittliche Anteile (18 Prozent).
Bereits oben wurde geschlussfolgert, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise keine negativen
Wirkungen auf das Innovationsgeschehen in den sächsischen Betrieben hatte. Diese Aussa-
ge bestätigt sich auch bei einer Betrachtung in Abhängigkeit von der Krisenbetroffenheit der
Unternehmen. Von jenen Betrieben, die von der Krise betroffen waren, waren 36 Prozent
weiterhin innovativ. Das liegt lediglich um 2 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. Einen
gleich hohen Anteil weisen die Betriebe aus, die die Krise noch immer nicht überwunden
haben. Offenbar wird ein spürbares Nachlassen der Innovationsbemühungen seitens der
Firmen nicht als eine Möglichkeit betrachtet, die Krise zu überwinden. Das spricht für die
hohe Sensibilität der sächsischen Betriebe gegenüber dem Stellenwert von Innovationen und
FuE.

99
8.5
Ertragslage und Gewinnsituation
Inwieweit die ökonomischen Bemühungen in den Betrieben tatsächlich zu einem guten Er-
gebnis hinsichtlich Gewinn oder Ertrag führen, ist schwierig zu messen.
132
Es handelt sich
dabei um sensible Informationen, die von den Betrieben eher zurückhaltend angegeben
werden. Für den wirtschaftlichen Erfolg der Betriebe wird im IAB-Betriebspanel regelmäßig
nach der Ertragslage und auch nach der Gewinnsituation gefragt. Dabei handelt es sich um
subjektive Einschätzungen, die nicht unbedingt der realen Gewinn- oder Ertragssituation
entsprechen müssen, aber für strategische oder personalpolitische Entscheidungen oftmals
handlungsleitend sind.
Generell spiegeln sich in der Ertragslage
vielfältige betriebswirtschaftliche Sachverhalte wi-
der, die sich kaum in eine Kennziffer fassen lassen. Dazu gehören neben der Kostenstruktur
und dem Gewinn auch Einschätzungen zur Auftragslage, zu Bilanzkennziffern usw. Objekti-
vieren könnte man die Ertragslage anhand von Bilanzdaten, auf die im IAB-Betriebspanel
allerdings nicht zurückgegriffen werden kann.
Die Beurteilung der Ertragslage wurde daher auf einer Skala von 1 (sehr gut) bis 5 (mangel-
haft) abgefragt. Im Durchschnitt schätzten die Betriebe mit Umsatz in Sachsen ihre Ertrags-
lage im abgelaufenen Geschäftsjahr 2009 als „befriedigend“ ein (Note 2,9). Dies entspricht in
etwa der Einschätzung des Vorjahres. Krisenwirkungen spiegeln sich 2009 in dieser aggre-
gierten Kennziffer kaum wider. Zwischen den Krisenbetrieben und den Nicht-Krisenbetrieben
gibt es dagegen deutliche Unterschiede (vgl. Tabelle 2 in Kapitel 2).
Die Ertragslage der Betriebe Sachsens bleibt auch im Jahr 2009 sehr differenziert und bei
einem großen Teil von ihnen angespannt. Betriebe mit guter Ertragslage sind ebenso festzu-
stellen wie Betriebe mit mangelhafter. Eine sehr gute und gute Ertragslage weisen
42 Prozent aller sächsischen Betriebe mit Umsatz auf, eine befriedigende weitere 34 Pro-
zent. Mindestens jeder vierte Betrieb (25 Prozent) bezeichnet seine Ertragslage dagegen nur
als ausreichend bis mangelhaft.
Von den Branchen
weisen die Bereiche Gesundheits- und Sozialwesen (Note 2,5), das Bau-
gewerbe (Note 2,7), Finanz-/Versicherungsdienstleistungen (ebenfalls Note 2,7) sowie der
Bereich Verkehr/Information/Kommunikation (Note 2,8) eine bessere Ertragslage aus als der
Durchschnitt. Das verarbeitende Gewerbe liegt mit der Note 3,0 leicht über dem Durch-
schnitt. Betrachtet man die Ertragslage der Betriebe in Sachsen nach ihrer Größenklasse,
dann wird deutlich, dass die Kleinstbetriebe (mit weniger als 5 Beschäftigten) die relativ
schlechteste Ertragslage haben (Note 3,0).
Die Betriebe in Sachsen beurteilten in der Vergangenheit ihre Ertragslage ähnlich wie die
Betriebe in den westdeutschen Bundesländern. 2009 vergrößerte sich der Abstand allerdings
leicht. Wie oben bereits dargestellt, handelt es sich bei den Ergebnissen um subjektive Ein-
schätzungen der Betriebe. Die Bewertung der eigenen Ertragslage dürfte eng an die jeweili-
gen Erwartungen geknüpft sein. Betriebe, deren Ertragslage etwa den Erwartungen ent-
sprach, können sich zufrieden zeigen, auch wenn die realen Erlöse und Gewinne deutlich
niedriger sind als in anderen Betrieben (vgl. Abbildung 33).
132
Für Vergleiche im nationalen und internationalen Maßstab, nach Branchen und Betriebsgrößenklassen, werden in der Regel
die Kennziffern Nettorendite (Jahresüberschuss nach Steuern in Prozent des Umsatzes) und Eigenmittelquote (Eigenmittel
in Prozent der Bilanzsumme) verwendet. Vgl. Unternehmensgewinne: Für Euphorie ist es noch zu früh. In: iwd, Informati-
onsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Nr. 25, 19. Juni 2008, S. 8.

image
100
Abbildung 33:
Ertragslage und Gewinnsituation der Betriebe in Sachsen und Westdeutschland von Mitte 1996 bis 2009 (alle
Betriebe mit Umsatz)
Die Einschätzung zur Gewinnsituation konkretisiert und ergänzt die etwas weichere subjekti-
ve Frage nach der Ertragslage. Im letzten Geschäftsjahr (in der Regel 2009) haben 66 Pro-
zent der sächsischen Betriebe mit Umsatz einen Reingewinn erzielt; das sind
6 Prozentpunkte weniger als vor der Krise im Jahr 2007. 11 Prozent erwirtschafteten ein ne-
gatives Jahresergebnis (Reinverlust). Die Betriebe mit einem Reinverlust sind stark in ihrer
Reproduktionsfähigkeit eingeschränkt, und es ist zu vermuten, dass sich einige von ihnen in
einer existenzbedrohenden Situation befinden.
Die Gewinnsituation in den sächsischen Betrieben wird zwar relativ positiv eingeschätzt,
trotzdem stehen die Betriebe in Sachsen etwas schlechter da als westdeutsche Betriebe
(68 Prozent der Betriebe mit Gewinn) (vgl. ebenfalls Abbildung 33). Allerdings sagen diese
Werte nichts über die Höhe der Gewinne aus, sondern geben nur den jeweiligen Anteil der
Betriebe mit oder ohne Gewinn an.
Zwischen den Branchen
gibt es durchaus Unterschiede. Die Land- und Forstwirtschaft (An-
teil der Betriebe mit positivem Jahresergebnis 34 Prozent), Bergbau/Energie/Wasser/Abfall
(49 Prozent), Finanz- und Versicherungsdienstleister (54 Prozent) sowie die übrigen Dienst-
leistungen (55 Prozent) und der Bereich Handel/Reparatur (57 Prozent) liegen unterhalb des
Durchschnitts. Das verarbeitende Gewerbe entspricht mit 66 Prozent genau dem Durch-
schnitt. Besonders hoch ist dagegen der Anteil der Betriebe mit Gewinn im Baugewerbe
(74 Prozent) und in den meisten Branchen des Dienstleistungsgewerbes.
Eine Betrachtung nach unterschiedlichen Betriebsgrößenklassen
zeigt, dass beim Anteil der
Betriebe mit Gewinn vor allem die Kleinst- und Kleinbetriebe besser abschneiden als die
mittleren und insbesondere die großen Betriebe (über 250 Beschäftigte). Während durch-
schnittlich 69 Prozent der Kleinstbetriebe mit bis zu 9 Beschäftigten 2009 Gewinn erwirt-
schafteten, traf dies nur auf 52 Prozent der Großbetriebe zu.
Mit der getrennten Befragung nach Ertrag und Gewinn kann eine grobe Zuordnung zwischen
der Ertragslage
einerseits und der Gewinnsituation andererseits getroffen werden. Betriebe
mit guter und sehr guter Ertragslage in Sachsen weisen zu 93 Prozent auch ein positives
Jahresergebnis (Gewinn) auf, ähnlich Betriebe in Westdeutschland. Je schlechter die be-
trieblichen Einschätzungen zur Ertragslage ausfallen, desto geringer ist erwartungsgemäß

101
der Anteil der Betriebe, die einen Gewinn erzielten. Dennoch überraschen die Ergebnisse
dahingehend, dass knapp ein Viertel der Betriebe (Westdeutschland sogar über ein Drittel),
die ihre Ertragslage als eher schlecht (ausreichend bis mangelhaft) einschätzten, gleichzeitig
Gewinne erzielten. Es ist anzunehmen, dass diese Betriebe höhere Gewinne erwartet haben
als tatsächlich erwirtschaftet worden sind. Damit wurden betriebliche Zielstellungen nicht
erreicht und die Ertragslage ist eher negativ bewertet worden.
Die Auswertungsergebnisse untermauern den bereits vermuteten Zusammenhang, dass Ein-
schätzungen zur Ertragslage subjektiv und sehr komplex sind und nicht nur die konkreten
Angaben zum Gewinn reflektieren.
8.6
Löhne und Gehälter
Stagnierende Angleichungsquoten
Der Bruttodurchschnittslohn je abhängig Beschäftigten (ohne Arbeitgeberanteil zur Sozialver-
sicherung und ohne Urlaubsgeld) betrug im Juni 2010 nach den Ergebnissen des IAB-Be-
triebspanels in Sachsen insgesamt 1.900 €.
133
Dies ist im Vergleich zum Juni des Vorjahres
eine deutliche Steigerung um ca. 30 €. Von besonderem Interesse für Betriebe und Beschäf-
tigte, für Politik, Pendler und abwanderungsbereite Menschen ist die rasche Angleichung der
sächsischen Bruttolöhne an das westdeutsche Niveau. Das ist besonders wichtig, da wirt-
schaftsstarke Westländer nicht weit entfernt vom Freistaat liegen und Fachkräften attraktive
Marktlöhne bieten.
Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Angleichungsquote beim Bruttodurchschnittslohn der ab-
hängig Beschäftigten (Westdeutschland = 100 Prozent) in etwa gleich geblieben, das heißt,
sie schwankte lediglich zwischen 74 und 78 Prozent. 2008 war erstmalig die 80-Prozent-
Grenze erreicht, die sowohl 2009 als auch 2010 um jeweils 1 Prozentpunkt übertroffen wur-
de. Das bedeutet, im Zuge der Krise ist die Lohnangleichung in Sachsen weiter vorange-
schritten (vgl. Abbildung 34).
133
Für Analysen des Angleichungsprozesses (vor allem im Zusammenhang mit der Produktivitätsentwicklung) und zur Beurtei-
lung anderer wirtschaftlicher und personalpolitischer Kennziffern ist der Bruttodurchschnittslohn je abhängig Beschäftigten
in den Betrieben mit Umsatz
die entscheidende Bezugsgröße und nicht der Lohn über alle Betriebe. Bei den Betrieben mit
Umsatz werden die Löhne im Öffentlichen Dienst sowie in den Finanz-/Versicherungsdienstleistungen nicht berücksichtigt.
Der Bruttodurchschnittslohn je abhängig Beschäftigten in den Betrieben mit Umsatz betrug im Juni 2010 in Sachsen 1.820 €
(in allen Betrieben 1.900 €). Damit lag die Angleichungsquote des Lohns (Westdeutschland = 100 Prozent) im Juni 2010 bei
78 Prozent. Die Produktivitätsangleichung war demgegenüber mit 68 Prozent niedriger.

image
102
Abbildung 34:
Bruttodurchschnittslohn/-gehalt je abhängig Beschäftigten in Sachsen und Westdeutschland 1996 bis 2010 und
Angleichungsquote (Westdeutschland=100) (Stand: jeweils Juni, ohne Arbeitgeberanteile und ohne Urlaubsgeld)
(alle Betriebe)
Nach Angaben der Betriebe ist die „hohe Belastung der Betriebe durch Lohnkosten“ auch
2010 immer noch ein Personalproblem, das in den nächsten zwei Jahren erwartet wird. Im
Vergleich mit den Einschätzungen der Vorjahre ist allerdings zu verzeichnen, dass immer
weniger Betriebe in Sachsen die Lohnkosten als wichtiges Problem ansehen (1997:
39 Prozent aller Betriebe, 2010: 19 Prozent). Auch bei der Beurteilung der einzelnen Stand-
ortfaktoren durch die Betriebe gehört das „regionale Lohnniveau“ nicht mehr zu den wichtigs-
ten Standortfaktoren.
134
Damit betrachten die Betriebe die Lohnkosten nicht mehr als den
entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Unter Einbeziehung der unterschiedlichen Länge der Arbeitszeiten
(durchschnittliche Wo-
chenarbeitszeit, Grad und Wochenarbeitszeit der Teilzeitarbeit
135
) in Sachsen und West-
deutschland erhöht sich die so berechnete Lohndifferenz um 7 Prozentpunkte.
136
Der Pro-
zentsatz der Angleichung erreicht somit im Durchschnitt nicht 81 Prozent (Angleichungsquo-
te auf Pro-Kopf-Basis), sondern 74 Prozent (Angleichungsquote auf Basis Vollzeitäquivalen-
te). Diese Lohnabstände zwischen Sachsen und Westdeutschland werden in erster Linie
nicht durch die unterschiedlichen Tarifabschlüsse hervorgerufen, sondern durch die unter-
schiedliche Tarifbindung, die weit hinter den tarifvertraglich vereinbarten Löhnen zurückblei-
benden Effektivlöhne, die Verbreitung der außertariflichen Zahlung sowie durch die höheren
Anteile bei Gewinn- und Kapitalbeteiligung der Beschäftigten in westdeutschen Betrieben.
137
134
Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der vierzehnten Welle 2009, a. a. O., S. 83 f.
135
Zusätzlich wurden die Auszubildenden anteilmäßig berücksichtigt. Ein weiterer Einflussfaktor – die geringere Zahl der
Feiertage in Ostdeutschland – wurde nicht berücksichtigt. Beim Urlaub gibt es dagegen kaum noch Unterschiede.
136
Berechnet auf Basis der Struktur der Wochenarbeitszeit der Teilzeitbeschäftigten von 2010.
137
Nicht einmal 1 Prozent der sächsischen Betriebe haben ihren Arbeitnehmern im Jahr 2009 die Möglichkeit einer Kapitalbe-
teiligung eröffnet, dagegen gab es in fast 10 Prozent der Betriebe mit Umsatz eine Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter. Der
Anteil der betroffenen Beschäftigten liegt in den westdeutschen Betrieben höher. Gegenüber 2001, 2005 und auch 2007 hat
sich der Anteil der Betriebe bei Kapital- bzw. Gewinnbeteiligung in Sachsen wie Westdeutschland nicht signifikant verän-
dert. Vgl. IAB-Betriebspanel Länderbericht Sachsen, Ergebnisse der vierzehnten Welle 2009, a. a. O., S. 104.

image
103
Streuung des Durchschnittslohns
Hinter dem sächsischen Bruttodurchschnittslohn von 1.900 € im Juni 2010 verbergen sich
sehr starke Differenzierungen zwischen den einzelnen Betrieben. Die Diversifizierung des
Durchschnittslohns nach der Verteilung der Beschäftigten ähnelt einer Normalverteilung. In
Sachsen liegt ein Viertel aller Beschäftigten im Bereich des Durchschnittlohns und ein weite-
res Viertel in dem benachbarten Intervall unterhalb des Durchschnittslohns (also
ca. 50 Prozent bilden einen mittleren Einkommenskorridor zwischen 1.000 und 2.000 €).
Immerhin knapp ein Drittel der Beschäftigten erhält einen/ein Lohn/Gehalt zwischen
2.000 und 3.000 €. Über 3.000 € erhalten dagegen nur 9 Prozent der Beschäftigten. Die
10 Prozent der Beschäftigten mit unter 1.000 € und erst recht die 1 bis 2 Prozent mit unter
500 € (sofern es nicht „Hinzuverdiener“ im Familienverbund sind) können von ihrem
Lohn/Gehalt nicht ohne Zuschüsse existieren (vgl. Abbildung 35).
Dieses heterogene Lohnniveau zwischen den sächsischen Betrieben beruht einerseits struk-
turell auf einer unterschiedlichen Zugehörigkeit zu Branchen, Betriebsgrößenklassen und
Eigentumsverhältnissen, andererseits aber auch innerhalb gleicher Strukturmerkmale auf
einer unterschiedlichen Ausprägung wirtschaftlicher Kennziffern wie Umsatz, Produktivität,
Export oder Gewinn zwischen den verschiedenen Betrieben einer Struktureinheit.
Abbildung 35:
Verteilung der abhängig Beschäftigten nach dem jeweiligen Intervall des betrieblichen Durchschnittslohns* im
Juni 2010 in Sachsen und Westdeutschland (Anteil an allen abhängig Beschäftigten)
*
ohne Arbeitgeberanteil und ohne Urlaubsgeld
Die Kurve in Westdeutschland entspricht zwar ebenfalls in etwa einer Normalverteilung, aber
entsprechend des höheren Durchschnittlohnes weisen die oberen Einkommensstufen einen
deutlich höheren Anteil an den Beschäftigten auf. So erhalten 41 Prozent der westdeutschen
abhängig Beschäftigten (Sachsen 22 Prozent) ein Einkommen über 2.500 €. Dagegen sind
die unteren und vor allem die mittleren Einkommensgruppen in Sachsen deutlich höher rep-
räsentiert (vgl. ebenfalls Abbildung 35).

104
Starke Lohndifferenzierung nach Branchen, Betriebsgrößen und Eigentumsverhältnis-
sen
Branchen
Eine Branchenbetrachtung zeigt, dass sowohl die jeweiligen Bruttodurchschnittslöhne als
auch ihre Angleichungsquoten an westdeutsche Bruttolöhne stark differieren. Am Ende der
Lohnskala stehen in Sachsen mit Abstand die abhängig Beschäftigten im Bereich der übri-
gen personengebundenen Dienstleistungen, aber auch die Beschäftigten in der Land- und
Forstwirtschaft, im Bereich Handel und Reparatur wie auch in den Betrieben der unterneh-
mensnahen Dienstleistungen realisieren ein Einkommen, das unterhalb der Höhe des Brut-
todurchschnittslohns liegt. Spitzenverdienste werden demgegenüber in der Branche Berg-
bau/Energie/Wasser/Abfall, im Kredit- und Versicherungsgewerbe sowie in der öffentlichen
Verwaltung erzielt. Auch das verarbeitende Gewerbe liegt über dem Durchschnitt des Lan-
des. Bei den Angleichungsquoten fällt allerdings auf, dass diese mit 70 bzw. 64 Prozent ins-
besondere im verarbeitenden Gewerbe bei sogar geringeren Lohnstückkosten sehr niedrig
sind. Das kann als Ausdruck einer besonders angespannten Wettbewerbssituation des
sächsischen verarbeitenden Gewerbes angesehen werden, das mit niedrigem Preisniveau
größere Marktanteile anstrebt, was wiederum ein geringes Kostenniveau und dabei vor allem
ein niedriges Lohnniveau voraussetzt. Einige Branchen und hier vor allem Branchen mit Be-
trieben im öffentlichen Eigentum, die nicht oder wenig in den Kampf um Marktanteile einge-
bunden sind, aber auch die Land- und Forstwirtschaft haben dagegen bereits deutlich höhe-
re Werte bzw. sogar die Angleichung erreicht (vgl. Tabelle 31).

105
Tabelle 31:
Bruttodurchschnittslohn/-gehalt je abhängig Beschäftigten nach Branchen** und Betriebsgrößenklassen in Sach-
sen und Westdeutschland 2010 (Stand: Juni 2010) (ohne Arbeitgeberanteile und ohne Urlaubsgeld) alle Betriebe)
Branche/Betriebsgrößenklasse/Länder
Bruttodurchschnittslohn/-gehalt
Lohnangleichung (West=100)
Sachsen
Westdeutsch-
land
Basis: Beschäf-
tigte
Basis: Vollzeit-
äquivalente***
Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
1.470
1.490
99
78
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall*
2.920
3.150
93
93
Verarbeitendes Gewerbe
2.140
3.050
70
64
Baugewerbe
1.860
2.320
80
72
Handel und Reparatur
1.540
1.920
80
74
Verkehr/Information/Kommunikation*
1.950
2.630
74
68
Finanz-/Versicherungsdienstleistungen*
2.430
2.920
83
77
Dienstleistungen
1.800
1.970
92
83
Unternehmensnahe Dienstleistungen
1.810
2.290
79
75
Erziehung und Unterricht*
2.160
2.190
98
92
Gesundheits- und Sozialwesen
1.950
1.940
101
88
Übrige Dienstleistungen
1.110
1.230
90
78
Organisationen ohne Erwerbszweck*
1.540
2.140
72
68
Öffentliche Verwaltung
2.270
2.410
94
91
1 bis
4 Beschäftigte
1.370
1.490
92
79
5 bis
9 Beschäftigte
1.550
1.600
97
80
10 bis
49 Beschäftigte
1.650
2.020
82
72
50 bis 249 Beschäftigte
1.930
2.370
81
77
ab 250 Beschäftigte
2.510
2.970
84
80
Sachsen insgesamt
1.900
81
74
Mecklenburg-Vorpommern
1.870
79
74
Brandenburg
1.880
80
74
Sachsen-Anhalt
1.890
80
75
Thüringen
1.880
80
74
Berlin
2.250
96
90
Ostdeutschland
1.970
84
78
Westdeutschland
2.350
100
100
* Wegen geringer Besetzungszahlen in den gekennzeichneten Branchen sind die Werte mit einer großen statistischen Feh-
lertoleranz behaftet. Sie sind daher nur eingeschränkt interpretierbar.
** Die Branchenstruktur basiert auf der WZ 2008 und ist nur bedingt mit den Ergebnissen aus den vorherigen Panelwellen
vergleichbar.
*** Berechnet unter Einbeziehung von Teilzeitarbeit, Auszubildenden sowie der Wochenarbeitszeit.
Betriebsgrößenklassen
Lohndifferenzen sind wie Leistungsdifferenzen zwischen den einzelnen Betriebsgrößenklas-
sen ebenfalls deutlich ausgeprägt. Kleine Betriebe zahlen in der Regel weitaus geringere
Löhne als größere. In sächsischen Firmen mit weniger als 5 Erwerbstätigen wurden
je abhängig Beschäftigten im Juni 2010 im Durchschnitt 1.370 € gezahlt, in größeren Betrie-
ben ab 250 Beschäftigten 2.510 €, das heißt 1.140 € mehr. In Westdeutschland ist eine ähn-
lich hohe Differenzierung der Löhne zwischen unterschiedlichen Betriebsgrößen festzu-
stellen (vgl. ebenfalls Tabelle 31).
Neben einer stärkeren Tarifbindung der größeren Betriebe und ihrer besseren Ertragslage ist
das unterschiedliche Leistungsniveau zwischen Klein- und Großbetrieben als entscheidender
Grund anzusehen. Dabei spielt auch hier ein großer Anteil junger, noch nicht etablierter und
nicht ausgereifter Betriebe (häufig Kleinbetriebe) eine maßgebende Rolle, in denen das Leis-
tungs- und damit auch das Lohnniveau noch nicht zur vollen Entfaltung kommen.
Eigentumsverhältnisse
In Abhängigkeit von den Eigentumsverhältnissen
des Betriebes lassen sich ebenfalls starke
Lohndifferenzen feststellen. Auch hier setzen sich Leistungsunterschiede in den Löhnen fort.
Betriebe in westdeutschem Eigentum zahlten im Juni 2010 einen monatlichen Durchschnitts-
lohn von 2.070 € je abhängig Beschäftigten, solche in ausländischem Eigentum sogar

106
2.530 €. In Betrieben mit ostdeutschen Eigentümern (zu einem großen Teil Kleinbetriebe) lag
der Durchschnittslohn dagegen nur bei 1.650 €.
Übertarifliche Bezahlung vor allem in Betrieben in westdeutschem und ausländischem
Eigentum
Ein nur schwer zu quantifizierender Faktor im gesamten Entlohnungssystem ist die übertarif-
liche Bezahlung. Nach Angaben des IAB-Betriebspanels zahlen in Sachsen 18 Prozent aller
Betriebe mit Tarifverträgen übertarifliche Löhne und Gehälter, wobei Betriebe in westdeut-
schem und ausländischem Eigentum mit 36 bzw. 80 Prozent deutlich darüber liegen. In
Westdeutschland sind es 36 Prozent. Die Verbreitung
der übertariflichen Zahlung ist somit in
westdeutschen Betrieben deutlich höher, was unter anderem auch das geringere Lohnniveau
in Sachsen erklärt.
In den Branchen Land- und Forstwirtschaft, unternehmensnahe Dienstleistungen, Finanz-/
Versicherungsdienstleistungen sowie im Baugewerbe ist der Anteil der Betriebe mit übertarif-
licher Bezahlung überdurchschnittlich hoch, dagegen in den Bereichen des öffentlichen
Dienstes, Verkehr/Information/Kommunikation sowie Erziehung und Unterricht, aber auch im
Bereich Bergbau/Energie/Wasser/Abfall so gut wie gar nicht gegeben (vgl. Tabelle 32).
Die durchschnittliche Höhe
der übertariflichen Bezahlung bewegt sich in Sachsen wie in Ost-
und Westdeutschland bei ca. 10 Prozent (vgl. ebenfalls Tabelle 32).

107
Tabelle 32:
Zahlung von Löhnen und Gehältern über Tarif in Sachsen Mitte 2010 nach Branchen** (Anteil an der Zahl der
Betriebe mit Tarifvertrag)
Branche/Betriebsgrößenklasse/Länder
Betriebe mit Bezahlung
über Tarif
Durchschnittliche Höhe
der Zahlung über Tarif
Prozent
Land- und Forstwirtschaft*
100
10
Bergbau/Energie/Wasser/Abfall* 1 2