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Pandemieplan
Rahmenpandemieplanung
Spezieller Teil
Influenza
COVID-19 (SARS-CoV-2-Infektionen)
Stand: 29. Februar 2020

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Pandemieplan
Bedingt durch die steigende Gefahr eines Ausbruches einer erneuten Influenza-Pandemie be-
gannen Bund und Länder zu Beginn der 2000er Jahre mit der Erarbeitung eines nationalen
(Influenza-)Pandemieplanes (NPP). Der erste NPP wurde 2005 veröffentlicht und bot eine gute
Basis für das Management der H1N1-Influenza-Pandemie 2009. Mit den aus der H1N1-In-
fluenza-Pandemie 2009 gewonnenen Erkenntnissen wurden in einem intensiven Diskussions-
prozess die bestehenden Planungen überarbeitet. Der aktualisierte NPP wurde 2016 durch
die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) bestätigt. Er besteht aus zwei Teilen:
Teil I Strukturen und Maßnahmen
Teil II Wissenschaftliche Grundlagen.
Der NPP ist stark von den Besonderheiten einer Influenza-Pandemie geprägt, gleichwohl ent-
hält er viele Informationen, Darlegungen, Hinweise, die für jeden pandemischen Ausbruch ei-
ner Infektionskrankheit gelten und anwendbar sind. Insofern bildet der NPP die allgemeine
Handlungsgrundlage auch für den Freistaat Sachsen und ist nur um die sächsischen Beson-
derheiten und die Besonderheiten einer Pandemie durch einen anderen Erreger als die In-
fluenza zu ergänzen.
Der Pandemieplan des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen
Zusammenhalt (SMS), unter Verwendung von Inhalten des NPP, bildet gemeinsam mit den
Herdbekämpfungsprogrammen zur Bewältigung bestimmter Infektionskrankheiten, zum Bei-
spiel Masern, Keuchhusten, Hepatitis bzw. Darminfektionen, sowie dem „Maßnahmeplan beim
Auftreten von bedrohlichen Infektionskrankheiten (HCID), zum Beispiel Virale Hämorrhagische
Fieber (VHF), Lungenpest, Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom (SARS)“, der für das
Management einzelner Fälle bedrohlicher Infektionskrankheiten gilt, die Handlungsgrundlage
des Infektionsschutzes in Sachsen.

 
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Inhaltsverzeichnis
I
Rahmenpandemieplanung .................................................................................... 6
1
Grundlagen .............................................................................................................. 6
1.1
Planungen der WHO ................................................................................................ 6
1.2
Ziele der Pandemieplanung ..................................................................................... 7
1.3
Rechtliche Rahmenbedingungen ............................................................................. 8
1.4
Strukturen, Zuständigkeiten ..................................................................................... 9
1.4.1
Bundesebene .......................................................................................................... 9
1.4.2
Abstimmung zwischen Bund und Ländern ..............................................................11
1.4.3
Landesebene Sachsen ...........................................................................................11
1.4.4
Landkreise/kreisfreie Städte ...................................................................................12
2
Surveillance ............................................................................................................13
3
Diagnostik ...............................................................................................................13
4
Infektionshygienische Maßnahmen .........................................................................14
4.1
Ziele .......................................................................................................................14
4.2
Maßnahmen ...........................................................................................................14
5
Medizinische Versorgung ........................................................................................16
6
Impfkonzepte ..........................................................................................................18
7
Antivirale Arzneimittel .............................................................................................18
8
Pandemieplanung in Unternehmen, Verwaltung und anderen nicht
medizinischen Bereichen ........................................................................................18
9
Kommunikation, Presse, Öffentlichkeitsarbeit .........................................................18
II
Spezieller Teil ........................................................................................................20
A
Influenza
(wird zurzeit überarbeitet)
..............................................................................20
B
COVID-19 (SARS-CoV-2-Infektionen) ..................................................................20
1
Grundlagen .............................................................................................................20
2
Surveillance ............................................................................................................20
3
Diagnostik ...............................................................................................................20
4
Infektionshygienische Maßnahmen .........................................................................21
5
Medizinische Versorgung ........................................................................................21
6
Impfkonzepte ..........................................................................................................22
7
Antivirale Arzneimittel .............................................................................................22
Anlage zu Kapitel I: Nationaler Pandemieplan Teil I – Strukturen und Maßnahmen ....23

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I
Rahmenpandemieplanung
1 Grundlagen
1.1 Planungen der WHO
„Die Einteilung der globalen pandemischen Phasen spiegelt die Risikoeinschätzung der WHO
in Bezug auf die globale Situation im Hinblick auf humanpathogene Influenzaviren mit pande-
mischem Potential wider. Die vier globalen Phasen beschreiben die (weltweite) geographische
Ausbreitung eines neuartigen Influenzavirus unter Berücksichtigung der durch das Virus her-
vorgerufenen Erkrankungen." Die vier globalen Phasen sind:
Die
Interpandemische Phase
: Sie ist definiert als die Phase zwischen Influenza-Pande-
mien.
Die
Alarm-Phase
: Humane Influenzaerkrankungen, die durch ein neuartiges Influenzavi-
rus hervorgerufen wurden, wurden identifiziert. Eine erhöhte Wachsamkeit und sorgfältige
Risikoeinschätzung auf lokaler, nationaler und globaler Ebene sind charakteristisch für
diese Phase. Für den Fall, dass die Risikobewertungen zeigen, dass das neuartige Virus
sich nicht zu einem pandemischen Virus entwickelt, sollte eine Deeskalation der Aktivitä-
ten auf das Maß der Interpandemischen Phase erfolgen.
Die
Pandemische Phase
: Dies ist die Phase, in der sich die durch ein neuartiges In-
fluenzavirus hervorgerufenen humanen Erkrankungen global ausbreiten. Die Übergänge
von der Interpandemischen Phase zur Alarm- und Pandemischen Phase können sehr
schnell oder sukzessiv erfolgen. Die fließend ineinander übergehenden globalen Phasen
spiegeln die Risikoeinschätzung der WHO, die grundsätzlich auf virologischen, epidemio-
logischen und klinischen Daten beruht, wider.
Die
Übergangsphase
: Wenn sich die globale Risikoeinschätzung entspannt, kann eine
Deeskalation in Bezug auf global eingeleitete Maßnahmen erfolgen. Zusätzlich kann – je
nach spezifischer Risikoeinschätzung in den Mitgliedstaaten – eine Verringerung der Be-
wältigungsmaßnahmen oder ein Überführen der Bewältigungsmaßnahmen in Aufbaumaß-
nahmen angezeigt sein.
Die globalen Phasen und ihre Anwendung beim Risikomanagement sind zu unterscheiden,
erstens von der Feststellung einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite
(Public Health Emergency of International Concern, PHEIC) im Rahmen der Internationalen
Gesundheitsvorschriften (IGV, 2005) und zweitens von der Ausrufung einer Pandemie.
Die Feststellung einer PHEIC liegt in der Verantwortlichkeit der/des WHO Generaldirek-
tors/-in gemäß Artikel 12 der IGV 2005 und zieht die Kommunikation von zeitlich befriste-
ten Empfehlungen nach sich.
Die Ausrufung einer Pandemie kann während der Ausbreitung einer pandemischen In-
fluenza entsprechend der Situation durch die/den WHO Generaldirektor/in erfolgen.
Während die Feststellung einer PHEIC und/oder die Ausrufung einer Pandemie bestimmte
regulatorische Maßnahmen der WHO oder der Mitgliedstaaten auslösen können, sollten, un-
abhängig von den globalen Phasen, die Maßnahmen auf nationaler Ebene auf der nationalen
und lokalen Risikoeinschätzung basieren und situationsangemessen sein. Diese Abkopplung

 
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der nationalen Maßnahmen von den globalen Phasen ist notwendig, weil sich die globale Ri-
sikoeinschätzung per Definition auf die globale Situation bezieht und nicht auf die Situation in
den einzelnen Mitgliedstaaten.
1.2 Ziele der Pandemieplanung
Epidemiologi-
sche Situation
Ziele
Beispiele Maßnahmen
Interpandemi-
scher Zeitraum
Planung/Prepared-
ness
Erstellen von Pandemieplänen in allen Ebenen (Kran-
kenhäuser, kritische Infrastrukturen usw.)
ggf. Reservierung, Einkauf, Lagerung von Medika-
menten, Impfstoffen, Materialien
Diagnostik etablieren
Kommunikationsstränge etablieren
Kostentragung regeln
Verantwortlichkeiten festlegen
Risikobewertung/
frühe Erkennung
Surveillance (Mensch/Tier)
Bewusste Überwachung kritischer Virus-Subtypen
(H7N9 usw.)
Risikoanalyse
Sensibilisierung der
Bevölkerung/Einbe-
ziehung wichtiger Ak-
teure
Verbesserung der Impfbereitschaft
Verbesserung der Impfraten für saisonale Grippe, ins-
besondere bei Risikogruppen
Verbesserung der Kenntnisse über persönliche Hygi-
ene
Erarbeitung und Ausgabe von Materialien zur Infor-
mation und zur Vermittlung von Grundwissen für Ak-
teure, Risikogruppen und Bevölkerung
frühzeitige Einbeziehung der Presse und Medien
Erste Einzelfälle
und Beginn der
Übertragung in
der Bevölkerung
Einschätzung der
Lage
Intensiviertes Monitoring und Risikobewertung
Anhaltende Über-
tragung in der
Bevölkerung
Einschätzung der
Lage
Aktivierung Krisenstrukturen
Monitoring und Risikobewertung
Beeinflussung der
Ausbreitungsdyna-
mik
Information der Bevölkerung (s. u.)
Verhaltensmaßnahmen (Hustenetikette, Händehygi-
ene)
An die jeweilige Situation angepasste kontaktreduzie-
rende Maßnahmen (z. B. Ausschluss Erkrankter aus
Gemeinschaftseinrichtungen, Absonderung Erkrank-
ter, Isolierung Erkrankter im medizinischen Bereich,

 
8 |
Epidemiologi-
sche Situation
Ziele
Beispiele Maßnahmen
Aufnahmestopp in Massenunterkünften, Schließung
von Gemeinschaftseinrichtungen, Veranstaltungsver-
bote)
Spezielle Maßnah-
men
Kontaktpersonennachverfolgung
Feststellung der besonders betroffenen Gruppen
Beschaffung von Impfstoffen
Impfungen: Organisation der Logistik (Sonderstruktur)
und der Durchführung (in den Strukturen des Regel-
systems und ÖGD)
ggf. medikamentöse Prophylaxe/Frühbehandlung
Therapie mit antiviralen Arzneimitteln
Folgenminderung
schnelle medizinische Versorgung von Erkrankten
Schaffung zusätzlicher Behandlungskapazitäten
durch arbeitsorganisatorische Maßnahmen
Nachbarschaftshilfe
Information von Ent-
scheidungsträgern
und Bevölkerung
regelmäßige Kommunikation mit Entscheidungsträ-
gern und Massenmedien
Information der Bevölkerung über persönliche Hygie-
nemaßnahmen, Impfungen, Verhaltensempfehlun-
gen, Lagebild
Übergang in ei-
nen interpande-
mischen Zeitraum
Erkenntnisgewinn
und Optimierung
Auswertung des Pandemiegeschehens
Evaluation der ergriffenen Maßnahmen und der ge-
schaffenen Strukturen
Optimierung der Pandemieplanung und -vorbereitung
für zukünftige Geschehen
1.3 Rechtliche Rahmenbedingungen
Die wichtigsten nationalen Regelungen für die Verhütung und Bekämpfung von übertragbaren
Krankheiten sind in den folgenden Gesetzen und Verordnungen enthalten:
Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen – In-
fektionsschutzgesetz – IfSG, vom 20. Juli 2000 (BGBl. I S. 1045), geändert durch Artikel
70 der Verordnung vom 31. August 2015 (BGBl. I S. 1474), zuletzt geändert durch Artikel
1 des Gesetzes vom 20. Februar 2020 (BGBl. I S. 148)
Allgemeine Verwaltungsvorschrift über die Koordinierung des Infektionsschutzes in epide-
misch bedeutsamen Fällen (Verwaltungsvorschrift-IfSG-Koordinierung – IfSGKoordinie-
rungs-VwV) vom 12. Dezember 2013 (BAnz AT 18.12.2013 B3),

 
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Gesetz zur Durchführung der Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005) (IGV-Durch-
führungsgesetz – IGV-DG) vom 21. März 2013 (BGBl. I S. 566),
Gesetz zu den Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005) vom 23. Mai 2005 (IGVG
2005) vom 20. Juli 2007 (BGBl. II S. 930).
Außerdem ist das BMG ermächtigt, im Pandemiefall spezielle Rechtsverordnungen zu erlas-
sen:
Erlass einer Verordnung nach § 15 Absatz 1 und 2 IfSG, mit der die Meldepflicht an die
epidemische Lage angepasst wird,
Erlass einer Verordnung nach § 20 Absatz 4 IfSG, mit der die Kostentragung für die
Schutzimpfung in der GKV geregelt wird.
Erlass einer Verordnung nach § 20 Absatz 6 IfSG, mit der ggf. eine Impfpflicht eingeführt
werden kann.
Im Bereich des Arbeitsschutzes von Beschäftigten im ambulanten und stationären medizini-
schen Bereich sind folgende Bestimmungen relevant:
Biostoffverordnung (BioStoffV) vom 15. Juli 2013 (BGBl. I S. 2514), zuletzt geändert durch
Artikel 146 des Gesetzes vom 29. März 2017 (BGBl. I S. 626)
Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge vom 18. Dezember 2008 (BGBl. I S.
2768), die zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom 12. Juli 2019 (BGBl. I S. 1082) ge-
ändert worden ist (ArbMedVV)
TRBA 250 (Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege),
Ausgabe März 2014, GMBl 2014 Nr. 10/11 vom 27. März 2014, 1. Änderung vom 22. Mai
2014, GMBl Nr. 25, 2. Änderung vom 21. Juli 2015, GMBl Nr. 29, 3. Änderung vom 17.
Oktober 2016, GMBl Nr. 42, 4. Änderung vom 02. Mai 2018, GMBl Nr. 15
Beschluss 609 des Ausschusses für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS): Arbeitsschutz bei
Auftreten einer nicht ausreichend impfpräventablen humanen Influenza (GMBl. Nr. 26
vom 18. Juni 2012, S. 470-479).
Infektionshygienische Maßnahmen in anderen Betrieben unterliegen nicht der BioStoffV.
1.4 Strukturen, Zuständigkeiten
1.4.1 Bundesebene
Für das Krisenmanagement auf Bundesebene ist in Abhängigkeit von der konkreten Gefahren-
oder Schadenslage das jeweils fachlich überwiegend zuständige Ressort federführend. Hierfür
werden in den einzelnen Ressorts entsprechende Krisenmanagementstrukturen vorgehalten.
So beruft im Pandemiefall das
BMG
als federführendes Bundesministerium seinen
Krisen-
stab
ein. Verbindungs-personen aus anderen Ressorts oder den Ländern können zu den Sit-
zungen eingeladen werden. Der Krisenstab ist in nationale und internationale Strukturen ein-
gebunden und stellt damit die Bündelung der Informationen und die Entwicklung von Strate-
gien zur Bewältigung der gesundheitlichen Schadenslage sicher. International sind der Krisen-
stab und die Behörden des Geschäftsbereichs eingebunden in die entsprechenden Gremien

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und Schnellwarnsysteme der EU, der WHO und der Globalen Initiative für Gesundheitssicher-
heit (Global Health Security Initiative, GHSI). In der GHSI sind Kanada, Frankreich, Deutsch-
land, Italien, Japan, Mexiko, das Vereinigte Königreich, die Vereinigten Staaten und die Euro-
päische Kommission vertreten sowie die WHO mit Beobachterstatus.
Die fachliche Beratung des Krisenstabes wird durch die Behörden des Geschäftsbereichs
(RKI, Paul-Ehrlich-institut (PEI) und Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
(BfArM)) gewährleistet.
Das
RKI
ist die zentrale Forschungs- und Referenzeinrichtung in der Bundesrepublik für In-
fektionskrankheiten des Menschen. Im RKI werden die epidemiologischen Daten im Rahmen
eines Pandemiegeschehens erhoben und analysiert sowie Maßnahmen des Infektionsschut-
zes und diagnostische Verfahren erforscht. Das RKI berät die Bundesländer fachlich und bietet
ihnen nach Maßgabe der IfSGKoordinierungs-VwV Unterstützung bei der fachlichen Koordi-
nierung von Ermittlungen und Maßnahmen an. Des Weiteren moderiert das RKI den Informa-
tionsfluss zwischen dem öffentlichen Gesundheitsdienst in Deutschland sowie den Akteuren
auf internationaler Ebene (WHO, Europäisches Zentrum für die Prävention und Kontrolle von
Krankheiten (ECDC)).
Der Expertenbeirat Influenza ist ein wissenschaftliches Beratungsgremium, das das RKI vor
und während einer Influenzapandemie berät. Seine Geschäftsstelle ist am RKI angesiedelt.
Diesem Gremium gehören Vertreter verschiedener thematisch involvierter Bundesinstitute so-
wie persönlich berufene Experten aus medizinischen Fach-gesellschaften an. Zusätzlich sind
Bundesministerien, die obersten Landesgesundheitsbehörden (AG der Abteilungsleiter der
Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) und AG Infektionsschutz) sowie weitere Insti-
tutionen als Gäste vertreten.
Das
PEI
, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, berät im Pandemiefall
zu Fragen der Impfstoffbeschaffung und Impfstoffanwendung sowie zur Bewertung von uner-
wünschten Arzneimittelwirkungen. Das
BfArM
ist zuständig für die Nutzen-Risikobewertung
von Arzneimitteln und Medizinprodukten.
Die
BZgA
ist im Pandemiefall zuständig für die Realisierung bundesweit ausgerichteter Kom-
munikationsmaßnahmen für die Bevölkerung.
Abhängig vom Verlauf einer Pandemie kann ein Gemeinsamer Krisenstab des BMI und des
BMG zur Bewältigung einer großflächigen, national bedeutsamen Gefahren- und Schadens-
lage mit Betroffenheit der Inneren Sicherheit und des Gesundheitswesens gebildet werden. Er
ist das zentrale Krisenreaktionsinstrument beider Bundesministerien und soll ein bundesein-
heitlich koordiniertes Vorgehen im Gesundheitsschutz sowie im Bereich der Inneren Sicherheit
in Abstimmung mit den Krisenstäben der Länder fördern.
Presseerklärungen und Öffentlichkeitsarbeit werden direkt im Gemeinsamen Krisenstab des
BMI und des BMG abgestimmt. Der Krisenstab des BMG arbeitet dann dem Gemeinsamen
Krisenstab zu.
Das Krisenmanagement auf Bundesebene wird fortlaufend durch den
Ressortkreis Nationa-
les Krisenmanagement
unter Federführung des BMI optimiert, der als Plattform für die Res-
sortabstimmung zu konzeptionellen, organisatorischen und verfahrensmäßigen Themen des
Krisenmanagements dient.

 
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1.4.2 Abstimmung zwischen Bund und Ländern
Die Allgemeine Verwaltungsvorschrift über die Koordinierung des Infektionsschutzes in epide-
misch bedeutsamen Fällen (Verwaltungsvorschrift-IfSG-Koordinierung – IfSGKoordinierungs-
VwV) vom 12. Dezember 2013 (BAnz AT 18.12.2013 B3) legt Verfahren fest, wie das RKI und
das BMG in epidemisch bedeutsamen Fällen, wie einer Pandemie, mit anderen Behörden des
Bundes und den Behörden des ÖGD der Länder Informationen austauschen und zusammen-
arbeiten.
Die Abstimmung zur Umsetzung konkreter relevanter Maßnahmen, wie beispielsweise der
Kauf von Impfstoffen für den Pandemiefall, erfolgt auf den Ebenen der GMK, ACK und AOLG
mit dem BMG durch einberufene Konferenzen oder Telefonschaltkonferenzen.
Die fachliche Abstimmung zwischen Bund und Ländern findet in erster Linie durch das RKI mit
den Mitgliedern der AG Infektionsschutz der AOLG statt. Bei regelmäßigen Telefonkonferen-
zen und durch Mailaustausch erfolgt die Abstimmung von Risikobewertungen, Handlungsemp-
fehlungen und anderer Dokumente, die für das Krisenmanagement notwendig sind.
Bei langanhaltenden, länderübergreifenden Gefahren- oder Schadenslagen mit hohem Ab-
stimmungs- und Beratungsbedarf, die nach Art und Umfang mit den sonstigen Verfahren und
Einrichtungen der Krisenbewältigung von Bund und Ländern voraussichtlich nicht bewältigt
werden, wird die IntMinKoGr einberufen.
1.4.3 Landesebene Sachsen
Das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt (SMS)
nimmt an der Bund-Länder-Abstimmung zur Krisenbewältigung teil. Es informiert die Landes-
direktion (LDS), das Sächsische Staatsministerium des Innern (SMI) sowie die Gesundheits-
ämter entsprechend.
Die dem SMS nachgeordnete Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veteri-
närwesen (LUA) Sachsen erfüllt auch im Rahmen einer Pandemie die Aufgaben der Landes-
meldestelle gemäß IfSG. Nach Möglichkeit etabliert sie die notwendige Laboruntersuchung für
den pandemischen Erreger und führt die entsprechenden Testungen für die Gesundheitsämter
im Rahmen der hoheitlichen Aufgaben durch.
Jede Institution, jedes Ministerium und jedes Unternehmen ist für seinen Bereich selbst ver-
antwortlich, die notwendigen Regelungen zum Management eines Pandemiegeschehens zu
treffen. Dafür sind jeweils eigene Pandemiepläne zu erstellen.
Das SMS koordiniert die Anstrengungen aller bei der Bewältigung der Pandemie betroffenen
Institutionen (z. B. KVS, KGS, SLÄK, ÖGD, Apothekerschaft, andere Ministerien) und beruft
dazu regelmäßige Arbeitsberatungen ein.
Zur Bewältigung außergewöhnlicher Gefahren und Schadenslagen, z. B. einer Pandemie,
kann auf Arbeitsebene des SMS der Arbeitsstab Infektionsschutz des SMS gebildet werden,
um den gesteigerten Arbeitsanfall zu bewältigen.
Bei weitergehenden Gefahrenlagen im Aufgabenbereich des SMS kann der Krisenstab des
SMS aufgerufen werden, welcher außerhalb bestehender organisatorischer Strukturen für
diese Zeit die Aufgaben des Krisenmanagements wahrnimmt. Der Krisenstab des SMS setzt
sich jeweils aus den Beschäftigten zusammen, die zur Bewältigung der Gefahrenlage bedarfs-
gerecht benötigt werden. Er wird geleitet von Staatssekretärin/Staatssekretär.

 
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Die Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt kann die Aufrufung
des Verwaltungsstabes des Freistaates Sachsen vorschlagen.
1.4.4 Landkreise/kreisfreie Städte
Für die Maßnahmen der Vorbeugung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten sind grund-
sätzlich die Landkreise und kreisfreien Städte (IfSG i. V. m. IfSGZuVO) zuständig. Sie erledi-
gen die ihnen übertragenen Aufgaben als Pflichtaufgaben zur Erfüllung nach Weisung; das
Weisungsrecht ist unbeschränkt.
Zur Bewältigung einer Pandemie sind durch die Landkreise und kreisfreien Städte, insbeson-
dere deren Gesundheitsämter, alle erforderlichen Gefahrenabwehrmaßnahmen durchzufüh-
ren. Dazu gehören:
a) Ermittlung,
b) Meldung/Übermittlung,
c) Überwachung/Beobachtung,
d) Isolierung/Quarantäne,
e) Berufs- und Tätigkeitsverbote,
f)
Schließung von Einrichtungen aus epidemiologischen Gründen,
g) Verbot von Veranstaltungen,
h) Prophylaxemaßnahmen,
i)
Information der Bevölkerung.
Die genannten Bekämpfungsmaßnahmen richten sich nach dem Infektionsschutzgesetz. Da-
bei sind insbesondere die §§ 28 bis 30 IfSG einschlägig. Nach § 28 IfSG trifft die zuständige
Behörde die notwendigen Schutzmaßnahmen, wenn Kranke, Krankheitsverdächtige, Anste-
ckungsverdächtige oder Ausscheider festgestellt werden. Während Maßnahmen nach § 29
IfSG (Beobachtung) und § 30 IfSG (Quarantäne/Absonderung) ausschließlich gegen be-
troffene Personen zu richten sind, ergibt sich aus § 28 Absatz 1 Satz 2 IfSG ausdrücklich, dass
sich notwendige Maßnahmen auch gegen Personen richten können, die nicht krank, krank-
heitsverdächtig, ansteckungsverdächtig oder Ausscheider sind.
Welche Maßnahmen notwendig sind, entscheidet die zuständige Behörde nach pflichtgemä-
ßen Ermessen
Dies schließt auch die Möglichkeit ein, bei Vorliegen der Voraussetzungen, durch Allgemein-
verfügung besondere Gebiete auszuweisen, die weder betreten noch verlassen werden dür-
fen.
Zur Bewältigung einer außergewöhnlichen Gefahrenlage, z. B. einer Pandemie, sollen die
Landkreise und kreisfreien Städte geeignete Führungsstrukturen für ihren Zuständigkeitsbe-
reich bilden, denen im Sinne einer allumfassenden Gefahrenabwehr neben Vertretern des Ge-
sundheitsamtes auch Vertreter des Katastrophenschutzes, des Rettungsdienstes, der Polizei
und Vertreter sonstiger fachlich zu beteiligender Stellen angehören.

 
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2 Surveillance
Sachsen beteiligt sich als eines von sechs Bundesländern am nationalen Influenzasentinel.
Wöchentlich wird ein Bericht durch die LUA erstellt, der auf Basis von Daten freiwilliger ARE-
Konziliarlabore in Sachsen, den Untersuchungen der LUA für die Gesundheitsämter im Frei-
staat Sachsen und weiterer Meldedaten zusammengefasst wird.
Bestandteile sind eine Einschätzung in Sachsen, sowie national und international, eine Dar-
stellung von aktuellen Zahlen, Krankheitsverläufen und Tendenzen. Es erfolgt eine Darstellung
auch auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte in Bezug zur vergangenen Berichtswo-
che und kumulativ.
Dieser Wochenbericht wird bei Bedarf sowohl hinsichtlich Influenza als auch weiterer respira-
torischer Erkrankungen (z. B. SARS-Cov2) angepasst. Die LUA verfügt als Untersuchungsla-
bor für hoheitliche Untersuchungen, als Meldestelle nach IfSG für den Freistaat Sachsen und
wissenschaftliche Kompetenzstelle über Möglichkeiten und Informationsquellen zur Erstellung
einer Einschätzung.
Dazu werden auf Veranlassung des SMS fallangemessen Ressourcen bereitgestellt, um Me-
thoden zu etablieren, Kommunikationswege zu ertüchtigen und Meldewege den gesetzlichen
Anforderungen anzupassen.
3 Diagnostik
Generell gilt für diagnostische Abklärungen, dass die Indikation für eine Durchführung nach
den Falldefinitionen, Empfehlungen und Maßnahmekatalogen (z. B. des RKI, PEI, Referenz-
laboratorien etc.) zu stellen ist. Ziel soll es sein, auch in Zeiten knapper Ressourcen epidemi-
ologisch oder anderweitig unabweisbare Untersuchungsumfänge abzusichern und zu garan-
tieren.
Durchführende Laboratorien müssen über eine entsprechende Akkreditierung verfügen.
Methoden sind nach anerkannten Methodenhandbüchern, genormten Verfahren oder ver-
gleichbarer Qualifikation auszuwählen. Wenn notwendig, sind Referenzlaboratorien in die Ab-
sicherung von Ergebnissen mit einzubeziehen.
Für Sachsen ist die Durchführung von Laboruntersuchungen wie folgt geregelt:
a) alle diagnostischen Abklärungen, die auf Veranlassung der zuständigen Stellen des öf-
fentlichen Gesundheitsdienstes hoheitlich veranlasst werden, sind an der LUA zu unter-
suchen. Damit sind Fragen der Kostenregelung, Eignung des Labors (Akkreditierung),
Steuerung von Prozessen und der Berücksichtigung von Notwendigkeiten und Interessen
amtlicher Stellen ausreichend abgesichert.
Sollte in Zeiträumen, die für die Etablierung neuer Verfahren bis zur Erlangung der Quali-
fikation der Durchführung benötigt werden, dies nicht möglich sein, kann auf anderweitige
Kapazitäten im akkreditierten Bereich zurückgegriffen werden.
Die Kostentragung übernimmt der Freistaat Sachsen.
b) diagnostische Abklärungen, die sich bei der Aufgabenerfüllung der ambulanten oder sta-
tionären Versorgung ergeben, sind in den dort bestehenden Strukturen abzusichern. Das

 
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betrifft z. B. Auftragserteilung, Transport, Finanzierung, Kommunikationswege und Mel-
deverpflichtungen. Dabei auftretende Fragestellungen sind von den Vertragspartnern ei-
genständig zu klären. Die Eignung der gewählten Verfahren muss sichergestellt sein.
Die Kosten werden grundsätzlich durch die Krankenkasse jedes Versicherten getragen.
4 Infektionshygienische Maßnahmen
4.1 Ziele
Die jeweils zu ergreifenden Maßnahmen unterscheiden sich hinsichtlich des Angriffspunkts
bzw. der Bekämpfungsstrategie und der Zielsetzung. Die Anpassung der Strategie an die je-
weilige Situation ist als kontinuierlicher Prozess zu verstehen. Der anfängliche Schwerpunkt
der Eindämmung wird im Verlauf einer Pandemie auf den Schutz vulnerabler Gruppen und die
Folgenminderung verlagert:
(1) Frühe Erkennung und Eindämmung/Beeinflussung der Ausbreitungsdynamik („detection
& containment“): Bei dem Auftreten eines neuen Mensch-zu-Mensch übertragbaren In-
fluenzavirus fokussiert die Strategie auf die frühe Erkennung von einzelnen Infektionen
und auf Maßnahmen, die die Verbreitung des Influenzavirus möglichst lange verzögern.
(2) Schutz vulnerabler Gruppen („protection“): Die Schutzmaßnahmen werden auf die Perso-
nengruppen konzentriert, die ein erhöhtes Risiko für schwere und tödliche Krankheitsver-
läufe aufweisen. Dies umfasst auch Personen, die engen Kontakt zu vulnerablen Grup-
pen haben, z. B. medizinisches Personal.
(3) Folgenminderung („mitigation“): Wenn eine anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragung
in der Bevölkerung in Deutschland stattfindet, haben die eingesetzten Schutzmaßnah-
men vor allem das Ziel, schwere Krankheitsverläufe zu verhindern und Krankheitsspitzen
mit einer Überlastung der Versorgungsstrukturen zu vermeiden.
(4) Erholung („recovery“): In der postpeak/postpandemischen Phase, d. h., wenn die Pande-
mie in Deutschland den Höhepunkt überschritten hat, muss geprüft werden, welche Maß-
nahmen fortgeführt werden sollen (lage-abhängige und situationsangepasste Deeskala-
tion). Es erfolgt die Vorbereitung auf eine mögliche weitere pandemische Welle und auf
die postpandemische saisonale Influenza. Zudem werden Evaluationen der Pandemie-
vorbereitungen und -bewältigung durchgeführt, um die Erfahrungen in die weitere Pande-
mieplanung einfließen zu lassen.
4.2 Maßnahmen
Zu den infektionshygienischen Maßnahmen im engeren Sinn zählen:
Kontaktreduzierende Maßnahmen,
Verhaltensmaßnahmen,
Schutzkleidung und
Desinfektionsmaßnahmen.

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Weitere Maßnahmen des Infektionsschutzes sind:
Impfung (falls verfügbar) und
Einsatz antiviraler Arzneimittel (unter Beachtung der Resistenzlage).
Der Übergang zwischen den epidemiologischen Stadien ist fließend und beinhaltet eine schritt-
weise Anpassung dieser infektionshygienischen Maßnahmen. Die zunächst fallbezogenen
Maßnahmen als Reaktion auf aufgetretene einzelne Fälle werden zur Verzögerung einer ge-
nerellen Ausbreitung in der Bevölkerung mit zunehmender Zahl der Fälle auf einzelne Perso-
nengruppen erweitert bzw. auf allgemeine kontaktreduzierende Maßnahmen reduziert. Auch
der Surveillance-Schwerpunkt verlagert sich, die Verdachtsmeldung im Einzelfall wird abgelöst
durch Meldungen von klinischen Erkrankung und Meldungen von Todesfällen sowie die Erfas-
sung der Krankheitslast.
Die Maßnahmen berücksichtigen verschiedene Eskalations- bzw. Deeskalationsstufen. Dabei
müssen die auf einheitlichen Bewertungskriterien basierenden Maßnahmen zur Erreichung
der Ziele flexibel, entsprechend der regionalen epidemiologischen Situation, eingesetzt wer-
den.
Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) führt Ermittlungen bei Erkrankten, Krankheits- und
Ansteckungsverdächtigen mit dem Ziel durch, Infektketten durch geeignete Infektionsschutz-
maßnahmen zu unterbrechen. Zu diesen Maßnahmen gehören auch Informationen sowie Er-
mittlungen von Kontaktpersonen im Reiseverkehr. Maßnahmen im Reiseverkehr müssen in
Übereinstimmung mit den IGV erfolgen. Bestandteil dieser Maßnahmen im Reiseverkehr sind
gerade in der Anfangsphase einer Pandemie mehrsprachige Informationen für Reisende
(Entry- und Exit-) sowie für Beschäftigte der Grenzübergangsstellen, der dortigen Verkehrs-
mittel- und Beförderungs-unternehmen. Die Informationen sollten an Bahnhöfen, Busbahnhö-
fen, Flughäfen und Häfen sowie ggf. weiteren Grenzübergangsstellen möglichst an zentraler
Stelle ausgehängt bzw. ausgelegt oder aktiv verteilt werden.
Zu den Aufgaben des ÖGD nach IfSG gehören:
Aufklärung der Bevölkerung
Unterbrechung von Infektionsketten durch Anordnung von Maßnahmen/Absonderungs-
maßnahmen.
Die Isolierung von Ansteckungsverdächtigen in diesem Zusammenhang ist eine Schutzmaß-
nahme gemäß § 28 IfSG in Verbindung mit §§ 29 bis 31 IfSG. Das Ziel ist es, die Ausbreitung
der Erkrankung zu verhindern, und zwar unabhängig von der beruflichen Tätigkeit. Diese in-
fektionshygienische Maßnahme kann angewendet werden, wenn andere - weniger in die
Rechte der Betroffenen eingreifende Maßnahmen – nicht zur Verfügung stehen. Ob eine Ab-
sonderung angeordnet wird, liegt im Ermessen der zuständigen Behörde (Gesundheitsamt).
Eine Absonderung/Quarantäne muss an geeigneter Stelle erfolgen. Ist eine Aufnahme in ein
Krankenhaus zur Behandlung erforderlich, wird die Isolierung unter stationären Bedingungen
durchgeführt. Muss keine Aufnahme in ein Krankenhaus erfolgen, ist die häusliche Isolierung
das erste Mittel der Wahl. Der persönliche Haushalt bietet die geeignete Infrastruktur für eine
Isolierung. (Bedingungen siehe unter Umgang mit Kontaktpersonen in den Handreichungen
des RKI). Ist im Einzelfall die Isolierung im eigenen Haushalt nicht möglich, muss nach einer
anderen geeigneten niederschwelligen Lösung gesucht werden. Dazu sind die lokalen Hilfe-
systeme innerhalb der Kommunen zu prüfen.

 
16 |
Die Aufnahme von Abzusondernden in andere Räumlichkeiten (Schulen, Kasernen, Ferienla-
ger o. ä.) ist mit größeren logistischen Problemen verbunden und gut abzuwägen. Die Versor-
gung der Betreuten mit Gütern des täglichen Bedarfes sowie die medizinische, pflegerische
und psychosoziale Betreuung muss gewährleistet werden.
Das Schließen von Gemeinschaftseinrichtungen ist ein Instrument gemäß § 28 IfSG, das zur
Verhinderung der Ausbreitung einer Infektionserkrankung eingesetzt werden kann. Der ÖGD
setzt dieses Instrument dann ein, wenn die Ausbreitung der Erkrankung dadurch unterbrochen
werden kann. Dabei ist zu bedenken, dass Kontakte der Kinder und Jugendlichen untereinan-
der auch im privaten Umfeld bestehen, und allein durch die Schließung einer Gemeinschafts-
einrichtung eine Unterbrechung von Infektketten nicht vollständig möglich ist.
Folgende Verfahren zur Entscheidung über die Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen
sind möglich:
(1) Der ÖGD trifft eine Entscheidung über die Schließung der gesamten Einrichtung oder
von Teilen der Einrichtung, wenn dies aus infektionsprophylaktischen Gründen angezeigt
ist.
(2) Die Leitung der Einrichtung trifft im Rahmen ihrer Verantwortung für die Organisation und
Verwaltung der Einrichtung die Entscheidung über die Schließung der gesamten Einrich-
tung oder von Teilen der Einrichtung, wenn z. B. eine große Zahl von Schülern oder
Lehrkräften wegen Erkrankung fehlt.
(3) Aussprechen von Tätigkeitsverboten oder Tätigkeitsbeschränkungen gemäß § 31 IfSG.
Die zuständige Behörde (Gesundheitsamt) muss beurteilen, ob eine Gefährdung für
Dritte auf Grund der Tätigkeit besteht.
(4) Beratung und Überwachung der Durchführung infektionshygienischer Maßnahmen in me-
dizinischen Einrichtungen, Gemeinschaftseinrichtungen und Massenunterkünften.
(5) Durchführung von Schutzimpfungen in Ergänzung zu Arztpraxen und betriebsärztlichen
Diensten.
5 Medizinische Versorgung
Die grundlegenden Festlegungen zur Sicherstellung der ambulanten und stationären medizi-
nischen Versorgung unterliegenden bundesgesetzlichen Regelungen. Grundsätzlich gelten
die gleichen Zuständigkeiten für die ambulante und stationäre Versorgung der Patienten auch
im Falle einer Pandemie weiter.
Die Zuständigkeit für die ambulante Versorgung im Rahmen des Sicherstellungsauftrags nach
§ 72 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch liegt bei den Kassenärztlichen Vereinigungen.
Dem Risikomanagement in der Arztpraxis kommt in einer Influenzapandemie ein besonderer
Stellenwert zu. Hierzu haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Bundesärztekam-
mer und die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege eine gemein-
same Empfehlung herausgegeben (Influenzapandemie – Risikomanagement in Arztpraxen:
Eine Empfehlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Bundesärztekammer und der
BGW, 2008:
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/Risiko-
management_in_Arztpraxen.pdf).

| 17
In Abhängigkeit der jeweiligen Lage in einer Pandemie ist durch die Kassenärztliche Vereini-
gung Sachsen (KVS) zu entscheiden, ob alle niedergelassenen Ärzte in die Versorgung der
Pandemie-Patienten einbezogen (bessere Abdeckung der Fläche) oder ob Schwerpunktpra-
xen eingerichtet werden (Schwerpunktpraxen eher für Städte denkbar – in Landkreisen sind
Wege zu lang). Zu prüfen ist ebenfalls, ob mobile Einsatzärzte für Hausbesuche eine prakti-
kable Lösung wären.
In Sachsen gibt es in den Großstädten und den Landkreisen ausreichend Kliniken mit Betten
für Patienten mit Infektionskrankheiten, die zur Behandlung stärker erkrankter Personen ge-
eignet sind. Darüber hinaus ist jedes Allgemeinkrankenhaus aufgefordert, sich auf Patienten
mit ansteckenden Erkrankungen, die für eine gewisse Zeit im Krankenhaus isoliert und betreut
werden müssen, vorzubereiten. (Diese Planungen wurden nach dem Ebolageschehen 2014
aktualisiert.)
Gemäß § 11 Sächsisches Gesetz über den Brandschutz, Rettungsdienst und Katastrophen-
schutz (SächsBRKG) führt die Leitstelle einen Nachweis über die Dienstbereitschaft der Be-
handlungseinrichtungen, über die Aufnahme- und Dienstbereitschaft der Krankenhäuser so-
wie deren Erweiterungsfähigkeit bei einem Großschadensereignis. Die Krankenhäuser und
Behandlungseinrichtungen sind verpflichtet, die hierfür notwendigen Auskünfte zu erteilen.
Dies beträfe auch einen Massenanfall an Infektionskranken.
Gemäß § 30 Absatz 1 Satz 2 Sächsisches Krankenhausgesetz (SächsKHG) ist ein Kranken-
haus unbeschadet der Aufnahmekapazität verpflichtet, Notfallpatienten zum Zwecke einer
qualifizierten ärztlichen Erstversorgung aufzunehmen und gegebenenfalls die anschließende
Weiterleitung zu veranlassen.
Darüber hinaus haben Hochschulkrankenhäuser und -kliniken sowie die Träger der Kranken-
häuser, die in den Krankenhausplan des Freistaates Sachsen aufgenommen worden sind,
gemäß § 56 Absatz 1 SächsBRKG Alarm- und Einsatzpläne aufzustellen und fortzuschreiben
sowie mit der zuständigen Brandschutz-, Rettungsdienst- und Katastrophenschutzbehörde
und der Leitstelle abzustimmen. Gemäß § 30 Absatz 2 Satz 2 SächsKHG sind Krankenhäuser
zudem verpflichtet, für den Fall der eigenen Evakuierung entsprechende Pläne aufzustellen,
fortzuschreiben, abzustimmen und einzuüben.
Insofern liegt die Verantwortung bei den jeweiligen Krankenhäusern, sich auf eine größere
Anzahl von Infizierten auch im Rahmen einer Pandemie vorzubereiten und die entsprechen-
den Pläne bei Bedarf in Kraft zu setzen.
Alle an der medizinischen Versorgung beteiligten (Personen-)Kreise müssen sich ihrer Ver-
antwortung bewusst sein. Hinsichtlich der Aktualisierung der eigenen Kenntnislage besteht
sowohl eine Verpflichtung der eigeninitiativlichen Informationsbeschaffung (z. B. Praxen) als
auch dem Bereitstellen von Informationsmaterial für die vertretenen Kreise (z. B. Ärztekam-
mer, Kassenärztliche Vereinigung). Die Nutzung von (elektronischen) Medien, die eine einfa-
che Informationsgewinnung sowie eine schnelle und breitgefächerte Weitergabe von Informa-
tionen unterstützen, ist vorrangig anzustreben. Für alle am Prozess beteiligten Personenkreise
besteht sowohl eine Hol- als auch eine Bringepflicht. Dies gilt besonders bei außergewöhnli-
chen Erkrankungsgeschehen.
Maßnahmepläne sind auf allen Ebenen der praktischen Durchführung sowie Organisation der
medizinischen Versorgung eigenverantwortlich zu erstellen und auf die aktuellen Bedürfnisse
auszurichten.

 
18 |
6 Impfkonzepte
In Abhängigkeit des jeweiligen pandemischen Erregers, der Betroffenheit bestimmter Bevöl-
kerungsgruppen, der Verfügbarkeit eines Impfstoffes u. ä. sind jeweils konkrete Impfkonzepte
zu entwickeln, die auch die Einbeziehung des ÖGD, der ambulanten tätigen und Kranken-
hausärzte sowie der Betriebsmediziner regeln.
7 Antivirale Arzneimittel
Für die einzelnen pandemischen Erreger ist zu prüfen, ob antivirale Arzneimittel beschafft und
eingelagert werden sollen und können sowie wie die entsprechende Verteilung zu organisieren
ist.
8 Pandemieplanung in Unternehmen, Verwaltung und anderen nicht
medizinischen Bereichen
Eine Influenzapandemie kann vielfältige Auswirkungen auf Unternehmen und Verwaltung ha-
ben. Neben dem krankheitsbedingten Ausfall von Beschäftigen ist auch davon auszugehen,
dass Beschäftigte aus anderen Gründen der Arbeit fernbleiben (z. B. Pflege erkrankter Ange-
höriger, Angst vor Ansteckung). Es kann zu einer veränderten Nachfrage nach Produkten oder
Leistungen kommen. Die Infrastruktur kann insgesamt gefährdet sein. Betriebs- und Produkti-
onsabläufe können wegen ausbleibender Zulieferungen oder Dienstleistungen beeinträchtigt
sein.
Von besonderer Bedeutung für die Aufrechterhaltung des staatlichen Gemeinwesens sind die
möglichen Auswirkungen einer Influenzapandemie auf Organisationen und Einrichtungen der
„Kritischen Infrastrukturen“, zu denen u. a. die Sektoren Energie, Informationstechnik und Te-
lekommunikation, Transport und Verkehr, Wasser, Ernährung (Ernährungswirtschaft, ein-
schließlich Landwirtschaft und Lebensmittelhandel) sowie das Finanz- und Versicherungswe-
sen zählen.
Auch die öffentliche Verwaltung wird vom Ausfall von Beschäftigten betroffen sein. Gleichzeitig
ist in vielen Bereichen von einem erhöhten Koordinierungs-, Steuerungs- und Informationsbe-
darf auszugehen. Die Überlastung des Gesundheitswesens und Störung grundlegender Infra-
strukturen können zur Bedrohung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie zu Versor-
gungsengpässen führen. Es besteht ein erhöhtes Informationsbedürfnis in der Bevölkerung.
Ziel einer betrieblichen Pandemieplanung ist die Minimierung des Infektionsrisikos am Arbeits-
platz, die Aufrechterhaltung der Betriebsabläufe, soweit dies möglich ist, der Erhalt der be-
trieblichen Infrastruktur, die Begrenzung des wirtschaftlichen Schadens und die Aufrechterhal-
tung der für die Versorgung der Bevölkerung wichtigen Produkten bzw. Funktionen. Dies gilt
sinngemäß auch für Behörden.
Für nähere Details wird auf den Nationalen Pandemieplan (NPP) verwiesen.
9 Kommunikation, Presse, Öffentlichkeitsarbeit
siehe NPP

| 19
Eine enge Abstimmung zwischen der Pressestelle des SMS und den Pressestellen der Land-
kreise und kreisfreien Städte ist zu gewährleisten. Empfohlen wird auch eine Abstimmung mit
den Pressestellen anderer betroffener Institutionen.
Anlage: NPP Teil I – Strukturen und Maßnahmen
(s. nach Kapitel „II Spezieller Teil“ dieses Pandemieplanes ab Seite 23)

 
20 |
II
Spezieller Teil
A
Influenza
(wird zurzeit überarbeitet)
B
COVID-19 (SARS-CoV-2-Infektionen)
1 Grundlagen
Über die allgemeinen Regelungen des Rahmenpandemieplanes ist für SARS-CoV-2 zu be-
achten:
Das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) ist von Mensch zu Mensch übertragbar. Der haupt-
sächliche Übertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion. Dies kann direkt von Mensch zu
Mensch über die Schleimhäute der Atemwege geschehen oder auch indirekt über Hände, die
dann mit Mund- oder Nasenschleimhaut sowie der Augenbindehaut in Kontakt gebracht wer-
den. Es wurden auch Fälle bekannt, in denen sich Personen bei Betroffenen angesteckt ha-
ben, die nur leichte oder unspezifische Symptome gezeigt hatten.
Die neuartigen Coronaviren wurden auch in Stuhlproben einiger Betroffener gefunden. Ob
SARS-CoV-2 auch fäkal-oral verbreitet werden kann, ist noch nicht abschließend geklärt.
Derzeit wird davon ausgegangen, dass die Inkubationszeit bis zu 14 Tage beträgt.
2 Surveillance
Das Bundesgesundheitsministerium hat per Eilverordnung eine ab dem 1. Februar 2020 gel-
tende Meldepflicht über das neue Coronavirus 2019-nCoV erlassen. Die neue namentliche
Meldepflicht an das zuständige Gesundheitsamt umfasst den Verdacht, die Erkrankung sowie
den Tod in Bezug auf eine 2019-nCoV-Infektion. Sie gilt auch dann noch, wenn die Meldung
bereits erfolgt war oder wenn ein Verdacht ausgeschlossen werden konnte. Gemeldet werden
müssen und sollen jedoch nur Fälle, die der Falldefinition des Robert-Koch-Instituts (RKI) ent-
sprechen.
Die Festlegung von Krankheitsfällen basiert auf den aktuellen Falldefinitionen des RKI
(https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Falldefini-
tion.pdf?__blob=publicationFile).
3 Diagnostik
Die Diagnostik richtet sich nach dem Flussschema des RKI (Anlage).
Die Inanspruchnahme von Laboren durch niedergelassene Ärzte entspricht deren vertragli-
chen Regelungen.
Krankenhauslabore und private Labore in Sachsen sind aufgerufen, den SARS-CoV-2-Test
unter Wahrung der Qualitätssicherung in ihrem Labor zu etablieren, um die Wege und Warte-
zeiten auf das Testergebnis zu verkürzen.
Die LUA untersucht die Proben, die durch ein Gesundheitsamt bzw. in Abstimmung mit einem
Gesundheitsamt genommen und in die LUA eingesandt wurden.

 
| 21
4 Infektionshygienische Maßnahmen
Für die Kontaktpersonenermittlung sind die Empfehlungen des RKI heranzuziehen.
In der aktuellen Situation, in der die meisten Fälle im Zusammenhang mit einem Aufenthalt im
Risikogebiet oder lokalen Clustern auftreten, empfiehlt das RKI eine Eindämmungsstrategie
(Containment). Eine aktuelle Risikobewertung des RKI für Deutschland ist unter
www.rki.de/covid-19-risikobewertung
abrufbar. Die massiven Anstrengungen auf allen Ebenen
des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) verfolgen das Ziel, einzelne Infektionen so früh
wie möglich zu erkennen und die weitere Ausbreitung des Virus dadurch so weit wie möglich
zu verhindern. Um das zu erreichen, müssen Infektionsketten so schnell wie möglich unter-
brochen werden. Dies gelingt nur, wenn Kontaktpersonen von labordiagnostisch bestätigten
Infektionsfällen möglichst lückenlos identifiziert und für 14 Tage (die maximale Dauer der In-
kubationszeit) in häuslicher Quarantäne untergebracht werden
Auch wenn nicht alle Erkrankungen und Kontakte rechtzeitig identifiziert werden können, be-
wirken diese Anstrengungen, dass die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung so stark wie
möglich verlangsamt wird. Eine Erkrankungswelle in Deutschland soll hinausgezögert und de-
ren Dynamik abgeschwächt werden.
Ziel dieser Strategie ist es, Zeit zu gewinnen um sich bestmöglich vorzubereiten und mehr
über die Eigenschaften des Virus zu erfahren, Risikogruppen zu identifizieren, Schutzmaß-
nahmen für besonders gefährdete Gruppen vorzubereiten, Behandlungskapazitäten in Klini-
ken zu erhöhen, antivirale Medikamente und die Impfstoffentwicklung auszuloten. Auch soll
ein Zusammentreffen mit der aktuell in Deutschland und Europa laufenden Influenzawelle so-
weit wie möglich vermieden werden, da dies zu einer maximalen Belastung der medizinischen
Versorgungsstrukturen führen könnte.
Falls mehr Fälle in Deutschland auftreten, die nicht mehr auf einen bereits bekannten Fall
zurückgeführt werden können, und deutlich würde, dass die Verbreitung auf Dauer nicht zu
vermeiden ist, wird die Bekämpfungsstrategie schrittweise angepasst. Dann konzentriert sich
der Schutz stärker auf Personen und Gruppen, die ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheits-
verläufe aufweisen (Protection, Schutz-Strategie vulnerabler Gruppen).
Wird die zunehmende Ausbreitung der Erkrankungen in der Bevölkerung so groß, dass ge-
zielte Maßnahmen zum Schutz der besonders vulnerablen Gruppen nicht mehr möglich sind,
zielen die eingesetzten Schutzmaßnahmen stärker auf die Minderung weiterer Folgen. So sol-
len besonders schwere Krankheitsverläufe und Krankheitsspitzen mit einer Überlastung der
Versorgungssysteme vermieden werden. In dieser Situation steht im Mittepunkt weitere nega-
tive Auswirkungen auf die Gemeinschaft und das soziale Leben möglichst gering zu halten
(Mitigation, Folgenminderungs-Strategie). (Quelle RKI)
5 Medizinische Versorgung
Bei telefonischen Kontakten des Patienten zu einem ambulanten Arzt klärt dieser die Symp-
tome und Reiseanamnese bzw. Kontaktanamnese ab und entscheidet über das weitere Vor-
gehen. Erst wenn bestimmte Kriterien vorliegen, hier also von Symptomen einer Atemwegsin-
fektion (z. B. Husten) UND entweder ein Aufenthalt in einem Risikogebiet (tägliche Aktualisie-
rung durch RKI) oder Kontakt mit einem an SARS-CoV-2 Erkrankten in den letzten 14 Tagen,
dann erfolgt zunächst unter Einhaltung hygienischer Maßnahmen (u. a. Mund-Nase-Schutz)
eine körperliche Untersuchung und eine Laboruntersuchung.

 
22 |
Die medizinische Versorgung wird an Hand des Flussschemas des RKI durchgeführt. Die sta-
tionäre Aufnahme aller positiven Fälle, auch solcher mit leichten Krankheitsverlauf, dient der
besseren epidemiologischen Eindämmung von Infektketten. Dies ist nur in der Containment-
Phase zu Beginn des Ausbruchs/der Pandemie leistbar, solange es nur wenige positive Fälle
gibt. Bei Zunahme der Fälle muss entschieden werden, ob nicht auch ein ambulantes Manage-
ment möglich ist (Schwere der Erkrankung, Risikofaktoren, Umfeld) und die stationäre Auf-
nahme auf das notwendige Maß reduziert werden.
6 Impfkonzepte
Für Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV2 ist zurzeit kein Impfstoff verfügbar. Fragen
der
Beschaffung und Verfügbarkeit,
Festlegung von Impfstrategien und -konzepten,
Finanzierung und Abrechnung,
werden daher erst festgelegt, wenn sich die Möglichkeit zur Realisierung von Impfungen ab-
zeichnet.
Die Kriterien des Nationalen Pandemieplanes für Influenza sind mit in die Bewertung und Ver-
fahrensbearbeitung einzubeziehen, sofern sie geeignet und anwendbar sind.
7 Antivirale Arzneimittel
Die Regelungen eines Einsatzes von antiviralen Arzneimitteln im Falle des Ausbruchs der In-
fluenza sind im gleichlautenden Kapitel des Nationalen Pandemieplans sowie dem sächsi-
schen Plan zur Influenzapandemie beschrieben.
Für eine Empfehlung zur Anwendung von Oseltamivir-Wirkstoffpulver bei einer Infektion mit
SARS-Cov2 gibt es keine ausreichende Datenlage. Laut einem Artikel in „The Lancet“ (The
Lancet: Chen et al., 2020) wurde Oseltamivir probeweise bei SARS-CoV2-Erkrankten einge-
setzt. Einen Beleg, dass der Wirkstoff tatsächlich wirkt, lies sich nicht nachweisen. Experten
halten es für eher unwahrscheinlich. Die Oberflächenstrukturen von Influenzaviren, an denen
das Medikament andockt, unterscheiden sich so sehr von dem des SARS-CoV2, dass das
Medikament voraussichtlich nicht wirken dürfte.
Von daher wird bis zum Vorliegen anderweitiger Erkenntnisse davon ausgegangen, dass im
Falle einer SARS-CoV2 Pandemie Oseltamivir nicht zum Einsatz kommt.
Anlage: Alle notwendigen Handlungsanleitungen des RKI finden sich aktualisiert im Dokument
„Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruser-
krankung“
des
RKI“
unter
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuarti-
ges_Coronavirus/Ergaenzung_Pandemieplan_Covid.html

 
| 23
Anlage zu Kapitel I:
Nationaler Pandemieplan
Teil I – Strukturen und Maßnahmen

24 |

image
 
STRUKTUREN UND MASSNAHMEN
Nationaler Pandemieplan
Teil I

 
Nationaler Pandemieplan Teil I
Strukturen und Maßnahmen
Stand: 2. März 2017

 
Inhalt
3
Inhalt
1
Ziele und Rahmenbedingungen
.....................................................
5
1.1
Hintergrund ..................................................................................... 5
1.1.1
Historie der Planungen ...................................................................
5
1.1.2
Planungen der WHO .......................................................................
6
1.2
Ziele und Adressaten .......................................................................
7
1.3
Rechtliche Rahmenbedingungen ....................................................
9
1.4
Strukturen, Gremien und Institutionen .......................................... 10
1.4.1
Strukturen auf Bundesebene ...........................................................
10
1.4.2
Strukturen auf Länderebene ............................................................
11
1.4.3
Abstimmung zwischen Bund und Ländern .................................... 12
1.5
Informationsaustausch und Abstimmung auf internationaler
und europäischer Ebene ..................................................................
12
2
Surveillance des Krankheitsgeschehens
........................................ 15
2.1
Hintergrund ..................................................................................... 15
2.2
Maßnahmen .................................................................................... 15
2.2.1
Bundesweit etablierte Systeme ....................................................... 15
2.2.2
Bundesweit weiter zu entwickelnde Systeme ................................. 17
2.2.3
Regional etablierte Systeme ............................................................ 18
2.2.4
Weitere Systeme............................................................................... 18
3 Influenza-Diagnostik
....................................................................... 19
3.1 Klinik................................................................................................. 19
3.2
Ziel der Diagnostik .......................................................................... 19
3.3
Probenahme ..................................................................................... 20
3.4
Transport .......................................................................................... 20
3.5
Diagnostische Verfahren ................................................................. 20
3.6
Lageabhängige prozedurale Algorithmen und Verantwortlich-
keiten ................................................................................................ 21
3.7 Kostenübernahme ........................................................................... 21
4
Infektionshygienische Maßnahmen
.............................................. 23
4.1
Hintergrund ..................................................................................... 23
4.2
Ziele ..................................................................................................
23
4.3
Maßnahmen .................................................................................... 24
5
Medizinische Versorgung
...............................................................
33
5.1
Hintergrund ..................................................................................... 33
5.2
Ambulante Versorgung ....................................................................
33
5.3
Stationäre Versorgung .....................................................................
34
5.4
Weitere Informationen..................................................................... 34

4
Inhalt
6
Impfungen
....................................................................................... 35
6.1
Hintergrund ..................................................................................... 35
6.2 Ziel.................................................................................................... 35
6.3 Impfstoffbeschaffung ...................................................................... 35
6.4
Impfstoffverfügbarkeit und Logistik................................................
36
6.5
Praktische Umsetzung pandemischer Impfungen ......................... 36
6.6
Haftungsregelungen bei Impfungen ...............................................
37
6.6.1
Entschädigungsanspruch des Geimpften ...................................... 37
6.6.2 Arzthaftung ...................................................................................... 37
6.7
Weitere Informationen..................................................................... 37
7
Antivirale Arzneimittel
....................................................................
39
7.1
Hintergrund ..................................................................................... 39
7.2
Maßnahmen .................................................................................... 39
7.3 Kostentragung ................................................................................. 40
7.4
Surveillance von unerwünschten Arzneimittelwirkungen .............. 40
7.5
Andere Arzneimittel, medizinischer Bedarf ....................................
41
8
Pandemieplanung in Unternehmen, Verwaltung und anderen
nicht medizinischen Bereichen
...................................................... 43
8.1
Hintergrund ..................................................................................... 43
8.2 Ziel.................................................................................................... 43
8.3
Maßnahmen .................................................................................... 43
8.3.1
Unternehmensbezogene Vorüberlegungen zu möglichen
Auswirkungen .................................................................................. 44
8.3.2
Untersuchung der internen Betriebsabläufe .................................. 44
8.3.3
Erstellung des Betrieblichen Pandemieplans ................................. 44
8.4
Weitere Informationen..................................................................... 44
9
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
...................... 45
9.1
Sensibilisierung/Risiko kommunikation
in
der
interpandemischen Phase ...............................................................
45
9.2
Risiko- und Krisenkommunikation ................................................. 46
Anhang
......................................................................................................... 49
Abkürzungsverzeichnis
................................................................................ 69
Impressum
................................................................................................... 72

 
Ziele und Rahmenbedingungen
5
Vorwort
Der vorliegende Nationale Pandemieplan (NPP) ist
die zweite Aktualisierung des erstmals 2005 veröf-
fentlichten NPP für Deutschland. Durch die mit
dem NPP verbundenen Planungen und Vorberei-
tungen war Deutschland auf die H1N1-Influenza-
pandemie 2009 gut vorbereitet. Mit den aus der
H1N1-Influenzapandemie 2009 gewonnenen Er-
fahrungen und Ergebnissen haben sich Bund und
Länder und verschiedenste Gremien und Institu-
tionen intensiv auseinandergesetzt, die notwen-
digen fortlaufenden Planungen fortgesetzt und
Änderungs- bzw. Anpassungsbedarf im NPP hin-
sichtlich der einzelnen Teile des Planes gesehen.
Der vorliegende aktualisierte NPP besteht aus den
Teilen:
Teil I
Strukturen und Maßnahmen
Teil II
Wissenschaftliche Grundlagen.
Teil I wurde gemeinsam von Bund und Ländern
verfasst und zeigt die sowohl für die Planung als
auch für den Ereignisfall vorhandenen Strukturen
und notwendigen Maßnahmen auf.
Teil II beschreibt im Einzelnen die aktuellen wis-
senschaftlichen Grundlagen, Standards und Er-
kenntnisse zur Epidemiologie, den influenzaspezi-
fischen Arzneimitteln, nichtpharmakologischen
Maßnahmen und Impfstoffen sowie weiteren pan-
demierelevanten Themen.
Im Anhang von Teil I sind unter anderem verschie-
dene Planungshilfen enthalten.
Eine Konkretisierung der im NPP Teil I vorgesehe-
nen Maßnahmen ist unter Berücksichtigung lan-
desspezifischer Rahmenbedingungen durch die
Erarbeitung der Pandemiepläne der Bundesländer
erfolgt. Diese bilden die Grundlage für die regiona-
len Planungen der Kommunen und Gesundheits-
ämter.
1.1 Hintergrund
Influenzaviren verändern sich kontinuierlich
durch kleinere Mutationen im Genom. Zudem ha-
ben sie die Fähigkeit zum Austausch genetischen
Materials zwischen verschiedenen Typ-A-Influen-
zaviren. So birgt das endemische Auftreten der
Vogelgrippe in zahlreichen Ländern Südostasiens
seit 2004 und von Infektionen durch porcine In-
fluenzaviren (USA seit 2012) das Risiko einer Neu-
kombination dieser Erreger (Reassortment) mit
humanen Influenzaviren und damit die Gefahr der
Entstehung eines pandemischen Virus. Wenn sol-
che neuartigen Viren in der Lage sind, Erkrankun-
gen hervorzurufen, sich effektiv von Mensch zu
Mensch zu verbreiten und nur wenig oder keine
vorbestehende Immunität in der Bevölkerung vor-
handen ist, so können sie eine Influenzapandemie
auslösen. Diese weltweiten Pandemien können zu
Erkrankungs- und Sterberaten führen, die saisona-
le Influenzawellen um ein Vielfaches übertreffen.
Damit könnten sie zu extremen Belastungen für
das medizinische Versorgungssystem und den Öf-
fentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) bis hin zu
einer erheblichen Gefahr für die öffentliche Ord-
nung und für die Funktionstüchtigkeit der gesam-
ten Volkswirtschaft führen.
1.1.1
Historie der Planungen
Eine weltweite Influenza-Pandemieplanung wurde
bereits 1993 im Rahmen des internationalen Sym-
posiums der Groupe d’Étude et d’Information sur
la Grippe in Berlin gefordert. Die Weltgesundheits-
organisation (WHO) hat 1999 einen Musterplan
veröffentlicht, der den Mitgliedstaaten als Grund-
lage für die detaillierte Ausarbeitung nationaler
Pläne dienen sollte und 2005, 2009 sowie 2013
aktualisiert wurde [1]. Die EU hat 2004 ebenfalls
einen Entwurf für ein gesamteuropäisches Rah-
menkonzept für eine Influenza-Pandemieplanung
vorgelegt.
Erste grundlegende Überlegungen zur deutschen
Pandemieplanung wurden durch die ,Bund-Län-
der-Arbeitsgruppe Seuchenschutz‘ im Jahr 2001
1 Ziele und Rahmenbedingungen

 
6
Ziele und Rahmenbedingungen
publiziert [2], nachdem die 74. Gesundheitsminis-
terkonferenz (GMK) das Bundesministerium für
Gesundheit (BMG) gebeten hatte, in Abstimmung
mit den Ländern einen nationalen Pandemieplan
auf der Grundlage der WHO-Empfehlungen zu
erarbeiten. Im Oktober 2001 beauftragte das BMG
das Robert Koch-Institut (RKI), eine Expertengrup-
pe ,Influenza-Pandemieplanung‘ am RKI ein-
zurichten. Die Expertengruppe erarbeitete unter
Berücksichtigung der föderalen Struktur der Bun-
desrepublik Deutschland sowie der grundsätz-
lichen Zuständigkeit der Länder und Gemeinden
für die Durchführung von Maßnahmen zum
Infektions- und Katastrophenschutz einen Pan-
demieplan für das Gebiet der Bundesrepublik
Deutschland. Der NPP wurde 2005 publiziert.
Seit Veröffentlichung des Pandemieplans wurden
die Vorbereitungen auf eine Influenzapandemie
von Bund und Ländern stark vorangetrieben, ins-
besondere was die Bevorratung mit antiviralen
Arzneimitteln und die vertragliche Bindung von
Kapazitäten der Impfstoffherstellung betrifft. Zur
Koordination der Maßnahmen von Bund und Län-
dern wurde 2005 eine erweiterte Bund-Länder-
Arbeitsgruppe Pandemieplanung mit Vertretern
aus fünf Bundesländern gegründet, die auf
Beschluss der 79. Sondersitzung der GMK am
23. Februar 2006 auf alle Bundesländer erweitert
wurde. Am RKI wurde nach der ersten Veröffentli-
chung des NPP eine „Task Force“ Influenza Pande-
mieplanung eingerichtet. Das Auswärtige Amt hat
ebenfalls 2005 einen Pandemieplan für deutsche
Bürger im Ausland auf seinen Internetseiten pub-
liziert. 2006 wurden die Pandemiepläne der Län-
der fertiggestellt und die „Influenzakommission
für den Pandemiefall“ berufen, die das RKI im
Pandemiefall fachlich beraten soll. Eine Überarbei-
tung des NPP wurde 2007 publiziert.
2006 fanden zwei Planübungsbesprechungen der
Interministeriellen Koordinierungsgruppe des
Bundes und der Länder (IntMinKoGr) statt, auf
denen Pandemieszenarien für Deutschland er-
probt wurden. Im November 2007 wurde unter
Federführung des Bundesministeriums des In-
nern (BMI) mit fachlicher Beratung durch das RKI
eine länder- und ressortübergreifende Übung
LÜKEX07 (Länderübergreifendes Krisenmanage
-
ment Exercise) zum Thema Influenzapandemie
durchgeführt, an der sich neben den weiteren be-
troffenen Bundesressorts sieben Bundesländer
beteiligten und in der verschiedene Szenarien ei-
ner schweren Pandemie mit einer großen Betrof-
fenheit des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft
und des Gesundheitswesens geübt wurden.
Die H1N1-Influenzapandemie 2009, die in Deutsch-
land im April 2009 mit ersten Erkrankungen
durch das pandemische Influenzavirus A(H1N1)
pdm09 begann, stellte die erste Bewährungsprobe
für die entwickelten Pandemiepläne dar.
1.1.2
Planungen der WHO
Die WHO beschreibt in ihrem aktualisierten Pan-
demieplan „WHO Pandemic Influenza Risk Ma-
nagement – WHO Interim Guidance“ (2013) die
globale Phaseneinteilung einer Pandemie folgen-
dermaßen:
„Die Einteilung der globalen pandemischen Phasen
spiegelt die Risikoeinschätzung der WHO in Bezug
auf die globale Situation im Hinblick auf humanpa-
thogene Influenzaviren mit pandemischem Potential
wider. Die vier globalen Phasen beschreiben die (welt-
weite) geographische Ausbreitung eines neuartigen
Influenzavirus unter Berücksichtigung der durch das
Virus hervorgerufenen Erkrankungen. Beim Auftreten
eines pandemischen Influenzavirus stehen die einzel-
nen Länder und Regionen verschiedenen epidemiolo-
gischen Situationen zu verschiedenen Zeitpunkten
gegenüber. Aus diesem Grund wird den WHO-Mit-
gliedstaaten dringend empfohlen, eine eigene, nationa-
le Risikoeinschätzung zu entwickeln, die zusätzlich zu
der globalen Risikoeinschätzung der WHO die jewei-
lige lokale epidemiologische Situation mit einbezieht.
Die WHO wird die globale Phaseneinteilung verwen-
den, um die globale Situation zu kommunizieren.“
[1]
Die vier globalen Phasen sind:
Die
Interpandemische Phase
: Sie ist definiert
als die Phase zwischen Influenzapandemien.
Die
Alarm-Phase
: Humane Influenzaerkran-
kungen, die durch ein neuartiges Influenza-
virus hervorgerufen wurden, wurden identifi-
ziert. Eine erhöhte Wachsamkeit und sorgfältige
Risikoeinschätzung auf lokaler, nationaler und

 
Ziele und Rahmenbedingungen
7
globaler Ebene sind charakteristisch für diese
Phase. Für den Fall, dass die Risikobewer-
tungen zeigen, dass das neuartige Virus sich
nicht zu einem pandemischen Virus entwickelt,
sollte eine Deeskalation der Aktivitäten auf das
Maß der Interpandemischen Phase erfolgen.
Die
Pandemische Phase
: Dies ist die Phase, in
der sich die durch ein neuartiges Influenzavirus
hervorgerufenen humanen Erkrankungen glo-
bal ausbreiten. Die Übergänge von der Inter-
pandemischen Phase zur Alarm- und Pande-
mischen Phase können sehr schnell oder
sukzessiv erfolgen. Die fließend ineinander
übergehenden globalen Phasen spiegeln die Ri-
sikoeinschätzung der WHO, die grundsätzlich
auf virologischen, epidemiologischen und kli-
nischen Daten beruht, wider.
Die
Übergangsphase:
Wenn sich die globale
Risikoeinschätzung entspannt, kann eine De-
eskalation in Bezug auf global eingeleitete Maß-
nahmen erfolgen. Zusätzlich kann – je nach
spezifischer Risikoeinschätzung in den Mit-
gliedstaaten – eine Verringerung der Bewälti-
gungsmaßnahmen oder ein Überführen der
Bewältigungsmaßnahmen in Aufbaumaßnah-
men angezeigt sein.
Die globalen Phasen und ihre Anwendung beim
Risikomanagement sind zu unterscheiden, erstens
von der Feststellung einer gesundheitlichen Not-
lage von internationaler Tragweite (Public Health
Emergency of International Concern, PHEIC) im
Rahmen der Internationalen Gesundheitsvor-
schriften (IGV, 2005) und zweitens von der Aus-
rufung einer Pandemie. Diese basieren auf spe-
zifischen Einschätzungen und können dafür
verwendet werden, die Notwendigkeit von gemein-
samen globalen Maßnahmen zu kommunizieren.
Ebenfalls können sie von Zulassungsbehörden
und/oder für Verträge genutzt werden, die auf der
Feststellung eines PHEIC oder der Ausrufung ei-
ner Pandemie beruhen.
Die Feststellung einer PHEIC liegt in der
Verantwortlichkeit der/des WHO Generaldirek-
tors/-in gemäß Artikel 12 der IGV 2005 und
zieht die Kommunikation von zeitlich befris-
teten Empfehlungen nach sich.
Die Ausrufung einer Pandemie kann während
der Ausbreitung einer pandemischen Influenza
entsprechend der Situation durch die/den
WHO Generaldirektor/in erfolgen.
Während die Feststellung einer PHEIC und/oder
die Ausrufung einer Pandemie bestimmte regula-
torische Maßnahmen der WHO oder der Mitglied-
staaten auslösen können, sollten, unabhängig von
den globalen Phasen, die Maßnahmen auf natio-
naler Ebene auf der nationalen und lokalen Risiko-
einschätzung basieren und situationsangemessen
sein. Diese Abkopplung der nationalen Maßnah-
men von den globalen Phasen ist notwendig, weil
sich die globale Risikoeinschätzung per Definition
auf die globale Situation bezieht und nicht auf die
Situation in den einzelnen Mitgliedstaaten.
1.2 Ziele und Adressaten
Der NPP dient der gezielten Vorbereitung von Be-
hörden und Institutionen auf Bundes- und Län-
derebene auf eine Influenzapandemie und gibt
einen Rahmen vor, der die Grundlage für die
Pandemiepläne der Länder und die Ausführungs
-
pläne der Kommunen bildet. Er richtet sich somit
vor allem an die Verantwortlichen und verantwort-
lichen Behörden in Bund, Ländern und Kommu-
nen.
Im Wesentlichen dient der NPP der Erreichung
folgender Ziele:
Reduktion der Morbidität und Mortalität in der
Gesamtbevölkerung
Sicherstellung der Versorgung erkrankter Per-
sonen
Aufrechterhaltung essentieller, öffentlicher
Dienstleistungen
zuverlässige und zeitnahe Information für poli-
tische Entscheidungsträger, Fachpersonal, die
Öffentlichkeit und die Medien.
Die Vorbereitung auf eine Influenzapandemie und
deren Bewältigung benötigt die Unterstützung der
gesamten Gesellschaft über das Gesundheitssys-
tem hinaus. Neben dem primären Anliegen, dem
Schutz der Gesundheit, ist vor allem bei schweren
Verläufen auch die Produktion, Verteilung, Versor-
gung und der Verkehr sicherzustellen und sind

8
Ziele und Rahmenbedingungen
ggf. Maßnahmen zur Bewältigung von Ausfällen
und Engpässen zu ergreifen. Der NPP soll deshalb
auch die Öffentlichkeit über die potenziellen Ge-
fahren einer Pandemie informieren, die Planun-
gen transparent machen, die erforderlichen Maß-
nahmen aufzeigen und für weitere Planungen in
medizinischen Einrichtungen, Unternehmen usw.
die Grundlage bilden. Schließlich aber soll die Ver-
öffentlichung des NPP auch aufzeigen, dass es
jenseits aller staatlichen und administrativen An-
strengungen vor allem des gemeinsamen bürger-
schaftlichen Engagements bedarf, um eine globale
Epidemie überstehen zu können.
In Tabelle 1.1 werden die wesentlichen Maßnah-
men der Pandemieplanung und des Krisenmana-
gements aufgeführt. Sie werden in den nach-
folgenden Kapiteln des NPP Teil I im Detail
beschrieben.
Tabelle 1.1:
Ziele der Pandemieplanung und Beispiele wichtiger Maßnahmen in den verschiedenen epidemiologischen
Situationen in Deutschland
Epidemiologische
Situation
Ziele
Beispiele Maßnahmen
Interpandemischer
Zeitraum
Planung/Preparedness
Erstellen von Pandemieplänen in allen Ebenen (Krankenhäuser,
kritische Infrastrukturen usw.)
ggf. Reservierung, Einkauf, Lagerung von Medikamenten, Impf-
stoffen, Materialien
Diagnostik etablieren
Kommunikationsstränge etablieren
Kostentragung regeln
Verantwortlichkeiten festlegen
Risikobewertung/
frühe Erkennung
Surveillance (Mensch/Tier)
Bewusste Überwachung kritischer Virus-Subtypen (H7N9 usw.)
Risikoanalyse
Sensibilisierung der
Bevölkerung/Einbe-
ziehung wichtiger
Akteure
Verbesserung der Impfbereitschaft
Verbesserung der Impfraten für saisonale Grippe, insbesondere bei
Risikogruppen
Verbesserung der Kenntnisse über persönliche Hygiene
Erarbeitung und Ausgabe von Materialien zur Information und zur
Vermittlung von Grundwissen für Akteure, Risikogruppen und
Bevölkerung
frühzeitige Einbeziehung der Presse und Medien
Erste Einzelfälle
und Beginn der
Übertragung in der
Bevölkerung
Einschätzung der Lage
Intensiviertes Monitoring und Risikobewertung
Anhaltende Über-
tragung in der
Bevölkerung
Einschätzung der Lage
Aktivierung Krisenstrukturen
Monitoring und Risikobewertung
Beeinflussung der
Ausbreitungsdynamik
Information der Bevölkerung (s. u.)
Verhaltensmaßnahmen (Hustenetikette, Händehygiene)
An die jeweilige Situation angepasste kontaktreduzierende Maßnah-
men (z. B. Ausschluss Erkrankter aus Gemeinschaftseinrichtungen,
Absonderung Erkrankter, Isolierung Erkrankter im medizinischen
Bereich, Aufnahmestopp in Massenunterkünften, Schließung von
Gemeinschaftseinrichtungen, Veranstaltungsverbote)

 
Ziele und Rahmenbedingungen
9
1.3 Rechtliche Rahmenbedingungen
Die wichtigsten nationalen Regelungen für die Ver-
hütung und Bekämpfung von übertragbaren
Krankheiten sind in den folgenden Gesetzen und
Verordnungen enthalten:
Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von
Infektionskrankheiten beim Menschen – Infek-
tionsschutzgesetz – IfSG vom 20. Juli 2000
(BGBl. I S. 1045), zuletzt geändert durch Ar-
tikel 70 der Verordnung vom 31. August 2015
(BGBl. I S. 1474),
Verordnung über die Meldepflicht bei Aviärer
Influenza beim Menschen (Aviäre-Influenza-
Meldepflicht-Verordnung – AIMPV) vom
11. Mai 2007 (BGBl. I S. 732),
Allgemeine Verwaltungsvorschrift über die
Koordinierung des Infektionsschutzes in epide
-
misch bedeutsamen Fällen (Verwaltungsvor-
schrift-IfSG-Koordinierung – IfSGKoordinie-
rungs-VwV) vom 12. Dezember 2013 (BAnz AT
18.12.2013 B3),
Gesetz zur Durchführung der Internationalen
Gesundheitsvorschriften (2005) (IGV-Durch-
führungsgesetz – IGV-DG) vom 21. März 2013
(BGBl. I S. 566),
Gesetz zu den Internationalen Gesundheitsvor-
schriften (2005) vom 23. Mai 2005 (IGVG 2005)
vom 20. Juli 2007 (BGBl. II S. 930).
Außerdem ist das BMG ermächtigt, im Pandemie-
fall spezielle Rechtsverordnungen zu erlassen:
Erlass einer Verordnung nach § 15 Absatz 1 und
2 IfSG, mit der die Meldepflicht an die epide-
mische Lage angepasst wird,
Erlass einer Verordnung nach § 20 Absatz 4
IfSG, mit der die Kostentragung für die Schutz-
impfung in der GKV geregelt wird,
Erlass einer Verordnung nach § 20 Absatz 6
IfSG, mit der ggf. eine Impfpflicht eingeführt
werden kann.
Epidemiologische
Situation
Ziele
Beispiele Maßnahmen
Spezielle Maßnahmen
Kontaktpersonennachverfolgung
Feststellung der besonders betroffenen Gruppen
Beschaffung von Impfstoffen
Impfungen: Organisation der Logistik (Sonderstruktur) und der
Durchführung (in den Strukturen des Regelsystems und ÖGD)
ggf. medikamentöse Prophylaxe/Frühbehandlung
Therapie mit antiviralen Arzneimitteln
Folgenminderung
schnelle medizinische Versorgung von Erkrankten
Schaffung zusätzlicher Behandlungskapazitäten durch arbeitsorga-
nisatorische Maßnahmen
Nachbarschaftshilfe
Information von Ent-
scheidungsträgern
und Bevölkerung
regelmäßige Kommunikation mit Entscheidungsträgern und
Massenmedien
Information der Bevölkerung über persönliche Hygienemaßnah-
men, Impfungen, Verhaltensempfehlungen, Lagebild
Übergang in einen
interpandemischen
Zeitraum
Erkenntnisgewinn und
Optimierung
Auswertung des Pandemiegeschehens
Evaluation der ergriffenen Maßnahmen und der geschaffenen Struk-
turen
Optimierung der Pandemieplanung und -vorbereitung für zukünf-
tige Geschehen

 
10
Ziele und Rahmenbedingungen
Im Bereich des Arbeitsschutzes von Beschäftigten
im ambulanten und stationären medizinischen
Bereich sind folgende Bestimmungen relevant:
Biostoffverordnung (BioStoffV) vom 15. Juli
2013 (BGBl. I S. 2514),
Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge
vom 18. Dezember 2008 (BGBl. I S. 2768), die
zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom
23. Oktober 2013 (BGBl. I S. 3882) geändert
worden ist (ArbMedVV),
TRBA 250 (Biologische Arbeitsstoffe im Ge-
sundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege),
Ausgabe März 2014 GMBl 2014 Nr. 10/11 vom
27.03.2014, Änderung vom 22.05.2014, GMBl
Nr. 25, Änderung vom 21.07.2015, GMBl Nr. 29,
Beschluss 609 des Ausschusses für Biologische
Arbeitsstoffe (ABAS): Arbeitsschutz bei Auftre-
ten einer nicht ausreichend impfpräventablen
humanen Influenza (GMBl. Nr. 26 vom 18. Juni
2012, S. 470–479).
Infektionshygienische Maßnahmen in anderen
Betrieben unterliegen nicht der BioStoffV.
1.4
Strukturen, Gremien und
Institutionen
Eine Influenzapandemie kann im Hinblick auf
das Krisenmanagement je nach Eigenschaften des
Virus und möglicher Gegenmaßnahmen eine lang
anhaltende Krisensituation bedeuten, in der sich
vorhandene Strukturen und geplante Maßnahmen
bewähren müssen und vorhandene personelle und
materielle Ressourcen an ihre Grenzen gelangen
können. Es müssen sowohl global als auch für
Deutschland sowie für jede regionale/lokale Situa-
tion fortlaufend aktuelle Lagebeurteilungen vor-
genommen werden. Auf der Grundlage der Lage-
beurteilungen sind auf fachlicher, politischer und
operativer Ebene die jeweils notwendigen Maß-
nahmen zu beraten, festzulegen und zu veranlas-
sen. Die Lagebeurteilung und die notwendigen
Maßnahmen müssen frühzeitig und transparent
kommuniziert werden (s. Kapitel 9).
1.4.1
Strukturen auf Bundesebene
Für das Krisenmanagement auf Bundesebene ist
in Abhängigkeit von der konkreten Gefahren- oder
Schadenslage das jeweils fachlich überwiegend
zuständige Ressort federführend. Hierfür werden
in den einzelnen Ressorts entsprechende Krisen-
managementstrukturen vorgehalten.
So beruft im Pandemiefall das
BMG
als federfüh-
rendes Bundesministerium seinen
Krisenstab
ein.
Verbindungspersonen aus anderen Ressorts oder
den Ländern können zu den Sitzungen eingeladen
werden. Der Krisenstab ist in nationale und inter-
nationale Strukturen eingebunden und stellt damit
die Bündelung der Informationen und die Ent-
wicklung von Strategien zur Bewältigung der ge-
sundheitlichen Schadenslage sicher. International
sind der Krisenstab und die Behörden des Ge-
schäftsbereichs eingebunden in die entsprechen-
den Gremien und Schnellwarnsysteme der EU, der
WHO und der Globalen Initiative für Gesundheits-
sicherheit (Global Health Security Initiative,
GHSI). In der GHSI sind Kanada, Frankreich,
Deutschland, Italien, Japan, Mexiko, das Vereinigte
Königreich, die Vereinigten Staaten und die Euro-
päische Kommission vertreten sowie die WHO mit
Beobachterstatus.
Die fachliche Beratung des Krisenstabes wird
durch die Behörden des Geschäftsbereichs (RKI,
Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und Bundesinstitut für
Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)) ge-
währleistet.
Das
RKI
ist die zentrale Forschungs- und Referenz-
einrichtung für Infektionskrankheiten des Men-
schen in der Bundesrepublik. Im RKI werden die
epidemiologischen Daten im Rahmen eines Pan-
demiegeschehens erhoben und analysiert sowie
Maßnahmen des Infektionsschutzes und diagnos-
tische Verfahren erforscht. Das RKI berät die Bun-
desländer fachlich und bietet ihnen nach Maßgabe
der IfSGKoordinierungs-VwV Unterstützung bei
der fachlichen Koordinierung von Ermittlungen
und Maßnahmen an. Des Weiteren moderiert das
RKI den Informationsfluss zwischen dem Öffent-
lichen Gesundheitsdienst in Deutschland sowie
den Akteuren auf internationaler Ebene (WHO,

 
Ziele und Rahmenbedingungen
11
Europäisches Zentrum für die Prävention und
Kontrolle von Krankheiten (ECDC)).
Der Expertenbeirat Influenza ist ein wissenschaft-
liches Beratungsgremium, das das RKI vor und
während einer Influenzapandemie berät. Seine
Geschäftsstelle ist am RKI angesiedelt. Diesem
Gremium gehören Vertreter verschiedener thema-
tisch involvierter Bundesinstitute sowie persönlich
berufene Experten aus medizinischen Fachgesell-
schaften an. Zusätzlich sind Bundesministerien,
die Obersten Landesgesundheitsbehörden (AG der
Abteilungsleiter der Obersten Landesgesundheits-
behörden (AOLG) und AG Infektionsschutz) sowie
weitere Institutionen als Gäste vertreten.
Das
PEI
, Bundesinstitut für Impfstoffe und bio-
medizinische Arzneimittel, berät im Pandemiefall
zu Fragen der Impfstoffbeschaffung und Impf-
stoffanwendung sowie zur Bewertung von uner-
wünschten Arzneimittelwirkungen. Das
BfArM
ist
zuständig für die Nutzen-Risikobewertung von
Arzneimitteln und Medizinprodukten.
Die
BZgA
ist im Pandemiefall zuständig für die
Realisierung bundesweit ausgerichteter Kommu-
nikationsmaßnahmen für die Bevölkerung.
Abhängig vom Verlauf einer Pandemie kann ein
Gemeinsamer Krisenstab des BMI und des BMG
zur Bewältigung einer großflächigen, national
bedeutsamen Gefahren- und Schadenslage mit
Betroffenheit der Inneren Sicherheit und des
Gesundheitswesens gebildet werden. Er ist das
zentrale Krisenreaktionsinstrument beider Bun-
desministerien und soll ein bundeseinheitlich ko-
ordiniertes Vorgehen im Gesundheitsschutz sowie
im Bereich der Inneren Sicherheit in Abstimmung
mit den Krisenstäben der Länder fördern [3].
Presseerklärungen und Öffentlichkeitsarbeit wer-
den direkt im Gemeinsamen Krisenstab des BMI
und des BMG abgestimmt. Der Krisenstab des
BMG arbeitet dann dem Gemeinsamen Krisenstab
zu.
Das Krisenmanagement auf Bundesebene wird
fortlaufend durch den
Ressortkreis Nationales Kri-
senmanagement
unter Federführung des BMI op-
timiert, der als Plattform für die Ressortabstim-
mung zu konzeptionellen, organisatorischen und
verfahrensmäßigen Themen des Krisenmanage-
ments dient.
Seit dem Jahr 2004 wird das System des Krisen-
managements zwischen Bund und Ländern unter
Federführung des BMI durch ressort- und länder-
übergreifende Krisenmanagement-Übungen im
zweijährigen Rhythmus geübt.
1.4.2
Strukturen auf Länderebene
Die
GMK
ist das Gremium des fachlichen und po-
litischen Meinungsaustausches zwischen den Mi-
nisterinnen und Ministern sowie Senatorinnen
und Senatoren für Gesundheit der Bundesländer.
Jährlich findet eine Sitzung der GMK statt. In
besonderen Lagen oder bei besonderem Abstim
-
mungsbedarf wird sie zudem kurzfristig einberu-
fen. Darüber hinaus werden auch Telefonkonfe-
renzen abgehalten.
Entscheidungen der GMK werden auf Ebene der
Amtschefinnen und Amtschefs der Ministerien
und Senatsverwaltungen (ACK) und auf Ebene der
AOLG vorbereitet. Sowohl bei der GMK als auch
bei der ACK und AOLG ist das BMG als Gast ver-
treten.
Die GMK ist das Gremium wichtiger Entschei-
dungsfindungen der Länder, auch im Rahmen der
Pandemieplanung und der Maßnahmen zur Be-
wältigung einer Pandemie.
Die AOLG hat zu Schwerpunktthemen Arbeits-
gruppen eingerichtet. Für Fragen der Prävention
und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten und
damit für die Pandemieplanung ist die
AG Infek-
tionsschutz
der AOLG zuständig. In der AG Infek-
tionsschutz haben das BMG, das Bundesminis-
terium für Verteidigung, das RKI, das PEI, die
Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Virus-
krankheiten e. V. (DVV) und die BZgA Gaststatus.
Die AG Infektionsschutz stimmt im Pandemiefall
mit dem RKI und weiteren Institutionen die kon-
kreten Maßnahmen des Infektionsschutzes ab.
Erkenntnisse der gemäß § 11 IfSG für das Melde-

 
12
Ziele und Rahmenbedingungen
wesen zuständigen Landesbehörden und der auf
Fachebene installierten
AG Surveillance
werden
in den Entscheidungsprozess einbezogen.
Im Rahmen der Pandemieplanung und im Ereig-
nisfall bestehen Berührungspunkte zu weiteren
Arbeitsgruppen der AOLG sowie anderen Gremi-
en, wie dem Arbeitsschutz oder Rettungsdienst.
Insbesondere für arzneimittelrechtliche Fragen
und für die Einbeziehung des Apothekenwesens,
ist die
AG Arzneimittel-, Apotheken-, Transfusi-
ons- und Betäubungsmittelwesen der AOLG
(AG
AATB) verantwortlich, für den Bereich Kranken-
häuser die
AG Krankenhauswesen
.
1.4.3
Abstimmung zwischen Bund und Ländern
Die Allgemeine Verwaltungsvorschrift über die Ko-
ordinierung des Infektionsschutzes in epidemisch
bedeutsamen Fällen (Verwaltungsvorschrift-IfSG-
Koordinierung – IfSG-Koordinierungs-VwV) vom
12. Dezember 2013 (BAnz AT 18.12.2013 B3) legt
Verfahren fest, wie das RKI und das BMG in epide-
misch bedeutsamen Fällen, wie einer Pandemie,
mit anderen Behörden des Bundes und den Behör-
den des ÖGD der Länder Informationen austau-
schen und zusammenarbeiten.
Die Abstimmung zur Umsetzung konkreter rele-
vanter Maßnahmen, wie beispielsweise der Kauf
von Impfstoffen für den Pandemiefall, erfolgt auf
den Ebenen der GMK, ACK und AOLG mit dem
BMG durch einberufene Konferenzen oder Tele-
fonschaltkonferenzen.
Die fachliche Abstimmung zwischen Bund und
Ländern findet in erster Linie durch das RKI mit
den Mitgliedern der AG Infektionsschutz der
AOLG statt.
Bei lang anhaltenden, länderübergreifenden Ge-
fahren- oder Schadenslagen mit hohem Abstim-
mungs- und Beratungsbedarf, die nach Art und
Umfang mit den sonstigen Verfahren und Einrich-
tungen der Krisenbewältigung von Bund und Län-
dern voraussichtlich nicht bewältigt werden, wird
die
IntMinKoGr
einberufen.
1.5 Informationsaustausch und
Abstimmung auf internationaler
und europäischer Ebene
Die Bundesrepublik Deutschland hat aufgrund völ-
kerrechtlicher und europarechtlicher Regelungen
Informationspflichten, die im Fall einer Influenza-
pandemie zu erfüllen sind.
Nach den IGV vom 23. Mai 2005 haben die Ver-
tragsstaaten gegenüber der WHO Informations-
pflichten in Bezug auf Ereignisse, die eine gesund-
heitliche Notlage von internationaler Tragweite im
Hoheitsgebiet des Vertragsstaates darstellen kön-
nen, insbesondere beim Auftreten von humaner
Influenza, die durch einen neuen Subtyp des Virus
verursacht wird. Zur Erfüllung dieser Verpflichtun-
gen benötigt das RKI aus verschiedenen Quellen
folgende Informationen (vgl. Artikel 6 Absatz 1
und 2, Artikel 9 Absatz 2, Artikel 43 IGV; § 4 Ab-
satz 2 IGV-DG, § 12 Absatz 1 IfSG):
das Auftreten von humaner Influenza, verur-
sacht durch einen neuen Subtyp des Virus, Tat-
sachen, die auf das Auftreten hinweisen oder
zum Auftreten führen können,
eingeschleppte Krankheitsfälle, die ausgehend
vom Herkunftsort eine grenzüberschreitende
Ausbreitung einer bedrohlichen Krankheit be-
fürchten lassen,
kontinuierlich gemeldete Fälle sowie weitere
Daten zur Zahl und Schwere von Neuerkran-
kungen, basierend auf der syndromischen Sur-
veillance und einer zu etablierenden Kranken-
haussurveillance,
die als Reaktion auf das Ereignis getroffenen
Maßnahmen,
zusätzliche Gesundheitsmaßnahmen, die über
Empfehlungen der WHO hinausgehen und den
internationalen Handels- oder Reiseverkehr
erheblich beeinträchtigen, insbesondere Ver
-
weigerung der Ein- oder Abreise um mehr als
24 Stunden und
sonstige Informationen die für die Bewertung
der Tatsachen und für die Verhütung und Be-
kämpfung der übertragbaren Krankheit von
Bedeutung sind.

Ziele und Rahmenbedingungen
13
Deutschland kommuniziert durch seine nationale
IGV-Anlaufstelle (engl. „IHR National Focal Point“)
mit der IGV-Kontaktstelle der WHO Euro beim
Regionalbüro in Kopenhagen (WHO IHR Contact
Point). Nationale IGV-Anlaufstelle ist das gemein-
same Melde- und Lagezentrum von Bund und Län-
dern im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und
Katastrophenhilfe. Für den Bereich der übertrag-
baren Krankheiten trifft jedoch das RKI die fach-
lichen Entscheidungen, welche Informationen auf
diesem Wege weitergeleitet werden (vgl. §§ 3 und
4 IGV-DG).
Bei der WHO trifft die/der Generaldirektor/in ge-
gebenenfalls eine Feststellung über das Vorliegen
einer gesundheitlichen Notlage von internationaler
Tragweite und kann sodann zeitlich befristete
Empfehlungen geben, welche Gesundheitsmaß-
nahmen ergriffen werden sollen, um die grenz-
überschreitende Ausbreitung der Krankheit zu
verhindern oder zu verringern. Die Empfehlungen
sind ein Instrument zur Koordinierung der Gegen-
maßnahmen, sie sind für die Vertragsstaaten je-
doch nicht bindend.
Auf EU-Ebene erfolgen die Frühwarnung, Mel-
dung, Risikobewertung, der Informationsaus-
tausch über Maßnahmen und die Koordinierung
insbesondere auf Grundlage des
Beschlusses Nr. 1082/2013/EU des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 22. Oktober
2013 zu schwerwiegenden grenzüberschreiten-
den Gesundheitsgefahren und zur Aufhebung
der Entscheidung Nr. 2119/98/EU (Beschluss
Nr. 1082/2013/EU),
der Verordnung Nr. 851/2004/EG des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 21. April
2004 zur Errichtung eines Europäischen Zen-
trums für die Prävention und Kontrolle von
Krankheiten und
der Entscheidung Nr. 2000/96/EG der Kom-
mission vom 22. Dezember 1999 betreffend die
von dem Gemeinschaftsnetz nach und nach zu
erfassenden übertragbaren Krankheiten gemäß
der Entscheidung Nr. 2119/98 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates (ABl. L 28 vom
3.2.2000 S. 50).
Beim ECDC wird das internetbasierte Europäische
Frühwarn- und Reaktionssystem betrieben. Für
Deutschland bedient das RKI für den Bereich der
Infektionskrankheiten das System mit Informatio-
nen. Über das System erfolgt auch eine Koordinie-
rung der Gegenmaßnahmen der Mitgliedstaaten.
Darüber hinaus erfolgt die Koordinierung in Tele-
fonkonferenzen oder Sitzungen durch den Ge-
sundheitssicherheitsausschuss (Health Security
Committee) und seine Arbeitsgruppen. Es setzt
sich aus Vertretern der EU-Mitgliedstaaten (für
Deutschland: BMG), der Europäischen Kommis-
sion und relevanten europäischen Agenturen zu-
sammen. Aufgaben dieses Gremiums sind der
Informationsaustausch, die Koordinierung der
Bereitschaftsplanung sowie die Koordinierung des
Krisenmanagements, einschließlich der Risiko-
und Krisenkommunikation.
Quellen
[1] Pandemic Influenza Risk Management, WHO
Interim Guidance
http://www.who.int/influ
enza/preparedness/pandemic/influenza_risk_
management/en/ (veröffentlicht am 10. Juni
2013, letzter Zugriff am 11. Mai 2015)
[2] Fock R, Bergmann H, Bußmann H, Fell G, Fin-
ke E-J, Koch U, Niedrig M, Peters M, Scholz D,
Wirtz A. Management und Kontrolle einer
Influenzapandemie. Konzeptionelle Überle
-
gungen für einen deutschen Pandemieplan.
Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Ge-
sundheitsschutz 2001; 44:969–980
[3] Bundesministerium des Innern. System des
Krisenmanagements in Deutschland.
www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/
DE/Broschueren/2012/system_krisenmanage
ment.pdf (veröffentlicht am 10. Januar 2014,
letzter Zugriff am 11. Mai 2015)

 
Surveillance des Krankheitsgeschehens
15
2.1 Hintergrund
Epidemiologische Surveillance ist die fortlaufende
systematische Sammlung, Analyse, Bewertung
und Verbreitung von Gesundheitsdaten zum
Zweck der Planung, Durchführung und Bewer-
tung von Maßnahmen zur Krankheitsbekämp-
fung. Beim Auftreten einer Influenzapandemie
müssen für die Bewertung der epidemiologischen
Lage und für die Auswahl der an die Situation
angepassten Kontroll- und Bekämpfungsmaß-
nahmen bestimmte epidemiologische Parameter
bekannt sein. Diese Parameter müssen durch
funktionsfähige Surveillance-Systeme erhoben
werden, die vor einer Pandemie etabliert werden
und mit denen bereits in der interpandemischen
Phase Daten als Vergleich erhoben wurden.
Die für Deutschland vorgesehenen Instrumente,
deren aktueller Entwicklungsstand sowie ausge-
wählte Surveillance-Instrumente zur Information
über spezifische Aspekte der epidemiologischen
Situation sind nachfolgend dargestellt. Surveil-
lancekonzepte und notwendige Studien zur ra-
schen Bestimmung zentraler epidemiologischer
Parameter, wie z.B. Ausbreitungsgeschwindigkeit,
Infektiosität, einer vorbestehenden Immunität in
der Bevölkerung oder Bestimmung von Risiko-
gruppen werden in Teil II des NPP dargestellt.
2.2 Maßnahmen
2.2.1
Bundesweit etablierte Systeme
Meldepflicht für Influenza gemäß
Infektionsschutzgesetz
Der direkte Nachweis von Influenzaviren ist ge-
mäß § 7 Absatz 1 Nr. 25 IfSG meldepflichtig. Nach
§ 11 Absatz 1 IfSG werden die Nachweise über die
zuständigen Landesbehörden an das RKI übermit-
telt.
Mit Änderung des IfSG zum 29. März 2013 wur-
den die Übermittlungszeiten deutlich verkürzt.
Die an das Gesundheitsamt der Hauptwohnung
namentlich gemeldeten Nachweise von Krank-
heitserregern werden gemäß den vom RKI veröf-
fentlichten Falldefinitionen bewertet und spätes-
tens am folgenden Arbeitstag an die zuständige
Landesbehörde sowie von dort spätestens am fol-
genden Arbeitstag an das RKI übermittelt.
Auf der Grundlage von § 12 IfSG müssen im Falle
einer gesundheitlichen Notlage von internationaler
Tragweite (im Sinne von Artikel 1 Absatz 1 IGV),
wie z. B. im Fall von humaner Influenza durch ei-
nen neuen Subtypen des Virus, unverzüglich Mit-
teilungen über das RKI an die WHO erfolgen. Da-
bei sind auch die getroffenen Maßnahmen und
sonstige Informationen, die für die Bewertung der
Tatsachen und für die Verhütung und Bekämp-
fung der übertragbaren Krankheit von Bedeutung
sind, zu übermitteln.
Außerdem hat das RKI hierzu Angaben an die
Kommission der Europäischen Union und die zu-
ständigen Behörden der Mitgliedstaaten umge-
hend zu übermitteln.
Grundsätzlich eignen sich die durch die Melde-
pflicht gewonnenen Daten zur Beobachtung des
Epidemieverlaufs und liefern wertvolle einzelfall-
basierte Informationen. Sie eignen sich aber nur
sehr eingeschränkt zur Einschätzung der Krank-
heitslast in der Bevölkerung, da keine Daten über
den Krankheitsverlauf erfasst werden. Außerdem
gehen in das System nur die labordiagnostisch ge-
sicherten Infektionen ein, was nur einen kleinen
Teil der Fälle abbildet.
Anpassung der Meldepflicht an die
epidemiologische Lage
Auf der Grundlage des § 15 IfSG kann das BMG per
Verordnung die Meldepflicht für die in § 6 IfSG
aufgeführten Krankheiten oder die in § 7 auf-
geführten Krankheitserreger aufheben, einschrän-
ken oder erweitern oder die Meldepflicht auf
andere übertragbare Krankheiten oder Krankheits-
erreger ausdehnen, soweit die epidemische Lage
dies zulässt oder erfordert. Auf dieser Grundlage
wurde am 11. Mai 2007 die Meldepflicht auf aviäre
Influenza beim Menschen ausgedehnt [1].
2
Surveillance des Krankheitsgeschehens

16
Surveillance des Krankheitsgeschehens
Auch während der Influenzapandemie 2009 wur-
de § 15 IfSG herangezogen: Am 2. Mai 2009 wurde
die „Verordnung über die Meldepflicht bei Influen-
za, die durch das erstmals im April 2009 in Nord-
amerika aufgetretene neue Virus („Schweine-Grip-
pe“) hervorgerufen wird“ veröffentlicht [2].
Entsprechend der epidemiologischen Lage und
Erfordernisse wurde sie am 9. November 2009
angepasst [3]. Sie trat am 1. Mai 2010 außer Kraft.
Von dieser Möglichkeit kann in einer zukünftigen
Influenzapandemie ebenfalls Gebrauch gemacht
werden.
SurvNet
Im Jahr 2001 wurde mit dem Meldesystem zum
IfSG ein kostenloses Programm, SurvNet@RKI,
vom RKI entwickelt. Es wurde den Gesundheits-
ämtern und Landesstellen bereitgestellt, um alle
relevanten Sachverhalte, die gemäß IfSG von Ärz-
ten, Laboren und anderen zur Meldung verpflich-
teten Personen an die Gesundheitsämter gemeldet
werden, zu erfassen, zu verwalten und über die
zuständigen Landesbehörden an das RKI zu über-
mitteln. Es ist damit möglich, Daten auf Bundes-
landebene als auch für Deutschland zu analysieren
und zu veröffentlichen.
Dieses Programm wurde ständig weiterentwickelt.
Im Jahr 2011 wurde SurvNet@RKI 3.0 herausgege-
ben und damit eine Vielzahl neuer Funktionen
etabliert. Darunter die Einführung von Bewer-
tungsalgorithmen zur automatischen Feststellung,
ob ein Fall der Falldefinition genügt. Zukünftige
Anpassungen der Meldepflicht oder der Falldefini-
tionen lassen sich technisch mit deutlich vermin-
dertem Aufwand bewerkstelligen.
SurvStat
Das RKI stellt für Auswertungen auf der Internet-
seite SurvStat@RKI zur Verfügung
(www.rki.de/
survstat). SurvStat@RKI bietet die Möglichkeit,
einen vereinfachten Datenbestand der nach dem
IfSG meldepflichtigen Krankheitsfälle und Erre-
gernachweise individuell abzufragen und nach ei-
genem Bedarf Tabellen und Graphiken zu erstel-
len
(www.rki.de
> Infektionsschutz > SurvStat).
Sentinel der Arbeitsgemeinschaft Influenza
Die Krankheitslast durch Influenza in der Bevölke-
rung wird in Deutschland durch die Erhebung von
Atemwegserkrankungen in primärversorgenden
Haus- und Kinderarztpraxen (Syndromische Sur-
veillance) über das Sentinel der Arbeitsgemein-
schaft Influenza bestimmt. Erhoben werden dafür
akute respiratorische Erkrankungen in verschiede-
nen Altersgruppen, sowie Krankenhauseinweisun-
gen, Arbeitsunfähigkeiten und Todesfälle wegen
akuter Atemwegserkrankungen. Das Sentinel der
Arbeitsgemeinschaft Influenza wird seit 2009 voll-
ständig durch das RKI getragen und ganzjährig
durchgeführt. Die Spezifität der Surveillance ba-
siert auf der begleitenden virologischen Analyse
eines Teils der im Sentinel erfassten Erkrankun-
gen. Im Rahmen des Sentinels der Arbeitsgemein-
schaft Influenza werden von den Sentinelärzten
eingesandte Nasen- und Rachenabstriche im Na-
tionalen Referenzzentrum (NRZ) für Influenza am
RKI untersucht und die detektierten Influenzavi-
ren typisiert bzw. subtypisiert. Das NRZ für Influ-
enza analysiert darüber hinaus in Deutschland
isolierte Influenzaviren hinsichtlich ihres antige-
nen und molekularen Profils, so dass umfangrei-
che Daten zur Charakterisierung der zirkulie-
renden Viren, deren Resistenzeigenschaften und
Übereinstimmung mit den im Impfstoff enthalte-
nen Stämmen zur Verfügung stehen. Unterstützt
wird die virologische Surveillance durch kooperie-
rende Landeslabore aus sechs Bundesländern
(Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vor-
pommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen;
Stand 2015). Alle Information und regelmäßige
Berichte können über die Internetseite https://in
fluenza.rki.de abgerufen werden.
GrippeWeb
Die Schätzungen der Arbeitsgemeinschaft Influ-
enza basieren auf der Inanspruchnahme ärztlicher
Leistungen im ambulanten Bereich und sind da-
mit stark vom Konsultationsverhalten in der Bevöl-
kerung abhängig. Sie können nicht den Anteil der
Erkrankungen erfassen, der nicht zu einem Arzt-
besuch führt. Im März 2011 wurde daher am RKI
ein webbasiertes System zur Beobachtung der Ak-
tivität akuter Atemwegserkrankungen und grippe-
ähnlicher Erkrankungen (influenza-like illness;
ILI) auf Bevölkerungsebene in Deutschland eta-

 
Surveillance des Krankheitsgeschehens
17
bliert. Dabei wird erhoben, welcher Anteil der
Gesamtbevölkerung pro Woche an einer akuten
Atemwegsinfektion (bzw. ILI) erkrankt ist und wel-
cher Anteil mit solch einer Erkrankung eine ärzt-
liche Praxis aufgesucht hat. Auch Analysen der be-
troffenen Altersgruppen und der geographischen
Ausbreitung sind möglich. Auf der Internetseite
https://grippeweb.rki.de sind weitere Informatio-
nen abrufbar und eine Registrierung zur Teilnah-
me möglich.
2.2.2
Bundesweit weiter zu entwickelnde
Systeme
Elektronisches Informationssystem
Mit Änderung des IfSG zum 29. März 2013 wur-
den die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaf-
fen, um ein elektronisches Meldesystem zu erpro-
ben.
Bund und Länder haben anlässlich des EHEC-
Ausbruchs intensiv über die Notwendigkeit der
Verbesserung des Meldewesens nach dem IfSG
diskutiert und sind sich in der Zielsetzung eines
elektronischen Meldeverfahrens einig. Auf Bitten
der 84. GMK hat das BMG eine Machbarkeitsstu-
die für ein „Deutsches Elektronisches Meldesys-
tem für Infektionsschutz“ (DEMIS) in Auftrag
gegeben, deren Ergebnisse vorliegen. Die Überwa
-
chung eines Krankheitsgeschehens während einer
Pandemie könnte ein möglicher Einsatzbereich für
DEMIS sein. Danach wäre DEMIS grundsätzlich
geeignet, das Meldewesen nach IfSG zu verbes-
sern.
Elektronische Patientendokumentation zur
Erfassung ambulanter Behandlungen von akuten
respiratorischen Erkrankungen (ARE)
Die Nutzung elektronischer Patientendokumenta-
tionssysteme in Arztpraxen (Arztinformationssys-
teme, AIS) zur robusten und standardisierten Er-
fassung ambulanter Konsultationen aufgrund von
ARE wurde im Rahmen eines Projektes 2006 be-
gonnen. Bei dem Sentinel zur elektronischen Er-
fassung von Diagnosecodes akuter respiratorischer
Erkrankungen (SEED
ARE
) werden über das AIS
akute Atemwegserkrankungen nach ICD-10 ko-
dierte Diagnosen (anonymisiert und einzelfallba-
siert mit Alter, Geschlecht, Impfung in der Praxis,
Arbeitsunfähigkeit, Hospitalisierung) erfasst so-
wie alle Konsultationen, aggregiert nach sieben
Altersgruppen, ermittelt. Diese Daten werden mo-
mentan einmal wöchentlich an das RKI übermit-
telt und analysiert. Das System liefert seit 2009
kontinuierlich und zuverlässig Daten. Seit der Sai-
son 2012/2013 gehen diese erhobenen Daten in die
syndromische Surveillance und Berichterstattung
der Arbeitsgemeinschaft Influenza ein. Zukünftig
soll der Einsatz elektronischer Erfassungs- und
Übermittlungssysteme weiter ausgebaut werden.
Krankenhaussurveillance
Eine flächendeckende, repräsentative, robuste und
aussagekräftige Krankenhaussurveillance ist nötig,
um Daten zur individuellen klinischen Schwere
der Influenzaerkrankungen zu erheben. Von No-
vember 2009 bis März 2010 wurde am RKI die
„Pandemische Influenza A/H1N1 Krankenhaus
Surveillance (PIKS)“ durchgeführt. Die Datener-
fassung erfolgte mittels des webbasierten elektro-
nischen Systems „webKess“, der Online-Plattform
des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems
(KISS). An dem auf freiwilliger Basis durchgeführ-
ten PIKS nahm nur eine geringe Zahl von Kran-
kenhäusern teil, zudem lagen keine Vergleichsda-
ten für die saisonale Influenza aus den Vorjahren
im Sinne einer Basislinie vor. Im Fall einer neuen
Pandemie könnte PIKS wieder aktiviert werden.
Für die Vergleichbarkeit zwischen pandemischer
und saisonaler Influenza wäre jedoch die Etablie-
rung eines eigenständigen, dauerhaften und über-
regionalen Systems zur Krankenhaussurveillance
notwendig.
Mortalitätssurveillance
Die Gesamtmortalitätssurveillance ermöglicht es,
Veränderungen der Sterberaten in den einzelnen
Altersgruppen und Regionen zu erkennen. Die
bestehenden Systeme müssen hierzu angepasst
werden, um eine tagesgenaue, zeitnahe Übermitt-
lung von Basiswerten (Alter, Geschlecht, Sterbe-
woche, Meldedatum, Sterbeort) zu ermöglichen.
Das 2009 eingeführte elektronische Personen-
standsregister bietet hierzu gute Voraussetzungen
für eine bundesweite Erfassung und Analyse der
Daten zur frühen Erkennung einer Übersterblich-
keit.

 
18
Surveillance des Krankheitsgeschehens
Seit 1. Januar 2014 übermitteln alle Standesämter
in Deutschland die Sterbefälle nach einheitlichem
Datenformat (sog. XPersonenstand). Es ist vorge-
sehen, auf dieser Grundlage eine Mortalitätssur-
veillance für ganz Deutschland zu etablieren.
2.2.3
Regional etablierte Systeme
Surveillance in Kindergemeinschaftseinrichtungen
Da Kinder und Jugendliche eine bedeutsame Rolle
bei der Weiterverbreitung von Influenza spielen,
wurde in einigen Bundesländern mit einer Surveil-
lance in Kindertagesstätten begonnen, die z. T.
durch virologische Untersuchungen ergänzt wird.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen einen unter-
schiedlichen Stellenwert im Rahmen der lokalen
bzw. regionalen Bewertung der Situation und Res-
sourcensteuerung. Sie sind in den jeweiligen Lan-
despandemieplänen dargestellt.
2.2.4
Weitere Systeme
Überwachung der Zirkulation von Influenzaviren
bei Tieren
Die Überwachung der Zirkulation von Influenza-
viren bei Tieren ist wichtig zur Früherkennung von
neuen Influenzaviren und zur Abschätzung von
deren Gefahrenpotential für Menschen. Zurzeit
wird eine begrenzte passive Surveillance bei Wild-
vögeln durchgeführt, wobei insbesondere hoch-
pathogene aviäre Influenzaviren im Fokus stehen.
Im Geflügelbereich ist ein bundesweit aktives Se-
romonitoring eingerichtet, das durch das Fried-
rich-Loeffler-Institut betreut wird.
Schweine- und Pferdebestände werden derzeit
keinem regelmäßigen und kontinuierlichen Mo-
nitoring unterzogen. Zur Früherkennung von
Erregern mit pandemischem Potenzial in den
Tierbeständen wird ein verstärktes aktives und
kontinuierliches Monitoring von Geflügel- und
Schweinebeständen als wichtiger Baustein der Sur-
veillance betrachtet.
Quellen
[1] Auszug aus der Verordnung über die Melde-
pflicht bei Aviärer Influenza beim Menschen
(Aviäre-Influenza-Meldepflicht-Verordnung,
AIMPV) vom 11. Mai 2007 (BGBl. I S. 732):
㤠1 Abs. 1 Die Pflicht zur namentlichen Meldung
nach § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 des Infektionsschutz-
gesetzes wird ausgedehnt auf 1. den Krankheitsver-
dacht, 2. die Erkrankung sowie 3. den Tod eines
Menschen an Aviärer Influenza. Die Meldung
eines Krankheitsverdachts nach Nummer 1 hat
nur zu erfolgen, wenn der Verdacht nach dem
Stand der Wissenschaft sowohl durch das klinische
Bild als auch durch einen wahrscheinlichen epide-
miologischen Zusammenhang begründet ist. Die
dazu vom Robert Koch-Institut auf der Grundlage
von § 4 Abs. 2 Nr. 1 des Infektionsschutzgesetzes
veröffentlichte Empfehlung ist zu berücksichtigen.“
[2] Auszug aus der Verordnung über die Melde-
pflicht bei Influenza, die durch das erstmals im
April 2009 in Nordamerika aufgetretene neue
Virus („Schweine Grippe“) hervorgerufen wird
vom 30. April 2009 (BAnz. S. 1590):
㤠1 Abs. 1 Die Pflicht zur namentlichen Meldung
nach § 6 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 des Infektions-
schutzgesetzes wird ausgedehnt auf 1. den Krank-
heitsverdacht, 2. die Erkrankung sowie 3. den Tod
eines Menschen an Influenza, die durch das erst-
mals im April 2009 in Nordamerika aufgetretene
neue Virus hervorgerufen wird (neue Grippe). Die
Meldung eines Krankheitsverdachts nach Num-
mer 1 hat nur zu erfolgen, wenn der Verdacht nach
dem Stand der Wissenschaft sowohl durch das kli-
nische Bild als auch durch einen wahrscheinlichen
epidemiologischen Zusammenhang begründet ist.
Die dazu vom Robert Koch-Institut auf der
Grundlage von § 4 Absatz 2 Nummer 1 des Infek-
tionsschutzgesetzes veröffentlichte Empfehlung ist
zu berücksichtigen.“
[3] Auszug aus der Verordnung zur Änderung der
Verordnung über die Meldepflicht bei Influen-
za, die durch das erstmals im April 2009
in Nordamerika aufgetretene neue Virus
(„Schweine-Grippe“) hervorgerufen wird:
„§ 1 Abs. 1 […] wird wie folgt gefasst: „1. Die Pflicht
zur namentlichen Meldung nach § 6 Absatz 1
Satz 1 Nummer 1 des Infektionsschutzgesetzes
wird ausgedehnt auf den Tod eines Menschen an
Influenza A(H1N1) („Schweine-Grippe“).“

 
Influenza-Diagnostik
19
3.1 Klinik
Das klinische Bild einer Influenza-Erkrankung
kann sehr unterschiedlich sein und ggf. durch bak-
terielle Superinfektionen kompliziert werden. Das
RKI wird bei Auftreten einer Pandemie schnellst-
möglich eine klinische Falldefinition erstellen.
Bis zum Vorliegen dieser sollte man sich an den
RKI-Empfehlungen orientieren [1]. Patienten, die
sich 2009 mit dem Pandemievirus Influenza
A(H1N1)2009 infizierten, erkrankten mit unter-
schiedlich schwer ausgeprägter Klinik von sympto-
marm bis zu schwersten Verläufen mit tödlichem
Ausgang, betroffen waren v. a. junge Erwachsene.
Zur Absicherung der klinischen Diagnose, welche
im Pandemiefall neben der Kenntnis der epide-
miologischen Situation das wichtigste Handlungs-
kriterium für Therapieentscheidungen darstellt,
steht dem Arzt eine weiterführende Labordiagnos-
tik zur Verfügung (s. Tabelle 3.1). Die Indikation
zur weiterführenden Influenzadiagnostik wird
vom behandelnden Arzt gestellt.
3.2 Ziel der Diagnostik
Je nach dem Verlauf der Pandemie muss eine ge-
eignete Diagnostik zum Einsatz kommen. So be-
steht zum einen das Ziel, durch den Einsatz der
Diagnostik den einzelnen Betroffenen adäquat
therapieren zu können, zum anderen die Notwen-
digkeit, die epidemiologische Situation des Pande-
miegeschehens zu überwachen. Die Entscheidung
und Koordinierung, welche diagnostischen Metho-
den zu welchem Zeitpunkt der Pandemie einzuset-
zen sind, sollte von zentraler Stelle, möglichst in
Zusammenarbeit mit einem Netzwerk von spezia-
lisierten Laboratorien und entsprechend den Emp-
fehlungen des NRZ für Influenza, erfolgen.
Die Veranlassung der Diagnostik muss passend
zum Verlauf der Pandemie und den veranlassten
Maßnahmen erfolgen. Sie soll die Zielstellung der
jeweiligen Strategie „Eindämmung“ oder „Folgen-
minderung“ widerspiegeln. Dabei wird zwischen
der epidemiologischen und der therapeutischen
Indikation für die Virusdiagnostik unterschieden.
Die epidemiologische Indikation besteht – in der
Situation der Virusausbreitung – zur Erkennung
erster Fälle und von Ausbrüchen sowie zur Ein-
3 Influenza-Diagnostik
Tabelle 3.1: Labordiagnostik bei Verdacht auf Influenza
Test
Methode
Anwendung
Ergebnis nach
Basisdiagnostik
Antigennachweis
vor Ort (Schnelltest)
Immunochromatographie
mittels Teststreifen
Schnelle vorläufige Aussage
vor Ort
Antigennachweis für Influenza A und
B, keine Subtypisierung
wenigen Minuten
(cave: hohe Rate
falsch-negativer
Ergebnisse)
Antigennachweis
im Labor
Enzymimmunoassay
Antigennachweis für Influenza A und
B, keine Subtypisierung
wenigen Stunden
Genomnachweis
PCR, Real Time PCR
Nachweis von Influenza A und B
wenigen Stunden
Weiterführende Tests
Typisierung
PCR, Real Time PCR
Subtypisierung bei Nachweis von
Influenza A
1–2 Tagen
Viruskultur
Zellkulturdiagnostik mit
anschließender
serologi scher
Feintypisierung von Isolaten
Differenzierung von Influenza A, B
und Subtypen
1–2 Wochen

 
20
Influenza-Diagnostik
dämmung der Viruszirkulation. Die Diagnostik
aufgrund epidemiologischer Indikation unter-
stützt die Maßnahmen der Gesundheitsämter. Die
Diagnostik aus therapeutischer Indikation unter-
stützt die Therapieentscheidung im Sinne der Dif-
ferentialdiagnostik.
Der gezielte Einsatz der Diagnostik kann zur bes-
seren Lageeinschätzung und als Entscheidungs-
hilfe im Hinblick auf Absonderungs- und Therapie-
maßnahmen beitragen.
3.3 Probenahme
Für den Erregernachweis geeignete Untersu-
chungsmaterialien sind Abstriche oder Sekrete aus
dem Nasenrachenraum sowie Bronchialsekret
oder bronchoalveoläre Lavage. Bei Probennahme
und -transport sind die Empfehlungen des Testkit-
Herstellers bzw. des NRZ für Influenza oder des
Labors zu beachten.
3.4 Transport
Beim Postversand sind die Vorschriften des „Euro-
päisches Übereinkommen über die Beförderung
gefährlicher Güter auf der Straße“ (französisch:
„Accord européen relatif au transport international
des marchandises dangereuses par route“ – ADR),
für den Transport von ansteckungsgefährlichen
Stoffen der Klasse 6.2 zu beachten [2]. Der Ver-
sand von Kulturen hoch pathogener Vogelgrippe-
viren ist der Kategorie A und der UN-Nummer
UN-Nr. 2814 zugeordnet. Die Verpackung muss
nach der Verpackungsanweisung P 620 des ADR
vorgenommen werden. Der Versand hat mit einem
für Gefahrguttransporte zugelassenen Kurier-
dienst zu erfolgen. Kulturen aller sonstigen Influ-
enzaviren und sämtliche Patientenproben sind
Kategorie B, UN-Nr. 3373, zugeordnet, was den
Versand nach der Verpackungsanweisung P 650
mit der Bezeichnung „BIOLOGISCHER STOFF,
KATEGORIE B“ erlaubt. Einschränkend muss ge-
sagt werden, dass ansteckungsgefährliche Stoffe
einschließlich neuer Krankheitserreger, die nicht
der Kategorie A zugeordnet sind, die jedoch diesel-
ben Kriterien erfüllen oder bei denen Zweifel be-
stehen, ob sie diese Kriterien erfüllen, der Kategorie
A zuzuordnen sind. Es müsste also im Pandemie-
fall geprüft werden, welcher Kategorie Kulturen
eines zukünftigen Pandemievirus oder Patienten-
proben zuzuordnen wären. Laborspezifische Be-
sonderheiten insbesondere für den Fall der Versen-
dung eines Pandemievirus sind beim jeweiligen
Labor zu erfragen.
3.5 Diagnostische Verfahren
Die Auswahl der Testmethode richtet sich nach der
Fragestellung. Während kommerziell verfügbare
Antigen-Nachweise nur einen generellen Nach-
weis von Influenza A- oder B-Viren ermöglichen,
dafür aber auch in Form von Schnelltests im
klinischen und niedergelassenen Bereich zum
Einsatz kommen, ist der direkte Influenza-Virus-
Genomnachweis mittels Real Time PCR als
Goldstandard in Laboratorien zu betrachten, da er
einen schnellen, adaptierbaren, spezifischen und
sensitiven Direktnachweis von Influenzaviren er-
möglicht. Schnelltests liefern zwar ein zeitnahes
Ergebnis, können aber wegen niedrigerer Sensiti-
vität und Spezifität nicht uneingeschränkt empfoh-
len werden. Im Einzelfall kann ein Schnelltest vor
Ort zur schnellen Unterstützung der Entschei-
dung über Therapie und weiteres Prozedere ein-
gesetzt werden. Untersuchungen zum Influenza
A(H1N1)2009 Pandemievirus haben demonstriert,
dass neue Influenzaviren mit vergleichsweise ge-
ringerer Sensitivität in kommerziellen Schnelltest-
Verfahren nachweisbar sein können. Die Nützlich-
keit dieser Tests erweist sich i. d. R. erst nach
Validierung.
Die molekulare Charakterisierung von Influenza-
viren sowie die Virusanzucht dienen u. a. wissen-
schaftlichen und epidemiologischen Fragestellun-
gen und werden durch spezialisierte Labore (z.B.
NRZ Influenza, Laboratorien der Länder) durchge-
führt.
Bei anhaltender Übertragung des pandemischen
Virus in der Bevölkerung wird die Labordiagnostik
nur eine untergeordnete Rolle spielen. Diagnose
und Therapieentscheidungen werden sich im We-
sentlichen auf klinische und epidemiologische Kri-
terien stützen, die bei hoher Inzidenz einen ausrei-
chend guten positiven Vorhersagewert aufweisen.

 
Influenza-Diagnostik
21
3.6
Lageabhängige prozedurale Algo
-
rithmen und Verantwortlichkeiten
Die präpandemische Überwachung der Influen-
zaaktivität erfolgt durch drei Systeme: Das Senti-
nelsystem der Arbeitsgemeinschaft Influenza, die
Influenzaüberwachung der Länder (Gesundheits-
behörden) sowie die gesetzliche Labormeldepflicht
(s. Kapitel 2). Dadurch ist eine ständige bevölke-
rungsrepräsentative Aussage zur Verteilung von
Influenzainfektionen in Deutschland gewährleis-
tet.
International ermöglicht die Teilnahme des NRZ
Influenza am von der WHO etablierten weltweiten
Influenza-Surveillance-and-Response-System-Netz-
werk sowie dem Pandemic Influenza Preparedness
Framework die Früherkennung einer neuen Pan-
demie und den gegenseitigen Austausch von Influ-
enzaviren mit pandemischem Potential.
Bei weltweitem Erstauftreten pandemischer In-
fluenzaviren übernimmt das NRZ Influenza die
Koordination und erstellt eine Standardarbeits-
anweisung (SOP) in nationaler und internationaler
Kooperation.
Zur Sicherung der diagnostischen Expertise und
Kapazität soll ein Influenza-Labornetzwerk aufge-
baut werden, in dem virologische Laboratorien der
Länder und verschiedener Universitäten vertreten
sind. Entscheidende Parameter für die Aufnahme
in das Labornetzwerk sind Qualifikation, Expertise
und geografische Lage. Ein solches Netzwerk ist im
interpandemischen Zeitraum zu etablieren und
bei erstem Auftreten pandemischer Influenzaviren
zu aktivieren.
Das darauf folgende Vorgehen lässt sich in 4 Stu-
fen einteilen, die je nach Verlauf des pandemi-
schen Geschehens zeitlich variieren können:
1. Stufe: Bei nationalem Auftreten erster Infekti-
onsverdachtsfälle mit einem neuen pan-
demischen Influenzavirus soll Unter-
suchungsmaterial immer an das NRZ
Influenza zur Analyse versandt werden.
2. Stufe: Die virologische Primärdiagnostik kann
in allen Laboratorien des Influenza-La-
bornetzwerks erfolgen, mit Laborbestäti-
gung durch das NRZ Influenza.
3. Stufe: Die Diagnostik einschließlich der Bestä-
tigung erfolgt in allen Laboratorien des
Influenza-Labornetzwerks.
4. Stufe: Weitere medizinische Laboratorien wer-
den SOP-konform in die Diagnostik ein-
gebunden. Das NRZ Influenza und das
Influenza-Labornetzwerk stehen ande-
ren medizinischen Laboratorien bei der
Etablierung geeigneter Nachweisverfah-
ren im Pandemiefall beratend bei.
3.7 Kostenübernahme
Kosten für diagnostische Leistungen, die im Zu-
sammenhang mit der jeweiligen Falldefinition ste-
hen und zur individualmedizinisch gebotenen
postexpositionellen Prophylaxe oder zur Therapie
des Patienten beitragen, sind von den Krankenkas-
sen zu erstatten.
Vom ÖGD veranlasste Untersuchungen mit rein
epidemiologischem Erkenntnisgewinn und zur
Einleitung von Maßnahmen des Infektionsschut-
zes werden aus öffentlichen Mitteln getragen.
Quellen
[1] Robert Koch-Institut, Falldefinitionen des
Robert Koch-Instituts zur Übermittlung von
Erkrankungs- oder Todesfällen und Nachwei-
sen von Krankheitserregern – Ausgabe 2015
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/IfSG/
Falldefinition/falldefinition_node.html (letzter
Zugriff am 21.05.2015)
[2] Anlage zur Bekanntmachung der Neufassung
der Anlagen A und B des Europäischen Über-
einkommens vom 30. September 1957 über die
internationale Beförderung gefährlicher Güter
auf der Straße (ADR) (Anlageband zum Bun-
desgesetzblatt Teil II Nr. 15 vom 21. Juni 2013
in der ab dem 1. Januar 2013 geltenden Fas-
sung)
http://www.bgbl.de/banzxaver/bgbl/
start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&jump
To=bgbl213015_Anlageband.pdf (letzter Zu-
griff am 11. Mai 2015)

 
Infektionshygienische Maßnahmen
23
4.1 Hintergrund
Die H1N1-Pandemie 2009/2010 hat gezeigt, dass
die Ausbreitung eines neuen Infektionserregers
innerhalb weniger Tage erfolgen kann. Infektions-
erreger können aus einem regionalen Cluster einer
Region oder einem Land z. B. durch Flugreisende
innerhalb kürzester Zeit in eine andere Region
oder ein anderes Land importiert werden und bei
entsprechender Übertragbarkeit des Erregers dort
eine anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragung
auslösen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass inner-
halb Deutschlands Beginn und Verlauf der Pande-
mie regional sehr unterschiedlich vonstatten ging
und daher regional flexibel auf die jeweilige Situa-
tion reagiert werden musste.
Im Verlauf der Entstehung und Ausbreitung von
Epidemien oder einer Pandemie können, basierend
auf der epidemiologischen Situation, verschiedene
Stadien abgegrenzt werden. Während zu Beginn
einer Epidemie einzelne Erkrankungen als mögli-
cher Ausgangspunkt von Infektionsketten und Aus-
brüchen im Vordergrund stehen, unterscheiden
sich die nachfolgenden epidemiologischen Stadien
primär durch den Anteil und die Dynamik der Aus-
breitung innerhalb der einheimischen Bevölkerung
(autochthone Ausbreitung). Die Entwicklung der
epidemiologischen Situation ist dynamisch und die
Übergänge fließend. Die epidemiologische Situa-
tion kann in verschiedenen Regionen in Deutsch-
land unterschiedlich sein. Für die Risikoeinschät-
zung können Kriterien aus drei Bereichen
herangezogen werden (s. Kapitel „Konzept zur Risi-
koeinschätzung während einer Pandemie“, Teil II):
das epidemische Potenzial in der Bevölkerung
mit Berücksichtigung der Übertragbarkeit und
der regionalen Ausbreitungsdynamik,
das epidemiologische (Schwere)-Profil von In-
fluenzaerkrankungen, d. h. die individuelle
klinische Schwere, der Anteil der Fälle mit
schwerem Erkrankungsverlauf und die Charak-
teristika der Fälle mit schwerem Erkrankungs-
verlauf,
die Ressourcenbelastung im Gesundheitsver-
sorgungssystem.
Zur Bewertung der Situation und der Auswirkun-
gen einer Pandemie sowie zur Entscheidung über
jeweils erforderliche Interventionsmaßnahmen
müssen funktionsfähige Surveillance-Instrumente
etabliert sein, mit denen die epidemiologischen
Daten erhoben werden können. Dazu zählen u. a.
eine syndromische Surveillance, eine virologische
Surveillance, eine Krankenhaus-Surveillance und
eine Mortalitäts-Surveillance (s. Kapitel 2).
Weder zur Schwere der Erkrankung, noch zur
Transmissionsrate kann bei Beginn der Zirkulati-
on eines neuen Influenzavirus (Reassortante) eine
zuverlässige Aussage getroffen werden. Diese un-
bekannten Größen müssen daher sukzessive in die
Entscheidung über notwendige Maßnahmen Ein-
gang finden (siehe Tabelle 4.5). Zudem können
sich die einzelnen Situationen zwischen verschie-
denen Regionen oder Ländern unterscheiden und
sich im Verlauf einer Pandemie ändern. Die Hand-
lungsoptionen sollen deshalb als „Baukastensys-
tem“ auf Entscheidungsprozessen nach einheit-
lichen Kriterien basieren.
Die wissenschaftlichen Grundlagen für nicht-phar-
makologische Maßnahmen zur Influenzapräven-
tion sind in Teil II des NPP dargestellt.
4.2 Ziele
Die jeweils zu ergreifenden Maßnahmen unter-
scheiden sich hinsichtlich des Angriffspunkts bzw.
der Bekämpfungsstrategie und der Zielsetzung.
Die Anpassung der Strategie an die jeweilige Situ-
ation ist als kontinuierlicher Prozess zu verstehen.
Der anfängliche Schwerpunkt der Eindämmung
wird im Verlauf einer Pandemie auf den Schutz
vulnerabler Gruppen und die Folgenminderung
verlagert:
(1)
Frühe Erkennung und Eindämmung/Beein-
flussung der Ausbreitungsdynamik („detec-
tion & containment“):
Bei dem Auftreten eines
neuen Mensch-zu-Mensch übertragbaren In-
fluenzavirus fokussiert die Strategie auf die
4 Infektionshygienische Maßnahmen

 
24
Infektionshygienische Maßnahmen
frühe Erkennung von einzelnen Infektionen
und auf Maßnahmen, die die Verbreitung des
Influenzavirus möglichst lange verzögern.
(2)
Schutz vulnerabler Gruppen („protection“):
Die Schutzmaßnahmen werden auf die Perso-
nengruppen konzentriert, die ein erhöhtes Ri-
siko für schwere und tödliche Krankheitsver-
läufe aufweisen. Dies umfasst auch Personen,
die engen Kontakt zu vulnerablen Gruppen
haben, z. B. medizinisches Personal.
(3) F
olgenminderung („mitigation“):
Wenn eine
anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragung
in der Bevölkerung in Deutschland stattfindet,
haben die eingesetzten Schutzmaßnahmen vor
allem das Ziel, schwere Krankheitsverläufe zu
verhindern und Krankheitsspitzen mit einer
Überlastung der Versorgungsstrukturen zu
vermeiden.
(4)
Erholung („recovery“):
In der postpeak/post-
pandemischen Phase, d. h. wenn die Influ-
enzaaktivität in Deutschland den Höhepunkt
überschritten hat, muss geprüft werden, wel-
che Maßnahmen fortgeführt werden sollen
(lageabhängige und situationsangepasste De-
eskalation). Es erfolgt die Vorbereitung auf
eine mögliche weitere pandemische Welle und
auf die postpandemische saisonale Influenza.
Zudem werden Evaluationen der Pandemievor-
bereitungen und -bewältigung durchgeführt,
um die Erfahrungen in die weitere Pandemie-
planung einfließen zu lassen.
4.3 Maßnahmen
Zu den infektionshygienischen Maßnahmen im
engeren Sinn zählen:
Kontaktreduzierende Maßnahmen
Verhaltensmaßnahmen
Schutzkleidung
Desinfektionsmaßnahmen.
Weitere Maßnahmen des Infektionsschutzes sind:
Impfung (falls verfügbar)
Einsatz antiviraler Arzneimittel (unter Beach-
tung der Resistenzlage).
Zusätzlich spielen das Meldewesen, die Diagnostik
und die Information/Kommunikation eine wichtige
Rolle (siehe Tabelle 1.1 sowie Kapitel 3, 2, 7 und 9).
Der Übergang zwischen den epidemiologischen
Stadien ist fließend und beinhaltet eine schrittwei-
se Anpassung dieser infektionshygienischen Maß-
nahmen. Die zunächst fallbezogenen Maßnahmen
als Reaktion auf aufgetretene einzelne Fälle wer-
den zur Verzögerung einer generellen Ausbreitung
in der Bevölkerung mit zunehmender Zahl der
Fälle auf einzelne Personengruppen erweitert bzw.
auf allgemeine kontaktreduzierende Maßnahmen
reduziert. Auch der Surveillance-Schwerpunkt ver-
lagert sich, die Verdachtsmeldung im Einzelfall
wird abgelöst durch Meldungen von klinischen
Erkrankungen und Meldungen von Todesfällen
sowie die Erfassung der Krankheitslast.
Die Maßnahmen berücksichtigen verschiedene
Eskalations- bzw. Deeskalationsstufen. Dabei müs-
sen die auf einheitlichen Bewertungskriterien ba-
sierenden Maßnahmen zur Erreichung der Ziele
flexibel, entsprechend der regionalen epidemiolo-
gischen Situation, eingesetzt werden.
Der ÖGD führt Ermittlungen bei Erkrankten,
Krankheits- und Ansteckungsverdächtigen mit
dem Ziel durch, Infektketten durch geeignete In-
fektionsschutzmaßnahmen zu unterbrechen. Zu
diesen Maßnahmen gehören auch Informationen
sowie Ermittlungen von Kontaktpersonen im Rei-
severkehr. Maßnahmen im Reiseverkehr müssen
in Übereinstimmung mit den IGV erfolgen. Be-
standteil dieser Maßnahmen im Reiseverkehr sind
gerade in der Anfangsphase einer Pandemie mehr-
sprachige Informationen für Reisende (Entry- und
Exit-) sowie für Beschäftigte der Grenzübergangs-
stellen, der dortigen Verkehrsmittel- und Beförde-
rungsunternehmen. Die Informationen sollten an
Bahnhöfen, Busbahnhöfen, Flughäfen und Häfen
sowie ggf. weiteren Grenzübergangsstellen mög-
lichst an zentraler Stelle ausgehängt bzw. ausgelegt
oder aktiv verteilt werden.
Zu den Aufgaben des ÖGD nach IfSG gehören:
Aufklärung der Bevölkerung
Unterbrechung von Infektionsketten durch An-
ordnung von Maßnahmen/Absonderungsmaß-

Infektionshygienische Maßnahmen
25
nahmen. Die Isolierung von Ansteckungsver-
dächtigen in diesem Zusammenhang ist eine
Schutzmaßnahme gemäß § 28 IfSG in Verbin-
dung mit §§ 29 bis 31 IfSG. Das Ziel ist es, die
Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern,
und zwar unabhängig von der beruflichen
Tätigkeit. Diese infektionshygienische Maß-
nahme kann angewendet werden, wenn an-
dere – weniger in die Rechte der Betroffenen
eingreifende Maßnahmen – nicht zur Verfü-
gung stehen. Ob eine Absonderung angeordnet
wird, liegt im Ermessen der zuständigen Behör-
de (Gesundheitsamt). Das Schließen von Ge-
meinschaftseinrichtungen ist ein Instrument
gemäß § 28 IfSG, das zur Verhinderung der
Ausbreitung einer Infektionserkrankung einge-
setzt werden kann. Der ÖGD setzt dieses In-
strument dann ein, wenn die Ausbreitung der
Erkrankung dadurch unterbrochen werden
kann. Dabei ist zu bedenken, dass Kontakte der
Kinder und Jugendlichen untereinander auch
im privaten Umfeld bestehen, und allein durch
die Schließung einer Gemeinschaftseinrich-
tung eine Unterbrechung von Infektketten
nicht vollständig möglich ist.
Folgende Verfahren zur Entscheidung über die
Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen
sind möglich:
(1) Der ÖGD trifft eine Entscheidung über die
Schließung der gesamten Einrichtung oder
von Teilen der Einrichtung, wenn dies aus
infektionsprophylaktischen Gründen ange-
zeigt ist.
(2) Die Leitung der Einrichtung trifft im Rah-
men ihrer Verantwortung für die Organisa-
tion und Verwaltung der Einrichtung die
Entscheidung über die Schließung der ge-
samten Einrichtung oder von Teilen der
Einrichtung, wenn z. B. eine große Zahl von
Schülern oder Lehrkräften wegen Erkran-
kung fehlt.
Aussprechen von Tätigkeitsverboten oder Tätig-
keitsbeschränkungen gemäß § 31 IfSG. Die zu-
ständige Behörde (Gesundheitsamt) muss beur-
teilen, ob eine Gefährdung für Dritte auf Grund
der Tätigkeit besteht.
Beratung und Überwachung der Durchführung
infektionshygienischer Maßnahmen in medizi-
nischen Einrichtungen, Gemeinschaftseinrich-
tungen und Massenunterkünften
Durchführung von Schutzimpfungen in Ergän-
zung zu Arztpraxen und betriebsärztlichen
Diensten
Für die Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen ist
ein zentraler Punkt die Weitergabe von Informati-
onen sowohl an die Fachöffentlichkeit als auch an
die Bevölkerung. Bestandteil der infektionshygie-
nischen Maßnahmen sind daher Informationen
zur aktuellen Lage mit den jeweils unter den Län-
dern abgestimmten aktuellen Empfehlungen zum
Infektionsschutz.
Eine Übersicht über Maßnahmen des Infektions-
schutzes in einzelnen Bereichen, über deren Ziele
und die Verknüpfung mit verschiedenen epide-
miologischen Situationen, ist im folgenden Ab-
schnitt in tabellarischer Form dargestellt. Der zen-
trale Aspekt ist eine lageabhängige Veranlassung
von Maßnahmen:
Tabelle 4.1
gibt einen Überblick über die zur Ver-
fügung stehenden infektionshygienischen Maß-
nahmen und deren Ziele.
In den
Tabellen 4.2 bis 4.4
sind die spezifischen
infektionshygienischen Maßnahmen für verschie-
dene Bereiche bzw. Einrichtungen dargestellt (me-
dizinischer Bereich und Pflegebereich, privater
Bereich und Öffentlichkeit, Gemeinschaftseinrich-
tung und Massenunterkünfte).
Tabelle 4.5
stellt die kontaktreduzierenden Maß-
nahmen im Einzelnen dar und ordnet diesen Maß-
nahmenpaketen die Hauptziele „Eindämmung“,
„Schutz vulnerabler Gruppen“ und „Folgenminde-
rung“ zu.
Tabelle 4.6
gibt einen Überblick über die epide-
miologischen Situationen während einer Pande-
mie und verbindet diese mit Maßnahmenoptio-
nen. Berücksichtigt sind hier Maßnahmenpakete
aus Tabelle 4.1 und 4.5. Die infektionshygienischen
Maßnahmen erfolgen nach koordinierter Lageein-
schätzung zwischen Bund und Ländern.

26
Infektionshygienische Maßnahmen
Tabelle 4.1: Infektionshygienische Maßnahmen und deren vorrangige Ziele
Maßnahme
Ziel
Erläuterung
I. Meldewesen
Erkennen und Bewerten der pande-
mischen Influenza (z. B. Identifizierung
von Risikogruppen)
im frühen Stadium Verdachtsmel-
dungen; im späten Stadium klinische
Erkrankungen (s. Kapitel 2)
II. Diagnostik
Virusdetektion und Bewertung
im frühen Stadium epidemiologische
Indikation zur Diagnostik; im späten
Stadium therapeutische Indikation
III. kontaktreduzierende
Maßnahmen
Beeinflussung der Ausbreitungsdynamik
(containment)
Schutz Einzelner
Schutz vulnerabler Gruppen (protection)
in Bezug auf Gesamtbevölkerung und
öffentliche Einrichtungen
Im medizinischen Bereich und in be-
stimmten Fällen
IV. Verhaltensmaßnahmen
Beitrag zur Reduktion des Übertragungs-
risikos
(s. Tabellen 4.2, 4.4)
V. Schutzkleidung
Reduktion des Übertragungsrisikos
Individueller Schutz
Arbeitsschutz
im medizinischen Bereich und bei
bestimmten
Indikationen
(s. Tabellen 4.2, 4.4)
VI. Desinfektionsmaßnahmen
Reduktion des Übertragungsrisikos
Beseitigung von Kontamination
Arbeitsschutz
im medizinischen Bereich und bei be-
stimmten Indikationen
(s. Tabellen 4.2, 4.4)
VII. Information –
Kommunikation
aktuelle Situation darstellen und Maß-
nahmen vermitteln, um Akzeptanz der
Maßnahmen zu erreichen
transparente Information, auch zu
Wissenslücken
in Bezug auf Gesamtbevölkerung, öffent-
liche Einrichtungen,
medizinischen Bereich und Reiseverkehr
(s. Kapitel 9)
VIII.a) pharmakologische
Maßnahmen – Impfung
spezifischer Schutz
– der Gesamtbevölkerung oder
– bestimmter Risikogruppen
abhängig von Krankheitsschwere,
Verlauf und Verfügbarkeit
(s. Kapitel 6)
VIII.b) pharmakologische
Maßnahmen – frühzeitige anti-
virale Behandlung und prä- und
postexpositionelle Prophylaxe
Reduktion der Virusausscheidung bei
Kontaktpersonen
Verhinderung einer Erkrankung
abhängig von Krankheitsschwere, Ver-
lauf und Verfügbarkeit
(s. Kapitel 7)

Infektionshygienische Maßnahmen
27
Tabelle 4.2:
Nicht-pharmazeutische infektionshygienische Maßnahmen/Influenzapandemie –
medizinischer Bereich und Pflegebereich
(Nummer III bis VI aus Tabelle 4.1)
Maßnahme
Pflegeheim
Medizinische Einrichtungen einschließlich Rettungsdienst
III. kontakt-
reduzierende
Maßnahmen
Isolierung
Bewohner
– möglichst Einzelzimmer mit Nasszelle
– ggf. Kohortenisolierung
– bei gehäuftem Auftreten Einschränken
von Gemeinschaftsaktivitäten
stationär
– Einzelzimmer mit Nasszelle
– Kohortenisolierung
ggf.
Kohortenpflege
(Trennung des Personals)
– Festlegung von Besuchs-
regelungen
ambulant
Zeitliche oder räumliche
Trennung (von Patienten
mit Influenza-like illness-
Symptomatik)
Schulung der Beschäftigten hinsichtlich der erforderlichen Maßnahmen, ggf. Tätigkeitsverbot nach § 31
für erkrankte Beschäftigte (Gefährdung Dritter)
Die Ausstattung/Bevorratung mit Schutzkleidung und anderen Utensilien liegt in der Verantwortung
der jeweiligen Einrichtung.
IV. Verhaltens-
maßnahmen
Personal
– Verhalten beim Husten, Niesen und
Schnäuzen (Hustenetikette, Einmal-
taschentücher)
– Information des Zielbereichs/des
Rettungsdienstes vor Verlegung eines
infizierten Patienten
– Händehygiene
Personal
– Verhalten beim Husten, Niesen und Schnäuzen
(Hustenetikette, Einmaltaschentücher)
– Information des Zielbereichs/des Rettungsdienstes vor
Verlegung eines infizierten Patienten
– Händehygiene
V. Schutz-
kleidung
Personal
– Handschuhe
Mund-Nasen-Schutz
(Pflegemaßnah-
men)
Bewohner
– Mund-Nasen-Schutz bei Transport/
Verlegung in medizinische Einrich-
tung, wenn medizinisch vertretbar
Personal
– Handschuhe
– Mund-Nasen-Schutz
– FFP2-Maske (FFP3-Maske gemäß ABAS) – bei risikoträch-
tigen Tätigkeiten mit Hustenprovokation, wie Intubieren,
Absaugen, Bronchoskopieren
– Schutzkittel
Patient
– Mund-Nasen-Schutz bei Transport/Verlegung, wenn me-
dizinisch vertretbar
VI. Desinfek-
tionsmaß-
nahmen
Desinfektions-
mittel: VAH-
Listung
Wirkungsspek-
trum: begrenzt
viruzid
Personal
– Händedesinfektion
Flächendesinfektion,
Wischdesinfek-
tion
– täglich: Kontaktflächen patientennaher
Bereich
– Schlussdesinfektion: alle Flächen im
Bewohnerzimmer entsprechend den
Anforderungen an die tägliche Des-
infektion
– Geräte/Medizinprodukte
– Geschirr, Wäsche: Routineverfahren
Abfall:
Abfallschlüssel AS 180104 gemäß
LAGA-Vollzugshilfe 2009
Personal
– Händedesinfektion
– Flächendesinfektion, Wischdesinfektion
– täglich: Kontaktflächen patientennaher Bereich,
– nach Transport/Verlegung: Patientenkontaktflächen, ggf.
weitere Flächen in Abhängigkeit von der Kontamination
– Schlussdesinfektion: alle Flächen im Patientenzimmer
entsprechend den Anforderungen an die tägliche Des-
infektion
– Geräte/Medizinprodukte
– Geschirr, Wäsche: Routineverfahren
Abfall:
Abfallschlüssel AS 180104 gemäß LAGA-Vollzugs-
hilfe 2009

28
Infektionshygienische Maßnahmen
Tabelle 4.3:
Nicht-pharmazeutische infektionshygienische Maßnahmen/Influenzapandemie –
Gemeinschaftseinrichtungen und Massenunterkünfte
(Nummer III bis VI aus Tabelle 4.1)
Maßnahme
Gemeinschaftseinrichtung
Gemeinschaftsunterkünfte
Massenunterkünfte
Justizvollzugsanstalten
III. kontakt-
reduzierende
Maßnahmen
Isolierung
Ausschluss von Erkrankten
Ausschluss von Kontaktpersonen
selektive Absonderung in Bezug
auf vulnerable Personen
Präventive Schließung
räumliche Trennung Erkrankter und
Nicht-Erkrankter:
– Unterbringung
– Mahlzeiten
Schutz vulnerabler Gruppen
ggf. Aufnahmestopp
Kitas in Gemeinschaftsunterkünften
für Asylbewerber: siehe Gemein-
schaftseinrichtungen
räumliche Trennung
Erkrankter und Nicht-
Erkrankter:
– Unterbringung
– Mahlzeiten
Schutz vulnerabler Grup-
pen
Umsetzung
der kontakt-
reduzierenden
Maßnahmen
Elterninformation
„kulturell bedingte Non-Compliance“
beachten
Freigang ggf. begrenzen
Schulung der Beschäftigten hinsichtlich der erforderlichen Maßnahmen, ggf. Tätigkeitsverbot nach
§ 31 IfSG für erkrankte Beschäftigte (Gefährdung Dritter)
IV. Verhaltens-
maßnahmen
Händehygiene
Verhalten beim Husten, Niesen
und Schnäuzen (Hustenetikette,
Einmaltaschentücher)
Händehygiene
Verhalten beim Husten, Niesen und
Schnäuzen (Hustenetikette, Einmal-
taschentücher)
Händehygiene
Verhalten beim Husten,
Niesen und Schnäuzen
(Hustenetikette, Einmal-
taschentücher)
V. Schutz-
kleidung
medizinisches Personal bei Untersuchung Erkrankter
– Handschuhe
– Mund-Nasen-Schutz
– Schutzkittel
VI. Desinfek-
tionsmaß-
nahmen
Desinfektions-
mittel: VAH-
Listung
Wirkungsspek-
trum: begrenzt
viruzid
Händedesinfektion
ggf. Flächendesinfektion in Aus-
bruchssituation
Händedesinfektion
Flächendesinfektion im medizinischen Bereich (siehe dort) und bei
starker Betroffenheit (Ausbruch)

Infektionshygienische Maßnahmen
29
Tabelle 4.4:
Nicht-pharmazeutische infektionshygienische Maßnahmen/Influenzapandemie –
privater Bereich und Öffentlichkeit
(Nummer III bis VI aus Tabelle 4.1)
Maßnahme
Privates Umfeld
Öffentlichkeit
III. kontakt-
reduzierende
Maßnahmen
Isolierung
häusliche Absonderung
Quarantäne von Ansteckungsverdächtigen
selektive Absonderung in Bezug auf vulnerable
Personen
Maßnahmen für enge Kontaktpersonen
Information Betroffener
Umgang mit Erkrankten:
– Schlafen und Aufenthalt in getrennten
Zimmern
– Keine gemeinsamen Mahlzeiten mit Erkrank-
ten
– Trennung von Geschwisterkindern
Information über Ansteckung und Ausbreitung
Information für Reisende v. a. an Grenzübergangs-
stellen (Entry, Exit)
Information für Veranstaltungen/Großereignisse
Beschränkung/Verbot von Veranstaltungen/Groß-
ereignissen
IV. Verhaltens-
maßnahmen
Verhalten beim Husten, Niesen und Schnäuzen (Hustenetikette, Einmaltaschentücher)
Händehygiene
V. Schutz-
kleidung
Mund-Nasen-Schutz
– bei Pflegemaßnahmen und
– bei Kontakt zu „möglichen Überträgern“
VI. Desinfek-
tionsmaß-
nahmen
Desinfektions-
mittel: VAH-
Listung
Wirkungsspek-
trum: begrenzt
viruzid
Händedesinfektion
ggf. Flächendesinfektion von Kontaktflächen des
Erkrankten

30
Infektionshygienische Maßnahmen
Tabelle 4.5:
Optionen für kontaktreduzierende Maßnahmen
(Nummer III aus Tabelle 4.1) für privaten Bereich und Öffentlichkeit, Gemeinschaftseinrichtungen,
Massenunterkünfte und Justizvollzugsanstalten, medizinischen Bereich und Pflegebereich
Haupt-Ziel
Paket
Maßnahme
Eindämmung
(containment)
III A
Privater Bereich und Öffentlichkeit (s. Tabelle 4.4):
A 1
Häusliche Absonderung
A 2
Strenge Absonderung
A 3
Quarantäne von Ansteckungsverdächtigen
A 12
Umgang mit Erkrankten im Haushalt
(Schlafen; Mahlzeiten; Trennung Geschwisterkinder)
A 19
Maßnahmen für enge Kontakte
A 7
Information Betroffener
A 20
Information von Kontaktpersonen
A 5
Information Veranstalter
A 6
Information Reisende
A 8
Tätigkeitsverbot nach § 31 IfSG
A 9
Beschränkung/Verbot Veranstaltungen
A 10
Großereignisse (Maßnahmen festlegen, wie Auflagen, Einschränkungen, Absage)
Gemeinschaftseinrichtungen (GE), Massenunterkünfte (MU)
und Justizvollzugsanstalten (JVA) (s. Tabelle 4.3):
A 21
Ausschluss von Erkrankten (GE)
A 4
Ausschluss Kontaktpersonen, Besuchsverbot (GE)
A 13
Präventive Schließung (GE)
A 22
Räumliche Trennung Erkrankte/Nicht-Erkrankte
A 23
Aufnahmestopp (MU)
Medizinischer Bereich und Pflegebereich (Tabelle 2):
A 17
Einzelunterbringung im stationären Bereich
A 11
Schulung Beschäftigte medizinischer und pflegerischer Bereich
(Knowledge-Booster)
A 14
Besuchsregelungen/Publikumsverkehr
A 15
Behandlungszentren (stationär) für erste Fälle
A 16
Fiebersprechstunden
A 18
Antivirale Prophylaxe
A 24
Zeitliche oder räumliche Trennung
A 8
Tätigkeitsverbot nach § 31 IfSG
A 25
Unterlassung von Gemeinschaftsaktivitäten (pflegerischer Bereich)

Infektionshygienische Maßnahmen
31
Haupt-Ziel
Paket
Maßnahme
Schutz vulnerabler
Gruppen
(protection)
III B
Privater Bereich und Öffentlichkeit (s. Tabelle 4.4):
B 1
Selektive Absonderung
B 2
Maßnahmen für enge Kontakte
B 4
Umgang mit Erkrankten im Haushalt
B 7
Information Veranstalter
B 8
Information Reisende
B 9
Information Betroffene
Gemeinschaftseinrichtungen (GE), Massenunterkünfte (MU)
und Justizvollzugsanstalten (JVA) (s. Tabelle 4.3):
B 3
Ausschluss von Erkrankten aus bestimmten Einrichtungen (GE)
B 11
Aufnahmestopp für bestimmte Personengruppen (MU)
B 12
räumliche Trennung Erkrankte/Nicht-Erkrankte
Medizinischer Bereich und Pflegebereich (Tabelle 4.2):
B 5
Tätigkeitsverbote nach § 31 IfSG
B 6
Influenzasprechstunde
B 10
Schulung Beschäftigter
Folgenminderung
(mitigation)
III C
Privater Bereich und Öffentlichkeit (s. Tabelle 4.4):
C 1
Isolierung durch Reduzierung der Sozialkontakte
C 2
Nachbarschaftshilfe
C 7
Umgang mit Erkrankten
Gemeinschaftseinrichtungen (GE), Massenunterkünfte (MU)
und Justizvollzugsanstalten (JVA) (s. Tabelle 4.3):
C 3
Reaktive Schließung (GE)
C 10
räumliche Trennung Erkrankte/Nicht-Erkrankte
Medizinischer Bereich und Pflegebereich (s. Tabelle 4.2):
C 9
Tätigkeitsverbote nach § 31 IfSG
C 4
Arbeitsorganisatorische Maßnahmen
C 5
Einschränkung Gemeinschaftsaktivitäten (pflegerischer Bereich)
C 6
(Kohorten-)Isolierung
C 8
Besuchsregelungen/Publikumsverkehr

32
Infektionshygienische Maßnahmen
Tabelle 4.6: Epidemiologische Situationen und Maßnahmenpakete während einer Influenzapandemie
geographische
Betroffenheit
Kriterium
epidemisches
Potential
Kriterium
epidemiologisches
(Schwere)-Profil von
Influenzaerkrankungen
Kriterium Ressourcen-
auslastung im
Gesundheitsversor-
gungssystem
Maßnahmen
aus Tabelle 4.1
bis 4.5
Hauptziel
erste Infektions-
fälle mit
Influenzavirus
in Deutsch-
land oder in
angrenzenden
Regionen
wenig oder
unbekannt
gering oder moderat
gering
I, II, III (A: 1, 5–7,
8, 10–12, 14–15,
17–25, B: 2,), IV, V,
VI, VIII b
Erkennung &
Eindämmung
hoch oder unbekannt
gering
I, II, III (A: 1–8,
10–12, 14–15,
17–25), IV, V, VI,
VIII b
Erkennung &
Eindämmung
erste Cluster in
Deutschland
zunehmende
regionale Aus-
breitung
mittel
gering oder moderat
gering bis moderat
I, II, III (A: 1–8,
10–12, 14–15, 17,
19–25), IV, V, VI,
VIII b
Schutz
vulnerabler
Gruppen
hoch
(Risikogruppen)
gering bis hoch
I, II, III (A 13, 18,
21, B 1–12), IV, V,
VI, VIII b
Schutz
vulnerabler
Gruppen
hoch
(Allgemeinbevölke-
rung)
gering bis hoch
I, II, III (A: 1–25),
IV, V, VI, VIII b
Schutz
vulnerabler
Gruppen
anhaltende
autochthone
Übertragung in
Deutschland
stark
gering
gering bis hoch
III (B 1–12, C 2,
4–10), IV, V, VI,
VIII a
Folgen-
minderung
hoch
(Risikogruppen)
hoch
Ib, IIb, III (A 10,
12, 14, 16, 21,
B 1–9, C 1–10), IV,
V, VI, VIII a
Folgen-
minderung
moderat bis hoch
(Allgemeinbevölke-
rung)
hoch
Ib, IIb, III (A 9,
10, 12, 14, 16, 21,
B 1–9, C 1–10), IV,
V, VI, VIII a
Folgen-
minderung

 
Medizinische Versorgung
33
5.1 Hintergrund
In einer Influenzapandemie ist in verschiedenen
Bereichen der medizinischen Versorgung mit ei-
ner stark erhöhten Belastung zu rechnen. Betrof-
fen werden sowohl der ambulante als auch der
stationäre Versorgungsbereich sowie der Rettungs-
dienst sein. Bei einer schwer verlaufenden Influen-
zapandemie können insbesondere im Bereich der
Intensivversorgung sowie bei Beatmungsplätzen
Engpässe auftreten. Trotz des insgesamt modera-
ten Verlaufs der H1N1 Influenzapandemie im Jahr
2009 waren die Behandlungsplätze für extrakor-
porale Membranoxygenierung (ECMO) durch
schwer erkrankte Patienten zeitweise vollständig
ausgelastet.
Zur Sicherstellung der notwendigen stationären
Behandlungsressourcen für schwer erkrankte Fälle
soll die Patientenversorgung so lange wie möglich
ambulant erfolgen. Dies gilt auch für Heimbewoh-
ner. Stationär versorgte Patienten sollen zusätzlich
möglichst frühzeitig entlassen werden.
Durch das hohe Aufkommen an ambulant versorg-
ten Influenzapatienten ist bei einer schwer verlau-
fenden Influenzapandemie auch im Bereich der
häuslichen Pflege von einem zusätzlichen Perso-
nalbedarf auszugehen.
Ein zusätzliches Problem können influenzabe-
dingte Personalausfälle in allen Bereichen der me-
dizinischen Versorgung darstellen.
Die Vorbereitungen auf eine Influenzapandemie
umfassen im medizinischen Bereich neben Maß-
nahmen zur Sicherstellung der medizinischen
Versorgung auch Maßnahmen zum Personal-
schutz (siehe hierzu ABAS Beschluss 609 „Ar-
beitsschutz beim Auftreten einer nicht ausrei-
chend impfpräventablen humanen Influenza“,
Juni 2012). Zu beachten sind daneben die TRBA
250 „Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswe-
sen und in der Wohlfahrtspflege“ (März 2014) und
die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsor-
ge vom 18. Dezember 2008 (ArbMedVV). Zum
risikoadaptierten Einsatz von Schutzkleidung in
medizinischen Einrichtungen und im Pflegebe-
reich siehe Kapitel 4, Tabelle 4.2. Bezüglich des
Einsatzes von antiviralen Arzneimitteln zur Pro-
phylaxe wird verwiesen auf die „Empfehlungen
zum Einsatz antiviraler Arzneimittel für die Post-
expositions- und Langzeitprophylaxe während ei-
ner Influenzapandemie“ von Bundesärztekammer
und Kassenärztlicher Bundesvereinigung [1] sowie
die Stellungnahme der gemeinsamen Kommis-
sion für Antivirale Therapie der GfV, DVV und
PEG [2].
5.2 Ambulante Versorgung
Über die Daseinsvorsorge hinaus liegt die Zustän-
digkeit für die ambulante Versorgung im Rahmen
des Sicherstellungsauftrags nach § 72 des Fünften
Buches Sozialgesetzbuch bei den Kassenärztlichen
Vereinigungen. Die medizinische Versorgung von
Influenzapatienten betrifft insbesondere Praxen
von Allgemeinärztinnen und Allgemeinärzten, In-
ternistinnen und Internisten, HNO-Ärztinnen und
HNO-Ärzten sowie Pädiaterinnen und Pädiatern.
Dem Risikomanagement in der Arztpraxis kommt
in einer Influenzapandemie ein besonderer Stel-
lenwert zu. Hierzu haben die Kassenärztliche Bun-
desvereinigung, die Bundesärztekammer und die
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und
Wohlfahrtspflege eine gemeinsame Empfehlung
herausgegeben [3].
In den Länderpandemieplänen sind in Abstim-
mung mit den jeweiligen Kassenärztlichen Verei-
nigungen unterschiedliche Organisationsformen
der ambulanten Versorgung vorgesehen. In der
Mehrzahl der Länder sind in einer Influenzapan-
demie grundsätzlich alle niedergelassenen Ärzte
der betreffenden Fachrichtungen in die ambulante
Patientenversorgung eingebunden. In einigen
Ländern ist die Festlegung spezieller Schwer-
punktpraxen für die Versorgung von Influenza-
patienten vorgesehen. Näheres ist den jeweiligen
Landespandemieplänen zu entnehmen.
5 Medizinische Versorgung

 
34
Medizinische Versorgung
5.3 Stationäre Versorgung
Der mögliche massenhafte Anfall stationär be-
handlungsbedürftiger Patienten, die teilweise beat-
mungspflichtig sind, erfordert in den Krankenhäu-
sern im Vorfeld klare Festlegungen bezüglich der
organisatorischen Umsetzung. Eine von der allge-
meinen Patientenversorgung räumlich getrennte
Aufnahme und Versorgung von Influenzapatien-
ten sowie die Bereitstellung zusätzlicher Betten-
kapazitäten, beispielsweise durch Verschiebung
planbarer Operationen, sind dabei von besonderer
Bedeutung. Entsprechende Planungen sind in die
Krankenhausalarmpläne aufzunehmen.
Der erhöhte Bedarf an persönlicher Schutzausrüs-
tung für die Beschäftigten sowie an Medikamenten
(antivirale Arzneimittel, Antibiotika, Schmerzmit-
tel, Sedativa) ist in den Planungen der Kranken-
häuser zu berücksichtigen.
Es kann zweckmäßig sein, für die Versorgung von
Influenzapatienten spezielle Schwerpunktkran-
kenhäuser festzulegen. Die Pandemiepläne einiger
Bundesländer enthalten entsprechende Festlegun-
gen. Insbesondere in Flächenländern ist die Be-
handlung von Influenzapatienten in der Regel in
allen Krankenhäusern mit einer Fachabteilung für
Innere Medizin sowie für Pädiatrie vorgesehen.
Die Vorbereitungen auf eine Influenzapandemie
sollten regelmäßig geübt und überprüft werden.
5.4 Weitere Informationen
Anhang 1: Planungshilfe für Krankenhäuser
Anhang 2: Planungshilfe für Altenheime und
Altenpflegeheime
Anhang 3: Planungshilfe für Rettungsdienst
Quellen
[1] Deutsches Ärzteblatt 2007, 104, S. A3571−
A3581
[2] Deutsche Gesellschaft für Virologie, Newslet-
ter, Ausgabe 07/2014:
http://www.g-f-v.org/
sites/default/files/newsletter%2007-2014%20
Neuraminidasehemmer-GfVDVVPEG.pdf
(letzter Zugriff am 04.05.2015)
[3] Influenzapandemie – Risikomanagement in
Arztpraxen: Eine Empfehlung der Kassenärzt-
lichen Bundesvereinigung, der Bundesärzte-
kammer und der BGW, 2008:
http://www.
bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_up-
load/downloads/Risikomanagement_in_Arzt-
praxen.pdf (letzter Zugriff am 04.05.2015)

 
Impfungen
35
6.1 Hintergrund
Die wissenschaftlichen Grundlagen zu Influenza-
Impfstoffen und Impfempfehlungen sind in Teil II
des NPP dargestellt.
Die Produktion des pandemischen Impfstoffes be-
ginnt in Abhängigkeit von der jeweiligen Lage und
der Verfügbarkeit eines geeigneten Saatvirus durch
die WHO. Es ist von einem Zeitbedarf von drei bis
sechs Monaten auszugehen, bis die Produktion
tatsächlich beginnen kann. Der Herstellungspro-
zess unterliegt verschiedenen Einflussfaktoren, die
bedingen, dass Zeitpunkt und Menge des verfüg-
baren Impfstoffs im Voraus nicht exakt kalkuliert
werden können. Mit Beginn der Produktion steht
nicht sofort die gesamte bestellte Menge zur Verfü-
gung, sondern wird sukzessive ausgeliefert. Aus
den Erfahrungen der Influenzapandemie 2009 ist
damit zu rechnen, dass die von den Herstellern
wöchentlich zur Verfügung gestellte Menge im
Verhältnis zur Gesamtmenge an bestelltem Impf-
stoff steht.
Für welche Personengruppen eine Impfung ange-
zeigt ist, hängt von den Pathogenitätseigenschaf-
ten des Erregers ab. Im Rahmen der Nutzen-Risi-
ko-Abwägung muss sich ein Nutzen der Impfung
gegenüber einem möglichen Erkrankungsrisiko
abzeichnen. Bei Anwendung eines pandemischen
Impfstoffs, der anders formuliert ist als saisonaler
Influenza-Impfstoff und für den die Datenbasis
insgesamt geringer ist, ist der Nutzen nicht so ge-
nau zu beziffern wie dies für saisonale Influenza-
Impfstoffe der Fall ist. Bei hoher Pathogenität wird
die Nutzen-Risikoabwägung generell zugunsten
der Impfung ausfallen, während bei geringerer Pa-
thogenität eine Impfentscheidung von bestimm-
ten Risikofaktoren beeinflusst werden wird, dazu
können z. B. das Alter und/oder die Vorerkrankun-
gen des Impflings gehören. Diese Abwägung geht
in die Empfehlungen der STIKO ein, die daher
auch ggf. im Verlauf einer Pandemie angepasst
werden müssen.
6.2 Ziel
Ziel der Vorbereitungen von Bund und Ländern ist
eine möglichst rasche Sicherstellung der Impf-
stoffversorgung im Falle einer Influenzapandemie
für die Teile der Bevölkerung, denen die Impfung
empfohlen wird.
Nach Auskunft der Hersteller wird der Impfstoff
im Falle einer Pandemie nur an Regierungen abge-
geben werden. Damit sind in Deutschland die Län-
der in der Pflicht, das Konzept für die Durchimp-
fung der Bevölkerung zu erstellen und umzusetzen.
Hierfür sind schon heute Planungen für die Bereit-
stellung von Impfstoffen im Pandemiefall notwen-
dig, die auch die Bindung von Herstellern durch in
die Zukunft gerichtete Verträge beinhalten.
Die Auswirkung einer Influenzapandemie auf die
tatsächliche Krankheitslast der Bevölkerung kann
nicht vorhergesagt werden. Dies betrifft sowohl die
Schwere der Erkrankungen als auch deren Anzahl.
Die Planungen müssen daher unterschiedliche
Szenarien berücksichtigen. Auf der Basis fachli-
cher Expertise der Bundesbehörden sollte deshalb
das Pandemie-Impfstoffkonzept eine größtmög-
liche Flexibilität bzgl. der Auslösung des Produk-
tionsprozesses sowie der Menge, der Impfstoffart
und der Anzahl der zu verabreichenden Dosen
ermöglichen und als Grundlage für die Vertrags-
verhandlungen mit der pharmazeutischen Indus-
trie dienen.
6.3 Impfstoffbeschaffung
Bund und Länder haben sich auf die Option eines
gemeinsamen Vergabeverfahren (Joint Procure-
ment) auf Ebene der EU zur Sicherstellung der
Impfstoffverfügbarkeit im Pandemiefall verstän-
digt. Den Mitgliedstaaten soll dadurch der gemein-
same Kauf oder ein gemeinsames Vorgehen bei
der Aushandlung von Verträgen mit der Industrie
ermöglicht werden.
6 Impfungen

 
36
Impfungen
Auf der Grundlage der Bewertung möglicher Impf-
stoffkonzepte durch die Fachbehörden des Bundes
wird eine Beteiligung an dem gemeinsamen Ver-
gabeverfahren auf EU-Ebene erfolgen. Ein von der
AG Infektionsschutz der AOLG erarbeitetes Kon-
zept, welches Empfehlungen zur Impfstoffaus-
wahl und Impfstoffversorgung vor dem Hinter-
grund unterschiedlicher pandemischer Szenarien
enthält, ist im Anhang zu finden.
6.4 Impfstoffverfügbarkeit und Logistik
Die Länder werden die Voraussetzungen zur Impf-
stoffbestellung, Lagerung und zur Durchführung
der Impfung strukturell vorbereiten und dabei –
sofern erforderlich – parallel zu den etablierten
Strukturen auch länderspezifische Bedarfe und
Möglichkeiten berücksichtigen. Die Verteilungs-,
Vertriebs- und Bestellwege der regulären Arznei-
mittelversorgung werden in den Ländern so weit
wie möglich genutzt und falls erforderlich durch
ergänzende länderspezifische Sonderregelungen
organisiert. Der Transport des Impfstoffs ins Land,
die Lagerung im Land, die Verteilung und die Er-
möglichung der Bestellung gehören zu den Orga-
nisationsaufgaben der Länder, sofern von den eta-
blierten und gesetzlich vorgesehenen Strukturen
abgewichen wird und die Ausnahmesituation der
Pandemiegefahr dies erfordert. Hierzu bedarf es
Regelungen mit den Partnern in den Ländern. Weil
mit Produktionsbeginn das vorgesehene Kontin-
gent nur sukzessive geliefert wird, wird es den Län-
dern vorbehalten bleiben zu entscheiden, wie der
Impfstoff im jeweiligen Zuständigkeitsbereich
verteilt wird.
Es wird im Rahmen von Verhandlungen mit der
pharmazeutischen Industrie zu klären sein, in wel-
cher Darreichungsform (Multidosenbehältnisse
versus Einzeldosen) bzw. in welcher Gebindegröße
der Impfstoff zur Verfügung gestellt werden kann.
Die Herstellung von Einzeldosen dauert deutlich
länger, erfordert weit mehr Lager-, Transport- und
Verpackungskapazitäten und die Möglichkeiten
zur Abfüllung von Einzeldosen sind sehr begrenzt.
Die Problematik der Multidosenbehältnisse war
Bestandteil der Evaluationsarbeit auf Bund-Länder-
Ebene. Die Möglichkeit, eine andere Darreichungs-
form zu erhalten, wird erneut geprüft, ist jedoch
derzeit aufgrund der Zwänge, die sich aus Produk-
tions- und Abfüllkapazitäten weltweit ergeben, nur
zu einem geringen Teil zu erwarten.
6.5
Praktische
Umsetzung
pandemischer Impfungen
Die am RKI angesiedelte Ständige Impfkommis-
sion (STIKO) hat gemäß § 20 Absatz 2 IfSG die
Aufgabe, Empfehlungen zur Durchführung von
Schutzimpfungen und zur Durchführung anderer
Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe über-
tragbarer Krankheiten abzugeben. Dieser Auftrag
gilt auch in einer Influenzapandemie. Die Kom-
mission gibt die Empfehlungen nach dem Stand
der medizinischen Wissenschaft entsprechend der
zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Evi-
denz. Dementsprechend wird es während einer
Influenzapandemie eine medizinisch begründete
Empfehlung der STIKO zur Impfung von Risiko-
gruppen auf der Basis der vorliegenden Erkennt-
nisse geben.
An der Empfehlung der STIKO ist die Planung der
Impfung auszurichten, da anfangs mit nur gerin-
gen Mengen an Impfstoff zu rechnen ist, der den
Risikogruppen zügig zur Verfügung gestellt wer-
den soll. Für medizinisches Personal sollte zum
frühestmöglichen Zeitpunkt eine Impfung z. B.
über den Betriebsarzt angeboten werden.
Bei der Organisation der Impfung der Bevölkerung
wird die Nutzung der vorhandenen Strukturen
(ÖGD und Regelsystem, d.h. niedergelassene Ärz-
te und Betriebsärzte) eingeplant. Wer die Impfun-
gen im Einzelnen durchführt, wird in den Ländern
in Abhängigkeit von den vorhandenen Strukturen
z. T. unterschiedlich geregelt.
Eine prioritäre Impfung bestimmter Berufsgrup-
pen lässt sich über eine entsprechende Belieferung
von Betriebsärzten mit Impfstoffen steuern.
Die Organisation der Impfmaßnahmen hängt u. a.
auch von bundesrechtlichen Regelungen ab. Hier-
zu zählt die Regelung der Finanzierung. Wie in der
Pandemie 2009, ist von einer Rechtsverordnung

 
Impfungen
37
des BMG nach § 20 Absatz 4 IfSG auszugehen. Der
Inhalt der Rechtsverordnung wird ausschlagge-
bend sein für etwaige präzisierende Vereinbarun-
gen der Beteiligten auf Landesebene.
Um die angestrebte Inanspruchnahme der Imp-
fung zu erreichen, müssen folgende Sachverhalte
mit der Bevölkerung und den Ärzten frühzeitig
kommuniziert werden:
Besonderheiten pandemischer Impfstoffe in
Bezug auf Zusammensetzung/Formulierung,
Zulassungsverfahren und Beschaffung/Verfüg-
barkeit
Entschädigungsanspruch des Geimpften ge-
mäß § 60 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 IfSG und
die Rolle der öffentlichen Impfempfehlungen
der Länder
Besonderheit der Arzthaftung für Behandlungs-
fehler bei Tätigkeit als Verwaltungshelfer
Erfassung von Impfreaktionen und Impfquoten
Voraussetzung für eine Bewertung der Impfstoff-
sicherheit nach der Zulassung ist eine zeitnahe
Erfassung von Impfreaktionen und von alters- und
zielgruppenspezifischen Impfquoten. Eine Impf-
quotenerfassung und -bewertung ermöglicht da-
rüber hinaus, Aussagen zur Impfeffektivität (Wirk-
samkeit von Impfungen bei breiter Anwendung)
und zum Impfversagen treffen zu können.
Mit der Datenbank über unerwünschte Arzneimit-
telwirkungen (UAW) beim PEI ist ein System zur
Erfassung von gemeldeten Verdachtsfällen uner-
wünschter Arzneimittelwirkungen etabliert. Ein
bundesweit einheitliches System zur zeitnahen
Erfassung von Impfquoten fehlt dagegen noch. Die
Dokumentation und Impfquotenerfassung muss
ggf. in der Rechtsverordnung nach § 20 Absatz 4
IfSG geregelt werden.
6.6 Haftungsregelungen bei Impfungen
6.6.1
Entschädigungsanspruch des Geimpften
Es besteht ein Entschädigungsanspruch des Ge-
impften gemäß § 60 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1
IfSG, nach den Vorschriften des Bundesversor-
gungsgesetzes, wenn ein Impfschaden im Sinne
des Gesetzes vorliegt. Voraussetzung für die Ent-
schädigung ist eine öffentliche Impfempfehlung
des Landes. Dieser Anspruch des Geschädigten
Geimpften besteht neben einem ggf. bestehenden
Amtshaftungsanspruch (§ 63 Absatz 2 IfSG).
6.6.2
Arzthaftung
Vom Anspruch des Geimpften auf Entschädigung
zu trennen ist die Arzthaftung für Behandlungs-
fehler. Diese richtet sich nach den allgemeinen
Grundsätzen.
Sofern impfende Ärzte während einer Pandemie
als Verwaltungshelfer, also nicht selbständig son-
dern im Auftrag des Landes, handeln, gilt die
Amtshaftung (§ 839 BGB, Artikel 34 GG). Dies be-
deutet, dass etwaige Schadensersatzansprüche
nicht gegenüber dem impfenden Arzt, sondern
gegenüber der beauftragenden staatlichen Institu-
tion geltend gemacht werden können. Dies gilt
auch für immaterielle Schadensersatzansprüche
(sog. Schmerzensgeld).
6.7 Weitere Informationen
Anhang: Impfstoffauswahl und Impfstoffversor-
gung für den Influenza-Pandemiefall

 
Antivirale Arzneimittel
39
7.1 Hintergrund
Neuraminidasehemmer sind geeignete Mittel, um
während einer Influenzapandemie die Mortalität
und Morbidität in der Bevölkerung zu reduzieren,
insbesondere bis ein für das aktuelle Influenza-
virus spezifischer Impfstoff zur Verfügung steht.
Daher sind sie im NPP aufgenommen worden. Zur
Wirksamkeit beim Einsatz antiviraler Arzneimittel
wird auf den wissenschaftlichen Teil II des NPP
verwiesen.
Neben den Fertigarzneimitteln Tamiflu® und Re-
lenza® steht Oseltamivir-Wirkstoffpulver1, der
arzneilich wirksame Bestandteil des Fertigarznei-
mittels Tamiflu®, für die Einlagerung zur Ver-
fügung. Das Oseltamivir-Wirkstoffpulver wird in
Fässern zu je 7.000 Therapieeinheiten gelagert,
erst im Bedarfsfall nach einer Herstellungsanwei-
sung zu einer gebrauchsfertigen Lösung verarbei-
tet und auf Rezept an die jeweiligen Patientinnen
und Patienten abgegeben. Die gebrauchsfertige
Lösung ist ungekühlt drei Wochen und gekühlt
(2 °C – 8 °C) sechs Wochen haltbar. Nach bisheri-
gen Haltbarkeitsuntersuchungen ist das Oseltami-
vir-Wirkstoffpulver bei einer Lagertemperatur von
25 °C und einer Luftfeuchtigkeit von 60 % mindes-
tens elf Jahre haltbar. Dieser Zeitraum kann jedoch
wiederholt verlängert werden, wenn durch Stabili-
tätsuntersuchungen die ordnungsgemäße Qualität
regelmäßig nachgewiesen wird. Daneben wurde
mit dem Arzneimittel Ebilfumin® seit Mai 2014
ein Oseltamivir-haltiges Generikum zu Tamiflu®
in Europa zugelassen. Es soll als Hartkapseln zu
30 mg, 45 mg und 75 mg Oseltamivir-Wirkstoff-
pulver erhältlich sein, ist aber auf dem Markt bis-
her nicht eingeführt (Stand: Dezember 2015). Die-
ses Arzneimittel wird durch die Länder nicht
bevor ratet.
7.2 Maßnahmen
Bis zum Jahr 2009 haben die Länder antivirale
Arzneimittel für den therapeutischen Einsatz bei
Risikogruppen (entsprechend den in den STIKO-
Empfehlungen genannten Zielgruppen für eine
Influenzaimpfung) in der Bevölkerung (ca. 20 Pro-
zent) beschafft und eingelagert, da eine freie
Marktverfügbarkeit im Pandemiefall für diese Arz-
neimittel nicht zu erwarten war. Darüber hinaus
hat der Bund im Jahr 2009 im Rahmen der H1N1-
Pandemie eine Bundesreserve antiviraler Arznei-
mittel beschafft und eingelagert. Das diesbezüglich
eingelagerte Oseltamivir-Wirkstoffpulver wurde
für die Versorgung der Bevölkerung mit insgesamt
7,5 Millionen Therapieeinheiten, das Fertigarznei-
mittel Relenza® für die Versorgung mit 1,5 Milli-
onen Therapieeinheiten beschafft. Die Bundesre-
serve ergänzt die in allen Ländern vorgenommene
Bevorratung für die deutsche Bevölkerung mit
antiviralen Arzneimitteln und ist zentral eingela-
gert [1].
Die Länder haben in unterschiedlichen Anteilen
Oseltamivir-Wirkstoffpulver, Tamiflu® oder Re-
lenza® bevorratet. In den jeweiligen Pandemie-
plänen der Länder sind Verteilungsstrategien
aufgeführt. Dies gilt insbesondere für das Oselta
-
mivir-Wirkstoffpulver, da dieses vor einer Abgabe
an Patienten in eine gebrauchsfertige Lösung über-
führt werden muss.
Die Länder haben sich darauf verständigt, die ein-
gelagerten antiviralen Arzneimittel nur für den
therapeutischen Einsatz vorzusehen.
Der prophylaktische Einsatz ist ebenfalls sinnvoll
nach Exposition in Ausbruchssituationen und zum
Schutz von engen Kontaktpersonen, wenn es noch
keine bevölkerungsweite Übertragung eines neu-
artigen Influenzavirus im Pandemiefall gibt. Hier-
für müssen im Vorfeld klare Empfehlungen erstellt
werden.
7 Antivirale Arzneimittel
1
Das Oseltamivir-Wirkstoffpulver wird auch als „API- Pulver“ (Active Pharmaceutical Ingredient) bezeichnet, was aber nicht
spezifisch für Oseltamivir ist, sondern für alle Wirkstoffe in Pulverform gilt.

 
40
Antivirale Arzneimittel
Bei Tamiflu® und auch bei Relenza® handelt es
sich um verschreibungspflichtige Arzneimittel.
Die Entscheidung über ihre Anwendung obliegt
insofern den behandelnden Ärztinnen und Ärzten.
Eine prioritäre therapeutische Behandlung von be-
stimmten Berufsgruppen im Falle des Auftretens
von Erkrankungen ist nicht vorgesehen. Entschei-
dend ist die medizinische Indikation.
Tamiflu® und Relenza® sind Fertigarzneimittel,
die über Großhandel und Apotheken vertrieben
werden können. Allerdings ist das Haltbarkeits-
datum der eingelagerten Chargen nahezu erreicht
oder bereits überschritten. Durch Stabilitätsunter-
suchungen wird die ordnungsgemäße Qualität
regelmäßig nachgewiesen. Solange dies möglich
ist, können sie unter bestimmten Bedingungen
vertrieben werden, die nach § 79 Absatz 5 des Arz-
neimittelgesetzes näher ausgeführt sind:
„Im Falle
eines Versorgungsmangels der Bevölkerung mit Arznei-
mitteln, die zur Vorbeugung oder Behandlung lebens-
bedrohlicher Erkrankungen benötigt werden, oder im
Fall einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit, de-
ren Ausbreitung eine sofortige und das übliche Maß
erheblich überschreitende Bereitstellung von spezifi-
schen Arzneimitteln erforderlich macht, können die
zuständigen Behörden im Einzelfall gestatten, dass
Arzneimittel, die nicht zum Verkehr im Geltungsbe-
reich dieses Gesetzes zugelassen oder registriert sind,
[…] befristet in Verkehr gebracht werden […]. Im Falle
eines Versorgungsmangels oder einer bedrohlichen
übertragbaren Krankheit im Sinne des Satzes 1 kön-
nen die zuständigen Behörden im Einzelfall auch ein
befristetes Abweichen von Erlaubnis- oder Genehmi-
gungserfordernissen oder von anderen Verboten nach
diesem Gesetz gestatten. Vom Bundesministerium
wird festgestellt, dass ein Versorgungsmangel oder eine
bedrohliche übertragbare Krankheit im Sinne des Sat-
zes 1 vorliegt oder nicht mehr vorliegt. Die Feststellung
erfolgt durch eine Bekanntmachung, die im Bundes-
anzeiger veröffentlicht wird […].“
Die Regelung sieht vor, dass die eingelagerten an-
tiviralen Arzneimittel nur dann zum Einsatz kom-
men können, wenn eine der oben genannten
Bedingungen durch das BMG festgestellt wird
und die zuständigen Landesbehörden auf dieser
Grundlage das entsprechende Abweichen von den
Anforderungen des Arzneimittelgesetzes gestatten.
Über die durch Bund und Länder eingelagerten
antiviralen Arzneimittel hinaus ist es speziellen
Organisationseinheiten, insbesondere dem medi-
zinischen Bereich, möglich, im Rahmen der be-
trieblichen Pandemieplanung Vorräte in eigener
Verantwortung anzulegen und nach ärztlicher Ver-
ordnung auszugeben.
7.3 Kostentragung
Nach Arzneimittelrichtlinie des G-BA vom
24.03.2003 heißt es:
„Der Einsatz von Oseltamivir
ersetzt nicht die Impfung und ist in der Regel nicht
wirtschaftlich. Er ist lediglich angezeigt, wenn eine
Impfung nicht möglich oder nicht effektiv ist, wie zum
Beispiel bei einer rasch auftretenden Pandemie bezie-
hungsweise einem Antigendrift. Insofern sind Neura-
minidasehemmer wie Oseltamivir auf der Basis des
bisher verfügbaren Wissens nicht von wesentlicher Be-
deutung bei einer typischen Influenzasaison.“
[2]
Vor diesem Hintergrund ist damit zu rechnen,
dass im Falle einer Influenzapandemie Kosten für
antivirale Arzneimittel zur Therapie durch die
GKV getragen werden. Allerdings ist bislang nicht
kommuniziert, wie und in welcher Höhe die Kos-
tenerstattung im Falle einer Influenzapandemie
für die Bestände von Bund und Ländern erfolgen
soll. Sollten die Arzneimittel zur Prophylaxe einge-
setzt werden, müsste die Kostentragung im Vorfeld
auf Bundesebene ebenfalls geklärt werden.
7.4
Surveillance von unerwünschten
Arzneimittelwirkungen
Die Daten zu unerwünschten Arzneimittelwirkun-
gen (UAW) antiviraler Arzneimittel stammen zum
Großteil aus der interpandemischen Phase. Da
im Falle einer Influenzapandemie deutlich mehr
Personen auch über einen längeren Zeitraum
antivirale Arzneimittel einnehmen werden, ist ins
-
besondere eine zeitnahe Auswertung der UAW
notwendig. Die bestehenden Arzneimittelüberwa-
chungssysteme im Rahmen der Meldung durch
Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apo-

 
Antivirale Arzneimittel
41
theker sowie Bürgerinnen und Bürger werden als
ausreichend angesehen.
7.5
Andere
Arzneimittel,
medizinischer Bedarf
Eine Bevorratungsstrategie der Länder oder des
Bundes für weitere Medikamente als die antivira-
len Arzneimittel, etwa für Antibiotika, existiert
nicht. Grundsätzlich stellen pharmazeutische
Unternehmer und Betreiber von Arzneimittel
-
großhandlungen nach § 52b Absatz 1 des Arznei-
mittelgesetzes „[…]
eine angemessene und kontinuier-
liche Bereitstellung des Arzneimittels sicher, damit der
Bedarf von Patienten im Geltungsbereich dieses Geset-
zes gedeckt ist.
“ Inwieweit diese gesetzliche Vorgabe
innerhalb der Sonderlage einer Pandemie umsetz-
bar ist, ist von der konkreten Marktsituation abhän-
gig.
Quellen
[1] BT-Drucksache 17/13202 vom 23. April 2013
[2] Bekanntmachung des Bundesausschusses der
Ärzte und Krankenkassen über die Verord-
nung von Arzneimitteln in der vertragsärzt-
lichen Versorgung (Arzneimittel-Richtlinien)
vom 24. März 2003:
https://www.g-ba.de/
downloads/39-261-10/2003-03-24-AMR_4.pdf
(letzter Zugriff am 08.07.2014)

 
Pandemieplanung in Unternehmen, Verwaltung und anderen nicht medizinischen Bereichen
43
8.1 Hintergrund
Eine Influenzapandemie kann vielfältige Auswir-
kungen auf Unternehmen und Verwaltung haben.
Neben dem krankheitsbedingten Ausfall von Be-
schäftigen ist auch davon auszugehen, dass Be-
schäftigte aus anderen Gründen der Arbeit fern-
bleiben (z. B. Pflege erkrankter Angehöriger, Angst
vor Ansteckung). Es kann zu einer veränderten
Nachfrage nach Produkten oder Leistungen kom-
men. Die Infrastruktur kann insgesamt gefährdet
sein. Betriebs- und Produktionsabläufe können
wegen ausbleibender Zulieferungen oder Dienst-
leistungen beeinträchtigt sein.
Von besonderer Bedeutung für die Aufrechterhal-
tung des staatlichen Gemeinwesens sind die mög-
lichen Auswirkungen einer Influenzapandemie
auf Organisationen und Einrichtungen der „Kriti-
schen Infrastrukturen“, zu denen u. a. die Sektoren
Energie, Informationstechnik und Telekommuni-
kation, Transport und Verkehr, Wasser, Ernährung
(Ernährungswirtschaft, einschließlich Landwirt-
schaft und Lebensmittelhandel) sowie das Finanz-
und Versicherungswesen zählen.
Auch die öffentliche Verwaltung wird vom Ausfall
von Beschäftigten betroffen sein. Gleichzeitig ist in
vielen Bereichen von einem erhöhten Koordinie-
rungs-, Steuerungs- und Informationsbedarf aus-
zugehen. Die Überlastung des Gesundheitswesens
und Störung grundlegender Infrastrukturen kön-
nen zur Bedrohung der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung sowie zu Versorgungsengpässen
führen. Es besteht ein erhöhtes Informationsbe-
dürfnis in der Bevölkerung.
8.2 Ziel
Ziel der betrieblichen Pandemieplanung ist die Mi-
nimierung des Infektionsrisikos am Arbeitsplatz,
die Aufrechterhaltung der Betriebsabläufe, soweit
dies möglich ist, der Erhalt der betrieblichen Infra-
struktur, die Begrenzung des wirtschaftlichen
Schadens und die Aufrechterhaltung der für die
Versorgung der Bevölkerung wichtigen Produkten
bzw. Funktionen. Dies gilt sinngemäß auch für
Behörden.
8.3 Maßnahmen
Die Ziele der betrieblichen Pandemieplanung ge-
hen über die Ziele des Arbeitsschutzes hinaus.
Allerdings können Maßnahmen der betrieblichen
Pandemieplanung gleichzeitig auch Maßnahmen
des Arbeitsschutzes sein. Ziel des Arbeitsschutzes
ist es, Sicherheit und Gesundheitsschutz der Be-
schäftigten bei der Arbeit durch Maßnahmen des
Arbeitsschutzes zu sichern und zu verbessern. Ge-
setzliche Grundlage des Arbeitsschutzes ist das
Arbeitsschutzgesetz. Nach diesem Gesetz hat der
Arbeitgeber die Gefährdungen zu ermitteln und zu
beurteilen, die für die Beschäftigten mit ihrer
Arbeit verbunden sind. Er hat entsprechend dem
Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung u.a. festzu-
legen, welche Maßnahmen zur Verhütung von
arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren erforder
-
lich sind. Dabei sind auch andere Umstände zu
berücksichtigen, die die Sicherheit und Gesund-
heit der Beschäftigten bei der Arbeit beeinflussen.
Hierzu gehören auch Gesundheitsschutzaspekte,
die sich am Arbeitsplatz aus einem Pandemiefall
ergeben.
Ebenfalls im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung
ist zu prüfen, ob bzw. inwieweit die Verordnung
zur arbeitsmedizinischen Vorsorge heranzuziehen
ist.
Spezielle Arbeitsschutzregelungen zum Schutz
der Beschäftigten vor Infektionen sind in der Bio-
stoffverordnung festgelegt. Diese Verordnung fin-
det allerdings nur Anwendung, wenn auch Tätig-
keiten mit Biostoffen ausgeübt werden. Dies ist in
Unternehmen und Verwaltungen in der Regel aber
nicht der Fall.
8
Pandemieplanung in Unternehmen, Verwaltung und anderen
nicht medizinischen Bereichen

 
44
Pandemieplanung in Unternehmen, Verwaltung und anderen nicht medizinischen Bereichen
Bei der fachlichen Beratung und Ableitung von
Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Risikomini-
mierung in Unternehmen und Behörden kommt
den Betriebsärzten eine wichtige Rolle zu. Der Ver-
band der Betriebs- und Werkärzte bietet auf seiner
Homepage verschiedene Checklisten und weitere
Unterlagen an. [1].
8.3.1
Unternehmensbezogene
Vorüberlegungen
zu möglichen Auswirkungen
Ob und wie sich eine Influenzapandemie auf ein
Unternehmen auswirken kann, hängt von zahlrei-
chen Faktoren ab. Für die Prüfung der Auswirkun-
gen können folgende Fragen hilfreich sein:
Welche Geschäftsprozesse sind essentiell und
welche Auswirkungen hätte ihr Ausfall auf das
Unternehmen?
Bestehen besondere Vorgaben wie z. B. gesetz-
liche Verpflichtungen oder Rechtsverord-
nungen zur Aufrechterhaltung von Geschäfts-
prozessen?
Bestehen besondere vertragliche Verpflich-
tungen gegenüber Kunden oder gegenüber der
Allgemeinheit, bestimmte Produkte herzustel-
len oder Leistungen zu erbringen?
Welche wirtschaftlichen Folgen hätte der Aus-
fall von Geschäftsprozessen für das Unterneh-
men?
8.3.2
Untersuchung der internen
Betriebsabläufe
Zur Entscheidung ob und inwieweit der Betrieb
aufrechterhalten werden soll, sind unterneh-
mensinterne Abläufe und Prozesse sowie Schnitt-
stellen mit Externen auf ihre Bedeutung für die
Aufrechterhaltung des Betriebes unter folgenden
Aspekten zu prüfen:
Welche innerbetrieblichen Abläufe müssen
ständig überwacht bzw. können nicht unterbro-
chen werden?
Welche Zulieferer und Versorger (z. B. Strom,
Wasser, Gas) sind für den Betrieb überlebens-
wichtig?
Welche von extern zu erbringenden Dienst-
leistungen (z. B. Wartung, Entstörung) sind für
den Betrieb essentiell?
Wo bestehen Abhängigkeiten von Bevorrech-
tigungen, Sondergenehmigungen (z. B. Kraft-
stoffversorgung, Zugang zu gesperrten Gebie-
ten, medizinische Versorgung)?
8.3.3
Erstellung des Betrieblichen
Pandemieplans
Der betriebliche Pandemieplan umfasst organisa-
torische Maßnahmen sowie Maßnahmen des Ar-
beits- und Infektionsschutzes im Betrieb. Welche
Maßnahmen in einem Unternehmen vorgesehen
werden, orientiert sich an den unternehmensspe-
zifischen Gegebenheiten und den Zielen des Un-
ternehmens.
8.4 Weitere Informationen
Anhang: Checkliste zur Erstellung eines betrieb-
lichen Pandemieplans.
Quellen
[1] Verband deutscher Betriebs und Werksärzte
e.V. (VDBW). Schweinegrippe – Checklisten
und Downloadmaterial:
http://www.vdbw.de/
Checklisten-Schweinegrippe.293.0.html (letz-
ter Zugriff am 11.05.2015)

 
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
45
Eine effektive Risiko- und Krisenkommunikation
ist wesentlicher Bestandteil der Pandemievorberei-
tung und Pandemiebewältigung von Bund, Län-
dern und Kommunen. Sie wird im Pandemiefall
mitentscheidend dafür sein, die Auswirkungen
einer pandemischen Situation beherrschbar zu
halten und den Krisenfall zu bewältigen. Ihr Ziel
ist es, einen kontinuierlichen und konsistenten
Informationsfluss aller Beteiligten zu gewährleis-
ten, der Bevölkerung schnellstmöglich das erfor-
derliche Wissen zum Schutz vor einer Erkrankung
zu vermitteln und sie zum Selbst- und Fremd-
schutz zu motivieren. Deshalb sollten schon vor
der Krise im Rahmen der Pandemiepläne Manage-
ment- und Kommunikationspläne bereitstehen,
Kooperationen mit anderen Beteiligten gebildet,
Fragen und kommunikative Engpässe identifiziert
sowie Botschaften formuliert und getestet worden
sein. Auch nach dem Ende der akuten Bedrohung
muss die Krisenkommunikation fortgeführt wer-
den und abschließend die Wirksamkeit der Krisen-
kommunikation evaluiert werden.
Die Grundlagen und wissenschaftlichen Hinter-
gründe der Risiko- und Krisenkommunikation
werden im Teil II im Kapitel „Kommunikation und
Information“ ausführlich beschrieben.
9.1
Sensibilisierung/Risiko-
kommunikation in der
interpandemischen Phase
Erfolgreiche Krisenkommunikation im Pandemie-
fall ist ganz entscheidend davon abhängig, ob be-
reits in der interpandemischen Zeitspanne ein
hohes Maß an Schutzverhaltensweisen präventiv
in der Bevölkerung aufgebaut werden kann. Hier-
für ist es notwendig, die Bedürfnisse und das vor-
handene Wissen der Bevölkerung zu ermitteln. Im
Hinblick auf die Begrenzung der Folgen eines pan-
demischen Infektionsgeschehens ist es deshalb
von hoher Bedeutung, die grundsätzliche Akzep-
tanz und das Befolgen von Hygieneregeln und
Impfempfehlungen auf ein möglichst hohes Ni-
veau in der Bevölkerung zu bringen, auf dem dann
im Pandemiefall aufgebaut werden kann. Dabei
dürfen die Aktivitäten von Impfgegnern, die ver-
stärkt über die sozialen Netzwerke kommunizie-
ren, nicht ignoriert werden.
Zur Erhöhung der Impfbereitschaft und zur Ver-
besserung des Hygieneverhaltens in der Bevöl-
kerung sind daher kontinuierlich bundesweit
ausgerichtete Kampagnen durchzuführen, die im
Pandemiefall die Basis für die weitere Intensivie-
rung der (zusätzlich) eingesetzten Kommunikati-
onsmittel bieten oder Anknüpfungsmöglichkeiten
weiterer, auf die akute Pandemiebewältigung aus-
gerichteter Kommunikationsmittel und Kommu-
nikationswege eröffnen. Damit soll nicht nur die
Öffentlichkeit für die Notwendigkeit von Vorsorge-
maßnahmen sensibilisiert, sondern auch ein sta-
biles Vertrauen in den Absender der Information
aufgebaut werden, so dass im Ereignisfall die
Glaubwürdigkeit der zu vermittelnden Informa-
tionen nicht in Frage gestellt wird.
Die Durchführung regelmäßiger Untersuchungen
zum aktuellen Impfstatus, zur Impfakzeptanz in
der Allgemeinbevölkerung und bei medizinischem
Personal sowie die Ermittlung möglicher Gründe
für die Ablehnung von Impfungen sind als Grund-
lage für die Weiterentwicklung von Präven-
tionsstrategien zu nutzen. Vergleichbare Untersu-
chungen sind auch zum Themenfeld Hygiene
durchzuführen, um Erkenntnisse darüber zu ha-
ben, wieweit grundlegende Hygienemaßnahmen,
die zur Verhinderung der Ausbreitung von Infek-
tionserkrankungen geeignet sind, in der Bevölke-
rung bekannt sind und befolgt werden.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklä-
rung (BZgA) stellt auf ihrer Internetseite
www.in-
fektionsschutz.de
,
die als zentrale Informations-
plattform für die Bevölkerung eingerichtet ist,
zahlreiche Informationen, Filme und weitere
Materialien zu grundlegenden Fragen des In-
fektionsschutzes und zu Krankheitsbildern, zur
Händehygiene und Hygiene im Krankheitsfall zur
Verfügung und bietet Bürgerinformationen in
verschiedenen Sprachen zur Influenza an.
9 Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 
46
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Informationen zu Influenza und zur Pandemiepla-
nung für die Fachöffentlichkeit finden sich auf den
Internetseiten des RKI
(www.rki.de
unter Infek-
tionskrankheiten A–Z, Influenza).
9.2 Risiko- und Krisenkommunikation
Eine effektive Risiko- und Krisenkommunikation
hat eine rasche, umfassende und konsistente In-
formation aller Akteure und der Bevölkerung
durch Nutzung aller verfügbaren Medien zum
Ziel. Transparenz ist hierbei oberstes Gebot, um
behördliche Entscheidungen und Hinweise zum
Schutzverhalten für die Bevölkerung sowie für die
Fachöffentlichkeit nachvollziehbar zu vermitteln.
Dabei kommt einer situations- und lagegerechten
Kommunikation, angepasst an den Verlauf des
pandemischen Infektionsgeschehens, ein sehr ho-
her Stellenwert zu. Im Wesentlichen sind dabei
folgende Teilbereiche zu berücksichtigen:
Interinstitutionelle Krisenkommunikation
Informationsvermittlung an die Fachöffentlich-
keit
Informationsvermittlung an die Allgemeinbe-
völkerung
Informationsvermittlung an und über die Me-
dien.
Grundsätzlich gilt für alle Teilbereiche, dass die
zur Anwendung kommenden Kommunikations-
maßnahmen sich nicht nur auf die Bereitstellung
von Informationen in eine Richtung beschränken
sollten, sondern die Kommunikationsstrategien
auf Dialog ausgelegt sind. Rückmeldungen, Fra-
gen und Kritik sollten wahr- und ernst genommen
und transparent dargestellt werden, um damit den
Informationsbedürfnissen aller angesprochenen
Zielgruppen Rechnung zu tragen. Bestehende Un-
sicherheiten sollten offen angesprochen werden.
Dies trägt mit dazu bei, dass die Glaubwürdigkeit
der kommunizierenden Einrichtungen gewahrt
bleibt und sich kein Vertrauensverlust in der Infor-
mationsvermittlung einstellt. Um keine wider-
sprüchlichen Informationen zu kommunizieren,
muss gewährleistet sein, dass alle Entscheidungs-
ebenen (kommunale Ebene, Länderebene und
Bundesebene) auf einheitliche wissenschaftlich
fundierte Informationsgrundlagen Bezug neh-
men. Diese Grundlagen müssen durch die jeweils
zuständigen Fachbehörden aktuell und kontinuier-
lich bereitgestellt werden. Divergierende Fachmei-
nungen und offene Fragen sind zwischen den Ent-
scheidungsebenen frühzeitig einzuordnen und zu
kommunizieren, um im Ereignisfall zeitgerecht
und klar informieren zu können.
Die
Koordinierung der Risiko- und Krisenkommu-
nikation im Pandemiefall
erfolgt sowohl auf euro-
päischer Ebene und in der GHSI als auch auf na-
tionaler Ebene auf der Grundlage abgestimmter
Pläne und Informationswege und unter Ein-
beziehung der unter Kapitel 1.4 vorgestellten
In stitutionen, wobei die Länder mit Grenzen zu
Nachbarstaaten regionale länderübergreifende
Krisenkommunikation entsprechend in ihre Pla-
nungen einbeziehen.
Voraussetzungen für eine effektive Koordinierung
der Krisenkommunikation sind durch eine klar
strukturierte Informationsvermittlung gegeben,
die so ausgelegt ist, dass die erforderlichen aktuel-
len Informationen auf allen Entscheidungs- und
Informationsebenen vorliegen. Damit soll gewähr-
leistet werden, dass möglichst einheitliche Sprach-
regelungen zum Pandemieverlauf vorhanden sind
und abgestimmte Maßnahmen der Pandemiebe-
wältigung kommuniziert werden. Im Ergebnis
können so Fehlinformationen vermieden werden
und die Glaubwürdigkeit der Bundes- und Landes-
behörden in der Kommunikationsvermittlung
wird nicht durch divergierende oder gar wider-
sprüchliche Informationen und Botschaften ge-
fährdet. Die Aufgabenverteilung zwischen Bund
und Ländern in der Krisenkommunikation sowie
weitere Einzelheiten hierzu sind in der Allgemei-
nen Verwaltungsvorschrift für die Koordinierung
des Infektionsschutzes in epidemisch bedeutsa-
men Fällen (IfSGKoordinierungs-VwV) geregelt.
Die
Informationsvermittlung im Pandemiefall an
die Fachöffentlichkeit
erfolgt primär durch das
RKI; zu spezifischen Themen wie beispielsweise
Impfstoffproduktion, Fragen zu Arzneimitteln
(Neuraminidasehemmer), Zulassungsfragen oder
Nebenwirkungen über die zuständigen Behörden
(PEI und BfArM). Die zu kommunizierenden

Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
47
Sachverhalte werden auf der Grundlage der fachli-
chen Einschätzung der Gefahrenlage im RKI fest-
gelegt. Die so ermittelten situations- und lagespe-
zifischen Informationen sind die Grundlage und
der Ausgangspunkt für die Versorgung der Fachöf-
fentlichkeit und Allgemeinbevölkerung mit ziel-
gruppenspezifischen Informationen. Um eine
einheitliche und abgestimmte Sprachregelung mit
dem Ziel einer koordinierten Risiko- und Krisen-
kommunikation sicher zu stellen, wird die Weiter-
leitung der Informationen zwischen den Mitglie-
dern des Netzwerks der zuständigen Behörden
(BMG, PEI, BfArM, BZgA und RKI auf Bundes-
ebene, Oberste und Obere Gesundheitsbehörden
auf Landesebene) unter Einbeziehung der Fachver-
bände etabliert.
Die
Information der Allgemeinbevölkerung
erfolgt
auf Bundesebene durch die BZgA auf der Grund-
lage der Fachinformationen des RKI, des PEI und
des BfArM und zudem dezentral durch die Presse-
stellen der Obersten Landesgesundheitsbehörden
und der lokalen Behörden (z. B. Gesundheitsäm-
ter) sowie über entscheidende Multiplikatoren-
gruppen (Ärzte- und Apothekerschaft, Berufs- und
Fachverbände). Für die einheitliche, flächen-
deckende Information der Bevölkerung bietet die
BZgA entsprechende Informationsmaterialien
und Informationsangebote an. Zum Verständnis
der Pandemiesituation und zum Verständnis der
erforderlichen Schutzmaßnahmen sollen dabei die
zum Teil komplexen wissenschaftlichen Zusam-
menhänge in anschaulicher Sprache vermittelt
werden. Damit soll sowohl eine hohe Akzeptanz
für die zu treffenden Schutzmaßnahmen erreicht
werden, als auch einer möglichen Verunsicherung
und Ratlosigkeit in der Bevölkerung entgegenge-
wirkt werden. Allgemeine Informationen zu einer
Influenzapandemie und ihren möglichen Folgen
werden bereits in der interpandemischen Phase
bereitgestellt und sind bspw. auf den Internet-
seiten des RKI und der BZgA zu finden. Die Infor-
mationen für die Bevölkerung werden im Pande-
miefall kontinuierlich an die epidemiologische
Situation angepasst und allen interessierten Insti-
tutionen, Multiplikatoren und für den direkten
Bürgerkontakt bereitgestellt. Die zeitgerechte
Verfügbarkeit der Informationen wird durch die
Berücksichtigung schneller internetgestützter
Kommunikationswege sichergestellt. Um Fachöf-
fentlichkeit und Allgemeinbevölkerung möglichst
schnell auf neue, relevante Informationen hinzu-
weisen, ist dabei eine aktive Informationsvermitt-
lung („push“-Funktion) erforderlich. Neben
schnell zu vermittelnden Grundinformationen zu
Expositionsschutzmaßnahmen wird auf vertiefen-
de Informationsangebote aufmerksam gemacht,
um möglichst alle Bevölkerungsgruppen zu errei-
chen. Außerdem werden schriftliche Informa-
tionsmaterialien auf Deutsch und in verschiede-
nen anderen Sprachen angeboten.
Zur Information der Bevölkerung und Fachöffent-
lichkeit bietet sich an, eine eigene, zentrale Influ-
enza-Plattform (Website) aufzubauen, die alle ak-
tuellen pandemierelevanten Informationen enthält
und die zu den Informationsangeboten von Bund
und Ländern verlinkt werden kann.
Nicht alle Bevölkerungsgruppen haben eine gleich
hohe Affinität zur Nutzung internetgestützten In-
formations- und Kommunikationsangeboten. Um
auch diese Bevölkerungsgruppen zu erreichen,
werden zentrale telefonische Informations- und
Beratungsmöglichkeiten, wie z. B. das Bürgertele-
fon des BMG in Rostock sowie telefonische Bera-
tungsmöglichkeiten bei der BZgA, so ausgerichtet,
dass sie zur Beratung im Krisenfall qualifiziert
sind. Zudem werden die etablierten Massenmedi-
en (TV, Radio, Print) zur Informationsvermittlung
an die Bevölkerung genutzt.
Die
Information der Medien
erfolgt primär durch
die zuständigen Bundesoberbehörden (BfArM,
BZgA, PEI, RKI) und die Pressestellen der Obers-
ten Landesgesundheitsbehörden sowie der lokal
zuständigen Behörden.

 
Nationaler Pandemieplan Teil I
Anhang

 
Anhang
51
1
Hintergrund
Bei einer Influenzapandemie ist davon auszuge-
hen, dass im Vergleich zur saisonalen Influenza
sowohl die Erkrankungsrate insgesamt als auch
der Anteil schwerer Verläufe deutlich erhöht ist.
Auch unter der Prämisse einer möglichst effek-
tiven ambulanten Versorgung ist mit einer außer-
gewöhnlichen Belastungssituation in den Kran-
kenhäusern zu rechnen. Dabei ist auch zu
berücksichtigen, dass das medizinische Personal
selbst von krankheitsbedingten Ausfällen betroffen
ist.
Der massenhafte Anfall von stationär behand-
lungsbedürftigen Patienten, die teilweise beat-
mungspflichtig sind, erfordert in den Krankenhäu-
sern im Vorfeld klare Festlegungen bezüglich der
organisatorischen Umsetzung.
Die Planungen und Vorbereitungen auf regionaler
Ebene (z. B. Kreisebene) erfordern die Einbezie-
hung aller Krisen- und Katastrophenreaktions-
strukturen.
2
Maßnahmen in der
interpandemischen Phase
Jährliche Impfung des Personals gegen saisona-
le Influenza
Anpassung der Notfallpläne an die Influenza-
pandemieplanung
Übung der Abläufe im Pandemiefall
Information und Schulung des Personals über
Ablaufpläne und Hygienemanagement
3
Organisatorische Maßnahmen zur
Sicherstellung der stationären Ver-
sorgung
Erhöhung der Bettenkapazitäten
für Influenzapatienten
Aussetzen elektiver Aufnahmen
Entlassung von Patienten zum frühest mög-
lichen Zeitpunkt
Einbeziehung anderer Stationen (z. B. Haut,
Augen – unter Berücksichtigung der Influenza-
spezifischen Anforderungen)
Personalmanagement
Verstärkung der Personalressourcen (z. B. Um-
schichtung aus Bereichen, die auf Grund des
Aussetzens elektiver Aufnahmen weniger Per-
sonal binden; Berücksichtigung von Medizin-
studenten im letzten Ausbildungsjahr etc.)
Personal mit Symptomen einer ILI aus der Pa-
tientenversorgung nehmen
Bevorratung bzw. Managementkonzept für ra-
sche Beschaffung im Ereignisfall
Antibiotika, Schmerzmittel, Sedativa
Einmalhandschuhe
Mund-Nasen-Schutz
FFP2-Masken/FFP3-Masken für risikoträchtige
Tätigkeiten
Information und Schulung des Personals
Regelmäßige Auffrischung des Informations-
stands des Personals bezüglich der organisato-
rischen Vorbereitungen und der Ablaufpläne
Anhang 1 zu Kapitel 5
Planungshilfe für Krankenhäuser

52
Anhang
für den Pandemiefall sowie das Hygienema-
nagement
Spezifisches Schulungsangebot zur Behand-
lung und Pflege von Influenzapatienten für Per-
sonal, das aus anderen Bereichen umgeschich-
tet wird
4
Maßnahmen
zum
Personalschutz
Antivirale Prophylaxe
Nähere Hinweise zur antiviralen Prophylaxe
siehe „Empfehlungen von Bundesärztekammer
und Kassenärztlicher Bundesvereinigung zum
Einsatz antiviraler Arzneimittel für die Post-
expositions- und Langzeitprophylaxe während
einer Influenzapandemie“, Deutsches Ärzte-
blatt 2007, 104, S. A3571−A3581.
Eine entsprechende Bevorratung unterliegt der
Verantwortung des Arbeitgebers.
Impfung
Sobald ein Impfstoff gegen das Pandemievirus
vorliegt, wird schrittweise mit den Impfungen
begonnen. Personal im akut medizinischen Be-
reich wird vorrangig mit Impfstoff versorgt wer-
den.
In den Krankenhäusern sind Vorbereitungen
zur Impfung des Personals durch den betriebs-
ärztlichen Dienst zu treffen.
5
Ausstattung der Behandlungs-
einheiten
Kohortenisolierung muss möglich sein; d. h.
„Stationsschleuse“ bzw. Schleuse im Eingangs-
bereich eines komplett als Behandlungseinheit
genutzten Gebäudes
Raumlufttechnische Anlage ist dahingehend zu
überprüfen, durch welche Maßnahmen eine
Weiterverbreitung in andere Krankenhausbe-
reiche verhindert werden kann
Möglichkeit der Sauerstoffversorgung (mög-
lichst zentral)
Beatmungsplätze
medizintechnische Ausrüstung (z. B. Katheder,
Infusionsgeräte, Medikamente)
Röntgengeräte (z. B. auch mobile Röntgenge-
räte)
Ultraschall, EKG, Defibrillatoreinheit, Pulsoxy-
metrie
6
Ablauforganisation
Gesonderter Aufnahmebereich für Influenza-
patienten
Aufnahme-Indikation prüfen
Behandlungsbereich von der übrigen Versor-
gung abgetrennt, nach Möglichkeit auch Rönt-
genbereich einbeziehen
Dem Behandlungsbereich sollte ein Intensivbe-
reich zugeordnet werden
Management der Bettenkapazitäten
7
Krankenhaushygienische
Maßnahmen
Wichtige fachliche Empfehlungen enthalten fol-
gende Quellen:
RKI: Empfehlung des RKI für die Hygienemaß-
nahmen bei Patienten mit Verdacht auf bzw.
nachgewiesener Influenza
BAuA: Beschluss 609 – Arbeitsschutz beim
Auftreten von Influenza unter besonderer
Berücksichtigung des Atemschutzes
Darüber hinaus sind die Hygienepläne zu über-
prüfen.
Persönliche Schutzmaßnahmen des medizi-
nischen Personals
Desinfektionsmaßnahmen (siehe Kapitel 4, Ta-
belle 4.2)
Entsorgung von Abfall nach Abfallschlüssel AS
180104 gemäß LAGA
Interner Patiententransport
Der Patient trägt nach Möglichkeit Mund-Na-
sen-Schutz, das Personal Schutzkleidung und
Atemschutzmaske. Kontaktflächen und Trans-

Anhang
53
portmittel sind unmittelbar nach dem Trans-
port zu desinfizieren.
Umgang mit Verstorbenen
Der Umgang mit Verstorbenen erfordert kein
spezielles Containment wie bei hochkonta-
giösen Infektionskrankheiten anderer Genese;
vom Umgang mit Influenzaverstorbenen geht
bei Einhaltung üblicher Hygieneregeln keine
besondere Infektionsgefahr aus. Der unge-
schützte Kontakt mit erregerhaltigen Sekreten
ist generell zu vermeiden.

 
Anhang
55
1
Hintergrund
Bei einer Influenzapandemie ist davon auszuge-
hen, dass im Vergleich zur saisonalen Influenza
sowohl die Erkrankungsrate insgesamt als auch
der Anteil schwerer Verläufe deutlich erhöht ist.
Senioren zählen bei der saisonalen Influenza zu
den so genannten Risikogruppen, bei denen in ver-
stärktem Maße Komplikationen wie schwere Lun-
genentzündungen auftreten. Der enge Kontakt von
Bewohnern und Betreuern in Gemeinschafts-
einrichtungen wie Alten- und Altenpflegeheimen
begünstigt zudem die Ausbreitung von Tröpf-
cheninfektionen wie der Influenza. Zusätzlich er-
leichtert das Vorhandensein von invasiven Zugän-
gen (z. B. Magensonden) die Entwicklung von
Sekundärinfektionen und Komplikationen. Es ist
davon auszugehen, dass in einer Pandemie auch
das Personal selbst verstärkt von krankheitsbeding-
ten Ausfällen betroffen ist.
Vor diesem Hintergrund kommt der Vorbereitung
von Altenheimen und Altenpflegeheimen auf eine
Influenzapandemie eine große Bedeutung zu. Zur
Entlastung des stationären Bereichs ist eine mög-
lichst lange Betreuung erkrankter Bewohner in
den Alten- und Altenpflegeheimen anzustreben.
Die Hygienepläne müssen ggf. an die spezifischen
Erfordernisse einer Influenzapandemie angepasst
werden.
Ausführliche Fachinformationen zur Influenza-
Pandemieplanung enthält Teil II des NPP, der über
www.rki.de
aus dem Internet bezogen werden
kann.
2
Maßnahmen in der
interpandemischen Phase
Jährliche Impfung des Personals und der Be-
wohner gegen saisonale Influenza
Planung und Übung der Abläufe im Pandemie-
fall
3
Organisatorische Maßnahmen zur
Sicherstellung der Versorgung von
Erkrankten in der Gemeinschafts-
einrichtung
Allgemeine Maßnahmen
Einrichtung von separaten Zimmern oder Sta-
tionen zur Betreuung der Erkrankten
Verstärkte Überwachung der Erkrankten
Parenterale Ernährung und Sauerstoffversor-
gung kann erforderlich sein: für diese Fälle ist
entsprechend zu planen.
Personalmanagement
Personal mit Symptomen einer ILI aus der Pa-
tientenversorgung nehmen; das Personal sollte
bei entsprechend schwerer Symptomatik mög-
lichst rasch einen Arzt aufsuchen, um ggf. in-
nerhalb von 48 Stunden nach Symptombeginn
mit antiviralen Mitteln therapiert zu werden.
Darüber hinaus sollte geprüft werden, inwie-
weit eine Verstärkung der Personalressourcen
(z. B. durch Pflegekräfte in der Ausbildung, Me-
dizinstudenten etc.) möglich ist.
Anhang 2 zu Kapitel 5
Planungshilfe für Altenheime und Altenpflegeheime

56
Anhang
Personalschutz
Impfung
Sobald ein Impfstoff gegen das Pandemievirus
vorliegt, wird entsprechend des Versorgungs-
grades schrittweise mit den Impfungen begon-
nen.
In den Einrichtungen sollte sichergestellt wer-
den, dass sowohl das Personal als auch die Be-
wohner so rasch wie möglich geimpft werden.
Die Impfung kann für das Personal vom Betriebs-
arzt der Einrichtung übernommen werden.
Bevorratung bzw. Managementkonzept
für rasche Beschaffung im Ereignisfall
Einmalhandschuhe
Mund-Nasen-Schutz
Information und Schulung des Personals
Regelmäßige Auffrischung des Informations-
stands des Personals bezüglich der organisato-
rischen Vorbereitungen sowie der Ablaufpläne
für den Pandemiefall
Im Rahmen von Schulungen sollte auch die
Pflege von Influenzapatienten sowie das Hy-
gienemanagement thematisiert werden.
4
Hygienemaßnahmen
Wichtige fachliche Empfehlungen enthalten fol-
gende Quellen:
RKI: Empfehlung des RKI für die Hygienemaß-
nahmen bei Patienten mit Verdacht auf Influen-
za
BAuA: Beschluss 609 – Arbeitsschutz beim
Auftreten von Influenza unter besonderer Be-
rücksichtigung des Atemschutzes
Darüber hinaus sind die Hygienepläne zu über-
prüfen bzw. zu ergänzen.
Persönliche Schutzmaßnahmen bei isolierten
Patienten
Desinfektionsmaßnahmen (siehe Kapitel 4, Ta-
belle 4.2)
Entsorgung von Abfall nach Abfallschlüssel AS
180104 gemäß LAGA
Interner Patiententransport
Der Patient trägt nach Möglichkeit Mund-Na-
sen-Schutz, das Personal Schutzkleidung und
Mund-Nasen-Schutz.

 
Anhang
57
1
Hintergrund
Bei einer Influenzapandemie ist davon auszuge-
hen, dass im Vergleich zur saisonalen Influenza
sowohl die Erkrankungsrate insgesamt als auch
der Anteil schwerer Verläufe deutlich erhöht ist.
Entsprechend steigt auch das Aufkommen an In-
fluenza-bedingten Patiententransporten in die
Krankenhäuser. Deshalb sind neben der Erhöhung
der Transportkapazitäten weitere organisatorische
Maßnahmen zu beachten.
2
Maßnahmen in der
interpandemischen Phase
Jährliche Impfung des Personals gegen saisona-
le Influenza
Anpassung der Notfallpläne an die Influenza-
Pandemieplanung
Übung der Abläufe im Pandemiefall
Information und Schulung des Personals über
Ablaufpläne und Hygienemanagement
3
Personalmanagement
Personelle Verstärkung der Rettungsleitstelle
zur Bewältigung des erhöhten Dispositionsbe-
darfs sowie zur evtl. Abklärung der Indikation
für eine Krankenhauseinweisung
Erweiterung der Personalressourcen für den
Rettungsdienst (z. B. Berücksichtigung von Me-
dizinstudenten mit Grundkenntnissen im Ret-
tungswesen, Rettungsassistenten in der Ausbil-
dung im nichtärztlichen Bereich)
Personal mit Symptomen einer Influenza-ähn-
lichen Erkrankung (ILI) aus den Aufgaben-
bereichen mit Patientenkontakt herausnehmen
4
Steuerung
der
Patienten ströme
Zentrale Bettendisposition und
Einheitliche Steuerung über Rettungsleitstelle
(Hausarzt entscheidet nicht über Ziel der Ein-
weisung)
5
Bevorratung bzw. Management-
konzept für rasche Beschaffung
im Ereignisfall
Schmerzmittel, Sedativa
Einmalhandschuhe
Mund-Nasen-Schutz (auch für Patienten)
FFP2-Masken/FFP3-Masken für risikoträchtige
Tätigkeiten
6
Personalschutz
Antivirale Prophylaxe
Nähere Hinweise zur antiviralen Prophylaxe
siehe „Empfehlungen von Bundesärztekammer
und Kassenärztlicher Bundesvereinigung zum
Einsatz antiviraler Arzneimittel für die Post-
expositions- und Langzeitprophylaxe während
einer Influenzapandemie“, Deutsches Ärzte-
blatt 2007, 104, S. A3571−A3581.
Eine entsprechende Bevorratung unterliegt der
Verantwortung des Arbeitgebers.
Impfung
Sobald ein Impfstoff gegen das Pandemievirus
vorliegt, wird entsprechend des Versorgungs-
grades schrittweise mit den Impfungen begon-
nen. Personal im akut medizinischen Bereich
einschließlich des Rettungsdienstes gehört zu
Anhang 3 zu Kapitel 5:
Planungshilfe für den Rettungsdienst

58
Anhang
den Personengruppen, die vorrangig mit Impf-
stoff versorgt werden.
Bei den Rettungsdiensten sollte durch entspre-
chende Vorbereitungen sichergestellt werden,
dass nach Bereitstellung des Impfstoffes das
Personal durch den betriebsärztlichen Dienst
möglichst rasch geimpft wird.
7
Vorgehen
bei
Patienten transport
Vorbereitung des Transportfahrzeugs
– Fahrzeug soweit wie möglich ausräumen,
Notfallausrüstung in der Fahrerkabine depo-
nieren
– Fahrerabteil getrennt halten, Zwischenfens-
ter schließen, Verständigung über Sprech-
anlage
Hygienemaßnahmen beim Krankentransport
Persönliche Schutzmaßnahmen des medizi-
nischen Personals
Reduktion der Übertragung durch Erkrankte
– Patient trägt während des Transports nach
Möglichkeit Mund-Nasen-Schutz.
– Verwendung von Einmalbettwäsche (Einweg-
laken, Kopfkissenschutz)
Desinfektionsmaßnahmen (siehe Kapitel 4, Ta-
belle 4.2)
Entsorgung von Abfall nach Abfallschlüssel AS
180104 gemäß LAGA

 
Anhang
59
1
Allgemeine Anforderungen an einen
Pandemieimpfstoff
Ein idealer Pandemieimpfstoff sollte ein hochwirk-
samer Impfstoff sein, der
in möglichst kurzer Zeit in sehr hohen Dosen-
zahlen produzierbar und verfügbar,
in allen Altersgruppen wirksam und
sicher in der Anwendung mit sehr geringer
Rate von UAW ist.
Der Schweregrad einer Pandemie mit einem neu-
artigen Influenzavirus kann erst allmählich im
Verlauf einer Pandemie abgeschätzt werden. Zu-
sätzlich dazu ist der Immunstatus der Bevölkerung
im Hinblick auf das neuartige Virus nur nähe-
rungsweise ermittelbar, da die Zeit zur Untersu-
chung der gesamten Bevölkerung mittels validier-
ter Studien vor dem Hintergrund einer Pandemie
nicht zur Verfügung steht. Damit ist es notwendig,
zum gegebenen Zeitpunkt die Entscheidung für
die Produktion eines Pandemieimpfstoffes auf der
Grundlage der zu dem Zeitpunkt vorhandenen Da-
ten und Informationen unter sorgfältiger Risiko-
abwägung zu treffen.
Diese Eckpunkte bestimmen die Entwicklung ei-
nes Impfkonzepts für den Pandemiefall.
Folgende grundsätzliche Aspekte gilt es dabei vor
dem Hintergrund des breiten Spektrums an Pan-
demieszenarien zu berücksichtigen:
Die Anzahl der zu verabreichenden Impfdosen
und die Antigenmenge pro Dosis sind abhängig
davon, ob in der Bevölkerung bereits eine Basis-
immunität vorhanden ist oder ob sie immuno-
logisch naiv ist.
Die Pathogenität und Übertragbarkeit des Pan-
demievirus bedingt deutliche Abstufungen in
der Tolerierbarkeit potenzieller UAW in der Be-
völkerung: Impfstoffnebenwirkungen werden
bei einem leicht übertragbaren, hochpatho-
genen Virus mit hoher Morbidität und/oder
Mortalität in deutlich stärkerem Maße toleriert
als bei einem nur wenig pathogenen Virus mit
eingeschränkter Übertragbarkeit von Mensch
zu Mensch. Dies macht eine sehr spezifische
Risiko-Nutzen-Abwägung notwendig, z. B. für
unterschiedlich stark gefährdete Bevölkerungs-
gruppen.
Die Art und Formulierung der Impfstoffe (z. B.
inaktivierte Impfstoffe, lebend-attenuierte
Impfstoffe, Wirkverstärker) zur Erzielung einer
möglichst hohen Immunogenität und Schutz-
wirkung mit der erforderlichen Dosenanzahl.
Das pandemische Impfstoffkonzept ist deshalb
möglichst flexibel
zu gestalten, um sowohl leich-
ten, mittleren als auch schwerwiegenden Pande-
mieszenarien ausreichend Rechnung tragen zu
können. Auch sind die Entwicklung der epidemio-
logischen Situation innerhalb einer Pandemie dy-
namisch und die Übergänge fließend. Für die Ri-
sikoeinschätzung der Schwere einer Pandemie
können Kriterien aus drei Bereichen herangezo-
gen werden (s. NPP Teil II, Kapitel „Konzept zur
Risikoeinschätzung während einer Pandemie“):
das epidemische Potenzial in der Bevölkerung
mit Berücksichtigung der Übertragbarkeit und
der regionalen Ausbreitungsdynamik,
das epidemiologische (Schwere-)Profil von In-
fluenzaerkrankungen, d. h. die individuelle
klinische Schwere, der Anteil der Fälle mit
schwerem Erkrankungsverlauf und die Charak
-
teristika schwerer Fälle sowie
Anhang zu Kapitel 6:
Impfstoffauswahl und Impfstoffversorgung für den Influenza-
Pandemiefall
(Stand November 2016)

60
Anhang
die Ressourcenbelastung im Gesundheitsver-
sorgungssystem.
Zur Bewertung der Situation und der Auswirkun-
gen einer Pandemie sowie zur Entscheidung über
jeweils erforderliche Interventionsmaßnahmen
müssen funktionsfähige Surveillance-Instrumente
etabliert sein, mit denen die epidemiologischen
Daten zu den Kriterien erhoben werden können.
2
Pandemieimpfstoffe in Deutschland
und der EU
Anwendbarkeit und Bedeutung einzelner Impf-
stoffe/Impfstoffgruppen im Pandemiefall:
Impfstoffe mit neuartigen Öl-in-Wasser-
Adjuvanzien
In der H1N1-Pandemie 2009 kamen adjuvan-
tierte Impfstoffe zu einem massenhaften Ein-
satz. Sie sind gekennzeichnet durch universelle
Einsetzbarkeit, gute Wirksamkeit und hohe
Verfügbarkeit auch für zukünftige Planungen.
Sie eignen sich aufgrund der hohen Immu-
nogenität insbesondere für schwere Pandemie-
szenarien. Der Großteil dieser Impfstoffe wird
gegenwärtig in embryonierten Hühnereiern
produziert, was eine hohe Antigenausbeute er-
möglicht. Aufgrund der wirkverstärkenden Öl-
in-Wasser-Adjuvanzien kann die pro Dosis zur
Erzeugung einer adäquaten Immunantwort
erforderliche Antigenmenge reduziert werden,
so dass aus der verfügbaren Antigen-Herstel-
lungskapazität eine signifikant höhere Anzahl
von Impfstoffdosen produziert werden kann. Es
liegen überdies experimentelle Hinweise dafür
vor, dass diese Adjuvanzsysteme auch die Im-
munität gegenüber Driftvarianten des im Impf-
stoff enthaltenen Virus verstärken könnten. Aus
einigen EU-Ländern (hauptsächlich Finnland,
Schweden, Irland) wurde über das vermehrte
Auftreten von Narkolepsiefällen nach der Imp-
fung mit Pandemrix
®
überwiegend bei Kin-
dern und Jugendlichen berichtet. Hierfür wird
das Adjuvans AS03 verantwortlich gemacht.
Ganz vereinzelt wurden Fälle von Narkolepsie
nach der Impfung mit Pandemrix
®
auch bei
jüngeren Erwachsenen verzeichnet. Keine Häu-
fung wurde bei älteren Erwachsenen (> 40 Jah-
re) beobachtet.
Zellkultur-basierte Impfstoffe
Zellkultur-basierte Impfstoffe können eine Al-
ternative zu Ei-basierten Impfstoffen darstellen
und dadurch helfen, Engpässe im Pandemiefall
zumindest teilweise zu kompensieren. Zellkul-
tur-basierte Herstellungsverfahren ermögli-
chen zudem einen früheren Produktionsbeginn
und erste Dosiskontingente dieser Impfstoffe
können um etwa 2–4 Wochen früher zur Verfü-
gung stehen. Jedoch ist die Gesamtproduktions-
kapazität bei Zellkultur-gestützten Herstel-
lungsverfahren derzeit wesentlich geringer als
bei der Produktion im Hühnerei. Ein weiterer
wesentlicher Aspekt ist die Verfügbarkeit dieser
Impfstoffe für zukünftige Planungen: Gegen-
wärtig können jedoch aufgrund der jüngsten
Veränderungen/Umstrukturierungen bei den
Herstellern keine zuverlässigen Prognosen
über die zukünftige Verfügbarkeit der Impf-
stoffes Celtura
®
(Novartis Influenza Vaccines
Marburg GmbH, die Anlage zur Produktion
dieses Impfstoffes in Marburg wurde jedoch
zwischenzeitlich umgewidmet und steht nicht
mehr zur Impfstoffherstellung zur Verfügung)
und Celvapan
®
(gegenwärtiger Zulassungsin-
haber „Nanotherapeutics Bohumil SRO“, ehe-
mals Firma Baxter AG) getroffen werden. Impf-
stoffe aus Zellkultur könnten sich daher
insbesondere zur Impfung bestimmter prio-
risierter Bevölkerungsgruppen am Pandemie-
beginn (z. B. medizinisches Personal, beson-
ders gefährdete Bevölkerungsgruppen) oder
zum kurzfristigen Ausgleich vorübergehender
Engpässe in der Versorgung mit Ei-basierten
Impfstoffen eignen.
Pandemischer LAIV
Lebend attenuierte saisonale Impfstoffe (LAIV)
zeigen in seronegativen Impflingen eine über-
legene Schutzwirkung bei Kindern im Alter
zwischen 2 bis 6 Jahren. Insofern wäre die An-
wendung eines monovalenten pandemischen
LAIV zum Schutz in dieser Altersgruppe gegen
ein neuartiges Pandemievirus eine Option. Der
lebend attenuierte Impfstoff zur Pandemievor-
sorge (ehemals „Mock-up“ Impfstoff) „pande-
mischer Influenzaimpfstoff H5N1 lebend-atte-

Anhang
61
nuiert, MedImmune“ wurde im Mai 2016 in
der EU zugelassen. Nähere Informationen zum
Impfstoff sind bei der EMA unter folgendem
Link erhältlich:
http://www.ema.europa.eu/docs/de_DE/docu-
ment_library/EPAR_-_Summary_for_the_pub-
lic/human/003963/WC500207903.pdf
Monovalente Varianten der klassischen saisonalen
Impfstoffformulierungen
Insbesondere für leichte bis mittelschwere Pan-
demieszenarien (geringe Infektionsraten bei
gleichzeitig niedriger Pathogenität des Pande-
mievirus) bestünde grundsätzlich auch die
Möglichkeit des Einsatzes von
monovalenten,
nicht-adjuvantierten Spalt- oder Untereinheiten-
Impfstoffen
. Diese wären bis auf ihren monova-
lenten Gehalt an Impfviren identisch zu den
entsprechenden saisonalen inaktivierten Impf-
stoffen. Aufgrund ihrer erwiesenen Eignung
zur Auffrischung einer bereits vorhandenen
Basisimmunität könnten solche Impfstoffe in
Bevölkerungsteilen, die nicht absolut immuno-
logisch naiv gegen das Pandemievirus sind,
eine ausreichende Schutzwirkung induzieren.
Für solche monovalente Impfstoffe besteht je-
doch derzeit keine pandemische Zulassung.
Gemäß Darstellung des PEI (aktualisiert im No-
vember 2016) besitzen derzeit die folgenden Impf-
stoffe zur Pandemievorsorge („Pandemic pre-
paredness vaccines“, ehemals „Mock-up“) mit
neuartigen Öl-in-Wasser-Adjuvanzien eine EU-
Zulassung:
Adjupanrix
®
(Subtyp H5N1, Ei-basiert, Adju-
vans AS03, Spaltvirus, 3,75 μg HA pro Dosis,
GlaxoSmithKline Biologicals s. a., Belgien)
Foclivia
®
(Subtyp H5N1, Ei-basiert, Adjuvans
MF59, Oberflächenantigen, 7,5 μg HA pro Do-
sis, ehemals Novartis Vaccines; gegenwärtig
läuft bei der EMA ein Variationsverfahren zur
Übertragung der Zulassung auf die Firma „Se-
qirus S.r.I.“ )
Weiterhin bestehen die Zulassungen für folgende
Zellkultur-basierten Impfstoffe:
Pandemic Influenza Vaccine H5N1 Baxter AG
(Subtyp H5N1, Vero-Zell-basiert, nicht adjuvan-
tiert, Ganzvirus, 7,5 µg pro Dosis, ehemals Bax-
ter AG, die Zulassung für diesen Impfstoff wur-
de mittlerweile auf die Firma „Nanotherapeutics
Bohumil SRO“ übertragen.)
Celtura
®
(Subtyp H1N1pdm09, MDCK-Zell-
basiert, Adjuvans MF59, Oberflächenantigen,
3,75 μg HA pro Dosis, ehemals Novartis Vacci-
nes; die rein nationale Zulassung für diesen
Impfstoff wurde im Mai 2015 auf die Firma No-
vartis Influenza Vaccines Marburg GmbH über-
tragen. Produktionskapazitäten für diesen
Impfstoff bestehen gegenwärtig nicht.)
Der Impfstoff aus Vero-Zellen ist gegenwärtig am
EU-Markt nicht verfügbar. Die Anlage wurde je-
doch mittlerweile an einen Firmenverbund aus
„Takeda“ und „Nanotherapeutics“ verkauft, die die
Impfstoffproduktion offenbar fortführen möchten
(die dazu notwendige Zulassungsübertragung ist
bereits erfolgt, siehe weiter oben). Genaue Anga-
ben zur zukünftigen Verfügbarkeit liegen aktuell
aber nicht vor.
Die Anlage zur Impfstoffherstellung in MDCK-
Zellen in Deutschland wird nicht mehr genutzt.
Die Zulassung für die während der „Schweinegrip-
pe-Pandemie“ eingesetzten H1N1-spezifischen
Impfstoffe „Pandemrix“ und „Focetria“ wurde be-
reits auf Wunsch der Zulassungsinhaber zurückge-
nommen; die Rücknahme der Zulassung für den
Impfstoff „Celvapan“ wurde vom Zulassungsinha-
ber beantragt und wird gegenwärtig bearbeitet.
Der jeweilige aktuelle Sachstand zu den Zulassun-
gen kann auf der EMA-webpage eingesehen wer-
den:
http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?
curl=pages/medicines/landing/epar_search.jsp
Das PEI sieht aufgrund der Schutzwirkung des le-
bend attenuierten saisonalen Impfstoffes (LAIV) in
seronegativen Impflingen die Anwendung eines
monovalenten LAIV zum Schutz von Kindern
(nach gegenwärtiger STIKO-Empfehlung, Stand
August 2016, für den saisonalen Impfstoff im Al-
tersbereich zwei bis einschließlich sechs Jahre)
gegen ein neuartiges Pandemievirus als eine be-
vorzugte Option an. Das zentralisierte Zulassungs-
verfahren bei der EMA für die pandemische Vari-
ante des lebend-attenuierten Influenzaimpfstoffes

62
Anhang
der Firma MedImmune wurde im Mai 2016 erfolg-
reich abgeschlossen. Der „Pandemische lebend
attenuierte Grippe-Impfstoff H5N1, MedImmune“
ist seither in der EU als Impfstoff zur Pandemie-
vorsorge („Mock-up“) in der Altersgruppe der
1–18-Jährigen zugelassen.
3
Eckpunkte der länderoffenen
Kontaktgruppe
Die länderoffene Kontaktgruppe JPA-Pandemie-
vorsorge hat im Ergebnisprotokoll zur Sitzung
vom 13.06.2014 in Bezug auf die Varianten der
Impfstoffbestellung nach Einbeziehung der Stel-
lungnahme des PEI über folgende vier Eckpunkte
Einvernehmen festgestellt:
1. für die Gruppe der Kinder sollen vorrangig
nicht adjuvantierte, leicht zu verabreichende
Lebendimpfstoffe verwendet werden,
2. aufgrund der erhöhten Narkolepsie-Inzidenz
nach Gabe von AS03-adjuvantierten Impfstoffen
bei Jugendlichen und Erwachsenen bis 40 Jah-
ren sollen in jedem Fall für diese Altersgruppe
MF59-adjuvantierte Impfstoffe eingesetzt wer-
den. Wegen der großen logistischen Probleme
im Falle von zwei Impfungen und den Sorgen
der Bevölkerung, der eine Impfstoff könnte bes-
ser sein als der andere, wird dringend dazu ge-
raten nur einen adjuvantierten Impfstoff für
Erwachsenen zu bestellen (mit MF 59).
Das PEI weist darauf hin, dass eine Beschrän-
kung auf nur einen adjuvantierten Impfstoff
nur für den Fall gerechtfertigt ist, dass eine Voll-
versorgung mit diesem einen Impfstoff gesi-
chert wäre. Gegenwärtigen realistischen Ein-
schätzungen zufolge kann jedoch davon nicht
ausgegangen werden. Gerade die jüngsten Um-
strukturierungen am Markt sollten aus Sicht
des PEI Anlass sein, ein adjuvantiertes Alterna-
tivprodukt (mit AS03) in der zulässigen Alters-
gruppe > 40 Jahre in Erwägung zu ziehen.
3. ein Höchstmaß an Flexibilität ist bei der Bestel-
lung in Bezug auf Antigen und Adjuvans anzu-
streben und
4. an dem bisherigen Basis-Versorgungsschlüssel
von 30 % der Bevölkerung wird festgehalten.
Somit kommen prinzipiell folgende zugelassene
bzw. im Zulassungsverfahren befindliche Impf-
stoffe für ein Impfstoffkonzept in Betracht:
zu 1.: Pandemischer lebend attenuierter Grippe-
Impfstoff H5N1, „MedImmune“; Cave:
zukünftige Produktionskapazität nicht ab-
schätzbar; das zentralisierte Zulassungs-
verfahren bei der EMA wurde im Mai 2016
offiziell mit der Erteilung der Zulassung in
der EU abgeschlossen. Der Zulassungsinha-
ber (Astra Zeneca/Medimmune) plant für
die pandemische Variante des Impfstoffes
dieselbe Altersindikation wie für den zuge-
lassenen saisonalen Impfstoff Fluenz Te-
tra®, also 1–18 Jahre. Dies ist als Richtgröße
anzusehen, da die genauen Altersgruppen,
die von einem pandemischen LAIV beson-
ders profitieren könnten, von den speziellen
antigenetischen Eigenschaften eines neuen
Pandemievirus bestimmt werden. Ebenso ist
zu erwarten, dass beim Auftreten eines
hochpathogenen Pandemievirus diese Al-
tersindikation auf Kleinkinder unter 2 Jah-
ren ausgedehnt werden könnte.
zu 2.:
Celtura
®
(H1N1)pdm09; Pro: gute Wirk-
samkeit, Cave: Gegenwärtig keine Produkti-
onskapazitäten aufgrund der Umwidmung
der Herstellungsanlage, zukünftige Kapazi-
tät zur Marktversorgung unklar.
Foclivia
®
(H5N1; Musterimpfstoff)
Diese „pandemic preparedness“-Zulassung
wäre die konkrete Grundlage für die Ent-
wicklung und Zulassung eines neuen Pande-
mieimpfstoffes im Falle einer Pandemie mit
einem neuartigen Virus.
Adjupanrix
®
(H5N1; Musterimpfstoff)
Diese „pandemic preparedness“-Zulassung
wäre die konkrete Grundlage für die Ent-
wicklung und Zulassung eines neuen Pande-
mieimpfstoffes im Falle einer Pandemie mit
einem neuartigen Virus für Personen ab
dem 40. Lebensjahr.
zu 3.: Aufgrund der Forderung in Nr. 3 der Eck-
punkte, ein Höchstmaß an Flexibilität bei
der Bestellung in Bezug auf Antigen und
Adjuvans anzustreben, sowie der Notwen-
digkeit, sich weitere Flexibilität im Produkti-
onsprozess (s. 5.) zu sichern, sollte die tech-

Anhang
63
nische Machbarkeit ergebnisoffen geprüft
werden.
zu 4.: Die Forderung, an dem bisherigen Versor-
gungsschlüssel von 30 % der Bevölkerung
festzuhalten, bedingt eine vertragliche Ver-
einbarung über eine möglichst
späte Ent-
scheidung bzgl. einer Adjuvantierung
(s. 5.2).
Nur dadurch könnte im Falle eines Worst-
Case-Szenarios (leicht übertragbares, hoch-
pathogenes Virus mit hoher Morbidität und/
oder Mortalität, immunologisch naive Bevöl-
kerung) mit einem adjuvantierten Impfstoff
die gesamte Bevölkerung ggf. zweimalig
geimpft werden.
4
Mögliche Varianten einer Impfstoff
-
bestellung
Nachfolgende Tabelle fasst die möglichen Varian-
ten einer Impfstoffbestellung für den Pandemie -
fall nach Szenarien zusammen. Die bevorzugten
Impfstoffkandidaten sind dabei jeweils fett ge-
druckt.
5
Anforderungen eines Impfstoff-
konzeptes an einen flexiblen Produk-
tionsprozess unter Berücksichtigung
von Best- und Worst-Case-Szenarien
Da der Verlauf einer zukünftigen Pandemie bezüg-
lich Ausbreitung, Pathogenität, Immunität in der
Bevölkerung und Ressourcenauslastung im Ge-
sundheitswesen nicht kalkulierbar ist, sollte den
im NPP festgelegten Szenarien ein möglichst fle-
xibles Konzept für den Produktionsprozess des
Pandemieimpfstoffes entsprechen und in den über
die EU vermittelten Ausschreibungen Eingang fin-
den. Für den Fall, dass die notwendige Flexibilität
sich nicht im Rahmen des Joint Procurement er-
zielen lässt, sollte geprüft werden, ob dies durch
parallele nationale Verhandlungen zu erreichen
ist. Für den Pandemiefall ist die Versorgung mit
Impfstoffen in ausreichender Menge sicherzustel-
len. Dies lässt sich nach Ansicht des PEI unter Um-
ständen nur durch Einsatz von Produkten unter-
schiedlicher Hersteller gewährleisten.
Szenario
Maximal
erreichbarer
Versorgungs-
grad der
Bevölkerung
Kinder
Jugendliche und
Erwachsene < 40 J.
Erwachsene > 40 J.
Best-Case
(Niedrige
Patho genität,
Relevanz
für Teile der Bevölkerung,
niedrigere Übertragbarkeit,
Bevölkerungsimmunität
teilweise vorhanden)
30 %
(Annahme
1-malige
Impfung)
Pandemischer
lebend attenuier-
ter Grippe-Impf-
stoff H5N1,
„MedImmune“
monovalente, nicht-
adjuvantierte Spalt-
oder Untereinheiten-
Impfstoffe
2
,
Foclivia
3
(H5N1)
monovalente, nicht-
adjuvantierte Spalt- oder
Untereinheiten-Impfstoffe
2
,
Adjupanrix
3
(H5N1),
Foclivia
3
(H5N1)
Worst-Case
(hohe
Patho genität,
leichte
Übertragbarkeit, keine
Bevölkerungs immunität)
200 %
(Annahme
2-malige
Impfung)
Pandemischer
lebend
attenuier-
ter Grippe-Impf-
stoff H5N1,
„MedImmune“
Adjupanrix
1
(H5N1),
Foclivia
3
(H5N1)
Adjupanrix
3
(H5N1),
Foclivia
3
(H5N1)
1 Nutzen-Risiko-Abwägung
2 bislang keine pandemische Zulassung
3 Im Pandemiefall mit einem neuen Virus würden die Impfstoffe auf der Basis der „Pandemic preparedness vaccines“ ent -
wickelt und zugelassen

64
Anhang
5.1 Auslösung der Bestellung
Der Auslösezeitpunkt der Bestellung sollte sehr
flexibel und angepasst an den bisherigen Pan-
demieverlauf sein und nicht an die WHO-Pan-
demiephasen gekoppelt sein.
Die Bestellung erfolgt durch die GMK.
5.2
Flexibilisierbarer und adaptations
-
fähiger Produktionsprozess
bezüglich Impfstoffmenge,
Impfstoffart und Anzahl der zu
verabreichenden Impfdosen
Nach der Initiierung der Antigenproduktion
sollte der Ablauf des weiteren Produktionsver-
fahrens gestaffelt sein.
Es sollten im Vorfeld Meilensteine vertraglich
festgelegt werden, bei deren Erreichen über die
jeweilige weitere Produktionsmenge sowie über
die Eigenschaften des produzierten Impfstoffes
entschieden wird. Im Vertrag wäre zu vereinba-
ren, dass die GMK diese Entscheidung ange-
passt an den Verlauf der Pandemie (s. unter
5.2.1 Best- und Worst-Case Szenario) trifft.
Da wie oben dargestellt der Verlauf einer Pan-
demie nicht vorhersehbar ist, sollte in den
Vertragsverhandlungen die Möglichkeit einer
möglichst späten Entscheidung bzgl. einer
Adjuvantierung auf der Basis der jeweiligen
Bedrohungslage erfolgen. Durch die Adjuvan
-
tierung würde – bei Erhalt der Immunogenität
– mit weniger Antigen eine Vervielfachung der
Impfdosen und möglicherweise eine Verbreite-
rung der Immunantwort erzielt werden.
Im Vorfeld ist daher zu klären, ob für den aus-
gewählten Impfstoffkandidaten die Möglichkeit
besteht, dass er sowohl mit als auch ohne Adju-
vans geliefert und auch verimpft werden kann
(5.2.1). Gegebenenfalls müsste eine „pandemic
preparedness“ Zulassung für eine Variante des-
selben Impfstoffes mit als auch ohne Adjuvans
gefordert werden. Lässt sich dies für keinen der
Impfstoffe realisieren, müssten Verträge über
zwei unterschiedliche Impfstoffe ggf. mit zwei
Herstellern/pharmazeutischen Unternehmen
geschlossen werden (5.2.2).
5.2.1
Variante ein Impfstoff mit Option
bzgl. Adjuvantierung (aus logistischen
Gründen zu bevorzugen)
Als zentraler Meilenstein wäre zu vereinbaren,
dass an einem bestimmten Zeitpunkt darüber
entschieden wird, ob das produzierte Antigen
adjuvantiert wird oder nicht.
Worst-Case-Szenario:
Es ist technisch möglich, ein Adjuvans erst spät
im Produktionsprozess mit dem Antigen zu
verbinden. Bei einer vertraglichen Vereinba-
rung über einen nicht-adjuvantierten Impfstoff
für 30 % der Bevölkerung müsste bei einer dro-
henden schwer verlaufenden Pandemie das An-
tigen mit dem Adjuvans versehen werden. In
einer schwer verlaufenden Pandemie (Kriterien
sind im Kapitel 4 Infektionshygienische Maß-
nahmen hinterlegt) wäre der Produktionspro-
zess unter größtmöglicher Antigeneinsparung
zu einem adjuvantierten Pandemieimpfstoff
weiterzuführen mit dem Ziel, in kurzer Zeit
ausreichend Impfdosen für eine zweimalige
Impfung der gesamten Bevölkerung zur Verfü-
gung zu stellen. Dementsprechend würde dann
auch eine Abfüllung in Mehrdosisbehältnisse
erfolgen (Konservierungsmittel wie z. B. Thio-
mersal wären notwendig).
Auch bei einer schwer verlaufenden Pandemie
müsste eine noch zu definierende Menge des
Antigens parallel zur adjuvantierten Produktion
in die nicht-adjuvantierte Produktion münden.
Dadurch soll sichergestellt werden, dass für Be-
völkerungsgruppen, für die eine Impfung mit
bestimmten adjuvantierten Impfstoffen proble-
matisch sein kann, ein geeigneter Impfstoff zur
Verfügung steht (z. B. für Schwangere und Kin-
der). Laut PEI zeigt die Erfahrung der letzten
Pandemie jedoch, dass die Anwendung MF59-
adjuvantierter Impfstoffe bei Schwangeren und
Kindern mit keinem erhöhten Risiko verbun-
den ist.
Die weitere Produktion beider Produktionsli-
nien würde gestaffelt je nach Pandemieverlauf
erfolgen, so dass die jeweilige Produktionsmen-
ge dem Pandemieverlauf angepasst werden
kann. Eine Anpassung wäre an den im Vorfeld
festgelegten Meilensteinen möglich.

Anhang
65
Best-Case-Szenario:
Bei einer nach Kriterien des Pandemieplans we-
niger schwer verlaufenden Pandemie würde der
Produktionsprozess zu einem nicht-adjuvan-
tierten Impfstoff weitergeführt werden, die Ab-
füllung würde in Einzeldosen (Fertigspritzen)
erfolgen, Konservierungsmittel wären nicht
notwendig.
Da die Frage nach einer oder zwei zu verabrei-
chenden Impfdosen erst nach Vorliegen erster
serologischer Studien erfolgen kann, muss die
Produktionsmenge auch diesbezüglich flexibi-
lisierbar sein. Die Entscheidung hierüber wäre
wieder an einem diesbezüglich im Vorfeld ver-
einbarten Meilenstein zu treffen.
5.2.2
Variante zwei Impfstoffe mit und ohne
Adjuvans
Das Ziel, sowohl Optionen auf einen adjuvan-
tierten Impfstoff für eine schwer verlaufende
Pandemie zu haben als auch Optionen auf
einen nicht-adjuvantierten Impfstoff für eine
leicht verlaufende Pandemie könnte auch durch
Verträge mit zwei verschiedenen Herstellern
erreicht werden. Allerdings wird die Verteilung
zweier verschiedener Impfstoffe kritisch gese-
hen. Das ist logistisch u.U. nur schwer zu be-
werkstelligen und öffentlich nicht zu vermitteln
(vgl. Erfahrungen 2009 mit Baxter). Entschei-
dend ist hierbei, ob sich die Versorgung mit
Impfstoffen in ausreichender Menge durch ei-
nen Hersteller sicherstellen lässt.
Bezüglich der Produktionsmenge flexibilisier-
bare Produktionsprozesse müssten dann ana-
log des o. g. Vorgehens mit dem jeweiligen Her-
steller vereinbart werden.
5.3
Impfstoff für die gesamte
Bevölkerung
Für ein Worst-Case-Szenario müsste es möglich
sein, die gesamte Bevölkerung ggf. zweimal mit
dem Impfstoff zu versorgen.
Optimal wäre, für den Worst Case einen ent-
sprechenden prozentualen Maximalanteil an
den Produktionskapazitäten vertraglich zu si-
chern. Die tatsächliche Auslastung müsste mit
oben beschriebenen Verfahren jedoch flexibili-
sierbar sein.
5.4
Produktionstechnik:
Möglichst
auf Basis von bebrüteten Hühner-
eiern aber Flexibilität gegenüber
neuen Entwicklungen bei den
Produktions methoden
Derzeit ist der sichere Produktionsprozess der
Ei-basierte, deshalb vertragliche Festlegung auf
einen Ei-basierten Produktionsprozess.
Evtl. könnte eine Vertragsklausel eingefügt wer-
den, die bei längeren Vertragslaufzeiten auch
„neue“ Entwicklungen bei den Herstellungsme-
thoden nach Stand der Technik erlauben würde
(Orientierung z. B. an den saisonalen Grippe-
impfstoffen).

 
Anhang
67
Für die Planung können folgende Aspekte relevant
sein:
Betriebliche und personelle Planung
– Planungsstäbe bilden; Führungskonzept für
Influenzapandemie festlegen
– Kernfunktionen des Betriebes festlegen
– Absprachen mit Geschäftskunden und Liefe-
ranten treffen
– Bereiche, deren Betrieb vorübergehend ein-
gestellt werden kann, festlegen
– Versorgung und Betreuung der aktiven Mit-
arbeiter planen
– Versorgung und Schutz des Unternehmens
sichern
– Kontakt zu Einrichtungen außerhalb des Be-
triebes aufbauen
– Vorsorge für Mitarbeiter im Ausland treffen
– Rückkehr zur Normalität (nach der Pande-
mie) planen
Beschaffung von Hilfsmitteln
– Bedarf an Hilfsmitteln festlegen
– persönliche Schutzausrüstung (Atemschutz-
masken, Handschuhe, Schutzkleidung) be-
schaffen
– Reinigungs- und Desinfektionsmittel be-
schaffen
– Arzneimittel beschaffen
Informationspolitik
– Innerbetriebliches Informationsnetz ent-
wickeln
– Informationen an Mitarbeiter weitergeben
– Mitarbeiter zu hygienischem Verhalten un-
terweisen und anleiten
Vorbereitende medizinische Planung
– Planung von Aufgaben, Umfang und Spezi-
fikation des medizinischen Personals (Be-
triebsarzt und medizinisches Assistenzperso-
nal)
– Gewinnung und Verpflichtung von medizi-
nischem Personal
– Festlegung der besonderen Arbeitsabläufe in
der Pandemiephase
– Festlegung der besonderen Schutzmaßnah-
men für das medizinische Personal
In einem weiteren Schritt werden die konkrete
Umsetzung der Maßnahmen sowie die Abläufe im
Unternehmen festgelegt. Bei jeder Maßnahme
muss dabei zusätzlich bestimmt werden, ab wel-
chem Zeitpunkt bzw. unter welchen Rahmenbe-
dingungen sie eingesetzt wird.
Aufrechterhaltung Minimalbetrieb
– betrieblichen Pandemieplan aktivieren
– Produktion anpassen
– Kommunikation anpassen
– Persönliche Kontakte vermeiden
– Informationstechnologie sichern
Organisatorische Maßnahmen für das Personal
– Personalbedarf an Pandemiesituation anpas-
sen
– Versorgung und Betreuung des aktiven Per-
sonals sicherstellen
– Verhaltensregeln im täglichen Umgang ein-
halten
– Mitarbeiter kontinuierlich informieren
Externe Informationen
– Informationen von Fachbehörden über die
Pandemie-Entwicklung einholen
– Informationen über behördliche Entschei-
dungen einholen
Medizinische Maßnahmen
– Betriebszugang steuern
– Erkrankung von Beschäftigten am Arbeits-
platz managen
– Hilfsmittel und Medikamente ausgeben
– Medizinische Informationen anbieten
– evtl. Impfung organisieren
Anhang zu Kapitel 8:
Checkliste zur Erstellung eines betrieblichen Pandemieplans

68
Anhang
Maßnahmen für Angehörige und Auslands­
mitarbeiter
– Kontakt mit Angehörigen und Familien su-
chen
– Angehörige bei Erkrankung von Mitarbeitern
unterstützen
– Mitarbeiter bei Erkrankung von Angehörigen
unterstützen
– Mitarbeiter und Angehörige im Ausland un-
terstützen
Weitere Informationen
Weitere Hilfestellung bei der Erstellung eines be-
trieblichen Pandemieplans gibt das Handbuch Be-
triebliche Pandemieplanung von BBK und Landes-
gesundheitsamt Baden-Württemberg.

 
Abkürzungsverzeichnis
69
ACK
Amtschefkonferenz (Staatssekretäre/innen für Gesundheit und die Staatsräte/innen für Gesund-
heit der Länder)
ADR
Accord européen relatif au transport international des marchandises dangereuses par route
(Europäisches Übereinkommen über die Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße)
AG AATB
Arbeitsgruppe Arzneimittel-, Apotheken-, Transfusions- und Betäubungsmittelwesen
AIMPV
Aviäre-Influenza-Meldepflicht-Verordnung
AIS
Arztinformationssystem
AOLG
Arbeitsgemeinschaft der Abteilungsleiter(innen) der Obersten Gesundheitsbehörden
ArbMedVV
Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge
ARE
Akute Respiratorische Erkrankung (auch Influenza-like illness, ILI)
AS
Abfallschlüssel
AS03
Adjuvans (Wirkungsverstärker) in verschiedenen pandemischen Influenzaimpfstoffen
BÄK
Bundesärztekammer
BAnz
Bundesanzeiger
BAuA
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
BBK
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
BfArM
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
BGB
Bürgerliches Gesetzbuch
BGBl
Bundesgesetzblatt
BGW
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege
BioStoffV
Biostoffverordnung
BMG
Bundesministerium für Gesundheit
BMI
Bundesministerium des Innern
BZgA
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
DEMIS
Deutsches Elektronisches Meldesystem für Infektionsschutz
DVV
Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V.
ECDC
European Centre for Disease Prevention and Control (Europäisches Zentrum für die Prävention
und die Kontrolle von Krankheiten)
EG
Europäische Gemeinschaft
EHEC
Enterohämorrhagische
Escherichia coli
Abkürzungsverzeichnis

70
Abkürzungsverzeichnis
EKG
Elektrokardiogramm
EU
Europäische Union
FFP2/FFP3
Filtering Face Piece (Atemschutzmaske der Schutzklasse 2 bzw. 3)
G-BA
Gemeinsamer Bundesausschuss
GE
Gemeinschaftseinrichtungen
GfV
Gesellschaft für Virologie e.V.
GG
Grundgesetz
GHSI
Global Health Security Initiative (Globale Initiative für Gesundheitssicherheit)
GKV
Gesetzliche Krankenversicherung
GMBl
Gemeinsames Ministerialblatt
GMK
Gesundheitsministerkonferenz der Länder
H1N1
Subtyp eines pandemischen Influenza-A-Virus (sog. „Schweinegrippe“)
H5N1
Subtyp eines pandemischen Influenza-A-Virus (sog. „Vogelgrippe“)
HNO
Hals-Nasen-Ohren(-Arzt/Ärztin)
ICD-10
Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme
IfSG
Infektionsschutzgesetz
IGV
Internationale Gesundheitsvorschriften (engl.: International Health Regulations, IHR)
IGV-DG
Gesetz zur Durchführung der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV-Durchführungsgesetz)
IHR
siehe IGV
ILI
siehe ARE
IntMinKoGr
Interministerielle Koordinierungsgruppe des Bundes und der Länder
JPA
Joint Procurement Agreement (Vereinbarung über ein gemeinsames Beschaffungsverfahren
medizinischer Gegenmaßnahmen)
JVA
Justizvollzugsanstalten
KISS
Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System
KV
Kassenärztliche Vereinigungen
LAGA
Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall
LAIV
Live Attenuated Influenza Vaccine (lebend attenuierter Impfstoff gegen saisonale Influenza)
MF59
Adjuvans (Wirkungsverstärker) in verschiedenen Influenzaimpfstoffen
MU
Massenunterkünfte
NPP
Nationaler Pandemieplan

Abkürzungsverzeichnis
71
NRZ
Nationales Referenzzentrum
ÖGD
Öffentlicher Gesundheitsdienst
PCR
Polymerase Chain Reaction (Polymerase-Kettenreaktion)
PEG
Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e.V.
PEI
Paul-Ehrlich-Institut (Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel)
PHEIC
Public Health Emergency of International Concern (Gesundheitliche Notlage von Internationaler
Tragweite)
PIKS
Pandemische Influenza A/H1N1 Krankenhaus Surveillance
RKI
Robert Koch-Institut
SEED
ARE
Sentinel zur Elektronischen Erfassung von Diagnosecodes Akuter Respiratorischer Erkrankungen
SOP
Standard Operating Procedure (Standardarbeitsanweisung)
STIKO
Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut
TRBA
Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe
UAW
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen
VwV
Verwaltungsvorschrift
WHO
World Health Organization (Weltgesundheitsorganisation)

 
72
Impressum
Impressum
Nationaler Pandemieplan Teil I – Strukturen und Maßnahmen
Robert Koch-Institut, Berlin 2017
Herausgeber
Gesundheitsministerkonferenz der Länder
www.gmkonline.de
Verfasser
Federführend bei der Erstellung des Nationalen Pandemieplans Teil I war die Unter-Arbeitsgruppe „Pan-
demieplanung“ der AG Infektionsschutz, einer Arbeitsgruppe der Referenten für Infektionsschutz der
Obersten Landesgesundheitsbehörden. In dieser sind zudem das Bundesministerium für Gesundheit, das
Robert Koch-Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das Paul-Ehrlich-Institut als
ständige Gäste vertreten, die ebenfalls ihre Expertise bei der Er arbeitung von Teil I eingebracht haben.
Redaktion
Dr. Maren Wölk (†), Dr. Jan Franke (AG „Infektionsschutz“ der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landes-