image
84
85
2
Ottokar Dörffel an seine Mutter Christiane Charlotte Dörffel, geb. Kröhne
60
, Dona Francisca, 1.–5. Dezember
1854
Formalbeschreibung: Zweiseitiger Brief (Format 215 mm × 268 mm).
Erhaltungszustand: Fehlstellen im oberen und mittleren Randbereich sowie im Brieffalz in der Mitte des Papiers;
leichter Wasserschaden.
Verwahrort: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz, 32875 Dörffel – Kretzschmar, Familiennachlass,
Nr. 4/70.
Überfahrt von Hamburg nach São Francisco (Krankheiten, Geburten, Todesfälle, Ernährung an Bord).- Ankunft
in Brasilien.- Erste Eindrücke der Kolonie.- Quartier in einem der Empfangshäuser.- Nahrungsmittel.- Grund-
stückskauf.- Beschreibung des Grundstücks.- Übersiedlung auf das eigene Grundstück.- Geplante landwirt-
schaftliche Arbeiten.- Ida Dörffels Reitunfall.- Ida und Ottokar Dörffels Gesundheitszustand.
Dona Francisca
, den 1. December 1854.
Meine herzlich geliebte Mutter!
[
Am 20
]
.
61
November d.[ieses] J.[ahres] sind wir wohlbehalten im Hafen von
S[anc]t. Fran­
cisco
62
angelangt und am […]
63
desselben Monats glücklich in unserer Colonie gelan-
det.
64
Unsere Seereise war hinsichtlich der [
Sc
]hnelligkeit eine sehr günstige, rücksicht-
lich des Gesundheitszustandes der Passagiere aber eine ungünstige. Unsere Erlebnisse auf
der Reise bis in die Nordsee wirst Du bereits aus dem Briefe, welchen ich an Fiern-
krantz
65
geschrieben habe, umständlicher erfahren haben. Am 1. October fuhren wir von
Hamburg ab, gelangten am 3. October früh bis auf den Ankerplatz vor Cuxhafen
66
und
mußten dort 8 Tage lang vor Anker liegen bleiben, weil ein ganz widriger Wind weh-
te, der eine Zeit lang zum Sturme wurde und alle Schiffe, die kurz vor uns oder mit
uns von Hamburg ausgelaufen waren, aus der Nordsee, zum Teil arg beschädigt, in den
Ankerplatz von Cuxhafen
67
zurücktrieb. Die 8 Tage, welche wir vor Cuxhafen erlebten,
waren in der That schreckliche. Jeder Tag brachte neue Erkrankungen und einen oder
mehrere Sterbefälle unter den Passagieren. Der Muth der meisten Passagiere war gänz-
60
Christiane Charlotte Dörffel (1795–1859); vgl. Anm. 1.
61
Durch eine Fehlstelle im Papier nicht eindeutig lesbares Datum aus anderen Zusammenhängen
ergänzt.
62
Der Kolonie Dona Francisca vorgelagerte Insel São Francisco mit der 1640 gegründeten Stadt
Nossa Senhora da Graça de São Francisco mit ca. 7.000 Einwohnern um 1900, die sich ter-
rassenförmig von der Bucht aus erhebt und wo sich der Ankunftshafen der Einwandererschiffe
befand; vgl. Gernhard, Dona Francisca, S. 30–35.
63
Datum durch Fehlstelle im Papier nicht rekonstruierbar.
64
Zur Überfahrt und ersten Zeit in Dona Francisca vgl. auch den Bericht des Mitausgewanderten
Gustav Hermann Strobel: SächsStA-C, 32885 Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 115; Krohne/
Strobel, Ist wieder einer gestorben, S. 4–7.
65
Adolph Fiernkrantz (1807–1891), Färber und Begründer der Firma A. Fiernkrantz & Ehret in
Glauchau, gebürtig aus Berlin, seit 1831 Inhaber des Bürgerrechts von Glauchau und langjäh-
riger Stadtverordneter von Glauchau; vgl. KA Zwickau, Glau I, Nr. 47, Bürgerrolle, Nr. 1693;
Glau I, Nr. 2899, Einwohnerverzeichnis Fiernkrantz; SächsStA-C, 31377 A. Fiernkrantz & Eh-
ret.
66
Gemeint ist
Cuxhaven
, Stadt an der Mündung der Elbe in die Nordsee mit heute ca. 48.000
Einwohnern.
67
Gemeint ist
Cuxhaven
; vgl. Anm. 66.
lich gesunken und Viele bestürmten den Capitain
68
, sie in Cuxhaven ans Land zu set-
zen, um von da wieder nach Hause zurückzukehren. Doch es verging ein Tag nach dem
andern in der Hoffnung auf Besserung und die Gemüther Aller lebten wieder neu auf,
als am 8. October früh – einem herrlichen Morgen – die Anker gelichtet wurden und
das Schiff, nebst vielen anderen, bei günstigem Winde lustig in die offene See hinaus-
flog. Am 11. October liefen wir in den englischen Kanal
69
und bereits am 14. October
gegen Mitternacht in den atlantischen Ocean ein. Bei der Fahrt durch den Kanal bot
uns die Küste Englands, an welcher wir so knapp, wie möglich vorübersegelten, nament-
lich zur Abend- und Nachtzeit, mit ihren freundlichen Städten und Dörfern, mit ihren
Leuchtfeuern und imposanten Felsenpartieen einen herrlichen Anblick. Immer aber ka-
men wieder neue Erkrankungen und fast täglich Sterbefälle unter den Passagieren vor.
Das Leben auf dem Schiffe bot die größten Contraste dar. Unten im Zwischendeck hör-
te man fortwährend Stöhnen und Seufzen der Kranken, oben auf dem Cajütendeck war,
sobald die Witterung sich freundlich zeigte, reges Leben. Oft wurde auf dem Cajüten-
deck Karte gespielt, gesungen und musicirt, während eine Treppe tiefer, d.[as] h.[eißt]
auf dem eigentlichen Deck, ein Leichnam über Bord gebracht und unter Gesang und
Predigt, welche letztere Trinks
70
gern hielt, in das Meer versenkt wurde. Bei der Fahrt
durch den Biscaischen Meerbusen
71
, am 16. October Abends, kam ein tüchtiger Sturm
68
E. J. B. Wichmann; vgl.
https://www.joinville.sc.gov.br/wp-content/uploads/2016/06/Listas-
de-imigrantes-de-Joinville-de-1851-a-1891-e-de-1897-a-1902.pdf (3. März 2018).
69
Gemeint ist der Ärmelkanal.
70
Eduard Trinks; vgl. Anm. 15, 25.
71
Auch Golf von Biscaya, Bucht des Atlantischen Ozeans an der Nordküste Spaniens und der
Westküste Frankreichs, bekannt für Stürme und starken Seegang.
10 Zwischendeck eines Auswandererschiffs

image
86
87
über uns, welcher über 48 Stunden anhielt und unser Schiff schrecklich auf den Wo-
gen umhertrieb, dabei aber das Gute hatte, daß wir schnell vorwärts kamen und bereits
am 18. October Vormittags die Höhe des
Cap Finisterre
72
erreichten, wo wir uns dann den
Fährlichkeiten, die die Fahrt durch den Biscaischen Meerbusen bei ungunstiger Witte-
rung bietet, für überhoben erachten konnten. Der Zustand auf dem Schiffe während di-
ses Sturmes ist kaum zu beschreiben. Die meisten Passagiere lagen an der Seekrankheit,
welche hier ihren Gipfelpunkt erreichte, in ihren Cojen darnieder. Kisten und Kästen,
Geschirre und andere Dinge rückten und rumpelten im Zwischendeck umher, daß man
kaum seines Lebens si[
cher
] war. In der Cajüte flogen Teller und Geräthe vom Tische, so
daß man zuletzt auf dem Fußboden aß. Das Schiff lag bald dermaßen auf der Seite, daß
das Wasser in Mass[
en über
] Bord hereinströmte, bald bohrte es sich mit dem Vorderthei-
le in die Wellen, [
daß es schien,
] es wolle in den Grund hinabfahren. Auf dem Deck wa-
ren außer mir, der [
ich von der
] Seekra[
nk
]heit [
verschont ge
]blieb[
en
] bin, nur noch wenige
Passagiere
.
[
Man mußte fürchten,
] jeden Augenblick über Bord geworfen zu werden, wenn
man sich nicht [
festhielt
]. Ida war, trotz Sturm und Regen so viel, wie möglich, mit auf
Deck, weil sie sich [
dort immer
] besser, als in der Cajüte befand. Wir haben oft an Euch
gedacht, wie Ihr, wenn Ihr uns geseh[
en
] hättet, die Hände über den Kopf zusammen-
geschlagen haben würdet. Außer diesem Sturme h[
at
] uns die Seereise wenig Außeror-
dentliches dargeboten. Wir hatten meist günstigen Wind, n[
ur
] zweimal, aber jedesmal auf
blos einige Stunden, Windstille. So ganz glatt haben wir die [
See fast
] nie gesehen. See-
fische und sonstige Meerthiere haben wir äußerst wenige zu Gesicht bekommen. Dann
und wann eine Heerde Schweinefische oder fliegender Fische, von welchen letzteren
72
Kap in Galizien, an der Nordwestküste Spaniens, ca. 60 km von der Pilgerstadt Santiago de
Compostela entfernt.
nur zwei aufs auf Schiff gelangten. In der Nähe des Cap Frio
73
, der letzten Ecke Brasili-
ens, welche [
wir
] zu umsegeln hatten, wurden eines Morgens 2 Delphine mit der Angel
gefangen, welche, jeder c[irc]/a 20 Pfund an Gewicht, uns einige gute Mahlzeiten liefer-
ten. Seit dem 20. October habe ich mit in der Cajüte gegessen, da Ida befürchtete, daß
mir die schwerere Zwischendeckskost nicht bekommen würde, obwohl ich dabei ge-
rade keine Beschwerden hatte. Denn auch die Kost im Zwischendecke war immer zu-
friedenstellend, nur daß man eben keinen ruhigen Platz zum Essen hatte, vielmehr die
Speisen immer stehend verzehren mußte. Das Nähere der Seereise muß ich einem spä-
teren Briefe aufbehalten, da ich jetzt eilen muß, um den Brief mit dem, in nächster Zeit
von
S[an]ta Catharina
74
zurückkehrenden Dampfschiffe mit fortzubringen. Nur so viel sei
noch bemerkt, daß wir während der ganzen Seereise 36 Sterbefälle von Jung und Alt
und zwei Geburten erlebt haben. Das eine neuveorene
75
Kind verstarb bald nach der
Geburt wieder, während das andere am Leben geblieben und auf dem Schiffe getauft
worden ist, wobei Ida und Pauline Trinks
76
nebst dem Capitain
77
, den beiden Steuerleu-
ten, der Frau D[octo]r. Gerhard
78
und zwei anderen Passagieren, Pathenstelle vertreten
haben. Unter den Verstorbenen befindet sich auch
Louis Picht
79
, welcher bereits am
3. October erkrankte, zwar nach ungefähr 8 Tagen besser wurde, sich dann aber wieder
legen mußte und am 18. October früh 5 Uhr, trotz aller Pflege, die man ihm angedei-
hen ließ, mit Tode abging. Sein Tod war ein sehr ruhiger, obwohl die Krankheit, an der
er litt, eine Art Cholera war. Auch ein anderer junger Mann, der Orgelbauer Mende
80
,
aus Leipzig, ist am 30. October zu Aller Bedauern verstorben. Sein einjähriges Kind
81
war ihm wenige Tage vorausgegangen. Die Wittwe
82
war in Folge dieser Verluste eben-
falls ganz darnieder, hat sich aber wieder gebessert und ist jetzt mit uns zusammen. Sie
will jedoch, da sie noch Aeltern und Geschwister zu Hause hat, mit demselben Schiffe
nach Europa zurückkehren. Der Albert
83
hat bis jetzt auch sich an uns gehalten.
73
Kap in Brasilien, ca. 150 km östlich von Rio de Janeiro und ca. 1.100 km nordöstlich von Joinville.
74
Hauptstadt des Bundesstaats St. Catarina Desterro, das heutige Florianópolis, ca. 180 km südlich
von Joinville, deren Kern sich auf der der Atlantikküste vorgelagerten Insel Ilha de Santa Cata-
rina befindet, woraus die zeitgenössisch ebenfalls gebräuchliche Bezeichnung resultiert. Seit der
Besiedlung durch die Portugiesen bis 1893 hieß der Ort Nossa Senhora de Desterro, kurz De-
sterro.
75
Gemeint ist
neugeborne
.
76
Vgl. Anm.
5,
15.
77
E. J. B. Wichmann; vgl. Anm. 68.
78
Amalie Gerhard, Ehefrau des Glauchauer Arztes Dr. Paul Hermann Gerhard; vgl. AHJ, Passa-
gierliste der Florentín von Hamburg nach São Francisco (30. September–20. November 1854),
https://www.joinville.sc.gov.br/wp-content/uploads/2016/06/Listas-de-imigrantes-de-
Joinville-de-1851-a-1891-e-de-1897-a-1902.pdf (3. März 2018).
79
Louis Picht, Landwirt aus Oelsnitz; vgl. ebenda.
80
A. M. Mende, eventuell ein Sohn des Leipziger Orgelbauers Johann Gottlob Mende, u. a. Erbau-
er der Orgel der Leipziger Universitätskirche; vgl. ebenda.
81
Otto Moritz Mende; vgl. ebenda.
82
Christine Mende, geb. Ruppert; vgl. ebenda.
83
Albert Julius Kröhne (1834–1914), Tischler aus Glauchau und Sohn von Julius Kröhne (1808–
1883), einem Bruder von Ottokar Dörffels Mutter Christiane Charlotte Dörffel, geb.
Kröhne.
In Joinville war Albert Kröhne als Architekt, Vermesser, stellvertretender Bürgermeister und
Mitglied der Koloniedirektion tätig; vgl. SächsStA-L, 22101 Genealogischer Nachlass Benno
11 São Francisco do Sul, Ankunftshafen der Einwandererschiffe

image
88
89
Der Zustand, in welchem wir die Colonie
Dona Francisca
angetroffen haben, war selbst den,
im Allgemeinen geringen Erwartungen, die ich mir von derselben gem[
acht hatte,
] keines-
wegs entsprechend. Die Lebensmittel sind so theuer, wie bei uns in Deut[
schland. Auch ist
der
] Arbeitslohn da, wo man schnell Leute braucht, wie z.[um] B.[eispiel] zum Herein-
schaffen […]
84
enorm hoch, ein Miethlogis gar nicht vorhanden. Wir mußten uns daher
mit [
anderen in
] eins der allgemeinen Empfangshäuser einquartieren lassen und erhielten
daselbst [
eine
] etwa 6 Ellen
85
im Quadrat haltende Localität angewiesen, mit welcher in
Deu[
tsch
]land keine Kuh zufrieden sein würde. Denn man befindet sich darin auf Gottes
freiem Erdboden, weil an Dielen nicht zu denken ist, die Decke fehlt ganz, und man hört
aus den benachbarten Localitäten fortwährend Zanken roher Leute und Kindergeschrei,
ein einfaches Blätterdach schützt nothdürftig vor Regen, ein darin angebrachtes Gerü-
ste von Palmenlatten dient zur Lagerstätte und wenn man seine Sachen nicht preisgeben
will, muß man die darin befindliche Thür, welche der Breite nach zwei Flügel bildet, von
außen mit einem Vorlegschloß versehen, von innen aber, während der Nacht, mit einem
starken Knüppel zustemmen. In diesem Loche hat man Baratten
86
, Flöhe, Tausendfüße
und sonstiges Ungeziefer zu Mitbewohnern, und dabei ist es so feucht darin, daß die
Kleidungsstücke, welche man Abends auszieht, früh ganz feucht und schwer sind. Bei gu-
tem Wetter ists allenfalls erträglich, aber bei regnerischem Wetter ist es zum Melancho-
lischwerden. Um den Sudel vor unserer Haus- und Stubenthür zu beseitigen, habe ich
alsbald Abzugsgräben davor angelegt. In einer, aus rohen Baumstämmen errichteten, mit
Palmenblättern gedeckten Küche, deren Herstellung unsere erste Sorge war, werden bei
einem Urwaldsfeuer früh, mittags und Abends die Speisen bereitet. Wir haben die brasilia-
nischen Gerichte zum großen Theile schon durchgemacht. Gebäck von Mandiocamehl
87
bildet die Hauptnahrung und wird in einem flachen Tiegel mit etwas Butter, wenn man
solche hat, zubereitet. An grünen und trocknen europäischen Gemüsen fehlt es, wenig-
stens zum Kaufen, gänzlich und europäische Kartoffel werden, wenn sie überhaupt zu ha-
ben sind, nach dem Pfunde verkauft und das Pfund mit 2 N[eu]g[roschen] bezahlt. Es ist,
außer Mandiocamehl und schwarzen Bohnen, fast weiter nichts an Gemüsen zu haben.
Das Fleisch ist eben so theuer, wie bei uns, aber nicht immer frisch zu haben.
Carne sec
(getrocknetes Fleisch) ist dagegen bei den hiesigen Kaufleuten verhältnissmäßig billig zu
Kretzschmar, Nr. 14, Bl. 11; Nr. 13, XIII. 1; AHJ, Passagierliste der Florentín von Hamburg
nach São Francisco (30. September – 20. November 1854),
https://www.joinville.sc.gov.
br/wp- content/uploads/2016/06/Listas-de-imigrantes-de-Joinville-de-1851-a-1891-e-de-
1897-a-1902.pdf (3. März 2018).
84
Durch eine Fehlstelle im Papier fehlendes Wort auch nicht aus dem Zusammenhang erschließ-
bar.
85
Längenmaß von unterschiedlicher Größe im Deutschen Reich, eine Elle z. B. in Dresden
56,53 cm, Freiberg 56,70 cm, Leipzig 56,60 cm, Zwickau 57,43 cm. Die Spanne reicht von
54,97 cm für die große Elle in Erfurt bis zu 81,10 cm in Regensburg. Nach Zwickauer Maß
entsprach 6 Ellen 3,45 m; vgl. Kahnt/Knorr, Alte Maße, S. 81.
86
Insekten in der Art von Schaben oder Kakerlaken; vgl. Dörffel, Kolonie, S. 43.
87
Als Maniok, Mandioka, Cassava oder Yuca bekannt. Es handelt sich um eine mehrjährige
strauchartige und bis vier Meter hohe Pflanze mit stärkereichen Wurzelknollen von ca. 30–
50 cm Länge und 5–10 cm Dicke, die von Brasilien aus in Lateinamerika, Afrika und Asien Ver-
breitung fand. Da Vorratshaltung in der Ursprungsform nicht möglich ist, wird ein Großteil der
Ernte zu Mehl für den späteren Verzehr als Fladen oder Brei verarbeitet; vgl. Franke, Nutzpflan-
zenkunde, S. 66–69; Rehm/Espig, Kulturpflanzen, S. 45–49.
haben. Doch dies Alles kann uns nicht schrecken. Aller Anfang ist schwer und es wird sich
in der Folge bald besser gestalten.
Um zunächst aus unserer schrecklichen Wohnung wegzukommen, habe ich nicht
gesäumt und, nach Besichtigung verschiedener Grundstücke, bereits gestern ein, nahe
an der sogenannten Stadt gelegenes Grundbesitzthum
88
von 112 Morgen Flächeninhalt
um 1 Million 850 Tausend
Reis
89
,
d.[as] i.[st] um c[irc]/a 1542 Th[a]l[e]r – preuß.[ischer]
Cour[an]t
90
angekauft, welches ich nächsten Montag, den 4. d.[es] M.[onats] beziehen will.
Bei diesem Grundstücke befindet sich ein Pferd, 3 Schwei[
ne, um
] 15 Hühner mit einem
Hahn und c[irc]/a 15 Küchlein, einer Mandiocamühle, […]
91
Mais[
ent
]körnungsmaschine,
Reisstampfe, Reisreinigungsmaschine […]
92
. [
Das
darau]f [
befind
]liche Haus ist zwar nach
[
europäischen Begriffen
93
einfach
] aber [
gegen
] unsere jetzige Wohnung gut, weil gedielt, mit
Decken und mit Fenstern [
verseh
]en, welche in den Empfangsgebäuden gänzlich mangeln.
88
Dörffels Grundstück lag am späteren Mittelweg und ist heute das Kunstmuseum (Museu de
Arte) von Joinville in der Rua Quinze de Novembro 1400 in der Nähe des Einwandererfried-
hofs und nordwestlich des sogenannten Stadtplatzes von Joinville.
89
Brasilianische Währungseinheit, die auf das portugiesische Münzwesen zurückgeht (Réis, Plu-
ral des portugiesischen Real), und in den portugiesischen Besitzungen in Afrika und Amerika
verwendet und in Brasilien auch nach der Unabhängigkeit 1822 beibehalten wurde. 1.000 Réis
entsprechen einem Milréis; vgl. Kahnt/Knorr, Alte Maße, S. 251.
90
Courant oder Kurant. Zusatzwort für vollwertige Zahlungsmittel (Silbermünzen) im Gegensatz
zu Scheidemünzen (Edelmetallwert niedriger als Zahlungswert) und Papiergeld; vgl. ebenda,
S. 154, 267.
91
Durch eine Fehlstelle im Papier einige Wörter auch aus dem Zusammenhang nicht erschließbar.
92
Desgleichen.
93
Wort über der Zeile ergänzt.
12 Siedlungszentrum von Dona Francisca (um 1852)

90
91
Dienstag, den 5
ten
December
, 1854.
Am 1.
sten
d.[es] M.[onats] wurde ich im Schreiben unterbrochen und die Geschäfte, die
sich inzwischen einfanden, haben mich bis jetzt an der Fortsetzung meines Briefs behin-
dert. Da unser Capitain
94
, welcher gestern wieder herkam, bereits heute Nachm.[ittag]
2 Uhr wieder abreisen will, so kann ich, um den Brief mit fortzubringen, nur noch we-
nige Worte beifügen. Gestern habe ich von meinem Grundbesitzthum Besitz ergriffen
und heute ist Ida mit Sack und Pack eingezogen. Daß wir unter solchen Umständen in
der größten Unordnung sind und alle Hände voll zu thun haben, um nur einigermaaßen
Ordnung herzustellen, kannst Du Dir denken. Heute in aller Frühe habe ich meine Hüh-
ner befühlt. Die Schweine habe ich Mittags gefüttert, als ich mit der vorletzten Fuhre aus
der Stadt hierher zurückkehrte. Das Pferd hat die ganze Nacht über auf der Weide cam-
pirt, um sich da sein Futter selbst zu suchen. Sobald das Hauswesen nur einigermaaßen in
Ordnung ist, muß ich c[irc]/a 3 Morgen Landes reinigen und noch mit Reis bepflanzen.
So geht das Leben hier. Ida kann nicht schreiben, weil sie am letzten Sonntage, wo sie auf
dem Rückwege von einem Besuche das Reiten versuchte, rücklings vom Pferde gefallen
ist und dabei sich den rechten Arm sehr verstaucht hat, so daß sie noch jetzt die bedeu-
tendsten Schmerzen davon empfindet. Gott sei Dank, ist sie mit einem blauen Auge und
mit mehreren blauen Flecken an der ganzen rechten Seite davon gekommen. Ich selbst
habe schon mehrere Ritte durch die Colonie gemacht. Für heute schließe ich, mit der Ver-
sicherung, Dir so bald, wie möglich, Weiteres zu berichten. Abgesehen von den Nachwe-
hen jenes Falles ist Ida sowohl, wie ich selbst, gesund und munter. Von Sandflöhen haben
wir bis jetzt noch nichts verspürt.
Lebe recht wohl! Grüße August
95
, Alfred
96
, Thekla
97
, Kretzschmar
98
, Peter
99
, Fiernkrant-
zens
100
, Go[
lz
], Onkel Ferdinands
101
und Illgens
102
, sowie überhaupt Alle, denen wir
94
E.
J.
B. Wichmann;
vgl.
Anm.
68.
95
Ottokar Dörffels Bruder August Dörffel; vgl. Anm. 59.
96
Ottokar Dörffels Bruder Alfred Dörffel; vgl. Anm. 58.
97
Ottokar Dörffels Schwester Thekla Kretzschmar, geb. Dörffel (1823–1910); vgl. SächsStA-L,
22101 Genealogischer Nachlass Benno Kretzschmar, Nr. 14, Bl. 7, 8.
98
Ottokar Dörffels Schwager Hermann Rudolph Kretzschmar (1813–1878), der Mann seiner
Schwester Thekla. Rudolph Kretzschmar hatte, wie Dörffel, in Leipzig Jura studiert und ist in
den Sächsischen Staatshandbüchern 1845–1850 als Aktuar beim Justizamt Waldenburg und
1854 als Aktuar beim Justizamt Lichtenstein nachweisbar. Ab 1857 wird er in dieser Funktion
nicht mehr aufgeführt und hatte offenbar eine Anwaltskanzlei in Lichtenstein eröffnet. 1862
wurde er von der Advokatenkammer Zwickau zum königlich-sächsischen Notar in Lich-
tenstein bestallt; vgl. SächsStA-D, 11018 Ministerium der Justiz, Nr. 779, Vol. 3 b, Bl. 148–
152; Sächsische Staatshandbücher 1728–1934, CD-ROM 1: 1845, S. 74–75, 1847, S. 75–76,
1854, S. 95; SächsStA-L, 22101 Genealogischer Nachlass Benno Kretzschmar, Nr. 14, Bl. 7, 8;
Anm. 799.
99
Vermutlich Ernst Georg Peter (1824–1876), gebürtig aus Dresden, Agent in Glauchau;
vgl. KA Zwickau, Glau I, Nr. 2934, Einwohnerverzeichnis Peter.
100
Ernestine und Adolph Fiernkrantz; vgl. Anm. 65.
101
Ferdinand Kröhne (1789–1860) war ein Bruder von Ottokar Dörffels Mutter Christia-
ne Charlotte Dörffel, geb. Kröhne; vgl. SächsStA-L, 22101 Genealogischer Nachlass Benno
Kretzschmar, Nr. 14, Bl. 1.
102
Adelheid Illgen, geb. Kröhne, verw. Khißl (1809–1871), in zweiter Ehe verheiratet mit Gottlob
Illgen (1800–1866), Baumeister in Glauchau, war eine Schwester von Ottokar Dörffels Mutter
nahe standen, herzlichst von uns, namentlich auch Börickes
103
und die Lichtensteiner
Freunde
104
.
Innigstens Gruß und Kuß von Deinem Dich
herzlich liebenden Sohne
Ottokar Dörffel.
Papa
105
Günthern
106
gieb sofort, unter herzlichstem Gruße von uns, darüber Nachricht,
wie wir hierhergekommen sind und uns befinden. Er soll nächstens von uns selbst Nach-
richt erhalten.
Die
107
Adresse eines an uns zu richtenden Briefs ist mit [
latein
]ischen Buchstaben zu schrei-
ben und als Ort weiter nichts, als: „
Colonie Dona Fran[
cisca, Brasil“
]
zu setzen.
Christiane Charlotte Dörffel, geb. Kröhne; vgl. SächsStA-L, 22101 Genealogischer Nachlass
Benno Kretzschmar, Nr. 14, Bl. 1, 12; Nr. 13, XV.
103
Karl Julius Franz Böricke (1808–1888), gebürtig aus Naumburg/Saale, Rechtsanwalt, seit 1839
Inhaber des Bürgerrechts von Glauchau, 1844/48 Stadtverordnetenvorsteher in Glauchau,
Mitglied des Sächsischen Landtags von 1849 und einer der Protagonisten der Revolution
von 1848/49 in Glauchau, nach der Niederschlagung des Dresdner Maiaufstands als Teilneh-
mer an der Wahl der provisorischen Regierung in Dresden verhaftet, sowie Amalie Wilhel-
mine Adelheid Böricke, geb. Thon (1821/22–1895), Tochter eines Leipziger Schuldirektors;
vgl. Germann, Kränzchen, Nr. 225; KA Zwickau, Glau I, Nr. 47, Bürgerrolle, Nr. 2139; Glau I,
Nr. 2891, Einwohnerverzeichnis Böricke; SächsStA-C, 30094 Appellationsgericht Zwickau,
Nr. 2241, Bl. 50.
104
Ottokar Dörffels Schwester Thekla Kretzschmar, geb. Dörffel, lebte seit etwa 1850 mit ihrer
Familie in Lichtenstein/Sachsen, ca. 15 km von seinem eigenen Wohnort Glauchau entfernt.
Vermutlich hatten die Dörffels dort Freunde.
105
Nachschrift linksbündig neben der Grußformel.
106
Ida Dörffels Vater Ernst Christian Günther; vgl. Anm. 54.
107
Nachschrift am linken Rand der zweiten Briefseite.