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Vierter Sächsischer
Kinder- und Jugendbericht
Lebenssituation und Perspektiven junger Menschen im
Freistaat Sachsen unter besonderer Beachtung des ländlichen Raums -
Impulse für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe

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Vorwort
Der Vierte Sächsische Kinder- und Jugendbericht stellt die regional unterschiedlichen Lebensbedingungen
und Einstellungen junger Menschen im Freistaat Sachsen in den Mittelpunkt der Betrachtung und gibt auf
dieser Grundlage Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere im
ländlichen Raum.
Hintergrund für diese Schwerpunktsetzung war das Anliegen, die Herausforderungen für die
Bedarfsermittlung, Planung und Legitimation der Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, die sich aus
regional ungleichen Rahmenbedingungen ergeben, zu thematisieren. Breiten Raum nimmt daher die
Beschreibung der demografischen Situation, der wirtschaftlichen Lage von jungen Menschen und ihren
Familien sowie der Struktur und Ausstattung wesentlicher Leistungsbereiche der Kinder- und Jugendhilfe in
Sachsen ein. Damit wird an die vorangegangenen Berichte angeschlossen und die Entwicklung
fortgeschrieben.
Die Autoren des Jugendberichts haben für die Bearbeitung der Thematik ein eigenes Raumtypenmodell
entwickelt, das den Begriff „ländlicher Raum“ an Hand einer Kombination aus Zentralitätsmerkmalen und
demografischen Faktoren differenziert. An Hand dieser Kategorien werden Gemeinsamkeiten und
Unterschiede in der Gestaltung des Jugendalltags herausgearbeitet.
Eine besondere Leistung dieser Berichterstattung besteht in der eigens dafür initiierten Onlinebefragung von
Jugendlichen und Mitarbeiter/-innen der Kinder- und Jugendhilfe. Junge Menschen und Fachkräfte als
„Experten in eigener Sache“ zu Wort kommen zu lassen, halte ich für ein wichtiges Signal - auch mit Blick
auf zukünftige Berichte. Die Befragungsergebnisse verdeutlichen, dass trotz der weiterhin erforderlichen
Aufmerksamkeit für Kinderschutz und Frühe Hilfen die Lebensphase „Jugend“ eine größere politische
Beachtung finden sollte. Dabei geht es um die Anerkennung und Unterstützung des Engagements junger
Menschen, aber auch um die Erwartungen bezüglich einer aktiven Beteiligung und Mitentscheidung an der
Gestaltung ihrer Lebenswelt vor Ort.
Auch dieser Jugendbericht wurde extern erarbeitet. Der unabhängige Blick von außen gibt der
Staatsregierung und weiteren Akteuren auf Landes- und kommunaler Ebene die Gelegenheit zur Reflexion
ihrer kinder- und jugendpolitischen Arbeit, zur Feststellung und Bestätigung von Handlungsbedarfen und zur
Ableitung konkreter Schlussfolgerungen für die Gestaltung einer den regionalen Herausforderungen gerecht
werdenden Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen.
Ich bin überzeugt: die Darlegungen, Analysen und Bewertungen werden eine breite öffentliche
Aufmerksamkeit erfahren und einen Impuls für die gesamtgesellschaftliche Gestaltung einer eigenständigen
Jugendpolitik im Freistaat Sachsen geben.
Christine Clauß
Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz

 
Stellungnahme der Staatsregierung
zum Vierten Sächsischen Kinder- und
Jugendbericht

 
Stellungnahme der Staatsregierung | III
Inhaltsverzeichnis
1
Berichtserstellung, thematischer Hintergrund, allgemeine Bewertung ....... 1
1.1
Berichtsauftrag und -erstellung ................................................................................................. 1
1.2
Hintergrund der thematischen Schwerpunktsetzung .............................................................. 2
1.3
Konzeptionelle Umsetzung des Berichtsauftrags .................................................................... 3
2
Zum Bericht im Einzelnen ................................................................................ 4
2.1
Teil I: Bedingungen des Aufwachsens in Sachsen .................................................................. 4
2.1.1
Die demografische Entwicklung in Sachsen ................................................................................. 4
2.1.2
Die wirtschaftliche Situation von jungen Menschen und ihren Familien in Sachsen .................... 5
2.1.3
Räumliche Unterschiede in Sachsen – städtische und ländliche Räume ...................................... 6
2.2
Teil II: Lebenssituation und Perspektiven von jungen Menschen in Sachsen ...................... 7
2.2.1
Datenverdichtung zum „Raumstrukturindex“: Ableitung von unterschiedlichen Raumtypen ......... 7
2.2.2
Erkenntnisgewinn durch Befragungen junger Menschen .............................................................. 8
2.2.2.1
Erkenntnisinteresse ................................................................................................... 8
2.2.2.2
Online-Befragung und Studie „Jugend 2009 in Sachsen“ - Die erreichte Stichprobe
nach sozio-demografischen Variablen ...................................................................... 8
2.2.2.3
Räumliche Kategorisierung der Befragungsergebnisse ............................................ 9
2.2.3
Jugendliche in Sachsen – Ergebnisse der Online-Befragung ergänzt um eine
Sonderauswertung der Studie „Jugend 2009 in Sachsen“ ............................................................ 9
2.2.3.1
Zukunftsaussichten .................................................................................................... 9
2.2.3.2
Einschätzungen zum Wohnort................................................................................. 10
2.2.3.3
Regionales und überregionales Engagement ......................................................... 10
2.2.3.4
Freizeitverhalten, Besuch von Jugendclubs/-zentren.............................................. 11
2.2.3.5
Politikinteresse, linke und rechte Orientierungen .................................................... 12
2.2.3.6
Problematischer Jugendalltag ................................................................................. 14
2.2.3.7
Zusammenfassung .................................................................................................. 15
2.2.4
Lebenssituation und Perspektiven junger Menschen in Sachsen aus Sicht der Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe ................................................................................ 16
2.2.5
Schule und Sozialarbeit an der Schule ........................................................................................ 16
2.2.6
Aufwachsen im ländlichen Raum – Beispiele für die Steuerung von Leistungen der Kinder- und
Jugendhilfe ................................................................................................................................... 20
2.3
Teil III: Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe .................................................................... 20
2.3.1
Strukturelle Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen ............................... 20
2.3.1.1
Auswertung der Kinder- und Jugendhilfestatistik .................................................... 20
2.3.1.2
Personelle Ausstattung der Kinder- und Jugendhilfe .............................................. 20
2.3.1.3
Ausgaben für Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe ............................................. 21

IV | Stellungnahme der Staatsregierung
2.3.1.4
Förderrichtlinien im Bereich der Jugendhilfe in Sachsen ........................................ 22
2.3.1.5
Europäischer Sozialfonds (ESF) ............................................................................ 23
2.3.2
Ausgewählte Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe ................................................................ 24
2.3.2.1
Angebote der Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, Jugendsozialarbeit, des
Kinder- und Jugendschutzes (§§ 11 bis 14) sowie Förderung der Erziehung in der
Familie (§§ 16 bis 21) ............................................................................................. 24
2.3.2.2
Die Angebotssituation in der Jugendarbeit (§ 11 SGB VIII) .................................... 25
2.3.2.3
Angebote zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Tagespflege
(§§ 22 bis 25) ........................................................................................................... 26
2.3.2.4
Hilfe zur Erziehung sowie Hilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche
(§§ 27 bis 35a), Hilfe für junge Volljährige (§ 41) und Inobhutnahme von Kindern
und Jugendlichen (§ 42) .......................................................................................... 26
2.3.2.4.a
Entwicklung der Maßnahmen und Fälle ................................................................. 27
2.3.2.4.b
Personal und Ausgaben ......................................................................................... 28
2.3.3
Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendhilfe -
Online-Mitarbeiterbefragung ........................................................................................................ 29
2.3.3.1
Stichprobe der Mitarbeiterbefragung ....................................................................... 29
2.3.3.2
Beurteilung der beruflichen Situation und des Arbeitsumfelds ................................ 29
2.4
Teil IV: Handlungsbedarfe zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in
Sachsen....................................................................................................................................... 30
2.4.1
Grundsätzliche Anmerkungen ...................................................................................................... 30
2.4.2
Räumliche Konzentration der Aufgaben von Kinder- und Jugendhilfe ........................................ 30
2.4.3
Kontrast zwischen neuen Aufgaben der Jugendarbeit und den Finanzierungsleitplanken ......... 33
2.4.4
Verlässlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere der Jugendarbeit ...................... 34
2.4.5
Schulen im Zentrum der Aufmerksamkeit .................................................................................... 34
2.4.6
Legitimationsdruck der Kinder- und Jugendhilfe .......................................................................... 35
2.4.7
Steuerung der Jugendarbeit unter Bedingungen der Schrumpfung ............................................ 36
3
Fazit und Dank ................................................................................................ 37

Stellungnahme der Staatsregierung | 1
1 Berichtserstellung, thematischer Hintergrund, allgemeine Bewer-
tung
1.1 Berichtsauftrag und -erstellung
Nach § 16 Landesjugendhilfegesetz unterrichtet die Staatsregierung in jeder Legislaturperiode den Landtag
über die Entwicklungen in der Jugendhilfe sowie die Folgerungen für die Jugendhilfe im Freistaat Sachsen.
Der Zweite Sächsische Kinder- und Jugendbericht (2. KJB) aus dem Jahr 2003 beschrieb die Lage junger
Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Form eines Gesamtüberblicks. Der Dritte
Sächsische Kinder- und Jugendbericht (3. KJB) war thematisch ausgerichtet und stellte die Kinder- und Ju-
gendhilfe als Bildungsakteur unter Betrachtung von Biografieverläufen und Möglichkeiten von Bildungszu-
gängen für junge Menschen in den Mittelpunkt. Die Berichte wurden durch eine von der obersten Landesju-
gendbehörde in Anlehnung an die Berichterstattung des Bundes gemäß § 84 Abs. 2 Sozialgesetzbuch -
Achtes Buch (SGB VIII) berufene Expertenkommission aus Wissenschaft und Praxis, die durch eine Ge-
schäftsstelle unterstützt wurde, erstellt.
Der Vierte Sächsische Kinder- und Jugendbericht (4. KJB) wurde erneut unter einen thematischen Schwer-
punkt gestellt. Die inhaltliche Anregung dafür geht auf eine Empfehlung des 3. KJB zurück. Der Arbeitstitel
lautete: Lebenssituationen und Perspektiven junger Menschen im Freistaat Sachsen unter besonderer Be-
achtung des ländlichen Raums – Impulse für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe.
Dazu sollte ein Bericht erstellt werden, der eine Beschreibung und Bewertung ausgewählter Aspekte der
Lebenslagen von jungen Menschen, insbesondere im ländlichen Raum, sowie wesentlicher Entwicklungen in
der Kinder- und Jugendhilfe im Freistaat Sachsen vornimmt. Neben einer Bestandsaufnahme und Analyse
sollte der Bericht Handlungsempfehlungen enthalten, wie die Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen unter Be-
achtung der sozialstrukturellen und demografischen Gegebenheiten sowie fachlicher Zielstellungen weiter
entwickelt werden soll. Über die schwerpunktmäßige Betrachtung des Aufwachsens junger Menschen in den
Landkreisen hinaus sollte aber auch zu Vergleichszwecken auf die Situation in den kreisfreien Städten Be-
zug genommen werden, soweit Daten dazu vorlagen.
Ebenso wie bei den vorangegangenen Berichten wurde für die Erarbeitung des vierten Reports an einer
externen Berichterstattung festgehalten. Abweichend vom bisherigen Procedere wurde die Gesamtverant-
wortung dafür in Form eines öffentlichen Vergabeverfahrens an einen Auftragnehmer übergeben. Dazu wur-
de das Vorhaben durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (SMS) im
Herbst 2011 im Sächsischen Amtsblatt öffentlich ausgeschrieben. Nach der Prüfung der eingegangenen
Angebote musste festgestellt werden, dass die Bedingungen der Verdingungsunterlagen bzw. das Kriterium
der Wirtschaftlichkeit nicht umfänglich erfüllt waren. Nach der Aufhebung der Ausschreibung hatten die Bie-
ter die Gelegenheit, ihr Angebot im Rahmen einer freihändigen Vergabe auf der Grundlage einer präzisierten
Leistungsbeschreibung entsprechend anzupassen. Nach der erneuten Prüfung der Angebote wurde der
Zuschlag an das Unternehmen empirica ag Berlin mit der Zweigniederlassung Bonn erteilt. Das
Bearbeiterteam des Instituts bestand vor allem aus Herrn Timo Heyn und Frau Julia Kemper sowie Herrn
Dr. Dirk Baier vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e. V., der als freier Mitarbeiter einbe-
zogen wurde.
Die Vorbereitung und Erarbeitung des Berichts wurde durch einen Beirat aus unabhängigen Experten der
Fachöffentlichkeit (Vertretern aus dem Bereich der Wissenschaft, des Landesjugendhilfeausschusses, von
Trägern der freien und öffentlichen Jugendhilfe) sowie je einem Vertreter des SMS und des Sächsischen
Staatsministeriums für Kultus (SMK) begleitet. Die Beiratsmitglieder sind in der Anlage zum Bericht genannt.
Der Beirat hatte eine beratende und unterstützende Funktion. Die Beiratsmitglieder erhielten insbesondere
die Möglichkeit der Stellungnahme bzw. Erörterung zum Entwurf der Bestandsanalysen, zur Konzipierung
der Raumkategorien sowie zur Befragung von Jugendlichen und konnten bei Bedarf bei der Formulierung
von Handlungsempfehlungen mitwirken. Die Gesamtverantwortung für die Berichtserstellung – inhaltlich und

2 | Stellungnahme der Staatsregierung
organisatorisch – lag jedoch beim Auftragnehmer. Bis Sommer 2013 fanden vier Sitzungen statt. Die organi-
satorische Vor- und Nachbereitung sowie die Leitung und Moderation der Sitzungen übernahm der Auftrag-
nehmer. Eine Information über wesentliche Arbeitsschritte bzw. eine Einbeziehung der Beiratsmitglieder
erfolgte darüber hinaus zwischen den Sitzungen sowie nach der letzten Zusammenkunft in schriftlicher
Form.
Aufgrund der thematischen Ausrichtung des Berichts, die eine raumbezogene Auswertung von Befragungs-
ergebnissen und statistischen Daten erforderte, sowie aus arbeitsökonomischen Gesichtspunkten wurde für
diesen Bericht die Form der Berichtserstellung durch einen Auftragnehmer gewählt. Damit sollte zum einen
die Verantwortlichkeit für die Berichterstellung hervorgehoben, gleichzeitig aber auch die Mitwirkung maß-
geblicher Fachleute im Prozess der Erstellung gewährleistet werden. Diese Forderung erhoben insbesonde-
re freie Träger und der Landesjugendhilfeausschuss. Die Form der Berichterstellung wird in Abhängigkeit
von der Themenstellung zukünftiger Berichte jeweils neu zu bedenken sein.
Der vom Auftragnehmer vorgelegte Bericht bildet die Grundlage für die vom Sächsischen Kabinett verab-
schiedete Stellungnahme der Staatsregierung. Zugleich gibt er Anlass zu darüber hinausgehenden Äuße-
rungen, um wesentliche Entwicklungs- und Handlungsbedarfe für die Kinder- und Jugendhilfe im Freistaat
Sachsen zu skizzieren und die nachfolgenden Anhörungen und Diskussionen auf Landes- und kommunaler
Ebene zu eröffnen.
Zu berücksichtigen ist, dass sowohl im Bericht als auch in der Stellungnahme der Staatsregierung der Begriff
„junge Menschen“ meist im alltagsgebräuchlichen Verständnis von „Jugend“ verwendet wird und nicht
durchgängig den vom SGB VIII definierten Oberbegriff für die unterschiedlichen Alters- bzw. Zielgruppen der
unter 27-Jährigen meint.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde bei der Bezeichnung von Personengruppen teilweise auf die
Benennung beider Geschlechter verzichtet. Der Gebrauch der männlichen Form bezieht jeweils die weibli-
che Form ein.
Die Umsetzung der genannten Maßnahmenund Ziele einschließlich finanzieller und personeller Folgewir-
kungen steht, soweit sie den Staatshaushalt betreffen, unter dem Vorbehalt der Finanzierung im jeweiligen
Einzelplan sowie der Einhaltung der Stellenpläne.
1.2 Hintergrund der thematischen Schwerpunktsetzung
In den vergangenen Jahren ist das Thema der demografischen Entwicklung immer wieder diskutiert und aus
verschiedenen Perspektiven beleuchtet worden. Unter anderem hat sich auch der 3. KJB damit auseinan-
dergesetzt. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass die Intensität des demografischen Wandels und dessen
konkrete Auswirkungen regional sehr unterschiedlich verlaufen. Es wurde davon ausgegangen, dass weiter-
hin (mittelfristig) ein deutlicher Rückgang in der jüngeren Bevölkerung zu erwarten sei, diese Entwicklung
zwangsläufig verlaufe und kurzfristig nicht entscheidend zu beeinflussen sei
1
. Bezogen auf die von den de-
mografischen Veränderungen am stärksten betroffenen Altersgruppen wurden die Bereiche der Kinder- und
Jugendhilfe mit den größten Herausforderungen für Bedarfsermittlung, Planung, Legitimation und Ausgestal-
tung identifiziert: Kindertagesbetreuung, Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Hilfen zur Erziehung.
Von namhaften Instituten wurde mit dem Hinweis auf Abwanderung, Alterung und der Beschreibung von
strukturschwachen Regionen auf ein Phänomen „Ost“ hingewiesen, das durch eine hohe Dynamik dieser
Prozesse gekennzeichnet ist. Inzwischen hat sich gezeigt, dass solche Szenarien sich nicht durchgängig
eingestellt haben
2
. Gleichwohl kann insbesondere mit Blick auf die Entspannung auf dem Arbeitsmarkt eine
1
SMS, 2009 – 3. KJB, S. 39
2
Siehe auch: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, 2014 – „Statistisch betrachtet – Jugend in
Sachsen“

Stellungnahme der Staatsregierung | 3
Gegenbewegung angenommen werden, die sich positiv auf die Zukunftsperspektiven junger Menschen auch
in Sachsen auswirkt.
Es zeigt sich jedoch, dass sich all diese Szenarien nicht monokausal und regional gleichmäßig nachzeich-
nen lassen, sondern einer differenzierteren Betrachtung bedürfen. Der vorgelegte Bericht gibt daher keinen
Gesamtüberblick über die Lage junger Menschen und die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe im Frei-
staat Sachsen, sondern - wie mehrfach gefordert – eine Beschreibung von ausgewählten Entwicklungen und
Rahmenbedingungen, die die räumlichen Unterschiede und die daraus resultierenden Veränderungsprozes-
se thematisieren und die besondere Situation des ländlichen Raums, ohne größere Vernachlässigung des
städtischen bzw. großstädtischen, darstellt.
1.3 Konzeptionelle Umsetzung des Berichtsauftrags
Der Bericht teilt sich in vier grundlegende Bereiche. In einem
ersten Teil
werden zentrale Bedingungen für
das Aufwachsen von jungen Menschen auf der Grundlage amtlicher Statistiken benannt und kurz skizziert.
Diese Darstellungen beziehen sich im Wesentlichen auf die demografische Entwicklung sowie sozialstruktu-
relle Belastungsmomente für Kinder und Jugendliche und ihre Familien in Raumbezügen.
Im
zweiten Teil
werden Lebenssituationen und Perspektiven von jungen Menschen in Sachsen thematisiert,
hauptsächlich auf der Grundlage eigener empirischer Untersuchungen des Auftragnehmers. Diese bestehen
aus einer Online-Befragung von rund 2.000 jungen Menschen im Alter von 11 bis 26 Jahren, die von einer
Befragung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe flankiert wird, sowie aus einer
regionalisierten Auswertung der Studie „Jugend 2009 in Sachsen“
3
. Eine erhöhte Aussagegenauigkeit resul-
tiert aus der Einbeziehung von und dem Vergleich mit bereits verfügbaren Untersuchungen zum Themen-
spektrum. Zusätzlich wurden die Ergebnisse in neun regionalen Workshops erörtert und mit den Erfahrun-
gen von Jugendlichen sowie Expertinnen und Experten vor Ort rückgekoppelt. Diese Darstellung ergänzt,
kommentiert oder präzisiert teilweise die Resultate der Befragungen.
Der systematische Raumbezug wird durch ein Konzept der Gruppierung von Räumen innerhalb eines
Raumtypenmodells hergestellt.
Abschließend wird mit Blick auf die Herausforderungen im ländlichen Raum eine Darstellung von Beispielen
der Steuerung der Kinder- und Jugendhilfe vorgenommen.
Im
dritten Teil
werden zunächst Entwicklungen in ausgewählten Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe auf
der Grundlage der Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik nachgezeichnet. Dies betrifft -
aufgegliedert nach Leistungsbereichen - Angaben zu Fallverläufen und zur Anzahl von Maßnahmen, zur
Personalstruktur und -entwicklung sowie zu Finanzierungsgrundlagen und zur Entwicklung der Ausgaben.
Ergänzend werden zur Diskussion und Illustration von Befunden Ergebnisse der Online-Befragung von Mit-
arbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe einbezogen.
Im abschließenden
vierten Teil
werden Handlungsbedarfe zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhil-
fe zur Diskussion gestellt.
Im
Anhang
sind die auf der Ebene der kreisangehörigen Gemeinden erhobenen Daten zur Demografie, zur
Zentralität und zum Transferleistungsbezug nochmals als Überblick für den jeweiligen Landkreis zusam-
mengestellt. Dies kann für die Diskussion und Auswertung der Ergebnisse im regionalen Kontext sowie für
Planungsprozesse hilfreich sein. Für die kreisfreien Städte war eine solche Übersicht nicht möglich, da die
Daten nicht stadtteil- bzw. sozialraumbezogen vorliegen.
3
Da die Erhebung zur Studie „Jugend 2013 in Sachsen“ noch nicht abgeschlossen war, musste bei der Be-
richterstellung auf die Studie aus dem Jahr 2009 Bezug genommen werden.

4 | Stellungnahme der Staatsregierung
In der Gesamtbetrachtung des Berichtes ist festzustellen, dass ein großer Teil der Ausführungen die Darstel-
lung und Analyse vorhandener und selbst erhobener Daten einnimmt und eine Vielzahl von Zusammenhän-
gen und Entwicklungen unter Bezug auf die verschiedenen Raumkategorien skizziert werden. Aus Sicht der
Staatsregierung bieten die Informationen aus verschiedenen Datenquellen eine gute Ausgangsbasis für die
mittelbare Darstellung von Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen und ihren Familien. Einschränkungen
ergeben sich aus der unterschiedlichen Aktualität, der Repräsentativität sowie aus der nur teilweise gegebe-
nen Verfügbarkeit kleinräumiger Daten. Die im Bericht aufgeführten statistischen Daten entsprechen dem im
Erstellungszeitraum der Datenanalyse bis Anfang 2013 vorhandenen Material.
Eine Besonderheit des Berichtes liegt in der Zuordnung von Gemeinden zu konzeptionell und methodisch
fundierten Raumtypen. Das vorgestellte Modell der Typisierung von Räumen anhand von Raumstrukturtypen
unterscheidet sich bewusst von den Vorgaben des Landesentwicklungsplanes 2013, um weitere Faktoren
mit Blick auf das Ziel und die Umsetzung der Jugendberichterstattung einzubeziehen. Die im Bericht ver-
wendeten Begriffe „Zentralität“ und „Raumkategorie/Raumstruktur/Raumstrukturindex“ entsprechen somit
nicht den in der Landesentwicklungsplanung festgelegten Definitionen, sondern sind hier im Sinne einer
„Erreichbarkeit von jugendbezogener Infrastruktur“ bzw. eines „Raumstrukturtyps“ zu verstehen. Die Diffe-
renzierung des Begriffs „ländlicher Raum“ mit der Ableitung von Raumtypen unter Bezug auf einen „Raum-
strukturindex“ ist eine gute Möglichkeit, um die Heterogenität verschiedener Sozialräume in den einzelnen
Landkreisen genauer darstellen zu können. Die gewonnenen Erkenntnisse bestätigen die in der sozialräum-
lichen Planung bereits erlangten Erfahrungen und bestärken die Weiterarbeit mit diesem methodischen An-
satz.
Bei der Einschätzung der Handlungsbedarfe in der Kinder- und Jugendhilfe wird deutlich, dass sich fachliche
Ableitungen und konkrete Bedarfsaussagen zu Angebotsstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe, insbeson-
dere für das durch eine heterogene Zielgruppe gekennzeichnete Handlungsfeld der Kinder- und Jugendar-
beit, nur bedingt abbilden lassen. Dennoch bieten die sechs im vierten Berichtsteil herausgearbeiteten
Schwerpunkte und die Ausführungen in den anderen Textteilen zahlreiche Ansatzpunkte, um die Fachdis-
kussion vor Ort und auf Landesebene anzuregen und zu fördern.
Die direkte Einbeziehung der Erfahrungen und Anregungen von jungen Menschen in Form der Online-
Befragung und der Jugendworkshops ist anerkennend hervorzuheben.
Neben den Fachkräften und den
Verantwortlichen in der Kinder- und Jugendhilfe auch junge Menschen und Eltern als „Expertinnen
und Experten in eigener Sache“ anzuhören und mit ihnen Handlungsempfehlungen für die Ausge-
staltung der Kinder- und Jugendhilfe zu diskutieren, sollte bei der Jugendberichterstattung selbst-
verständlich werden.
Die Staatsregierung wird dies in die weiteren Überlegungen zur Umsetzung der Be-
richtspflicht nach § 16 Landesjugendhilfegesetz einbeziehen.
2
Zum Bericht im Einzelnen
2.1
Teil I: Bedingungen des Aufwachsens in Sachsen
2.1.1 Die demografische Entwicklung in Sachsen
(Bericht S. 7)
Die Darstellung der demografischen Entwicklung erfolgt auf der Grundlage der Daten der amtlichen Statistik
zwischen 1990 bzw. 2001 und 2011 auf Kreis- und Gemeindeebene. Die grundlegenden Aussagen decken
sich mit den Ergebnissen aus dem Bericht der Enquete-Kommission des Sächsischen Landtages zur demo-
grafischen Entwicklung im Freistaat Sachsen
4
sowie aus eigenen Untersuchungen des SMS zur Thematik
5
.
4
Sächsischer Landtag 2008, Drs. 4/13000 Bericht der Enquete-Kommission "Demografische Entwicklung
und ihre Auswirkungen auf die Lebensbereiche der Menschen im Freistaat Sachsen sowie ihre Folgen und
für die politischen Handlungsfelder"

Stellungnahme der Staatsregierung | 5
Viele der dargestellten Entwicklungen sind bereits als wahrgenommene Rahmenbedingungen in das fachpo-
litische Handeln der Staatsregierung sowie der Akteure der Kinder- und Jugendhilfe auf kommunaler Ebene
insgesamt eingeflossen. Die kurze, prägnante und kleinräumliche Darstellung bietet jedoch eine gute Aus-
gangsbasis und Diskussionsfläche für weitere Aussagen im Bericht. Als wichtige Dimensionen der demogra-
fischen Entwicklung sind die Geburtenentwicklung auf niedrigem Niveau sowie die Wanderungsbewegungen
einschließlich der geschlechts- und altersdifferenzierten sowie räumlich unterschiedlichen Ausprägung be-
nannt.
Die Beschreibung der Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendhilfe im Freistaat Sachsen ist knapp gehal-
ten. Es wird die räumlich ungleiche Entwicklung der anteiligen Verhältnisse von jungen (volljährigen) Frauen
und Männern thematisiert sowie auf die Notwendigkeit neuer Lösungswege für die Kinder- und Jugendhilfe
verwiesen, insbesondere in peripheren Räumen ortsnahe und passgenaue Unterstützungsangebote für jun-
ge Menschen und Familien aufrecht zu erhalten. Diese Herausforderungen wurden durch das Landesju-
gendamt seit 2000 für verschiedene Arbeitsfelder detailliert beschrieben und sind in den Jugendhilfeplanun-
gen der Landkreise und kreisfreien Städte gelebte Praxis.
2.1.2 Die wirtschaftliche Situation von jungen Menschen und ihren Familien
in Sachsen
(Bericht S. 18)
Die Darstellung der wirtschaftlichen Situation von jungen Menschen und ihren Familien und ihrer räumlichen
Ausprägung bezieht sich auf zentrale Indikatoren aus der amtlichen Statistik. Diese sind das durchschnittli-
che Nettoeinkommen einschließlich der Dimension der Armutsgefährdung sowie die Erwerbslosigkeit und
der Transferleistungsbezug. Diese Faktoren sind aus Sicht der Staatsregierung praxisbewährt und besitzen
als Kernindikatoren hinreichende Aussagekraft zur Thematik. Eine Einordnung in ein Modell zur mittelbaren
Beschreibung von Lebenslagen, Aussagen zur Faktorenauswahl und -gewichtung sowie zur unterschiedli-
chen Datenqualität (Mikrozensus, Daten der Arbeitsverwaltung) wären jedoch hilfreich gewesen
6
.
Einen erheblichen Anteil nimmt die Darstellung zu Armutsrisiken und zur Armutsgefährdung ein. Richtiger-
weise wird im Bericht darauf hingewiesen, dass die Dimension Armut immer auf normativen Festlegungen
basiert. Aus Sicht der Staatsregierung greift jedoch die Diskussion zum Armutsrisiko und zur Armutsgefähr-
dung, ausschließlich auf der Basis der Einkommensverteilung aus Angaben des Mikrozensus, zu kurz. Hier
werden viele bundes- oder landesgesetzlich verankerte Unterstützungsleistungen der öffentlichen Daseins-
vorsorge einschließlich der kommunalen Aufwendungen, die zusätzlich zu den monetären Leistungen wir-
ken, ausgeblendet. Zudem lässt die geringe Stichprobengröße eine hinreichend genaue Auswertung auf
Kreis- oder Gemeindeebene nicht zu. An anderer Stelle des Berichts (siehe Teil II, Kapitel 1) verweist auch
der Auftragnehmer auf die Komplexität und die Mehrdimensionalität von Armut bzw. Bedürftigkeit, die nicht
allein auf der Grundlage von einkommens- bzw. leistungsbezogenen Daten abgebildet werden kann. Diese
Einschätzung teilt die Staatsregierung ausdrücklich. Aufgrund der auf Gemeindeebene nur eingeschränkt
verfügbaren Daten muss es jedoch hingenommen werden, dass bei der Beschreibung von so genannten
Armutsrisiken zunächst auf Angaben zur Arbeitslosigkeit bzw. zum Transferleistungsbezug als Indikatoren
für finanzielle Belastungen von Familien zurückgegriffen wird.
Dazu werden im Bericht allgemeine Entwicklungen zur räumlichen Ausprägung von Erwerbslosigkeit sowie
zur Zusammensetzung von Bedarfsgemeinschaften und zu deren räumlichen Verteilung thematisiert.
5
SMS, Landesjugendamt, 2007 – „Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Kinder- und Ju-
gendhilfe im Freistaat Sachsen 2007“
6
Vgl. SMS, Landesjugendamt, 2013 - "Sozialstrukturatlas des Landesjugendamtes für den Freistaat Sach-
sen 2013“, S. 67 ff.

6 | Stellungnahme der Staatsregierung
Die Darstellung der Auswirkungen der wirtschaftlichen Situation von jungen Menschen auf die Kinder- und
Jugendhilfe in Sachsen bezieht sich auf Kernaussagen zu wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bei der
Gestaltung öffentlicher Daseinsvorsorge.
Im Bericht werden neben einer mittelbar nachgezeichneten Sockelbelastung positive Entwicklungen im Sin-
ne eines Rückgangs insbesondere beim Transferleistungsbezug gemäß SGB II, benannt. Diese Tendenz
wirkt sich jedoch altersdifferenziert und bevölkerungsstrukturiert unterschiedlich aus. In Bezug auf die räum-
liche Ausprägung werden Segregationstendenzen, insbesondere durch die zunehmende räumliche Konzent-
ration von Familien mit Armutsrisiken und von arbeitslosen jungen Menschen, aufgezeigt. Hier könnten die
Planungen im Rahmen der kommunalen Verantwortung und Zuständigkeit ansetzen.
Daraus wird folgerichtig das Erfordernis einer räumlich differenzierten Ausgestaltung der Kinder- und Ju-
gendhilfe als Unterstützungssystem abgeleitet und auf das Modell zur Sozialraumorientierung der Stadt
Leipzig verwiesen. Es werden in einem kurzen Abriss die Grundausrichtung, methodische Kategorien sowie
die strukturelle und ressourcenorientierte räumliche Ausgestaltung der Jugendhilfeplanung der Stadt Leipzig
skizziert. Aus Sicht der Staatsregierung ist dies ein Beispiel für den politischen Gestaltungswillen und das
Innovationspotential der öffentlichen Träger innerhalb ihrer Gesamtverantwortung für die Kinder- und Ju-
gendhilfe. Mit Blick auf die Planungs- und Gestaltungsprozesse im ländlichen Raum lassen sich das Modell
für die Großstadt Leipzig und dessen Erfahrungswerte nicht in jedem Fall auf ländlich geprägte Kreisgebiete
übertragen. Hier ergeben sich andere konzeptionelle, logistische und methodische Herausforderungen.
Die Sozialraumorientierung bzw. die Orientierung an Planungsräumen ist Grundprinzip der Jugendhilfepla-
nungen im Freistaat Sachsen. Hier hat es bei der Erarbeitung tragfähiger und regional abgestimmter Modelle
sowohl der Planung als auch der Ausgestaltung von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe vielfältige Ent-
wicklungen gegeben. So wird derzeit beispielsweise im Landkreis Leipzig die Umsetzung sozialraumorien-
tierter Handlungsansätze in den Leistungsbereichen der §§ 11-14 SGB VIII durch eine Förderung aus Lan-
desmitteln unterstützt. Aufgrund der unterschiedlichen Aktualität und der in Umfang und Struktur divergie-
renden Ausführung der Planungen in den Gebietskörperschaften kann hier nur auf Beispiele verwiesen wer-
den. Ein vergleichender Überblick der örtlichen Jugendhilfeplanungen ist in diesem Rahmen nicht möglich.
2.1.3 Räumliche Unterschiede in Sachsen – städtische und ländliche Räume
(Bericht S. 29)
Die Thematisierung des ländlichen Raums basiert im Bericht zunächst auf einer Annäherung an den Begriff.
Hier wird deutlich, dass eine differenzierte Betrachtung hinsichtlich der Verwendbarkeit und Kategorisierung
notwendig ist, da die Wahrnehmung und die Zuschreibung von Merkmalen städtischer und ländlicher Gebie-
te auf verschiedenen Ebenen unterschiedlich erfolgt.
Richtigerweise kann sich die Unterscheidung zwischen ländlichen und städtischen Räumen nicht nur auf die
Gliederung in die drei Großstädte und die zehn Landkreise beziehen. Eine Leistung des Berichts war es
demnach, eine belastbare Begriffsdefinition als Basis und Rahmen für die Darstellung empirischer Informati-
onen im Kontext des Aufwachsens junger Menschen und der Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe zu
schaffen und anzuwenden.
Als ein wesentlicher Faktor für die Bildung von Raumkategorien wird hier die Erreichbarkeit von ausgesuch-
ten Einrichtungen der Daseinsvorsorge (Schulen, Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin) thematisiert und
mit Daten untersetzt. Gerade die Erreichbarkeit der Schule ist als Zeitfaktor für die Gestaltung des Alltags
von Kindern und Jugendlichen von großer Bedeutung. Der Auftragnehmer hat sich dabei auf Angaben mit-
tels Routenplaner bezogen. Die Staatsregierung weist an dieser Stelle darauf hin, dass sowohl landesweit
als auch für einzelne Planungsregionen detailliertere Erreichbarkeitsparameter mit Angaben zum Zeit- und
Wegeaufwand sowie mit Berücksichtigung von Außenstellen von Gymnasien vorliegen. Durch die Orientie-
rung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und des Schülerverkehrs auf die Schulstandorte in den
Zentralen Orten (Ober- und Mittelzentren nach dem Landesentwicklungsplan, Grundzentren nach den Regi-

Stellungnahme der Staatsregierung | 7
onalplänen) können für den Freistaat Sachsen im Ländervergleich aktuell und auch zukünftig sehr günstige
Erreichbarkeitsbedingungen für die Kinder- und Jugendinfrastruktur konstatiert werden. Dies gilt es bei der
weiteren Verwendung, insbesondere der regionalen Daten im Anhang des Berichts, zu berücksichtigen.
Die Auswahl der Praxen der Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin als weiteres Beispiel für die Erreich-
barkeit von Einrichtungen der Daseinsvorsorge entfaltet zwar im Vergleich zu den Schulen oder Orten der
Kultur bzw. Freizeitgestaltung eine geringere Relevanz. Mit dem Hinweis des Auftragnehmers auf Korrela-
tionen mit anderen Datenbeständen wird die „stellvertretende“ Heranziehung dieser verfügbaren Daten je-
doch methodisch nachvollziehbar.
2.2 Teil II: Lebenssituation und Perspektiven von jungen Menschen in
Sachsen
2.2.1 Datenverdichtung zum „Raumstrukturindex“: Ableitung von unter-
schiedlichen Raumtypen
(Bericht S. 35)
Im Bericht wird ein Modell der Typisierung von Räumen anhand von Raumkategorien vorgestellt. Ein Bezug
zur Raumkategorisierung im Rahmen der Landesentwicklungsplanung wird dabei hergestellt, aber mit Blick
auf das Ziel und die Umsetzung der Jugendberichtserstattung als nicht ausreichend angesehen. Deshalb
wurde für die Aufgabenstellung des Berichts eine spezifische Kategorisierung vorgenommen, die weitere
Faktoren einbezieht. Die Grundlage der Typisierung ist hier ein errechneter Raumstrukturindex, der sich auf
Variablen in unterschiedlicher Gewichtung sowohl zur Zentralität als auch zur demografischen Entwicklung
stützt.
Die zentrale Variable bezieht sich auf die regionale Demografie, die mit hoher Wichtung in den Raumstruk-
turindex einfließt. Dies ist nachvollziehbar, da die Information über die Entwicklung der unter 27-jährigen
Bevölkerung als ein für die Lebenslagen junger Menschen und die Kinder- und Jugendhilfe relevantes ent-
wicklungsdynamisches Element in die Raumkategorisierung einfließen muss.
Ein weiterer bedeutender Faktor des Raumstrukturindex ist das Merkmal der Zentralität. Hier wird - neben
der Bevölkerungsdichte - die Erreichbarkeit von ausgesuchten Einrichtungen der Daseinsvorsorge (Schulen,
Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin) an Hand von eigens berechneten, durchschnittlichen Wegstre-
cken herangezogen.
Die Ableitung von Raumtypen bezieht sich demnach zunächst auf eine überschaubare Anzahl von Variab-
len, die wertebasiert in einen zusammengefassten Index einfließen. Natürlich ist die Bildung von Indizes mit
Informationsverlusten behaftet. Sie bietet jedoch eine gute Vergleichbarkeit innerhalb einer Grundgesamt-
heit. Auf der Basis eines vereinfachten, heuristischen Wertes können schnell und praktikabel mittelbare Aus-
sagen zur Situation in Räumen getroffen und entsprechende Gruppierungen vorgenommen werden. Insofern
bietet das Modell der Raumtypisierung ein nachvollziehbares und aussagekräftiges Grundgerüst für die Dar-
stellung von Informationen aus den beschriebenen Datenbeständen. Sie bildet den Ausgangspunkt für die
eingangs aufgeworfene Frage, ob und in welcher Weise unterschiedliche räumliche Bedingungen Einfluss
auf die Wahrnehmungen, Einstellungen und Perspektiven von jungen Menschen und ihren Familien haben.
Insgesamt werden fünf Raumtypen ausgewiesen. In einer stark vereinfachten Lesart gelten die Raumtypen
I-II als „städtisch“, die Raumtypen III bis V als „ländlich“ geprägt. Bei dieser sprachlichen Verkürzung muss
jedoch immer beachtet werden, dass diese beiden Begriffe eben nicht allein aus Zentralitätsfaktoren abgelei-
tet wurden, sondern auch demografische Entwicklungen umfassen. Dadurch werden einige zentrale, ver-
dichtete Gemeinden, die jedoch eine stark rückläufige junge Bevölkerung aufweisen, dem Raumtyp III und
damit als „ländlich“ zugeordnet. Auf diese Besonderheit weist der Auftragnehmer ausdrücklich hin.
Als eine weitere, ergänzende Kategorie zur Raumtypisierung wird der Transferleistungsbezug als Moment
der sozialen Belastung in Räumen herangezogen. Damit ist der Versuch verbunden, die wirtschaftliche und

8 | Stellungnahme der Staatsregierung
soziale Situation und deren Wahrnehmung als Einflussgröße für das Aufwachsen von jungen Menschen im
Raum zu berücksichtigen.
Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass der Transferleistungsbezug von Haushalten mit Kindern unter 15
Jahren nur stellvertretend für andere Variablen mit gleicher Aussagetendenz steht und wegen der kleinräu-
migen Verfügbarkeit in vereinfachter Weise genutzt wird. Dennoch stellt die Verwendung der Begriffe „Kin-
derarmut“ oder „Armutszentren“ allein auf Grundlage dieses Merkmals aus Sicht der Staatsregierung eine
problematische Verkürzung der stark wertebezogenen und vielschichtigen Thematik dar. Zudem ergeben
sich methodische Schwierigkeiten, wie z.B. die auch vom Auftragnehmer kommentierte mangelnde Berück-
sichtigungsmöglichkeit der Heterogenität von Räumen, die zu Einschränkungen in der Aussagekraft führen.
2.2.2 Erkenntnisgewinn durch Befragungen junger Menschen
2.2.2.1 Erkenntnisinteresse
(Bericht S. 39)
Am Anfang dieses Abschnitts steht eine Grundbetrachtung zur Wahrnehmung von Kindern und Jugendli-
chen durch die Erwachsenenwelt sowie deren mediale Vermittlung. Weiterführend wird auf die zahlreichen
verfügbaren Untersuchungen zur Situation, zu Einstellungen und Werteorientierungen von Kindern und Ju-
gendlichen im Bundesgebiet und in Sachsen verwiesen, die aus unterschiedlichen Anlässen und Vorge-
hensweisen heraus Erkenntnisse zur Thematik bereitstellen. So werden neben Einstellungen und Werteori-
entierung auch einzelne Aussagen zu Gewaltbereitschaft, Alkoholkonsum, Mediennutzung bis hin zum
Rechtsextremismus skizziert. Die Ergebnisse werden in den folgenden Abschnitten zur Überprüfung eigener
Auswertungen herangezogen.
Da aus den vorliegenden Materialien keine räumlich differenzierten Analysen möglich waren, hat der Auf-
tragnehmer eigene Erhebungen und Auswertungen vorgenommen und damit den Blick auf die Lebenslagen
der sächsischen Jugend um einen neuen Aspekt erweitert. Hierzu gehören eine regional differenzierte Aus-
wertung der Untersuchung „Jugend 2009 in Sachsen“
7
, eine Online-Befragung von Kindern und Jugendli-
chen sowie eine flankierende Befragung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe.
Durch diese Aktivitäten ist es dem Auftragnehmer gelungen, die skizzierten Themenbereiche der eingangs
benannten Studien regional auf der Basis des Raumtypenmodells, insbesondere zu Stadt-Land-
Unterschieden, zu thematisieren. Dabei geht es nicht nur um die Abbildung eines räumlich variierenden Ju-
gendalltags sondern um die Frage, in wieweit Einstellungen, Werteorientierungen und Wahrnehmungen des
eigenen Alltages von tatsächlichen und wahrgenommenen räumlichen Gegebenheiten beeinflusst werden.
2.2.2.2
Online-Befragung und Studie „Jugend 2009 in Sachsen“ - Die erreichte Stichpro-
be nach sozio-demografischen Variablen
(Bericht S. 42)
Die vom Auftragnehmer im Zeitraum 2012/2013 durchgeführte Online-Befragung von Kindern und Jugendli-
chen bietet aus Sicht der Staatsregierung eine nachvollziehbare, zeitnahe und praktikable Möglichkeit der
Untersuchung der Situation von jungen Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Die gewählte Er-
hebungsmethode ist allerdings grundsätzlich mit einer eingeschränkten Aussagefähigkeit in Bezug auf die
Grundgesamtheit behaftet, die umso größer wird, je regional differenzierter die Ausweisung von Ergebnissen
erfolgt. Aus diesen Gründen wird im Bericht eine Prüfung der Ergebnisse mit Aussagetendenzen der ein-
gangs skizzierten Studien vorgenommen. Auch dieses Vorgehen geht mit methodischen und konzeptionel-
len Schwierigkeiten einher, die sich aus zeitlichen und altersgruppenbezogenen Abweichungen zwischen
den Untersuchungen ergeben. Der Bericht thematisiert diese Abweichungen und stellt auf der Struktur- und
Variablenebene nachvollziehbare Bezüge her.
7
SMS/IM LEIPZIG, Institut für Marktforschung GmbH Leipzig, 2010 – „Jugend 2009 in Sachsen – Eine ver-
gleichende Untersuchung zu Orientierungsproblemen junger Menschen“

Stellungnahme der Staatsregierung | 9
In diesem Zusammenhang sind die Resultate der Online-Befragung – insbesondere die in regionalen Bezü-
gen – mit einer methodisch eingeschränkten, aber mit Blick auf die Grundtendenzen hinnehmbaren Aussa-
gekraft zu sehen. Dies sollte bei der Formulierung der Resultate und beim Herstellen von Zusammenhängen
Berücksichtigung finden.
2.2.2.3
Räumliche Kategorisierung der Befragungsergebnisse
(Bericht S. 46)
Die räumliche Kategorisierung der Befragungsergebnisse der
Online-Befragung
wird über zwei Kernmerk-
male hergestellt, den Raumstrukturindex und das darauf basierende Raumtypenmodell sowie über den An-
teil der Kinder unter 15 Jahren in Haushalten mit SGB II-Bezug an allen unter 15-Jährigen.
Die strukturelle Grundverteilung der Teilnehmer/-innen in den Raumkategorien folgt hier fast linear der Be-
völkerungsdichte der typisierten Räume. Der geringe Anteil der Befragten, der in Familien mit Transferleis-
tungsbezug lebt, macht jedoch deutlich, dass die Befragung nur eingeschränkt Aussagen auf die Grundge-
samtheit der Kinder und Jugendlichen zulässt. Das trifft insbesondere auf die Raumkategorien IV und V zu.
Zudem sind die Ausweisung und der Vergleich von Prozentwerten in Form von Quoten bei den niedrigen
Vergleichswerten (N) nur in geringem Maße hilfreich. Somit weisen die thesenhaft formulierten Zusammen-
hänge zu den signifikanten Differenzen zwischen Bildungsniveau, Alters- und Geschlechterdifferenziertheit
und Leistungsempfängerquote eine vergleichsweise geringe Tragfähigkeit aus.
Die Ergebnisse der
Studie „Jugend 2009 in Sachsen“
konnten nicht nach den für den Bericht relevanten
Raumtypen ausgewertet werden, da keine Angaben zum Wohnort der Befragten vorliegen, sondern bei den
Telefoninterviews nur die Einwohnerzahl erfasst wurde. An Hand dieses Merkmals wurden ebenfalls fünf
Raumkategorien gebildet, die aber nicht deckungsgleich mit den Raumtypen der Online-Befragung sind.
Dennoch ist es zu begrüßen, dass der Auftragnehmer trotz dieser Einschränkungen eine raumbezogene
Auswertung vorgenommen hat, um einen weiteren Vergleichswert zu den Ergebnissen der Online-Befragung
zu erhalten.
Bei dieser Studie ist die Verortung der Teilnehmer/-innen nahezu gleich verteilt. Gleiches gilt für die Katego-
rien Geschlecht, Alter und Schüleranteil. Somit ist für die Ergebnisse auch regional differenziert von einer
höheren Aussagekraft in Bezug auf die Grundgesamtheit der Altersgruppe auszugehen.
2.2.3 Jugendliche in Sachsen – Ergebnisse der Online-Befragung ergänzt um
eine Sonderauswertung der Studie „Jugend 2009 in Sachsen“
2.2.3.1 Zukunftsaussichten
(Bericht S. 49)
Sämtliche Aussagen hinsichtlich der Zukunftsaussichten enthalten einen beruflichen Bezug. Auffallend viele
junge Menschen schauen demnach optimistisch in die Zukunft. Ein sehr hoher Anteil der Befragten schätzt
ein, dass er einen Ausbildungs- oder Studienplatz sowie später einen Arbeitsplatz finden und perspektivisch
„gutes Geld“ verdienen wird. Unterschiede bei den Antworten sind zwischen den fünf Raumtypen nicht er-
kennbar. Nur hinsichtlich der Perspektive, einen Arbeitsplatz zu finden, zeichnet sich in Gebieten mit einer
höheren SGB II-Quote ein geringerer Optimismus ab. Ebenso sind Befragte aus Haushalten mit Transferleis-
tungsbezug zurückhaltender bezüglich der Chance, einen Ausbildungs- bzw. Studienplatz zu erhalten. Die
vorliegenden Ergebnisse decken sich weitgehend mit den Aussagen hinsichtlich der Zukunftsaussichten aus
der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“.
Die Staatsregierung sieht in der positiven wirtschaftlichen Entwicklung im Freistaat Sachsen einen wesentli-
chen Beitrag zur Eröffnung von Zukunftsperspektiven für junge Menschen innerhalb des Freistaates. Zu-
gleich sieht sie sich bestärkt, die Bemühungen für einen chancengleichen Zugang zum Ausbildungs- und
Arbeitsmarkt fortzusetzen.

10 | Stellungnahme der Staatsregierung
2.2.3.2 Einschätzungen zum Wohnort
(Bericht S. 53)
Bei den Fragekomplexen hinsichtlich der Einschätzungen zum Wohnort haben sich die zu er-wartenden
Stadt-Land-Unterschiede bestätigt. Signifikant für ländliche Räume sind eine stärkere soziale Kontrolle
(„schief angeguckt, wenn auffällig gekleidet“) sowie ein höher ausgeprägtes Sicherheitsgefühl, das sich nur
in den Grenzgebieten zu Polen und Tschechien etwas anders darstellt.
Charakteristisch für den ländlichen Raum sind allerdings weiterhin ein Mangel an Freizeitmöglichkeiten und
eine geringe Mobilität bezogen auf die öffentliche Verkehrsinfrastruktur.
Gleichwohl wirkt der Heimatort identitätsstiftend; die Wohnortverbundenheit ist überall hoch ausgeprägt.
Aber trotz der Verbundenheit zum Heimatort und der Tatsache, dass es fast einem Viertel der Befragten
heute im Wohnort besser gefällt als in den letzten Jahren, geben fast 50 % der Befragten an, wegziehen zu
wollen, wobei Befragte aus ländlichen Räumen diese Option häufiger bestätigen. Knapp 50 % der „Weg-
zugswilligen“ schließt eine Rückkehr aus. Die Befragung zeichnet auch die im Rahmen der amtlichen Bevöl-
kerungsstatistik bereits nachgewiesene höhere Mobilitätsbereitschaft von jungen Frauen und von jungen
Menschen mit höherem Bildungsabschluss nach.
Anhand der Diskussion in den Workshops mit Jugendlichen und Experten wird deutlich, dass Ganztagsan-
gebote an der Schule nicht als adäquate Freizeitangebote von Jugendlichen angesehen werden. Sie stellen
nach den vorliegenden Erkenntnissen keinen Ersatz für eine selbstbestimmte Freizeitgestaltung im unmittel-
baren Lebensumfeld dar. In diesen Belangen wollen junge Menschen ernst genommen und beteiligt werden.
Folglich ist es notwendig, sich umfassend mit den Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen zu beschäftigen.
Wenn es um die Gestaltung des Gemeinwesens geht, gilt es, auch die Interessen, Ziele und Bedürfnisse
von jungen Menschen zu berücksichtigen. Diese liegen erwartungsgemäß nach deren Angaben in entspre-
chenden Zugängen zu Freizeitmöglichkeiten, aber eben auch in einer besseren Anbindung an den ÖPNV,
besonders in der schulfreien Zeit, um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Die Verbesserung der Mobilität junger Menschen im ländlichen Raum ist bereits seit geraumer Zeit
ein Anliegen der Staatsregierung, das auch in der Suche nach neuen, innovativen Lösungsmöglich-
keiten zum Ausdruck kommt.
So hat der Freistaat beispielsweise gemeinsam mit den Ländern Sachsen-
Anhalt und Thüringen seit Frühjahr 2013 den Pilotversuch „Moped-Führerschein mit 15“ eingeführt. Beson-
ders Jugendlichen im ländlichen Raum soll damit eine erhöhte Mobilität und Unabhängigkeit vom ÖPNV
ermöglicht werden.
2.2.3.3
Regionales und überregionales Engagement
(Bericht S. 61)
Einem generell hohen Engagementpotenzial in Bezug auf ihr unmittelbares Lebensumfeld von jungen Men-
schen steht ein von den Jugendlichen und den Experten wahrgenommener Mangel an Mitgestaltungsmög-
lichkeiten gegenüber. Dass die angegebene Engagementbereitschaft größer ist als das tatsächliche Enga-
gement, war anzunehmen. Insbesondere Jugendliche nehmen sich erfahrungsgemäß oft mehr vor, als sie
dann konkret umsetzen können. Es ist davon auszugehen, dass sich an dieser grundlegenden Konstellation
nicht viel ändern würde, wenn es zahlreichere Angebote gäbe. Gleichwohl bedarf es der gezielten Anspra-
che und der sensiblen pädagogischen Begleitung, um bestehende Engagement-potenziale bei jungen Men-
schen freizulegen und zur tatsächlichen Aktivität zu ermutigen und anzuleiten.
Besonders gewünscht und dementsprechend auch erfolgreich sind Mitgestaltungsmöglichkeiten, die kurzfris-
tig angelegt, jugendaffin ausgerichtet und themenbezogen sind sowie einen niederschwelligen Einstieg bie-
ten. In diesem Kontext ist auch der Erfolg des Projektes „Hoch vom Sofa! -Teilhabe ist mehr als Teilnahme“
zu erklären. Ein wesentlicher Aspekt für tatsächliches Engagement ist – das zeigen auch die Projektergeb-
nisse - eine zeitnahe Erlebbarkeit der eigenen Mitbestimmung. Die Projekte „48-Stunden-Aktion“ oder „Ju-

Stellungnahme der Staatsregierung | 11
gend bewegt Kommune“
8
, die auch in diesem Jahr wieder an unterschiedlichen Standorten stattfinden, sind
in diesem Kontext ebenfalls ein nachahmenswertes Beispiel.
Ebenso kann unter anderem auf die integrierende und aktivierende Wirkung des Sports verwiesen werden,
der vielfältige Möglichkeiten einer jugendbezogenen Mitgestaltung bietet. So unterstreichen aktuelle Studi-
energebnisse den hohen gesellschaftlichen Stellenwert des Bereichs „Sport und Bewegung“
9
.
Unserer Gesellschaft ist es wichtig, sie ist zudem darauf angewiesen, dass sich möglichst viele junge Men-
schen aktiv in die Gestaltung des Gemeinwesens vor Ort einbringen.
Von daher ist es notwendig, dass
junge Menschen kontinuierliche Ansprechpersonen in ihrer Gemeinde, in ihrem Dorf oder in ihrer
Stadt haben, wenn es um die Umsetzung von jugendgerechten, interessensgeleiteten Belangen geht.
Kinder und Jugendliche sind in der Gesellschaft, nicht zuletzt im Hinblick auf die demografische Entwicklung,
mehr als zuvor auf starke Partner angewiesen, die sie zum Engagement und zur Mitwirkung ermutigen. Die-
se Notwendigkeit wurde auch von der Bundesregierung erkannt und in einer Initiative für eine
„Eigenstän-
dige Jugendpolitik“
formuliert, die in diesem Jahr in der Gründung einer „Allianz für die Jugend“ münden
soll.
Diesen begonnenen dialogischen Prozess gilt es auch im Freistaat aufzugreifen und weiterzu-
entwickeln (siehe Punkt 2.2.3.7).
2.2.3.4
Freizeitverhalten, Besuch von Jugendclubs/-zentren
(Bericht S. 64, 69)
Die Aussagen in diesen Abschnitten decken sich weitestgehend mit denen der Studie „Jugend 2009 in
Sachsen“. Dabei ist festzustellen, dass der selbstbestimmte Anteil an freier Zeit, also der Anteil ohne äußere
Verpflichtungen durch Schule, Hausarbeit etc. eher gering ausfällt. Signifikante regionale Unterschiede gibt
es dabei nicht. An erster Stelle steht die Nutzung neuer Medien, aber auch das Treffen mit Freunden im
öffentlichen und privaten Raum ist für junge Menschen von enormer Bedeutung.
Aufgrund der herausragenden Bedeutung von Medien im Freizeitverhalten junger Menschen ist es nachvoll-
ziehbar, dass auch von den Jugendlichen eine intensivere Auseinandersetzung der Schulen mit neuen Me-
dien, insbesondere zu Chancen und Risiken der Internetnutzung, gewünscht wird.
Die Staatsregierung
sieht in der Weiterentwicklung der Medienbildung an Schulen eine fortlaufende Aufgabe, die bei-
spielsweise mit der Verankerung der Medienbildung als Querschnittsaufgabe von Unterricht in den
Lehrplänen aller Schularten und Unterrichtsfächer umgesetzt wird
. In der Erklärung der Kultusminister-
konferenz (KMK) zur „Medienbildung in der Schule“ von 2012 werden neue Themenfelder benannt, die auch
in Sachsen zu den Schwerpunkten der nächsten Jahre gehören. Zu diesen zählen u.a. der Umgang mit Da-
tenschutz und Urheberrecht im Unterricht, der quantitative und qualitative Ausbau der Fortbildung für Lehr-
kräfte im Bereich der neuen Medien sowie die Stärkung der traditionellen Medien und deren Einbindung in
das Unterrichtsgeschehen. Im Zusammenwirken mit externen Partnern, wie der Landesmedienanstalt und
den Medienpädagogischen Zentren, soll dieses Vorhaben erfolgreich realisiert werden.
Auffallend ist, dass lediglich circa 20 % der Befragten einen Jugendclub o. ä. zumindest gelegentlich aufsu-
chen. Hierbei deutet sich tendenziell eine höhere Relevanz für Einrichtungen der Jugendarbeit in den ländli-
chen Räumen ab.
Insgesamt ist dennoch nicht zu verkennen, dass für jüngere Jugendliche die Zugänge zu Jugendeinrichtun-
gen schwieriger sind, da diese oftmals durch ältere Nutzer bereits „besetzt“ sind. Als weiteres Hemmnis für
eine breitere Nutzung von Einrichtungen der Jugendarbeit wird zunehmend eine mangelnde soziale Hetero-
genität genannt.
8
Motto des Programms „Demokratisches Sachsen!“, durchgeführt durch die Regionalstelle Sachsen der
Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Kooperation mit dem SMS
9
vgl. Bundesinstitut für Sportwissenschaft/Sebastian Braun, 2013 - „Freiwilliges Engagement von Jugendli-
chen im Sport – Eine empirische Untersuchung auf Basis der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009“

12 | Stellungnahme der Staatsregierung
Daraus ableitend gilt es, die Orte der offenen Jugendarbeit zum Einen für jüngere Zielgruppen offen
zu halten und geeignete altersspezifische Angebote zu entwickeln sowie aktiv zwischen den Nutzer-
gruppen zu vermitteln.
Zum Anderen braucht die offene Jugendarbeit wieder eine selbstbestimmte Attrakti-
vität für alle sozialen Schichten. Zum gleichen Schluss ist auch die Kommission zum 3. KJB gekommen. Sie
beschrieb Jugendarbeit als ein offensichtlich in Vergessenheit geratenes Handlungsfeld und forderte eine
strukturelle Stabilisierung professioneller Fachlichkeit und eine Erneuerung des öffentlichen Auftrags der
Kinder- und Jugendarbeit als unumgänglich ein.
10
Diesen Appell gilt es im Rahmen der Fachberatung
und Fortbildung aufzugreifen.
Sport ist auf Grund der gesundheitlichen, erzieherischen und sozialen Wirkungen ein besonders wichtiger
Bestandteil der Daseinsvorsorge, der den Wohn- und Freizeitwert in allen Regionen steigert.
Gerade in den
ländlichen Gebieten, wo fehlende Freizeitangebote bemängelt werden, sollten diese Möglichkeiten
vor Ort gegenüber der jungen Generation weiterhin aktiv beworben und die Nutzung für junge Men-
schen attraktiv gemacht werden.
Durch bedarfsgerechte und allgemein zugängliche Angebote können
Kinder und Jugendliche zur regelmäßigen sportlichen Betätigung angeregt werden.
Die Sportjugend als größter anerkannter Träger der freien Jugendhilfe im Freistaat Sachsen mit rund
245.000 in Sportvereinen organisierten Kindern und Jugendlichen leistet als Dachverband einen wichtigen
Beitrag zur Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung junger Menschen und ist damit auch ein bedeuten-
der Akteur der Kinder- und Jugendarbeit. Engagementförderung, Freiwilligendienste im Sport, internationale
Jugendbegegnungen sowie die Sicherung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen im Sportverein ver-
deutlichen das Agieren und die Aufgabenstellungen der Sportjugenden auf dem Gebiet der Kinder- und Ju-
gendhilfe.
Um Jugendliche in ihrer Handlungs-, Sozial-, Selbst- und Fachkompetenz zu fördern und ihr Engagement zu
wecken, führen der Landessportbund Sachsen mit der Sportjugend und das SMK seit 2008 gemeinsam eine
zentrale Schülerassistentenausbildung Sport durch. Die jungen Menschen erhalten durch diese Ausbildung
frühzeitig Gelegenheit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen sowie wertvolle Impulse für eine
weiterführende ehrenamtliche Tätigkeit.
Darüber hinaus erhält die Sportjugend Sachsen in den Jahren 2014 und 2015 Landesmittel für die Umset-
zung des Projekts „Starke Kinder im Sport! Training mit Verantwortung“. Multiplikatoren sollen in diesem
Projekt befähigt werden, Trainer/-innen und Übungsleiter/-innen in den regionalen Sportverbänden und ins-
besondere in den Vereinen zur Thematik des Kinderschutzes zu sensibilisieren und fortzubilden sowie ent-
sprechende Informationsveranstaltungen durchzuführen.
Das Projekt „KOMM! in den Sportverein“ hat zum Ziel, in den Landkreisen und kreisfreien Städten „Netzwer-
ke für Bewegungsförderung“, insbesondere im Kindersport, auf- und auszubauen. Ein wesentlicher Baustein
in diesem Zusammenhang ist die Zusammenarbeit der Sportvereine mit Kindertageseinrichtungen.
Der
Freistaat wird dafür weiterhin Mittel bereitstellen.
2.2.3.5
Politikinteresse, linke und rechte Orientierungen
(Bericht S. 74, 75)
Die Ergebnisse der Online-Befragung zu den Themenbereichen Politikinteresse und politische Orientierun-
gen bestätigen größtenteils bereits bekannte Tendenzen.
So wird bezüglich des Stadt-Land-Gefälles beim Politikinteresse auf den Zusammenhang mit der regionalen
Verteilung der Personen mit höheren Bildungsabschlüssen hingewiesen. Mit Blick auf das politische Enga-
gement junger Menschen am Wohnort lässt ein Ergebnis aufmerken, wonach bei den politisch interessierten
jungen Menschen das Interesse für die Kommunalpolitik im Vergleich zur Landes-, Bundes- und Europapoli-
tik am geringsten ausgeprägt ist. Die Resultate weisen auf
zwei Herausforderungen für die Umsetzung
10
SMS, 2009 – 3. KJB, S. 123

Stellungnahme der Staatsregierung | 13
von Maßnahmen der politischen Jugendbildung hin: die Ansprache auch von Zielgruppen mit niedri-
geren Bildungsabschlüssen sowie die Auseinandersetzung mit politischen Ereignissen im unmittel-
baren Lebensumfeld.
Die vergleichsweise stärkere Verbreitung rechter Orientierungen und ausländerfeindlicher Einstellungen in
den eher ländlich geprägten Regionen ist ein ebenfalls bekannter Befund, der zusätzlich durch die Auswer-
tung nach Schulabschlüssen, die eine Unabhängigkeit der Tendenz vom Bildungsabschluss feststellt, bestä-
tigt wird.
Die Staatsregierung sieht hier weiterhin Handlungsbedarf.
Mit Hilfe des Förderprogramms „Weltoffenes
Sachsen“ sowie durch verschiedene Bundesprogramme können Impulse zur Förderung von Demokratie,
Weltoffenheit und Toleranz gesetzt und - wie im Bericht angeregt - gerade auch im ländlichen Raum intensi-
viert werden.
Die Auseinandersetzung mit extremistischen Einstellungen und die Förderung der interkulturellen
Kompetenz stellen auch in Zukunft wichtige Aufgabenstellungen für die politische, soziale und kultu-
relle Bildungsarbeit im Freistaat Sachsen dar.
Die Etablierung von Netzwerken zur Stärkung der politi-
schen Bildung empfiehlt auch das Strategiepapier der Staatsregierung „Sachsen weiterdenken“
11
. Im Rah-
men ihrer Verantwortung für demokratische und kulturelle Bildung und Erziehung sollen Schulen eng mit
Partnern der Kinder- und Jugendhilfe, mit Vereinen und der Landeszentrale für politische Bildung zusam-
menarbeiten.
Die Feststellung im 3. KJB, wonach es insbesondere für die Kinder- und Jugendarbeit, die Jugendverbands-
arbeit sowie die Jugendsozialarbeit eine „eingelassene Querschnittsaufgabe [sei], weltoffenes Denken und
Verstehen anzuregen und sich gegenüber einer Reduzierung komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge
auf stark vereinfachende menschenfeindliche Deutungsmuster abzugrenzen“
12
, bleibt nach wie vor aktuell.
Die Staatsregierung sieht es daher im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe als zunehmend wichtig
an, Impulse zur interkulturellen Öffnung aufzunehmen, Anregungen zu unterbreiten, diese konzepti-
onell zu verarbeiten und praktisch umzusetzen. Es gilt, Diskriminierungen möglichst frühzeitig zu
erkennen und zu vermeiden sowie Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft zu einem res-
pektvollen, toleranten Miteinander zu befähigen. Gleichfalls gilt es, eine selbstverständliche Gemein-
schaft von Menschen mit und ohne Behinderung zu ermöglichen.
Die Staatsregierung hat mit der Verabschiedung des Sächsischen Zuwanderungs- und Integrationskonzepts
(ZIK) im Frühjahr 2012 eine Grundlage sowohl für das Werben um eine gezielte Zuwanderung ausländischer
Fachkräfte als auch für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Integration der im Freistaat Sachsen leben-
den Migrantinnen und Migranten geschaffen. Das Konzept zeigt Ziele, Perspektiven und Rahmenbedingun-
gen für eine erfolgreiche Integration auf, die durch interkulturelle Öffnung, interkulturelle Kompetenz und
interkulturellen Dialog gekennzeichnet ist. Das beinhaltet auch die Schaffung eines weltoffenen und frem-
denfreundlichen Klimas.
Die Angebote der Jugendsozialarbeit nach § 13 SGB VIII sind durch ihre Ausrichtung auf junge Menschen in
persönlichen oder gesellschaftlichen Benachteiligungssituationen in besonderer Weise gefordert, den Zu-
gang von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu gewährleisten und deren schulische und berufliche
Eingliederung zu unterstützen. Zugleich wird in diesen Projekten durch das Miteinander von jungen Men-
schen mit und ohne Migrationshintergrund Toleranz, Offenheit und interkulturelle Kompetenz geübt und ge-
lebt.
11
Sächsische Staatskanzlei, 2013 - „Sachsen weiterdenken - Einladung zum Dialog“, S. 22
12
SMS, 2009 - 3. KJB, S. 123

14 | Stellungnahme der Staatsregierung
Auch die Weiterentwicklung der internationalen Jugendarbeit soll durch die Ermöglichung interkultureller
Begegnungen einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen und Unsicherheiten im Umgang mit Menschen aus
anderen Ländern bzw. Kulturen leisten und Weltoffenheit im Denken und Handeln junger Menschen fördern.
Einen weiteren Handlungsbedarf sieht die Staatsregierung in der Fortbildung sowie in der Verbesse-
rung der grundständigen Ausbildung von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe
, die - nach Ein-
schätzung der Experten – teilweise Unsicherheiten im Umgang mit Meinungsäußerungen von Angehörigen
oder Sympathisanten rechter Gruppierungen zeigen.
Darüber hinaus müssen insbesondere die in der
Jugendsozialarbeit tätigen Fachkräfte interkulturell sensibilisiert und geschult werden. Das SMS wird
anregen, diese Themen in die Aktivitäten der im Bereich der Demokratiebildung tätigen Träger der
freien Jugendhilfe aufzunehmen.
2.2.3.6 Problematischer Jugendalltag
(Bericht S. 79)
Die Ausführungen zum problematischen Jugendalltag beschränken sich auf die Betrachtung des Alkohol-
konsums bei jungen Menschen. Den Verzicht auf die zusätzliche Erfassung des Konsums illegaler Drogen
begründet der Auftragnehmer mit der Betroffenheit einer nur sehr kleinen Gruppe unter allen Jugendlichen.
Er bezieht sich dabei auf eine Schülerbefragung der neunten Jahrgangsstufe aus dem Jahr 2009. Da es
keine aktuellen Studien zum Konsum illegaler Drogen durch Kinder und Jugendliche in Sachsen gibt, ist
diese Argumentation empirisch nicht sicher belastbar, gleichwohl aber konkreter zu hinterfragen. Die Praxis
spiegelt weitergehende Erfahrungen. Zu beachten ist, dass die jährlich erscheinenden Suchtberichte der
Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren e.V. einen deutlichen Anstieg der Zahlen von Klientin-
nen und Klienten in den sächsischen Suchtberatungs- und –behandlungsstellen (SBB) mit einer Crystal-
Problematik ausweisen. Die Daten der Deutschen Suchthilfestatistik zeigen, dass bei den Klientinnen und
Klienten in den SBB Crystal inzwischen Cannabis als die am häufigsten konsumierte illegale Substanz abge-
löst hat. Im Vergleich der letzten Jahre zeigt sich weiterhin eine deutliche Zunahme von Hilfesuchenden in
der Altersgruppe der 19- bis 29-Jährigen in Deutschland. In der Konsequenz steht damit nicht nur das
Suchthilfesystem vor besonderen Herausforderungen, sondern ebenso angrenzende Lebens- und Hilfebe-
reiche, wie beispielsweise die Schule oder die Kinder- und Jugendhilfe.
Auf die zunehmende Crystal-Problematik hat die Staatsregierung mit verschiedenen Aktivitäten und Maß-
nahmen reagiert. Zu diesen zählen die „Netzwerkkonferenzen Crystal Meth“, die in Verantwortung der Säch-
sischen Krankenhäuser in Arnsdorf, Altscherbitz und Rodewisch durchgeführt wurden, sowie zahlreiche
Fachtagungen auf kommunaler Ebene. Sie dienten der fachlich fundierten Information und der Vernetzung
verschiedener Professionen, um frühzeitig geeignete Hilfsangebote auf der Ebene der Landkreise und kreis-
freien Städte umsetzen zu können. Zudem wurden mit einem Rundschreiben vom April alle Schulleiter/-
innen über die Problematik im Zusammenhang mit der Droge Crystal informiert und Unterstützungsangebote
zu deren schulischer Thematisierung unterbreitet.
Um die verschiedenen Aktivitäten und Maßnahmen zusammenzuführen und weiterzuentwickeln legte
die Staatsregierung am 6. Mai 2014 einen 10-Punkte-Plan zur Prävention und Bekämpfung des Crys-
tal-Konsums im Freistaat Sachsen vor.
Trotz der aktuellen Diskussionen zu Crystal als der am häufigsten konsumierten illegalen Droge, ist es nach-
vollziehbar, dass sich der Auftragnehmer auf den Alkoholkonsum konzentriert hat. Dies geht mit den epide-
miologischen Daten, die u. a. der 2. Sächsische Drogen- und Suchtbericht ausweist, konform.
Die Folgen eines hohen Alkoholkonsums spiegeln sich - beispielhaft dargestellt - auch in der bevölkerungs-
bezogenen Zunahme der Fälle bei den 15- bis unter 20-Jährigen wider, die im Zeitraum von 2008 bis 2011
infolge einer Alkoholintoxikation in einem sächsischen Krankenhaus behandelt wurden
13
.
13
SMS, 2013 - 2. Sächsischer Drogen- und Suchtbericht, S. 17

Stellungnahme der Staatsregierung | 15
Mit der regional-, alters- und geschlechtsdifferenzierten Darstellung zum Alkoholkonsum junger Menschen in
Sachsen wird eine aktuelle Datengrundlage bereitgestellt, die wichtige Hinweise für die Entwicklung und
Umsetzung präventiver Maßnahmen geben kann.
Der Weiterentwicklungsbedarf in den begleitenden Hilfen, der sich aufgrund des Konsums von lega-
len und illegalen Drogen bei Kindern und Jugendlichen ergibt, ist im 2. Sächsischen Drogen- und
Suchtbericht aufgeführt
und erstreckt sich insbesondere auf Präventionsangebote im Bereich der selekti-
ven und indizierten Prävention sowie auf die Kooperation und Vernetzung zwischen Suchthilfe und Kinder-
und Jugendhilfe.
Aus der Perspektive der Förderung von Lebenskompetenzen - und somit im weiteren Sinne der Suchtprä-
vention - ist die formulierte Aufgabe, außerschulische Freizeit-, Bildungs- und Präventionsangebote weiter-
zuentwickeln, um Lebensqualität und Lebenschancen zu gewährleisten, zu unterstützen. Der sportlichen
Betätigung mit ihrem präventiven und gesundheitlichen Wert kommt dabei eine besondere Rolle zu. Darüber
hinaus ist auf das gemeinsam von SMK, SMI und SMS erstellte Konzept zur Gesundheitsförderung und
Prävention in Kindertageseinrichtungen und Schulen vom Juni 2013 zu verweisen, das auf die fachliche und
organisatorische Unterstützung von Kindertagesstätten und Schulen bei deren konzeptioneller Arbeit abzielt
und den Einsatz von evaluierten Lebenskompetenzprogrammen und Angeboten zur Suchtprävention unter
Nutzung des Lebenskompetenzportals "Junge Sachsen fit fürs Leben"
(www.lernportal-sachsen-
lebenskompetenz.de) empfiehlt.
2.2.3.7 Zusammenfassung
(Bericht S. 82)
Das hohe Maß an Wohnortverbundenheit kann als identitätsstiftendes Moment von jungen Menschen mit
ihrer Heimat verstanden werden, auch wenn dem entgegen eine tendenziell geringere „Bleibeorientierung“
sowohl im Zuge der Berufsfindung, als auch aus anderen Gründen festgestellt wird.
Gerade deshalb gilt es,
das damit verbundene Potenzial von Jugendlichen, sich unterschiedlich akzentuiert zu engagieren,
aufzunehmen und anzuerkennen. Die konsequente Initiierung von Teilhabe- und Beteiligungsmög-
lichkeiten, die sich am unmittelbaren Lebensumfeld ausrichten und sich stärker an den Bedarfen und
Bedürfnissen von jungen Menschen orientieren, wird eine der wesentlichen Herausforderungen für
eine eigenständige Jugendpolitik sein.
Was die tatsächliche Teilhabemöglichkeit von jungen Menschen in Bezug auf Freizeitmöglichkeiten anbe-
langt, so ist dies stark von infrastrukturellen Bedingungen abhängig, wobei sich auch die Zentralisierung von
Schulen entsprechend auf die Strukturierung des Alltags von Jugendlichen auswirkt. So ist inzwischen mehr
als jeder vierte Jugendliche täglich über eine Stunde unterwegs, um die Schule zu erreichen und wieder
zurück nach Hause zu kommen.
Umso wichtiger erscheint es, besonders in weitgehend
entstrukturierten ländlichen Räumen, Jugendarbeit als selbstbestimmten und interessengeleiteten
Freizeitort im (un)mittelbaren Lebensumfeld von jungen Menschen zu etablieren.
Ganztagsangebote
an Schulen haben ihre eigene Bedeutung und Wirkung, stellen aber dazu keine Alternative dar. Freizeitorte
und aktive Teilhabemöglichkeiten im Bezug zum eigenen Lebensumfeld bieten darüber hinaus Gelegenhei-
ten für eine aktivierende Demokratiebildung mit unmittelbarer Auswirkung auf den Lebensalltag von jungen
Menschen.
Dieses Feld kann und darf nicht antidemokratischen Strömungen und Zusammenschlüs-
sen überlassen werden.
Die Kinder- und Jugendhilfe im Freistaat Sachsen muss daher ihren Fokus – neben dem frühen Kin-
desalter und der Förderung von Familien mit Kindern – perspektivisch stärker auf die Lebensphase
Jugend richten.
Mit dem durch die Bundesregierung initiierten Konzept einer eigenständigen Jugendpolitik
ist die Forderung verbunden, dass Jugendpolitik mit Kindern und Jugendlichen von den Ländern und Kom-
munen vor Ort gestaltet werden soll. Die vom SMS entwickelten Projekte „Teilhabe ist mehr als Teilnahme –
Hoch vom Sofa!“, „Jugend bewegt Kommune“ sowie „Flexibles Jugendmanagement“ haben solche Forde-
rungen bereits praktisch aufgegriffen und gezeigt, dass eine Beteiligung von jungen Menschen im unmittel-
baren Lebensumfeld erfolgen muss, wenn damit eine Stärkung des Gemeinwesens einhergehen soll.
Die

16 | Stellungnahme der Staatsregierung
Erfahrungen und durchweg positiven Effekte dieser Projekte sprechen für eine sachsenweite Imple-
mentierung.
Junge Menschen brauchen verlässliche Ansprechpartner vor Ort sowie einen begleiteten Dia-
log mit den politisch Verantwortlichen in den jeweiligen Kommunen.
Die Staatsregierung sieht hier weite-
ren Handlungsbedarf und wird prüfen, die genannten Projekte im Rahmen eines Gesamtkonzepts zur
eigenständigen Jugendpolitik zu verstetigen.
In Zukunft sollte verstärkt darauf geachtet werden, verbindliche Möglichkeiten einer direkten Beteili-
gung von jungen Menschen zu schaffen und zu verstetigen. Dazu bedarf es vielfältiger Initiativen und
Anregungen vor Ort, die sich auch der Einbeziehung und Aktivierung von bisher eher zurückhalten-
den Zielgruppen annehmen sollten.
Um einen nachhaltigen und wirksamen Zugang zu dieser Thematik zu sichern sowie um den Bereich der
Beteiligung und Teilhabe von Kindern und Jugendliche konzeptionell und methodisch zu untersetzen, berei-
tet das SMS derzeit den
Aufbau einer langfristig angelegten Servicestelle „Kinder- und Jugendbeteili-
gung“
vor.
2.2.4 Lebenssituation und Perspektiven junger Menschen in Sachsen aus
Sicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe
(Bericht S. 86)
In diesem Kapitel wird deutlich, dass die Mitarbeiter/-innen eine äußerst präzise Wahrnehmung zur Lebens-
situation ihrer Adressaten haben. Dies spricht für eine ausgeprägte Fachlichkeit der Akteure, die auf aktive
und motivierende Begleitung und Beratung von jungen Menschen schließen lässt. Gleichfalls fordern auch
Mitarbeiter/-innen innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe stärkere Beteiligungsrechte und Teilhabemöglich-
keiten für Kinder und Jugendliche, gerade bei regionalen Belangen. Darin sehen die Fachkräfte ein wesentli-
ches und alltagstaugliches Element, auch im Hinblick auf notwendige Demokratiebildungsprozesse gerade
in ländlichen Regionen.
2.2.5 Schule und Sozialarbeit an der Schule
(Bericht S. 96)
Ausgangspunkt für die Ausführungen zur Schulsozialarbeit als Handlungsfeld mit hohem Potenzial - auch
bezüglich der Vernetzung der Kinder- und Jugendhilfe mit der Institution Schule - bilden im vorgelegten Be-
richt empirisch unterlegte Aussagen zur Schullaufbahn und zum Einstieg in eine Ausbildung.
Im Vergleich mit anderen Bundesländern hat der Freistaat Sachsen einen hohen Anteil von Absolventen, die
einen Realschulabschluss bzw. das Abitur erreichen. Schulabschlüsse, die in den allgemeinbildenden
Schularten im Freistaat Sachsen erworben wurden, erfahren bundesweit eine hohe Wertschätzung.
Dennoch wird im Kontext der hohen Bedeutung von Schule bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben
und biografischen Weichenstellungen von einem im deutschlandweiten Vergleich relativ hohen Anteil von
Schulabgängern ohne Abschluss sowie einer problematischen Entwicklung des Anteils von Berufsschulab-
gängern ohne Abschluss berichtet. Die an den Workshops beteiligten Jugendhilfe-Experten führen dies u. a.
auf eine nicht hinreichende Auseinandersetzung vieler Schüler/-innen mit ihrer Berufsausbildung vor Verlas-
sen der Schule zurück.
Diese Rückmeldung bestärkt die Staatsregierung, ihre vielfältigen Bemühun-
gen zur Qualifizierung der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung gemeinsam mit der Arbeits-
verwaltung, den Kammern und weiteren externen Partnern fortzusetzen.
Dabei gilt es, möglichst alle Schüler/-innen unter zielgerichteter Förderung individueller Begabungen
zu einem ihrem Leistungspotenzial entsprechenden Bildungsabschluss zu führen. Dies ist durch
eine verstärkte individuelle Förderung des einzelnen Schülers zur Verringerung seiner Bildungs- und
Leistungsdefizite sowie durch Stärkung der Persönlichkeit und Motivation zu erreichen.
Ein Schulab-
schluss ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungs- und Erwerbsbiografie.

Stellungnahme der Staatsregierung | 17
Deshalb stehen vorrangig Maßnahmen zur Förderung abschlussgefährdeter Schüler im bildungspoli-
tischen Fokus.
Den schulischen Lernprozess begleitend sind Angebote etabliert, die in besonderer Weise
das individualisierte Lernen und den Erwerb von Schulabschlüssen unterstützen. Hierzu gehören insbeson-
dere der Förderunterricht, die Ganztagesangebote, Schulverweigerungsprojekte, Schülercamps, Projekte
zur Erhöhung der Lernmotivation und Lernbereitschaft, aber auch vielfältige Möglichkeiten zum nachträgli-
chen Erwerb von Schulabschlüssen beispielsweise über die Abendschulen oder die Schulfremdenprüfung.
Auch die Weiterentwicklung der Mittelschule zur Oberschule verbessert die individuelle Förderung der Schü-
ler/-innen durch Leistungsgruppen, durch ein flächendeckendes Angebot einer weiteren Fremdsprache ne-
ben Englisch und durch eine verstärkte Berufs- oder Studienorientierung.
Gerade abschlussgefährdete Schüler/-innen benötigen verlässliche Bezugspersonen, die Rückhalt und Ori-
entierung geben. Deshalb bieten qualifizierte Berufseinstiegsbegleiter an Ober- und Förderschulen den leis-
tungsschwächeren Schülern Unterstützung beim Erreichen des Hauptschulabschlusses, bei der Berufsorien-
tierung und Berufswahl sowie bei der Ausbildungsplatzsuche. Besondere Bildungsangebote werden Schü-
lern unterbreitet, deren Abschluss gefährdet ist und die bereit sind, besondere Anstrengungen zu unterneh-
men, um zum Abschluss zu gelangen.
Ein Beispiel dafür ist der Schulversuch „Produktives Lernen“,
der als Regelangebot verstetigt werden soll.
Im Zeitraum Januar 2014 bis Juli 2015 wird das Projekt
„Praxisberater an Schulen“
als gemeinsam finan-
ziertes Projekt des SMK und der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit an 50 sächsi-
schen Oberschulen modellhaft erprobt.
Ziel ist, die Maßnahmen ab August 2015 sachsenweit als flä-
chendeckendes Angebot für alle interessierten Oberschulen zu implementieren.
Durch die Praxisbera-
ter soll die Berufsorientierung an sächsischen Oberschulen verbessert und auf der Grundlage eines landes-
weit einheitlichen Potenzialanalyseverfahrens noch individueller ausgerichtet und strukturiert werden. Dazu
werden für jeden Schüler Entwicklungspläne erstellt und mit dem Klassenlehrer, den Eltern und dem Schüler
abgestimmt und vereinbart.
Ein erheblicher Teil von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf weist komplexe Lernbeeinträchti-
gungen auf. Dafür ist eine Vielzahl von Einflussgrößen verantwortlich. Für viele Schüler/-innen mit sonder-
pädagogischem Förderbedarf in den Förderschwerpunkten Lernen und geistige Entwicklung ist ein Haupt-
schulabschluss nicht erreichbar. Diese Schüler/-innen werden unterstützt, lebenspraktische Kompetenzen zu
erwerben, um ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben mit aktiver Beteiligung an der Arbeitswelt und an
der Gemeinschaft führen zu können. Bei der Vergabe der Abschlüsse der Schule zur Lernförderung und der
Schule für geistig Behinderte ist eine sehr gute Entwicklung zu verzeichnen, auch wenn diese Abschlüsse,
die es in ähnlicher Form auch in den anderen Ländern gibt, in der KMK-Statistik nicht berücksichtigt werden.
Dadurch werden Schüler/-innen mit diesen beiden Abschlüssen in der Statistik als „Schüler/-innen ohne
Abschluss“ erfasst und häufig als „Schulabbrecher/-innen“ bezeichnet.
Bezüglich der Berufsausbildung wird im Bericht wird darauf verwiesen, dass die Anzahl der unversorgten
Bewerber/-innen ohne Alternative in der Tendenz etwas gestiegen ist. Dabei wird nicht unterschieden, ob es
sich bei den Personen um Schulentlassene des jeweiligen Jahrganges handelt, oder ob es sogenannte „Alt-
bewerber/-innen“ sind, die sich zum wiederholten Mal für eine Berufsausbildung bewerben. Berufsschul-
pflichtige Jugendliche müssen beispielsweise eine Alternative wahrnehmen, wogegen „Altbewerber/-innen“
durchaus auf ihre gewünschte Lehrstelle warten können.
Im Bericht wird zudem ausgeführt, dass die Anzahl der Personen ohne Abschluss aus den Berufsschulen
darauf schließen lässt, dass eine hohe Anzahl von Auszubildenden ihre Berufsausbildung nicht abschließt.
Diese Aussage bedarf einer Differenzierung, da es an den berufsbildenden Schulen fünf Schularten gibt.
Neben der Berufsschule als dualem Partner der betrieblichen Berufsausbildung gibt es die Berufsfachschule
als vollzeitschulische Berufsausbildung, die beiden studienqualifizierenden Ausbildungsgänge Fachober-
schule und Berufliches Gymnasium sowie die berufliche Qualifizierung in der Fachschule. Zudem haben
„Auszubildende, die ihre Berufsausbildung nicht abschließen“, die Abschlussprüfung vor der zuständigen

18 | Stellungnahme der Staatsregierung
Stelle (z. B. Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer) nicht bestanden. Dies ist unabhängig
vom erfolgreichen Abschluss der Berufsschule.
Ergänzend ist noch auf die Bemühungen hinzuweisen, auch Schulabgängern mit schwierigeren Ausgangs-
bedingungen eine Perspektive aufzuzeigen. So können sich Jugendliche, die nach erfolgreichem Abschluss
der Oberschule keinen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten oder die Oberschule ohne Hauptschulab-
schluss beendet haben, an der Berufsschule in einjährigen Bildungsgängen (Berufsvorbereitungsjahr (BVJ),
Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen oder Vorbereitungsklassen mit berufspraktischen Aspekten) auf
die Aufnahme eines Berufsausbildungsverhältnisses oder eine Berufstätigkeit vorbereiten. Damit wird die
Berufsschulpflicht erfüllt und bei regelmäßigem Besuch des BVJ vorzeitig für beendet erklärt. Zudem wird bei
erfolgreichem Abschluss des BVJ der Hauptschulabschluss zuerkannt. Gemäß § 8 Abs. 4 Satz 2 Schulge-
setz sind Schüler/-innen im BVJ sozialpädagogisch zu betreuen. Derzeit gewährt das SMK dafür pro Jahr
rund 2 Mio. Euro an Zuwendungen an die Schulträger. Im seit dem Schuljahr 2008/09 laufenden Schulver-
such „Gestrecktes Berufsvorbereitungsjahr (GBVJ)“ werden die Schüler zusätzlich in den Phasen der be-
trieblichen Ausbildung durch Praxisbegleiter unterstützt.
Neben schulischen Angeboten tragen auch außerschulische Lern- und Bildungsangebote auf ganz unter-
schiedliche Art und Weise zur Förderung eines gelingenden Übergangs in Ausbildung, Studium oder Beruf
bei. Die präventiven Maßnahmen sozialer Arbeit in und an der Schule wirken sich positiv auf das allgemeine
Bildungsniveau und auf die Entwicklung junger Menschen zu einer eigenverantwortlichen und gemein-
schaftsfähigen Persönlichkeit aus. Es wird leistungsschwachen oder abschlussgefährdeten Schülern ermög-
licht, ein höheres Bildungsniveau und einen ihren Möglichkeiten entsprechenden Abschluss zu erreichen,
um damit ihre Ausgangsposition auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu verbessern.
Bei der Betrachtung der Rahmenbedingungen, die für das Aufwachsen junger Menschen im Kontext der
Sozialisationsinstanz Schule relevant sind, wird im Bericht einerseits der hohe Anteil der Schulen, die ein
Ganztagsangebot vorhalten, hervorgehoben. Demgegenüber stehe andererseits aber eine Schulsozialarbeit,
deren Existenz – aus Sicht der Experten - allein aufgrund einer unübersichtlichen Vielfalt an Bezeichnungen,
Finanzierungswegen, Projektlaufzeiten, Schwerpunkten und Profilen einem beträchtlichen Anteil von Schü-
lern nicht bekannt sei. Diese Aussage deckt sich nicht mit den Ergebnissen der ersten Befragungswelle vom
November 2012 im Rahmen der Evaluation „Schulsozialarbeit in der Stadt Chemnitz und im Landkreis Zwi-
ckau“, durchgeführt vom Organisationsberatungsinstitut Thüringen. Der Bekanntheitsgrad war in dieser Un-
tersuchung ungleich höher. Möglicherweise ist dies auf eine präzisere Fragestellung oder auf eine offensive-
re Information zum Befragungsanlass zurückzuführen. Dennoch hätten bei der Onlinebefragung aufgrund
der relativ offen formulierten Frage nach dem Vorhandensein eines Sozialarbeiters auch die neben der
„klassischen“ Schulsozialarbeit nach § 13 SGB VIII vorhandenen Unterstützungsangebote mit benannt wer-
den können.
Im Freistaat Sachsen stellt die Schulsozialarbeit nach §13 Abs. 1 SGB VIII ein wesentliches und wichtiges
Handlungsfeld im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe dar, das konzeptionell und praktisch erschlossen ist.
Bereits seit mehreren Jahren besteht für die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe die Möglichkeit,
über die Richtlinie „Jugendpauschale“
Landesmittel zur Finanzierung von Schulsozialarbeit
einzusetzen.
Des Weiteren können im Rahmen der Richtlinie „Weiterentwicklung“ Projekte der Schulsozialarbeit nach
dem
Konzept der „Chancengerechten Bildung“
gefördert werden.
Dies ist auch weiterhin vorgesehen.
Dennoch wird im Bericht bemängelt, dass für ein erfolgreiches Wirken von Schulsozialarbeit die „erforderli-
che Kontinuität [...] in großem Widerspruch [stehe] zum gegenwärtig praktizierten Alltag an den sächsischen
Schulen.“ Schulsozialarbeit sei „bisher kein fester kontinuierlicher und verlässlicher Baustein [...]“. Damit
fehle auch „eine flächendeckende und verlässliche Schnittstelle der Schulen zur Kinder- und Jugendhilfe“
14
.
Diese Feststellung ist grundsätzlich zutreffend. Sie betrifft sowohl die örtliche Verantwortungsebene als auch
14
SMS, 2014 - 4. KJB, S. 177

Stellungnahme der Staatsregierung | 19
die überörtliche in ihrer unterstützenden und anregenden Funktion gegenüber den örtlichen Trägern der
öffentlichen Jugendhilfe.
Die Staatsregierung wird deshalb weitere Handlungsbedarfe prüfen.
Eine Finanzierung aus Mitteln des SMK – wie sie von einigen Experten gefordert wurde - stellt keine adä-
quate Lösung dar, um die Ressourcenseite der Schulsozialarbeit zu stabilisieren oder zu verbessern. Schul-
sozialarbeit unterliegt als Angebot gemäß § 13 SGB VIII den Handlungsstandards der Kinder- und Jugend-
hilfe und sollte auch in diesem Handlungsauftrag agieren. Damit ist auch eine Klarstellung gegeben.
Das
SMK ist im Rahmen seiner Aufgabenstellung bestrebt, mit vielfältigen Maßnahmen den individuellen
Schulerfolg abzusichern.
Zur Förderung der Zusammenarbeit haben das SMK, die kommunalen Spitzen-
verbände und das SMS ein gemeinsames
Positionspapier
15
unterzeichnet.
Dieses gilt es im Alltag prak-
tisch umzusetzen.
Eine weitere Möglichkeit, junge Menschen mit erhöhtem sozialpädagogischen Unterstützungsbedarf im
schulischen Kontext gezielt zu fördern, bieten die
Projekte der Kompetenzentwicklung von Schülerinnen
und Schülern
, die i.d.R. ergänzende und erweiternde Angebote der Schulsozialarbeit darstellen und eine
Förderung über den Landes-ESF erhalten.
Die Staatsregierung beabsichtigt eine weitere Förderung der
Maßnahmen in der ESF-Periode bis 2020 unter dem Schwerpunkt „Soziale Schule“.
Die Nutzung
eigener Ressourcen, der Abbau von Defiziten und der Aufbau von Lernmotivation sind Maßnahmen, die zur
Sicherung oder Verbesserung des Schul- bzw. Ausbildungserfolges beitragen. Damit zielen diese
Maßnahmen auf die Senkung der Quote der Schulabgänger/-innen ohne Abschluss bzw. auf die
Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen, zur Prävention von Schuldistanz sowie zur Verbesserung der
Ausbildungsfähigkeit. Mit der möglichst frühzeitigen Stärkung eigener Potenziale und der Behebung von
individuellen Defiziten sollen Bildungsnachteile, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen aus
benachteiligten Familien, verhindert werden. Die Maßnahmen richten sich an Schüler der
allgemeinbildenden Schulen ab der Klassenstufe 5.
Unter der Voraussetzung, dass der schulischen und beruflichen Bildung eine Schlüsselrolle bei der individu-
ellen Entwicklung und sozialen Integration junger Menschen zukommt, sind neben einer
Absicherung der
notwendigen Personalstruktur
eine
Präzisierung des Verständnisses von Schulsozialarbeit und eine
bedarfsentsprechende Beschreibung des Handlungsfeldes zu prüfen
. Das schließt auch die
Einbin-
dung in ein notwendiges Unterstützungsnetzwerk
bezüglich der beruflichen Orientierung und Integration,
insbesondere im Feld der Arbeitsverwaltung, sowie die Klärung des jeweiligen Rollenverständnisses in die-
sem Prozess ein. Zudem besteht die Notwendigkeit, die
Kooperation zu angrenzenden Partnern inner-
halb des Kinder- und Jugendhilfesystems, wie im Bereich der Hilfen zur Erziehung und der Jugend-
arbeit, zu stärken
. Dies könnte vor dem Hintergrund einer Vielfalt an Erwartungen einer drohenden Über-
lastung des Handlungsfeldes entgegenwirken und den Einbezug externer Kompetenzen sichern.
Das Lan-
desjugendamt als Fachbehörde wird diese inhaltliche Weiterentwicklung initiieren und begleiten.
Dazu ist es zunächst erforderlich - und greift die von Expertenseite bemängelte Unübersichtlichkeit des
Handlungsfeldes auf -, neben einer
quantitativen Übersicht des Gesamtangebotes sozialer Arbeit in
und an Schulen auch die qualitativen Aspekte
des Arbeitsauftrages und die jeweiligen Ziel- und Schwer-
punktsetzungen der verschiedenen Projekte
zu untersuchen.
Erst dann können entsprechende inhaltliche
Empfehlungen fundiert vorgenommen werden, um dem Handlungsfeld präzisierte Konturen und damit
Transparenz zu verleihen.
15
„Zur Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe im Freistaat Sachsen - Gemeinsames Positionspapier
des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz, des Sächsischen Staatsministeri-
ums für Kultus und Sport, des Sächsischen Städte- und Gemeindetages sowie des Sächsischen Landkreis-
tages“ vom 12.07.2011

20 | Stellungnahme der Staatsregierung
2.2.6 Aufwachsen im ländlichen Raum – Beispiele für die Steuerung von
Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe
(Bericht S. 105)
Vor allem in den Landkreisen gibt es eine breit angelegte Diskussion hinsichtlich einer verantwortungsvollen
Jugendhilfeplanung, die einerseits den demografischen Gegebenheiten in Verbindung mit den fachpoliti-
schen Notwendigkeiten und andererseits den fiskalischen Sachlagen gerecht werden muss. Die drei im Be-
richt genannten Beispiele verdeutlichen sehr anschaulich diese äußerst komplexe „Gemengelage“ und das
hohe jugendpolitische Engagement der Landkreise, speziell für die Leistungsbereiche nach §§ 11-14 und 16
SGB VIII stabile und nachhaltige Angebotsstrukturen vorzuhalten.
In diese Planungsprozesse die kreisangehörigen Städte und Gemeinden einzubeziehen, scheint nur folge-
richtig, geht es doch hauptsächlich in diesem Bereich um die unmittelbare Lebensweltgestaltung von Kin-
dern und Jugendlichen. Darin liegt die Chance, Angebote der Jugend- und Familienarbeit im weitesten Sinne
als strukturbildendes Merkmal für eine Kommune zu verstehen.
Das Landesjugendamt wird diese Pro-
zesse weiterhin fachlich begleiten und unterstützen.
2.3
Teil III: Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe
2.3.1 Strukturelle Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe in Sach-
sen
2.3.1.1
Auswertung der Kinder- und Jugendhilfestatistik
(Bericht S. 107)
Die Darstellung im Bericht bezieht sich auf eine Rezeption der Ergebnisse der Kinder und Jugendhilfestatis-
tik gemäß §§ 98 – 103 SGB VIII.
Bezüglich der Aussagen zu anderen Finanzierungsquellen und der „klassischen“ Finanzierung über die Kin-
der- und Jugendhilfe gilt: Die Kinder- und Jugendhilfe ist nach dem SGB VIII eine weisungsfreie kommunale
Pflichtaufgabe mit örtlichem Leistungsprinzip. Dies bedeutet, dass die örtlichen Träger der öffentlichen Ju-
gendhilfe im Rahmen ihrer Gesamtverantwortung gemäß § 79 SGB VIII für die Gewährleistung der Angebo-
te der Kinder- und Jugendhilfe zuständig sind. Dies schließt eine Finanzierungsverantwortung ein. Andere
Finanzierungsmöglichkeiten können demnach begleitenden, unterstützenden und/oder modellhaften Charak-
ter haben, ersetzen jedoch nicht die grundsätzliche Zuständigkeit des örtlichen öffentlichen Trägers.
2.3.1.2
Personelle Ausstattung der Kinder- und Jugendhilfe
(Bericht S. 108)
Im Bericht werden die Befunde zur personellen Ausstattung auf Grund der Erhebungen in den Jahren 2006
und 2010 nachgezeichnet. Dabei ist die Auswahl und Darstellung der Ergebnisse nachvollziehbar. Die Wer-
tung der Befunde ist jedoch knapp gehalten.
Obwohl es im beschriebenen Zeitraum von 2006-2010 insgesamt gesehen einen Anstieg der in der Kinder-
und Jugendhilfe tätigen Personen gegeben hat, ist davon auszugehen, dass sich die personelle Entwicklung,
insbesondere im Leistungsfeld der Kinder- und Jugendarbeit, weiterhin unter schwierigen Bedingungen voll-
zieht. Darauf weist auch empirica hin und stellt dieser Tendenz die Befunde zur Voll- und Teilzeittätigkeit
gegenüber. Dabei wird eine heterogene Entwicklung sichtbar. So wird beispielsweise in den Einrichtungen
für die Hilfen zur Erziehung sowie in Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstellen ein deutlicher An-
stieg der Vollzeitstellen ausgewiesen und zeitgleich ein Rückgang der Vollzeitstellen in der Kinder- und Ju-
gendarbeit um 8 % (142 Stellen) festgestellt.
Wenn empirica zu Recht schlussfolgert, dass sich der „Erosionsprozess der Normalarbeit“ in der Kinder- und
Jugendhilfe insgesamt im Zeitraum zwischen 2006 und 2010 nicht fortgesetzt habe und ein Anstieg der in
Vollzeit tätigen Personen beim pädagogischen und Verwaltungspersonal um 11 % zu verzeichnen ist, so ist
dies zwar als positives Signal wahrzunehmen. Dennoch darf nicht außer Acht gelassen werden, und darauf

Stellungnahme der Staatsregierung | 21
weist das Institut mit entsprechenden Vergleichszahlen hin, dass dieser Entwicklung ein deutlicher Abbau
von Vollzeitstellen im Zeitraum von 2002 bis 2006 voraus gegangen ist und die Kinder- und Jugendhilfe im
Vergleich zu anderen Berufsgruppen mit hohen Anteilen von weiblichen Beschäftigten durch eine relativ
niedrige Vollzeitquote gekennzeichnet ist.
Positiv bewerten lassen sich aus Sicht der Staatsregierung die Befunde zur Altersstruktur und zum Ausbil-
dungsniveau der in der Kinder- und Jugendhilfe tätigen Personen. Die Entwicklung in der Altersstruktur zeigt
einen Anstieg der Berufseinsteiger in das Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe an. Zudem konnte das
Ausbildungsniveau der Fachkräfte in der Jugendhilfe erhöht werden.
Die Ergebnisse sind aus Sicht der Staatsregierung im engen Zusammenhang mit der Jugendhilfeplanung
der Jugendämter zu sehen. Die festgestellten veränderten Bedarfe haben in der Konsequenz auch eine
regional und bezogen auf die Leistungsbereiche unterschiedliche Entwicklung der Personalstruktur insbe-
sondere bei den Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe zur Folge.
2.3.1.3
Ausgaben für Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe
(Bericht S. 114)
Die Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen ist in den vergangenen Jahren durch insgesamt steigende Ausga-
ben gekennzeichnet. Der Ausgabenzuwachs bezieht sich auf die Mehrzahl der Leistungsbereiche und folgt
einem bundesweiten Trend. So sind die Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland in den ver-
gangenen zwanzig Jahren von 15 Mrd. € im Jahr 1992 auf 29 Mrd. € im Jahr 2010 angestiegen; inflationsbe-
reinigt ist dies ein Anstieg um 45 %
16
.
Die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe, die der Entwicklung, der Förderung und der Verwirklichung der
Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen dienen, sind – gerade was die Inanspruchnahme der Kin-
dertagesbetreuung und der Hilfen zur Erziehung betrifft – inzwischen selbstverständlich geworden.
Eine
angemessene fiskalische Ausstattung der öffentlichen Kostenträger ist daher unverzichtbar. Der
Freistaat Sachsen wird sich in der bundesweiten Diskussion dafür einsetzen, dass bei den anste-
henden Überlegungen zur Erarbeitung von Empfehlungen für die Neugestaltung der Bund-Länder-
Finanzbeziehungen bezüglich der Verteilung der Finanzierungsverantwortung für die Kinder- und
Jugendhilfe durch den Bund auf eine ausreichende und nachhaltig gesicherte Finanzausstattung der
Länder und vor allem der Kommunen hinzuwirken ist.
Absolut gesehen ist die Steigerung der Ausgaben in den Hilfen zur Erziehung und den angrenzenden Leis-
tungen sowie im Bereich der Kindertageseinrichtungen am größten. Prozentuale Vergleiche haben hier al-
lerdings einen geringeren Aussagewert, da die Ausgangswerte unterschiedlich groß und die Gründe multi-
faktoriell bedingt sind. Das gilt es in der Argumentation zu beachten.
Im Bereich der Kindertageseinrichtungen hat es in den vergangenen Jahren einen quantitativen, aber auch
qualitativen Ausbau der Betreuung gegeben, der sich neben den inflationsbedingten Kostensteigerungen in
den Ausgaben niederschlägt. Qualität und bedarfsgerechte Versorgung brauchen Ressourcen. Die Staats-
regierung bekennt sich zu einem qualitativ hochwertigen, differenzierten und bedarfsgerechten Betreuungs-
angebot für Kinder, auch unter dem Aspekt der Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zur
Unterstützung der Erziehungsleistungen von Familien.
Der Bereich der Hilfen zur Erziehung ist in den letzten fünf Jahren von einer Kostensteigerung betroffen.
Dabei erbringen die Träger der Kinder- und Jugendhilfe ein fachlich entwickeltes und qualitativ hochwertiges
Hilfeangebot, das durch die Kinderschutzdebatte und einer damit verbundenen Kultur des „Näher Hinse-
hens“ eine besondere Dynamik erfahren hat. Das SMS hat in der aktuellen Fachdebatte die Kostensteige-
16
BMFSFJ, 2013 - „Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder– und
Jugendhilfe – 14. Kinder- und Jugendbericht“, Seite 47

22 | Stellungnahme der Staatsregierung
rungen in den Hilfen zur Erziehung thematisiert
17
. Die Ursachen der Ausgabenentwicklung erscheinen kom-
plex und bedürfen der genaueren Analyse der Zusammenhänge. Möglicherweise haben auch statistische
Effekte, beispielsweise aufgrund der Umsetzung des Neuen Kommunalen Finanzmanagements, dies beein-
flusst. Weitere mögliche Ursachen für die Ausgabensteigerung nicht nur im Bereich der Hilfen zur Erziehung
sind in der „Übersicht zur Entwicklung der erzieherischen Hilfen im Freistaat Sachsen 2000-2011“ aufge-
führt.
18
Auch an anderen Stellen im Bericht wird auf Ausgabensteigerungen und regionale Unterschiede in der Ent-
wicklung hingewiesen. Die Staatsregierung hatte diese Problematik bereits aufgegriffen und im September
2012 ein Gutachten zum Thema „Untersuchung zur Streuung der Kosten für Soziales zwischen den Sächsi-
schen Kommunen und Bewertung der bestehenden Finanzverteilung sowie möglicher Alternativen unter
Berücksichtigung der Ziele des Sächsischen Finanzausgleichs“
19
erstellen lassen. Diese Erhebung zeigt
Möglichkeiten der Steuerung kommunaler sozialer Leistungen auf, die von den Kommunen nach pflichtge-
mäßem Ermessen aufgegriffen werden können.
Die Darstellung und Bewertung der Befunde zeigen - wie bereits im 3. KJB benannt -, dass für eine einge-
hende und ursachenbezogene Analyse der Daten der Kinder- und Jugendhilfestatistik eine fachlich fundierte
und ständige wissenschaftliche Reflektion notwendig wäre.
Die Staatsregierung prüft daher die Einrich-
tung einer externen Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik
, die neben der laufenden Auswer-
tung und Bereitstellung amtlicher Statistiken eigene empirische Untersuchungen zu Ursachenzusammen-
hängen zwischen sozialstrukturellen und leistungsbereichsbezogenen Ausprägungen liefern kann.
2.3.1.4
Förderrichtlinien im Bereich der Jugendhilfe in Sachsen
(Bericht S. 121)
Die Ausführungen zur Förderstrategie des Freistaates Sachsen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe do-
kumentieren eine verantwortliche Wahrnehmung der Unterstützungs- und Anregungsfunktion des Landes
gemäß § 82 SGB VIII gegenüber der örtlichen Ebene, neben dem Verweis auf die Aufgaben des Freistaates
Sachsen als überörtlicher Träger der öffentlichen Jugendhilfe nach § 85 Abs. 2 SGB VIII.
Mit Blick auf die Modifizierungen innerhalb der Förderrichtlinie „Jugendpauschale“ (FRL Jugendpauschale)
ist es inzwischen gelungen, auf der Grundlage einer entsprechenden politischen Schwerpunktsetzung zur
Beibehaltung des verfügbaren Haushaltsansatzes aus dem Jahr 2011 („Einfrieren der Jugendpauschale“),
den abwanderungsbedingten Rückgang der Zuwendungen an die örtliche Ebene auszugleichen. Wiederho-
lend gilt: gemäß § 79 Abs. 1 SGB VIII tragen in erster Linie die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe
für die Erfüllung der Aufgaben nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz die Gesamtverantwortung ein-
schließlich der Planungsverantwortung. Durch die Förderung im Leistungsspektrum §§ 11-14 SGB VIII nach
der Richtlinie des SMS zur Förderung von Trägern der freien Jugendhilfe bei der Erbringung von Angeboten
des überörtlichen Bedarfs (FRL überörtlicher Bedarf) und der damit einhergehenden Bündelung entspre-
chender Angebote bei landesweit agierenden Trägern „profitiert“ auch die örtliche Ebene. Vor diesem Hin-
tergrund werden die überörtlichen freien Träger seitens der örtlichen Jugendhilfeträger als wichtige Ressour-
ce wahrgenommen.
Bei den Ausführungen im Bericht zur Förderrichtlinie „Weiterentwicklung“ (FRL Weiterentwicklung) wird die
Umsetzung jugendpolitischer Schwerpunkte mit Hilfe dieses Förderinstruments deutlich. Neben Zuwendun-
gen für Maßnahmen zur Demokratiebildung und zur Verbesserung der Mitwirkung, des Engagements und
der Beteiligung von jungen Menschen sind vor allem Bewilligungen für Projekte im Kinderschutz und in den
Frühen Hilfen erfolgt.
17
vgl. SMS, Landesjugendamt, 2013 - „Übersicht zur Entwicklung der erzieherischen Hilfen im Freistaat
Sachsen 2000-2011“, vom Landesjugendhilfeausschuss am 7.3.2013 zur Kenntnis genommen, S. 2 ff.
18
ebd.
19
Christian Stecher, Michael Klein, Dr. Helmut Hartmann, con_sens Hamburg, 2012

Stellungnahme der Staatsregierung | 23
2.3.1.5
Europäischer Sozialfonds (ESF) -
(Bericht S. 125)
Die Relevanz der über den ESF geförderten
Vorhaben für die Ausgestaltung der örtlichen Angebots-
struktur in der Jugendsozialarbeit
zeigt sich nicht nur in der quantitativen Beschreibung dieser Maßnah-
men. Die sozialpolitische Bedeutung dieses Segments der EU-Förderung wird auch an Hand der Ergebnisse
der in der Förderperiode 2007-2013 durchgeführten begleitenden Evaluationen bestätigt. Demnach tragen
die Maßnahmen nachhaltig zur Verbesserung der Ausbildungs-, Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit von
sozial benachteiligten und individuell beeinträchtigten jungen Menschen bei und bedingen somit eine gelin-
gende Biografie dieser Zielgruppe. Dem Freistaat Sachsen mit einer vergleichsweise relativ hohen Jugend-
arbeitslosigkeit und einer erhöhten Anzahl von jungen Menschen ohne Schulabschluss kommt diesen Wir-
kungen auch eine sozioökonomische Bedeutung zu. Diese Maßnahmen haben sich nachhaltig bewährt.
Aus
diesem Grund sollen diese Vorhaben auch in der neuen Förderperiode ab 2014 weitergeführt werden
und sind entsprechend im Entwurf des Operationellen Programms des Freistaates Sachsen zur Um-
setzung des ESF verankert worden.
Der Initiierung und Umsetzung der Projekte vor Ort liegt eine kommunale jugendhilfeplanerische Bedarfs-
feststellung durch den örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe zu Grunde. Daraus ist u. a. die im Bericht
dargestellte unterschiedliche regionale Verteilung der Projekte zu erklären.
Die Projekte der Jugendberufshilfe haben sich bereits seit der ersten Förderperiode des ESF im Freistaat
Sachsen etabliert und sind weiter verstetigt worden. Die Produktionsschulen sind zeitlich erst als innovative
Vorhaben im Bereich der Jugendberufshilfe in der Förderperiode 2007-2013 gestartet worden. Inzwischen
konnten 10 Produktionsschulen ihre Arbeit aufnehmen. Die in der Tabelle 32 aufgeführte Anzahl von 19
Vorhaben ergibt sich aus der Erfassung der damit verbunden Folgemaßnahmen; die maximale Förderdauer
beträgt in diesem Vorhabensbereich zwei Jahre.
Die im Jahr 2012 durchgeführte separate „Evaluationsstudie zu
produktionsschulorientierten Qualifizie-
rungs- und Beschäftigungsvorhaben
für benachteiligte junge Menschen im Freistaat Sachsen“ zeigte eine
grundlegend positive Bewertung der Projekte auf.
Es ist deshalb vorgesehen, diesen Bereich auch in der
neuen ESF-Förderperiode fortzuführen und gegebenenfalls auszubauen.
Gesondert ist auf die Maßnahmen zur Kompetenzentwicklung von Schülerinnen und Schülern hinzuweisen,
die vorrangig unter dem Aspekt der Erweiterung und Ergänzung von Angeboten der Schulsozialarbeit nach §
13 SGB VIII gesehen werden (vgl. Punkt 2.2.5). Es ist davon auszugehen, dass hier landesweit ein entspre-
chender Bedarf bestand und besteht.
Somit kann eine strukturelle Ergänzung sowie qualitative Weiter-
entwicklung dieses Leistungsbereichs
, wie sie in diesem und in den vorangegangenen Kinder- und Ju-
gendberichten sowie im Koalitionsvertrag der laufenden Legislaturperiode gefordert wurde,
auch weiterhin
unter den Rahmenbedingungen der ESF-Förderung erfolgen.
Durch die Installierung von Koordinierungsstellen in den einzelnen Gebietskörperschaften konnte die Anzahl
der Projekte zur Kompetenzentwicklung beachtlich gesteigert werden. Durch diese Koordinierung ist es
möglich geworden, die genauen Bedarfe zu ermitteln, die Träger bei der konzeptionellen Arbeit zu unterstüt-
zen und vor allem auch vernetzend tätig zu werden.
Insgesamt zeigen die Zahlen, dass die Möglichkeit einer zusätzlichen ESF-Förderung von den Gebietskör-
perschaften mit Interesse angenommen wird. Die Gesamtsumme der bewilligten Mittel für alle
Vorhabensbereiche im Förderzeitraum 2007-2013 liegt bei rund 49 Mio. Euro.

24 | Stellungnahme der Staatsregierung
2.3.2 Ausgewählte Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe
2.3.2.1
Angebote der Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, Jugendsozialarbeit, des Kin-
der- und Jugendschutzes (§§ 11 bis 14) sowie Förderung der Erziehung in der
Familie (§§ 16 bis 21) –
(Bericht S. 128)
Bezüglich der Beschreibung der Leistungsbereiche gemäß der §§ 12 bis 14 und 16 SGB VIII (Jugendver-
bandsarbeit, Jugendsozialarbeit, erzieherischer Kinder- und Jugendschutz, Förderung der Erziehung in der
Familie) weist empirica auf die unzureichende statistische Grundlage hin. Da lediglich für den Bereich der
Jugendarbeit nach § 11 SGB VIII Daten zur Angebotssituation erfasst werden, wird vom Auftragnehmer
nachvollziehbar nur dieses Handlungsfeld genauer dargestellt.
Vor dem Hintergrund der Aussagen des Berichts zum Anteil von Schulabgängern ohne Abschluss (ein-
schließlich der Berufsschulen) sollten, auch mit Blick auf die im Deutschlandvergleich sehr niedrige Entwick-
lung der Bruttoausgaben, aktuelle quantitative und qualitative Aussagen zur Beschreibung des Ist-Standes
im gesamten Bereich der Jugendsozialarbeit erhoben werden
. Aufgrund der Aktualität der Thematik wird
das Landesjugendamt mit einer Situationsbeschreibung im Bereich der Schulsozialarbeit beginnen.
Beim erzieherischen Kinder- und Jugendschutz müssen die Angaben des Berichts zur Entwicklung der Brut-
toausgaben im Bereich der §§ 14 und 16-21 SGB VIII (siehe Kapitel 1.3) insofern relativiert werden, als dass
die amtliche Statistik nicht differenziert, welcher Anteil tatsächlich dem erzieherischen Kinder- und Jugend-
schutz und welcher Anteil der Förderung der Erziehung in der Familie zukommt. Lediglich die Ausgaben für
die Unterbringung von werdenden Müttern und Müttern oder Vätern mit ihrem Kind bzw. ihren Kindern wer-
den in der Statistik separat ausgewiesen.
Ergänzend wird deshalb auf die „Situationsbeschreibung zum Kinder- und Jugendschutz gemäß § 14 SGB
VIII im Freistaat Sachsen“ aus dem Jahr 2011
20
hingewiesen, in welcher die personelle Situation bei den
örtlichen Trägern der öffentlichen Jugendhilfe thematisiert sowie u.a. auch auf die Problematik bei der Be-
schreibung des Ist-Standes von Angeboten Bezug genommen wird. So erfolgt die Umsetzung von Aufgaben
des Kinder- und Jugendschutzes gemäß § 14 SGB VIII durch die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhil-
fe insgesamt auf der Grundlage eng begrenzter Personalressourcen. In der Zusammenschau der Ergebnis-
se dieser Situationsbeschreibung wird deutlich, dass die Jugendämter dennoch bestrebt sind, der Vielfalt
und Komplexität von Themen und Aufgaben, insbesondere im Kontext ihrer Planungs-, Koordinierungs- und
Steuerungsfunktion, gerecht zu werden. Die durch die Jugendämter angeführte Breite an unterschiedlichen
aktuellen Fachthemen des Kinder- und Jugendschutzes unterstreicht dies unter anderem. Das Thema der
Medienerziehung hat in der Wahrnehmung der Jugendämter an Bedeutung zugenommen.
Zugleich stellte ein vom Landesjugendhilfeausschuss angeregtes Forschungsprojekt
21
u. a. eine sehr hete-
rogene Ausprägung medienpädagogischer Angebote in den untersuchten Gebietskörperschaften fest, so
dass bezüglich Qualität und Quantität „vielerorts ein entschiedener Entwicklungsbedarf anzumelden ist“
22
.
Auch die Notwendigkeit der innovativen und bedarfsorientierten Ausgestaltung der Fort- und Weiterbildung
wurde bestätigt.
Das Landesjugendamt hat diese Ergebnisse zum Anlass genommen und eine berufs-
begleitende Qualifizierung zur Medienpädagogik für sozialpädagogische Fachkräfte in der Jugendar-
beit und den stationären Hilfen zur Erziehung initiiert
, die im Zeitraum 2014 und 2015 in zwei Durchgän-
gen für jeweils 20 Teilnehmer/innen vom Träger BITS 21 im fjs e. V. Berlin angeboten wird. Ziel dieser an-
20
SMS, Landesjugendamt, 2012 - zur Kenntnis genommen vom Landesjugendhilfeausschuss am
01.03.2012
21
SMS/Institut für Regionale Innovation und Sozialforschung (IRIS) e.V., 2012 – Abschlussbericht „Praxis-
bezogenes Forschungsvorhaben in Bezug auf medienpädagogische Angebote insbesondere im ländlichen
Raum“, zur Kenntnis genommen vom Landesjugendhilfeausschuss am 11.10.2012
22
ebd., S. 92

Stellungnahme der Staatsregierung | 25
spruchsvollen Qualifizierung ist es, das Thema Medienpädagogik inhaltlich umfassend zu bearbeiten, durch
praxisbegleitende Angebote zu untersetzen sowie den regionalen Fachaustausch und die Vernetzung mit
sächsischen Partnern zu fördern.
Bezüglich der Förderung der Erziehung in der Familie weist der Bericht auf die Notwendigkeit einer genaue-
ren Erfassung der präventiven Angebote dieses Leistungsbereichs hin.
Das SMS hat ebenfalls Hand-
lungsbedarf gesehen und lässt derzeit die Studie „Analyse von Familienbildungsangeboten im Frei-
staat Sachsen“ durchführen.
Ziel ist es, zum einen die Angebotsstruktur und die regionale Verteilung von
Familienbildungsangeboten zu untersuchen. Zum anderen sollen auf der Nachfrageseite aktuelle Bedarfe an
Familienbildung bei Familien in unterschiedlichen Lebenssituationen erhoben werden.
Das SMS wird an-
hand der Ergebnisse die fachliche und fiskalische Weiterentwicklung des Leistungsbereichs im
Rahmen der im Staatshaushalt eingestellten Mittel prüfen.
2.3.2.2
Die Angebotssituation in der Jugendarbeit (§ 11 SGB VIII) –
(Bericht S. 129)
Es wird konstatiert, dass die Anzahl der Maßnahmen in der Jugendarbeit im Zeitraum 2004 bis 2008 zurück-
gegangen ist, gleichzeitig die Anzahl der teilnehmenden Personen gestiegen ist. Betrachtet wurden – ent-
sprechend der Verfügbarkeit der statistischen Daten - die außerschulische Jugendbildung, die Mitarbeiter-
fortbildung, die Kinder- und Jugenderholung sowie die internationale Jugendarbeit.
Beim regionalen Vergleich wird deutlich, dass ein quantitativer Rückgang der Maßnahmezahlen in der über-
wiegenden Zahl der Gebietskörperschaften gegeben ist. Die Entwicklung der Teilnehmerzahlen zeigt sich
different. Hierbei ist auf die grundsätzliche Möglichkeit der Förderung der in Rede stehenden Maßnahmen
der Jugendarbeit innerhalb der FRL Jugendpauschale zu verweisen. Der Einsatz der Mittel erfolgt jedoch auf
der Grundlage der regionalen Planung.
Zudem unterstützt der Freistaat neben Investitionen in örtliche Jugendhilfeeinrichtungen in einem erhebli-
chen Umfang auch sächsische Kinder- und Jugendübernachtungsstätten im Rahmen der Richtlinie zur För-
derung von Investitionen für Jugendhilfeeinrichtungen. Die Landesförderung erfolgt mit dem Ziel, die Träger
der Einrichtungen bei der Bereitstellung von bedarfsgerechten, angemessen ausgestatteten und den Sicher-
heits- und Hygienevorschriften entsprechenden Einrichtungen zu unterstützen. Kinder- und Jugendüber-
nachtungsstätten bieten insbesondere jungen Menschen eine Vielzahl von Angeboten im Bereich der außer-
schulischen Bildung und der Begegnung u.a. im internationalen Jugendaustausch, der Erholung und der
Kinder- und Jugendfreizeiten. Im Zeitraum von 2007 bis 2013 stellte der Freistaat Sachsen den Kinder- und
Jugendübernachtungsstätten im Jugendhilfebereich Fördermittel in Höhe von 13,5 Mio. Euro zur Verfügung.
Es ist beabsichtigt, auch in den künftigen Jahren investive Vorhaben in örtlichen Einrichtungen so-
wie in Kinder- und Jugendübernachtungsstätten zu unterstützen.
Die Gründe für den Rückgang der Maßnahmen im Bereich der internationalen Jugendarbeit sind vielschich-
tig und komplex. Diese Form der Jugendarbeit funktioniert nur dann, wenn Jugendarbeit als basiskulturelles
Angebot akzeptiert ist und in einem verlässlichen sowie bedarfsgerechten Rahmen gefördert wird.
Aus
Sicht der Staatsregierung ist es notwendig, den in Rede stehenden Bereich zu analysieren, die Ist-
Situation mit ihren hemmenden Faktoren zu beschreiben und Chancen für eine Weiterentwicklung
aufzuzeigen. Gemeinsam mit Vertretern von freien und öffentlichen Trägern der Jugendhilfe wird
derzeit ein Strategiepapier zur Reaktivierung der internationalen Jugendarbeit in Sachsen auf den
Weg gebracht.
Als Handlungserfordernis zeichnet sich bereits ab, die strukturellen Rahmenbedingungen für
die internationale Jugendarbeit zu verbessern.
Gleichzeitig sollen die Zugänge für alle jungen Menschen
erleichtert und die Potenziale, die sich für Sachsen aus der unmittelbaren Grenznähe zu Polen und
Tschechien ergeben, besser als bisher genutzt werden. So sollen bspw. die vorhandenen Regional-
partnerschaften auf dem Gebiet der Jugendarbeit wiederbelebt werden.
Mit den Überlegungen zur Reaktivierung der Internationalen Jugendarbeit ist zugleich
die Chance gegeben,
die Anliegen der EU-Jugendstrategie in das Bewusstsein der beteiligten Akteure zu bringen
. So sind
beispielsweise Jugendbegegnungsmaßnahmen oder Freiwilligendienste im europäischen Ausland geeignet,

26 | Stellungnahme der Staatsregierung
das europäische Bewusstsein und die Wahrnehmung einer aktiven europäischen Bürgerschaft bei den jun-
gen Menschen zu stärken und sie zu einer Beteiligung an der Politikgestaltung in Richtung EU zu ermutigen.
Die Staatsregierung will ausdrücklich anregen, „mehr Europa“ in die Kinder- und Jugendhilfe zu
bringen.
Das bedeutet beispielsweise, in der alltäglichen Praxis das Lernfeld Europa für junge Menschen zu
erschließen, die europäische Mobilität von Fachkräften zu fördern, die europäische Zusammenarbeit und
Vernetzung auszubauen oder Prozesse des Peer-Learning zu initiieren. Das Programm Erasmus+ JUGEND
IN AKTION bietet die Möglichkeit, entsprechende Aktivitäten umzusetzen und sollte deshalb auch von säch-
sischen Akteuren genutzt werden.
2.3.2.3
Angebote zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Tagespflege (§§
22 bis 25) –
(Bericht S. 133)
Der Bericht zeigt den quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung im Freistaat Sachsen auf. Ursache für
den starken Anstieg der Betreuungsplätze ist neben der demografischen Entwicklung die Umsetzung des
bundesweiten Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Lebensjahr seit 1. Au-
gust 2013. Die Umsetzung des Rechtsanspruchs ist in den sächsischen Kommunen positiv verlaufen. Es
gab lediglich in Einzelfällen nicht den gewünschten Platz oder eine Wartezeit.
Insgesamt stellt die Kindertagesbetreuung in Sachsen ein leistungsfähiges und qualifiziertes Unterstüt-
zungsangebot für Eltern zur Förderung ihrer Kinder dar. Dies verdeutlichen die im Bericht aufgeführten Be-
treuungsquoten von 46 % im Krippenbereich, 96 % im Kindergartenbereich und 76 % im Hortbereich. Diese
im Bundesvergleich hohen Betreuungsquoten konnten vor dem Hintergrund einer regionalen Bedarfspla-
nung realisiert werden, welche den Ausbau bestehender Betreuungsangebote sowie die Schaffung neuer
Angebote als langfristige Zielstellung verfolgte. Nach Angaben des Länderreports Frühkindliche Bildungssys-
teme 2013 der Bertelsmann-Stiftung werden in Sachsen 78,1 % der Kinder in Einrichtungen der Kinderta-
gesbetreuung mehr als 35 Stunden in der Woche betreut. Damit belegt Sachsen nach Thüringen den zwei-
ten Platz im Vergleich der Ganztagsbetreuungsquoten.
Die Ausgaben im Bereich der Kindertagesbetreuung sind seit 2006 deutlich angestiegen. Dies begründete
sich nicht nur im quantitativen Ausbau des Betreuungsangebotes. Der Bericht veranschaulicht, dass in allen
Regionen in Sachsen die Kosten für einen Betreuungsplatz angestiegen sind. In Sachsen entfallen circa 75
% der Ausgaben im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe auf die Kindertagesbetreuung. Dieser im Bundes-
vergleich hohe Anteil lässt sich aus den hohen Betreuungsquoten ableiten.
Mit dem Ausbau an Betreuungsplätzen hat sich auch die Zahl der Mitarbeiter/-innen im Bereich Kinderta-
gesbetreuung erhöht. Besonders positiv ist der Anstieg des Anteils von Fachkräften mit einem Hochschulab-
schluss von 4 % im Jahr 2006 auf 9 % im Jahr 2012 zu werten.
Zur zielgerichteten Verbesserung der Betreuungssituation wurden im Staatshaushalt für die Jahre
2013 und 2014 jeweils 5 Mio. € zur Verfügung gestellt, um Entlastungen der personellen Situation in
rund 100 Kindertageseinrichtungen mit besonders hohem Förderbedarf zu erreichen.
2.3.2.4
Hilfe zur Erziehung sowie Hilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche
(§§ 27 bis 35a), Hilfe für junge Volljährige (§ 41) und Inobhutnahme von Kindern
und Jugendlichen (§ 42)
Der Bericht zeigt die unterschiedlichen Entwicklungen der einzelnen Leistungsbereiche bei den Hilfen zur
Erziehung und angrenzenden Hilfen auf. Dabei erfolgt entweder eine Darstellung der Maßnahmen und Fälle
oder eine Beschreibung unter dem Aspekt der Ausgabenentwicklung, des Personals und der Einrichtungs-
zahlen. Für die Darstellung der Entwicklung im Bundesvergleich werden Daten des Statistischen Bundesam-
tes herangezogen.

Stellungnahme der Staatsregierung | 27
2.3.2.4.a Entwicklung der Maßnahmen und Fälle
(Bericht S. 149)
Die im Vergleich der Jahre 2007 und 2011 insgesamt gestiegene Anzahl der Hilfen bzw. Beratungen resul-
tiert aus sehr unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Leistungsbereichen. Während insbesondere
bei der intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung (§ 35 SGB VIII) und der sozialen Gruppenarbeit (§
29 SGB VIII) die Maßnahmen rückläufig sind, weisen die Angebote der sozialpädagogischen Familienhilfe (§
31 SGB VIII) und der Erziehungsberatung (§ 28 SGB VIII) dagegen hohe Zuwächse auf. Die Leistungsberei-
che Erziehungsbeistand (§ 30 SGB VIII), Erziehung in einer Tagesgruppe (§ 32 SGB VIII) sowie Heimerzie-
hung und sonstige betreute Wohnformen (§ 34 SGB VIII) zeigen eine durchaus stabile, tendenziell leicht
ansteigende Entwicklung der Hilfezahlen.
Bei einer nach ambulanten und stationären Hilfen zur Erziehung differenzierenden Betrachtung wird festge-
stellt, dass in beiden Bereichen die Fallzahlen im Jahresvergleich von 2007 zu 2011 gestiegen sind. Durch
den Bezug zur Alterskohorte der unter 27-Jährigen ist eine Zunahme der begonnenen Hilfen um 18% im
stationären Bereich bzw. um 14% im ambulanten Bereich feststellbar.
Als Ursachen für die insgesamt zunehmende Inanspruchnahme der Hilfen und vor allem der steigenden
Ausgaben werden die vielfältigeren und vielschichtigeren Problemlagen und die daraus resultierenden kom-
plexeren Hilfebedarfe angeführt. Dies deckt sich auch mit der Meinung der Experten im Rahmen der bun-
desweiten Diskussion zur Steuerung und Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung.
Die Staatsregierung sieht die gestiegene Inanspruchnahme von Hilfen auch als Folge der zunehmenden
öffentlichen Aufmerksamkeit für den Schutz des Kindeswohls an. Seit 2007 etablierten sich in allen Gebiets-
körperschaften im Freistaat Sachsen Netzwerke für Kinderschutz und Frühe Hilfen. Mit der Einführung des
Bundeskinderschutzgesetzes und der Bundesinitiative „Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen
(2012 bis 2015)“ erfahren diese Netzwerke eine nachhaltige Weiterentwicklung. Die Sensibilisierung der
Öffentlichkeit und der Fachkräfte, beispielsweise in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Schule und im
Gesundheitswesen, führt zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für Problemlagen. Dem folgt zwangsläufig ein
Anstieg bei den individuellen Beratungs- und Hilfeleistungen.
Die Erhöhung der Sensibilität zugunsten
eines sicheren und gesunden Aufwachsens junger Menschen war und ist (jugend-)politisch geboten.
Unter anderem
a
uch aus diesem Grund wird sich der Freistaat für eine bundesweit adäquate fiskali-
sche Unterstützung der örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe bei der Ausgestaltung bedarfs-
gerechter, effizienter Hilfen zur Erziehung engagieren (siehe Punkt 2.3.1.3).
Im Bericht wird angegeben, dass zunehmend mehr Familien ambulante Hilfen zur Erziehung in Anspruch
nehmen, die „…nicht zu den typischen Zielgruppen gehören…“
23
. Diese Formulierung ist nicht genauer defi-
niert, so dass unklar bleibt, welche Personen dieser „typischen Zielgruppe“ angehören. Möglicherweise ist
hier der Bezug von SGB II-Leistungen als typisches Merkmal für die Inanspruchnahme von Hilfen zur Erzie-
hung gemeint. So befanden sich beispielsweise am 31.12.2012 nur rund 30 % der Ratsuchenden in der
Erziehungsberatung im Transferleistungsbezug. Bei den Hilfeempfängern im Bereich der Heimerziehung
liegt der Anteil hingegen bei rund 85 %.
Der Hinweis auf „neue Zielgruppen“ ist damit bedeutsam für die
Fachberatung und die Weiterentwicklung der Hilfen in diesem Handlungsfeld.
Die anteilige Inanspruchnahme der verschiedenen Leistungen der Hilfen zur Erziehung sowie der Hilfen für
seelisch behinderte junge Menschen liegt im Freistaat Sachsen – als Gesamtbild - weitgehend im Bundes-
durchschnitt. Lediglich die Erziehungsberatung wird im Freistaat Sachsen häufiger aufgesucht, dementspre-
chend sind die Anteile in anderen Leistungsbereichen bundesweit etwas höher.
Um der wachsenden Be-
deutung des Handlungsfeldes der Erziehungsberatung in Sachsen gerecht zu werden, wird das SMS
die fachliche Weiterentwicklung des Handlungsfeldes fördern, indem beispielsweise bei Bedarf der
landesweite Fachaustausch der Erziehungsberatungsstellen unterstützt wird.
23
siehe SMS, 2014 - 4. KJB, Seite 150

28 | Stellungnahme der Staatsregierung
2.3.2.4.b Personal und Ausgaben
(Bericht S. 153)
Entsprechend der gestiegenen Hilfen und Beratungen in den Leistungsbereichen der Erziehungs-, Jugend
und Familienberatung, der Einrichtungen für Hilfen zur Erziehung und der Hilfe für junge Volljährige sowie für
die Inobhutnahme sind im Jahr 2010 mehr Personen tätig als noch 2006. Der Bericht zeigt dabei differen-
zierte regionale Entwicklungen auf.
Auch die Altersstruktur der tätigen Personen wurde analysiert. Bemerkenswert ist, dass der Anteil der unter
30-jährigen tätigen Personen in Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstellen bei nur rund 14% liegt,
verglichen mit anderen Leistungsbereichen, wo der Anteil rund 25% beträgt. Mit Blick auf die in der Bera-
tungstätigkeit erforderliche Lebens- und Berufserfahrung ist dies sachgerecht.
Der Anstieg der Ausgaben für Hilfen zur Erziehung, Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Kinder und
Jugendliche, Hilfen für junge Volljährige und für Inobhutnahmen im Freistaat Sachsen von 2006 auf 2011 um
rund 28% - inflationsbereinigt um rund 19% - ist beachtlich. Sowohl im Freistaat Sachsen als auch in
Deutschland sind die Ausgaben für den Bereich der Heimerziehung/sonstige betreute Wohnform innerhalb
der Hilfen zur Erziehung am höchsten und machen mehr als die Hälfte der Gesamtausgaben aus. Dem fol-
gen hohe Budgets für Vollzeitpflege, sozialpädagogische Familienhilfe und Erziehung in Tagesgruppen.
Auch die Ausgaben für die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche, Hilfen für
junge Volljährige und Inobhutnahmen sind deutschlandweit gestiegen, dabei liegt Sachsen jedoch unter dem
Bundesdurchschnitt. Verglichen mit dem gesamten Deutschland fällt der höhere Ausgabenanteil für instituti-
onelle Beratung im Freistaat Sachsen auf, der mit dem im Bundesvergleich höheren Anteil an Maßnahmen
in diesem Leistungsbereich korrespondiert.
Diese Kostensteigerungen, die bereits auch als Problemanzeige durch die kommunale Ebene formu-
liert wurde, ist bundesweit aufzugreifen und an den Bund zu adressieren; sie ist letztlich nur durch
eine bessere Finanzausstattung der Kommunen für die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe zu
bewältigen.
Unabhängig davon ist es jedoch unerlässlich, auch weitere Maßnahmen in den Blick zu nehmen, die zu ei-
ner verbesserten Wirksamkeit der Hilfen und zu einem effizienten Mitteleinsatz in diesem Bereich führen.
So
gilt es beispielsweise, die Angebote der Hilfen zur Erziehung und die Regelangebote, insbesondere
des Schul- und Gesundheitswesens oder der Arbeitsförderung, stärker aufeinander zu beziehen und
enger miteinander zu verbinden und damit die sozialräumlichen Unterstützungsstrukturen zu ver-
bessern.
Exemplarisch sei hier auf das Kooperationsprojekt „Optimierung der Zusammenarbeit an der
Schnittstelle Kinder- und Jugendhilfe, Jugendamt und Kinder- und Jugendpsychiatrie“ in der Landeshaupt-
stadt Dresden verwiesen.
Auch sollte die Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern ge-
stärkt werden, um damit zum nachhaltigen Erfolg von Hilfen beizutragen.
Im regionalen Vergleich weisen erwartungsgemäß die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung eine nahezu flä-
chendeckende Steigerung im Vergleich der Jahre 2006 und 2011 auf, wenn auch in ungleicher Intensität.
Die unterschiedlichen Entwicklungen der Ausgaben für Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder
und Jugendliche, Hilfen für junge Volljährige und für Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen in den
Gebietskörperschaften werden ebenfalls ausgewiesen. In Verbindung mit der Darstellung der Ausgaben in
Bezug auf die Zahl der unter 18-Jährigen bzw. unter 27-Jährigen werden abweichende Ausgabenniveaus
und Dynamiken in den Regionen deutlich. Für die Bewertung dieser heterogenen Entwicklung sind eine
komplexe Bedarfs-, Struktur- und Fallanalyse vor Ort, die auch Fragen der Fallsteuerung und Wechselwir-
kungen an relevanten Schnittstellen berücksichtigt, sowie ein überregionaler Fachaustausch erforderlich.
Dies war im Rahmen des Berichtsauftrags nicht machbar. Die Befunde geben jedoch hinreichend Ansatz-
punkte, um den Diskurs in den Gebietskörperschaften und im überregionalen Austausch zu führen. Dabei
können die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Kinder zwischen null und sechs Jahren in stationären Ein-
richtungen der Kinder- und Jugendhilfe“, das vom Zentrum für Forschung, Weiterbildung und Beratung an
der Evangelischen Hochschule Dresden gemeinnützige GmbH im Zeitraum von 2011 bis 2013 durchgeführt

Stellungnahme der Staatsregierung | 29
wurde
24
, wichtige Impulse geben.
Sofern ein überregionaler Fachaustausch hierzu angestrebt wird,
kann das SMS bei Bedarf diesen begleiten.
2.3.3 Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kinder- und Ju-
gendhilfe – Online-Mitarbeiterbefragung
2.3.3.1
Stichprobe der Mitarbeiterbefragung
(Bericht S. 159)
Im Bericht werden zunächst konzeptionelle und methodische Grundlagen zur Befragung der Mitarbeiter/-
innen der Jugendhilfe thematisiert. Ausgangspunkt und Bezugsrahmen für die Diskussion zur Stichproben-
größe und -auswahl sind die statistischen Daten zu den in der Kinder- und Jugendhilfe tätigen Personen
(ohne den Bereich der Kindertageseinrichtungen). Die Abweichungen in der Stichprobenzusammensetzung
zur statistisch erfassten Gesamtheit werden thematisiert. So haben insbesondere jüngere Mitarbeiter/-innen
mit einem hohen Bildungsniveau und mehrheitlich aus städtischen Räumen an der Befragung teilgenom-
men. Auch in der Zusammensetzung der durch die Befragten begleiteten Zielgruppen, zu den Tätigkeitsbe-
reichen und zur Beschäftigungssituation ergeben sich Abweichungen zu einer angenommenen Gleichvertei-
lung. Aus Sicht der Staatsregierung ist deshalb davon auszugehen, dass die Ergebnisse systematisch be-
dingt nur einen eingeschränkten Aussagewert besitzen. Dennoch handelt es sich um ein wichtiges Mei-
nungsbild mit allgemeiner Aussagekraft. In diesem Sinne lassen sich die thematisch zusammengefassten
Tendenzen in der Wahrnehmung der beruflichen Situation bewerten.
2.3.3.2
Beurteilung der beruflichen Situation und des Arbeitsumfelds
(Bericht S. 168)
Die Ergebnisse zur Beurteilung der beruflichen Situation und des Arbeitsumfelds beziehen sich zunächst auf
Aussagen zum wahrgenommenen Gestaltungsfreiraum in der täglichen Arbeit, die Anerkennung von jungen
Menschen für diese Arbeit, die ausreichend verfügbaren Mittel und die Anerkennung und Unterstützung sei-
tens der Arbeitgeber. In allen Bereichen gibt es hohe Zustimmungswerte, die sowohl nach Zugehörigkeit zur
Raumkategorie als auch nach Erwerbssituation und Beschäftigungsverhältnis variieren. Hier wird eine be-
merkenswert positive Meinung zur beruflichen Situation erkennbar.
Die Staatsregierung sieht in der hohen
Motivation und in der Identifikation der Fachkräfte mit ihrer Tätigkeit anerkennenswerte Ressourcen,
die tatsächlich mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden sollten.
Die Wertschätzung der Ein-
richtung bzw. des Angebots im jeweiligen Ort, die ebenfalls positiv ausfällt, ist dafür eine gute Vorausset-
zung. Auch die Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Bericht sollte das Anliegen transportieren.
Da eine weitere Differenzierung der Befragungsergebnisse nach Arbeitsfeldern und Arbeitszusammenhän-
gen nur ansatzweise gegeben ist, bleibt eine weitergehende Bewertung sowie eine Ableitung von konkreten
Handlungserfordernissen in der Kinder- und Jugendhilfe schwierig.
Die zusätzlich erfragten Handlungserfordernisse und Verbesserungsmöglichkeiten in der Kinder- und Ju-
gendhilfe beziehen sich im Kern auf bekannte Positionen der aktuellen Fachdebatte. Diese sind die Herstel-
lung von Planungssicherheit und Kontinuität in der Finanzierung und in der fachlichen Arbeit, die Verbesse-
rung der (fach)politischen Wahrnehmung, Wertschätzung und Unterstützung für die Arbeit in der Kinder- und
Jugendhilfe, die Schaffung und der Erhalt präventiver Angebote sowie die Gestaltung leistungsbereichs-
übergreifender, ganzheitlicher Projekte.
Diese Handlungserfordernisse bilden auch zukünftig die
Schwerpunkte in dem Wirken der Staatsregierung zur Förderung und Unterstützung der örtlichen
Träger der öffentlichen Jugendhilfe und sind auch bei der Förderung freier Träger im überörtlichen
Kontext relevant. So wird sich das SMS auch weiterhin dafür einsetzen, im Rahmen der Haushalts-
planungen überjährige Förderungen durch die Bereitstellung von Verpflichtungsermächtigungen zu
ermöglichen. Darüber hinaus sorgen fachpolitische Willenserklärungen – beispielsweise im präven-
tiven Kinderschutz – für eine verlässliche Förderung auch über einen längeren Zeitraum.
24
siehe Anita Ulrich, Claudia Minet, Ulrike von Wölfel, Thomas Drößler, 2013 - Abschlussbericht: „Kinder
zwischen null und sechs Jahren in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe“

30 | Stellungnahme der Staatsregierung
Die Bundesregierung erhebt im aktuellen Koalitionsvertrag
25
den Anspruch, dass sich „[...] die Kinder- und
Jugendhilfe [...] auf einer fundierten empirischen Grundlage in einem sorgfältig strukturierten Prozess zu
einem inklusiven, effizienten und dauerhaft tragfähigen und belastbaren Hilfesystem weiterentwickelt“. Folg-
lich ist die Kinder- und Jugendhilfe insgesamt - nicht nur im Bereich der Hilfen zur Erziehung - zunehmend
gefordert, sich mit anderen Bereichen der Sozialgesetzgebung zu vernetzen. Der Anspruch auf eine Weiter-
entwicklung ist eng verknüpft mit Finanzierungsmodellen für systemische Unterstützungsformen, insbeson-
dere an den Schnittstellen z. B. zum SGB V oder SGB XII.
Die Förderungen des SMS auf der Grundlage
der FRL Weiterentwicklung ermöglichen zudem ausdrücklich die Umsetzung fachübergreifender
Vernetzungsprojekte auch an Schnittstellen zu anderen Hilfesystemen, soweit sie einen Beitrag zur
Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe leisten.
2.4 Teil IV: Handlungsbedarfe zur Weiterentwicklung der Kinder- und Ju-
gendhilfe in Sachsen
2.4.1 Grundsätzliche Anmerkungen
(Bericht S. 174)
Der Bericht unterstreicht die Bedeutung von „peer group“-Erfahrungen als einen entscheidenden Faktor für
die Lebensqualität junger Menschen. Hinzu kommt deren entwicklungspsychologische Bedeutung, insbe-
sondere bei der Identitätsfindung.
Die Analyse der Sozialstrukturdaten einiger ländlicher Regionen Sachsens lässt den Schluss zu, dass ange-
sichts demografischer Entwicklungen eine Gleichaltrigengesellung und -erfahrung, z. B. innerhalb einer peer
group, oft nur schwer oder gar nicht mehr möglich ist. Resultierend aus dieser Tatsache ist zum einen eine
Vereinzelung von Jugendlichen zu konstatieren, andererseits führt es zu Abwanderungen von jungen Men-
schen dahin, „[...] wo andere junge Menschen leben („Schwarmverhalten“)
26
“. Parallel dazu ist in diesen
Regionen ein Mangel an jugendintegrierenden Infrastrukturen charakteristisch. Eine Ausdünnung und Zent-
ralisierung von jugendkulturellen Gelegenheitsstrukturen ist nach wie vor zu beobachten, wie bereits vor 10
Jahren im 2. KJB festgestellt wurde
27
. Demografisch ungleiche Entwicklungen in den Städten und Gemein-
den werden sich somit verstärken.
Grundsätzlich wird im Bericht klargestellt, dass die Kinder- und Jugendhilfe keine bzw. nur geringe Möglich-
keiten hat, aktiv die demografischen Entwicklungen zu beeinflussen bzw. gegenzusteuern.
Für die Staats-
regierung gilt es daher, Strategien zu entwickeln, welche die in Rede stehenden Veränderungen be-
rücksichtigen und die Kinder- und Jugendhilfe als kommunalen Standortfaktor stärkt.
2.4.2 Räumliche Konzentration der Aufgaben von Kinder- und Jugendhilfe
(Bericht S. 174)
Zur Kommentierung des von empirica aufgezeigten Handlungsbedarfs bezüglich einer räumlichen Konzent-
ration von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe ist eine differenzierte Betrachtung entsprechend der Leis-
tungsbereiche notwendig.
a) Jugendarbeit gemäß § 11 SGB VIII (einschließlich Jugendverbandsarbeit)
Mit Blick auf die Jugendarbeit entsprechend § 11 Abs. 1 SGB VIII sind jungen Menschen die zur Förderung
ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Diese Angebote sollen
die Interessen der Jugendlichen berücksichtigen und zur Selbstbestimmung, zur gesellschaftlichen Mitver-
antwortung und zu sozialem Engagement befähigen. Ferner zielen sie auf ein chancengerechtes Aufwach-
25
„Deutschlands Zukunft gestalten - Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD“, 2013, S. 70
26
SMS, 2014 - 4. KJB, S. 174
27
SMS, 2003 – 2. KJB, S. 36

Stellungnahme der Staatsregierung | 31
sen und die Stärkung der Identität von Kindern und Jugendlichen ab. Dabei konzentriert sich Jugendarbeit
vorrangig auf den Freizeitbereich und richtet ihre Angebote an alle jungen Menschen gemäß § 7 Abs. 1 Nr. 4
in Verbindung mit § 11 Abs. 4 SGB VIII. Folglich ist Jugendarbeit ein Handlungsfeld der Kinder- und Ju-
gendhilfe, welches als infrastrukturelles Element zu verstehen ist
28
. Damit wirkt Jugendarbeit milieubildend
und ist basiskulturell unerlässlich. Eine Konzentration der Angebote der Jugendarbeit in „Armutszentren“ -
hier als Gebiete mit einem hohen Anteil an Kindern unter 15 Jahren mit Bezug von Leistungen des SGB II
beschrieben - würde dieser Intention und dem Verständnis als
basiskulturelles Grundangebot
zuwider
laufen.
Die Jugendarbeit mit diesem Anspruch und mit ihren vielfältigen Facetten ist und bleibt ein
maßgebendes konstitutives Element der Kinder- und Jugendhilfe.
b) Jugendsozialarbeit gemäß § 13 SGB VIII, erzieherischer Kinder- und Jugendschutz gemäß § 14 SGB VIII
Die Voraussetzung für eine Ableitung zur räumlichen Verortung von Jugendsozialarbeit sowie erzieheri-
schem Kinder- und Jugendschutz stellt aus der Sicht der Staatsregierung zunächst eine adäquate Beschrei-
bung der Situation der Handlungsfelder in der sächsischen Kinder- und Jugendhilfe dar, welche allerdings
derzeit nicht hinreichend gegeben ist. In welchem Maße Jugendsozialarbeit sowie erzieherischer Kinder-
und Jugendschutz dem Anspruch, verstärkt in so genannten „Armutszentren“ zu wirken, bereits gerecht
werden bzw. gerechter werden sollten, kann daher nicht fundiert beurteilt werden. Prinzipiell muss es vor
dem Hintergrund der Zielgruppen des § 13 SGB VIII selbstverständlich der Anspruch der Jugendsozialarbeit
sein, insbesondere in sozialstrukturell belasteten Räumen tätig zu werden.
c) Allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie gemäß § 16 SGB VIII
Bezüglich des Handlungsfeldes der „Förderung der Erziehung in der Familie“, scheint eine Angebotskon-
zentration in den „Armutszentren“ durchaus sinnvoll und zielführend. Auf der Grundlage empirischer Erhe-
bungen ist auch für den Freistaat Sachsen zu konstatieren, dass Eltern in prekären Lebenslagen Familien-
bildungsangebote seltener wahrnehmen, sie zudem als schwerer erreichbar gelten. Sowohl mit der Richtlinie
des SMS zur Gewährung finanzieller Zuwendungen für Einrichtungen und Maßnahmen der Familienförde-
rung im Freistaat Sachsen, als auch mit dem Konzept der Sächsischen Staatsregierung zur Familienbildung
regt der Freistaat an, Wege zu finden und zu erproben, benachteiligte Adressaten, insbesondere bil-
dungsungewohnte Eltern sowie Eltern, deren Belastungssituation einen mittelfristigen Hilfebedarf im
Sinne des SGB VIII erwarten lässt, in den Fokus zu rücken und diese verstärkt mit Angeboten im
Sinne von § 16 SGB VIII anzusprechen.
Diese Notwendigkeit unterstreicht auch der 14. Kinder- und Ju-
gendbericht
29
. In diesem werden – unter dem Schlagwort Elternbeteiligung – die Träger der Eltern- und Fa-
milienbildung aufgefordert, sich neu auszurichten und neue Kooperationen einzugehen eben mit dem Ziel,
(auch) benachteiligte Familien zu erreichen. Eine Möglichkeit wird in der Öffnung für neue institutionelle Ar-
rangements sowie in der Bereitstellung von niedrigschwelligen Angeboten für Familien gesehen. Mithin sind
die „[...]
Angebote
[...] hierfür
methodisch-didaktisch zu modifizieren
, möglichst nahe an der Lebenswelt
der Bürgerinnen und Bürger zu situieren, und sie müssen mit
Geh-Strukturen
verbunden werden bzw.
nahe
am Lebensfeld der Familien platziert
werden.“
30
.
Diese Programmatik gilt es zu beachten.
Erfahrungen aus der Praxis bestätigten, dass es zweckdienlich ist, bestehende Kontakte und Strukturen als
„Türöffner“ zu nutzen, um einen Zugang zur potentiellen Zielgruppe zu erhalten. Resultierend aus den aktu-
ellen Entwicklungen im Bereich des Präventiven Kinderschutzes und der Frühen Hilfen wurde im Jahr 2012
durch das SMS das Rahmenkonzept „Frühe Hilfen im Freistaat Sachsen“ erarbeitet. Dieses Konzept ist ge-
prägt von einem neuen Verständnis von präventivem Kinderschutz: „Wenn Eltern durch geeignete Angebote
Unterstützung für ihre primäre Erziehungsverantwortung erfahren und damit die gesunde Entwicklung des
28
Lothar Böhnisch, Richard Münchmeier, 1992 – „Wozu Jugendarbeit? Orientierungen für Ausbildung, Fort-
bildung und Praxis.“, S. 235
29
vgl. BMFSFJ, 2013 – 14. Kinder- und Jugendbericht, S. 6
30
ebd., S. 413

32 | Stellungnahme der Staatsregierung
Kindes gefördert werden kann, so sind auch diese präventiven Leistungen ein Beitrag zum Kinderschutz.“
31
.
Das Konzept unterstreicht daher auch den
Bedarf an niedrigschwelligen Angeboten gemäß § 16 SGB
VIII, die in besonderer Weise auf die Ansprache und die Unterstützungsbedarfe von werdenden Müt-
tern und Vätern sowie Familien in belasteten Lebenssituationen ausgerichtet sind.
Ein wichtiger Baustein innerhalb der Frühen Hilfen sind ehrenamtliche Strukturen als Ergänzung der profes-
sionellen Hilfesysteme. Ein Beispiel ist das Modellprojekt der Familiengesundheitspaten der Carus Consilium
Sachsen GmbH. Ehrenamtsprojekte im Kontext Früher Hilfen haben zum Ziel, familiäre bzw. soziale Netz-
werke der Adressaten zu erweitern. Aus fast allen Konzepten der Gebietskörperschaften ist ersichtlich, dass
die in Rede stehenden ehrenamtlichen Strukturen oft an Angebote der Familienbildung angebunden sind
und darüber auch die fachliche Begleitung und Fortbildung gewährleistet werden. Ein weiterer bedeutsamer
Baustein ist die Aufsuchende Präventive Arbeit der Jugendämter (APA). Hierbei handelt es sich um ein frei-
williges universell-präventiv ausgerichtetes Informations- und Beratungsangebot, welches Eltern mit Neuge-
borenen unterbreitet wird. Dieses Angebot gewährleistet einen frühzeitigen Zugang zu den Familien. Ziel ist
es, im Rahmen des Erstkontaktes oder auch bei weiteren Besuchen über Unterstützungsangebote für Fami-
lien sowie über familienrelevante Themen zu informieren. Gerade mit Blick auf problembelastete Familien
soll das Angebot der APA zur Wahrnehmung gezielter Unterstützungsangebote motivieren. Damit scheinen
sowohl die ehrenamtlichen Strukturen als auch die APA eine wichtige Schnittstelle zu den Projekten der
Familienbildung zu sein und greifen die Notwendigkeit einer möglichst frühzeitigen Unterstützung und Be-
gleitung in den „Armutszentren“ auf.
Zudem besitzen Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser eine wichtige Stellung im Sozialraum. Mit der
„Studie zur Einbindung der Mehrgenerationenhäuser in die soziale Infrastruktur des Freistaates Sachsen“,
die derzeit im Auftrag des SMS erarbeitet wird,
sollen sachsenweit die primär präventiven Angebote mit
Gemeinwesenbezug ermittelt und mögliche fehlende und mehrfach vorgehaltene Angebote identifi-
ziert werden
.
Im Anschluss sollen Empfehlungen zur Weiterentwicklung, Bündelung und bedarfsori-
entierten Anpassung der Angebote der Mehrgenerationenhäuser und deren Einbettung in die sozial-
räumliche Infrastruktur der sächsischen Kommunen in Verbindung mit Möglichkeiten der Finanzie-
rung der Häuser nach Auslaufen des Aktionsprogramms des Bundes ab 2015 gegeben werden
.
d) Hilfen zur Erziehung gemäß §§ 27 ff. SGB VIII
Die Entwicklungen der Hilfen zur Erziehung werden im Freistaat Sachsen kontinuierlich verfolgt. So wurde
ausgehend vom Beschluss des Landesjugendhilfeausschusses
32
im März 2013 eine umfassende Übersicht
zur Entwicklung der erzieherischen Hilfen im Freistaat Sachsen 2000 – 2011 veröffentlicht
33
. Diese zeigt
sehr differenziert die Inanspruchnahme und Kostenstruktur des Leistungsbereichs Hilfen zur Erziehung und
somit Entwicklungen seit 2000 auf.
Diese Übersicht zur Entwicklung der erzieherischen Hilfen soll zu-
künftig mindestens einmal zum Ende jeder Legislaturperiode erstellt werden.
Zu Recht weist der Auftragnehmer darauf hin, dass neben der zahlenmäßigen Entwicklung der Hilfen zur
Erziehung auch die Gründe für die Zunahme der Beratungs- und Hilfeanzahlen betrachtet werden müssen.
Auch die Staatsregierung sieht in der Weiterentwicklung des Kinderschutzes einen wesentlichen Faktor, der
den Leistungsbereich der Hilfen zur Erziehung, einschließlich angrenzender Bereiche, beeinflusst (siehe
Punkt 2.3.4.1). Zudem sind die in den Hilfen zur Erziehung tätigen Personen mit immer komplexeren Prob-
lemlagen und Hilfebedarfen konfrontiert.
Die regelmäßig erstellte Übersicht zur Entwicklung der erziehe-
31
SMS, 2012 - „Frühe Hilfen im Freistaat Sachsen – Rahmenkonzept zur Ausgestaltung Früher Hilfen, Ge-
samtkonzept des Freistaates Sachsen zur Umsetzung der Bundesinitiative „Netzwerke Frühe Hilfen und
Familienhebammen“ (2012-2015) gemäß § 3 Absatz 4 KKG“, S. 6
32
Beschluss 22/2011
33
SMS, Landesjugendamt, 2013 – „Übersicht zur Entwicklung der erzieherischen Hilfen im Freistaat Sach-
sen 2000 – 2011“, vom Landesjugendhilfeausschuss zur Kenntnis genommen am 7. März 2013

Stellungnahme der Staatsregierung | 33
rischen Hilfen wird daher auch als Grundlage für den Diskurs über Bedarfslagen und fachliche Wei-
terentwicklungen in diesem Handlungsfeld dienen. Die räumliche Verortung, insbesondere der ambu-
lanten Angebote, wird dabei ebenfalls thematisiert.
2.4.3 Kontrast zwischen neuen Aufgaben der Jugendarbeit und den Finanzie-
rungsleitplanken
(Bericht S. 175)
Im Bericht wird eine verlässliche Finanzierung im Rahmen der Kontinuität der fachlichen Arbeit insbesondere
im Bereich präventiver Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe thematisiert. Mit § 79 Abs. 2 Satz 2 SGB
VIII werden die Träger der öffentlichen Jugendhilfe de facto verpflichtet, im Rahmen ihrer Gesamt- und Pla-
nungsverantwortung eine Grundversorgung - allerdings unbestimmten Ausmaßes - mit Angeboten der Ju-
gendarbeit vorzuhalten. Gemäß § 85 Absatz 1 SGB VIII ist der örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe
für die Gewährung von Leistungen und anderen Aufgaben des SGB VIII sachlich zuständig; das sind nach
Landesrecht die Landkreise und kreisfreien Städte. Da die Jugendarbeit zu den originären Leistungen der
Kinder- und Jugendhilfe gehört, ist in der Konsequenz das Jugendamt zur finanziellen Förderung der Ju-
gendarbeit - insbesondere wenn sie gemäß § 74 SGB VIII durch die freie Jugendhilfe angeboten wird - ver-
pflichtet. Demzufolge ist das finanzielle Engagement des Landes subsidiär. Allerdings sind die Ausgaben für
Einrichtungen und Maßnahmen der Jugendarbeit im Vergleich zum Jahr 2000 von knapp 67 Mio. Euro auf
rund 51 Mio. Euro im Jahr 2012
34
zurückgegangen. Dies ist ein nachhaltiger Hinweis, dass der Prävention,
der allgemeinen außerschulischen Bildung und Erziehung, weniger Bedeutung beigemessen wurde.
Die Staatsregierung bekennt sich in diesem Zusammenhang zur Jugendpauschale. Sie bietet eine
weitreichende Unterstützung der örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe bei der Wahrnehmung
ihrer Aufgaben. Die Staatsregierung erkennt zugleich, dass das Förderprogramm einen wichtigen
Beitrag zur Ausgestaltung eines bedarfsgerechten örtlichen Angebots, insbesondere auch im Be-
reich der Jugendarbeit, leistet und eine Änderung der Förderpraxis des Landes mittelbare Auswir-
kungen auf diesen Leistungsbereich hat.
In Zukunft wird es darauf ankommen, die Jugendpauschale unabhängiger von demografisch basier-
ten Faktoren auszugestalten.
Der Freistaat hat zunächst die Herausforderung erkannt, den mit einer Pro-
Kopf-Pauschale implizierten abwanderungsbedingten Rückgang der Fördermittel adäquat auszugleichen.
Vor diesem Hintergrund wurde seit dem Jahr 2013 neben der Ausreichung der „Grundpauschale“ (derzeit
10,40 € pro jungem Menschen unter 27 Jahren) eine Verteilung der restlichen Mittel - bezogen auf den „ein-
gefrorenen“ Haushaltsansatz von 2011 - nach einem Rangziffer-System entwickelt, bei dem die Gebietskör-
perschaft, aus der die meisten jungen Menschen abwandern, die höchste Rangziffer erhält.
Den vom Auf-
tragnehmer vorgeschlagenen Weg, die Verteilung der „Grundpauschale“ ausschließlich an der Zahl
der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren auszurichten, um den wanderungsbedingten „Verstär-
kungseffekt“ nicht einfließen zu lassen, wird zu diskutieren sein.
Es gilt, im Bereich der Jugendarbeit auch nach neuen Lösungen und Schwerpunkten zu suchen.
Die Ver-
netzung und das Zusammenführen von Angeboten könnte in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Im
Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung des Bildungs- und Demokratieauftrages bedarf es
sozialpädagogischen Personals. Die Jugendarbeiter müssen sich zukünftig verstärkt als sozialräum-
liche Netzwerker verstehen
, wenn natürliche Gemeinschaften, wie beispielsweise peer groups, zuneh-
mend erodieren.
Es werden projektübergreifende Infrastrukturen benötigt. Gleichfalls ist es notwen-
dig, Jugendarbeit als gesellschaftlichen Wert zu begreifen und anzuerkennen.
Ländliche Regionen
entwickeln sich nur mit Kindern und Jugendlichen.
Es bedarf daher auch der aktiven Mitwirkung der jun-
gen Menschen, insbesondere bei der Gestaltung des ländlichen Raums.
34
Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, Ausgaben für Einzel- und Gruppenhilfen sowie Ausga-
ben für Einrichtungen insgesamt

34 | Stellungnahme der Staatsregierung
Es ist, ausgehend von der Empirie, offensichtlich, dass ein Zusammenhang zwischen der positiven Aneig-
nung des eigenen Lebensumfeldes und der Identitätsentwicklung besteht, denn Orte der Jugendarbeit wir-
ken identitätsstiftend. Dies ist zudem eine wirksame Prävention, wie der milieubildende und milieuvermitteln-
de Charakter zurückliegender Projekte
35
gezeigt hat. Die Befragungen
36
zeigen,
dass junge Menschen im
Gemeinwesen und vor allem im sozialen Nahraum engagementbereit sind. Dieses Potenzial gilt es
auch im Rahmen der Jugendarbeit aufzugreifen und zu fördern.
2.4.4 Verlässlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere der Ju-
gendarbeit
(Bericht S. 176)
Neben einer kontinuierlichen Förderung von örtlichen Strukturen der Jugendhilfe – wie es über die
FRL Jugendpauschale erfolgt – sind Pilot- und/oder Modellprojekte, z. B. zu einer Aktivierung ländli-
cher Räume oder zur Erprobung neuer Wege in der Jugendarbeit mit dem Ziel einer späteren Imple-
mentierung in die Strukturen vor Ort, notwendig und sinnvoll.
Wie bereits in der Stellungnahme zum 3. KJB dargestellt ist, hat die Staatsregierung die Notwendigkeit einer
strukturellen Stabilisierung vor Ort erkannt. Seit 2009 wird über die FRL Weiterentwicklung das Projekt
„Fle-
xibles Jugendmanagement“
umgesetzt. Bei diesem Projekt, bei dem die Kreisjugendringe mit der Förde-
rung von Fachkräften unterstützt werden, geht es zum einen um die Stärkung von Jugendverbandsarbeit als
maßgeblichem Ort der Demokratiebildung, zum anderen um das Erlebbarmachen von Beteiligungsmöglich-
keiten für junge Menschen. Nach Ende der Pilotphase im Jahr 2012 wurde ein entsprechender Abschlussbe-
richt
37
vorgelegt, der u. a. bestätigt, dass sich das Projekt als ergänzendes und unterstützendes Angebot
etablieren konnte, von jungen Menschen gut angenommen wird, Demokratiebildungsprozesse anregt und zu
einer Stärkung der Lebens- und Sozialräume von Kindern und Jugendlichen beiträgt.
Darüber hinaus wur-
de deutlich, dass eine sachsenweite Vernetzung der Projekte für die fachliche Weiterentwicklung
zielführend ist.
Das „Flexible Jugendmanagement“ wurde bewusst als ein die Jugendhilfestruktur ergänzendes Unterstüt-
zungsangebot konzipiert, welches keine vorhandenen Strukturen ersetzt. Resümierend aus der bisherigen
Projektlaufzeit hat sich die These bestätigt, dass Beziehungsarbeit mit jungen Menschen Zeit, Kontinuität
und Verlässlichkeit braucht. Die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Projekt bietet, fördern eine selbstbe-
stimmte und selbstgestaltete Teilhabe von Kindern und Jugendlichen am gesellschaftlichen Miteinander.
Insbesondere bei aktivierenden Projekten im unmittelbaren Lebensumfeld junger Menschen, wie z.B. auch
„Teilhabe ist mehr als Teilnahme - Hoch vom Sofa“
, fungieren die Fachkräfte des Projektes als Begleiter
und Unterstützer.
Mit Blick auf die Synthese beider Projekte ist eine sachsenweite Etablierung inner-
halb der örtlichen Jugendhilfestrukturen erstrebenswert.
2.4.5 Schulen im Zentrum der Aufmerksamkeit
(Bericht S. 176)
Unter dem Gesichtspunkt der allgemeinen Erreichbarkeit von Kindern und Jugendlichen kommt der Instituti-
on Schule als Zugangsweg zu Kindern und Jugendlichen insbesondere in ländlichen Räumen größere Be-
deutung zu. Dem trägt auch das Schulschließungsmoratorium im ländlichen Raum entsprechend Rechnung.
Gute Bildung und wohnortnahe Schulen sind ein wichtiger Standortfaktor. Obgleich der Schule als zentraler
Sozialisations- und Aufenthaltsort eine besondere Bedeutung zukommt, heißt das nicht, dass sich Jugend-
arbeit lediglich auf diesen Raum beschränken kann. Es kommt vielmehr darauf an
, jungen Menschen in
35
Lothar Böhnisch u.a., 1995 – „Endbericht der wissenschaftlichen Begleitung des AgAG-Programms,
S. 143
36
Onlinebefragung i. R. des 4. KJB und Studie „Jugend 2009 in Sachsen“
37
SMS, Landesjugendamt, 2012 – „Flexibles Jugendmanagement – Abschlussbericht Juli 2012”

Stellungnahme der Staatsregierung | 35
ihrem unmittelbaren Lebensumfeld adäquate Angebote für ein selbstbestimmtes Aufwachsen zu
unterbreiten
.
Demgegenüber steht der Auftrag von Schulsozialarbeit, Kinder und Jugendliche im unmittelbaren Zusam-
menwirken mit Schule, insbesondere an den Übergängen zu Ausbildung, Beschäftigung oder Studium, als
Beitrag zu einer gelingenden Berufsbiografie bzw. eines gelingenden Systemübergangs zu unterstützen
.
Aufgabe des Freistaates wird es sein, für dieses Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe verbind-
liche und dauerhafte Rahmenstrukturen zu schaffen.
Die derzeitige Situation in diesem Schlüsselbereich
der Zusammenarbeit beider Systeme ist unbefriedigend und bedarf einer grundlegenden Reformierung ver-
bunden mit klaren Regelungen der Zuständigkeiten.
Dazu gilt es zu prüfen, inwieweit entsprechende
landesrechtliche Regelungen zu präzisieren und die Zuordnungen klarzustellen sind. Zudem soll die
Förderung der Angebote gebündelt und abgestimmt werden.
Angesichts des zu hohen Anteils der Abgänger von Schulen und Berufsschulen, welche über keinen Schul-
bzw. Berufsschulabschluss verfügen, sind darüber hinaus
alle in diesem Prozess beteiligten Akteure ge-
fordert, ihre jeweiligen Handlungsmöglichkeiten bei der Unterstützung der Übergänge von Schule in
Ausbildung bzw. Studium sowie in einen Beruf zu prüfen und im Netzwerk auszuschöpfen.
Das vom Auftragnehmer in Teil IV, Punkt 6 des Berichts angeregte
Zusammenwirken des Jugend- und
Kultusministeriums
zur Unterstützung des Ausbaus der Schulsozialarbeit sowie der Umsetzung von regio-
nalen Jugendforen ist grundsätzlich gewährleistet.
Die Kooperation auf Landesebene muss, wie die Zu-
sammenarbeit der Institutionen vor Ort, gepflegt werden. Der regelmäßige Fachaustausch hat sich
hierbei bewährt und wird fortgesetzt.
2.4.6 Legitimationsdruck der Kinder- und Jugendhilfe
(Bericht S. 177)
Die aktuellen wirtschaftlichen und finanzpolitischen Entwicklungen stellen die öffentlichen Träger der Kinder-
und Jugendhilfe nicht nur vor große Herausforderungen, sie verändern auch grundlegend den landesweiten
und kommunalpolitischen Gestaltungsrahmen. Die Kinder- und Jugendhilfe steht dadurch heute mehr denn
je in einem Spannungsfeld zwischen kurzfristigen Zielerwartungen, finanziellen Zwängen, einem verstärkten
Fach- und Finanzcontrolling und dem Vorhalten von anspruchsvollen Maßnahmen und Projekten.
Der Bericht thematisiert in diesem Zusammenhang zwei zentrale Momente für die Umsetzung zukunftsfähi-
ger Planungs- und Gestaltungsprozesse: die nachvollziehbare Darstellung von Wirkungs- und Wirksamkeits-
zusammenhängen zwischen verschiedenen Leistungsangeboten der Kinder- und Jugendhilfe und in Bezug
auf die Entwicklung der sozialen Situation in den Lebensräumen sowie die kommunikative Ausgestaltung der
genannten Prozesse.
Die Nachzeichnung der Wirksamkeit auf der Basis praktikabler Indikatoren und deren Bewertung
wird aus der Sicht der Staatsregierung im Gesamtsystem der Qualitätsentwicklung der Kinder- und
Jugendhilfe zukünftig einen hohen Stellenwert haben müssen.
Dem Bericht ist zuzustimmen, dass in
der kommunalen Praxis eine nachhaltige Wirkungsforschung kaum mit einem vertretbaren Aufwand gestaltet
werden kann.
Hier gilt es, die örtlichen Träger der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe in diesen Pro-
zessen zu unterstützen und gegebenenfalls modellhaft zu begleiten. Die bestehenden Kooperationen
mit in Sachsen ansässigen Universitäten, Hoch- und Fachschulen müssen dazu aktiviert und ver-
stärkt werden.
Die bereits benannte Arbeitsstelle zur Kinder- und Jugendhilfestatistik könnte weitreichende Unterstützung
im konzeptionellen und methodischen, aber auch im praktischen Bereich gewährleisten.
Eine zukunftsfähige Kinder- und Jugendhilfe benötigt gut ausgebildetes Fachpersonal. Hierzu gehört
einerseits eine fundierte und praxisbezogene Erstausbildung. Die Zusammenarbeit mit den sächsi-
schen Universitäten, Fach- und Fachhochschulen gilt es diesbezüglich zu verstärken sowie nachhal-
tiger zu gestalten.

36 | Stellungnahme der Staatsregierung
Andererseits ist eine
qualitativ hochwertige Fort- und Weiterbildung
auf der Grundlage aktueller wissen-
schaftlicher Erkenntnisse mit den dafür erforderlichen Rahmenbedingungen erforderlich.
Dazu wird die
Staatsregierung an der Förderung von landesweit agierenden Trägern in den Leistungsbereichen der
§§ 11-14 SGB VIII auf der Basis einer fortbildungsorientierten Bedarfsplanung im Rahmen der im
Staatshaushalt eingestellten Mittel festhalten.
Die überörtliche Ebene leistet damit einen fundierten Bei-
trag zur Weiterentwicklung in den einzelnen Handlungsfeldern. Neben den Qualifizierungsmöglichkeiten sind
Plattformen zum Fachaustausch für die in der Kinder- und Jugendhilfe tätigen Fachkräfte gegeben.
Per-
spektivisch gilt es zu prüfen, inwieweit ein kontinuierlicher überregionaler Fachaustausch auch für
den Bereich „Hilfen zur Erziehung“ initiiert und unterstützt werden kann.
2.4.7 Steuerung der Jugendarbeit unter Bedingungen der Schrumpfung
(Bericht S. 178)
Der Bericht thematisiert die Entwicklung der unterschiedlichen räumlichen Verteilung von jungen Menschen
und ihrer Familien im Freistaat Sachsen und die Auswirkungen auf die Gestaltung der sozialen Infrastruktur.
Dies betrifft insbesondere die Aufrechterhaltung und nachhaltige Ausgestaltung der Angebote der Kinder-
und Jugendarbeit in ländlichen Räumen als Grundvoraussetzung einer gelingenden Sozialisation sowie als
basiskulturelles Angebot in unmittelbaren Lebensbezügen. Es wird auf beispielhafte Ansätze, Konzepte und
Ideen aus den Gebietskörperschaften verwiesen. Betont wird dabei das Erfordernis einer notwendigen und
gelingenden Vernetzung zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und der Schule als tragfähige Struktur einer
regional geprägten Zusammenarbeit.
Das vorgestellte
Modell eines Jugendforums
in Form einer Arbeitsgemeinschaft nach § 78 SGB VIII soll
dabei unter Beteiligung aller Gemeinden und Akteure eine sozial- bzw. planungsräumlich abgestimmte Aus-
gestaltung gemeinwesenbezogener Angebote ermöglichen.
Dieser Ansatz ist in seiner Intention fachlich
zu unterstützen.
Das Thema der Erreichbarkeit bzw. der Mobilität von Angeboten der Kinder- und Jugend-
hilfe sollte angemessen berücksichtigt werden. Die vorgestellte Form der Vernetzung entspricht dem Grund-
satz der Landesentwicklungsplanung 2013, wonach die öffentlichen, freien und privatgewerblichen Träger
der Daseinsvorsorge ihre Einrichtungen und Leistungen miteinander abstimmen sowie möglichst unterei-
nander vernetzen und in übergeordnete Konzepte einbinden sollen.
Aus Sicht der Staatsregierung bieten die Gremien der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere die Jugendhil-
feausschüsse mit ihren Unterausschüssen, sowie die themen- und planungsbezogenen Arbeitsgemeinschaf-
ten bereits diese strukturellen Voraussetzungen mit einem jeweils hohen Grad an Beteiligung von Akteuren
aus verschieden Arbeitsfeldern. Darüber hinaus sind räumliche Zielausrichtungen bzw. Bedarfsaussagen
und die differenzierte Berücksichtigung von unterschiedlichen Lebenslagen Grundprinzipien sozialräumlicher
Planungsprozesse in den Gebietskörperschaften.
Dennoch gibt es in diesem Rahmen Entwicklungsmög-
lichkeiten, die im fachlichen und wissenschaftlichen Diskurs thematisiert werden müssen.
Dazu ge-
hört neben der
Vernetzung der Planungsträger
auch ein
entsprechender Grad der Verbindlichkeit bei
den Abstimmungsergebnissen
. Dabei sind die aus Sicht der Berichterstatter benannten zentralen Elemen-
te zu berücksichtigen. Diese sind die
Gestaltung der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule, die
Ermöglichung neuer Angebotsformen der Jugendarbeit
, auch unter Einbeziehung vorhandener Vereins-
strukturen außerhalb der Jugendhilfe, die
Erprobung raumbezogener Finanzierungsformen
sowie die
Verfügbarkeit von festen Ansprechpersonen für Anliegen junger Menschen in der Gemeinde
.
Insbe-
sondere wird eine Verschränkung der Kinder- und Jugendhilfeplanung mit der Schulnetzplanung der
Landkreise und Kreisfreien Städte zu einer Bildungsplanung angeregt
.
Bei Bedarf wird die Staatsre-
gierung prüfen, wie die örtlichen Planungsträger in diesen Prozessen unterstützt und fachlich beglei-
tet werden können.

Stellungnahme der Staatsregierung | 37
3
Fazit und Dank
Die Bildung von Raumstrukturtypen und die danach ausgewerteten Resultate der Onlinebefragung von jun-
gen Menschen und Fachkräften, die Aufbereitung wesentlicher statistischer Daten und Entwicklungen in der
Kinder- und Jugendhilfe sowie die Formulierung von Handlungsbedarfen zur Weiterentwicklung der Kinder-
und Jugendhilfe im Freistaat Sachsen stellen in ihrer Gesamtheit hilfreiche Informationen und Anregungen
zur Umsetzung von sozialräumlichen Planungs- und Steuerungsprozessen bereit. In diesem Kontext sensibi-
lisiert der Bericht insbesondere für die aus der Praxis formulierten Herausforderungen des ländlichen
Raums. Zugleich gibt er Anstöße zur regionalen und landesweiten Auseinandersetzung mit einzelnen Er-
gebnissen.
Die Staatsregierung wird die Impulse zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe
im Freistaat Sachsen in geeigneter Weise in ihrem Verantwortungsbereich aufgreifen.
Die Staatsregierung dankt allen an der Erstellung des Berichts Beteiligten, insbesondere dem Projektteam
von empirica, den Mitgliedern des Begleitbeirats sowie allen Kindern, Jugendlichen, Fachkräften und weite-
ren Experten, die an den Onlinebefragungen, Workshops und Erörterungen mitgewirkt und ihre Erfahrungen
und Kompetenzen in diese komplexe Thematik eingebracht haben.

 
Vierter Sächsicher
Kinder- und Jugendbericht
„Lebenssituationen und Perspektiven junger Menschen im Freistaat
Sachsen unter besonderer Beachtung des ländlichen Raums - Impul-
se für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe“
Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier, empirica ag
Timo Heyn, empirica ag
Julia Kemper, empirica ag
Jan Grade, empirica ag
Johanna Neuhoff, empirica ag
Dr. Dirk Baier, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e. V.
empirica ag
Kurfürstendamm 234
10719 Berlin
Zweigniederlassung Bonn
Kaiserstraße 29
53113 Bonn
Erstellt im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz.

 
Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | III
Inhaltsverzeichnis
Überblick ............................................................................................................................ 1
1
Zusammenfassung ........................................................................................................................... 1
2
Aufgabenstellung und Vorgehen .................................................................................................... 5
3
Inhaltlicher Aufbau ........................................................................................................................... 6
Teil I:
Bedingungen des Aufwachsens in Sachsen ..................................................... 7
1
Die demografische Entwicklung in Sachsen ................................................................................. 7
1.1
Die Bevölkerungsentwicklung in Sachsen ......................................................................................... 7
1.2
Entwicklung der jungen Bevölkerung in Sachsen ............................................................................ 11
1.3
Wanderungsbewegungen ................................................................................................................ 14
1.4
Bevölkerungsdichte .......................................................................................................................... 17
1.5
Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen ....... 18
2
Die wirtschaftliche Situation von jungen Menschen und ihren Familien in Sachsen ............. 18
2.1
Einkommenssituation von Familien mit Kindern im Freistaat Sachsen ........................................... 18
2.2
Armutsgefährdung der Familien in Sachsen .................................................................................... 21
2.3
Transferleistungsbezug .................................................................................................................... 22
2.4
Räumliche Verteilung von Erwerbslosigkeit und Transferleistungsbezug (SGB II) in Sachsen ...... 24
2.5
Auswirkungen der wirtschaftlichen Situation von jungen Menschen auf die Kinder- und Jugendhilfe
in Sachsen ........................................................................................................................................ 27
3
Räumliche Unterschiede in Sachsen – städtische und ländliche Räume ................................ 29
3.1
Der ländliche Raum .......................................................................................................................... 29
3.2
Erreichbarkeiten von Einrichtungen ................................................................................................. 30
Teil II: Lebenssituation und Perspektiven von jungen Menschen in Sachsen ......... 35
1
Datenverdichtung zum „Raumstrukturindex“: Ableitung von unterschiedlichen Raumtypen
.......................................................................................................................................................... 35
2
Erkenntnisgewinn durch Befragungen junger Menschen ......................................................... 39
2.1
Erkenntnisinteresse .......................................................................................................................... 39
2.2
Online-Befragung und Studie „Jugend 2009 in Sachsen“ - Die erreichte Stichprobe nach sozio-
demografischen Variablen ............................................................................................................... 42
2.3
Räumliche Kategorisierung der Befragungsergebnisse ................................................................... 46
3 Jugendliche in Sachsen – Ergebnisse der Online-Befragung ergänzt um eine
Sonderauswertung der Studie „Jugend 2009 in Sachsen“ ....................................................... 49
3.1
Jugendalltag im Regionenvergleich ................................................................................................. 49
3.1.1
Zukunftsaussichten ........................................................................................................................... 49
3.1.2
Einschätzungen zum Wohnort .......................................................................................................... 53
3.1.3
Regionales und überregionales Engagement ................................................................................... 61
3.1.4
Freizeitverhalten ................................................................................................................................ 64

IV | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
3.1.5
Besuch von Jugendclubs/Jugendzentren ......................................................................................... 69
3.1.6
Politikinteresse .................................................................................................................................. 74
3.1.7
Linke und rechte Orientierungen ....................................................................................................... 75
3.1.8
Problematischer Jugendalltag ........................................................................................................... 79
3.2
Zusammenfassung ........................................................................................................................... 82
4 Lebenssituation und Perspektiven junger Menschen in Sachsen aus Sicht der
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe ................................................. 86
4.1
Befragungsergebnisse zur Lebenssituation von jungen Menschen in Sachsen ............................. 87
4.2 Politisches Interesse und Engagement von jungen Menschen aus der Perspektive der
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ...................................................................................................... 92
5
Schule und Sozialarbeit an der Schule ........................................................................................ 96
5.1
Schullaufbahn und Einstieg in den Ausbildungsmarkt ..................................................................... 96
5.2
Schulsozialarbeit in der Wahrnehmung von Schülerinnen und Schülern ...................................... 102
5.3
Vielfältige Modelle der Sozialarbeit an Schulen - Expertenerfahrungen ........................................ 103
6
Aufwachsen im ländlichen Raum – Beispiele für die Steuerung von Leistungen der Kinder-
und Jugendhilfe ............................................................................................................................ 105
Teil III: Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe ........................................................ 107
1
Strukturelle Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen ........................ 107
1.1
Auswertung der Kinder- und Jugendhilfestatistik ........................................................................... 107
1.2
Personelle Ausstattung der Kinder- und Jugendhilfe ..................................................................... 108
1.3
Ausgaben für Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe .................................................................... 114
1.4
Förderrichtlinien im Bereich der Jugendhilfe in Sachsen ............................................................... 121
1.4.1
Förderrichtlinie „Jugendpauschale“ ................................................................................................. 123
1.4.2
Förderrichtlinie „Weiterentwicklung“ ................................................................................................ 124
1.5
Europäischer Sozialfonds (ESF) .................................................................................................... 125
2
Ausgewählte Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe ............................................................ 128
2.1 Angebote der Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, Jugendsozialarbeit, des Kinder- und
Jugendschutzes (§§ 11 bis 14) sowie Förderung der Erziehung in der Familie (§§ 16 bis 21) ..... 128
2.1.1
Die Angebotssituation in der Jugendarbeit (§ 11 SGB VIII) ............................................................ 129
2.1.2
Personal, Einrichtungen und Ausgaben .......................................................................................... 130
2.2
Angebote zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Tagespflege (§§ 22 bis 25) .... 133
2.2.1
Die Betreuungssituation .................................................................................................................. 133
2.2.2
Personal und Ausgaben .................................................................................................................. 140
2.3
Hilfe zur Erziehung sowie Hilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche (§§ 27 bis 35a),
Hilfe für junge Volljährige (§ 41) und Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen (§ 42) ......... 150
2.3.1
Entwicklung der Maßnahmen und Fälle .......................................................................................... 150
2.3.2
Personal und Ausgaben .................................................................................................................. 154
3
Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendhilfe – Online-
Mitarbeiterbefragung ................................................................................................................... 160
3.1
Wer hat geantwortet?- Stichprobe der Mitarbeiterbefragung ......................................................... 160
3.2
Zielgruppen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter .......................................................................... 164

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | V
3.3
Beschäftigungssituation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ....................................................... 165
3.4
Beurteilung der beruflichen Situation und des Arbeitsumfelds ...................................................... 168
Teil IV: Handlungsbedarfe zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in
Sachsen ............................................................................................................. 174
1
Räumliche Konzentration der Aufgaben von Kinder- und Jugendhilfe ................................. 174
2
Kontrast zwischen neuen Aufgaben der Jugendarbeit und den Finanzierungsleitplanken 175
3
Verlässlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere der Jugendarbeit .............. 176
4
Schulen im Zentrum der Aufmerksamkeit ................................................................................. 176
5
Legitimationsdruck der Kinder- und Jugendhilfe ..................................................................... 177
6
Steuerung der Jugendarbeit unter Bedingungen der Schrumpfung ...................................... 178
Anhang ........................................................................................................................... 181
1
Mitglieder des Begleitbeirats ...................................................................................................... 181
2
Literaturverzeichnis ..................................................................................................................... 182
3
Fragebögen der durchgeführten Online-Befragungen ............................................................. 186
3.1
Online-Jugendbefragung ................................................................................................................ 186
3.2
Online-Mitarbeiterbefragung .......................................................................................................... 196
4
Übersicht der durchgeführten Workshops ................................................................................ 200
4.1
Konzeption und Methode ............................................................................................................... 200
4.2
Workshop-Termine ......................................................................................................................... 201
5
Ergänzende Tabellen und Abbildungen..................................................................................... 202
5.1
Anmerkungen zur Methodik der Datenverdichtung zum Raumstrukturindex ................................ 202
5.2
Erreichbarkeitsindikatoren - Anmerkungen zur Auswahl der Einrichtungen für die Berechnung einer
„typischen Erreichbarkeit“ für eine Gemeinde ................................................................................ 203
5.3
Mittel des Europäischen Sozialfonds (ESF) in der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen – Detaillierte
Tabellen zu den Landkreisen und kreisfreien Städten ................................................................... 205
6
Regionaldaten ............................................................................................................................... 207
6.1
Kreisfreie Städte: Chemnitz, Dresden und Leipzig ........................................................................ 208
6.2
Landkreise ...................................................................................................................................... 209
6.2.1
Erzgebirgskreis ................................................................................................................................ 209
6.2.2
Landkreis Mittelsachsen .................................................................................................................. 225
6.2.3
Vogtlandkreis ................................................................................................................................... 237
6.2.4
Landkreis
Zwickau ........................................................................................................................... 249
6.2.5
Landkreis
Bautzen ........................................................................................................................... 259
6.2.6
Landkreis Görlitz ............................................................................................................................. 273
6.2.7
Landkreis Meißen ............................................................................................................................ 285
6.2.8
Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ............................................................................... 294
6.2.9
Landkreis Leipzig ............................................................................................................................ 306
6.2.10
Landkreis Nordsachsen .................................................................................................................. 315

VI | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 1
Überblick
1 Zusammenfassung
Aufwachsen in Sachsen unter räumlich differenzierter demografischer Entwicklung
Mit dem vorliegenden vierten Sächsischen Kinder- und Jugendbericht werden die Lebenssituationen und
Perspektiven junger Menschen im Freistaat Sachsen unter besonderer Beachtung des ländlichen Raums
untersucht. Die räumlichen Auswertungen zeigen sehr deutlich, dass die demografischen Entwicklungen mit
niedrigen Geburtenraten und selektiven Wanderungsbewegungen
nicht nur die Bevölkerungszusam-
mensetzung im Freistaat Sachsen insgesamt verändern, sondern dass sich räumliche Gegensätze verstär-
ken. Die ländlichen Regionen mit rückläufiger Einwohnerzahl und Wanderungsverlusten vor allem bei der
jungen Bevölkerung stehen im Fokus der Betrachtung dieser Untersuchung. Gerade die Altersgruppe junger
Volljähriger und Erwachsener, die erstmals selbst über ihre Wohnstandortwahl entscheiden, sind ein wesent-
licher Motor dieser räumlichen Ausdifferenzierung.
Die geschlechtsspezifische Betrachtung verdeutlicht, dass besonders junge Frauen häufiger ihren Wohnort
verlassen. In der Folge entstehen deutliche Unterschiede in den anteiligen Verhältnissen von jungen Frauen
und Männern, die die räumlich ungleiche Entwicklung dieser Altersgruppen noch überlagern. Die Analysen
zeigen, dass sich gerade die sehr
mobile Altersgruppe junger Volljähriger
räumlich zunehmend konzen-
triert. In der Altersgruppe der 18- bis unter 21-Jährigen hat sich der Anteil der Personen in den drei Groß-
städten Chemnitz, Dresden und Leipzig sowie in den Gemeinden im Einzugsbereich der Großstädte mit
vergleichsweise günstiger Bevölkerungsentwicklung und guter Erreichbarkeit von 51 auf 61 % an allen Per-
sonen der Altersklasse in Sachsen erhöht.
Auf der Ebene der Landkreise - an der sich die Kinder- und Jugendhilfe durch die Steuerung der Jugendäm-
ter ausrichtet – zeigt sich diese räumliche Differenzierung nicht. Erst bei einer Betrachtung der Städte und
Gemeinden in den Landkreisen zeigen sich die stark unterschiedlichen Rahmenbedingungen für das Auf-
wachsen von jungen Menschen in Sachsen. Daher erfolgt die regional differenzierte Betrachtung auf der
Ebene von Gemeinden und Städten.
Aufwachsen junger Menschen unter sozioökonomisch unterschiedlichen Bedingungen in den Teil-
räumen
Nicht nur die Wanderungsbewegungen beeinflussen in ihrer räumlichen Entwicklung das Aufwachsen junger
Menschen. Trotz vergleichsweise günstiger Entwicklungsvorzeichen im zeitlichen Vergleich und überregio-
nalen Vergleich haben
sozioökonomische Unterschiede
nach wie vor Einfluss auf Entwicklungschancen
jungen Menschen. Die finanziellen Möglichkeiten der Familien haben einen erheblichen Einfluss auf die Le-
benssituation von Kindern und Jugendlichen. Familienhaushalte haben ein größeres Armutsrisiko als andere
Haushalte ohne Kinder. Insbesondere die Lebenslage Alleinerziehender stellt u.a. auch durch die Zwänge
der Alltagsorganisation und die Zeitknappheit ein hohes Einkommensrisiko und damit auch Armutsrisiko dar.
In der Folge sind Kinder und Jugendliche anteilig häufiger arm bzw. auf soziale Transferleistungen für die
Familien angewiesen.
Einkommensarme Familienhaushalte sind räumlich stärker in städtischen Wohnsiedlungen mit preiswertem
Wohnraum konzentriert. Auch in der zeitlichen Perspektive setzt sich der
Konzentrationsprozess
fort. In
Städten mit auffällig hoher Kinderarmut sind Bildungsunterschiede gegenüber anderen Städten beobachtbar.
In Gemeinden mit einer erhöhten Sozialhilfequote von unter 15-Jährigen erreichen anteilig weniger Schüler
einen Schulabschluss. Der Anteil der Schüler ohne Schulabschluss ist in Sachsen zudem höher als in ande-
ren Bundesländern. Zugleich konnten trotz einer zunehmenden Anzahl an unbesetzten Ausbildungsstellen
nicht alle Bewerber und Bewerberinnen vermittelt werden. Zwar wird die Mehrheit der Schulabgänger über

2 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
alternative Maßnahmen versorgt, jedoch steigt der Anteil derjenigen, die gar keine Alternative haben, an
(von rund 33 % in 2007 auf rund 41 % in 2012). Individuelle familiäre Hintergründe entwickeln somit auch
eine eigene räumliche Relevanz und bestätigen dadurch umso mehr, dass
„das Aufwachsen von Kinder-
und Jugendlichen zu einem öffentlichen Thema, zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden ist […] und
keine reine Familienkindheit mehr“.
1
Auswertung der Jugend-Befragungen unter Berücksichtigung räumlicher Unterschiede
Um die räumlichen Gegensätze in ihrer Auswirkung auf die Lebenssituation und Perspektiven junger Men-
schen weiter zu analysieren, wurde ein jugendrelevanter
„Raumstrukturindex“
auf Ebene der Gemeinden
entwickelt und eine Zuordnung der Gemeinden zu eher ländlichen oder eher städtischen Gemeinden erfolgte.
Mit Hilfe dieses Raumstrukturindex konnten die Ergebnisse der Befragung von Jugendlichen zusätzlich zu
anderen Strukturmerkmalen auch nach fünf Raumkategorien ausgewertet werden. Anliegen dieser durchge-
führten Online-Befragung war es,
regionale Unterschiede in der Gestaltung des Jugendalltags
zu identi-
fizieren. Bisher durchgeführte Jugendstudien vernachlässigen den Aspekt der räumlichen Ungleichheit oder
bilden diese oftmals nur oberflächlich ab. Der Repräsentativitätsstatus der Online-Befragung wurde zunächst
anhand vorliegender repräsentativer Studien zur Jugend in Sachsen überprüft. Mit Hilfe dieser Überprüfung
kann die Selektivität der Stichprobe - häufiger jüngere Befragte und häufiger ein höherer Bildungsstatus
sowie eine bessere soziale Lage - in den Auswertungen und Schlussfolgerungen entsprechend berücksich-
tigt werden. Zudem wurde bei den Themen, bei denen dies möglich ist, eine Sonderauswertung zur Befra-
gung „Jugend 2009 in Sachsen“ des Instituts für Marktforschung Leipzig zum Vergleich herangezogen.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den jungen Menschen in den verschiedenen Teilräumen
Sachsens
Zu den zentralen Ergebnissen der Befragung zählt, dass junge Menschen in Sachsen sowohl in
den ländli-
chen als auch städtischen Gemeinden
wohnortverbunden und zukunftsorientiert
sind. Allerdings sind die
Jugendlichen trotz dieser Verbundenheit häufig bereit, aus ihrem Wohnort wegzuziehen. Die Wegzugsbe-
reitschaft variiert dabei erheblich je nach räumlichen Voraussetzungen am Wohnort. Insofern verdeutlicht die
Befragung, dass sich die räumliche Differenzierung absehbar künftig weiter fortsetzen wird.
Was die
beruflichen Zukunftsaussichten
der Jugendlichen anbelangt, dominieren optimistische Ansichten.
Etwa acht von zehn Jugendlichen sind der Meinung, dass sie einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finden
werden und in Zukunft „gutes Geld“ verdienen werden; Stadt- und Landjugendliche bestätigen dies in ver-
gleichbarem Maße. Allerdings sind die weniger qualifizierten sowie die sozial schlechter gestellten Jugendli-
chen diesbezüglich etwas weniger optimistisch, wobei auch in diesen Gruppen der Großteil der Befragten
gute berufliche Chancen wahrnimmt.
Regionale Unterschiede der Wohnorte junger Menschen spielen eine große Rolle, wenn die
Freizeitange-
bote
und das
Mobilitätsverhalten
betrachtet werden. In eher ländlichen Gebieten gibt es für Jugendliche
ihrer Einschätzung nach wenige zufriedenstellende Angebote. Nur rd. 15 % der Befragten aus den Wohnor-
ten der „ländlichsten Kategorie“ gaben an, mit den Freizeitmöglichkeiten zufrieden zu sein. In den Großstäd-
ten sind es rd. 71 %. Es sind jedoch nicht nur die fehlenden Freizeitangebote, die zu räumlich unterschiedli-
chen Alltagssituationen der Jugendlichen führen. Auch der Weg zur Schule ist für Jugendliche in ländlichen
Gemeinden oftmals nur mit Hilfe von Auto, Bus oder Bahn möglich. In der ländlichsten Raumkategorie sind
neun von zehn Jugendlichen auf Busse und Bahnen angewiesen, um zur Schule zu kommen, in Großstäd-
ten dagegen nur rd. 58 %. Dabei ist mehr als jeder vierte Jugendliche aus der „ländlichsten Kategorie“ täg-
lich über eine Stunde unterwegs, um die Schule zu erreichen und wieder nach Hause zu kommen, in den
Großstädten liegt dieser Anteil nur halb so hoch. Lange Anfahrtswege sind für Landjugendliche für den Dis-
1
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2013): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebens-
situation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Abrufbar unter: Website des Bundes-
ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (letzter Abruf: 26.04.2013). S. 39.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 3
co- oder Kinobesuch ebenso charakteristisch. Die strukturellen Voraussetzungen des Jugendalltags unter-
scheiden sich zwischen den Regionalkategorien erheblich.
Trotz der unterschiedlichen strukturellen Voraussetzungen sind sich Jugendliche in der Stadt und auf dem
Land hinsichtlich ihrer konkreten Freizeitgestaltung sehr ähnlich. Der Computer, das Internet, das Fernsehen
und das Treffen mit Freunden stehen für Jugendliche ganz oben auf der Liste der Freizeitaktivitäten. Für
Jugendliche aus den eher ländlichen Wohnorten stellen
Jugendclubs bzw. -zentren wichtigere Anlaufpunkte
in der Freizeit dar. Insgesamt geben rd. 20 % an, zumindest selten einen
Jugendclub
oder ein
Jugendzent-
rum
zu besuchen, wobei der Anteil bei Jugendlichen aus der „ländlichsten Kategorie“ bei rd. 26 % gegen-
über den Großstädten mit rd. 18 % liegt. Die größere Relevanz dieser Einrichtungen, die u.a. auf den Man-
gel alternativer Freizeitmöglichkeiten zurückzuführen ist, geht einher mit folgenden Befunden: Die Jugendli-
chen in den eher ländlichen Gemeinden bestätigen seltener, dass in den Einrichtungen strukturierte Freizeit-
angebote unterbreitet werden. Zudem sind erwachsene Ansprechpersonen in den Jugendeinrichtungen die-
se Räume seltener präsent.
In den eher ländlichen peripheren Wohnorten sind rechte Orientierungen weiter verbreitet
als in den eher
städtischen zentralen Wohnorten. Dieses Ergebnis wird übereinstimmend in der Online-Befragung wie in der
Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ ermittelt. Auf Basis der Online-Befragung zeigt sich, dass rd. 26 % der
Jugendlichen in der „ländlichsten Kategorie“, dagegen nur rd. 9 % der Jugendlichen in den Großstädten
ausländerfeindlich eingestellt sind. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Befragten mit Migrationshintergrund von
den Großstädten mit rd. 9 %
2
auf rd. 2 % in den ländlichen Wohnorten.
Die Auswertung der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ belegt, dass Jugendliche in sehr ländlichen Ge-
meinden häufiger rechten Parteien nahe stehen, als in den Großstädten. Für die
politische Orientierung
junger Menschen
allgemein gilt, dass politisch in der Mitte angesiedelten Positionen im Jugendalltag am
verbreitetsten sind. Etwa zwei Drittel der Jugendlichen ordnen sich der Mitte zu, rd. 8 % betrachten sich als
eher rechts und rd. 31 % als eher links. Hinsichtlich der Grundhaltung zum politischen System kann anhand
der Befragungsergebnisse nicht von einer Politikverdrossenheit der sächsischen Jugendlichen ausgegangen
werden. Immerhin rd. 42 % der Befragten gaben an, dass sie sich für Politik interessieren, für die bundes-
deutsche Politik stärker als für die lokale und regionale Politik. Zwei Drittel der Jugendlichen wählen oder
würden dies tun, so sie zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht das Wahlalter erreicht hatten. Im Vergleich
der Raumkategorien ergeben sich für die eher ländlichen Gebiete bezüglich der Bereitschaft zur Wahl zuge-
hen geringere Werte, wobei hierfür in erster Linie das räumliche Bildungsgefälle in der Stichprobe der Befra-
gung eine Rolle spielt.
Viele Jugendliche sind bereit, sich in verschiedenen Bereichen zu engagieren, auf dem Land
wie in der Stadt.
Die Bereitschaft führt zugleich eher selten zu aktivem Engagement. Diese Diskrepanz lässt sich am besten
anhand des Engagements für den eigenen Wohnort illustrieren. Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen ge-
ben an, dass sie sich gerne für Verbesserungen in ihrem Wohnort engagieren würden, wobei es nur rd.
13 % tatsächlich tun. Bei den meisten abgefragten Formen von Engagement zeigen sich ähnliche Unter-
schiede zwischen tatsächlichem
Engagement und Engagementbereitschaft
. Während junge Menschen
motiviert sind, sich einzubringen und sich einzusetzen, fehlt ihnen eine entsprechende aktivierende Struktur
in ihrem direkten Umfeld. Fehlende Strukturen werden aus Sicht junger Menschen auch in einem Mangel an
Mitgestaltungsmöglichkeiten gesehen. Aus Sicht von lokalen Experten besteht neben einem Mangel an Mit-
gestaltungsmöglichkeiten auch eine Hemmschwelle für den Einstieg junger Menschen sowie eine zu geringe
Kenntnis über bestehende Möglichkeiten.
2
Auf Basis der amtlichen Statistik können hier keine Anteile der Personen mit Migrationshintergrund ausgewiesen werden. Darum
werden hier nur die Anteile aus der Befragung angegeben, die jedoch keine direkten Rückschlüsse auf den tatsächlichen Anteil an
Personen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung zulassen.

4 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Strukturelle Änderungen in der Kinder- und Jugendhilfe
Trotz des Rückgangs der Anzahl der jungen Menschen unter 27 Jahren in Sachsen hat das Volumen der
Bruttoausgaben in der Kinder- und Jugendhilfe
seit 2006 inflationsbereinigt zugenommen. Damit gehen
auch Beschäftigungseffekte in der Kinder- und Jugendhilfe einher. Neben ihren inhaltlichen Aufgaben und
Zielen ist die Kinder- und Jugendhilfe somit auch ein relevanter Arbeitsmarkt für pädagogische Fachkräfte
sowie die angelagerten Berufsbereiche. Allerdings verteilt sich die sich Entwicklung von Ressourcen und
damit auch Beschäftigung innerhalb der Leistungsbereiche unterschiedlich, in Teilen sogar gegensätzlich.
Dies erfordert einen differenzierten Blick, der mit einer detaillierten und auch regionalisierten vergleichenden
Analyse der Kinder- und Jugendhilfestatistik erfolgt. Insgesamt wurde seit 2006 mehr
Personal in der
sächsischen Kinder- und Jugendhilfe
eingestellt wurde. Jedoch ist die Anzahl der Vollzeitstellen in der
Jugendarbeit reduziert worden. In der Jugendsozialarbeit wurde das Stellenwachstum durch Teilzeit- und
nebenberufliche Tätigkeiten erreicht, jedoch nicht durch Vollzeitstellen. Besonders viele Vollzeitstellen wur-
den dagegen im Bereich der Hilfe zur Erziehung geschaffen. Neben dem Zuwachs an Stellen in der Kinder-
und Jugendhilfe steigt auch der Anteil der höher qualifizierten Personen mit einem Universitäts-, Hochschul-
oder Fachhochschulabschluss. Gleichzeitig steigt auch der Anteil der jüngeren Beschäftigten unter 30 Jah-
ren an.
Während die Ausgabensteigerung der Kinder- und Jugendhilfe die meisten Leistungsbereiche umfasst, hat
Sachsen seit 2009 einen deutlichen Ausgabenrückgang im Bereich der Jugendarbeit. Finanzierungen als
projektbezogene Modellvorhaben spielen zudem in einem erheblichen Umfang eine Rolle, z. B. in den, die
Schulsozialarbeit ergänzenden Angeboten.
Hohe Motivation trotz Unsicherheiten bei den Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe
Eine Mitarbeiterbefragung bei den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit spiegelt den hohen Anteil der
Teilzeitbeschäftigungen gerade bei den jungen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wieder. Sichtbar wird zu-
dem der hohe Anteil befristet Beschäftigter, die auf die kurzfristigen Finanzierungszeiträume der Träger zu-
rückzuführen sind. Damit einher geht auch die
unsichere berufliche Perspektive
in dem Arbeitsfeld, die im
Kontrast zu der hohen beruflichen Motivation und Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeit steht.
Die Finanzierung der Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere der Leistungen, die nicht über
individuelle Rechtsansprüche geregelt werden, spielten gerade in den Gesprächen vor Ort eine zentrale
Rolle. Damit verbunden ist insbesondere die
Verlässlichkeit von Angeboten und Leistungen
aber auch
ein wachsender Legitimationsdruck. Längerfristige Finanzierungszeiträume und die damit verbundene Pla-
nungssicherheit sowie Verlässlichkeit der Angebote zählt daher auch zu den zentralen Verbesserungswün-
schen der befragten Beschäftigten. Die Bedeutung der Schulen und der Schnittstellen zur Kinder- und Ju-
gendhilfe bilden ebenfalls ein zentrales Thema.
Folgerungen für die Kinder- und Jugendhilfe
Im Ergebnis der Auswertungen sowie den regionalen Arbeitsrunden und Gesprächen mit lokalen Experten
der Kinder- und Jugendarbeit sowie Jugendlichen selber wird sichtbar, dass sich Aufgaben der Kinder- und
Jugendhilfe räumlich differenzieren. Schwerpunkte für Aufgaben sozialer Unterstützung konzentrieren sich
insbesondere in einigen Städten und dort häufig in einzelnen Wohnlagen. Die
sozialräumlich ausgerichte-
te Verknüpfung der Leistungen der Kinder- und Jugendarbeit
mit Elternhäusern und Schulen ist dort
kleinräumig noch bedeutsamer als sie es ohnehin schon ist. In den sich ausdünnenden ländlichen Gemein-
den, in denen sich die rückläufige Entwicklung der Zahl junger Menschen absehbar wanderungsbedingt
verstärken wird, ist eine neue Zusammenarbeit und Steuerung der Jugendarbeit erforderlich. Beispielhaft
wird beschrieben, wie dies im Rahmen eines „Jugendforums“ künftig erfolgen könnte. Angesichts eines stei-
genden
Legitimationsdrucks der Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe
bildet zudem die Wirkungsbe-
trachtung eine neue Entwicklungsaufgabe. Diese kann zudem Wegbereiter sein, die geforderte und bislang
nicht erreichte längerfristige Verlässlichkeit der Finanzierung von Leistungen zu erreichen. Die Zusammen-

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 5
arbeit mit Schulen, insbesondere an der Schnittstelle der Schulsozialarbeit, ist nach wie vor eine der bislang
nur unzureichend gelösten Aufgaben. Auch die Schulen selber sind als Sozialisationsinstanz gefordert, hier
bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.
2
Aufgabenstellung und Vorgehen
Der Vierte Kinder- und Jugendbericht beschreibt Entwicklungen und Rahmenbedingungen für das Aufwach-
sen junger Menschen und für die Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen, wobei die Frage nach räumlichen
Unterschieden und daraus resultierenden Veränderungsprozessen im Vordergrund steht. Junge Menschen
wachsen in Sachsen an Wohnorten auf, die teilweise konträre Entwicklungsvorzeichen tragen. Demografi-
sche Veränderungen beeinflussen somit nicht nur direkt die Lebenssituation junger Menschen, sondern ge-
rade junge mobile Erwachsene am Übergang von der Schule in den Beruf sind ein zentraler Motor dieser
Veränderungsprozesse. Die ländlichen Regionen mit rückläufiger Einwohnerzahl, vor allem mit den Wande-
rungsverlusten junger Bevölkerungsgruppen, stehen somit im Fokus der Betrachtung.
Aber nicht nur demografische Veränderungen beeinflussen in ihrer räumlichen Ausprägung das Aufwachsen
junger Menschen. Trotz vergleichsweise günstiger Entwicklungsvorzeichen im zeitlichen Vergleich als auch
im überregionalen Vergleich haben sozioökonomische Unterschiede nach wie vor Einfluss auf Entwicklungs-
chancen jungen Menschen. Diese Faktoren werden daher bei der Betrachtung der Lebenssituation junger
Menschen ebenfalls herangezogen.
Anliegen dieser Studie ist es auch, die beobachtbaren räumlichen Entwicklungsunterschiede in ihrer Alltags-
bedeutung aus Sicht junger Menschen zu erfassen und zu analysieren sowie mögliche Unterschiede in eini-
gen Bereichen der alltäglichen Lebensgestaltung, in Einstellungen und Haltungen junger Menschen darzu-
stellen. Zu diesem Zweck wurde eine Online-Befragung von rund 2.800 jungen Menschen durchgeführt.
Die Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe werden durch eine Analyse der Angebotsstruktur und der
eingesetzten finanziellen und personellen Ressourcen abgebildet. Diese Auswertung erfolgt auf Basis der
amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik, wobei wiederum mögliche räumliche Entwicklungsunterschiede in
den Teilräumen Sachsens dargestellt werden.
Der Berichtsauftrag umfasst, auf der Grundlage der Analysen und Erhebungen Handlungsempfehlungen zur
Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe abzuleiten.
Neben den Auswertungen der Daten der amtlichen Statistik und der Daten, die im Zuge der Online-
Befragung gewonnen wurden, wurde die Expertise der sächsischen Fachleute in die Berichtserstellung ein-
gebunden. Die Berichtserstellung wurde von einem Begleitbeirat
3
mit Vertretern der Wissenschaft, Ministeri-
en und Verbände begleitet. Außerdem erfolgte in insgesamt 9 Workshops mit Experten und 5 Workshops mit
Jugendlichen eine ausführliche Diskussion und Rückkopplung der Ergebnisse mit den Erfahrungen vor Ort.
Weitere Expertengespräche, Besuche in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Teilnahme an
Fachveranstaltungen ergänzen die eigenen Erhebungen und die Auswertung der amtlichen Statistik.
3
Beiratsmitglieder siehe Anhang

6 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
3 Inhaltlicher Aufbau
Teil I des Vierten sächsischen Kinder- und Jugendberichts geht auf Bedingungen des Aufwachsens in Sach-
sen ein. Dabei werden insbesondere die demografische Entwicklung in Sachsen (Kapitel 1) sowie die wirt-
schaftliche Situation von jungen Menschen und ihren Familien (Kapitel 2) betrachtet. Die Ergebnisse dieser
Kapitel werden jeweils eingeordnet bezogen auf mögliche Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendhilfe.
Abschließend werden im ersten Teil die räumlichen Unterschiede in Sachen diskutiert. Dabei geht es insbe-
sondere um die Abgrenzung von städtischen und ländlichen Räumen für die weitere Analyse (Kapitel 3).
Teil II geht auf die Lebenssituation und Perspektiven von jungen Menschen in Sachsen ein. Dem Berichtsteil
vorangestellt ist die Datenverdichtung zum „Raumstrukturindex“ auf Ebene der Gemeinden in Sachsen (Ka-
pitel 1). Dadurch können die folgend dargestellten Befragungen nach unterschiedlichen Raumkategorien
differenziert werden. Die Ergebnisse der Online-Jugendbefragung sowie eine ergänzende Analyse der „Ju-
gendumfrage 2009“ stellen die Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Jugendalltag im Regional-
vergleich dar (Kapitel 2 und 3). Die Lebenssituation von jungen Menschen sowie deren politisches Interesse
und Engagement wird darüber hinaus aus der Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugend-
arbeit dargestellt (Kapitel 4), wobei die Ergebnisse der Online-Mitarbeiterbefragung vorgestellt werden. Ein
weiteres Kapitel in diesem Berichtsteil geht im Speziellen auf das Thema Schule und Sozialarbeit an der
Schule ein (Kapitel 5). Abschließend werden überblickartig die Aufgaben für die Jugendarbeit, insbesondere
in Bezug auf das Aufwachsen im ländlichen Raum, dargestellt (Kapitel 6).
Im Teil III werden die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe näher analysiert. Grundlage dafür sind Daten
der Kinder- und Jugendhilfestatistik. Diese werden gezielt ergänzt um weitere Inhalte. Eine kurze Einführung
geht auf Strukturen und Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe ein (Kapitel 1). Folgend werden
ausgewählte Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen tiefergehend dargestellt (Kapitel 2), wobei
auf die Angebote, die personelle Ausstattung sowie die Finanzierung eingegangen wird, soweit das mit den
vorliegenden Daten möglich ist. Anhand der Ergebnisse der Online-Mitarbeiterbefragung wird vertieft auf die
Perspektive von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendarbeit eingegangen (Kapitel 3).
Im Teil IV werden auf Grundlage der empirischen Analysen sowie der Diskussionsergebnisse der Work-
shops zentrale Schlussfolgerungen gezogen. Ausgangspunkt bilden die Erkenntnisse und Erfahrungen der
demografischen und sozialen räumlichen Differenzierung. Der Umgang mit den beobachteten Veränderun-
gen und die Steuerung in der Praxis sind weitere, wichtige Ausgangspunkte für die Formulierung der
Schlossfolgerungen. Im Ergebnis liegen Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in
Sachsen vor, die sich aus den empirischen Ergebnissen und Expertenmeinungen des Vierten Sächsischen
Kinder- und Jugendberichts ableiten.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 7
Teil I:
Bedingungen des Aufwachsens
in Sachsen
Niedrige Geburtenraten, eine anhaltende Abwanderung und ein ansteigendes Durchschnittsalter sind Merk-
male der demografischen Entwicklung in Sachsen wie auch in anderen Regionen in Deutschland. Die Aus-
wirkungen sind dabei regional sehr unterschiedlich und bedürfen einer differenzierten Betrachtung (vgl. Kapi-
tel 1). Weiterhin ist die wirtschaftliche Situation der jungen Menschen ein Faktor, der sich auf die Inan-
spruchnahme von Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe auswirkt (vgl. Kapitel 2). In diesem ersten Teil des
vierten Kinder- und Jugendberichts soll darum auf zwei zentrale Bedingungen für das Aufwachsen von jun-
gen Menschen in Sachsen eingegangen werden, die zugleich auch Rahmenbedingungen für die Kinder- und
Jugendhilfe darstellen.
1
Die demografische Entwicklung in Sachsen
1.1
Die Bevölkerungsentwicklung in Sachsen
Die Bevölkerungsentwicklung ist in Sachsen, wie auch in allen anderen ostdeutschen Bundesländern seit
1990 rückläufig. Lebten 1990 noch 4.775.900 Menschen in Sachsen so sind es heute noch 4.137.000 Men-
schen. Das entspricht einem Rückgang um 13,4 % (vgl. Abbildung 1). Bis 2025 wird von einem weiteren
Bevölkerungsrückgang auf etwa 3,6 bis 3,87 Mio. Menschen ausgegangen.
4
Im Jahr 1990 bestand in Sach-
sen ein relativ hoher Frauenüberschuss. Das Verhältnis Frauen zu Männern lag bei 1 zu 0,89. Der Bevölke-
rungsrückgang ist bei den Frauen stärker ausgeprägt als bei den Männern und dementsprechend wird die
Differenz der weiblichen und männlichen Bevölkerung zunehmend geringer. Im Jahr 2011 lag das Verhältnis
Frauen zu Männern bei 1 zu 0,96.
Der Bevölkerungsrückgang basiert auf einer anhaltend niedrigen Geburtenrate sowie auf hohen Abwande-
rungsraten. Im Jahr 2011 haben 74.188 Menschen Sachsen verlassen, während 70.536 Menschen zugezo-
gen sind. Das daraus resultierende negative Wanderungssaldo ist hauptverantwortlich für den Bevölke-
rungsrückgang in Sachsen. Es handelt sich dabei um einen Trend, der bereits vor der Wende begonnen
hatte, sich aber zu Beginn der 1990er Jahre durch eine starke Abwanderung und sehr geringe Geburten-
jahrgänge verschärfte.
5
4
Vgl. Daten des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen: 5. regionalisierte Bevölkerungsprognose für den Freistaat
Sachsen bis 2025.
5
Vgl. Sächsischer Landtag (2008): Demografische Entwicklung und ihre Auswirkung auf die Lebensbereiche der Menschen im
Freistaat Sachsen sowie ihre Folgen für die politischen Handlungsfelder. Bericht der Enquete-Kommission. S. 26f.

image
8 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 1: Entwicklung der Bevölkerung nach Geschlecht (Sachsen 1990 bis 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
Der Bevölkerungsrückgang verläuft in den einzelnen Teilräumen Sachsen unterschiedlich. Waren in den
1990er Jahren noch alle Teilräume von einem Bevölkerungsrückgang betroffen, so zeigt die regionale Be-
völkerungsentwicklung seit 2001 deutliche räumliche Unterschiede. Während in Sachsen insgesamt die Be-
völkerung in diesem Zeitraum um 5,6 % zurückging (vgl. Abbildung 2), haben die Städte Leipzig und Dres-
den an Bevölkerung hinzugewonnen. Die Bevölkerung in Dresden wuchs zwischen 2001 und 2011 von
478.631 auf 529.781 Personen bzw. um 10,7 %. In Leipzig fiel der Zuwachs mit einem Plus von 38.757 Per-
sonen bzw. 7,9 % auf heute 531.809 etwas geringer aus.
Auch in den übrigen Kreisen und in der kreisfreien Stadt Chemnitz unterscheidet sich die demografische
Entwicklung z.T. erheblich. Besonders hohe Bevölkerungsverluste mussten die Landkreise Görlitz (-13,5 %),
Erzgebirgskreis (-11,7 %), Bautzen (-11,1 %), Mittelsachsen (-11,0 %), Vogtlandkreis (-11,0 %) und Nord-
sachsen (-10,3 %) hinnehmen.

image
Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 9
Abbildung 2: Bevölkerungsentwicklung in den Landkreisen und kreisfreien Städten (Sachsen 2001 bis 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
Auch innerhalb der Landkreise bestehen in den Gemeinden deutliche Unterschiede in der Entwicklungsdy-
namik (vgl. Abbildung 3). Die Gemeinden im Umland der großen Städte Dresden und Leipzig profitieren von
der Dynamik der beiden Großstädte. Der Bevölkerungsrückgang ist dort weniger stark ausgeprägt und eini-
ge der Umlandgemeinden verzeichnen sogar Bevölkerungszuwächse (z. B. Radebeul +4,7 %, Markkleeberg
+5,7 %).
Vom Bevölkerungsrückgang besonders betroffen sind insbesondere Gemeinden im peripher gelegenen
Raum. Beispielsweise im Landkreis Görlitz in der Grenzregion zu Polen (Gemeinde Osteritz -20,1 %) und im
Erzgebirgskreis an der Grenze zu Tschechien (Johanngeorgenstadt -25,1 %, Oberwiesenthal - 20,8 %) so-
wie Zettlitz (-24,0 %) im Landkreis Mittelsachsen, Königsstein (-27,0 %) und Rathen (-22,5 %) im Landkreis
Sächsische Schweiz/Osterzgebirge und Withen im Landkreis Bautzen (-20,7 %). Überdurchschnittlich stark
vom Bevölkerungsrückgang betroffen sind darüber hinaus die Mittelstädte Weißwasser (-25,1 %) und
Hoyerswerda (-23,4 %).

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10 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 3: Bevölkerungsentwicklung in den Gemeinden (Sachsen 2001 bis 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 11
1.2
Entwicklung der jungen Bevölkerung in Sachsen
Der Bevölkerungsrückgang betrifft nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichmäßig. Die Bevölkerungsrückgänge
sind insbesondere in den jüngeren Altersklassen stark ausgeprägt (vgl. Abbildung 4). Die Bevölkerung in der
Altersklasse der unter 18-Jährigen ist von 2001 bis 2011 von 695.500 auf 557.000 (-19,9 %) gesunken, in
der Altersklasse der 18 bis unter 27-Jährigen war der Rückgang mit -26,7 % (von 402.000 auf 294.500) noch
deutlicher. Auch die Altersklasse der 27- bis unter 40-Jährigen hat seit 2001 um -15,4 % abgenommen
(Rückgang von 878.000 auf 743.000). Im gleichen Zeitraum nahm die Altersklasse der über 65-Jährigen von
845.500 auf 1.014.000 Menschen zu (+20,0 %).
Abbildung 4: Bevölkerung nach Altersklassen (Sachsen 2001, 2006 und 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
Innerhalb der jüngeren Altersklassen bis unter 27 Jahre zeigt sich ein differenziertes Bild (vgl. Abbildung 5).
Die Bevölkerung in der Altersklasse der 21 bis unter 27-Jährigen ist nahezu unverändert geblieben. Die
Rückgänge der Bevölkerungszahl betreffen insbesondere die Altersklassen der älteren Kinder von 10 bis
unter 14 Jahren (-34,0 %), der Jugendlichen zwischen 14 bis unter 18 Jahre (-56,2 %) und der 18 bis unter
21 Jahre (-52,5 %). Demgegenüber haben die jüngeren Altersklassen zugenommen: Die Altersgruppe der
0 bis unter 6-Jährigen stieg von 2001 bis 2011 von 181.000 um 13,1 % auf 204.700, die Altersgruppe der
6 bis unter 10-Jährigen wuchs im gleichen Zeitraum von 96.900 auf 128.200 (+32,3 %). Mit diesem Anstieg
der Bevölkerungszahlen in den jüngeren Jahrgängen hat die Kinder- und Jugendhilfe in Zukunft wieder mit
steigenden Zahlen der Nutzerinnen und Nutzer zu rechnen.
6
6
Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (2010b): Sozialstrukturatlas des Landesjugendamtes für den
Freistaat Sachsen 2010. Dresden. S.11.

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12 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 5: Bevölkerung der unter 27-Jährigen nach Altersklassen (Sachsen 2001, 2006 und 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
Nicht nur innerhalb der Altersklassen besteht eine unterschiedliche Entwicklungsdynamik, auch räumlich
unterscheidet sich die Bevölkerungsentwicklung der jüngeren Altersklassen erheblich. In Sachsen insgesamt
sank seit 2001 die Bevölkerung der Altersklasse der unter 18-Jährigen um 19,9 % von 695.437 auf 557.175.
Dabei wanderten alleine von den unter 14-Jährigen im Saldo rund 9.000 Kinder mit ihren Familien zwischen
2000 und 2011 ab. In der Prognose wird erwartet, dass 2030 nur noch jeder zehnte Einwohner unter
14 Jahre alt ist (2011: rund 11 %). Zudem konzentrieren sich die Kinder zunehmend in den kreisfreien Städ-
ten, in denen derzeit etwa ein Drittel der Kinder in Sachsen leben.
7
Der Rückgang der jüngeren Bevölkerung ist insbesondere in den ländlichen und peripher gelegenen Ge-
meinden besonders stark ausgeprägt (vgl. Abbildung 6). Das betrifft u.a. die kleineren Gemeinden in der
nördlichen Oberlausitz (z. B. Boxberg O.L. -41,5 %, Rothenburg O.L. -40,2 %) aber auch die größeren Städ-
te der Oberlausitz Hoyerswerda (-49,5 %) und Weißwasser (-51,0 %). Weitere Konzentrationen von Ge-
meinden mit hohen Bevölkerungsrückgängen in der Altersklasse der unter 18-Jährigen gibt es im Süden des
Landkreises Görlitz, in den Gemeinden im westlichen und östlichen Erzgebirge sowie in Nordsachsen und
im nördlichen Teil des Landkreises Meißen. Zuwächse in der Altersklasse der unter 18-Jährigen haben allein
die Städte Dresden (+3,8 %) und Leipzig (+0,6 %) sowie die Gemeinde Radebeul im Umland von Dresden
(+3,3 %).
7
Vgl. Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen: (2012): Kinder in Sachsen. Abrufbar unter: Online Shop Statistisches Lan-
desamt des Freistaates Sachsen (letzter Abruf: 21.11.2012).

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 13
Abbildung 6: Bevölkerungsentwicklung der unter 18-Jährigen in den Gemeinden (Sachsen 2001 bis 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
Die Entwicklung der Altersklassen ist sowohl auf Binnenwanderungsprozesse zurückzuführen als auch auf
die geburtenschwachen Jahrgänge nach der Wende (Kohorteneffekt). Abbildung 7 zeigt die Bevölkerung in
Sachsen nach Altersjahren im Vergleich von 2001 und 2011. Das Niveau der Alterskohorten ist dabei inner-
halb dieser 10 Jahre rückläufig, wobei dies insbesondere auf die Altersjahre zutrifft, die 2001 zwischen
15 und 25 Jahren alt waren. Diese Kohorte ist 2011 zwischen 25 und 35 Jahren alt und hat sich im Volumen
stark verringert. Diese Personen befinden sich in einem Alter, wo sie potentiell Familien gründen. Ein Rück-
gang dieser Kohorte innerhalb der dargestellten 10 Jahre deutet auf eine Abwanderung aus Sachsen hin.
Dennoch ist die Anzahl der Personen zwischen 25 und 30 Jahren in 2011 höher als in 2001, wodurch auch
eine höhere Anzahl an Kleinkindern in 2011 zu erklären ist.
Zukünftig ist mit einem weiteren Rückgang der Geburten in Sachsen zu rechnen. Die deutlich kleineren Al-
tersjahrgänge der jetzt unter 20-Jährigen werden sich entsprechend auf die Anzahl der Geburten auswirken.
Während die Altersjahrgänge der 25- bis 35-Jährigen jeweils über 50.000 Personen liegen, erreichen die
Altersjahrgänge der unter 15-Jährigen nur noch knapp über 30.000 Personen. Die 15- bis unter 20-Jährigen
bilden sogar noch kleinere Jahrgänge, was vor allem durch die geringe Geburtenzahl nach der Wende zu
erklären ist.
8
8
Vgl. Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (2012).

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14 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 7: Bevölkerung nach Altersjahren von 0 bis unter 75 Jahre (Sachsen 2001 und 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
1.3 Wanderungsbewegungen
Verantwortlich für den Bevölkerungsrückgang sind neben der niedrigen Geburtenrate die selektiven Wande-
rungsbewegungen. Es sind insbesondere die jungen Frauen, die aus Sachsen abwandern oder innerhalb
von Sachsen in die größeren Städte ziehen. Dementsprechend hat sich das Geschlechterverhältnis in der
Altersklasse der 18 bis unter 27-Jährigen, also in der mobilen Altersklasse der jungen Menschen, die sich in
der Ausbildung befinden oder sich beruflich etablieren und noch vor der Familiengründungsphase stehen, in
einigen Gemeinden erheblich verschoben (vgl. Abbildung 8).
In Sachsen insgesamt beträgt der Anteil der Frauen an der Altersklasse der 18 bis unter 27-Jährigen 44,5 %.
In Leipzig dagegen leben mit 52,8 % überdurchschnittlich viele Frauen dieser Altersklasse. Gemeinden mit
einem unterdurchschnittlichen Anteil an jungen Frauen liegen im ländlichen Raum z. B. in der Oberlausitz im
Landkreis Bautzen und in Landkreis Görlitz. Die Anteile der jungen Frauen liegen dort bei unter 40 %. Diese
Auseinanderentwicklung von ländlichen Räumen auf der einen Seite und den Kernstädten auf der anderen
Seite hat bereits in den 1990er Jahren eingesetzt. Dies kann dabei u.a. auf regionale Strukturen des Ar-
beitsmarktes zurückgeführt werden. Gerade in der Ausbildungsphase manifestiert sich ein Frauenüber-
schuss in den Universitätsstädten (siehe Leipzig in Abbildung 8). Im Vergleich zu anderen europäischen
Staaten ist die ungleiche Sexualproportion bestimmter Altersgruppen in Ostdeutschland relativ stark ausge-
prägt. Als Grund wird angeführt, dass die traditionell hohe Erwerbsorientierung sowie eine hohe Mobilitäts-
bereitschaft von ostdeutschen Frauen zu einer geschlechtsspezifischen Abwanderung aus strukturschwa-
chen Regionen führt.
9
Letztlich wirkt es sich auch auf die Geburtenrate aus, wenn Frauen abwandern, bevor
sie möglicherweise eine Familie gründen.
10
9
Vgl. Leibert, T. (2012): „Männerproletariat“ - schiffbrüchig im „Ozean von Armut und Demenz“? Die Geschlechterproportionen als
Indikator für die sozioökonomische Marginalisierung ländlicher Räume Ostdeutschlands. In: Stadt Leipzig (Hrsg.): Statistischer
Quartalsbericht IV/2011. S. 20-28.
10
Diese Entwicklung wurde auch von der Enquete-Kommission zum demografischen Wandel in Sachsen hervorgehoben. Vgl. Säch-
sischer Landtag (2008). S. 45.

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 15
Abbildung 8: Anteil Frauen an der Bevölkerung im Alter von 18 bis unter 27 Jahren in den Gemeinden (Sachsen
2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
Der Bevölkerungsrückgang basiert dabei nicht primär auf eine überdurchschnittliche Abwanderung, sondern
auf eine unterdurchschnittliche Zuwanderung (vgl. Abbildung 9). Im Saldo ist die Bevölkerungsentwicklung in
den Landkreisen negativ. Lediglich die Städte Leipzig und Dresden haben ein positives Wanderungssaldo.

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16 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 9: Kumuliertes Wanderungssaldo je 1.000 Einwohner in den Landkreisen und kreisfreien Städten
(Sachsen 2002 bis 2011, Basisjahr 2001)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 17
1.4 Bevölkerungsdichte
Die Bevölkerungsdichte in Sachsen insgesamt beträgt 224 Einwohner pro km². In den Städten sowie in eini-
gen Randgemeinden der Städte und dem verstädterten Raum zwischen Chemnitz und Zwickau ist die Be-
völkerungsdichte deutlich höher. Regionen mit einer deutlich unterdurchschnittlichen Bevölkerungsdichte
befinden sich im nördlichen Teilbereich der Landkreise Bautzen und Görlitz, im Landkreis Nordsachsen, im
südlichen Teilbereich des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und im süd-westlichen Teil des
Vogtlandes (vgl. Abbildung 10).
Die Bevölkerungsdichte wird als ein Merkmal herangezogen, um die Gemeinden zu beschreiben und um
städtische bzw. ländliche Gemeinden zu identifizieren. Diese Typisierung der Gemeinden ist für die Auswer-
tung der Befragungsergebnisse relevant, denn mit der Befragung sollte eruiert werden, ob es Unterschiede
zwischen städtischen und ländlichen Teilräumen gibt und welcher Art diese im Hinblick auf die Lebensbe-
dingungen und das Aufwachsen von Jugendlichen sind. Dies wird tiefergehend im Kapitel 3 sowie in Kapitel
1 erläutert.
Abbildung 10: Bevölkerungsdichte in den Gemeinden (Sachsen 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung

18 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
1.5
Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Kinder-
und Jugendhilfe in Sachsen
Hinter der insgesamt rückläufigen Bevölkerungsentwicklung in Sachsen stecken unterschiedliche altersspe-
zifische und räumliche Entwicklungsmuster. Neben der räumlich nur gering unterschiedlichen natürlichen
Bevölkerungsentwicklung beeinflussen die selektiven Wanderungsbewegungen die zunehmende räumliche
Differenzierung der Städte und Gemeinden in Sachsen.
Gerade die Altersgruppen der jungen Volljährigen, die erstmals selber über ihre Wohnstandortwahl ent-
scheiden, sind ein wesentlicher Motor dieser räumlichen Ausdifferenzierung. In diesen Altersgruppen ist die
Mobilität am höchsten ausgeprägt. Die geschlechtsspezifische Betrachtung verdeutlicht, dass besonders
junge Frauen häufiger ihren Wohnort verlassen. In der Folge entstehen deutliche Unterschiede in den antei-
ligen Verhältnissen von jungen Frauen und Männern, die die räumlich ungleiche Entwicklung dieser Alters-
gruppen noch überlagern.
Die Zahl der jungen Menschen hat in nahezu allen Gemeinden in Sachsen zwischen 2001 und 2011 abge-
nommen. Damit einher geht auch ein Rückgang der Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe. Gerade in peri-
pheren Räumen gibt es immer weniger Familien mit Kindern, wobei dieser Prozess durch ein negatives
Wanderungssaldo zusätzlich verstärkt wird. Die Kinder- und Jugendhilfe und mit ihr die Jugendhilfeplanung
stehen in Bezug auf den demografischen Wandel vor vielen Herausforderungen. Es stellt sich die Frage, wie
weiterhin in peripheren, ländlichen Räumen Kinder- und Jugendhilfe gewährleistet werden kann, wenn sich
für Familien und insbesondere junge Menschen die Wege zu Angeboten verlängern, weil diese am Wohnort
nicht mehr vorgehalten werden können. Eine Aufgabe der Akteure in der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen
wird es zukünftig sein, dafür neue Lösungswege zu finden. In diesem Bericht wird darum auch auf entspre-
chende Beispiele aus der Praxis in Sachsen eingegangen, um mögliche Lösungsansätze vorzustellen.
2
Die wirtschaftliche Situation von jungen Men-
schen und ihren Familien in Sachsen
2.1
Einkommenssituation von Familien mit Kindern im Freistaat
Sachsen
Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen in Sachsen liegt 2011 bei 1.543 Euro pro Monat gemäß
Mikrozensus (vgl. Tabelle 1). Unberücksichtigt bleibt bei diesen Zahlen die jeweilige Haushaltsgröße bzw.
die Anzahl der Personen, denen dieses Einkommen zur Verfügung steht. Um Einkommensunterschiede bzw.
ungleiche Einkommensverteilungen zwischen unterschiedlichen Haushaltsgrößen bzw. Lebensformen mit
und ohne Kinder sichtbar zu machen, muss das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen mit der durch-
schnittlichen Anzahl der Personen in Haushalten der jeweiligen Lebensform gewichtet werden. Dieses be-
darfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen erlaubt einen Vergleich der Einkommen auch unterschiedlicher
Haushalte.
In Sachsen liegt das bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen (alle Lebensformen) bei 857 Euro (vgl.
Tabelle 1). Das höchste bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen pro Person erzielen unverheiratete
Lebensgemeinschaften ohne ledige Kinder (1.083,50 Euro). In Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren (alle
Lebensformen mit Kindern) ist das bedarfsgewichtete Einkommen mit 662 Euro deutlich geringer. Innerhalb
der Haushalte, in denen Kinder leben, sind die Paarhaushalte deutlich besser gestellt als die Alleinerziehen-
den. Bei verheirateten Paaren liegt das bedarfsgewichtete Einkommen bei 833 Euro, bei unverheirateten
Paaren bei 684 Euro. Das bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen von Alleinerziehenden mit Kindern
unter 18 Jahren liegt mit 543 Euro deutlich unterhalb der Einkommen der Paarhaushalte.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 19
Tabelle 1: Durchschnittliche sowie bedarfsgewichtete
11
monatliche Nettoeinkommen verschiedener Lebensfor-
men - Ergebnisse des Mikrozensus (Sachsen 2011)
Lebensform
Sachsen 2011
Sachsen,
bedarfsgewichtet
alle Lebensformen
1.543 €
857 €
Lebensformen ohne ledige Kinder
1.369 €
685 €
darunter Paare ohne Kinder
1.944 €
972 €
darunter Ehepaare ohne ledige Kinder
1.915 €
957,50 €
darunter Lebensgemeinschaften ohne ledige Kinder
2.167 €
1.083,50 €
Lebensformen mit Kindern unter 18 Jahren
2.318 €
662 €
darunter Paare mit Kindern
2.791 €
797 €
darunter Ehepaare mit Kindern
2.916 €
833 €
darunter Lebensgemeinschaften
2.393 €
684 €
darunter Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren
1.250 €
543 €
Alleinstehende
1.038 €
1.038 €
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, Statistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus
Das bedarfsgewichtete Nettoeinkommen ist bei den Lebensformen mit Kindern unter 18 Jahren in Sachsen
im Jahr 2011 grundsätzlich niedriger, als in Lebensformen ohne Kinder. Dies zeigt, ebenso wie zuvor im
„Dritten Sächsischen Kinder- und Jugendbericht“, dass von einem nominal höheren Einkommen des Haus-
halts nicht automatisch auf eine finanzielle Besserstellung, unabhängig von der Lebensform, geschlossen
werden darf.
Die Verteilung der Nettohaushaltseinkommen nach Höhe und Familienform kann in Tabelle 2 abgelesen
werden. Hinsichtlich der Familienformen können erheblich Unterschiede identifiziert werden. Es wird deutlich,
dass insbesondere verheiratete Paare höhere Einkommen erzielen als unverheiratete Paare und ihr Anteil
an den höheren Einkommensklassen am größten ist. In den unteren Einkommensklassen sind überwiegend
Haushalte von Alleinerziehenden zu finden. Der Anteil der Alleinerziehenden mit einem Einkommen von
1.300 Euro oder weniger an allen Alleinerziehenden beträgt 43 %, während nur ein geringer Teil der Paare
mit Kindern in dieser Einkommensklasse zu finden sind (Ehepaare mit Kindern 3 %; nichteheliche Lebens-
gemeinschaften mit Kindern 7 %).
11
Das bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen der Lebensform entspricht dem Quotienten aus dem Einkommen in Sachsen
2011 und der Anzahl der Personen je Lebensform (Anzahl der Personen je Lebensform: „alle Lebensformen“ = 1,8; „Lebensformen
ohne Kinder“ = 2,0; „Lebensformen mit Kinder“ = 3,5; Alleinerziehende = 2,3; Alleinstehende = 1,0). Die Werte weichen deutlich
von denen des „Dritten Sächsischen Kinder- und Jugendberichtes“ (3. KJB) ab, da hier die vorgegebene Personenanzahl je Le-
bensform aus dem Mikrozensus 2011 zur Berechnung verwendet worden ist und daher nicht der OECD-Skala entspricht, die bei
den Berechnungen im 3. KJB zu Grunde gelegt wurde. Durch die Verwendung von Werten des Mikrozensus konnte die Bedarfs-
gewichtung an die tatsächliche Verteilung der Lebensformen in Sachsen angepasst werden.

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20 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Tabelle 2: Familien ohne Kinder und mit Kindern unter 18 Jahren in Sachsen nach monatlichem Haushaltsnetto-
einkommen in % - Ergebnisse des Mikrozensus (Sachsen 2011)
Einkommens-
klasse
Ehepaare
mit Kindern
nicht eheliche
Lebensgemein-
schaft mit Kin-
dern
Allein-
erziehende
Familien mit
Kindern
insgesamt
Lebensformen
ohne Kinder
unter € 900
-
-
14%
4%
23%
€ 900 bis € 1.300
3%
7%
29%
10%
23%
€ 1.300 bis € 1.700
8%
11%
22%
12%
20%
€ 1.700 bis € 2.600
27%
41%
27%
29%
23%
€ 2.600 bis € 3.200
21%
18%
4%
16%
5%
mehr als € 3.200
41%
23%
4%
28%
5%
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, Statistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus
Bei der Verteilung der Einkommen muss berücksichtigt werden, dass bei den Alleinerziehenden nur eine
Erwerbsperson ein Einkommen erzielen kann. Sie (insbesondere Mütter) sind häufig abhängig von staatli-
chen Grundsicherungsleistungen als Haupteinnahmequelle (vgl. Abbildung 11). Während mehr als drei Vier-
tel der Ehepaare mit Kindern (rund 85 %) und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern (rund 84 %)
ihren Lebensunterhalt über Einkünfte aus der Erwerbstätigkeit beziehen, trifft das nur für etwa die Hälfte der
alleinerziehenden Familien (rund 54 %) in Sachsen zu. Alleinerziehende erhalten deutlich häufiger Arbeitslo-
sengeld I und II. Rund 26 % der Alleinerziehenden in Sachsen erhielten 2011 derartige Leistungen. Etwa
9 % der Lebensformen ohne Kinder und etwa 12 % der Lebensformen mit Kindern erhielten Transferleistun-
gen nach SBG II oder SGB III.
Abbildung 11: Lebensformen ohne Kinder und mit Kindern unter 18 Jahren nach überwiegendem Lebensunter-
halt der Bezugsperson in % – Ergebnisse des Mikrozensus (Sachsen 2011)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, Statistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 21
Im Vergleich zu 2010 ist der Anteil der Alleinerziehenden, die Transferleistungen beziehen, um mehr als
3 %-Punkte zurückgegangen. Insgesamt ist der Anteil der ALG I- und ALG II-Empfänger (unabhängig vom
der Lebensform) von rund 11 % (2010) auf etwas unter 10 % (2011) zurückgegangen, und die Zahl der Er-
werbstätigen ist im gleichen Zeitraum von fast 48 % auf 49 % angestiegen.
Fast jeder dritte junge Mensch unter 18 Jahren in Deutschland kommt aus einem Elternhaus, das armutsge-
fährdet ist oder in dem beide Elternteile nicht erwerbstätig sind oder in dem beide Elternteile keinen ausrei-
chenden Bildungsabschluss vorweisen. Für 3 % der Kinder- und Jugendlichen treffen sogar alle drei Fakto-
ren zu und das sogar noch verstärkt bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das soziale
Risiko, also dass beide Elternteile nicht erwerbstätig sind, betrifft rund 15 % der unter 18-Jährigen in Sach-
sen. Dieser Wert fällt im Ländervergleich relativ hoch aus und wird nur von den Stadtstaaten Berlin (rund
22 %) und Bremen (rund 21 %) übertroffen. Dagegen ist das Risiko eines bildungsfernen Elternhauses in
Sachsen sehr gering. Nur etwa 4 % der unter 18-Jährigen leben in einem Elternhaus, in dem beide Elterntei-
le keinen Abschluss des Sekundarbereichs II oder einen vergleichbaren Berufsabschluss vorweisen können.
Das ist neben Thüringen (ebenfalls rund 4 %) und Brandenburg (rund 5 %) der niedrigste Wert im Länder-
vergleich.
12
Insgesamt sind von allen drei genannten Risiken in Sachsen weniger als 3 % aller unter 18-Jährigen betrof-
fen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Situation der Kinder und Jugendlichen in Sachsen, Branden-
burg, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg besser dar, als in den übrigen Bundesländern in Deutsch-
land.
13
Armutsrisiken als vergleichende Betrachtung können anhand der Armutsgefährdungsquote (60 % oder we-
niger des Medianeinkommens) abgebildet werden. Bei dieser relativen Betrachtung des Armutsrisikos, ist es
entscheidend, wer miteinander verglichen wird. Hier müssen regional unterschiedlicher Einkommens- und
Preisniveaus
14
berücksichtigt werden, um die Risiken vor dem Hintergrund der regional unterschiedlichen
üblichen Lebensstandards zu erfassen. Im Kapitel 2.2 wird das Armutsrisiko für Familien in Sachsen darge-
stellt.
2.2
Armutsgefährdung der Familien in Sachsen
Um die Einkommensarmut von Familien zu erfassen, ist es erforderlich festzulegen, ab welchem Schwellen-
wert Armut beginnt. Die Einkommenssituation von Familien – als Armutsindikator - ist ein Maß für den Le-
bensstandard, den sich eine Familie leisten kann. Anzunehmen ist dabei, das die Familien, die eine be-
stimmte Einkommensschwelle unterschreiten, vom „üblichen“ Lebensstandard ausgegrenzt werden – nach
der Definition arm sind. Da es keine objektive oder „natürliche“ Einkommensschwelle gibt, ab der Armut be-
ginnt, muss diese immer normativ festgelegt werden und folgt einer politischen Entscheidung oder wissen-
schaftlicher Konvention. In Anlehnung an die EU-Konvention
15
erfolgt an dieser Stelle die Analyse der relati-
ven Einkommensarmut, nach der als einkommensarm gilt, wer die Schwelle von 60 % des mittleren, gewich-
12
Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2012): Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer
Analyse zur kulturellen Bildung im Lebenslauf. Abrufbar unter: Homepage zur Bildungsberichterstattung (letzter Abruf: 28.02.2013).
S. 26f.
13
Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2012). S. 26f.
14
Für lokale Güter und Dienstleistungen (z. B. Wohnen, Handwerksleistungen)
15
Vgl. Atkinson, T., Cantillon, B., Marlier, E., Nolan, B.: Social Indicators. The EU and Social Inclusion. Oxford 2002.

22 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
teten Pro-Kopf-Einkommens
16
unterschreitet. Da Einkommen nicht nur zwischen einzelnen Personen oder
Privathaushalten ungleich verteilt sind, sondern auch im regionalen Vergleich, wird die Interpretation schwie-
riger, je weiträumiger der räumliche Bezug ausfällt. Denn ein- und derselbe Lebensstandard kann je nach
regionalen Preisen mit ganz unterschiedlichen Einkommen realisiert werden und dieser Lebensstandard ist
Maßstab für gesellschaftliche Teilhabe bzw. gesellschaftlichen Ausschluss.
Das Preisniveau für lokale Dienstleistungen ist unmittelbar vom Einkommensniveau abhängig, denn insbe-
sondere lokale Dienstleistungen (z. B. Handwerker wie Friseure und Metzger, Restaurants oder Kinderbe-
treuung) unterscheiden sich von Region zu Region erheblich.
17
Einen wichtigen Faktor stellen die Ausgaben
für das Wohnen dar. Laut der Laufenden Wirtschaftsrechnungen des Statistischen Bundesamtes beliefen
sich diese im Jahr 2011 mit 34,1 % auf gut ein Drittel aller Ausgaben der privaten Haushalte und liegen da-
mit weit vor den Ausgaben für Nahrungsmittel oder Verkehr (jeweils 14,1 %), gefolgt von „Freizeit, Unterhal-
tung und Kultur“ mit 10,9 %.
18
Mit einer Sonderauswertung des Mikrozensus 2011 erfolgt daher eine Berechnung auf Basis der regionalen
gewichteten Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen. Der Median der Äquivalenzeinkommen, als Bezugsgröße zur
Berechnung der relativen Armutsgefährdung, liegt in Sachsen bei 1.226 €.
19
Junge Menschen unter 18 Jah-
ren sind mit einer Armutsgefährdungsquote von rund 16 % häufiger arm als alle Personen insgesamt (rund
13 %). Die Quote der Armutsgefährdung von Familien liegt bei 14 %. Familien haben somit ein höheres Ar-
mutsrisiko als Haushalte ohne Kinder (rund 12 %).
Obwohl das Einkommensniveau in Sachsen im bundesweiten Vergleich geringer ist, liegen die Vergleichs-
quoten der Armutsgefährdung im bundesweiten Durchschnitt höher als in Sachsen. Die Einkommensvertei-
lung der Haushalte in Sachsen ist weniger ungleich verteilt als im Bundesdurchschnitt. In Sachsen sind so-
mit, gemessen am „üblichen“ sächsischen Einkommensstandard, weniger Haushalte arm.
Tabelle 3: Armutsgefährdungsquote von Familien gemessen am Median der Äquivalenzeinkommen (Anteil an
allen Haushalten in %, Deutschland und Sachsen 2011)
Bezugsregion
Personen in Haushalten
mit ledigem Kind/ ledi-
gen Kindern unter 18
Jahren
Personen in Haushal-
ten ohne ledige Kinder
unter 18 Jahren
Personen in
allen Haushal-
ten
Darunter Perso-
nen unter 18
Jahren
Deutschland
16,9
14,1
15,1
18,9
Sachsen
14,0
12,1
12,7
15,9
Quelle: Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Sonderauswertung Mikrozensus
2.3 Transferleistungsbezug
Nach der Zusammenlegung der Arbeits- und Sozialhilfe im Zuge der Hartz-IV-Reformen erhalten Arbeitssu-
chende, die keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben, sowie nicht erwerbsfähige Personen eine
Grundsicherung für Arbeitssuchende nach dem zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II). Insgesamt erhalten in
16
Das mittlere, gewichtete Pro-Kopf-Einkommen wird berechnet als Median des Äquivalenzeinkommens. Das Äquivalenzeinkommen
wiederum wird ermittelt, indem die Summe aller Einkünfte im Haushalt durch die gewichtete Anzahl aller Haushaltsmitglieder geteilt
wird. Die Gewichtung wurde in einer OECD-Konvention (willkürlich) festgelegt. Nach der so genannten neuen bzw. modifizierten
OECD-Skala geht der Hauptbezieher des Einkommens mit dem Faktor 1,0 in die Gewichtung ein, alle weiteren Mitglieder des
Haushaltes im Alter von 14 und mehr Jahren mit 0,5 und alle anderen mit 0,3. Beispiel: In einer vierköpfigen Familie erzielen die
beiden erwachsenen Partner zusammen 4.000 Euro Einkommen, ein Kind ist 6 Jahre alt, ein weiteres 15. Nach neuer OECD-Skala
beträgt die Summe der Gewichtungsfaktoren der Haushaltsmitglieder 2,3. Das Äquivalenzeinkommen nach neuer Skala beträgt
demnach 4000 € / 2,3 = 1.739 €.
17
Vgl. Kawka, R (2009): Regionaler Preisindex – Ergebnisse und Interpretation, Bonn.
18
Ergebnisse der Laufenden Wirtschaftsrechnungen (LWR) des Statistischen Bundesamtes.
19
z.V.: in Deutschland bei 1.414 €

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 23
Sachsen 424.200 Personen Leistungen nach SGB II in Form von Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld. Das
entspricht einem Anteil von 10,3 % an allen Personen in Sachsen unter 65 Jahren.
20
Die Tabelle 4 gibt dabei Aufschluss über die Anteile dieser Bedarfsgemeinschaften in Bezug auf die Ge-
samtzahl aller Privathaushalte in Sachsen, Gesamtdeutschland, Westdeutschland und Ostdeutschland (ein-
schließlich Berlin) im Jahr 2011. In diesem Jahr bezogen in Sachsen rund 424.218 Personen in
247.402 Bedarfsgemeinschaften (1,7 Personen pro Bedarfsgemeinschaft) Arbeitslosengeld II bzw. Sozial-
geld nach SGB II. Darunter befanden sich 11,2 % bzw. 27.020 Ehepaare und Lebensgemeinschaften mit
Kindern unter 18 Jahren. Knapp die Hälfte aller Bedarfsgemeinschaften (49,3 %) sind Alleinerziehende. Die-
ser Anteil ist sowohl im Vergleich zu Gesamtdeutschland (39,4 %) als auch zu Ostdeutschland (39,6 %) sehr
hoch. Dies ist vor allem dahingehend bedenklich, dass der Anteil der Alleinerziehenden an den Familien
weiterhin steigt. So lebten in Sachsen 2011 über 90.000 Kinder unter 14 Jahren in Bedarfsgemeinschaften
und davon 53 % bei einem alleinerziehenden Elternteil.
21
Tabelle 4: Anteil der Bedarfsgemeinschaften nach SGB II an allen Privathaushalten (Sachsen, Deutschland, Ost-,
Westdeutschland 2011)
Form der Bedarfsgemein-
schaft
Sachsen
Deutschland
Westdeutschland
Ostdeutschland*
Privathaushalte insgesamt
10,9%
8,1%
6,9%
12,7%
Ehepaare und Lebensgemein-
schaften mit Kindern unter 18
Jahre
11,2% 14,1% 15,0% 12,2%
Alleinerziehende mit Kindern
unter 18 Jahre
49,3%
39,4%
39,2%
39,6%
Anmerkung: Bedarfsgemeinschaften jeweils nach einer Wartezeit von 3 Monaten; *einschließl. Berlin
Quelle: Bundesagentur für Arbeit - Bedarfsgemeinschaften und deren Mitglieder 2011, veröffentlicht im Okt. 2012
In den letzten drei Jahren ist die Zahl der Bedarfsgemeinschaften rückläufig (vgl. Tabelle 5). Gegenüber
2010 hat sich die Zahl der Bedarfsgemeinschaften in Sachsen um knapp 30.000 bzw. 10,6 % verringert. Die
Anzahl der Bedarfsgemeinschaften ohne Kinder ist um 10,9 % und die Zahl der Bedarfsgemeinschaften mit
Kindern ist um 9,9 % zurückgegangen. Bei den Bedarfsgemeinschaften mit drei und mehr Kindern fällt der
Rückgang jedoch deutlich geringer aus als bei den Familien mit einem oder zwei Kindern.
Tabelle 5: Bedarfsgemeinschaften nach SGB II (ohne und mit Kindern unter 15 Jahren, Sachsen 2010 bis 2012)
Form der Bedarfsge-
meinschaft
Oktober 2010
Oktober 2011
Oktober 2012
Veränderung
2010 – 2012
ohne Kinder
201.350
187.001
179.393
-10,9%
insgesamt mit Kindern
68.816
64.422
62.021
-9,9%
darunter mit einem Kind
41.757
38.718
36.887
-11,7%
darunter mit zwei Kindern
19.876
18.683
18.074
-9,1%
darunter mit drei Kindern
5.300
5.187
5.221
-1,5%
darunter mit vier und
mehr Kindern
1.883
1.834
1.839
-2,3%
Insgesamt
270.166
251.423
241.414
-10,6%
Anmerkung: Bedarfsgemeinschaften jeweils nach einer Wartezeit von 3 Monaten
Quelle: Bundesagentur für Arbeit
20
Vgl. Daten des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen und der Bundesagentur für Arbeit (2012).
21
Vgl. Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (2012).

24 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
2.4
Räumliche Verteilung von Erwerbslosigkeit und Transferleis-
tungsbezug (SGB II) in Sachsen
Der Anteil der Arbeitslosen (nach SGB II und SGB III)22 an allen Personen im erwerbsfähigen Alter zwi-
schen 15 und unter 65 Jahren lag in Sachsen Ende 2011 bei 7,5 %. Innerhalb Sachsens gibt es zwischen
den einzelnen Gemeinden erhebliche räumliche Unterschiede in Bezug auf die Arbeitslosenquoten (vgl.
Abbildung 12). Zu einem ähnlichen Ergebnis auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte kommt auch
der Sozialstrukturatlas des Landesjugendamtes 2010.23
In den größeren Städten Leipzig und Chemnitz sind die Anteile der Arbeitslosen mit 8,5 % und 8,4 % leicht
überdurchschnittlich. Die Landeshauptstadt Dresden hat mit einem Anteil von 6,7 % eine unterdurchschnittli-
che Quote.
Auffällig ist, dass insbesondere in den kleineren Städten im ländlichen Raum die Anteile der Arbeitslosen an
allen Personen im erwerbsfähigen Alter überdurchschnittlich hoch sind (vgl. Abbildung 12): Bautzen 11,9 %,
Görlitz 14,0 %, Zittau 11,4 %, Löbau 10,8 %, Weißwasser 14,4 %, Hoyerswerda 13,4 %, Bad Muskau
11,1 %, Meißen 13,0%, Gröditz 14,2 %, Oschatz 10,4 %, Döbeln 11,6 %, Eilenburg 11,6 %, Torgau 13,8 %,
Delitzsch 11,3 %, Borna 11,2 %, Aue 10,7 %, Bischofswerda 11,8 %, Riesa 11,7 % und weitere. Auch einige
kleinere Gemeinden in Mittelsachsen haben einen überdurchschnittlichen Anteil an Arbeitslosen.
22
Der Arbeitslosenanteil, den die Bundesagentur für Arbeit ausweist liegt nicht auf Gemeindeebene vor. Daher wird hier zur Abbil-
dung die Arbeitslosenquote als Anteil der Arbeitslosen an allen Einwohnern im erwerbsfähigen Alter von 15 bis unter 65 Jahren be-
rechnet. Die Anteile weichen ggf. von den offiziellen Arbeitslosenzahlen ab.
23
Vgl. Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (2010b). S. 31.

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 25
Abbildung 12: Anteil Arbeitslose (SGB II und SGB III) an allen Personen im erwerbsfähigen Alter (Sachsen De-
zember 2011)
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
Ähnlich wie die Anteile der Arbeitslosen (SGB II und SGB III) an den Personen im erwerbsfähigen Alter ver-
teilen sich die Personen in den Bedarfsgemeinschaften räumlich unterschiedlich.
24
Während Dresden mit
einem Anteil der Personen in Bedarfsgemeinschaften von 12,6 % an allen Personen unter 65 Jahren unter
dem sächsischen Durchschnitt von 13,6 % liegt, liegen die Anteile in Chemnitz und Leipzig mit 15,5 % bzw.
17,8 % leicht über dem Durchschnitt von 13,6 % (vgl. Abbildung 13).
Überdurchschnittlich hohe Anteile an Personen in Bedarfsgemeinschaften von mehr als einem Fünftel wei-
sen ähnlich wie bei den Erwerbslosenanteilen kleinere und mittelgroße Städte im ländlichen Raum auf. Dies
sind Gröditz (25,4 %), Görlitz (24,4 %), Zittau (24,3 %), Weißwasser (24,0 %), Meißen (23,9 %), Löbau
(23,5 %), Torgau (23,0 %), Wurzen (22,5 %), Eilenburg (22,2 %), Hoyerswerda (22,0 %), Bautzen (21,9 %),
Heidenau (21,0 %), Aue (20,7 %) und Bischofswerda (20,2 %).
24
Vgl. Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (2010b). S. 37.

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26 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 13: Anteil der Personen unter 65 Jahren in Bedarfsgemeinschaften (SGB II) an allen Personen unter
65 Jahren (Sachsen 2011)
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
In den Bedarfsgemeinschaften leben überdurchschnittlich viele Kinder (vgl. Tabelle 4 und Tabelle 5 im Kapi-
tel 2.3). Der Anteil der Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften an allen Kindern unter 15 Jahren
beträgt 20,3 %. Räumlich bestehen jedoch innerhalb Sachsens erheblich Unterschiede (vgl. Abbildung 14).
Sachsenweit lebt somit etwa jeder fünfte unter 15-Jährige in einer Bedarfsgemeinschaft nach SGB II. Von
allen sächsischen Gemeinden außerhalb der kreisfreien Städte wird dieser Wert in 84 Gemeinden mindes-
tens erreicht, fällt aber zum Teil auch deutlich höher aus. In 372 Gemeinden lebt weniger als jedes fünfte
Kind in einer Bedarfsgemeinschaft. In 168 Gemeinden lebt sogar weniger als jeder Zehnte unter 15-Jährige
in einer Bedarfsgemeinschaft.
25
In einigen Gemeinden liegt der Anteil der Kinder unter 15 Jahren an allen Kindern dieser Altersgruppe im
Transferleistungsbezug bei zum Teil deutlich über 25 %. In den größeren Städten liegen die Anteile bei
25,1 % in Chemnitz, bei 28,2 % in Leipzig und bei 19,0 % in Dresden. Weitere Städte und Gemeinden mit
einem hohen Anteil an Kindern in Bedarfsgemeinschaften sind Aue (30,9 %), Bautzen (33,4 %), Hoyerswer-
da (35,0 %), Wilthen (31,3 %), Görlitz (35,8 %), Löbau (34,2 %), Olbersdorf (31,5 %), Weißwasser (40,1 %),
Zittau (37,1 %), Gröditz (38,1 %), Meißen (36,1 %), Riesa (31,6 %), Heidenau (33,8 %), Bohlen (32,4 %),
Deutzen (32,4 %), Wurzen (32,8 ), Delitzsch (32,3 %), Eilenburg (35,2 %), Torgau (34,8 %), Zinna (39,1 %).
25
Für zwei Gemeinden können keine Werte in 2011 ausgewiesen werden.

image
Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 27
Abbildung 14: Anteil der unter 15-Jährigen in Bedarfsgemeinschaften (SGB II) an allen unter 15-Jährigen in den
Gemeinden (Sachsen 2011)
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
2.5
Auswirkungen der wirtschaftlichen Situation von jungen Men-
schen auf die Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen
Die finanziellen Möglichkeiten der Familien haben einen erheblichen Einfluss auf die Lebenssituation von
Kindern und Jugendlichen. Dabei ist die wirtschaftliche Situation von Kindern und Jugendlichen im Wesentli-
chen von der Erwerbssituation der Eltern abhängig. Gleichzeitig haben Familienhaushalte ein größeres Ar-
mutsrisiko als Haushalte ohne Kinder. Insbesondere die Lebenslage Alleinerziehender stellt u.a. auch durch
die Alltagsorganisation bedingte Zeitknappheit ein hohes Einkommensrisiko und damit auch Armutsrisiko dar.
In der Folge sind Kinder und Jugendliche anteilig häufiger arm bzw. auf soziale Transferleistungen für die
Familien angewiesen als Erwachsene.
26
Die vorgestellten Kennziffern verdeutlichen dies (vgl. insbesondere
Tabelle 4). Für junge Menschen, die bereits die Schule beendet haben und aus dem elterlichen Haushalt
ausgezogen sind, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Je nach eingeschlagenem Ausbildungs- oder Berufs-
weg (Studium, berufliche Ausbildung, Weiterbildung etc.) kommen ganz unterschiedliche Lebenslagen und
Einkommenssituationen zum Tragen.
Angesichts der konjunkturell günstigen Lage in den vergangenen Jahren verfügen mehr Personen über ein
Erwerbseinkommen, so dass die Zahl derer, die auf Transferleistungen angewiesen sind, gesunken ist. Die
zeitliche Entwicklung zeigt, dass der Rückgang bei Haushalten mit mehreren Kindern allerdings deutlich
geringer ist.
26
Vgl. Lietzmann, T., Tonhoven, S. u. C. Wenzig (2011): Bedürftige Kinder und ihre Lebensumstände. In: IAB-Kurzbericht, Nr. 6.
Abrufbar unter: Website des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
(letzter Abruf: 15.08.2013).

28 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
In 2011 lebten darüber hinaus rund ein Fünftel aller Kinder unter 15 Jahre in Sachsen in Bedarfsgemein-
schaften, waren also von staatlichen Transferleistungen abhängig. Knapp 16 % der unter 18-Jährigen lebten
2011 in Haushalten, die ein monatliches Nettoeinkommen unterhalb der Armutsgrenze aufwiesen. Einkom-
mensschwache Familien leben empirisch beobachtbar häufiger in einzelnen Städten mit hoher Erwerbslo-
sigkeit. Damit ist Armut und insbesondere Kinderarmut räumlich unterschiedlich konzentriert. Zudem kon-
zentrieren sich einkommensschwache Familien in den Städten wiederum sozialräumlich dort, wo im jeweili-
gen lokalen Vergleichsmaßstab zusammenhängend preiswerte Wohnungen verfügbar sind, z. B. in größeren
Wohnsiedlungen.
Die sozialen räumlichen Gegensätze nehmen im Zeitverlauf 2007 bis 2011 zu. 2007 wohnten in den
45 Städten und Gemeinden mit hoher Kinderarmut
27
noch 49,5 % aller sächsischen Kinder unter 15 Jahren
in Bedarfsgemeinschaften. In 2011 wohnten in den gleichen Städten bereits 52,8% aller sächsischen Kinder
unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften. Auch Jugendarbeitslosigkeit konzentriert sich in diesen Städten.
2007 entfielen 50,7 % aller arbeitslosen Jugendlichen in Sachsen auf diese Städte und 2011 bereits 54,1 %.
Kinderarmut bzw. die soziale Lage im Elternhaus
28
gehen u. a. einher mit geringeren Bildungs- und Er-
werbschancen, aber z. B. auch mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern.
29
Die räumli-
che Konzentration von Armutslagen führt zudem zu einem weiteren Verstärkungsfaktor gesundheitlicher
Risiken bei Kindern.
30
Die räumliche Ungleichheit erfordert eine entsprechend räumlich differenzierte Herangehensweise für die
Kinder- und Jugendhilfe als Unterstützungssystem. Dies bestätigt die Sozialraumorientierung als wichtiges
und künftig weiter zu entwickelndes Leitbild für die praktische Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe.
Sozialraumorientierung in der Stadt – Das Beispiel Leipzig
In der Stadt Leipzig ist die Sozialraumorientierung Bestandteil des aktuellen Fachplans Kinder- und Jugend-
hilfe. Diese nun verstärkte Orientierung auf Planungsräume soll zu einer stärker angepassten Ausrichtung
der Leistungen für Kinder, Jugendliche und Familien führen. Teilweise kann bereits auf bestehende Netz-
werke aus dem Quartiersmanagement zurückgegriffen werden, die im Rahmen der Sozialen Stadt entstan-
den sind. Die sieben Planungsräume wurden auf Basis von naturräumlichen Grenzen, ÖPNV-Anbindungen,
sozio-demografischen Faktoren, Bewegungs- und Aktionsräumen der Zielgruppen, einem Abgleich mit be-
stehenden Planungsräumen sowie der Inanspruchnahme der Leistungen vor Ort gebildet.
Die Rolle der Verwaltung in diesem Prozess ist es, je Planungsraum einen Koordinator zu benennen. Dieser
ist verantwortlich für die Netzwerkarbeit und Konzeptentwicklung des jeweiligen Planungsraumes. Der Koor-
dinator führt ein fachliches Controlling durch. Die Verwaltung entwickelt zudem mit den Trägern gemeinsam
ein Berichtswesen. Innerhalb der Planungsräume werden Arbeitskreise gebildet, in denen alle Träger ange-
hörig sind, die im Planungsraum Leistungen vorhalten. Neben dem Koordinator aus der Verwaltung wird ein
freier Träger aus den Reihen der Leistungserbringer ernannt, der eine Managementfunktion wahrnimmt. Er
setzt u.a. offene Beteiligungsformen für Kinder und Jugendliche sowie alle weiteren Akteure im Planungs-
raum um (z. B. Bürgervereine, Schulen, usw.).
31
27
Gemessen als Anteil der Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften bei 25% und höher an allen Kindern unter 15 Jahren.
Insgesamt 45 Städte und Gemeinden (rd. 10% aller Städte und Gemeinden darunter Leipzig und Chemnitz).
28
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2013): Lebenslagen in Deutschland. Der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der
Bundesregierung. Abrufbar unter: Website des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales
(letzter Abruf: 24.04.2013). 74f.
29
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2013). S. 137ff.
30
Vgl. empirica in Kooperation mit dem Robert Koch-Institut und der Bertelsmann Stiftung (2010): Gesundheit lernen. Wohnquartiere
als Chance für Kinder. Gütersloh
31
Detaillierte Informationen zu den Sozialräumen in der Stadt Leipzig können dem aktuellen Fachplan Kinder- und Jugendförderung
entnommen werden. Vgl. Dezernat Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule, Amt für Jugend, Familie und Bildung (2012):
Fachplan Kinder- und Jugendförderung 2012. Abrufbar unter: Website der Stadt Leipzig
(letzter Abruf: 19.06.2013).

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 29
3
Räumliche Unterschiede in Sachsen – städtische
und ländliche Räume
3.1
Der ländliche Raum
So selbstverständlich wie der Begriff „ländlicher Raum“ verwendet wird, so unterschiedlich sind die Zu-
schreibungen und Vorstellungen darüber, was den ländlichen Raum tatsächlich charakterisiert. In den Dis-
kussionsrunden mit den Expertinnen und Experten aus den Landkreisen wurde deutlich, dass auch in ihrem
Selbstverständnis nicht automatisch alle Siedlungen, die außerhalb der drei kreisfreien Städte liegen, „der
ländliche Raum“ sind. Vielmehr zeichnet gerade die Landkreise das Nebeneinander von städtischen Sied-
lungen und dörflichen Gemeinden unterschiedlicher Bevölkerungsgrößen und vor allem auch mit einer un-
terschiedlichen Entwicklungsdynamik aus. Jugendliche aus den Mittelstädten in den Landkreisen erleben
ihren Wohnort gerade im Vergleich zu den dörflichen Gemeinden eindeutig als städtische Räume. Dies zeigt
bereits, dass es bei der Erfassung des ländlichen Raums und der Analyse der Lebensbedingungen von Ju-
gendlichen unter besonderer Berücksichtigung des ländlichen Raums, nicht allein um den Gegensatz der
drei kreisfreien Städte gegenüber den zehn Landkreisen gehen kann.
Um die Unterschiedlichkeit der Voraussetzungen aber auch Entwicklungen in den Städten und Gemeinden
jenseits der drei Großstädte zu erfassen, werden unter anderem die Erreichbarkeiten zentraler Einrichtungen
für junge Menschen in allen sächsischen Städten und Gemeinden analysiert.
32
Schließlich bildet eine ver-
gleichende Typisierung der Städte und Gemeinden die Grundlage, um mögliche Unterschiede zwischen
städtischen und ländlichen Räumen herauszuarbeiten. Die Typisierung dient auch als Analysegrundlage zur
Auswertung der Angaben, die von jungen Menschen im Rahmen der Befragungen gemacht wurden. Von
zentralem Interesse ist hier die Frage, ob sich das Antwortverhalten und damit die subjektiv empfundene
Lebenssituation von jungen Menschen in der Stadt und im ländlichen Raum unterscheiden.
Im Vorgriff auf die noch zu erläuternde methodische Herangehensweise dieser gemeindespezifischen Typi-
sierung soll auf einen wesentlichen demografischen Entwicklungstrend hingewiesen werden. Junge Men-
schen konzentrieren sich im Zuge der bereits erläuterten Wanderungsbewegungen räumlich unterschiedlich.
In den drei Großstädten Chemnitz, Dresden und Leipzig sowie in den städtischen Gemeinden oder Gemein-
den im Einzugsbereich der Großstädte mit vergleichsweise günstiger Bevölkerungsentwicklung und guter
Erreichbarkeit (Typ I und Typ II, vgl. Kapitel 1 in Teil II) konzentrierten sich in 2001 in den jungen Altersgrup-
pen bis unter 18 Jahre noch etwa die Hälfte der jeweils Gleichaltrigen (zwischen 49 % und 53 % der jeweili-
gen Altersgruppe (vgl. Tabelle 6). In 2011 konzentrieren sich in den gleichen Städten/Gemeinden in den
gleichen Altersgruppen bereits zwischen 53 % bis 59 % und somit bereits mehr als die Hälfte der Gleichaltri-
gen.
Die mobile Altersgruppe junger Menschen ab 18 Jahren verstärkt den räumlichen Trend deutlich. Hier erfolgt
eine noch stärkere räumliche Konzentration auf die drei Großstädten Chemnitz, Dresden und Leipzig sowie
die Gemeinden des Typs II. In der Altersgruppe der 18- bis unter 21-Jährigen hat sich der Anteil der Perso-
nen in diesen Gemeinden von 51 auf 61 % an allen Personen der Altersklasse in Sachsen erhöht (Verände-
rung um rund 10 %-Punkte). In der Altersgruppe der 21- bis unter 27-Jährigen lebten 2011 sogar bereits
knapp zwei Drittel bzw. 65 % in diesen Städten und Gemeinden (Veränderung um rund. 9 %-Punkte). In der
vergangenen Dekade konzentrieren sich somit höhere Anteile der jeweils gleichaltrigen jungen Bevölkerung
32
In den Arbeitsrunden mit den Expertinnen und Experten vor Ort wurden einzelne Beispiele genannt, in denen innerhalb der Ge-
meinden wiederum große demografische Unterschiede zwischen den Ortschaften bestehen. Es war jedoch auch für alle Beteiligten
nachvollziehbar, dass eine landesweit vergleichbare Differenzierung unterhalb der Gemeindeebene nicht möglich ist, da selbst die
Landkreise nicht über die dazu erforderlichen vergleichbaren Datengrundlagen verfügen, zumal die beschriebenen großen demo-
grafischen Gegensätze innerhalb der Gemeinden Ausnahmen bilden.

30 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
in diesen Städte und Gemeinden der beiden ersten Untersuchungstypen (eine Veränderung um rund 4 bis
6 %-Punkte).
Tabelle 6: Konzentration von jungen Menschen nach Raumkategorien (Anteil an allen Personen der jeweiligen
Altersgruppe Sachsen, 2001 und 2011)
2001
Raumkategorie
unter 6
Jahre
6 bis unter
10 Jahre
10 bis unter
14 Jahre
14 bis unter
18 Jahre
18 bis unter
21 Jahre
21 bis unter
27 Jahre
Typ I (Großstädte) und
Typ II
53%
51%
49%
49%
51%
56%
Typ III bis Typ V 47% 49% 51% 51% 49% 44%
Sachsen
100%
100%
100%
100%
100%
100%
2011
Raumkategorie
unter 6
Jahre
6 bis unter
10 Jahre
10 bis unter
14 Jahre
14 bis unter
18 Jahre
18 bis unter
21 Jahre
21 bis unter
27 Jahre
Typ I (Großstädte) und
Typ II
59%
55%
53%
53%
61%
65%
Typ III bis Typ V 41% 45% 47% 47% 39% 35%
Sachsen
100%
100%
100%
100%
100%
100%
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Darstellung
3.2
Erreichbarkeiten von Einrichtungen
Die Lebenssituation und die Gestaltung des Alltags von Kindern und Jugendlichen in Sachsen werden maß-
geblich von der Erreichbarkeit unterschiedlicher Einrichtungen und jugendspezifischer Orte bestimmt. Kann
beispielsweise der Weg zur Schule in den größeren Städten oftmals zu Fuß oder mit dem Fahrrad in einer
angemessenen Zeit bewältigt werden, verlängern sich die Fahrzeiten für die Kinder und Jugendlichen im
ländlichen Raum teilweise erheblich. Längere Fahrten mit dem Bus sind insbesondere für Jugendliche, die
eine Mittelschule oder ein Gymnasium besuchen, keine Seltenheit. Das bedeutet ganz konkret ein frühes
Aufstehen, lange Zeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln und insgesamt eine zeitliche Ausdehnung des Schul-
tages und ein immer geringer werdender Anteil an frei zur Verfügung stehender Zeit. Zwar bieten die Nach-
mittagsangebote der Schulen diverse Freizeitaktivitäten, jedoch wird der Raum zur individuellen Freizeitge-
staltung eingeschränkt. Teilweise scheitert auch eine Teilnahme an nachmittäglichen Freizeitangeboten der
Schule an den eingeschränkten Fahrzeiten des ÖPNV.
Zur Beschreibung der räumlich unterschiedlichen Erreichbarkeit von Einrichtungen wird im Folgenden, stell-
vertretend für die Erreichbarkeit vieler Infrastruktureinrichtungen, die Erreichbarkeit von Mittelschulen, Gym-
nasien und Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin untersucht. Eine Analyse der Erreichbarkeit anderer

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 31
jugendrelevanter Infrastruktureinrichtungen, wie beispielsweise Kinos, Jugendclubs oder Discotheken, schei-
tert methodisch an einer einheitlichen sachsenweiten Datengrundlage.
33
Diese Einschränkung ist jedoch unseres Erachtens zur Raumtypisierung zu vernachlässigen, da die durch-
schnittlichen Entfernungen einer Gemeinde zu einer der in die Analyse einbezogenen Einrichtung und weite-
re Datenbestände in hohem Maße miteinander korrelieren. Das bedeutet, dass sich zentrale Einrichtungen
an einem zentralen Ort konzentrieren und dass die Einrichtungen nicht gleichmäßig in der Fläche verteilt
sind. Diese Bündelung und Verknüpfung ist in hohem Maße gewollt, denn nur so können wertvolle Syner-
gieeffekte mit anderen Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie Kindertageseinrichtungen, sozialen Diensten
oder der Nahversorgung entstehen. Auch die Erreichbarkeit der Einrichtungen mit Angeboten des öffentli-
chen Personennahverkehrs (ÖPNV) kann besser durch eine Bündelung der Angebote an einem Standort
sichergestellt werden. Für die Beschreibung der Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen und den Be-
dingungen, unter denen sie Aufwachsen bedeutet dies, dass stellvertretend ausgewählte Erreichbarkeitsin-
dikatoren herangezogen werden können, ohne an Aussagekraft einzubüßen.
Erreichbarkeit von Mittelschulen
34
und Gymnasien
Die Entwicklung der Mittelschulstandorte hat aufgrund der demografischen Entwicklung einen ähnlichen
Strukturwandel bewältigen müssen, wie die Grundschulen. Diverse Standorte mussten geschlossen und an
zentralen Standorten konzentriert werden.
35
Im Schuljahr 2011/2012 gab es in Sachsen 337 Mittelschulen,
die von insgesamt 89.968 Schülerinnen und Schüler besucht wurden.
36
Die Standorte der Mittelschulen konzentrieren sich an zentraleren Orten. Dementsprechend ist die Entfer-
nung vom Gemeindezentrum zur nächsten Mittelschule in den Gemeinden in ländlichen und peripher gele-
genen Teilräumen ohne Mittelschulstandort größer als in den Städten und zentralen Räumen (vgl. Abbildung
15). Teilräume mit Gemeinden mit einer vergleichsweise großen durchschnittlichen Entfernung zur nächsten
Mittelschule sind Teile des Landkreises Nordsachsen, der Westen des Landkreises Meißen, der Norden des
Landkreises Bautzen sowie Teile des Landkreises Görlitz. Auch die Gemeinden in den bergigen Regionen in
den Landkreisen Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Mittelsachsen und teilweise im Erzgebirgskreis und im
Vogtlandkreis. Die Gemeinden mit einer Entfernung von weniger als 2,5 km zur nächsten Mittelschule stellen
in der Regel die Standorte der Schulen dar, während Gemeinden mit größeren Entfernungen oftmals keinen
eigenen Mittelschulstandort haben und entsprechend die Entfernungen zur nächsten Mittelschule in einer
anderen Gemeinde größer ausfallen.
33
So gibt es beispielsweise keine sachsenweit einheitlich erfasste Liste aller Jugendfreizeiteinrichtungen. Die Definition und Auswei-
sung wird in den jeweils zuständigen Jugendämtern unterschiedlich gehandhabt (z. B. Jugendclub, Jugendfreizeitheim, offener Ju-
gendtreff usw.).
34
Seit Schuljahr 2013/2014 als Oberschulen geführt und bezeichnet.
35
Vgl. Pfeiffer, U., Geiss, S. und J. Kemper (2006): Modellvorhaben der Raumordnung und Landesentwicklung in Sachsen, Optimie-
rung der Infrastrukturangebote und Aufwertung der Lebensbedingungen in Regionen mit besonders starkem Bevölkerungsrück-
gang, Modellregion Oberlausitz-Niederschlesienabrufbar. Berlin. Abrufbar unter Website der Modellregion Oberlausitz-
Niederschlesien (letzter Aufruf 20.06.2013). S. 33.
36
Stand: Schuljahr 2011/2012, vgl. Daten des Statistischen Landesamts des Freistaates Sachsen.

image
32 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 15: Durchschnittliche Erreichbarkeit der Mittelschulstandorte (Sachsen)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Berechnung auf Basis infas geodaten und TomTom
Auch die Standorte der Gymnasien befinden sich überwiegend in vergleichsweise zentralen, gut erreichba-
ren Gemeinden. Dementsprechend verlängern sich die Fahrstrecken bzw. Fahrzeiten mit dem Auto in den
peripheren und ländlich gelegenen Gemeinden. Insgesamt gibt es 154 Gymnasien in Sachsen, die von
85.585 Schülerinnen und Schülern besucht werden.
37
Wiederum weisen die Gemeinden in folgenden Teilbereichen eine vergleichsweise hohe durchschnittliche
Entfernung zum nächstgelegenen Gymnasium auf (vgl. Abbildung 16): Teilbereiche im Landkreis Nordsach-
sen, Gemeinden nördlich von Dresden in den Landkreisen Meißen und Bautzen, Gemeinden im Landkreis
Görlitz, sowie Gemeinden in den bergigen Regionen der Landkreise Sächsische Schweiz-Osterzgebirge,
Mittelsachsen und im Landkreis Erzgebirge.
37
Stand: Schuljahr 2011/2012, vgl. Daten des Statistischen Landesamts des Freistaates Sachsen.

image
Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 33
Abbildung 16: Durchschnittliche Erreichbarkeit der Gymnasialstandorte (Sachsen)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, eigene Berechnung auf Basis infas geodaten und TomTom
Erreichbarkeit von Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin
In Sachsen gibt es laut kassenärztlicher Vereinigung 378 Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin mit eige-
ner Praxis oder angestellt in einem Medizinischen Versorgungszentrum.
38
Die Praxen dieser Fachärzte in
Sachsen befinden sich vornehmlich in den größeren Städten (vgl. Abbildung 17). Dementsprechend sind
insbesondere in den ländlichen und peripher gelegenen Gemeinden die durchschnittlichen Entfernungen zur
nächsten Praxis eines Facharztes für Kinder- und Jugendmedizin vergleichsweise weit.
Gemeinden mit einer relativ weiten Entfernung zur nächsten Praxis liegen im Norden des Kreises Nordsach-
sen, nördlich von Dresden im Landkreis Bautzen, im Landkreis Görlitz südlich von Weißwasser, in den ber-
gigen Regionen im Landkreis Osterzgebirge/Sächsische Schweiz, Mittelsachsen und teilweise im Erzge-
birgskreis sowie im Vogtlandkreis.
38
Gemäß Abfrage der Datenbank der Kassenärztlichen Vereinigung am 20. Juni 2013 (abrufbar unter: Website der Kassenärztlichen
Vereinigung Sachsen)

image
34 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 17: Durchschnittliche Erreichbarkeit der Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin (Sachsen)
Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Sachsen, eigene Berechnung auf Basis infas geodaten und TomTom

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 35
Teil II:
Lebenssituation und Perspektiven von
jungen Menschen in Sachsen
Im Teil I wurden Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kinder und Jugendlichen in Sachsen be-
stimmt. Im Kapitel 1 des Teils II geht es darum, diese Daten in einem „Raumstrukturindex“ zu verdichten.
Damit werden Raumkategorien auf Ebene der Gemeinden in Sachsen gebildet. Damit wird eine regionale
Differenzierung der Befragungsergebnisse der Jugendbefragung (Kapitel 3) ermöglicht. Auf den methodi-
schen Hintergrund und die Vergleichbarkeit der Ergebnisse der für diesen Kinder- und Jugendbericht durch-
geführten Online-Befragung geht zuvor Kapitel 2 genauer ein. Die Lebenssituation und Perspektiven junger
Menschen werden aber nicht nur aus Sicht der jungen Menschen selbst, sondern auch aus Sicht von Mitar-
beiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe bewertet (Kapitel 4). Auf die Bedeutung von Schule
und Sozialarbeit an der Schule im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe und des Aufwachsens von jungen
Menschen geht das Kapitel 5 näher ein. Abschließend werden im Kapitel 6 Beispiele für die Steuerung der
Kinder- und Jugendhilfe im ländlichen Raum dargestellt.
1
Datenverdichtung zum „Raumstrukturindex
39
“:
Ableitung von unterschiedlichen Raumtypen
Die Betrachtung der unterschiedlichen Einzeldaten zur Bevölkerungsentwicklung, zur Erreichbarkeit von
Einrichtungen oder zur wirtschaftlichen Situation im Freistaat Sachsen zeigen, dass erhebliche räumliche
Unterschiede zwischen den einzelnen Teilräumen bzw. Gemeinden in Sachsen bestehen. Es existieren sehr
dünn besiedelte Bereiche mit einer einseitigen Wirtschaftsstruktur und einer sehr hohen Arbeitslosigkeit ne-
ben Gemeinden mit einer ausgeglichenen Bevölkerungsentwicklung (vgl. Teil I, Kapitel 1). Auch die Anteile
der Transferleistungsbezieherinnen und -bezieher unterscheiden sich zwischen den Gemeinden erheblich
(vgl. Teil I, Kapitel 2).
Um zu ermitteln, ob die räumlich unterschiedlichen Lebensbedingungen einen Einfluss auf die Einstellungen
und Perspektiven von jungen Menschen haben, wurden für die weitere Analyse und die Auswertung der
Befragungsergebnisse folgende Raumkategorien gebildet:
40
Typ I: Dieser Typ umfasst die drei Großstädte Chemnitz, Dresden und Leipzig.
Typ II: In diesem Typen werden diejenigen Gemeinden zusammengefasst, die eine vergleichsweise
günstige Bevölkerungsentwicklung und eine gute Erreichbarkeit aufweisen. Die meisten Gemeinden die-
ses Typs befinden sich im Umland der drei Großstädte oder stellen ein Mittelzentrum im ländlichen
Raum dar. Einige der Gemeinden im Typ II können zwischen 2001 und 2011 sogar einen positiven Zu-
wachs an unter 27-Jährigen aufweisen (bis zu +12 %).
Typ III: Die Gemeinden in diesem Typ schrumpfen bezogen auf die unter 27-Jährigen durchweg (zwi-
schen -17 % und -43 %), haben aber relativ gute Erreichbarkeiten vorzuweisen. Gymnasien sind bei-
spielsweise im Mittel rund 5,4 km von den Ortszentren entfernt, Mittelschulen sogar nur rund 1,2 km. Zu
diesem Typen gehören viele Mittelzentren im ländlichen Raum.
Typ IV: Hierzu gehören Gemeinden im ländlichen Raum mit einer weniger günstigen Bevölkerungsent-
wicklung (bis zu -49 % Rückgang bei den unter 27-Jährigen) und/oder einer ungünstigen Erreichbarkeit.
39
Die Begriffe „Raumstruktur/Raumstrukturindex/Raumkategorie“ beziehen sich im Folgenden auf ein spezifisches, für diesen Bericht
erstelltes Modell zur Raumtypisierung, das nicht nur Zentralitätsaspekte, sondern auch die demografisch bedingte Entwicklungsdy-
namik junger Menschen berücksichtigt. Damit unterscheiden sich die verwendeten Begriffe von den im Rahmen der Landesent-
wicklungsplanung zu Grunde gelegten Indikatoren zur Beschreibung der Raumstruktur und somit auch von den dort definierten
Begriffen.
40
Die Ausprägung der Indikatoren für die Raumtypen ist detailliert im Anhang dargestellt.

36 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Zudem fallen hierunter Städte im ländlichen Raum, die zwar eine hohe Zentralität und Dichte aufweisen,
aber einen stark ausgeprägten Rückgang der Anzahl der jungen Menschen aufweisen.
Typ V: Gemeinden in diesem Typen haben in der vergangen Dekade einen hohen Rückgang der jungen
Bevölkerung vorzuweisen (zwischen -32 % und -61 %). Sie sind oftmals nur gering verdichtet (im Mittel
61 Einwohner je km²) und die Distanzen zum nächsten Gymnasium oder zur nächsten Praxis eines
Facharztes für Kinder- und Jugendmedizin liegen bei der Hälfte der Gemeinden in diesem Typen bei
über 10 km, bei einigen Gemeinden sogar bei über 20 km.
Die Raumtypen spiegeln die räumlichen Unterschiede hinsichtlich ausgewählter, insbesondere für das Auf-
wachsen junger Menschen relevanter Lebensbedingungen wieder.
Die Raumtypisierung erfolgt auf Basis statistischer Daten zu den Gemeinden Sachsens. Um die Datenfülle
zur Gebietstypisierung zusammenzufassen und überschaubar zu machen, wurden die Indikatoren, die die
Raumstruktur beschreiben, zu einem Raumstrukturindex zusammengefasst. Dieser Index setzt sich aus zwei
Einzelindizes zusammen, wobei der Zentralitätsindex
41
wiederum aus verschiedenen Einzelmerkmalen ge-
bildet wurde. Um diese Merkmale vergleichbar zu machen, wurden die Indikatoren mittels statistischer Ver-
fahren standardisiert. Es wurde bewusst eine Auswahl der Indikatoren getroffen, um den Raumstrukturindex
nicht zu komplex zu gestalten. Außerdem existiert bei den ausgewählten Einzelmerkmalen stets ein linearer
Zusammenhang zwischen der Merkmalsausprägung und der Belastung einer Gemeinde: Es gilt, je höher
(oder je kleiner) ein bestimmtes Merkmal ausgeprägt ist, desto „städtischer“ (oder desto „ländlicher“)
42
ist die
jeweilige Gemeinde.
Der Raumstrukturindex setzt sich zur Hälfte aus einer demografischen Komponente (relative Entwicklung der
jungen Menschen unter 27 Jahren zwischen 2001 und 2011) und zur Hälfte aus einer Komponente zur Zent-
ralität zusammen. Die Zentralität wurde über die Indikatoren durchschnittliche Erreichbarkeit von Gymnasien,
Mittelschulen und Praxen von Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin (jeweils gemessen als Fahrstrecke
mit dem Auto vom Zentrum des Hauptortes der Gemeinde zur nächsten Einrichtung bzw. Praxis) sowie über
die Bevölkerungsdichte (Einwohner je km²) berechnet.
43
Der ländliche Raum ist hier also nicht allein über die
Dichte oder die Zentrumsstruktur definiert, sondern auch über die demografische Komponente, die die Ent-
wicklungsdynamik (Wachstum, Konsolidierung, Schrumpfung) der Gemeinde wiederspiegelt.
Ein Ergebnis dieser Typisierung ist, dass auch verdichtete, zentrale Gemeinden in die Typen III oder IV –
und damit im Folgenden als „ländliche Gemeinden“ - eingeordnet werden können, wenn die demografische
Komponente eine stark rückläufige Entwicklung der jungen Menschen aufweist. So ist zu erklären, dass mit
Hoyerswerda eine Gemeinde des oberzentralen Städteverbundes Bautzen – Görlitz – Hoyerswerda im Typ
III liegt, so wie viele Mittelzentren in Sachsen (vgl. Abbildung 18).
44
41
Der Begriff „Zentralität/Zentralitätsindex“ ist im Folgenden im Sinne einer „Erreichbarkeit von jugendbezogener Infrastruktur“ zu
verstehen und unterscheidet sich somit von der im Rahmen der Landesentwicklungsplanung verwendeten Begrifflichkeit.
42
Auf die Erläuterung bei Fußnote 39 wird verwiesen.
43
Weitere Erläuterungen zur Methodik befinden sich im Anhang.
44
Beispielsweise ist in Hoyerswerda die Zahl der jungen Menschen zwischen 2001 und 2011 um 46,7 % gesunken.

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 37
Abbildung 18: Raumstrukturindex sowie Ober- und Mittelzentren (gemäß LEP 2013 in Sachsen)
Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, Sächsisches Staatsministerium des Innern, Geobasisinforma-
tion und Vermessung Sachsen, eigene Berechnung (Zentralität auf Basis infas geodaten & TomTom)
Die so vorgenommene Raumtypisierung dient dazu, die Ergebnisse der Onlinebefragung von jungen Men-
schen in Sachsen sowie von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen für
die Raumtypen – grob vereinfacht für die „Stadt“ und für das „Land“ – auswerten zu können. Damit können
signifikante Unterschiede der Befragungsergebnisse für die fünf Raumtypen dargestellt werden, um die un-
terschiedlichen Rahmenbedingungen und Sichtweisen, insbesondere im ländlichen Raum, differenziert dar-
zustellen.
Unter ländlichem Raum oder ländlich geprägtem Raum sind im Folgenden die Typen III – V zu verstehen.
Diese Gemeinden sind von einer ungünstigen demografischen Entwicklung betroffen und zum Teil auch
durch eine periphere Lage mit längeren Fahrstrecken zu den berücksichtigten Einrichtungen geprägt.
Neben der Einteilung der Gemeinden in „Städtische Gemeinden“ und „ländliche Gemeinden“ wurde bei der
Analyse deutlich, dass auch die wirtschaftliche und soziale Situation einen entscheidenden Einfluss auf die
Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen in Sachsen haben. Zur weiteren Differenzie-
rung und Beschreibung der Situation in den Gemeinden wurde daher der Anteil der Kinder im SGB II-Bezug
als ein Indikator für schwierige wirtschaftliche Verhältnisse und damit z.T. auch in Verbindung stehende ein-
geschränkte Teilhabemöglichkeiten in die Analyse hinzugezogen. Auf Grund der kleinräumigen Datenver-
fügbarkeit konnte hierfür nur der Anteil der unter 15-Jährigen in Haushalten mit SGB II-Bezug an allen unter
15-Jährigen stellvertretend für die Abbildung von „Kinderarmut“ verwendet werden. Kinderarmut ist ein
mehrdimensionales Thema, welches nicht allein mit dem SGB II-Bezug der unter 15-Jährigen erfasst werden
kann (vgl. Kapitel 2). Hierzu gehören zwingend die Betrachtung formaler und außerformaler Bildungs- und
Teilhabechancen, Bewältigungsstrategien sowie die Betrachtung der Lebenslagen der Herkunftsfamilien.

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38 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Dies ist jedoch im Rahmen dieser Typisierung nicht zu leisten. Um Vergleiche der Befragungsergebnisse auf
Gemeindeebene vorzunehmen, wurde der Anteil der unter 15-Jährigen in SGB II-Bezug hier als geeigneter
und flächendeckend verfügbarer Indikator für die Konzentration von Armutslagen verwendet.
Bei den Auswertungen der Befragung wurde jeweils geprüft, ob sich das Antwortverhalten von Kindern und
Jugendlichen aus Gemeinden mit einem hohen Anteil an unter 15-Jährigen im SGB II-Bezug von denjenigen
Kindern und Jugendlichen aus Gemeinden mit einem geringen Anteil unterscheidet. In der folgenden Karte
(vgl. Abbildung 19) sind alle Gemeinden gekennzeichnet, in denen mindestens jedes vierte Kind unter
15 Jahren in einem solchen Haushalt lebt. Detaillierter wird auf die Frage der Verteilung der unter
15-Jährigen in Bedarfsgemeinschaften bereits im Kapitel 2.4 im vorherigen Teil des Berichts eingegangen
(vgl. dazu Abbildung 14).
Abbildung 19: Raumstrukturindex sowie Kinderarmut (Anteil der unter 15-Jährigen in Bedarfsgemeinschaften
mit SGB II-Bezug, Sachsen)
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, Sächsisches Staatsministerium des
Innern, Geobasisinformation und Vermessung Sachsen, eigene Berechnung (Zentralität auf Basis infas geodaten &
TomTom)
Die Auswertung zum SGB II-Bezug von unter 15-Jährigen zeigt, dass die räumliche Verdichtung sozia-
ler/einkommensbezogener Problemlagen von Familienhaushalten nicht mit der demografischen und lage-
zentralen Raumstruktur der Erreichbarkeiten zusammenhängt. Vielmehr bedingen lokale/regionale wirt-
schaftliche und vor allem wohnraumbezogene Voraussetzungen die unterschiedliche wohnräumliche Kon-
zentration einkommensarmer Familien. Daher erfolgt eine gesonderte Betrachtung hinsichtlich dieser sozia-
len Ausgangslage, um zu untersuchen, ob und welchen Einfluss dies auf die Wahrnehmungen, Bewertungen
und Einstellungen junger Menschen haben.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 39
Die Indikatoren des Raumstrukturindex und der Anteil der Kinder in Bedarfsgemeinschaften mit
SGB II-Bezug werden somit zunächst nicht in einem Index zusammengefasst, sondern kombiniert als zweite
räumliche Analyseebene ausgewertet.
2
Erkenntnisgewinn durch Befragungen junger
Menschen
2.1 Erkenntnisinteresse
Wenn es darum geht, Verhalten, Einstellungen, Wertmaßstäbe oder auch Zukunftseinschätzungen junger
Menschen zu systematisieren, stellt man junge Menschen zwangsläufig der Erwachsenenwelt gegenüber. In
den Gesprächen mit Jugendlichen zeigt sich, dass Jugendliche fast immer ein abstraktes Bild von Erwach-
senen haben bzw. dies artikulieren. Meist bezieht sich dieses Bild nicht auf konkrete Bezugspersonen in der
Familie oder die erwachsenen Bezugspersonen in den Jugendeinrichtungen. Sehr wohl verbindet sich die-
ses Bild dagegen z. B. mit Schule, Politik, Behörden, Unternehmen oder Verwaltungen.
Diese abstrakte „Erwachsenenwelt“ bietet jungen Menschen in verschiedener Hinsicht Anlass zur Sorge.
Eines der zentralen Aspekte ist dabei, dass sich diese Erwachsenenwelt nicht ausreichend um junge Men-
schen kümmert. Hinterfragt, was „kümmern“ aus Sicht von Jugendlichen bedeutet, wird klar, dass es nicht
um konkrete Fürsorgeaktivitäten geht, sondern darin eine aus Sicht junger Menschen geringe Wertschät-
zung und Gleichgültigkeit der Erwachsenenwelt wahrgenommen wird, wozu auch die Erfahrung zählt, nicht
ernst genommen zu werden, mit eigenen Anliegen, Sorgen aber auch Wünschen. Dazu gehört auch die
Wahrnehmung junger Menschen, dass ihnen die Erwachsenenwelt überwiegend skeptisch gegenübertritt.
Das beginnt bei dem Gefühl, Erwachsene zu belästigen, wenn sich Jugendgruppen im öffentlichen Raum
treffen und reicht bis zur skeptischen Grundhaltung, dass Jugendliche häufig als gefährlich eingestuft wer-
den.
Dieses Bild bestätigt sich z. B. in der weit verbreiteten Annahme, Jugendkriminalität würde steigen
45
. In Wirk-
lichkeit sinkt die Jugendkriminalität und insbesondere auch die Jugendgewalt
46
, in Deutschland ebenso wie
in Sachsen. Die Skepsis gegenüber den Jugendlichen ist zugleich alles andere als neu. Bereits von Sokra-
tes oder Shakespeare sind Zitate überliefert, die davon zeugen, dass das Verhalten der Jugendlichen Anlass
zur Kritik gab. In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich diese früheren Einschätzungen aber von der
Gegenwart: Beispiele jugendlichen Fehlverhaltens werden heute weitestgehend über die Medien verbreitet;
d.h. auch, wenn man aus seinem persönlichen Umfeld solche Beispiele nicht kennt, kennt man sie aus den
Nachrichten. Die Medien formen unser Bild über die Jugendlichen außerordentlich stark, wie sie auch unse-
re Bilder über verschiedene andere Themen prägen.
Um sich ein unabhängiges Bild von den medial vermittelten Berichten machen zu können, die i. d. R. die
negativen Aspekte des Jugendalttags in den Mittelpunkt stellen, ist der direkte Kontakt zu den Jugendlichen
zu suchen. Hierfür stellen Befragungen einen erprobten Weg dar. Sowohl in Bezug auf die Bundesrepublik
insgesamt als auch in Bezug auf Sachsen liegen Ergebnisse von Befragungsstudien jüngeren Datums vor,
die ein differenziertes Bild der gegenwärtigen Jugendgeneration zeichnen.
45
Vgl. Baier, D., Kemme, S., Hanslmaier, M., Doering, B., Rehbein, F., Pfeiffer, C. (2011). Kriminalitätsfurcht, Strafbedürfnisse und
wahrgenommene Kriminalitätsentwicklung Ergebnisse von bevölkerungsrepräsentativen Befragungen aus den Jahren 2004, 2006
und 2010. KFN: Forschungsbericht Nr. 117.
46
Vgl. Baier, D. (2011). Jugendgewalt in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme. In: Deegener, G., Körner, W. (Hrsg.), Gewalt und
Aggression im Kindes- und Jugendalter. Ursachen, Formen, Intervention. Weinheim. S. 35-53.

40 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Hervorzuheben sind hier zuerst die Shell-Jugendstudien, die seit vielen Jahren unregelmäßig veröffentlicht
werden. Die letzte Studie stammt aus dem Jahr 2010
47
, mit dem Untertitel „Eine pragmatische Generation
behauptet sich“. Berichtet werden einerseits positive Befunde. So ist unter den Jugendlichen ein Zukunftsop-
timismus verbreitet, nur 7 % sehen ihre Zukunft eher düster. Zudem gibt es weiterhin eine starke Familien-
orientierung. Das Interesse der Jugendlichen an Politik ist im Zeitvergleich angewachsen: Bestätigten in der
Befragung 2002 nur 30 % ein solches Interesse, waren es 2010 bereits 37 %. Linke Orientierungen finden
sich dabei häufiger als rechte Orientierungen. Grundsätzlich steigt auch die Zufriedenheit mit der Demokratie
und der bundesdeutschen Gesellschaft. Zudem sind viele Jugendliche bereit, sich aktiv einzubringen und zu
engagieren. Fast zwei von fünf Jugendlichen setzen sich oft in sozialen Bereichen wie der Hilfe für Ältere,
dem Umwelt- und Naturschutz oder der Jugendfreizeitgestaltung ein. Andererseits ergeben sich aber auch
negative Befunde. So vergrößern sich die sozialen Unterschiede weiter: „Die [...] Kluft zwischen den sozialen
Milieus hat sich demnach [...] trotz des positiven Gesamttrends eher noch vertieft“
48
. Für unterschiedliche
Schichten gestaltet sich insofern der Jugendalltag in unterschiedlicher Form. Dies kann am Beispiel des
Medienkonsums verdeutlicht werden: „In der Gruppe der ‚Medienfixierten‘ sind vor allem männliche Jugend-
liche aus der Unterschicht vertreten. Computer und Fernsehen sind hier allzu häufig dominierende Bezugs-
punkte“
49
. Auch im Bereich des politischen und sozialen Engagements ergeben sich deutliche Unterschiede
zwischen den Sozialschichten.
Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat in den Jahren 2007/2008 ebenfalls eine
deutschlandweit repräsentative Befragung unter fast 45.000 Jugendlichen der neunten Jahrgangsstufe
durchgeführt
50
. Der Schwerpunkt lag auf der Untersuchung des Gewaltverhaltens und möglicher Ursachen.
Bestätigt wird, dass nur ein kleiner Teil der Jugendlichen Gewalterfahrungen aufweist, aus Täter- oder Op-
ferperspektive: Für mehr als drei Viertel aller Jugendlichen gehörte Gewalt in den zwölf Monaten vor der
Befragung nicht zum persönlichen Erfahrungsbereich. Allerdings werden zwei andere Problembereiche des
Jugendalltags benannt: der Alkoholkonsum sowie der Rechtsextremismus. Etwa die Hälfte der Jugendlichen
berichtet vom Rauschtrinken im zurückliegenden Monat, in hohem Maß ausländerfeindliche Einstellungen
hat etwa jeder siebte Jugendliche offenbart. Auch andere Studien weisen auf Belastungen der Jugendlichen
in diesen beiden Bereichen hin, bei Rechtsextremismus eher in Ost- als in Westdeutschland.
51
Die Befra-
gung des KFN belegt darüber hinaus, dass dem Medienkonsum im Jugendalltag ein großer Stellenwert zu-
kommt, wobei das Fernsehen hier ebenso eine Rolle spielt wie das Computerspielen oder der Internetge-
brauch. Durchschnittlich sieben Stunden wird sich mit diesen Medien beschäftigt, andere Aktivitäten fallen
demgegenüber deutlich ab; gelesen wird bspw. nur ca. eine halbe Stunde täglich. Männliche Jugendliche
beschäftigen sich in zeitlich ausgedehnterer Weise mit den verschiedenen Medien; zugleich sind die männli-
chen Jugendlichen auch gefährdeter, was die negativen Konsequenzen des Medienkonsums (Konsum al-
tersgefährdender Inhalte, suchtartige Mediennutzung) anbelangt.
47
Vgl. Albert, M., Hurrelmann, K., Quenzel, G., TNS Infratest Sozialforschung (2010). Jugend 2010. 16. Shell Jugendstudie. Frankfurt
am Main.
48
Albert, M., Hurrelmann, K., Quenzel, G., TNS Infratest Sozialforschung (2010). S. 17.
49
Albert, M., Hurrelmann, K., Quenzel, G., TNS Infratest Sozialforschung (2010). S. 18f.
50
Vgl. Baier, D., Pfeiffer, C., Simonson, J., Rabold, S. (2009). Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Erster
Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. KFN: Forschungsbe-
richte Nr. 107.
Baier, D., Pfeiffer, C., Rabold, S., Simonson, J., Kappes, C. (2010). Kinder und Jugendliche in Deutschland. Gewalterfahrungen, In-
tegration, Medienkonsum. Zweiter Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern
und des KFN. KFN: Forschungsberichte Nr. 109.
51
Vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2012). Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland
2011. Der Konsum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen: Aktuelle Verbreitung und Trends. Abrufbar unter: Website der Dro-
genbeauftragten der Bundesregierung (letzter Abruf: 26.07.2013)
Decker, O., Kiess, J., Brähler, E. (2012). Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012. Friedrich-
Ebert-Stiftung.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 41
Auch in Sachsen wurden in der Vergangenheit verschiedene Jugendstudien durchgeführt. Im Jahr 2010
wurde bspw. die Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ veröffentlicht, die eine Mehr-Themen-Befragung dar-
stellt
52
und die eine 1993 begonnene Untersuchungsreihe fortsetzt. Einbezogen wurden 1.002 Befragte im
Alter zwischen 15 und 26 Jahren. In dieser Befragung zeigt sich u.a., dass die Jugendlichen bzgl. ihrer be-
ruflichen Zukunft, wie der zukünftigen Entwicklung der Lebensqualität in Sachsen eher pessimistisch als
optimistisch eingestellt sind. Allerdings hat sich zu früher der Anteil derer verringert, die im Westteil Deutsch-
lands bessere Chancen vermuten. Festzustellen ist auch für die sächsischen Jugendlichen ein hohes Enga-
gement sowie ein hohes Interesse für Politik. Als Problembereiche werden in dieser Studie u.a. eine hohe
Ausländerfeindlichkeit sowie ein unverändert hoher Alkoholkonsum benannt.
Erst kürzlich wurden Ergebnisse einer weiteren Befragung junger Menschen vorgestellt.
53
Diese zeigt deutli-
che Verbesserungen der Zukunftsperspektiven der hier lebenden Jugendlichen an. Mehr als vier von fünf
Jugendlichen berichten, dass sie gern oder sehr gern in Sachsen leben, fast zwei Drittel wünschen sich auch
in Zukunft in Sachsen zu leben. Über die Hälfte der Befragten sieht zuversichtlich in die Zukunft, die Hälfte
meint, auch in Sachsen einen attraktiven und sicheren Arbeitsplatz zu finden.
All die zitierten Studien liefern differenzierte Informationen zur Lage der sächsischen bzw. deutschen Jugend.
Die Differenziertheit wird dadurch gewährleistet, dass Ergebnisse für verschiedene Befragtengruppen, wie
männliche und weibliche Jugendliche oder sozial schwächere und sozial stärkere Jugendliche präsentiert
werden. Allerdings wird weitestgehend darauf verzichtet, raumbezogene Auswertungen vorzunehmen. Bun-
desweite Studien unterscheiden insofern nur zwischen Ost- und Westdeutschland. Innerhalb dieser Gebiete
wird nicht zusätzlich zwischen eher ländlichen und eher städtischen Gebieten unterschieden. Es ist aber
ohne weiteres vorstellbar, dass Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhaltensweisen systematisch mit den
geografischen Gegebenheiten in Zusammenhang stehen. Die beruflichen Zukunftsaussichten dürften in
einer ländlichen Region mit wenig Industrie schlechter eingestuft werden als in einer Großstadt; das Freizeit-
verhalten dürfte sich in solchen Gebieten auf wenige Aktivitäten konzentrieren, während es anderswo auf-
grund zahlreicherer Angebote vielfältiger ist. Um den räumlich variierenden Jugendalltag abzubilden, wurde
daher ein zweigeteiltes Vorgehen angewendet:
Die Daten der erwähnten Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ wurden unter dem Aspekt regionaler
Unterschiede re-analysiert. Die Befragung erlaubt eine Unterscheidung von Wohnorten nach ihrer Ein-
wohnerzahl, so dass zwischen sehr ländlichen und großstädtischen Gebieten differenziert werden kann.
Aufgrund der begrenzten Stichprobengröße (1.002 Befragte) sowie der begrenzten Anzahl an Themen,
die in der Befragung untersucht wurden, wurde zusätzlich eine weitere Befragung zu Stadt-Land-
Unterschieden durchgeführt. Diese sollte zudem in einem entscheidenden Punkt über die Befragung
„Jugend 2009 in Sachsen“ hinausreichen: Die Verortung der Jugendlichen sollte durch die Abfrage des
Wohnorts ermöglicht werden, nicht nur über die Erhebung der Einwohnerzahl des Wohnorts. Auf Basis
der Wohnortangabe können bei der räumlichen Klassifikation der Befragten weit mehr Informationen ge-
nutzt werden.
Eine zeitnahe und kostengünstige Möglichkeit für eine solche Befragung stellt die Onlinebefragung dar. Wei-
tere Vorteile dieser Befragungsform sind, dass sie gerade Jugendliche anspricht und dass eine große An-
zahl an Befragten erreicht werden kann. Eine solche Befragungsform weist zugleich Nachteile auf. Der wich-
tigste Nachteil dürfte darin bestehen, dass die über diese Methode gewonnene Stichprobe einem erhöhten
Risiko unterliegt, nicht repräsentativ zu sein. Wie jede andere Befragung ist auch eine Online-Befragung
freiwillig. Zugleich dürften sich möglicherweise besonders die internetaffinen Jugendlichen zur Teilnahme
bereit erklären. Der offene Zugang zur Befragung könnte eine solche Selektion noch verstärken, insofern
52
Vgl. Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (2010a). Jugend 2009 in Sachsen. Eine vergleichende
Untersuchung zu Orientierungsproblemen junger Menschen. Abrufbar unter: Publikationen des Freistaates Sachsen
(letzter Abruf:
26.07.2013).
53
Vgl. Jung, GMS Dr. GmbH Hamburg (2012). Lebensziele junger Menschen in Sachsen. Präsentation abrufbar unter: Website des
Freistaates Sachsen (letzter Abruf: 23.08.2013).

42 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
gerade jene Jugendliche den Fragebogen im Netz entdecken, die besonders viel im Internet surfen. Vor dem
Hintergrund eines möglichen Repräsentativitätsproblems ist es daher notwendig, Online erhobene Stichpro-
ben mit Stichproben zu vergleichen, die auf andere Weise gewonnen wurden (vgl. Kapitel 2.2).
Das in der Onlinebefragung untersuchte Themenspektrum deckt weitestgehend jene Themen ab, die in den
vorgestellten Jugendstudien relevant waren. Untersucht werden sollten im Regionenvergleich die Zufrieden-
heit mit den Bedingungen vor Ort, die Zukunftsperspektiven, das Freizeitverhalten sowie das politische und
nicht-politische Engagement. Aus dem Bereich möglicher negativer Phänomene sollten der Alkoholkonsum
und extreme politische Orientierungen betrachtet werden. Ein Schwerpunkt wurde auf den Besuch von Ju-
gendclubs bzw. Jugendzentren gelegt, da diese zentrale Orte der Jugendarbeit sind. Neben der räumlichen
Differenzierung wird in der nachfolgenden Ergebnisdarstellung zusätzlich zwischen den Geschlechtern und
Altersgruppen unterschieden. Um zusätzlich Unterschiede zwischen sozialen Schichten zu identifizieren,
werden die Befragten getrennt nach dem Bildungsabschluss bzw. nach der Abhängigkeit von staatlichen
Transferleistungen betrachtet.
2.2
Online-Befragung und Studie „Jugend 2009 in Sachsen“ - Die
erreichte Stichprobe nach sozio-demografischen Variablen
Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“
Im Oktober und November 2009 wurden durch das Institut für Marktforschung Leipzig 1.002 Jugendliche im
Alter zwischen 15 und 26 Jahren im gesamten Bundesland Sachsen befragt. Das Durchschnittsalter der
Befragten liegt bei 21,2 Jahren, einbezogen wurden etwa gleich viele männliche wie weibliche Jugendliche
(49,5 zu 50,5 %). Die Stichprobe beansprucht Repräsentativität für das Bundesland Sachsen. Gleichwohl
stellt die Stichprobe kein identisches Abbild der Grundgesamtheit dar, wenn die Geschlechts- und Altersver-
teilung bzw. die Zusammensetzung nach Regierungsbezirken betrachtet wird, weshalb ein Gewichtungsfak-
tor (Anpassungsgewicht) konstruiert wurde. Auf eine Gewichtung der Daten wird hier allerdings verzichtet,
da im Vordergrund die Frage nach Stadt-Land-Unterschieden steht.
Onlinebefragung
Die Online-Befragung erfolgte im Zeitraum Dezember 2012 bis Februar 2013. Die Information über die
Durchführung der Online-Befragung wurde weit gestreut: Alle Sekundar- und Berufsschulen Sachsens sowie
die Jugendfreizeiteinrichtungen wurden gebeten, die Jugendlichen mittels Flyer und Plakaten auf die Befra-
gung aufmerksam zu machen.
Insgesamt wurde der Fragebogen 2.839mal aufgerufen. Nicht jeder dieser Aufrufe ist gleichzusetzen mit
einem Ausfüllen des Fragebogens. Insgesamt 330mal wurde keine einzige Frage beantwortet. Auch bei den
2.509 verbleibenden Fällen findet sich, für Online-Befragungen nicht untypisch, dass häufiger Fragen nicht
beantwortet wurden. Bei 362 Fällen wurden weniger als fünf von 148 zu beantwortenden, geschlossenen
Fragen beantwortet. Da diese Fälle kaum Informationen liefern, werden sie in den nachfolgenden Auswer-
tungen nicht berücksichtigt. Bei den verbleibenden 2.147 Fällen handelt es sich z.T. um Personen, die nicht
der anvisierten Altersgruppe angehören. Personen, jünger als 11 und älter als 26 Jahre, werden im Rahmen
des Projekts nicht als Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene definiert und deshalb von den Aus-
wertungen ausgeschlossen; dies gilt ebenso für Personen, die keine Angaben zu ihrem Lebensalter ge-
macht haben. Insgesamt handelt es sich um 160 Befragte. Die Anzahl der Befragten reduziert sich schließ-
lich ein weiteres Mal um jene Personen, die einen Wohnort außerhalb Sachsens angegeben haben (24 Be-
fragte) bzw. deren Angaben augenscheinlich nicht ernst zu nehmen waren (11 Befragte). Letztlich gehen
damit Angaben von 1.952 Befragten in die Auswertungen ein.
Diese Befragten lassen sich folgendermaßen sozio-demografisch charakterisieren:

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 43
Das Durchschnittsalter beträgt 16,7 Jahre (Altersrange: 11 bis 26 Jahre). 81,0 % aller Befragten sind
zwischen 12 und 19 Jahren; zu jedem dieser Jahrgänge stehen Angaben von mindestens 100 Personen
zur Auswertung zur Verfügung. Die ab 20-Jährigen wurden mit der Befragung damit nur selten erreicht.
Werden die Befragten ihrem Alter entsprechend zu drei Gruppen zusammengefasst, so sind 16,8 %
Kinder (unter 14 Jahre), 52,3 % Jugendliche (14 bis unter 18 Jahre) und 30,9 % junge Erwachsene (ab
18 Jahre).
48,1 % der Befragten sind männlich, entsprechend 51,9 % weiblich.
Fast drei Viertel der Befragten sind Schülerinnen und Schüler (73,5 %); die beiden nächstgrößten Grup-
pen sind Auszubildende (9,6 %) und Studierende (6,3 %). Die restlichen Befragten sind erwerbstätig
(Vollzeit oder Teilzeit), arbeitslos oder haben einen anderen Status. Zu beachten ist, dass sich die Frage
zum Erwerbsstatus am Ende des Fragebogens befand. Ein Drittel der Befragten hat hier keine Antwort
abgegeben, i.d.R. deshalb, weil er die Befragung zu diesem Zeitpunkt bereits abgebrochen hatte.
Von den Schülerinnen und Schülern besuchen 53,6 % ein Gymnasium, 9,0 % eine Förderschule, die
übrigen eine Mittelschule oder andere Schule. Werden jene Befragten betrachtet, die nicht mehr die
Schule besuchen, ergibt sich ein Anteil von 46,5 %, die ein Abitur oder Fachabitur abgelegt haben. Wer-
den die Befragten, die ein Gymnasium besuchen und die Befragten, die ein Abitur haben, zusammenge-
fasst, gilt, dass insgesamt 51,7 % der Befragten über eine höhere Bildung verfügen.
Wird das Bildungsniveau im Elternhaus betrachtet, ergibt sich ebenfalls ein hoher Anteil hoch gebildeter
Eltern (48,0 %). Die Befragten sollten getrennt für die Mutter und den Vater den Schulabschluss berich-
ten; der höchste berichtete Abschluss bestimmt das Bildungsniveau im Elternhaus.
Die Mehrheit der Befragten wohnt bei mindestens einem Elternteil (82,9 %), jeder zehnte Befragte wohnt
in der eigenen Wohnung.
6,1 % der Befragten weisen einen Migrationshintergrund auf. Dieser wurde über folgende Anweisung im
Fragebogen erhoben: „Einen Migrationshintergrund hast du beispielsweise, wenn du selbst oder ein El-
ternteil im Ausland geboren wurde oder du eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt.“
Eine Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen ist für 15,1 % der Befragten festzustellen. Diese
liegt dann vor, wenn mindestens ein Elternteil aktuell arbeitslos ist oder wenn die Eltern bzw. der Befrag-
te selbst Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II bzw. Sozialgeld erhält.
Die Befragten wurden am Ende des Fragebogens gebeten, mitzuteilen, mit wem sie zusammen am Compu-
ter gesessen und entsprechend den Fragebogen ausgefüllt haben. Der Großteil (81,4 %) hat allein am
Computer gesessen. Wenn andere Personen dabei waren, dann im Wesentlichen die Freunde (15,4 %).
Geschwister, Eltern oder andere Erwachsene waren nur bei sehr wenigen Befragten beim Ausfüllen zuge-
gen (jeweils unter 5 %).
Repräsentativität der Online-Stichprobe
Um mögliche Verzerrungen in der Stichprobenzusammensetzung zu identifizieren, ist es nötig, die Online
gewonnene Stichprobe mit anderen Befragungen zu vergleichen. Hierfür stehen zum einen die Befragung
„Jugend 2009 in Sachsen“ und zum anderen die KFN-Schülerbefragung 2007/2008 zur Verfügung. Hinsicht-
lich der erstgenannten Befragung ist zu beachten, dass die untersuchte Altersgruppe nicht deckungsgleich
ist mit der Altersgruppe der Online-Befragung, in die auch unter 15-Jährige einbezogen wurden. Für einen
Vergleich beider Stichproben stehen daher nur 1.369 Befragte der Online-Befragung zur Verfügung.
Auch die Schülerbefragung 2007/2008 kann nicht ohne weiteres zum Vergleich herangezogen werden. In
Sachsen wurden im Rahmen dieser Studie 1.752 Schüler erreicht. Die Befragung konzentrierte sich allein
auf Jugendliche der neunten Jahrgangsstufe aller Schulformen (Ausnahme: Förderschulen mit anderem
Schwerpunkt als Schwerpunkt Lernförderung). Vergleiche zur Online-Befragung müssen sich insofern auf
Schüler dieses Jahrgangs beschränken. Im Online-Fragebogen wurde die Jahrgangsstufenzugehörigkeit
abgefragt: 186 Befragte gaben an, derzeit in dieser Jahrgangsstufe unterrichtet zu werden. Die
KFN-Schülerbefragung beansprucht keine Repräsentativität für Sachsen. Einbezogen wurden vier Landkrei-
se (Bautzen, Sächsische Schweiz, Torgau-Oschatz) bzw. zwei kreisfreie Städte (Chemnitz, Görlitz, Leipzig);
für diese Gebiete stellt die Stichprobe ein repräsentatives Abbild dar. Da aber unterschiedlich strukturierte

44 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Gebiete einbezogen wurden, dürfte die KFN-Schülerbefragung annäherungsweise die Verhältnisse in der
Grundgesamtheit wiederspiegeln und daher eine gute Vergleichsstichprobe darstellen.
Die Tabelle 7 stellt die Ergebnisse verschiedener Vergleiche, die sich auf sozio-demografische Variablen
beziehen, vor. Der Vergleich mit der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ führt zu dem Ergebnis, dass die
Online-Stichprobe als selektiv einzustufen ist: Die Befragten sind durchschnittlich jünger und höherer Bildung.
Bezüglich der Bildung sind die Zahlen nur bedingt vergleichbar, weil in der Befragung „Jugend 2009 in
Sachsen“ in der entsprechenden Frage auch berufliche Abschlüsse erhoben wurden, die sich nicht klar ei-
nem Bildungsniveau zuordnen lassen (z. B. kann einem „Berufsschulabschluss“ sowohl ein Hauptschul-, als
auch ein Realschulabschluss oder ein Abitur zugrunde liegen). Die wesentliche Erklärung für die Alters- und
Bildungsdifferenzen besteht darin, dass sich in der Online-Befragung besonders viele Schülerinnen und
Schüler beteiligt haben: 62,5 % der 15- bis 26-Jährigen gaben als derzeitigen Status den Besuch einer
Schule an, in der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ sind es lediglich 16,1 %. Im Erwerbsleben stehende
Personen sind in der Jugendumfrage 2009 deutlich häufiger anzutreffen. Dies kann bedeuten, dass die ge-
wählten Wege, über die die Informationen bzgl. der Durchführung der Online-Befragung kommuniziert wur-
den, weitestgehend nur bei Personen, die noch die Schule besuchen, zum Erfolg führen. Wer eine Berufs-
schule besucht oder aber im Erwerbsleben steht, wird über diese Wege nicht erreicht. Obwohl die Stichpro-
be für diese Bevölkerungsgruppe mithin keine verlässlichen Aussagen erlaubt, ist die Verzerrung mit Blick
auf die zentrale Frage der Online-Befragung nicht problematisch, nämlich inwieweit sich der Jugendalltag im
Regionalvergleich unterschiedlich gestaltet. Da im Erwerbsleben stehende Personen höchstwahrscheinlich
weniger in ihrem Alltag von den regionalen Bedingungen abhängig sind, seltener Jugendzentren o. ä. besu-
chen, können sie zu diesen Themen nur bedingt Informationen berichten.
Die überproportionale Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an der Befragung führt wiederum zu der
Frage, ob es sich bei diesen um eine selektive Gruppe handelt oder ob gesagt werden kann, dass die Teil-
nehmer die sächsische Schülerschaft angemessen wiederspiegeln. Abschließend beantworten lässt sich
diese Frage deshalb nicht, weil – wie angesprochen – die KFN-Vergleichsstichprobe nicht den Anspruch auf
sachsenweite Repräsentativität erhebt. Sie ist aber derzeit die einzige Stichprobe, die erlaubt, Verzerrungen
in Bezug auf die Schul-Gruppe zu untersuchen. In Tabelle 7 sind daher die Vergleiche mit dieser Befragung
dargestellt.
Dabei ergeben sich kaum bedeutsame Unterschiede. Die Teilnehmer aus der 9. Klassenstufe der Online-
Befragung sind durchschnittlich etwas jünger. Dies könnte ein Generationeneffekt sein: In jüngeren Jahren
werden die Kinder früher eingeschult, was zur Folge hat, dass sie heute in der neunten Jahrgangsstufe jün-
ger sind, als dies noch vor 5 Jahren der Fall war. Wünschenswert wäre daher, eine Schülerbefragung aus
dem Jahr 2013 zu Vergleichszwecken zur Verfügung zu haben. An der Onlinebefragung haben sich anteils-
mäßig etwas weniger männliche Befragte und etwas mehr höher gebildete Jugendliche beteiligt. Migranten
sind geringfügig seltener in der Stichprobe anzutreffen. Der einzige größere Unterschied besteht bei der
Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen: Von diesen berichten Online befragte Schülerinnen und
Schüler seltener als die Befragten der der Schülerbefragung 2007/2008.
Die Vergleiche zwischen den beiden Stichproben lassen damit den vorsichtigen Schluss zu, dass die befrag-
ten Schülerinnen und Schüler eher keine selektive Gruppe darstellen, die Befunde zu den hier im Mittelpunkt
stehenden Themen also weitestgehend verlässlich sind. Zu berücksichtigen ist dennoch, dass die Befragten
der Online-Befragung anscheinend etwas höher gebildet sind und seltener aus Familien kommen, die staat-
liche Transferleistungen beziehen.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 45
Tabelle 7: Vergleich der Stichproben für unterschiedliche sozio-demografische Variablen (in % bzw. Mittelwerte)
Sozio-demografische
Variablen
Online-
Befragung
(15- bis 26-
jährige,
N = 1369)
Befragung „Ju-
gend 2009 in
Sachsen“
(N = 1002)
Online-Befragung
(9. Jahrgangsstufe,
N = 186)
KFN Schüler-
befragung
2007/2008
(N = 1752)
Alter (Mittelwert)
18,2
21,2
14,9
15,4
Anteil männlich
45,9
49,5
44,6
48,9
Gymnasiumbesuch/ Abitur
55,3
34,8
a)
32,8
28,3
Schülerinnen und Schüler 62,5 16,1 100,0 100,0
erwerbstätig
6,3
28,4
-
arbeitslos 1,8 9,3 -
Abhängig von staatlichen
Transferleistungen
16,6
-
b)
14,0
22,7
Migrationshintergrund 4,9 5,0
c)
8,8
9,9
a) Erfragt wurden neben den herkömmlichen Schulabschlüssen (Hauptschule, Realschule, Abitur) auch der Berufsschul-
abschluss, der Fachschulabschluss und der Hochschulabschluss, d.h. berufliche Abschlüsse. Hier wurde nur der Hoch-
schulabschluss zur Abitur-Gruppe zugeordnet.
b) Der Bezug von Sozialhilfe im Elternhaus wurde nicht erfragt, weshalb kein Vergleich möglich ist.
c) Es wurden das eigene Geburtsland sowie das Geburtsland der leiblichen Eltern erfragt.
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013, Jugend 2009 in Sachsen, Onlinebefragung (9. Jahrgangsstufe),
KFN Schülerbefragung 2007/2008, eigene Auswertung
Der Vergleich zwischen der Online-Befragung und der KFN-Schülerbefragung kann über die sozio-
demografischen Variablen hinaus für vier inhaltliche Variablen erfolgen, die in Tabelle 8 dargestellt sind.
Dieser Vergleich belegt etwas deutlicher als der Vergleich der sozio-demografischen Variablen, dass die
Online-Befragten etwas von den Durchschnitts-Schülerinnen und –Schülern abweichen. Folgende vier Vari-
ablen wurden in identischer Weise in beiden Befragungen erhoben:
Die Aussage, ob sich die Leute in der Nachbarschaft gegenseitig helfen (Antwortvorgaben: von
„1 - stimmt nicht“ bis „4 - stimmt genau“). Die Mittelwerte der Online-Befragung liegen etwas höher als
der der KFN-Schülerbefragung, was bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler häufiger in Nachbar-
schaften leben, in denen es zwischen den Nachbarn sozialen Zusammenhalt gibt.
Die Aussage, ob die Ausländer in Deutschland eine Bereicherung darstellen. In der Schülerbefragung
2007/2008 liegt der Mittelwert deutlich niedriger, es stimmten also weniger Befragte dieser Aussage zu.
Die Aussage wurde dabei nur deutschen Jugendlichen zur Beantwortung vorgelegt, weshalb sich der
Mittelwert der Online-Befragung ebenfalls nur auf die deutschen Jugendlichen bezieht. Zustimmen konn-
ten die Befragten dieser Aussage von „1 – stimmt nicht“ bis „7 – stimmt genau“.
Der Alkoholkonsum wurde über die Häufigkeit des Konsums von Bier, Wein/Sekt, Alcopops und
Schnaps bestimmt, jeweils bezogen auf die letzten zwölf Monate. Wer mindestens eines der Getränke
mindestens einmal pro Woche trinkt, wurde als häufiger Konsument klassifiziert. Auf diesen Anteil be-
ziehen sich die in Tabelle 8 dargestellten Raten. In der KFN-Schülerbefragung liegt der Wert mit 25,2 %
höher als in der Online-Befragung.
Das gleiche Ergebnis wird für das Rauschtrinken erzielt. In der Online-Befragung berichten 40,7 % der
Neuntklässler davon, in der Schülerbefragung 53,6 %. Dabei handelt es sich um jenen Anteil an Schü-
lern, die angegeben haben, in den letzten 30 Tagen zu mindestens einer Gelegenheit fünf und mehr al-
koholische Getränke konsumiert zu haben

46 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Tabelle 8: Vergleich unterschiedlicher Variablen (in % bzw. Mittelwerte)
Variablen
Onlinebefragung
(9. Jahrgangsstufe)
KFN Schülerbefragung
2007/2008
Die Leute in meiner Nachbarschaft helfen
sich gegenseitig.
(Angaben sind Mittelwerte einer Skala von 1 bis 4)
2.88
2.75
Die in Deutschland lebenden Ausländer sind
eine Bereicherung für die Kultur in Deutschland.
(nur deutsche Befragte)
(Angaben sind Mittelwerte einer Skala von 1 bis 7)
4.39
3.75
Mind. wöchentlicher Konsum von Alkohol
(Angaben in %)
19,7
25,2
Rauschtrinken in letzten 30 Tagen (Angaben in %)
40,7
53,6
Quelle: Onlinebefragung (9. Jahrgangsstufe), KFN Schülerbefragung 2007/2008
Bei den Vergleichen ist grundsätzlich zu beachten, dass zwischen beiden Befragungen fast fünf Jahre ver-
gangen sind. In dieser Zeit können sich Veränderungen in der Abfolge der Jugendgenerationen zugetragen
haben, hin zu mehr Ausländerfreundlichkeit und zu geringerem Alkoholkonsum. Die Unterschiede müssen
damit nicht per se bedeuten, dass die Stichprobe der Online-Befragung selektiv ist. Es handelt sich um eine
neue Jugendgeneration, die weniger Problemverhalten zeigt. Dennoch erlauben die Ergebnisse sowohl zu
den sozio-demografischen als auch den inhaltlichen Variablen, dass in der Online-Befragung wahrscheinlich
etwas mehr höher gebildete, engagierte, sozial unauffälligere Schülerinnen und Schüler teilgenommen ha-
ben. Dass sich diese Jugendlichen häufiger freiwillig an Befragungen beteiligen, ist nicht unerwartet. Die
höhere Beteiligung dieser Jugendlichen ist letztlich aber unproblematisch, weil die Online-Befragung
explorativ angelegt ist. Es sollen Stadt-Land-Unterschiede hinsichtlich des Jugendalltags untersucht werden.
Wenn diese existieren, müssen sie sich auch in einer Stichprobe zeigen, die nicht perfekt die Verhältnisse
der Grundgesamtheit abbildet.
2.3
Räumliche Kategorisierung der Befragungsergebnisse
Online-Befragung
Von den 1.952 Befragten der Online-Befragung haben nur 1.572 Befragte ihren Wohnort angegeben, so
dass zu diesem Wohnort verschiedene externe Daten zugespielt werden können; dabei wurden insgesamt
237 Wohnort-Gemeinden benannt.
54
Zwei Kennwerte sollen in den folgenden Auswertungen im Mittelpunkt
stehen:
Der Raumstrukturindex: Dieser bildet die demografische Situation einer Gemeinde ab und setzt sich zur
Hälfte aus Zentralitätskomponente und zur Hälfte aus einer demografischen Komponente zusammen
(vgl. Kapitel 1). Die Gemeinden wurden auf Basis des Index zu fünf übergeordneten Gruppen zusam-
mengefasst: Typ I (Großstädte) bis Typ V.
SGB II-Quote U15: Zu jeder Gemeinde wurde der Anteil der unter 15-Jährigen in Haushalten mit
SGB II-Bezug an allen unter 15-Jährigen bestimmt. Dieser Anteil variiert zwischen 2,3 und 40,1 %. Un-
54
Die Befragten wohnen nach eigener Angabe durchschnittlich seit 12,6 Jahren in dem benannten Wohnort. Für Befragte in den
kreisfreien Städten (vgl. zu dieser Kategorisierung die folgenden Ausführungen) ist eine kürzere Wohndauer von 12,1 Jahren, für
Befragte aus dem ländlichen peripheren Raum eine längere Wohndauer von 13,2 Jahren festzustellen. Die Unterschiede zwischen
den Regionalkategorien werden aber nicht als signifikant ausgewiesen.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 47
terschieden werden dabei zwei Gemeindetypen: Gemeinden mit einer Quote unter 25 % und Gemein-
den mit einer Quote ab 25 %.
Tabelle 9 gibt darüber Auskunft, wie viele Befragte den einzelnen Regionalkategorien zugeordnet werden.
Der größte Anteil an Befragten kommt aus den drei Großstädten (Typ I, 36,4 %). Im Typ V wurden nur 4,3 %,
d.h. 68 Personen befragt. In einer Gemeinde mit einem Anteil der der unter 15-Jährigen in SGB II-Bezug ab
25 % leben 45,3 % der Befragten. Erkennbar ist zugleich, dass ein hoher Anteil in SGB II-Bezug häufiger für
die Typen I und II charakteristisch ist. Im Typ V dagegen wurden nur zwei Personen befragt, die in einer
Gemeinde mit einem Anteil der unter 15-Jährigen in SGB II-Bezug ab 25 % wohnen.
Tabelle 9: Verteilung der Befragten der Online-Jugendbefragung über die Regionalkategorien (in %)
Gemeindetyp / SGB II-Quote U15
gesamt
N
SGBII-Quote U15
ab 25 %
N
Typ I (Großstädte)
36,4
572
47,8
340
Typ II
26,2
412
33,6
239
Typ III
20,0
315
10,7
76
Typ IV
13,0
205
7,7
55
Typ V
4,3
68
0,3
2
SGB II-Quote U15 < 25 %
54,7
860
-
-
SGB II-Quote U15 ab 25 %
45,3
712
-
-
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Hinsichtlich der sozio-demografischen Zusammensetzung der Regionen finden sich teilweise signifikante
Unterschiede, wie Tabelle 10 belegt. Die Befragten aus den Typen I und II sind durchschnittlich etwas älter.
Sie besuchen auch häufiger ein Gymnasium bzw. haben Abiturbildung. Die Raten an Befragten, die in von
staatlichen Transferleistungen (SGB II) abhängigen Familien aufwachsen, sind vor allem im Typ II hoch
(20,9 %), in den Typen IV und V hingegen am niedrigsten (9,9 bzw. 10,9 %).
Werden die Befragten aus Gemeinden mit eher geringem und eher hohem Anteil an unter 15-Jährigen im
SGB II-Bezug gegenüber gestellt, so ergeben sich nur zwei signifikante Differenzen: Zum einen liegt der
Anteil männlicher Befragter in den Gemeinden mit eher geringer Quote höher. Zum anderen finden sich
mehr höher Gebildete in Gemeinden mit eher hoher Quote. Dieser Befund ist u.a. darauf zurückzuführen,
dass in den städtischen Gebieten gleichzeitig häufiger ein hoher Anteil an SGB II-Empfängern gegeben ist
und zugleich das Bildungsniveau hier höher liegt. Überraschend ist, dass sich beide Gruppen nicht hinsicht-
lich des Anteils an Befragten unterscheiden, die in von staatlichen Transferzahlungen abhängigen Familien
leben. Dies bedeutet letztlich, dass auch in den Gemeinden mit eher hoher Leistungsempfängerquote die
strukturell eher bessergestellten Befragten teilgenommen haben, die Jugendlichen aus Bedarfsgemeinschaf-
ten also weniger erreicht wurden. Dass die Kategorisierung der Gebiete nach der SGB II-Quote dennoch
eine Entsprechung in den Antworten der Befragten findet, belegt folgende Auswertung: Die Befragten sollten
einschätzen, wie sie die wirtschaftliche Lage in ihrem Wohnort im Vergleich zur Situation in Sachsen ein-
schätzen. 46,9 % gaben an, dass sie die Lage (eher) besser einschätzen. In Gebieten mit geringerem Anteil
unter 15-Jährigen in Bedarfsgemeinschaften sind es 54,2 %, in Gebieten mit hoher Quote nur 38,6 %. Da
die SGB II-Quote ein Indikator der Wirtschaftslage darstellt, ist dieses Ergebnis zu erwarten.

48 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Tabelle 10: Sozio-demografische Variablen nach Regionalkategorien (Mittelwerte bzw. in %; fett: Unterschiede
signifikant bei p < .05)
Sozio-
demografische
Variablen
Typ I
Typ II
Typ III
Typ IV
Typ V
SGB II-
Quote
U15
< 25 %
SGB II-
Quote
U15
ab 25 %
Alter (Mittelwert)
16,8
16,7
16,3
16,1
15,7
16,4
16,6
Geschlecht
(männlich)
43,5 47,3 52,4 43,1 36,8
48,3 43,1
Anteil Schüler
72,8
73,4
72,2
77,8
77,9
72,4
75,5
Gymnasiumbesuch/
Abitur
70,0 52,2 42,6 36,8 25,0 49,2 58,3
Abhängigkeit von
staatlichen Trans-
ferleistungen
13,1
20,9
15,0
9,9
10,9
15,0
15,1
Migrationshinter-
grund
8,6 4,4 4,5 4,6 3,8 6,3 5,6
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Studie „Jugend 2009 in Sachsen“
In der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ kann die Regionalzuordnung der Jugendlichen hingegen nicht
auf Basis des berichteten Wohnorts vorgenommen werden. Im gesamten Fragebogen wurde nur eine einzi-
ge Frage mit Regionalbezug erhoben, die nach der Einwohnerzahl. Diese Frage war von der Person zu be-
antworten, die das Interview mit dem Jugendlichen durchgeführt hat. Insgesamt wurden acht, nach der Ein-
wohneranzahl differenzierende Antwortmöglichkeiten zur Ortsgröße vorgegeben. Diese werden zu fünf Ka-
tegorien zusammengefasst. Fünf Kategorien zu unterscheiden erscheint aufgrund der Befragtenanzahl ver-
tretbar; würden acht Kategorien unterschieden, würden z.T. recht niedrige Fallzahlen für Auswertungen zur
Verfügung stehen (teilweise unter 50 Befragte). Eine Reduzierung auf weniger als fünf Kategorien erscheint
vor dem Hintergrund des Analysefokus, Stadt-Land-Unterschiede zu untersuchen, zu undifferenziert. Fol-
gende fünf Gruppen werden unterschieden:
Jugendliche aus Ortschaften mit weniger als 5.000 Einwohnern (sehr ländlich); die Befragtenanzahl be-
trägt 188 Jugendliche (18,9 % der Stichprobe).
Jugendliche aus Orten ab 5.000 bis unter 20.000 Einwohnern (ländlich); hierzu gehören 238 Befragte
(23,9 %).
Jugendliche, die in Städten ab 20.000 bis unter 100.000 Einwohnern leben (städtisch); dies trifft auf
191 Befragte zu (19,2 %).
Jugendliche aus Städten ab 100.000 Einwohnern bis unter 500.000 Einwohnern (großstädtisch), was auf
154 Befragte (15,5 %) zutrifft.
Jugendliche aus Städten ab 500.000 Einwohnern, was in Sachsen nur auf die Städte Leipzig und Dres-
den zutrifft (großstädtisch: Leipzig/Dresden); dies betrifft 224 Befragte (22,5 %).
55
Die Jugendlichen dieser Kategorien unterscheiden sich nicht signifikant hinsichtlich des Geschlechts oder
des Alters, d.h. in allen fünf Gruppen finden sich etwa gleich viele männliche wie weibliche Befragte und das
Durchschnittsalter liegt in allen Gruppen bei etwa 21 Jahren. Signifikante Unterschiede zwischen den Ge-
bietskategorien existieren aber für den Migrantenanteil. Jugendliche, die nicht in Deutschland geboren wor-
den sind bzw. für deren leibliche Eltern dies gilt, werden hier als Jugendliche mit Migrationshintergrund ein-
55
Für sieben Befragte liegen keine Angaben zur Einwohnerzahl des Befragungsorts vor. Die angegebenen Prozentzahlen beziehen
sich auf alle Befragten mit gültigen Antworten (995 Jugendliche).

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 49
gestuft. Insgesamt 5,0 % der Befragten weisen einen Migrationshintergrund auf. In sehr ländlichen Gebieten
wurde überhaupt kein Migrant befragt, in großstädtischen Gebieten 8,4 %.
3
Jugendliche in Sachsen – Ergebnisse der Online-
Befragung ergänzt um eine Sonderauswertung
der Studie „Jugend 2009 in Sachsen“
3.1
Jugendalltag im Regionenvergleich
Die Ergebnisse der Online-Jugendbefragung werden im Folgenden dargestellt. Dabei wird auf regionale
Unterschiede in den Befragungsergebnissen eingegangen. Darüber hinaus erfolgt bei einigen Themen ein
Vergleich mit den Resultaten der Studie „Jugend 2009 in Sachsen“. Im Rahmen der Berichterstellung wur-
den zudem 8 Workshops mit Experteninnen und Experten sowie Jugendlichen durchgeführt. Die Ergebnisse
der Online-Befragungen wurden den Akteuren vor Ort vorgestellt und von ihnen diskutiert und kommentiert.
Eine Querschnittsauswertung der Gespräche ist jeweils am Ende eines Themenblocks ergänzt worden.
3.1.1 Zukunftsaussichten
Die Zukunftsaussichten wurden im Fragebogen mittels drei Aussagen erhoben, die in Tabelle 11 vorgestellt
werden. Alle Aussagen weisen einen Berufsbezug auf, insofern in der ersten Aussage der Übergang von der
Schule ins weitere Ausbildungssystem, in der zweiten Aussage der Übergang in die Berufstätigkeit und in
der dritten Aussage der Ertrag der Berufstätigkeit angesprochen wird. Hier und im Folgenden werden jeweils
die Ergebnisse zu jenen Fällen berichtet, die eine gültige Antwort zur Aussage abgegeben haben. Fälle mit
fehlenden Antworten werden aus den Analysen ausgeschlossen. Der Anteil an Fällen mit fehlenden Werten
variiert von Frage zu Frage. Bei den drei unten aufgeführten Aussagen liegt er immerhin bei ca. 40 %. Die-
ser hohe Anteil überrascht zugleich nur teilweise, da einige Befragte bspw. die Schule schon abgeschlossen
haben und somit zur ersten Frage keine Antwort mehr geben müssen. Würden die Auswertungen nur auf
Schülerinnen und Schüler beschränkt, würden sich keine anderen Ergebnisse als die in Tabelle 11 darge-
stellten zeigen.
Auffallend ist zunächst der hohe Anteil optimistisch eingestellter Befragter. Fast neun von zehn Befragten
gaben an, dass sie einen Ausbildungs- oder Studienplatz finden werden (nur Schüler: 89,1 %); vier von fünf
Befragten rechnen damit, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Drei von vier Befragten gehen davon aus, in
Zukunft gutes Geld zu verdienen. Die berufliche Zukunft wird damit von den meisten Befragten als ausge-
sprochen positiv eingestuft. Zwischen den fünf Raumkategorien finden sich keine signifikanten Unterschiede
bzgl. der drei Einschätzungen, d.h. die Jugendlichen in der Stadt sind ebenso wie die Jugendlichen auf dem
Land optimistisch hinsichtlich der beruflichen Zukunft eingestellt. Würde statt der in Tabelle 11 dargestellten
Regionaleinteilung die Unterteilung nach der Sozialhilfequote herangezogen, wäre nur für die zweite Aussa-
ge ein signifikanter Unterschied zu berichten: Befragte aus Gebieten mit hoher Quote sind etwas seltener
der Ansicht, einen Arbeitsplatz zu erhalten als Befragte aus Gebieten mit niedriger Quote (77,4 zu 83,5 %).
Auch für die anderen beiden Aussagen ergibt sich ein Unterschied in diese Richtung, der aber nicht als sig-
nifikant ausgewiesen wird.

50 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Tabelle 11: Zukunftsaussichten nach Regionalkategorien (in %)
Aussage
Gesamt
Typ I
(Großstädte)
Typ II
Typ III
Typ IV
Typ V
Ich bin mir sicher, dass ich
nach der Schule einen Aus-
bildungs- oder Studienplatz
bekomme.
86,8
89,0
85,3
87,7
84,7
88,0
Ich bin mir sicher, dass ich
nach meiner Ausbildung/
meinem Studium einen Ar-
beitsplatz bekomme.
80,2 78,3 79,7 81,2 88,0 82,4
Ich werde in Zukunft gutes
Geld verdienen.
76,2
74,1
73,8
76,5
84,1
82,6
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Die Antworten auf die drei Aussagen sind vor allem vom Alter und dem Bildungsniveau abhängig (Tabelle
12). Jüngere Befragte sind demnach z.T. deutlich optimistischer eingestellt als ältere Befragte. Dies kann
einerseits tatsächlich ein Alterseffekt derart sein, dass jüngere Befragte die Zukunftschancen aufgrund ihrer
Unerfahrenheit zu positiv sehen; ältere Personen haben hingegen eigene Erfahrungen gesammelt und sind
hinsichtlich ihrer Einschätzungen zurückhaltender.
Möglich ist aber andererseits, dass es sich um einen Generationeneffekt handelt, nach dem die jüngeren
Generationen optimistischer werden, was sie aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklungen auch sein
können. Wird das Bildungsniveau betrachtet, so ergeben sich für Personen mit Abitur bessere Werte bzgl.
der Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Dies dürfte Ausdruck ihrer tatsächlich vorhandenen besseren
Chancen sein. Was die zukünftigen Verdienste angeht, sind diese Personen allerdings zurückhaltender,
möglicherweise auch deshalb, weil sie insgesamt höhere Ansprüche haben. Daneben deutet sich an, dass
Jugendliche aus sozial schwächeren Haushalten (Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen) einen
geringeren Optimismus aufweisen. Bezüglich des Ausbildungsplatzes wird der Unterschied zu Jugendlichen
in privilegierterer Lage als signifikant ausgewiesen. Obwohl es zwischen den einzelnen Gruppen signifikante
und substanzielle Unterschiede hinsichtlich des Zustimmungsniveaus gibt, sollte zugleich betont werden,
dass es jeweils immer mehr als die Hälfte der Jugendlichen sind, die eine positive Grundhaltung zur berufli-
chen Zukunft haben.
Tabelle 12: Zukunftsaussichten nach sozio-demografischen Gruppen (in %; fett: Unterschiede signifikant bei p
< .05)
Sozio-demografische Gruppen
Ausbildungsplatz
Arbeitsplatz
Geld
unter 14 Jahre
90,9
86,6
95,3
14 bis unter 18 Jahre
87,2
81,4 80,9
ab 18 Jahre
83,6
74,6
59,3
männlich 87,6
83,3
77,8
weiblich
86,3
77,9
74,6
Anderer Schultyp / kein Abitur
84,0
80,8
80,3
Gymnasium/ Abitur
91,7
81,0
73,9
Keine Abhängigkeit von
staatlichen Transferleistungen
89,4
81,8 76,3
Abhängigkeit von
staatlichen Transferleistungen
81,2
74,6
77,1
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 51
Eine Studie aus der Stadt Leipzig
56
bestätigt die positive Einschätzung der Zukunftsperspektive durch junge
Menschen. Unabhängig von der Schulform sind Schülerinnen und Schüler zuversichtlich über ihre berufli-
chen Zukunftsaussichten. Bei den jungen Erwachsenen nimmt die Bewertung mit zunehmenden Lebensjah-
ren bzw. zunehmender Arbeitsmarkterfahrung etwas ab. Auch die Zufriedenheit „mit dem Leben insge-
samt“ nimmt mit zunehmendem Alter in dieser Befragung etwas ab. Erklärt wird dies dadurch, dass bei jun-
gen Erwachsenen ökonomische Faktoren wichtiger sind als bei Schülern.
57
Auch in der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ wurden vergleichbare Aussagen erhoben. Dabei bestätigt
sich ebenfalls, dass die Mehrheit der Befragten Jugendlichen optimistisch, hinsichtlich der beruflichen Zu-
kunft sind. Signifikante Unterschiede zwischen den Regionalkategorien werden in dieser Befragung eben-
falls nicht ermittelt. Insofern decken sich die Ergebnisse der Befragungen.
In der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ wurden aber zusätzlich weitere Einschätzungen zu den Zu-
kunftsaussichten erhoben, die in Tabelle 13 festgehalten sind. Die Jugendlichen sollten zunächst angeben,
wie wohl sie sich in Sachsen des Jahres 2009 fühlen. Der Anteil an Jugendlichen, der sich sehr wohl bzw.
wohl fühlt, beträgt – die Gesamtstichprobe betrachtet – 58,7 %. Zwischen den Gebieten unterscheidet sich
dieser Anteil nicht signifikant. Für die Einschätzung dazu, ob die Lebensqualität in Sachsen aufwärts geht, ist
dies hingegen der Fall. Dies nehmen zunächst nur 18,3 % der Befragten an. Zugleich findet sich ein u-
förmiger Zusammenhang, nach dem in sehr ländlichen Gebieten sowie in großstädtischen Gebieten (Leip-
zig/Dresden) die höchsten Zustimmungswerte festzustellen sind. In städtischen Gebieten vertreten nur
10,4 % der Befragten die Meinung, dass es aufwärts geht.
Für die anderen beiden in Tabelle 13 aufgeführten Variablen ergeben sich keine signifikanten Unterschiede:
53,1 % der sächsischen Jugendlichen stufen ihre Zukunftschancen besser ein, wenn sie in Westdeutschland
statt in Sachsen leben würden; in sehr ländlichen Räumen ist dies etwas häufiger der Fall. Fast ein Drittel
der Jugendlichen (30,5 %) sagt, dass sie Sachsen (wahrscheinlich) verlassen werden, um in Westdeutsch-
land bessere Zukunftschancen zu finden; dieser Anteil ist in ländlichen Gebieten etwas geringer.
Tabelle 13: Zukunftseinschätzungen in der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ nach Regionalkategorien
(in %; fett: Unterschiede signifikant bei p < .05)
Aussage
gesamt
groß-
städtisch:
Leipzig/
Dresden
groß-
städtisch
städtisch
ländlich
sehr
ländlich
Fühle mich wohl in Sachsen
58,7
61,1
63,6
55,0
53,2
62,4
Entwicklung der Lebensqualität in
Sachsen geht aufwärts
18,3
26,1 18,8 10,4 15,7 19,5
Zukunftschancen in Westdeutsch-
land besser
53,1
46,1
52,8
56,8
54,1
57,0
Werde Sachsen verlassen, um in
Westdeutschland bessere Zu-
kunftschancen zu haben
30,5 35,4 28,3 31,7 27,5 29,0
Quelle: Jugend 2009 in Sachsen, eigene Auswertung
56
Für die Studie „Jugend in Leipzig“ wurden sowohl 12- bis 17-Jährige über eine Schülerbefragung ausgewählter Klassenverbände
als auch 18- bis 27-Jährige über eine Stichprobe aus dem Einwohnerregister befragt. Insgesamt konnten somit 1.821 Datensätze
von Schülern sowie 1.496 Datensätzen von jungen Erwachsenen aus Leipzig ausgewertet werden. Vgl. Stadt Leipzig, Amt für Sta-
tistik und Wahlen in Kooperation mit dem Amt für Jugend, Familie und Bildung (2010): Jugend in Leipzig – Ergebnisse einer Befra-
gung von 12- bis 27-Jährigen. Abrufbar unter: Website der Stadt Leipzig
(letzter Abruf: 24.06.2013).
57
Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen in Kooperation mit dem Amt für Jugend, Familie und Bildung (2010). S. 11ff.

52 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Das zukünftige Leben wurde noch in einer weiteren Frage der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ be-
leuchtet. Die Jugendlichen sollten sich ihr Leben in zehn Jahren vorstellen und angeben, ob für sie dann
bestimmte Umstände (wahrscheinlich) zutreffen werden. Fast drei Viertel der sächsischen Jugendlichen
bestätigte, dass sie in zehn Jahren Arbeit haben werden (70,1 %; Tabelle 14). Dass sie in Westdeutschland
oder aber im Ausland leben werden, bejahten dagegen nur 8,1 bzw. 7,0 %. Befragte aus städtischen Gebie-
ten gehen signifikant häufiger davon aus, im Ausland zu leben. Der materielle Optimismus ist in städtischen
Gebieten ebenfalls signifikant stärker ausgeprägt: Die Befragten aus den städtischen Gebieten meinen häu-
figer, dass sie Arbeit haben werden, finanziell gut dastehen und beruflich Karriere gemacht haben. Ländliche
Gebiete erweisen sich häufiger als Gebiete, in denen der Berufserfolg als weniger wahrscheinlich einge-
schätzt wird. Dennoch sind die Unterschiede nicht sehr deutlich ausgeprägt: So sind es immerhin noch
67,0 % der Befragten aus sehr ländlichen Gebieten, die davon ausgehen, in zehn Jahren Arbeit zu haben.
Tabelle 14: Leben in zehn Jahren in der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ nach Regionalkategorien (in %;
fett: Unterschiede signifikant bei p < .05)
Aussage
gesamt
groß-
städtisch:
Leipzig/
Dresden
groß-
städtisch
städtisch
ländlich
sehr
ländlich
Arbeit haben
70,1
73,2
81,8
65,4
65,5
67,0
finanziell gut dastehen 43,5
50,4 46,8 44,0 39,1 37,8
beruflich in guter Karriere
sein
42,1
49,1
48,1
38,2
37,0
39,4
in Heimatort leben 31,9 35,3 35,7 28,3 29,4 31,4
in westlichen Bundes-
land leben
8,1
6,7
8,4
9,9
8,4
7,4
im Ausland leben 7,0
7,1 14,3 5,2 6,7 3,2
Quelle: Jugend 2009 in Sachsen, eigene Auswertung
Einschätzungen und Kommentierung von Experteninnen und Experten sowie Jugendlichen vor Ort
Auch die Experteninnen und Experten bestätigen, dass die Jugendlichen ihre Zukunftsaussichten als durch-
aus positiv einschätzen. Hintergrund ist aus ihrer Sicht die mediale Berichterstattung über die zunehmende
Knappheit an jungen Arbeitskräften und die bereits eingesetzte Suche nach Auszubildenden. Der etwas
geringere materielle Optimismus in ländlichen Regionen ist nach Ansicht der Teilnehmerinnen und Teilneh-
mer auch darauf zurückzuführen, dass es zwar Arbeitsplätze gibt, diese aber oft verhältnismäßig schlecht
bezahlt werden. Jugendliche aus ländlicheren Gebieten müssten daher eher über einen Wohnortwechsel
nachdenken als Jugendliche aus städtischen Gebieten. Gerade bei den problematischeren Jugendlichen,
mit denen die Expertinnen und Experten tendenziell eher zusammenarbeiten, sei außerdem zu beobachten,
dass die Qualität der Ausbildung nachlasse. Oftmals lassen Unternehmen in der Region Stellen unbesetzt,
weil die entsprechende Qualifikation der Schulabgänger fehle (vgl. zum Ausbildungsmarkt auch Kapitel 5.1).
Im Rahmen der Jugendworkshops berichten die Jugendlichen, dass sie meist schon konkrete Zukunftspläne
haben. Immer beliebter scheint dabei ein an die Schule anschließender Auslandsaufenthalt zu sein
(z. B. Freiwilliges Soziales Jahr, Work & Travel). Gleichzeitig sind sie der Meinung, dass das eigene Ein-
kommen zukünftig ausreichen wird. Sie weisen allerdings auch darauf hin, dass sie meist aus bildungsnahen
Elternhäusern stammen und deshalb nicht alle sächsischen Jugendlichen repräsentieren können.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 53
3.1.2
Einschätzungen zum Wohnort
Bezüglich der Einschätzungen zum Wohnort wurden drei Fragekomplexe in den Fragebogen der Online-
Befragung aufgenommen: 1. Allgemeine Einschätzungen, 2. Vergleichende Einschätzungen und 3. Bleibe-
orientierung.
In Tabelle 15 sind zehn Aussagen aufgeführt, denen die Befragten von „1 – stimmt nicht“ bis „4 – stimmt
genau“ zustimmen konnten. Dargestellt ist der Anteil an Befragten, die eher bzw. genau zugestimmt haben.
Am häufigsten wurde angegeben, dass man mit der Internetanbindung zufrieden ist, 73,7 % stimmten hier
zu. Dabei ist ein deutliches Stadt-Land-Gefälle festzustellen: In Gemeinden des Typs V stimmten nur 61,2 %
der Aussage zu. Auch bei der Mehrheit der anderen Einschätzungen sind signifikante Stadt-Land-
Unterschiede festzustellen. Dabei fällt der Anteil zustimmender Antworten in den eher ländlichen Gebieten
(Typen III bis V) jeweils geringer aus, mit zwei Ausnahmen: In den ländlichen Gebieten ist das Sicherheits-
gefühl höher ausgeprägt („abends und nachts draußen“) und die Auffälligkeit bei abweichender Kleidung
wird häufiger konstatiert („schief angeguckt, wenn auffällig gekleidet“). Die Stadt-Land-Unterschiede sind zu
erwarten und bestätigen, dass die hier gewählte Einteilung der Gebiete sinnvoll ist. Ein besonders starker
Unterschied ist bei den Freizeitmöglichkeiten festzustellen: Während 70,6 % der Befragten aus Großstädten
(Typ I) bestätigen, dass der Wohnort ausreichend Freizeitmöglichkeiten bietet, sind es im Typ V nur 14,5 %.
Auch bezüglich der Mitgestaltungsmöglichkeiten attestieren die Landjugendlichen ihrem Wohnort ein deut-
lich schlechteres Zeugnis als die Stadtjugendlichen.
Tabelle 15: Allgemeine Einschätzungen nach Regionalkategorien (Zustimmung in %; fett: Unterschiede signifi-
kant bei p < .05)
Aussage
Gesamt
Typ I (Groß-
städte)
Typ II
Typ III
Typ IV
Typ V
mit Internetanbindung
zufrieden
73,7
80,6
75,5
67,8
70,4
61,2
mit Bus/Bahn mobil 70,3
87,1 71,6 53,2 53,8 72,7
auf Straße treffen, ohne
dass sich beschwert wird
67,0
71,9
63,5
63,8
62,4
67,2
stark verbunden mit
Wohnort
65,1
69,0 58,9 66,6 63,4 67,7
abends und nachts
draußen sicher
64,5
69,1
52,3
67,5
65,4
75,8
man kann Leuten ver-
trauen
64,2
62,0 59,4 67,4 70,5 56,5
ausreichend Freizeit-
möglichkeiten
46,2
70,6
40,8
35,1
31,7
14,5
schief angeguckt, wenn
auffällig gekleidet
44,6
34,1 52,5 48,7 50,0 45,6
Jugendliche können mit
gestalten
29,6
37,8
37,2
24,2
20,3
12,8
Erwachsene kümmern
sich um Jugendliche
27,8 24,0 24,6 33,2 31,7 24,6
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Immerhin 65,1 % der Befragten fühlen sich den Ergebnissen aus Tabelle 15 entsprechend stark verbunden
mit dem eigenen Wohnort. Für männliche Jugendliche gilt dies signifikant häufiger als für weibliche Jugendli-
che (67,9 zu 62,7 %). Jüngere Jugendliche (unter 14-Jährige) und ältere Jugendliche ab 18-Jährige äußern
häufiger hohe Verbundenheit als die Kerngruppe der 14- bis 17-Jährigen Jugendlichen. Das Bildungsniveau
ist für die Verbundenheit nicht relevant, wohl aber die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen: Ab-

54 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
hängige Jugendliche äußern seltener hohe Verbundenheit als Jugendliche, deren Familien kein Arbeitslo-
sengeld bzw. keine Sozialhilfe beziehen (56,6 zu 65,9 %).
Was die vergleichenden Einschätzungen zum Wohnort anbelangt, waren insgesamt drei Aussagen von den
Jugendlichen zu beurteilen:
„Im Vergleich zur Situation in Sachsen ist die wirtschaftliche Lage in meinem Wohnort besser.“ (darge-
stellt wird der Anteil eher und genau zustimmender Befragter)
„Wenn du dich an die letzten Jahre in deinem Wohnort erinnerst und mit heute vergleichst: Gefällt es dir
heute besser, genauso gut oder schlechter?“ (dargestellt wird der Anteil an Befragten, die „besser“ ge-
antwortet haben)
„Wenn du an die kommenden Jahre denkst und mit heute vergleichst: Wird es dir in Zukunft besser,
genauso gut oder schlechter in deinem Wohnort gefallen? (dargestellt wird ebenfalls der Anteil an Be-
fragten, die „besser“ geantwortet haben)
Insgesamt 46,9 % der Befragten stufen die wirtschaftliche Lage ihres Wohnorts besser ein als im restlichen
Sachsen. Befragte aus Gebieten mit geringerer SGB II-Quote sind häufiger dieser Ansicht als Befragte aus
Gebieten mit eher hoher SGB II-Quote. Zugleich gilt, dass Befragte aus Großstädten (Typ I) besonders häu-
fig Zustimmung äußerten (63,3 %), Befragte aus den anderen vier Regionalkategorien sind hingegen selte-
ner dieser Ansicht, wobei es im Anteil zustimmender Antworten keine weiteren Unterschiede gibt. Hinsicht-
lich der anderen beiden zeitlich vergleichenden Einschätzungen sind weder Unterschiede zwischen den fünf
Regionalkategorien noch zwischen den Gebieten mit eher niedriger und eher hoher SGB II-Quote festzustel-
len. Insgesamt geben 23,3 % der Befragten an, dass es ihnen heute im Vergleich zu früher besser gefällt,
17,8 % erwarten dies auch für die Zukunft.
Im Hinblick auf die vergleichenden Einschätzungen unterscheiden sich dagegen die sozio-demografischen
Gruppen, was am Beispiel der Einschätzung zur Zukunft illustriert werden kann. Männliche Befragte sind
signifikant häufiger der Ansicht, dass ihnen der Wohnort auch in Zukunft gefallen wird als weibliche Befragte
(20,8 zu 14,8 %). Jüngere Befragte äußern wiederum deutlich positivere Einschätzungen als ältere Befragte,
Befragte mit geringerer Bildung bzw. mit Bezug staatlicher Transferleistungen sind optimistischer bezüglich
der zukünftigen Attraktivität des Wohnorts eingestellt.
Was die Bleibeorientierung betrifft, wurden die Befragten zunächst gefragt, ob sie bereits Pläne bezüglich
des Wegzugs aus dem Wohnort haben. Immerhin 47,2 % der Befragten gaben an, wegziehen zu wollen
(Abbildung 20). Ein Viertel äußert sich dahingehend, dass er im Wohnort bleiben wird, 29,4 % haben noch
keine genauen Pläne. Zwischen den Regionalkategorien existieren signifikante Unterschiede bzgl. dieser
Einschätzung: Befragte aus dem ländlichen Raum bestätigen häufiger, dass sie den Wohnort verlassen
möchten, nur wenige geben an, dass sie hier wohnen bleiben möchten. Das gleiche Ergebnis kann mit Be-
zug auf den Anteil der unter 15-Jährigen in SGB II-Bezug festgehalten werden: Befragte in Gebieten mit
eher hoher Quote äußern eine höhere Bereitschaft, den Wohnort zu verlassen als Befragte aus Gebieten mit
eher niedriger Quote.

image
Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 55
Abbildung 20: Bleibeorientierung nach Regionalkategorie (in %)
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Etwa die Hälfte der Befragten mit Wegzugswunsch möchte dies aufgrund des Findens eines Ausbildungs-
oder Arbeitsplatzes tun. Die andere Hälfte kreuzte „anderer Grund“ an, wobei nicht offen nachgefragt wurde,
um welche Gründe es sich genau handelt. Von den potenziell wegziehenden Befragten gaben 44,5 % an,
Sachsen verlassen zu wollen. Nur 15,9 % waren sich sicher, dass sie an ihren Wohnort zurückkehren wer-
den; 34,6 % machten dies davon abhängig, dass sie im Wohnort arbeiten werden. Die verbleibenden 49,6 %
schließen eine Rückkehr aus. Zwischen den Befragten der verschiedenen Regionalkategorien ergibt sich nur
ein signifikanter Unterschied hinsichtlich dieser Einschätzungen: Befragte, die den Wohnort verlassen möch-
ten und aus Großstädten kommen, geben häufiger an, Sachsen verlassen zu wollen als die anderen Grup-
pen.
Unter weiblichen Befragten ist die Absicht, wegzuziehen, verbreiteter als unter männlichen Befragten: Erste-
re gaben zu 51,3 % eine solche Absicht an, letztere nur zu 42,5 %. Auch die jüngeren Befragten wollen sel-
tener wegziehen; am häufigsten berichten dies die 14- bis 17-Jährigen. Befragte, die ein Abitur abgelegt
haben bzw. ein Gymnasium besuchen (d.h. eine höhere Bildung aufweisen), wollen häufiger den Wohnort
verlassen: 52,8 % gaben dies an, bei den Befragten mit niedrigeren Bildungsabschluss sind es nur 42,2 %.
Mittels zwei Fragen wurde sich darüber hinaus einem spezifischen Wohnortthema gewidmet, den hier domi-
nierenden Gruppen und der Selbstzuordnung zu Szenen. Zum einen sollten die Jugendlichen mitteilen, ob
es in ihrem Wohnort eine oder mehrere Gruppen gibt, die das „Sagen“ haben. Zum anderen wurden die
Jugendlichen gefragt, ob sie sich selbst bestimmten Szenen zugehörig fühlen. Wie Abbildung 21 zeigt, ist es
eher die Ausnahme, dass Gruppen in einem Ort dominieren, 15,4 % der Befragten bestätigten dies für ihren
Ort. Etwas mehr Befragte ordnen sich selbst einer bestimmten Szene zu (22,8 %). Die Unterschiede zwi-
schen den Regionalkategorien werden als nicht signifikant ausgewiesen. Auffällig ist dennoch, dass in den
städtischen Gemeinden oder Gemeinden im Einzugsbereich der Großstädte mit vergleichsweise günstiger
Bevölkerungsentwicklung und guter Erreichbarkeit (Typ II) mehr Befragte die Meinung äußerten, es gäbe
eine dominierende Gruppe. In den Gemeinden der Typen IV und V ordnen sich selbst besonders wenige
Befragte einer Szene zu.

image
56 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 21: Einschätzung zu Gruppen und Szenen nach Regionalkategorie (in %)
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Bezüglich der dominierenden Gruppen wurde in einer offenen Frage darum gebeten, die nach Meinung der
Befragten dominierende Gruppe im Fragebogen zu notieren. Insgesamt nutzten diese Möglichkeit 101 Ju-
gendliche. Von den Antworten konnten 76 zu übergeordneten Kategorien zusammengefasst werden. Auf-
grund der niedrigen Zahlen werden hier nur absolute Fallzahlen (Anzahl Nennungen) und keine relativen
Zahlen berichtet. Eine Unterscheidung zwischen den Regionalkategorien wird ebenfalls aufgrund der gerin-
gen Fallzahlen nicht vorgenommen. Mit 21mal am häufigsten wurde die rechtsextreme Szene bzw. die NPD
als dominierend genannt. Am zweithäufigsten (13mal) wurden kommunale Akteure (Vertreterinnern und
Vertreter der Gemeinden, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister) genannt, am dritthäufigsten mit
11mal Erwachsene bzw. Ältere. Benannt wurden daneben in geringerer Häufigkeit u.a. Ausländer (5mal),
kriminelle Organisationen (4mal) oder die linke Szene (3mal).
Zuletzt konnten die Befragten in offener Form eintragen, was ihnen zum Thema Jugendfreundlichkeit des
Wohnorts einfällt. Von allen Befragten äußerten sich 584 dazu, ob ihr Wohnort jugendfreundlich ist, wobei
464 dieser Angaben im Nachhinein klassifiziert werden konnten. Hinsichtlich der Frage, ob der Wohnort
nicht jugendfreundlich ist, wurden insgesamt 617 Antworten abgegeben, von denen 538 klassifizierbar wa-
ren. Unter dem Stichwort „Jugendfreundlichkeit“ wurden folgende Aspekte häufig genannt:
Gutes Freizeitangebot (19,4 % bezogen auf alle Befragten);
Offene, freundliche Mitbürgerinnen und Mitbürger (3,6 %);
Freiräume und Akzeptanz für Jugendliche (3,3 %).
Diesbezüglich unterscheiden sich die Regionalkategorien nicht voneinander. Hinsichtlich der selten genann-
ten Aspekte finden sich Unterschiede zwischen den Kategorien, die den Erwartungen entsprechen. So ge-
ben bspw. 1,9 % an, dass die Verkehrsanbindung bzw. Infrastruktur den Ort jugendfreundlich macht; in
Großstädten ist dies häufiger der Fall als in den anderen Gebieten.
Unter dem Stichwort „nicht jugendfreundlich“ wurden folgende Antworten häufiger notiert:
Zu wenig Freizeitangebote (17,6 % bezogen auf alle Befragte);
Fehlende Freiräume für und Akzeptanz von Jugendlichen (5,3 %);
Zu wenig Gleichaltrige und zu viele ältere Menschen (5,0 %).
Zu wenige Freizeitangebote werden signifikant häufiger von den Befragten aus ländlichen Gebieten beklagt.
Ansonsten sind bzgl. der angeführten Begründungen für die Nicht-Jugendfreundlichkeit des Ortes keine

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 57
größeren Stadt-Land-Unterschiede feststellbar. Hinzuweisen ist an dieser Stelle darauf, dass eher weniger
Jugendliche darauf verweisen, dass die Stadt nicht jugendfreundlich wäre, weil Gewalt und andere Formen
der Kriminalität das Wohnumfeld unsicher machen. Von allen Befragten gaben dies 2,2 % an.
Danach gefragt, was sich konkret aus der Perspektive der Jugendlichen verändern müsste, damit ihnen ihr
Wohnort besser gefällt, wurden 963 verwertbare Antworten von den Befragten abgegeben. Häufige Nen-
nungen waren dabei:
24,1 % aller Befragten wünschen sich eine bessere Infrastruktur; hier gibt es keine signifikanten Unter-
schiede zwischen den Regionalkategorien, wobei sich auf dem Land eine tendenziell höhere Zustim-
mungsrate abzeichnet;
Mehr und bessere Freizeitmöglichkeiten wünschen sich 17,3 % der Befragten, in den Großstädten zu-
gleich nur halb so viele Jugendliche, wie in den anderen Gebieten;
Weitere 13,9 % geben an, dass der Ort insgesamt jugendfreundlicher werden sollte; am häufigsten
stimmten dem Befragte aus Typ V zu;
Immerhin 8,8 % der Befragten wünschen sich eine Verbesserung der Umweltqualität; in Großstädten
war dies am häufigsten der Fall.
Nur wenige Befragte äußerten sich dahingehend, dass etwas gegen den Drogenkonsum oder gegen rechte
Szenen unternommen werden sollte. Auch die Bekämpfung der Kriminalität ist nur für einen kleinen Teil der
Befragten relevant, so dass diese Problemfelder in der Wahrnehmung der Befragten eher gering verbreitet
zu sein scheinen.
Exkurs: Grenzgebiete
Die Frage der subjektiven Wahrnehmung von Sicherheit wurde auf den Expertenworkshops sowie von Ju-
gendlichen selber auch unter dem Aspekt der räumlichen Nähe von Gemeinden zur polnischen und tsche-
chischen Grenze thematisiert. Darin spiegelt sich die Alltagserfahrung, dass (auch) junge Menschen im
Grenzbereich ein stärkeres Unsicherheitsgefühl haben, was nach Einschätzungen vor Ort auch durch Be-
richterstattung in den Medien zur „Grenzkriminalität“ forciert wird. Hier wurde die Bitte artikuliert, die Befra-
gungsergebnisse dahingehend zu überprüfen.
Diese Erfahrung kann auf Basis der Jugendbefragung mit Einschränkungen bestätigt werden. Die Unter-
schiede sind statistisch signifikant, aber die Abhängigkeit von der Lage an der Grenze ist nur sehr gering
ausgeprägt.
58
Während in den ländlichen Gemeinden in Sachsen etwas mehr als zwei Drittel der jungen
Menschen sagen, dass sie sich abends oder nachts sicher oder eher sicher fühlen, sagen dies in den
„Grenzgemeinden“ nur etwas mehr als die Hälfte der jungen Menschen. Von den Experteninnen und Exper-
ten vor Ort wird dargestellt, dass in den grenznahen Gemeinden ein höheres Unsicherheitsgefühl besteht,
da es hier vermehrt zu Diebstählen und Auseinandersetzungen zwischen Gruppen unterschiedlicher Natio-
nalitäten komme. Zudem seien Grenzregionen auch vom Drogenhandel stärker betroffen. Diese Aussagen
wurden von den in Grenzregionen lebenden Jugendlichen bestätigt und mit persönlichen Erfahrungen unter-
strichen.
Gefolgert wird vor Ort, dass gerade in den Grenzregionen die internationale Jugendarbeit und der Austausch
sowie gemeinsame Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen über die Staatsgrenzen hinweg fehlen und in
den wenigen Ansätzen in ihrer Wirkung viel zu gering bleiben.
58
In diese Auswertung sind nur Fragebögen von jungen Menschen ausgewertet worden, die den Typen III bis V zugeordnet wurden
(ohne Großstädte/Typ I und Typ II). Unterschieden wird zusätzlich zwischen denjenigen Gemeinden, deren Gemeindemittelpunkt in
einer Entfernung von 10 km Luftlinie von der polnischen oder tschechischen Grenze entfernt liegen. Somit wurden 138 Fragebögen
aus 102 Gemeinden als grenznah eingestuft. Diese werden mit allen übrigen 1.383 Fragebögen, die einer von 295 Gemeinden der
Typen III bis V zuzuordnen ist, verglichen.

image
58 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Exkurs: Mobilitätsverhalten
Insbesondere die starken Unterschiede in der Bewertung der Freizeitmöglichkeiten lassen vermuten, dass
der Wohnort in entscheidender Weise Einfluss darauf hat, wie Jugendliche unterwegs sind. Aus diesem
Grund wurden zwei Fragen zum Mobilitätsverhalten in den Fragebogen aufgenommen. Erstens wurden die
Befragten gebeten, mitzuteilen mit welchen Verkehrsmitteln sie zu verschiedenen Zielen unterwegs sind,
wobei die Antwortkategorien „Auto/Motorrad“ (Motorisierter Individualverkehr, MIV), „Fahrrad“,
„Bus/Bahn“ (Öffentlicher Personennahverkehr, ÖPNV) und „zu Fuß“ zur Auswahl standen. Zweitens wurde
nach der Länge der Zeit gefragt, die aufgewendet wird, um die Ziele zu erreichen. Insgesamt sollte zu acht
Zielen Auskunft gegeben werden; auf eine Darstellung der Ziele des Sportplatz, des Vereins, des Jugend-
clubs/-zentrums und der Kneipe/des Cafés wird aus Übersichtsgründen verzichtet. In Abbildung 22 ist für die
verbleibenden vier Ziele zunächst dargestellt, wie die Befragten unterwegs sind, wobei zwischen der Gruppe
der unter und der über 18-Jährigen unterschieden wird, da das Alter für das Mobilitätsverhalten (Führer-
schein) sehr relevant ist.
59
Es zeigt sich unabhängig vom Ziel ein ähnliches Muster: Ältere Befragte (ab 18-Jährige) greifen häufiger auf
das Auto oder das Motorrad zurück als jüngere Befragte; diese wiederum nutzen häufiger den ÖPNV. Das
Fahrrad wird ca. von jedem zehnten Befragten für die Wege genutzt, ebenso wie etwa jeder zehnte zu Fuß
geht.
Abbildung 22: Mittel der Mobilität (in %)
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Auf welche Mittel der Fortbewegung zurückgegriffen wird, unterscheidet sich für die Regionalkategorien, wie
Tabelle 16 anhand der beiden Beispiele Schule und Kino zeigt, wobei die Auswertungen auf unter
18-Jährige beschränkt wurden. Die beiden Ziele Schule und Kino wurden deshalb ausgewählt, weil es sich
einerseits um einen Pflichtweg (Schule), andererseits um einen Freizeitweg (Kino) handelt. Wird der Weg zur
Schule betrachtet, so stechen insbesondere Befragte aus dem Typ V hervor: Zu Fuß erreicht keiner der Be-
fragten die Schule und auch mit dem Fahrrad fahren nur 1,9 %. Fast neun von zehn Befragten aus diesen
Regionen sind demgegenüber auf den ÖPNV angewiesen; in den anderen Gebieten sind dies nur etwa
sechs von zehn Befragten. Was den Freizeitweg des Kinobesuchs anbelangt, heben sich die Bewohner der
59
Vgl. Tully, C., Baier, D. (2006). Mobiler Alltag. Mobilität zwischen Option und Zwang - Vom Zusammenspiel biographischer Motive
und sozialer Vorgaben. Heidelberg.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 59
Großstädte von den anderen Befragten ab: Sie nutzen seltener Mittel des motorisierten Individualverkehrs
und dafür häufiger den ÖPNV.
Tabelle 16: Mittel der Mobilität nach Regionalkategorie, nur unter 18-Jährige Befragte (in %)
Schule
Gemeindetyp
MIV
Fahrrad
ÖPNV
zu Fuß
Typ I (Großstädte)
5,1
13,5
58,0
23,4
Typ II
8,6
11,4
58,8
21,2
Typ III
4,2
15,4
56,1
24,3
Typ IV
9,3
12,0
60,0
18,7
Typ V
9,3
1,9
88,9
0,0
Kino
Gemeindetyp
MIV
Fahrrad
ÖPNV
zu Fuß
Typ I (Großstädte)
7,5
8,1
75,1
9,3
Typ II
16,1
7,6
46,2
30,1
Typ III
35,1
11,3
43,8
9,8
Typ IV
39,4
0,0
59,9
0,7
Typ V
43,8
4,2
52,1
0,0
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Die Zeit, die man benötigt, um verschiedene Ziele anzusteuern, wurde mittels vier Antwortkategorien abge-
fragt („bis ½ Stunde“, „über ½ bis 1 Stunde“, „über 1 bis 2 Stunden“, „über 2 Stunden“). In Tabelle 17 ist für
alle Befragten, die überhaupt zu den genannten Zielen unterwegs sind, der Anteil dargestellt, die über eine
Stunde (inkl. über zwei Stunden) unterwegs sind. Zur Disco sind immerhin 20,4 % der Befragten länger als
eine Stunde unterwegs, ein Sportplatz scheint sich hingegen bei den meisten Befragten in geringerer
Reichweite zu befinden, da hier nur 4,8 % angaben, länger als eine Stunde unterwegs zu sein. Der Sport-
platz, Vereine, und Jugendclubs/-zentren scheinen sich in der Stadt, wie auf dem Land, in etwa gleicher
Entfernung zur Wohnung der Befragten zu befinden; signifikante Unterschiede zwischen den Regionalkate-
gorien sind nicht auszumachen und werden der Übersicht halber hier nicht dargestellt. Für die anderen fünf
Ziele existieren jedoch signifikante Unterschiede. In den eher ländlichen Gebieten fällt dabei der Anteil an
Befragten, die länger unterwegs sind, höher aus. Sehr deutlich ist dies bspw. beim Kinobesuch: Bewohner
von Großstädten müssen nur in 6,8 % der Fälle eine Hin- und Rückfahrt von über einer Stunde in Kauf neh-
men, Bewohner aus peripheren Gemeinden hingegen in 49,2 % der Fälle. Weniger Freizeitmöglichkeiten
und längere Fahrzeiten zu den für Jugendliche wichtigen Freizeitorten gehen in den ländlichen bzw. periphe-
ren Gebieten also Hand in Hand.

60 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Tabelle 17: Anteil Befragter, die mehr als eine Stunde zu verschiedenen Zielen unterwegs sind, nach Regional-
kategorien (in %, Hin und Rückweg)
Ziel
Gesamt
Typ I
(Großstädte)
Typ II
Typ III
Typ IV
Typ V
Disco
20,4
11,8
21,2
20,7
26,9
33,3
Schule 17,9 13,1 16,3 19,0 20,1 27,4
Arbeit/ Ausbildungs-
stätte
17,6
17,3
9,6
14,0
22,4
33,3
Kino 16,7 6,8 11,5 23,4 27,7 48,1
Jugendclub
10,1
-
-
-
-
-
Kneipe/ Café 8,8 5,1 5,2 11,0 13,1 8,8
Verein
8,0
-
-
-
-
-
Sportplatz 4,8 - - - - -
„-“ nicht dargestellt, da Unterschied zwischen Regionalkategorien nicht signifikant (p < .05)
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Einschätzungen und Kommentierung von Experteninnen und Experten sowie Jugendlichen vor Ort
Sowohl die Experteninnen und Experten als auch die Jugendlichen unterstreichen die Benachteiligung von
Jugendlichen im ländlichen Raum. Besonders hervorgehoben werden die geringere Mobilität und unzurei-
chende Freizeitmöglichkeiten. Für Jugendliche bedeutet Freizeit, Zeit mit Freunden zu verbringen, „abzu-
hängen“, ins Kino oder ins Freibad zu gehen. Lebensqualität ergibt sich dabei z. B. über ein Angebot an
Veranstaltungen, Freizeitangeboten und Treffpunkten. Wichtig ist es den Jugendlichen außerdem, ihre Hob-
bys vor Ort ausüben zu können (z. B. Sport). Die Experteninnen und Experten berichten, dass Jugendliche
oft am Wochenende in größere Städte fahren, da es dort eine größere Auswahl an Freizeitmöglichkeiten gibt.
Angebote an der Schule sind aus Sicht der Jugendlichen kein Freizeitangebot. Zusätzlich argumentieren die
Experteninnen und Experten, dass das Ganztagsangebot an Schulen sowohl inhaltlich als auch zeitlich be-
grenzt und deshalb kein Ersatz für weitere Angebote sei. Nach ihrer Meinung sind Freizeitmöglichkeiten auf
dem Land außerdem oftmals nicht auf Jugendliche sondern eher auf ältere Erwachsene ausgerichtet
(z. B. Sportveranstaltungen). Dies liege an der Überrepräsentation dieser Bevölkerungsgruppe in ländliche-
ren Gebieten.
Aus Sicht der Jugendlichen hängt die schlechtere Bewertung der Freizeitmöglichkeiten in ländlichen Regio-
nen eng mit der eingeschränkten Mobilität bzw. Infrastrukturausstattung zusammen. Die schlechten Bus-
und Bahnanbindungen nehmen den Jugendlichen oftmals die Möglichkeit, Freizeitangebote wahrzunehmen.
Dies sei nicht nur ein Zeit- sondern auch ein Kostenfaktor. Vor allem für konsumtive Freizeitmöglichkeiten
spielt die fehlende Mobilität eine sehr große Rolle. Deshalb sei es auf dem Land auch besonders wichtig, so
schnell wie möglich den eigenen Führerschein zu erwerben. Die Möglichkeit hierzu sei aber abhängig vom
eigenen Einkommen bzw. dem Einkommen der Eltern. Auch die Expertinnen und Experten bemängeln die
eingeschränkte öffentliche Verkehrsinfrastruktur auf dem Land, die besonders in der schulfreien Zeit unzu-
reichend sei.
Aus Sicht der Expertinnen und Experten braucht man einen engagierten Vorreiter, der die anderen mitzieht,
und damit die Hemmschwelle reduziert. Gleichzeitig sollten auch kurze Projekte geschaffen werden, in de-
nen Jugendliche punktuell mitwirken können ohne sich gleich langfristig binden zu müssen. Generell fordern
Teilnehmer aus Experten- wie Jugendworkshops, dass Initiativen, Beteiligung und Engagement junger Men-
schen unterstützt und gefördert werden sollten. Dabei ist es auch besonders von Seiten der Politik, der
Schule und den Ausbildungsstätten wichtig, junge Menschen ernst zu nehmen. Denn Jugendliche haben oft
das Gefühl, „klein geredet“ zu werden.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 61
Die Wohnortverbundenheit ist generell hoch. Die meisten Jugendlichen identifizieren sich mit ihrem Wohnort,
fühlen sich in ihrer Heimat wohl und möchten nach Sicht der Expertinnen und Experten auch gerne in ihren
Heimatorten wohnen bleiben. So kommen viele der weggezogenen Jugendlichen am Wochenende zurück
nach Hause, pendeln wenn möglich zwischen Heimatort und Ausbildungsstätte und planen vor allem für den
Fall der Familiengründung einen Rückzug in die alte Heimat. Vor allem im ländlichen Raum steht der Wohn-
ortverbundenheit allerdings ein Mangel an Arbeits-, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten gegenüber. Die
Jugendlichen berichten, dass vor allem Studierende wegziehen. Auszubildende können tendenziell öfter in
ihrem Heimatort wohnen bleiben. Problematisch ist aus Sicht der Expertinnen und Experten vor allem die
geringere Bleibeorientierung von jungen Frauen, da dadurch die Geburtenzahlen in ländlicheren Regionen
weiter sinken.
3.1.3
Regionales und überregionales Engagement
In der Online-Befragung wurde erhoben, ob die Befragten bereit sind, sich in ihrem Wohnort für eine Ver-
besserung der Lebensqualität einzusetzen. 24,4 % verneinen dies, 60,7 % bestätigen dies. Insofern ist ein
hohes Engagementpotential unter den Jugendlichen vorhanden, das anscheinend derzeit noch nicht abgeru-
fen wird, da nur weitere 14,9 % bestätigten, dass sie dies bereits tun würden. Zwischen den Regionalkatego-
rien existieren keine signifikanten Unterschiede. Überall würden sich ca. 60 % für die Verbesserung der Le-
bensqualität einsetzen. In Gemeinden des Typ V fällt der Anteil jener, die dies bereits tun, aber nur halb so
hoch aus wie in den anderen Gebieten.
Es zeigt sich zugleich, dass weibliche Befragte signifikant häufiger bereit wären, sich für den Wohnort einzu-
setzen; zugleich tun sie dies aktuell weniger, als männliche Jugendliche. Wenn das tatsächliche und das
potenzielle Engagement zusammen betrachtet werden, finden sich mithin keine Geschlechterunterschiede.
Dies gilt auch im Vergleich der Altersgruppen. Jedoch zeigt sich, dass sich höher gebildete Befragte sowie
Befragte aus Familien ohne Bezug staatlicher Transferleistungen deutlich häufiger im Wohnort engagieren.
So gaben nur 17,1 % der Abiturienten/Gymnasiasten an, sich nicht vorstellen zu können, im Wohnort aktiv
zu sein; bei den geringer gebildeten Jugendlichen sind es doppelt so viele (32,3 %).
Neben diesem konkret die Lebensqualität vor Ort verbessernden Engagement sollten weitere Bereiche da-
hingehend eingeschätzt werden, ob man aktuell aktiv ist bzw. ob man sich ein Engagement vorstellen könn-
te. Abbildung 23 stellt zu den insgesamt neun abgefragten Bereichen die Ergebnisse vor. Der höchste Anteil
an aktiven bzw. aktivierbaren Jugendlichen findet sich für den Bereich der Verbesserungen im Wohnort:
13,2 % der Befragten geben an, sich hierfür bereits einzusetzen, weitere 67,7 % würden dies gern tun. Die
Kirche, die Parteien oder die Gewerkschaften sind dagegen Institutionen, in denen sich Jugendliche eher
selten engagieren (würden). Hinsichtlich der Kirchen ist allerdings zu konstatieren, dass fast jeder vierte
Befragte hier bereits aktiv ist; jenseits der bereits aktiven Jugendlichen gibt es aber kaum weitere Jugendli-
che, die sich für diesen Bereich interessieren. Der höchste Anteil bereits aktiver Jugendlicher ist für den Be-
reich Schule/Ausbildung festzustellen (24,5 %), der geringste bei den Gewerkschaften (4,6 %). Die Auswer-
tungen belegen damit, dass Jugendliche in Sachsen insgesamt ein hohes Interesse am Engagement haben,
weniger am Engagement in Parteien und Gewerkschaften, sondern eher in jugendrelevanten Bereichen.
Zwischen den Befragten der verschiedenen Regionalkategorien gibt es mit Blick auf den Anteil (potenziell)
engagierter Jugendlicher weitestgehend keine signifikanten Unterschiede. In der Stadt wie auf dem Land
trifft man also auf eine hohe Engagementbereitschaft. Die einzige Ausnahme betrifft die Aktivität im (Ju-
gend)Gemeinderat: In den Großstädten interessieren sich weniger Jugendliche hierfür als in den anderen
Gebieten.
Weitere Auswertungen nach den verschiedenen sozio-demografischen Gruppen belegen, dass sich männli-
che Jugendliche deutlich seltener als weibliche Jugendliche im Bereich des Engagements für Menschen in
Not oder bei Natur-/Tierschutz-Vereinigungen einsetzen (würden), dafür häufiger im Bereich der Gewerk-
schaften. Sehr ausgeprägt sind die Unterschiede im Vergleich der verschiedenen Bildungsgruppen: Höher
gebildete Befragte sind durchweg häufiger aktiv bzw. häufiger bereit, sich aktiv einzubringen als geringer
gebildete Befragte, mit Ausnahme des gewerkschaftlichen Engagements.

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62 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Abbildung 23: Anteil Befragte, die in verschiedenen Bereichen aktiv sind bzw. sich aktiv einsetzen würden
(in %)
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Zusätzlich konnten sich die Jugendlichen dazu äußern, was sich ändern müsste, damit sie sich aktiv einset-
zen würden. Von den abgegebenen Antworten konnten 541 Angaben verwertet werden. Am häufigsten wur-
de berichtet, dass man sich mehr Informationen bzgl. der Möglichkeiten des Engagements bzw. ein breiteres
Angebot wünscht (8,2 % aller Befragten). Weitere 8,0 % gaben an, dass sie mehr Zeit haben müssten, wo-
bei das Zeitproblem in städtischen Gebieten signifikant häufiger zu bestehen scheint als in ländlichen Gebie-
ten. Jeder zwanzigste Befragte (4,9 %) wünscht sich eine Bezahlung oder eine andere Form der Anerken-
nung; auf dem Land wurde dies häufiger geäußert als in der Stadt. 3,8 % meinten, dass durch andere Per-
sonen aus dem Umfeld ein Anstoß für ein Engagement ausgehen müsste; auch dies berichten Befragte auf
dem Land häufiger als Befragte aus der Stadt.
Auch in der repräsentativen Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ wurden verschiedene Engagementformen
erfragt, und auch in dieser Befragung zeigt sich erstens ein recht hoher Anteil an (potenziell) aktiven Jugend-
lichen und zweitens ein eher gering ausgeprägtes Gefälle zwischen Stadt- und Landjugendliche. In Bezug
auf sechs Bereiche ist in Tabelle 18 erneut der Anteil an Befragten dargestellt, die bereits in einem Bereich
aktiv sind bzw. die sich dort gern engagieren würden. Unterschieden wird zwischen Engagementformen, die
sich auf den Nahraum („Wohnviertel“) beziehen und Engagementformen, die einen allgemeinen Charakter
haben. Für verschiedene Themen den Wohnort betreffend würden sich zwischen 47,7 und 56,6 % der Be-
fragten engagieren, auf dem Land tendenziell etwas mehr Jugendliche als in der Stadt. Was die allgemeine-
ren Engagementformen anbelangt (Menschen in Not, Umwelt-/Naturschutz), sind es ebenfalls um die Hälfte
der Befragten, die aktiv sind oder sein würden. Zwischen den Regionalkategorien finden sich dabei signifi-
kante Unterschiede, wobei keine linearen Ab- oder Anstiege festzustellen sind. Auffallend ist nur, dass die
Gruppe der großstädtischen Befragten beide Male den geringsten Anteil aktiver/aktivierbarer Jugendlicher
aufweist.

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 63
Tabelle 18: Engagement in der Befragung „Jugend 2009 in Sachsen“ nach Regionalkategorien (in %; fett: Unter-
schiede signifikant bei p < .05)
Bereich
gesamt
großstädtisch:
Leipzig/
Dresden
groß-
städtisch
städtisch
ländlich
sehr
ländlich
Mitgestaltung Freizeitange-
bote in Wohnort
56,6
52,9
54,8
62,8
54,3
60,0
Engagement für sozial
Schwache in Wohnort
49,4 50,3 43,4 56,1 46,7 50,0
Verbesserung in Wohnviertel
47,7
42,8
35,6
53,5
44,0
62,1
Mitarbeit im Jugendgemein-
derat/Gemeinderat
24,3
16,2 20,8 23,0 26,3 36,7
Engagement für Menschen
in Not
57,8
67,7
44,1
58,1
56,5
56,7
Umwelt- und Naturschutz 54,5
57,1 42,0 56,6 53,1 61,6
Quelle: Jugend 2009 in Sachsen, eigene Auswertung
Einschätzungen und Kommentierung von Experteninnen und Experten sowie Jugendlichen vor Ort
Der aus Sicht der Experteninnen und Experten sowie Jugendlichen festgestellte Mangel an Mitgestaltungs-
möglichkeiten vor Ort habe zwei Facetten. Zum einen gebe es oft de facto einen Mangel an Mitgestaltungs-
möglichkeiten. Zum anderen seien diese aber auch oft nicht bekannt bzw. die Hemmschwelle zur Mitarbeit
zu hoch. Besonders im ländlichen Raum wird auf die tatsächlich fehlenden Möglichkeiten der Mitgestaltung
verwiesen. Die Gruppe der Jugendlichen sei oft zu klein, um wahrgenommen zu werden bzw. um sich Gehör
zu verschaffen. Weitere Gründe können die langen Wege zur Gemeindeverwaltung, die fehlende politische
Unterstützung sowie das Fehlen eines konkreten Ansprechpartners vor Ort sein. Den Jugendlichen sind aus
Sicht der jugendlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer die bestehenden Mitgestaltungsmöglichkeiten oft
nicht bekannt, obwohl grundsätzlich ein Interesse daran besteht, sich insbesondere am eigenen Wohnort
einzubringen. Gleichzeitig gibt es eine Hemmschwelle beim Zugang zu Mitgestaltungsmöglichkeiten. So
berichten engagierte Jugendliche aus Schülerräten oder Jugendclubs, dass vor allem der Einstieg für Ju-
gendliche oft ein Hemmnis darstellt. Viele Jugendliche fangen erst an, aktiv mitzugestalten, wenn sie vorher
über mehrere Jahre bereits an einem Angebot teilgenommen haben oder direkt angesprochen werden. Auch
schreckt die oft langfristigere Verpflichtung im Rahmen dieser Institutionen viele Jugendliche ab.
Die Diskrepanz zwischen Engagementbereitschaft und tatsächlichem Engagement erklären sich die Exper-
teninnen und Experten damit, dass „sich engagieren“ oft auch heißt, eine langfristige und verbindliche Bin-
dung einzugehen (z. B. Engagement in Vereinen insb. im ländlichen Raum). Jugendliche haben aber eher
den Wunsch, sich kurzfristig, projektbezogen und niedrigschwellig zu engagieren. Gleichzeitig fehlt es vielen
Jugendlichen auch an Ansatzpunkten für ein Engagement. Nicht zuletzt wird das Ehrenamt aus Sicht der
Jugendlichen als Privileg wahrgenommen. Viele können sich aus Zeit- und Geldmangel nicht engagieren
(z. B. Fahrtkosten im ländlichen Raum). Einige Experteninnen und Experten können sich außerdem vorstel-
len, dass hinter der geäußerten Engagementbereitschaft nicht immer konkrete Absichten stecken.
Entsprechend der Verbesserung der Mitgestaltungsmöglichkeiten in Kapitel 3.1.3 sind für das Abrufen von
Engagement besonders kurzfristige, themenbezogene Projekte förderlich, die einen niedrigschwelligen Ein-
stieg in verbindlichere Formen von Engagement bieten und damit Nachahmeffekte erzielen können. Erfolg-
reich sind zum Beispiel das 48-Stunden-Projekt
60
, das Projekt „Hoch vom Sofa“
61
sowie selbst initiierte Pro-
jekte, wie beispielsweise die Errichtung einer Half-Pipe oder die Gestaltung eines Fußballplatzes. Außerdem
spielen konkrete Ansprechpartner und engagierte Vorreiter eine wichtige Rolle. Als Erfolgsfaktoren sehen
60
Vgl. z. B.
www.landkreis-mittelsachsen.de
(letzter Abruf: 26.06.2013).
61
Vgl.
www.hoch-vom-sofa.de
(letzter Abruf: 26.06.2013).

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64 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
sowohl die Experteninnen und Experten als auch die Jugendlichen die direkte Ansprache von Jugendlichen,
in denen Möglichkeiten des Engagements aufgezeigt werden. So stellen einige Jugendliche ihren Jugend-
club im Rahmen von Projektwochen in der Schule vor bzw. lassen Jugendliche im Rahmen des Unterrichts
in den Einrichtungen mitarbeiten. Auch die Kommunikation über soziale Netzwerke ist eine gute Möglichkeit,
um Jugendliche punktuell für Aktionen zu gewinnen.
3.1.4 Freizeitverhalten
Für die Gruppen der Befragten, für die ausreichende Fallzahlen vorliegen, ist in Abbildung 24 die durch-
schnittliche Anzahl der freien Stunden angegeben. Die Befragten wurden in einer Frage gebeten, die Anzahl
der freien Stunden an einem „normalen Tag“, bevor sie schlafen gehen, anzugeben. Freie Stunden wurden
im Fragebogen als „Zeit ohne Verpflichtungen, wie Schule, Ausbildung, Arbeit, Hausaufgaben, Fahrt zur
Schule/ Ausbildung / Arbeit“ definiert. Im Schnitt ergeben sich für alle Befragten 5,4 freie Stunden an einem
normalen Tag. Der Durchschnitt der Angaben variiert aber deutlich, insbesondere zwischen den Schulfor-
men. Die Befragten, die eine Förderschule besuchen, gaben im Durchschnitt 7,5 Stunden an während Schü-
lerinnen und Schüler von Gymnasien im Durchschnitt nur 4,2 Stunden angegeben haben. Der Durchschnitt
aller Schüler liegt mit 5,2 Stunden relativ nah am Durchschnitt aller Befragten. Studierende gaben im Durch-
schnitt 4,6 Stunden an, Auszubildende sogar 6,4 Stunden. Wer bereits in Vollzeit erwerbstätig ist, gab im
Durchschnitt 5,1 Stunden an. Für die Raumkategorien konnten keine Unterschiede in der verfügbaren freien
Zeit festgestellt werden.
Abbildung 24: Freie Stunden an einem „normalen Tag“ (Durchschnitt)
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Zum Freizeitverhalten wurde in der Onlinebefragung erhoben, welchen Tätigkeiten die Befragten normaler-
weise in ihrer Freizeit nachgehen. Wie Abbildung 25 bestätigt, stehen die Medien und die Freunde weit oben
in der Rangordnung: 75,6 % gaben an, in ihrer Freizeit mit dem Computer etwas zu machen (spielen, surfen,
ausprobieren), 69,0 % treffen sich draußen mit Freunden. Das Engagement im Bereich der Politik oder der
Feuerwehr ist hingegen nur für einen kleinen Teil der Befragten charakteristisch. Signifikante Unterschiede
nach den Regionalkategorien sind nur selten zu beobachten (nicht abgebildet): In den ländlichen Gebieten
gaben mehr Befragte an, sich draußen mit Freunden zu treffen, fernzusehen oder in der Feuerwehr aktiv zu
sein, in den städtischen Gebieten ist das Lesen und die politische Betätigung verbreiteter.

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 65
Abbildung 25: Freizeitverhalten (in %)
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Das Freizeitverhalten ist allerdings stark geprägt von der Geschlechts-, Alters- und Bildungsgruppenzugehö-
rigkeit, wie die nachfolgende Tabelle 19 belegt. An dieser Stelle können nicht alle Unterschiede angespro-
chen werden, hervorzuheben sind folgende Differenzen:
Weibliche Befragte lesen deutlich häufiger als männliche Befragte und berichten seltener von der Com-
puternutzung.
Jüngere Befragte gehen seltener in Diskos oder zu anderen Veranstaltungen als ältere Befragte. Sportli-
chen Tätigkeiten in Vereinen gehen sie zugleich häufiger nach, wie sie auch häufiger Freizeitangebote
der Schule nutzen.
Befragte mit höherer Bildung lesen deutlich häufiger als Befragte mit niedrigerer Bildung. Diese Befrag-
ten sehen daneben weniger fern, wie sie sich auch seltener mit dem Freundeskreis draußen oder in Ca-
fés oder Gaststätten treffen.

66 | Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht
Tabelle 19: Freizeitverhalten nach sozio-demografischen Gruppen (in %; fett: signifikant bei p < .05)
Freizeittätigkeit
Jungen
Mädchen
unter 14-
Jährige
14- bis
17-
Jährige
ab 18-
Jährige
geringe
Bildung
höhere
Bildung
Computer
82,5
69,4
76,4
79,1
69,2
79,8
77,3
mit Freunden draußen tref-
fen
68,8 69,3 64,7 70,3 69,1
76,8 63,2
Fernsehen
59,4
60,7
63,8
61,8
54,9
72,2
53,3
mit Freunden zu Hause
treffen
56,3 59,1 59,2 55,5 60,4 55,3 60,3
Disco, Kino, Sportveranstal-
tung, Konzerte
46,6
55,5
30,7
50,7
62,9
48,7
54,1
Familie
45,2 51,2 55,5 46,2 47,6
48,5 52,5
Lesen
34,9
57,0
45,7
43,9
50,6
32,6
60,3
Sport außerhalb Verein
37,3 30,7
28,8 34,7 35,3 34,2 35,4
Sport im Verein
34,8
29,2
44,8
35,1
19,3
26,2
38,9
Café, Gaststätte
31,1 29,1
22,4 29,5 35,3 37,7 24,2
Jugendclub, -zentrum
26,2
17,1
19,3
20,1
25,0
24,5
13,5
Freizeitangebote Schule 13,9 14,5
28,8 15,3 4,3 9,9 18,7
politische Betätigung
12,2
7,6
4,3
7,2
17,3
4,8
13,2
Feuerwehr
6,4 2,3
6,1 4,3 3,2
6,3 2,0
Quelle: Online-Jugendbefragung in Sachsen 2012/2013
Die Jugendlichen konnten zusätzlich zu den genannten Bereichen weitere Vereine, Organisationen oder
Gruppen benennen, in denen sie ihre Freizeit verbringen. Von den 1952 Befragten haben 459 Befragte Ge-
brauch von der Möglichkeit gemacht, weitere Vereine, Organisationen oder Gruppen anzugeben. Davon
konnten Antworten von 435 Befragten kategorisiert werden. Am häufigsten wurden dabei folgende Beschäf-
tigungen genannt:
Musik in einem Verein oder einer Band machen (8,1 % bezogen auf alle Befragten);
Kirchliches Engagement (5,1 %);
Musik allein z. B. im Rahmen eines zusätzlichen Musikunterrichts machen (4,2 %).
Von einigen Befragten wurde zudem von einem ehrenamtlichen bzw. politischen Engagement berichtet
(3,3 %); sehr selten wurde bspw. das Lernen oder Arbeiten genannt. Regionale Unterschiede existieren bei
den Tätigkeiten kaum. Das Musikmachen im Verein oder einer Band ist in den Großstädten am
verbreitetsten.
Die Übersicht an Freizeittätigkeiten beinhaltet zwar verschiedene Medienaktivtäten (Computer, Fernsehen),
nicht aber die Internetnutzung. Diese wurde, weil davon ausgegangen werden konnte, dass sie für einen
Großteil der Jugendlichen von hoher Relevanz ist, in einem separaten Fragebogenteil erfragt. Dabei wurde
die Anzahl an Tagen erhoben, die man in der Woche im Internet ist. Im Durchschnitt sind dies sechs Tage
pro Woche.
62
Dabei unterscheiden sich die Befragten in städtischen und ländlichen Gebieten nicht. Zwischen
Jungen und Mädchen finden sich ebenfalls keine Unterschiede. Es zeigt sich aber, dass ältere Jugendliche
und Jugendliche mit höherer Bildung häufiger im Internet sind.
62
Im Fragebogen wurden die Tage gruppiert abgefragt (z. B. „1- bis 2mal in der Woche“). Für die Durchschnittsbildung wurden die
Kategorien ersetzt (z. B. durch „1,5“, bei „täglich“ durch „7“).

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Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht | 67
Unterschiede finden sich für die Regionalkategorien für bestimmte Tätigkeiten, wie Abbildung 26 zeigt. Auf
einer Antwortskala von „1 – nie“ bis „5 – sehr oft“ sollte mitgeteilt werden, wie häufig elf verschiedene Aktivi-
täten im Internet ausgeführt werden. Für vier Aktivitäten sind signifikante Unterschiede zwischen den Regio-
nalkategorien festzustellen. In den eher ländlichen Gebieten gehen die Befragten häufiger dem Chatten
nach; zugleich suchen sie häufiger Infos für die Schule wie sie häufiger „einfach rumsurfen“. Für die städti-
schen Befragten ist hingegen die Kommunikation über Internet (E-Mail) wichtiger als für die ländlichen Be-
fragten. Keine signifikanten Unterschiede finden sich für folgende Aktivitäten: Facebook/andere soziale
Netzwerke, Infos für Freizeit suchen, Besorgungen erledigen (z. B. Geld überweisen), Homepage betreuen,
Musik hören, Filme ansehen, Hausaufgabenhilfe. Grundsätzlich am häufigsten beschäftigt wird sich im Inter-
net mit Facebook/anderen sozialen Netzwerken und dem Musikhören. Das Betreuen einer Homepage ist