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Uwe Backes / Anna-Maria Haase / Michail Logvinov /
Matthias Mletzko / Jan Stoye
Rechts motivierte Mehrfach- und Intensivtäter in Sachsen
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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Berichte und Studien
Nr. 69
herausgegeben vom
Hannah-Arendt-Institut
für Totalitarismusforschung e.V.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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Uwe Backes / Anna-Maria Haase /
Michail Logvinov / Matthias Mletzko / Jan Stoye
Rechts motivierte Mehrfach- und
Intensivtäter in Sachsen
V&R unipress
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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Gedruckt mit Mitteln des Programms
»Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz«.
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Umschlagabbildung:
Symbol aus rechtsextremistischen Szenemedien.
1. Aufl. 2014
© 2014, V&R unipress in Göttingen /
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Hubert & Co, Göttingen
Printed in Germany
ISBN 978-3-8471-0374-5
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Inhalt
Geleitwort des Sächsischen Staatsministers des Innern ..........
9
I.
Einleitung ...............................
11
II.
Problemstellung und Forschungsansatz ...............
17
1. Grundannahmen und Schlüsselbegriffe
..............
17
2. Forschungsfragen, -ziele und Vorgehensweise
..........
21
3. Datengrundlage ...........................
22
4. Forschungsstand ..........................
25
4.1. Rechte Gewalt: Forschungsansätze
und Erklärungsmuster .
25
4.1.1.
Ätiologie
rechter Gewalt: mikro- und makrosoziale
Faktoren .........................
25
4.1.2. Gewaltphänomenologie als mikroskopische
Beschreibung ......................
29
4.1.3. Rechte Gewalt im Licht des sozialen
Interaktionismus, der Bewegungs- und
Terrorismusforschung ..................
30
4.1.4. Profile rechter Gewalttäter
...............
33
4.2. Ausprägungen
und Spezifika der rechts motivierten
Gewaltkriminalität .......................
35
4.2.1. Jugendkonflikte oder Hassverbrechen? ........
37
4.2.2. Mesoebene(n) der Gewalt ................
39
4.3. Mehrfach- und Intensivtäter als
kriminalistisch-kriminologische Kategorie ..........
41
4.3.1. Zum Begriff des Mehrfach- und Intensivtäters
in
Deutschland .......................
43
4.3.2. Forschungen
über
Mehrfach- und Intensivtäter in
Sachsen ..........................
46
5. Fazit .................................
50
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III.
»Rechte« Gewalt in Sachsen ......................
53
IV.
Quantitative Beschreibung der Mehrfach- und Intensivtäter
....
73
V.
Täter
..................................
81
1. Soziobiographische Perspektive ..................
81
1.1. Geschlecht und Alter im PMK-Vergleich ...........
81
1.2. Herkunftsfamilien und Familienstand ............
83
1.3. Schul- und Berufsausbildung .................
84
1.4. Psychosoziale bzw. psychische Belastungen .........
85
2. Gewaltdynamische Perspektive ...................
87
2.1. Verhältnis zwischen PMK-Gewalt- und AK-Delikten ....
87
2.2. Gruppenzugehörigkeit
der IT .................
88
2.3. Verhältnis
zwischen Gewaltverhalten und Einstellung ....
89
2.4. Instrumentell und spontan agierende IT ...........
90
2.5. Enthemmung durch Alkohol .................
93
2.6. Profile rechter IT ........................
94
3. Fazit .................................
98
VI.
Taten ..................................
101
1. Datenbasis und Erhebungsprobleme ................
101
2. Tatintensitäten
............................
102
3. Handlungsmuster ..........................
108
VII. Gruppen ................................
111
1. Fallgruppe I: Eher lose, passagere Gruppen ............
111
1.1. »Leipzig 01« ..........................
112
1.2. »Löbnitzer« ...........................
114
1.3. »Glauchauer Jungs« ......................
117
1.4. »Neue Ordnung Deutschland Freiberg«
...........
119
1.5. »D.-Clique« ...........................
120
1.6. »Hate Crew Neustadt«/»Jungsturm Neustadt« ........
122
1.7. »Mockauer« ...........................
124
1.8. »D./B.-Clique« .........................
127
2. Fallgruppe II: Eher verbindlich, auf längere
Dauer angelegte
Gruppen ...............................
129
2.1. »Sächsische
Hammerskins« (SHS) ..............
129
2.2. Ex-»Skinheads Sächsische
Schweiz (SSS)« und Subgruppen.
133
2.3. Ex-SSS-Subgruppe »W.-Clique« ................
137
2.4. Ex-SSS-Subgruppe »Pirnaer Gruppe«/»Copitzfront« .....
139
2.5. »Hooligans Elbflorenz« (HE) .................
141
6
Inhalt
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2.6. »Sturm 34« (S 34) .......................
142
2.7. S-34-Subgruppe »S 34 neu« ..................
148
2.8. S-34-Subgruppe »Rochlitzer Widerstand« ..........
151
2.9. »H.-Netz« ............................
153
3. Gruppenvergleich ..........................
156
VIII. Opfer ..................................
163
1. Verlaufsmuster der Gewalt und Opferwerdung ..........
163
2. Tatbeiträge ..............................
166
3. Alter, Geschlecht und »Feindbilderrelevanz« ...........
169
4. Reaktionen ..............................
170
5. Lebensbedrohliche Gewalteinwirkung ...............
171
6. Fazit: Jugendkonflikte oder Hassverbrechen? ...........
173
IX.
Weltbilder I: Printmedien und Internetforen
............
175
1. Ideologische Einflüsse bei rechten Intensivtätern .........
175
2. Printmedien und Internetforen
..................
183
3. Feindbilder .............................
185
4. Vorbilder ...............................
190
5. Selbstbilder .............................
192
6. Rechtsextreme Denkfiguren in Printmedien und Internetforen .
193
X.
Weltbilder II: Hassmusik .......................
197
1. Einleitung ..............................
197
2. Rechte Musikszene in Sachsen ...................
199
3. Feindbilder .............................
205
3.1. Populäre politische Feindbilder ................
206
3.2. Rassistisch-dehumanisierende Feindbilder ..........
210
3.3. Indizierungsresistente Feindbilder ..............
212
4. Vorbilder ...............................
214
4.1. Soldaten
............................
215
4.2. Helden .............................
217
4.3. Ku-Klux-Klan ..........................
220
5. Freundbilder .............................
221
5.1. Die verklärte
Vergangenheit ..................
222
5.2. Das Volk, das Reich und die Kameradschaft .........
225
5.3. Die Zukunft – Neuer Morgen .................
229
6. Selbstbilder .............................
231
6.1. Kämpfer ............................
231
6.2. Deutscher ............................
235
6.3. Musiker .............................
236
Inhalt
7
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7. Rechtsextreme Denkfiguren in der Musik .............
238
XI.
Radikalisierung ............................
249
1. Biographische Perspektive: Adoleszenz als spezifische Phase in
der Psychogenese ..........................
251
2. Rechte Gruppen als Sozialisationsinstanzen und
Resonanzräume
der Gewalt .....................
256
2.1. Eingliederung in rechte Gruppen ...............
256
2.2. Rechte Subkulturen der Gewalt als Sinnlieferanten .....
260
2.3. Gruppendynamiken, gewaltaffine Interpretationsregime
und Neutralisationstechniken .................
265
3. Gruppendynamik und Radikalisierung der Gewalt ........
271
4. Terrorismusrelevanz ........................
275
5. Fazit .................................
279
XII. Ergebnisse ...............................
281
XIII. Literaturverzeichnis ..........................
293
XIV. Abkürzungen
..............................
307
XV. Die Autoren ..............................
309
8
Inhalt
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Geleitwort des Sächsischen Staatsministers des Innern
Liebe Leser,
die Bekämpfung von Extremismus und die Stärkung unserer freiheitlichen
Grundordnung sind ein fester Bestandteil einer wehrhaften Demokratie und
gehören
deshalb zu den wichtigsten Aufgaben der Sächsischen Staatsregierung.
Nicht ohne Grund: Denn Extremisten und deren Einfluss zu ignorieren, würde
bedeuten, denjenigen Freiraum zu gewähren, die Demokratie und Rechtsstaat-
lichkeit abschaffen wollen.
Im Bereich der Politisch motivierten Kriminalität
(PMK) kam es im ver-
gangenen Jahr zu einem Anstieg der Straftaten. Auch wenn die meisten Täter bei
uns nach wie vor aus dem rechten Milieu kommen, sehe ich den Anstieg links
motivierter Kriminalität
sowie religiös motivierter Radikalisierungen mit Sorge.
Hier kommt es immer mehr zu Auseinandersetzungen, oft zwischen der rechts-
und linksextremistischen Szene, sowie zu Straftaten im Umfeld von Demon-
strationen und gegen die Polizei.
Sachsen hat frühzeitig
entsprechende Strukturen zur Bekämpfung der poli-
tisch motivierten Kriminalität durch die Polizei geschaffen: 1991 mit der Ein-
richtung der Sonderkommission Rechtsextremismus beim Landeskriminalamt
Sachsen und später
mit der Einrichtung des Mobilen Einsatzkommandos
Staatsschutz beim LKA. Außerdem gibt es in allen Polizeidirektionen bei der
Kriminalpolizei die Fachdezernate »Polizeilicher Staatsschutz«. Aus diesem
Grund konnte in der jüngeren
Vergangenheit das Sächsische Innenministerium
dort tätig werden, wo sich rechtsextreme Strukturen als besonders gefährlich
herausgestellt haben. Vereinsverbote wie gegen die »Skinheads Sächsische
Schweiz« (SSS) 2001, den »Sturm 34« 2007, die »Nationalen Sozialisten Döbeln«
2013 und die »Nationalen Sozialisten Chemnitz« (NSC) 2014 waren die Folge.
Im Jahr 2012 haben wir darüber
hinaus mit der Einrichtung des Operativen
Abwehrzentrums (OAZ) ein schlagkräftiges Netzwerk in der Polizei mit flexibler
Organisationsstruktur geschaffen. Im OAZ findet die Bündelung aller Polizei-
aktivitäten zur Bekämpfung politisch motivierter Kriminalität sowie die enge
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Verzahnung zu anderen Behörden – insbesondere der Staatsanwaltschaft und
dem Landesamt für Verfassungsschutz – statt.
Daneben ist Prävention ein Schwerpunkt unserer Arbeit gegen Extremismus.
Seit dem Jahr 2005 gibt es das Programm »Weltoffenes Sachsen für Demokratie
und Toleranz«. Inzwischen konnten
über
800 Projekte für Demokratie und gegen
Extremismus mit
über
18 Millionen Euro gefördert werden. Unter Federführung
des Landespräventionsrates haben wir seit Oktober 2011 auch ein Aussteiger-
Programm für Rechtsextremisten. Ziel ist es, denen, die umkehren wollen, auf
dem Weg zurück in die demokratische Gesellschaft zu helfen.
Auch unser Landesamt für Verfassungsschutz leistet in Sachsen wichtige
Präventionsarbeit durch seine Aufklärungs- und Informationstätigkeit. Dazu
gehören Beratungsgespräche und Unterstützungsmaßnahmen für Kommunen
und Träger genauso wie der jährliche Verfassungsschutzbericht.
Fakt ist: Der Kampf gegen Extremismus und für unser demokratisches Ge-
meinwesen ist eine gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe. Der Staat kann und
soll hier nicht alleine tätig
sein. Er ist auf starke Partner angewiesen – Partner
wie das Hannah-Arendt-Institut.
Die vorliegende Studie leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Ich freue mich,
dass die Sächsische
Staatsregierung das Projekt
über
unser Landesprogramm
»Weltoffenes Sachsen« fördern konnte. Dass dabei der Fokus auf der Untersu-
chung von »Rechts motivierten Mehrfach- und Intensivtätern« liegt, ist wis-
senschaftlich sinnvoll. Denn bereits aus kriminologischen Forschungen und der
Praxis der Strafverfolgung wissen wir, dass ein Großteil
der Straftaten oft durch
eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Intensivtätern begangen wird.
Die Ergebnisse zeigen, dass Prof. Backes und sein Team neue und wichtige
Erkenntnisse gewonnen haben. Auch wenn die Sichtweisen teilweise von der
Bewertung durch unsere Sicherheitsbehörden
abweichen, so werden wir diese
natürlich intensiv daraufhin prüfen, wie wir zukünftig mit Hilfe der Studien-
ergebnisse unsere Arbeit für Prävention, Gefahrenabwehr und Repression ver-
bessern können.
Mein Dank gilt dem gesamten Institut und allen Wissenschaftlern, die an
diesem Projekt beteiligt waren und damit Grundlagenarbeit für
die Bekämpfung
von Extremismus in Sachsen geleistet haben.
Markus Ulbig
Sächsischer
Staatsminister des Innern
10
Geleitwort
des
Sächsischen
Staatsministers
des
Innern
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I.
Einleitung
Von Uwe Backes
Im November 2011 schockierte eine Meldung die deutsche
Öffentlichkeit:
Eine
bis dahin unerkannt gebliebene, offenbar rassistisch motivierte Terrorzelle mit
dem selbstgewählten
Namen »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) hatte
in den Jahren 2000 bis 2006 eine Serie von Banküberfällen, Sprengstoffan-
schlägen und Morden (vorwiegend an türkischstämmigen Migranten) verübt.
Augenblicklich drängten sich Fragen wie die folgenden auf: Wie war es möglich,
dass der deutsche Inlandsnachrichtendienst mit seinem Netz an »V – Leuten«
und die Polizeibehörden
über
Jahre hinweg keine Kenntnis vom Treiben der
Gruppe erlangt hatten? Warum hatten professionelle Beobachter in den zu-
rückliegenden
Jahren immer wieder behauptet, in Deutschland gebe es zwar ein
hohes Maß an rechts motivierter Gewalt, aber keinen Rechtsterrorismus? Auf
welche Weise war es der Gruppe gelungen, jahrelang aus dem Verborgenen zu
operieren und unbehelligt schwerste Straftaten zu begehen?
Rechtsterrorismus war im westlichen Nachkriegsdeutschland kein gänzlich
unbekanntes, wenn auch eher marginales Phänomen. Aus der Szene der Ende
der 1960er, Anfang der 1970er Jahre entstandenen, meist von radikalisierten
Jugendlichen und jungen Erwachsenen getragenen neonationalsozialistischen
Gruppierungen hatten sich in einigen Fällen
Untergrundzellen gebildet, die –
zum Teil von linksterroristischen Vorbildern strategisch inspiriert – schwerste
Gewalttaten verübten.
1
Nach der deutschen Vereinigung hatte sich die Szene auf
das
östliche
Deutschland ausgedehnt, sich dort mit NS-affinen DDR-»Eigenge-
wächsen« verbunden und vor dem Hintergrund der politischen,
ökonomischen
und sozialen Transformation besonders günstige Entfaltungsbedingungen
vorgefunden. Eine Serie fremdenfeindlicher Gewalttaten und mehrere teils po-
gromähnliche
Ausschreitungen gegen Asylbewerber und deren Unterkünfte
katapultierte das Thema »Gewalt von Rechts« ins Zentrum der Aufmerksam-
keit.
2
Das Thema beschäftigte die professionellen Beobachter aus Politik, Pu-
1 Vgl. Backes, Baader-Meinhof und danach; Pfahl-Traughber, Geschichte des Rechtsterroris-
mus; Rabert, Links- und Rechtsterrorismus.
2 Vgl. jetzt die Studie von Wowtscherk, Was wird, wenn die Zeitbombe hochgeht?
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blizistik, Sicherheitsbehörden und Wissenschaft seither mit hoher Intensität,
auch wenn es in der
öffentlichen
Wahrnehmung infolge der
üblichen
Themen-
Konjunkturen immer wieder in den Hintergrund geriet. Meist waren es Exzess-
taten (wie die rechtsextremen Tätern
– teils zu Recht, teils zu Unrecht – zuge-
schriebenen Anschläge des Jahres 2000), die das Thema wieder aufleben ließen
und eine breite Gegenmobilisierung der Bürgergesellschaft und
öffentlicher
Träger bewirkten.
So wäre die Behauptung irreführend, das Thema »rechte Gewalt« sei generell
unterschätzt worden. Auffallend war allerdings, wie oft nicht nur von Seiten der
Sicherheitsbehörden, sondern auch aus Wissenschaft und Publizistik die Kunde
zu vernehmen war, »rechte Gewalt« sei zwar ein ernstes Problem und bewege
sich quantitativ auf vergleichsweise hohem Niveau, aber von Rechtsterrorismus
könne
keine Rede sein. Als der Verfasser dieser Zeilen im Sommer 2009 am
Deutschland-Institut in Amsterdam einen Vortrag »Von der rechtsextremisti-
schen Gewalt zur terroristischen Bedrohung« hielt, war der Titel mit einem
Fragezeichen versehen. Ein NSU lag jenseits seiner Vorstellungskraft. Er cha-
rakterisierte zunächst
stichwortartig die Masse fremdenfeindlicher/rechtsex-
tremistischer Gewalttaten: informelle Jugendcliquen als Gewaltträger; geringer
organisatorisch-planerischer Vorlauf; hohe Bedeutung von Musik- und Alko-
holkonsum; vorwiegend expressiver, nicht-instrumenteller Charakter; Abend-
und Nachtstunden, Wochenenden, meist zufälliges
Zusammentreffen mit Op-
fern; Indikator zur Bestimmung politischer Motivationsfragmente: unmittelbar
im Zusammenhang mit der Gewalttat gerufene eliminatorische, dehumanisie-
rende und diskriminatorisch-xenophobe Hassparolen; nur in einem Zehntel der
Fälle
Zusammenhang mit Demonstrationsgeschehen; hoher Anteil von Kör-
perverletzungen an den Gewaltdelikten. Das waren die Befunde empirisch breit
angelegter Täterstudien
und eines eigenen vergleichenden Forschungsprojekts
zur politisch motivierten Gewalt in Sachsen und Nordrhein-Westfalen. In der
anschließenden
Diskussion im Expertenkreis gab es darüber keinen Dissens,
wohl aber
über
die vom Referenten vorgetragenen Thesen zu »rechtsterroristi-
schen Tendenzen«. Ein bekannter Bielefelder Rechtsextremismusforscher –
keineswegs im Verdacht, das Phänomen
nicht ernst genug zu nehmen –
äußerte
Bedenken, der Begriff des Rechtsterrorismus werde bei dieser Art der Be-
trachtung
überdehnt.
So hatte der Referent ausgeführt, es gebe im
östlichen
Deutschland »hochaktive Gewaltcliquen« mit rechtsterroristischen Ansätzen,
und dies am Beispiel der Mittweidaer Gruppe »Sturm 34« (S 34) erläutert, die
Gegenstand des erwähnten Forschungsprojekts war.
3
Die in diesem Band ausgebreiteten Befunde sind Ergebnisse eines An-
schlussprojekts, dessen Grundidee in den Jahren 2009/10 entwickelt wurde –
3 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung, S. 149 – 156; Mletzko, »Sturm 34«.
12
Einleitung
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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also vor der Aufdeckung des NSU. Das Thema Rechtsterrorismus (im Sinne
strategisch-organisierter Gewaltanwendung) steht nicht im Zentrum, wird aber
insofern mehr als nur gestreift, als sich die Untersuchung auf eine Tätergruppe
mit
überdurchschnittlicher
Gewaltfrequenz konzentriert und dabei auch Fälle
behandelt, bei denen ein vergleichsweise hoher Planungs- und Organisations-
grad festzustellen war. Der Untersuchungszeitraum (2001 bis 2011)
über-
schneidet sich mit der Aktionsperiode des NSU, doch ist das Untersuchungsfeld
geographisch auf Sachsen konzentriert, behandelt also jene Gruppierungen
(»Thüringer
Heimatschutz«) nicht, aus denen sich der NSU rekrutierte. Jedoch
treten bei der Untersuchung Szenen, Gruppenstrukturen, ideologische Einflüsse
und teils internationale Vernetzungen hervor, wie sie die parlamentarischen
Untersuchungsausschüsse
zum NSU beleuchtet haben. Mit anderen Worten:
Was in Thüringen entstand, hätte sich ebenso gut auch in Sachsen herausbilden
können. Der Humus, dem der NSU entspross, war im Nachbarland nicht weniger
fruchtbar. Dieser Nährboden in seinen organisierten Formen ist Gegenstand der
Untersuchung.
Die in der Studie im Mittelpunkt stehenden »Mehrfach- und Intensivtäter«
(MIT) sind für den Bereich der allgemeinen Kriminalität seit längerem gut
erforscht.
Über
politisch motivierte MIT liegen dagegen bislang nur wenige
Untersuchungen vor. Die vorliegende Untersuchung trägt insofern Pilotcha-
rakter, als sie politisch motivierte MIT erstmals auf breiter Quellengrundlage
systematisch analysiert: Polizeidaten, Untersuchungsakten, nachrichten-
dienstliche Informationen, Szeneschriften und Interviews bilden zusammen-
genommen eine von kaum einer Vorläuferstudie
erreichte Breite des empiri-
schen Fundaments. Zwar unterliegen auch die hier herangezogenen Daten und
Quellen spezifischen Beschränkungen,
die ihren Informationsgehalt begrenzen.
Doch sollten aus ihrer Kombination Einsichten zu gewinnen sein, die
über
den
bisherigen Kenntnisstand hinausführen.
Verständlicherweise wäre eine solche Studie ohne eine enge, vertrauensvolle
Kooperation mit den Sicherheitsbehörden nicht möglich gewesen. Schon in der
Phase der Projektvorbereitung und Beantragung standen den Mitarbeitern
kompetente Ansprechpartner zur Verfügung.
So nahmen an einem Workshop
im März 2010 Vertreter der Forschungsstelle KI 11 und der Abteilung Staats-
schutz im Bundeskriminalamt, der sächsischen Staatsanwaltschaft, des Lan-
deskriminalamts Sachsen, des sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz
und des Sächsischen Staatsministeriums des Innern (SMI) teil. In Abstimmung
mit dem SMI und dem Landespräventionsrat des Freistaates Sachsen wurde
schließlich ein Weg gefunden, das ursprünglich für die Bundesebene konzipierte
Projekt auf das Bundesland Sachsen zu begrenzen und mit Mitteln des Lan-
desprogramms »Weltoffenes Sachsen für
Demokratie und Toleranz« zu reali-
sieren.
Einleitung
13
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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Insbesondere aus datenschutzrechtlichen Gründen traten in der ersten Pro-
jektphase unerwartete Schwierigkeiten auf. Sie konnten mit großem Zeit- und
Arbeitsaufwand und in enger Abstimmung mit der Staatsschutzabteilung des
LKA Sachsen und dem BKA sachgerecht gelöst
werden. An dieser Stelle sei dem
Ersten Kriminalhauptkommissar Jens Lehmann (LKA Sachsen) für seine en-
gagierte Unterstützung des Projekts gedankt. Auch der Leiter der Forschungs-
stelle Terrorismus/Extremismus beim Bundeskriminalamt, Dr. Uwe Kemmesies,
begleitete unsere Forschungen mit großem
Engagement. Lücken in der Daten-
basis ließen sich mit Hilfe des derzeitigen Polizeipräsidenten in Leipzig, Bernd
Merbitz, und in Kooperation mit dem Operativen Abwehrzentrum (OAZ) teil-
weise schließen.
Dafür danken wir Kriminaloberrat Dirk Münster und seinen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Reibungslos wie effektiv war die Zusammenarbeit mit der Sächsischen
Staatsanwaltschaft. Die mit einiger zeitlicher Verzögerung angeforderten Un-
tersuchungsakten konnten so weitaus schneller als erwartet eingesehen und
ausgewertet werden. Unser herzlicher Dank dafür
gilt Oberstaatsanwältin Dr.
Christine Mügge (Generalstaatsanwaltschaft Dresden), Oberstaatsanwalt Jürgen
Schär (StA Dresden), Oberstaatsanwalt Bernd Hohmann (StA Chemnitz),
Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz (StA Leipzig), Leitender Staatsanwalt Jörg
Rzehak (StA Zwickau) und Staatsanwältin Peggy Brosin (StA Görlitz) sowie
ihren engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Die Präsidenten
des LfV Sachsen, Herr Reinhard Boos und Herr Gordian
Meyer-Plath, unterstützten das Projekt nach Kräften. Bei der Sichtung und
Auswertung von Szeneschriften und sonstigen nachrichtendienstlichen Infor-
mationen gewährten
Mitarbeiter des Referates Rechtsextremismus in vielfältiger
Weise Hilfestellung.
Der Kriminologische Dienst des Freistaates Sachsen unter Leitung von Dipl.-
Psychologin Sylvette Hinz half bei der Anbahnung von Kontakten zu inhaf-
tierten rechten Gewalttätern.
Mehrere Justizvollzugsanstalten ermöglichten die
Einsichtnahme in Strafvollzugsakten.
Über
die Hilfestellung der Sicherheitsbehörden hinaus profitierte das Pro-
jektteam von der Kooperation und Beratung zahlreicher Kollegen, die ihm mit
ihrem Fachwissen zur Seite standen, sich mit Referaten und Diskussionsbei-
trägen
an Workshops beteiligten. Die Einschätzung der Tatschwere wäre ohne
die Expertise von Prof. Markus Alexander Rothschild, dem Leiter des Instituts
für
Rechtsmedizin am Universitätsklinikum zu Köln, nicht in so subtiler Form
möglich gewesen.
Allen, die zum Zustandekommen und erfolgreichen Abschluss des Projekts
beigetragen haben, sei herzlich gedankt. Dank gilt besonders den vielen Prak-
tikanten und Hilfskräften,
die Quellen recherchiert, Literatur beschafft oder bei
der Organisation der Workshops helfend tätig waren. Die Mitarbeiter der
14
Einleitung
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Sächsischen AufbauBank (SAB) haben manch unbürokratische Anfrage gedul-
dig ertragen. Last but not least gilt unser Dank den Projektbetreuern beim
Landespräventionsrat
des Freistaates, Anja Herold-Beckmann und Sven For-
kert, die uns stets mit Rat und Tat zur Seite standen.
Einleitung
15
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II.
Problemstellung und Forschungsansatz
Von Michail Logvinov
1.
Grundannahmen und Schlüsselbegriffe
Das Forschungsvorhaben »Rechts motivierte Mehrfach- und Intensivtäter in
Sachsen« ging von den Erkenntnissen allgemeinkriminologischer Untersu-
chungen zu (jugendlichen) Mehrfachauffälligen
aus, die trotz ihrer geringen
Quantität einen Großteil der Gewaltdelikte verursachen. Die am Hannah-
Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. realisierte Studie »NPD-
Wahlmobilisierung und politisch motivierte Gewalt« (2010) hatte zudem ge-
zeigt, dass in Räumen
gehäufter Gewalttätigkeit Gruppen unter Einfluss von
ideologisierten Mehrfach- und Intensivtätern (MIT) eine dominante Rolle
spielen. Darüber hinaus gehörte ein Fünftel der Täter mit lebensbedrohlicher
Gewalteinwirkung zu dieser Tätergruppe.
1
Um diese Ergebnisse sowie allge-
meinkriminologische Erkenntnisse mit Blick auf die rechts motivierte Gewalt-
kriminalität
auf den Prüfstand zu stellen, sollte die Gruppe der rechten MIT
über
einen längeren Zeitraum (2001 bis 2011) untersucht werden. Zu diesem Phä-
nomenbereich, dessen Bedeutung und aktuelle Relevanz die Aufdeckung des
»Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU) im November 2011 einer breiten
Öffentlichkeit
vor Augen führte, liegen bislang kaum systematisch gewonnene
Erkenntnisse vor, obwohl diese für die Beobachtung, Prävention und Repression
politisch motivierter Gewalt von großer Bedeutung sein dürften.
Der Begriff des
Mehrfachtäters
(MT) stellt in der vorliegenden Studie allein
auf die Zahl der begangenen Gewalttaten in einem Untersuchungszeitraum ab.
Qualitative Aspekte bleiben bei der Definition unberücksichtigt.
Zudem sind
nur Gewalttaten erfasst, so dass eine Vielzahl strafrechtlich relevanter Delikte
ausgeklammert bleibt. Es gelten solche Personen als MT, die mit mindestens
zwei Gewaltdelikten im Untersuchungszeitraum zwischen 2001 (Einführung
des
polizeilichen Erfassungssystems »Politisch motivierte Kriminalität«) und 2011
polizeilich erfasst wurden.
1 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung, S. 195.
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Der Begriff des
Intensivtäters
(IT) beinhaltet in dieser Studie eine weitere
quantitative Steigerung. IT begingen demnach im Berichtszeitraum (2001 bis
2011) vier und mehr Gewaltdelikte. Gesondert untersucht werden jene IT, die
eine lebensbedrohliche Vorgehensweise, d. h. eine hohe Intensität
der Gewalt-
einwirkung (Taten der Schwerekategorie I), aufwiesen. Sie werden als »Inten-
sivtäter-lebensbedrohlich«
(IT-l.) bezeichnet.
Nach der Einführung des neuen Erfassungssystems
Politisch motivierte Kri-
minalität
(PMK) im Jahr 2001 gilt die extremistische, auf die
Überwindung
des
demokratischen Verfassungsstaates bzw. auf die Beeinflussung des demokrati-
schen Willensbildungsprozesses gerichtete Intention des Täters
nicht mehr als
notwendige Bedingung einer politisch motivierten Straftat.
2
Als PMK-Delikte
gelten demnach auch (Gewalt-)Handlungen, die sich »gegen eine Person wegen
ihrer politischen Einstellung, Nationalität,
Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfar-
be, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres
äußeren
Erschei-
nungsbildes, ihrer Behinderung, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres ge-
sellschaftlichen Status richten«
3
(Hasskriminalität). Allerdings schließt die
Hassgewalt per definitionem eine extremistische Motivation nicht aus. Denn der
Hasstäter
verletzt auf elementare Weise das in Art. 1 des Grundgesetzes veran-
kerte oberste Prinzip der Menschenwürde, indem er seine Opfer deindividua-
lisiert, dehumanisiert und/oder gezielt schädigt:
»Der Hasstäter richtet sich mit seiner Gewalttat gegen einen ›objektiven Feind‹, ent-
spricht also intentional jenem Typus von Staatsverbrechen, die Hannah Arendt als
Charakteristikum totalitärer Regime beschrieben hat. Daher wohnt jedem Hassver-
brechen eine extremistische Tendenz inne, selbst dann, wenn der Täter mit seiner Tat
den Staat als Institutionengefüge vor imaginären ›Schädlingen‹ zu schützen beab-
sichtigt.«
4
Politisch motiviert ist diese Gewalt insofern, als sie zu politischen Zwecken bzw.
mit einem politischen Hintergrund oder in einem als politisch definierbaren
Kontext verübt
wird, um die durch Norm und Gesetz geschützten Regeln des
friedlichen Miteinanders zu verletzen. Unter
Gewalt
im engeren Sinne verstehen
die Verfasser der Studie den intentionalen viktimisierenden Einsatz physischer
oder mechanischer Kraft durch Menschen gegen Personen oder Sachen.
5
Es
handelt sich dabei um eine nach Konvention und Recht illegitime Handlung. Der
enge Gewaltbegriff lässt
sich am besten anhand von sieben Kriterien erfassen,
die die wichtigsten Bedeutungselemente hervorheben:
Wer
übt
Gewalt aus?
Was
2 Vgl. Backes, Extremismus, S. 364.
3 Vgl.
http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Sicherheit/Kriminalitaetsbekaempfung/Politisch-
motivierte-Kriminalitaet/politisch-motivierte-kriminalitaet_node.html;
7.6.2014.
4 Backes, Extremismus, S. 365.
5 Vgl. Böttger/Lobermeier/Plachte,
Opfer, S. 14.
18
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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geschieht, wenn Gewalt ausgeübt wird?
Wie
wird Gewalt ausgeübt?
Wem
gilt die
Gewalt?
Warum
wird die Gewalt ausgeübt?
Wozu
wird Gewalt ausgeübt?
Weshalb
wird Gewalt ausgeübt?
6
Tab. 1: Bedeutungselemente des Gewaltbegriffs (Quelle: Imbusch, der Gewaltbegriff,
S. 34)
Kategorie
Bezugsdimension
Definitionskriterien
Definitionsbestandteile
Wer?
Subjekte
Täter
als Akteure
Personen, Gruppen,
Institutionen,
Strukturen
Was?
Phänomenologie
der Gewalt
Verletzung,
Schädigung,
andere Effekte
Personen, Sachen
Wie?
Art und Weise
der Gewalt-
ausübung
Mittel, Umstände
physisch,
psychisch,
kommunikativ
Wem?
Objekte
Opfer
Personen, Sachen
Warum?
Ursachen und Gründe
Interessen,
Möglichkeiten,
Kontingenzen
Begründungsvarianten
Wozu?
Ziele und Motive
Grade der
Zweckhaftigkeit
Absichten
Weshalb?
Rechtfertigungs-
muster
Normabweichung,
Normentsprechung
legal/illegal,
legitim/illegitim
Der so verstandene Gewaltbegriff ermöglicht neue Anwendungsbereiche für die
Gewaltforschung, die im Gegensatz zur Ursachenforschung Fragen nach der
unmittelbaren Gewaltdynamik und Tatspezifik aufwirft.
Von der Hassgewalt wird meist die
Konfrontationsgewalt
unterschieden. Sie
umfasst in dieser Studie jenen Teil politisch motivierter Delikte, die objektiv
oder subjektiv aus einem Interaktionszusammenhang heraus begangen werden.
Sie stehen meist in unmittelbarem Zusammenhang mit Auseinandersetzungen
zwischen verfeindeten Gruppen sowie den Sicherheitskräften.
Allerdings sind
die Grenzen zwischen Hassgewalt und Konfrontationsgewalt fließend, wenn
man bedenkt, dass rechte Gewalttäter ihre »linken Kontrahenten« oft auch un-
abhängig von deren Agieren angreifen.
Soziale Interaktionen zwischen Täter(n) und Opfer(n), die mit einer schä-
digenden, strafbaren Handlung einhergehen, sind als
Viktimisierungsprozesse
zu bezeichnen. Von einer
Viktimisierung
kann in Anlehnung an Andreas Bött-
ger
7
dann die Rede sein, wenn eine durch Recht (und Konvention) legitimierte
normative Erwartung im sozialen Umfeld verletzt wird. Im Bereich der Ge-
6 Vgl. Imbusch, Der Gewaltbegriff, S. 34 ff.
7 Vgl. Böttger/Lobermeier/Plachte, Opfer, S. 16.
Grundannahmen
und
Schlüsselbegriffe
19
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waltkriminalität handelt es sich um die normativ verankerte körperliche Un-
versehrtheit einer Person, die durch Gewalteinwirkung zum Tun oder Lassen
gezwungen wird. Zugleich bilden (subkulturelle) Szenen eigene Normen und
Regeln im Umgang mit ihrem sozialen Umfeld heraus.
Szenen
als netzwerkartige
Formen sozialer Vergemeinschaftung zeichnen sich durch einen bestimmten
Habitus und alltagsästhetische
Stilisierungen aus.
8
Darüber hinaus sind ihnen
spezifische Grundeinstellungen der sozialen Informationsverarbeitung eigen,
die dazu führen,
dass rechte Gewalttäter soziale Interaktionen abweichend in-
terpretieren. Es lässt sich in der Tat behaupten, dass Gewalt in den rechten
Subkulturen als ordnendes Prinzip und Deutungsmuster fungiert.
9
Die Vier-
Faktoren-Theorie geht von der Annahme aus, dass rechte Gewaltdelinquenten
(Hassverbrecher) sich durch vier ausschlaggebende Eigenschaften auszeichnen.
Erstens erlernten sie aggressive Verhaltensabläufe.
Zweitens haben sie sich
feindbildzentrierte Einstellungen, Neutralisationstechniken (Tatrechtfertigun-
gen) und kognitive Verzerrungen angeeignet. Drittens scheinen bei ihnen so-
ziale Fähigkeiten
des friedlichen Lösens der Konfliktsituationen nicht im Vor-
dergrund zu stehen. Viertens ist ihre Selbstkontrolle unterentwickelt.
10
So ent-
steht eine besondere Qualität der mentalen und denkstrukturellen Merkmale
solcher gewaltaffiner Szenen.
11
Neben den gruppendynamischen Prozessen und eskalativen Zuspitzungen
tragen auch szenetypische Hassmedien zur Herausbildung und/oder Festigung
entsprechender Deutungsmuster bei. Unter (rechten)
Hassmedien
verstehen die
Autoren der Studie uni- und bidirektionale Kommunikationsmittel zum
Transport der szenetypischen Feindbilder, Problemdefinitionen (Frames) und
propagierten Problemlösungen.
Die Annäherung an rechte Szenen wie die
Übernahme
ihrer gewaltlegiti-
mierenden Interpretationsregime und der anschließende, nur ungenügend er-
forschte
Übergang
zur Ausübung der (rechten) Gewalt lassen sich als
Radika-
lisierung
bezeichnen. Von Radikalisierungsprozessen ist hier auch dann die
Rede, wenn es sich um die Brutalisierung der Gewalt und die Steigerung der
Gewaltintensität
im Zeitverlauf einer Gewaltkarriere handelt.
8 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung, S. 6.
9 Vgl. Hennig, »Wert habe ich nur als Kämpfer«, S. 91: »Gewalt spielt im Selbstverständnis des
historischen Nationalsozialismus und der bundesrepublikanischen Neonazis eine zentrale
Rolle; sie ist Dreh- und Angelpunkt, um den herum sowohl abstrakt (sozialdarwinistisch
und rassistisch) als auch konkret (hinsichtlich Politikform, Strategie, Taktik und Feindbild)
gedacht wird. Ihr kommt die Funktion einer ›Philosophie‹ und ›Message‹ zu.«
10 Vgl. Schneider, Hass-Gewalt-Delinquenz, S. 50.
11 Vgl. ebd.
20
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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2.
Forschungsfragen, -ziele und Vorgehensweise
Dieser Studie liegen folgende forschungsleitende Fragen zugrunde:
– Welche soziobiographischen Hintergründe haben MIT?
– Welche Tätertypen innerhalb der zu untersuchenden Gruppe liegen vor?
– Welche Handlungsmuster rechter Gewalt (spontan-situativ vs. instrumentell-
planhaft) und welche Schnittmengen zwischen diesen beiden Haupttypen
lassen sich im Untersuchungszeitraum erkennen?
– Welche Intensitäten
sind den von MIT verübten Gewalttaten eigen?
– Welche Anteile stellen eher instrumentell und eher expressiv handelnde MIT?
– Sind mit Blick auf Täter
Verlaufstypen der Gewalt feststellbar bzw. welche
Karriereverläufe lassen sich bei MIT ausmachen?
– Kommt es zu einer qualitativen Steigerung der Gewalt, d. h. zu einer Bruta-
lisierung im Zeitverlauf, und welchen Regeln unterliegt die mögliche
Dosie-
rung der Gewaltanwendung?
– Welche Strukturqualitäten
weisen Gruppen um MIT auf ?
– Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gruppenbeschaffenheit und Tat-
spezifik?
– Lassen sich Netzwerke ermitteln, die
über
die zu untersuchenden Perso-
nenzusammenschlüsse hinaus die Szene prägen?
– Wie lassen sich Täter-Opfer-Interaktionen beschreiben?
– Welche Feindbilder liegen der Opferselektion zugrunde und wer sind die
Opfer?
– Welche ideologischen Einflüsse
und Feindbilder lassen sich erkennen?
– Wie hoch ist die Tatrelevanz der rechtsextremistischen Musik?
– Welche Feindbilder transportiert die rechte Musik?
– Welche radikalisierenden Bedingungsfaktoren sind erkennbar?
Die Ziele der Studie korrespondieren mit den aufgeworfenen Forschungsfragen.
Es ist ein weiteres Anliegen der Autoren, plausible Hypothesen der Rechtsex-
tremismus- und Radikalisierungsforschung anhand des vorliegenden Materials
auf
Übereinstimmungen
oder Abweichungen zu untersuchen. Zudem sollen bei
abweichenden Erkenntnissen
überprüfbare
Hypothesen formuliert werden.
Um methodischen Zugang zum Forschungsgegenstand zu gewährleisten,
bediente sich das Forschungsteam einer Methodentriangulation. Quantitative
Analysen und qualitative Untersuchungen ergänzen
einander. Im ersten Un-
tersuchungsschritt wurden polizeiliche PMK-Daten zur rechten Gewaltkrimi-
nalität
und zu MIT in Sachsen herangezogen und statistisch ausgewertet. Er-
gänzend konnten Informationen aus dem Polizeilichen Auskunftssystem
Sachsen (PASS) eingeholt werden. Es handelte sich dabei um eine Vollerhebung
für
den Untersuchungszeitraum (2001 bis 2011). Die quantitative Untersuchung
Forschungsfragen,
-ziele
und
Vorgehensweise
21
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erfasste 461 MIT und 994 Taten. Nach der Identifikation der MIT-Population
wurden im zweiten Untersuchungsschritt Gerichtsakten quantitativ und quali-
tativ ausgewertet, insgesamt Akten zu 70 IT und 151 Taten. Ergänzend
konnten
nachrichtendienstliche Informationen herangezogen und relevante Szeneme-
dien ausgewertet werden.
Polizeidaten, Gerichtsakten, Szenemedien und nachrichtendienstliche In-
formationen ergeben zusammengenommen einen Quellenfundus von beacht-
licher Breite. Der Versuch, ihn durch Täter-Interviews
weiter zu verbreitern, war
allerdings nur von geringem Erfolg gekrönt. Die ausgewählte Gruppe der IT
erwies sich als weit weniger auskunftsfreudig und kooperationswillig, als dies
für
Aktive der rechtsextremistischen Szene insgesamt gilt. Zwar konnten mit
Unterstützung des Kriminologischen Dienstes noch Inhaftierte kontaktiert
werden, doch war auch hier der Rücklauf
äußerst
bescheiden. Von 34 ange-
schriebenen Personen erklärten sich lediglich drei (ehemalige) MIT zu einem
Gespräch bereit. Lediglich vier (frühere) Gewalttäter waren bereit, einen aus-
führlichen Fragebogen auszufüllen, in dem soziobiographische Hintergründe,
Wahlverhalten, Qualität der innerfamilialen Beziehungen, Anomiewahrneh-
mung und Einstellungen wie Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, NS-Ver-
herrlichung, Ethnozentrismus sowie psychologische Eigenschaften wie (reak-
tive) Aggressivität,
Standfestigkeit gegenüber Gruppen, Leistungsfähigkeit,
Wertschätzung bzw. Irritierbarkeit durch andere, Umgangsfähigkeit und Ge-
hemmtheit, Dominanz, Expansivität, Verhaltenskontrolle und Risikomeidung
erhoben wurden. Es konnten mit drei ITausführliche Interviews geführt werden.
Noch weit schwieriger war der Zugang zu den von uns ermittelten Opfern
rechter Gewalt. Das Projektteam schrieb sämtliche
in Sachsen tätigen Opfer-
hilfegruppen mit der Bitte an, Kontakt zu den von ihnen betreuten Personen
herzustellen und ein Experteninterview
über
Täter-Opfer-Interaktionen zu
führen. Die Kontaktierten waren jedoch
überwiegend
nicht zum Wissensaus-
tausch und zur Vermittlung bereit. Lediglich der Verein »Aktion Zivilcourage«
sicherte zu, die mit ihm in Verbindung stehenden Geschädigten
auf das For-
schungsvorhaben aufmerksam zu machen. Es kam allerdings zu keiner kon-
kreten Kontaktanbahnung. Die Informationen dieser Studie zu den Opfern
rechter Gewalt stützen
sich folglich in erster Linie auf Gerichtsakten.
3.
Datengrundlage
Die Datenqualität und -validität variiert je nach der herangezogenen Informa-
tionsquelle. Die Polizeiakten enthalten bspw. nur selten weiterführende Infor-
mationen zu soziobiographischen Hintergründen der Täter. Daten zu ihren
Gruppenzugehörigkeiten liegen demgegenüber häufiger vor. Die Polizei be-
22
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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nennt darüber hinaus in der Regel bekannte Verbindungen der Täter zu Netz-
werken des rechten Spektrums und weist auf die aus den Zeugenvernehmungen
bekannt gewordenen Motivationen der Taten und/oder das Erscheinungsbild
sowie Auftreten der Täter
(bspw. Hassparolen) hin. Die Tathergänge sind in den
meisten Fällen sachlich dargelegt, wobei auch allgemeine Angaben zum Alter,
Geschlecht, (seltener) Schulabschluss und zu polizeilichen Vorerkenntnissen zu
finden sind. Daher sind polizeiliche Sachverhaltsschilderungen von großer
Be-
deutung. Trotz der bekannten Einschränkungen und Probleme der polizeilichen
Erfassung von Gewalttaten – Hell-/Dunkelfeldproblematik, problematisches
Aussage- und Anzeigeverhalten, zwischenbehördliche
Divergenzen und Zu-
ordnungsschwierigkeiten – bleibt auch die polizeiliche PMK-Statistik als Quelle
unverzichtbar.
Die Justizakten stellen als Datenquelle zwar eine Konstruktion der Realität
dar, man kann sie jedoch mit einem Modell der realitätsorientierten Informa-
tionsgewinnung am treffendsten beschreiben.
12
Justiz- bzw. Gerichtsakten ent-
halten dichte Beschreibungen von Gewalthandlungen und Kontexten. Spezielle
Selektionsprozesse bergen allerdings zugleich Risiken, denn unterschiedliche
Interessen und Wahrnehmungen von Tatverdächtigen,
Zeugen, Polizei, Staats-
anwaltschaften, Gutachtern und Gerichten spielen dabei eine Rolle. Da die
Justizakten
überdies
Mittel einer zielorientierten Erledigungsstrategie
13
sind,
besteht zudem die Gefahr, dass die bearbeitenden Behörden bei einem hohen
öffentlichen
und/oder politischen Druck Irrtümern unterliegen. Interventionen
der Politik und/oder falsche Hypothesen können so zu Verzerrungen führen, wie
der Fall NSU und die Analyse von Britta Schellenberg vor Augen führen.
14
Ebenso problematisch erscheinen Verzerrungen infolge der Nicht-Themati-
sierung politischer Motivationen und Kontexte in Gerichtsurteilen, was die
Rückkopplung
zwischen polizeilicher Ersterfassung und justizieller Endbe-
wertung behindert. Bereits im Vorgängerprojekt war dieser Trend erkennbar: In
Sachsen fanden bei etwa zwei Fünfteln der Fälle politische Motivationen und
Kontexte keine Erwähnung. Auch Kati Lang hat bei einer Auswertung von
122 sächsischen Urteilsschriften aus den Jahren 2006 und 2007 festgestellt, dass
nur in der Hälfte der Urteile auf die Tatmotivation eingegangen wurde.
15
Wenn
jedoch neben Urteilsschriften polizeiliche Daten und (staatsanwaltschaftliche)
Ermittlungsakten vorliegen, d. h. polizeiliche und justizielle Perspektiven das
Bild komplettieren, verringert sich das Risiko einer Fehlinterpretation. Trotz der
12 Vgl. Hermann, Die Konstruktion, S. 53.
13 Vgl. ebd.
14 Vgl. Schellenberg, Mügeln.
15 Momentan liegen keine veröffentlichten Ergebnisse vor.
Datengrundlage
23
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image
partiellen Unvollständigkeit des Datenmaterials lassen sich in diesem Fall valide
Aussagen treffen.
Die Autoren strebten daher Zugang zu
überprüfbarem
Datenmaterial an, was
in vielen Fällen auch gelungen ist. Positiven Effekt hatte für die Studie zudem die
Tatsache, dass neben personenbezogenen Akten Strukturverfahren nach § 129
StGB herangezogen werden konnten, die tiefere Einblicke in die Beschaffenheit
der zu analysierenden Personenzusammenschlüsse
ermöglichten.
Als problematisch erwies sich in diesem Zusammenhang die Länge des Un-
tersuchungszeitraums, da die Behörden gesetzlich vorgeschriebenen Lösch-
fristen nachkommen müssen und so einige Taten den Tätern nicht mehr zu-
zuordnen waren. Infolgedessen liegen dazu entweder keine Tatbeschreibungen
oder lediglich polizeiliche Kurzsachverhalte vor, während
einschlägige Justiz-
akten ausgesondert wurden. Daher nimmt die Informationsdichte auf der
Zeitachse tendenziell zu. Handelt es sich bei einer Straftat um eine Gruppentat,
hat dies zur Folge, dass der entsprechende Mosaikstein bei einer Vielzahl der
Täter
wegbricht.
Ähnliches
gilt für die zu beschreibenden Täterzusammen-
schlüsse, es sei denn, gegen die jeweilige Gruppe wurde wegen des Verdachts der
Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt.
Im großen
Aufkommen der Gruppentaten liegt auch eine verhältnismäßig
»geringe« Anzahl der Gewalttaten begründet. 70 ermittelten IT konnten daher
»lediglich« 151 Taten zugeordnet werden. Bei einem Fünftel der ermittelten
Straftaten (betrifft ein Drittel der IT) konnte nur auf polizeiliche Kurzsachver-
halte bzw. Hintergrundinformationen zurückgegriffen
werden. Für knapp zwei
Drittel der Gewalthandlungen (relevant für die Hälfte der IT) sind vollständige
Gerichtsakten vorhanden. Bei sechs Prozent der Gewalttaten (betrifft 20 Prozent
der Täter)
waren neben den polizeilichen Informationen nur Anklage- oder
Urteilsschriften zugänglich. Zu zehn Prozent der Täter konnten außerdem Ge-
fangenenpersonalakten (GPA) eingesehen werden, die – je nach Bearbeitungs-
qualität
– zusätzliche personenbezogene Informationen enthalten. Zu den so-
ziobiographischen Hintergründen der Täter liegen in knapp 90 Prozent der Fälle
relevante Informationen vor.
24
Problemstellung
und
Forschungsansatz
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4.
Forschungsstand
4.1.
Rechte Gewalt: Forschungsansätze und Erklärungsmuster
Über
kaum ein anderes Thema ist seit Anfang der 1990er Jahre so viel recher-
chiert, geforscht, publiziert und diskutiert worden wie
über
rechts motivierte
Gewalt.
16
Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie,
17
die Trierer Forschungs-
gruppe um Roland Eckert und Helmut Willems
18
aus den 1980/90er Jahren sowie
das Thüringer Rechtsextremismusforschungsprogramm, dessen Ergebnisse
Anfang 2000
19
präsentiert wurden, nahmen – um nur einige der bedeutendsten
Studien zu nennen – wichtige methodische Weichenstellungen vor und erar-
beiteten innovative Forschungsansätze.
Bereits in den 1980/90er Jahren kris-
tallisierten sich drei Forschungstraditionen heraus, die sich unterschiedlicher
methodischer Zugänge
bedienten und sich auf verschiedenen Analyseebenen
bewegten:
Ätiologie
der Gewalt, Gewaltphänomenologie und Analysen zum
Terrorismus sowie Bewegungsforschung.
4.1.1. Ätiologie rechter Gewalt: mikro- und makrosoziale Faktoren
Die erste Tradition, die als Täter- und Ursachenforschung zu bezeichnen ist,
bewegt sich
überwiegend
auf der Mikroebene der rechten Gewalt, wobei ihre
Erklärungsmuster auf makrosoziologische Konzepte rekurrieren. Stellte die
Bielefelder Schule die erklärenden Variablen der Modernisierung und Indivi-
dualisierung sowie Gewaltaffinität bzw. -bereitschaft und gruppenbezogene
Menschenfeindlichkeit in den Mittelpunkt, griff die Trierer Forschergruppe auf
den Ansatz der relativen Deprivation zurück
und beleuchtete Wechselwirkun-
gen zwischen Frustration und Aggression.
20
Das Forschungsprogramm der
Thüringer Untersuchungen verfolgte demgegenüber nicht primär das Ziel, die
sozialen Ursachen der Gewalt zu erklären, sondern wollte vor allem psycholo-
gische Konstruktionen eruieren, die erklären könnten, »warum Einzelne zu
fremdenfeindlichen Gewalttätern geworden sind«.
21
Die Einbeziehung der
»aktualgenetischen Verläufe fremdenfeindlicher Gewalt« (Tat und Tatumstände
sowie Täter-Opfer-Konstellationen) hob dieses Vorgehen von den
übrigen
Ur-
sachenstudien ab, die vor allem auf individuumbezogene Transformationsein-
flüsse
zielten.
16 Vgl. Backes/Logvinov, Einleitung.
17 Vgl. Heitmeyer, Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie.
18 Vgl. Willems u. a., Fremdenfeindliche Gewalt.
19 Vgl. Frindte/Neumann (Hg.), Fremdenfeindliche Gewalttäter.
20 Vgl. Ohlemacher, Fremdenfeindliche Gewalt, S. 50.
21 Frindte/Neumann (Hg.), Fremdenfeindliche Gewalttäter, S. 63.
Forschungsstand
25
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image
Der die Gewaltätiologie prägende Desintegrations- und Anomieansatz er-
kennt in den Auswirkungen der beschleunigten Individualisierung – Stichworte:
soziokulturelle Differenzierung und Enttraditionalisierung von Lebenswelten –
Ursachen für
den Verlust von Bindungen an traditionelle Lebensformen, Milieus
und Kollektive, was unter Jugendlichen zu Orientierungslosigkeit führe.
22
Bei
ihrem Versuch, eine Rolle in der »normal pathologischen« freiheitlichen Indu-
striegesellschaft zu finden, könnten
sie auf Definitionsangebote rechtsextre-
mistischer Gruppen zurückgreifen.
23
Die Plausibilität der Desintegrations- bzw.
Anomiethese sowie ihre individuellen wie sozialstrukturellen Implikationen
sind wissenschaftlich umstritten.
24
Problematisch erscheint der konstruierte
Zusammenhang zwischen Minderwertigkeitsgefühlen, schlechten Leistungen
sowie beruflichen Chancen einerseits und einer
Übernahme
der rechtsextre-
mistischen Orientierungs- und Handlungsmuster andererseits.
25
Denn schlechte
berufliche Chancen sowie Arbeitslosigkeit sind möglicherweise nicht die Ur-
sachen, sondern Folgen rechter Einstellungen und Straftaten eines Karrieretä-
ters. Kritiker heben hervor: »Die Desintegrationsthese wird nur bei oberfläch-
licher Betrachtung durch die Daten bestätigt.«
26
Überdies
spreche gegen die
Annahme, Individualisierung und Anomie bildeten bedeutende Ursachen
rechter Gewalt, dass »der
überwiegende
Teil der Tatverdächtigen nicht als ver-
einsamte Personen vor sich hin lebt«.
27
Die Resonanzräume der Gewalt, d. h.
etwa Gruppenkontexte beim Tatgeschehen, würden oft ausgeblendet.
Der allgemeine Forschungsbefund lautet daher : Die makrostrukturellen
Theoreme mögen
zur Erklärung von Gewaltneigungen im Allgemeinen beitra-
gen, können deren spezifische Ausprägungen aber nicht erklären.
28
Aus den
bislang publizierten Studien lässt sich entnehmen, dass »dieselben Risikofak-
22 Vgl. Heitmeyer, Gesellschaftliche Desintegration.
23 Vgl. Heitmeyer, Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie, S. 127: »Insgesamt ist anzu-
nehmen, dass Jugendliche, die den ›Übergang‹ zu einer autonomie-orientierten Identitäts-
bildung nicht schaffen, weil sie nicht in ausreichendem Maße Ressourcen und Bezugspunkte
der Identitätsbildung zur Verfügung haben, eher rechtsextremistischen Konzepten zustim-
men könnten, weil diese plausible Erklärungen für die eigenen Handlungsprobleme liefern.«
Vgl. auch die Reihe »Deutsche Zustände«.
24 Vgl. Frindte, Rechtsextreme Gewalt, S. 180 f.
25 Vgl. Schreiber, Psychische Bewältigung.
26 Pfahl-Traughber, Ursachen, S. 41.
27 Ebd.
28 Vgl. zum Individualisierungstheorem: Albrecht, Soziologische Erklärungsansätze, S. 797:
»Neben den Kritikpunkten, die schon zur Desorganisationstheorie angeführt werden
mussten, bleibt der Einwand, dass dieser Ansatz bisher nicht vorweg explizit benennen kann,
welche Akteure unter welchen Bedingungen und mit welcher Intensität welcher Form der
Desorganisation ausgesetzt sein müssen, um mit einem bestimmten Maß an Desorientie-
rung zu reagieren, unabhängig von dem mit fast allen soziologischen Theorien geteilten
Mangel, nicht erklären zu können, welche Akteure auf welche Form der Desorientierung mit
welchen spezifischen Verhaltensweisen oder psychischen Prozessen reagieren.«
26
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
toren für Kriminalität, dissoziales Verhalten, Drogenabhängigkeit, Psychopathie
und zum Teil auch Schizophrenie gelten«.
29
Der Zusammenhang zwischen ma-
krostrukturellen Entwicklungen und einer mit Perspektivlosigkeit einherge-
henden Frustration, die unter bestimmten Bedingungen in (rechte) Gewalt
münden
kann, wurde bisher kaum systematisch analysiert.
30
Ob Individuali-
sierung, Perspektivlosigkeit und Anomie eine ausschlaggebende Rolle bei der
Entwicklung und Manifestierung der rechten Gewalt spielen, ist somit nach wie
vor ungeklärt.
Denn es mangelt in der Forschung auch weiterhin an einer ad-
äquaten
Operationalisierung von Individualisierungsprozessen.
31
Sogenannte individualistische Gesellschaften weisen darüber hinaus nicht
zwangsläufig eine höhere Gewaltprävalenz auf als stärker kollektivistische.
32
Überdies
ist »eine genaue Analyse, wie gesellschaftliche Strukturen in Interak-
tion mit psychischen Prozessen Vorurteile determinieren, noch nicht hinrei-
chend gelungen«.
33
Der bisherige Befund der Forschung lautet: Lediglich für die
fraternale relative Deprivation lassen sich »Effekte auf die Gewaltbereitschaft
nachweisen, für
die individuelle Deprivation dagegen nicht«.
34
Problematisch ist
demgegenüber eine Perspektive, in der rechte Gewalttäter als passive Opfer der
Risikogesellschaft bzw. der soziostrukturellen Prozesse erscheinen.
35
Am Beispiel der »Katharsisthese« lässt sich zeigen, wie problematisch und – je
nach Perspektive – voraussetzungsvoll die »defizittheoretischen« Annahmen
sind. Diese verweist im Blick auf die ostdeutsche Jugend auf die Ventilfunktion
der rechtsextremistischen Haltungen bei der geistigen Verarbeitung der Exis-
tenzbedingungen in einer neuen Welt. Fremdenfeindliche und rechtsextremis-
tische Einstellungen seien demzufolge »Reaktionen, die eine Entlastung ange-
stauter psychischer Energien […] anzeigen und herbeiführen«.
36
Der These
29 Remschmidt, Tötungs- und Gewaltdelikte, S. 56.
30 Somit kann auch die Frage nach Vermittlungsprozessen der Transmission von den vermu-
teten Risikofaktoren zur rechten Gewalt nicht beantwortet werden. Vgl. Oepke, Rechtsex-
tremismus, S. 123.
31 Vgl. ebd.
32 Vgl. Lösel/Bliesener,
Aggression und Delinquenz, S. 6. Es sei an dieser Stelle an die Ende der
1990er Jahre viel diskutierte These des Kriminologen Christian Pfeiffer
über
den Zusam-
menhang zwischen der höheren Zahl der Straftaten in den Städten und Gemeinden der
ehemaligen DDR und ihrem kollektivistischen Erziehungsstil erinnert.
33 Oepke, Rechtsextremismus, S. 131.
34 Ebd., S. 123. Vgl. auch Lösel/Bliesener, Aggression und Delinquenz, S. 7: »Es deutet sich
vielmehr an, dass sich die soziale Deprivation und Desintegration in der Nachbarschaft nur
bei bestimmten familiären Risiken und auf spezifische Formen delinquenten Verhaltens
auswirkt.«
35 Vgl. Schroeder, Rechtsextremismus, S. 139: »Nicht die Opfer von Gewalttätigkeiten stehen
im Zentrum der Untersuchungen, sondern die Täter werden als Opfer der jeweiligen ge-
sellschaftlichen Verhältnisse gesehen.«
36 Friedrich,
Über
Ursachen der Ausländerfeindlichkeit, S. 20.
Forschungsstand
27
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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widersprechen jedoch Studienergebnisse, denen zufolge ostdeutsche Jugendli-
che mit fremdenfeindlichen Einstellungen geringere Depressionswerte und
weniger Zukunftsangst aufwiesen als diejenigen mit positiven Einstellungen zu
Fremden.
37
Zugleich kann dieser Befund – je nach Blickwinkel – gerade als Beleg
für die identitätsstiftende und -stärkende bzw. entlastende Funktion der rechten
Feindbilder und Vorurteile in einer Gleichaltrigengruppe aufgefasst werden.
Rechte Täter
müssen zudem nicht zwangsläufig den wirklichen Moderni-
sierungsverlierern angehören bzw. sich als solche sehen, obwohl ein Opfermy-
thos in den jeweiligen Szenen weit verbreitet ist.
38
Joachim Müller wies bereits
1997 in einer Studie zu Täterprofilen auf den hohen Anteil von Tätern mit einem
»positiven bzw. sehr positiven Selbstkonzept«
39
hin. Lediglich sechs von 41
Befragten wiesen ein negatives Selbstkonzept auf. Einerseits vermutete der
Autor, es gebe womöglich
doch mehr Selbstwertprobleme als angegeben. An-
dererseits sah er sich in der Annahme bestätigt, »dass die Hinwendung zu
rechtsextremistischen Orientierungen keineswegs in erster Linie
über
Depri-
vationserfahrungen und daraus resultierende Selbstwertprobleme der entspre-
chenden Personen erklärt
werden kann«.
40
Der Verweis auf das hohe Maß von Gewalterfahrung in der kindlichen So-
zialisation von Straftätern (familiäre Desintegration) ist eine Konstante (sozial-)
psychologischer und soziologischer Ansätze. Demnach sei die rechte Ideologie
lediglich ein »politisches Mäntelchen«, das sich die Straftäter umhängten, um
die Gewaltkriminalität zu legitimieren.
41
Die These hat eine gewisse Berechti-
gung. Zugleich gilt es zu bedenken, dass Gewalt und Einstellung auf unter-
schiedliche Art und Weise korrelieren.
42
Die Einstellung-Verhalten-Differenz
zählt zu den ungelösten Problemen der Gewaltforschung, denn die Einbeziehung
der fluiden und nur unbefriedigend messbaren Konstrukte wie »rechtsextreme
Orientierung«, »Gewaltbereitschaft« bzw. »Gewaltaffinität«
führt dazu, dass
verschiedene Analyseebenen
43
vermengt werden – ein Vorgehen, das nicht nur
zu Verzerrungen führt, sondern auch in unbewiesene Annahmen zum (ver-
meintlichen) Nexus
44
zwischen radikalisierenden – makro- wie mikrosozialen –
Ursachen, Einstellungen und der Gewaltanwendung mündet.
45
37 Vgl. Frindte, Rechtsextreme Gewalt, S. 180.
38 Vgl. Schroeder, Rechtsextremismus, S. 102 f.
39 Müller, Täterprofile, S. 61.
40 Ebd., S. 61 f.
41 Vgl. Marneros, Hitlers Urenkel; Marneros/Steil/Galvao, Der soziobiographische Hinter-
grund.
42 Vgl. Krüger,
Zusammenhänge, S. 78 f.
43 Vgl. Boenke/Fuß/Hagan, Jugendgewalt, S. 10.
44 Vgl. Eckert, Die Dynamik, S. 265: »Solange aber Gewaltforschung im Kern als Einstel-
lungsforschung betrieben wird, besteht erst einmal eine von den verfügbaren technischen
28
Problemstellung
und
Forschungsansatz
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4.1.2. Gewaltphänomenologie als mikroskopische Beschreibung
Einen weiteren Forschungsstrang bildet die genuine Gewaltsoziologie, welche
die »Gewalt- als Ursachenforschung« scharf kritisierte. Ende der 1990er Jahre
fasste Trutz von Trotha ihre Defizite aus der Sicht des Gewaltphänomenologen
zusammen. Die Forschung stelle »eine Soziologie der Ursachen, aber keine So-
ziologie der Gewalt«
46
dar. Auch handele es sich um eine Soziologie der »sozialen
Probleme« und deren Kumulation in den Gruppen und Menschen, die als Täter
und Tätergruppen ausgemacht würden. Diese Sicht verfehle die Situationsof-
fenheit und Prozesshaftigkeit des Gewaltgeschehens. Zudem sorgten die »gro-
ßen
Verallgemeinerungen«
47
dafür, dass Täter praktisch als die jeglicher Ent-
scheidungsbefugnisse und Handlungsfreiheit ledige »Opfer« der sozialen Um-
und Missstände
gälten: »Der ›Ursachen-Reduktionismus‹ geht mit einer ›Ent-
subjektivierung des Handelnden‹ einher […] und blendet die Verantwortung
aus, die der Täter,
der Zuschauer und, in manchen Fällen, […] selbst das Opfer
hat.«
48
Die
Ätiologie
der Gewalt sei ein Diskurs
über
die »Unordentlichkeit von
Gesellschaft und Kulturen«,
49
die von der Gewalt so weit entfernt sei wie die
postulierten gewaltauslösenden »Ursachen«.
50
Generell verlagere der normative
Zugang dieses Forschungsstranges das analytische Interesse von der Gewalttat
selbst auf die ihr vorgelagerten Ursachen und nachgelagerten Folgen:
»Der ›Sinn‹ von Gewalt liege weder ›vor‹ ihr (etwa in den Motiven und Einstellungen
der Täter), noch ›über‹ ihr (in dem ideologischen
Überbau,
einem höheren Ziel oder
einer
übergeordneten
Funktion), auch sei er nicht ›unter‹ ihr (in der Sozialstruktur) zu
finden oder gar ›außerhalb‹ ihrer (in sonstigen sozialen Bedingtheiten). Wenn Gewalt
überhaupt
einen ›Sinn‹ habe, so liege er in der Figuration und Prozesshaftigkeit der
Gewalt selbst.«
51
Die Autoren dieses Bandes nehmen die Ermahnung auf, dem dynamischen
Gewaltgeschehen bzw. der Gewalt als sozialer Beziehung mehr Aufmerksamkeit
Instrumenten nahegelegte Tendenz dazu, Einstellungen als Prädiktorvariable anzusehen,
obwohl ihr prognostischer Wert für Handeln gering ist.«
45 Vgl. Nedelmann, Gewaltsoziologie, S. 64. Vgl. auch Baier, Rechtsextremismus; vgl. außer-
dem Wippermann/Zarcos-Lamolda/Krafeld, Auf der Suche nach Thrill, S. 22.
46 Nedelmann, Gewaltsoziologie, S. 9.
47 Ebd., S. 19: »Auf der anderen Seite lässt die Soziologie der Ursachen der Gewalt […] alle
empirischen Skrupel […] hinter sich. Dann beginnen die ›großen‹ Verallgemeinerungen, zu
denen in der ›postmodernen Gesellschaft‹ Individualisierung, Pluralisierung und funktio-
nale Differenzierung ebenso wie ›die Moderne‹ selbst oder gar ›die Modernisierung der
Moderne‹ gehören, deren ›Schattenseiten‹ ›Desintegrationsprozesse‹ sind, die nichts unbe-
rührt lassen.«
48 Ebd.
49 Vgl. auch Decker/Kiess/Brähler, Rechtsextremismus.
50 Trotha, Zur Soziologie der Gewalt, S. 19 f.
51 Nedelmann, Gewaltsoziologie, S. 64.
Forschungsstand
29
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zu schenken.
52
Denn es ist unumstritten, dass »mikroskopische« bzw. dichte
Beschreibungen der Konfigurationen von Täter(n), Opfer(n) und Dritte(n)
53
in
der Rechtsextremismusforschung eher Mangelware sind.
54
Zudem dominierten
die Täterstudien lange Zeit die Forschung, während viktimologische Perspek-
tiven fast völlig fehlten.
55
Als Beispiel einer gelungenen Synthese der Ursachen-
mit genuiner Gewaltforschung kann die Untersuchung von Ferdinand Sutterlüty
gelten, obgleich sie primär auf die Soziobiographie abhebt.
56
4.1.3. Rechte Gewalt im Licht des sozialen Interaktionismus, der Bewegungs-
und Terrorismusforschung
Die deutsche Bewegungsforschung
übt(e)
ebenfalls scharfe Kritik an den Be-
mühungen der »pathologischen« Ansätze, »schlechte Ereignisse« wie (terro-
ristische) Gewalt »mit schlechten Ursachen« zu erklären. Sie seien ebenso viel-
fältig wie fruchtlos, so Susanne Karstedt-Henke zuspitzend.
57
Aus interaktio-
nistischer Perspektive mangele es dem
ätiologischen
Paradigma am Verständnis
spezifischer Eskalationsdynamiken.
58
Zwar entwickelte die Autorin ihre Argu-
mentation in Bezug auf linke Protestbewegungen. Untersuchungen der Kon-
frontationsgewalt zwischen rechten und linken Szenen zeigen jedoch eine nicht
zu ignorierende Relevanz der gegenseitigen Aufschaukelungsprozesse, die eine
Gewalteskalation und in einigen Fällen
sogar die Veränderung der Gewaltspe-
zifik nach sich ziehen.
59
Nichtsdestotrotz werden Interdependenzen und Inter-
aktionen zwischen gewaltorientierten Szenen nach wie vor oft vernachlässigt.
60
Eike Hennig wies
überdies
zu Recht darauf hin, dass das Umschlagen von
Gewaltakzeptanz in Militanz und von militanter Gewaltakzeptanz bzw. aggres-
52 Vgl. Eckert, Die Dynamik, S. 264: »Gewalt muss – technisch gesprochen – nicht nur als
abhängige, sondern auch als unabhängige Variable behandelt werden, wenn Bedingungen
von Persistenz und Radikalisierung erklärt werden sollen. Gewalterfahrungen ›wirken‹ –
und die Erfahrung, die Berichte und die Imagination solcher Erfahrungen ist ein zentrales
Element sowohl persönlicher Biografien als auch politischer Prozesse.«
53 Etwa kontrollierende, teilnehmende oder aufmunternde
Öffentlichkeit
und/oder extremis-
tische Milieus, aber auch moralische Schranken, subkulturelle Wertvorstellungen, Organi-
sationskontexte.
54 Vgl. aber Frindte/Neumann (Hg.), Fremdenfeindliche Gewalttäter.
55 Vgl. Bjørgo, Gewalt, S. 985. Inzwischen liegen mit der aufschlussreichen Studie von Willems/
Steigler, »Täter-Opfer-Konstellationen« (Trier 2003), sowie der Untersuchung von Andreas
Böttger/Lobermeier/Plachta, »Opfer rechtsextremer Gewalt« (Wiesbaden 2014), erste Ver-
suche vor, die analytische Schieflage auszugleichen.
56 Sutterlüty, Gewaltkarrieren.
57 Vgl. Karstedt-Henke, Theorien, S. 169.
58 Vgl. ebd., S. 176.
59 Vgl. Backes, Extremismus und politisch motivierte Gewalt; Mletzko, Gewalthandeln; Ba-
ckes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung.
60 Vgl. Backes, Interdependenzen.
30
Problemstellung
und
Forschungsansatz
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siver Devianz in Terrorismus einen der weißen Flecken der Gewaltforschung
darstell(t)e.
61
Am Beispiel der »SINUS-Studie« benannte er zwei zentrale De-
siderata der Rechtsextremismusforschung: »1. wird die ›Beziehungsumwelt‹ zu
wenig analysiert, 2. werden die Konfliktfelder, in dem soziale und biographische
Faktoren aufeinanderprallen und im Ergebnis den Startpunkt einer neonazis-
tischen Karriere begründen,
nicht bezeichnet.«
62
Zusammenfassend betonte
Hennig die vorwärtstreibende Rolle der Stigmatisierungsprozesse und die Tat-
sache, dass Reaktionen seitens der Sozialisationsinstanzen sowie der Polizei und
Justiz von den »Führern«
neonazistischer Gruppen bewusst eingesetzt würden,
weshalb Institutionen Stigmatisierungseffekte durch Differenzierung und ge-
stufte Sanktionierung vermeiden sollten.
63
Obwohl der Rechtsterrorismus und -extremismus lediglich einen analyti-
schen Nebenpfad des vom Bundesministerium des Innern in der zweiten Hälfte
der 1970er Jahre in Auftrag gegebenen Forschungsprojekts »Analysen zum
Terrorismus«
64
bildete, sind dessen Ergebnisse nach wie vor wegweisend. Zu den
Vorzügen des breit angelegten Projekts zählte der multidisziplinäre und -per-
spektivische Ansatz. Die Forscher bezogen nicht nur die Mikro-, Meso- und
Makroebene in ihren Wechselwirkungen ein, sondern reflektierten auch den
breiten sozialen Kontext terroristischer Gewalt. Darüber
hinaus wurde den In-
teraktionen zwischen Protestakteuren selbst sowie zwischen Gewaltakteuren
und Staat große
Bedeutung beigemessen – ein Ansatz, der in jüngster Zeit wieder
aufgenommen wurde.
65
In vier Teilprojekten – »Ideologien und Strategien« (1), »Lebenslaufanalysen«
(2), »Gruppenprozesse« (3), »Gewalt und Legitimität« (4/1), »Protest und Re-
aktion« (4/2)
66
– wurden Erkenntnisse zutage gefördert, deren Relevanz für
verschiedene Aspekte der Gewaltätiologie nach wie vor grundlegend sind. So
betonten Gerhard Schmidtchen
67
und Lieselotte Süllwold
68
in Hinblick auf ter-
roristische Karrieren die Rolle der Wechselwirkungen zwischen verschiedenen
Bedingungsfaktoren – eine Perspektive, die es ermöglicht,
soziobiographische
Belastungen und Risikofaktoren nicht monokausal zu verklären. Im Gegensatz
zu den Erkenntnissen der gesellschaftsorientierten Opfer- und persönlich-
keitsorientierten Defizittheorien
69
sind die Terrorismusforscher zu dem
über-
61 Vgl. Hennig, Neonazistische Militanz, S. 111.
62 Ebd., S. 117.
63 Vgl. ebd., S. 129.
64 Vgl. die Reihe »Analysen zum Terrorismus«.
65 Vgl. Bosi/Demetriou/Malthaner, Dynamics of Political Violence.
66 Vgl. ausführlich
Backes/Jesse, Politischer Extremismus (I).
67 Vgl. Schmidtchen, Terroristische Karrieren.
68 Vgl. Süllwold, Stationen.
69 Vgl. Fritzsche, Gewalt.
Forschungsstand
31
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image
zeugenden Schluss gelangt, dass biographische Belastungen nicht zwingend zu
einer politischen Ressource werden und nur in spezifischen Konstellationen ihre
Wirkung entfalten.
70
Versagensgefühle, die nicht nur Extremisten in verschie-
denen Lebensphasen empfinden, werden von diesen infolge der externen Zu-
schreibung und Haftbarmachung des Anderen zu einer entlastenden Erklä-
rung.
71
Diese Erkenntnis deckt sich mit einem weiteren Befund: Ein interna-
tionaler Vergleich stellte eine negative Beziehung zwischen Individualisierung
(in vielen Studien als wesentliche Ursache der rechten Gewalt angeführt)
und
Gewaltkriminalität fest. Demnach hänge die kausale Korrelation dieser Varia-
blen von der Spezifik der Frames ab, die bestimmte Akteure bemühen.
72
Diskurse der Mesoebenenakteure und gruppenspezifische Mytho- sowie
Ideologeme (s. u.) tragen somit zur Herausbildung eines selektiven Wahrneh-
mungs- und Erklärungsmusters
bei, welches Wolfgang de Boor als Monoper-
zeptose bestimmte. Mit diesem Begriff wird im nicht klinischen Sinn die Do-
minanz einer mehr oder weniger geschlossenen Vorstellungswelt bezeichnet, die
gegen Einwände
immunisiert, sich durch
überwertige
Ideen auszeichnet und in
Allmachtsgefühlen sowie gesteigerter Aggressivität münden kann.
73
Gruppenprozesse sind Gegenstand des opulenten dritten Bandes der »Ana-
lysen zum Terrorismus«. Besonders hervorgehoben sei an dieser Stelle die These
von Jo Groebel und Hubert Feger,
74
der zufolge die Gründe für das Mittragen
militanter Aktionen innerhalb der Gruppen zu differenzieren seien. Tatsächlich
lassen sich verschiedene Gruppenrollen (Führungsperson, Mitläufer) unter-
scheiden, die aus unterschiedlichen Ursachenkonstellationen und Gründen für
die Affiliation (politische Ziele, »Geborgenheit« und Halt) resultieren.
Darüber
hinaus analysierten Ulrich Matz, Gerhard Schmidtchen und Hans-
Martin Uehlinger im Band 4/1 »Gewalt und Legitimität« Mechanismen der
Gewaltlegitimierung vor dem Hintergrund der angezweifelten Legitimität des
Staates.
75
Dabei rückten sie die Kommunikationsabhängigkeit in den Vorder-
grund und betonten, dass gleiche Situationen wegen unterschiedlicher Interes-
70 Vgl. Schmidtchen, Jugend und Staat, 249: »Sie bilden eine Kontingenzvariable, die erst in
Aktion tritt, wenn andere Dinge nicht mehr stimmen. Erst im Verein mit Legitimitätsdefi-
ziten des Staates und deren Ideologisierung werden biographische Tatsachen virulent und zu
einer wichtigen Ressource für das politische Handeln. Biographische Daten für sich allein in
Zusammenhang mit dem politischen Verhalten gesetzt, wirken relativ unspezifisch, weil sie
mit anderen Motivorganisationen interagieren. Biographische Belastungen sind wie
Sprengstoff: er bleibt ruhig, solange es keinen Zünder gibt, der betätigt wird. Die Zündung
der biographischen Belastungen geschieht durch Ideologisierung und durch feindselige
Beschreibung der Institutionen, durch Delegitimierung des Staates.«
71 Vgl. Süllwold, Stationen, S. 97.
72 Vgl. Albrecht, Soziologische Erklärungsansätze, S. 801.
73 Vgl. de Boor, Terrorismus, S. 122.
74 Vgl. Groebel/Feger, Analyse von Struktur, S. 400.
75 Vgl. Matz/Schmidtchen, Gewalt und Legitimität.
32
Problemstellung
und
Forschungsansatz
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senhintergründe und der »Verfügbarkeit unterschiedlicher Interpretations-
schemata sehr verschieden erfasst und erlebt werden«.
76
Es sei abschließend auf Forschungen des Psychologen und Juristen Lorenz
Böllinger verwiesen, die sich mit psychosozialen Interaktionen zwischen
Gruppen, Individuen und staatlichen Instanzen auseinandersetzten.
77
Am be-
reits erwähnten Projekt mit »Lebenslaufanalysen« der Linksterroristen beteiligt,
wandte er ein Ende der 1970er Jahre entwickeltes Karrieremodell auf andere
Phänomenbereiche
an.
Überdies
wies Böllinger auf die Notwendigkeit hin, ei-
nige methodologische Annahmen der Gewaltforschung zu berücksichtigen. So
entkräftete er eine weit verbreitete Annahme, neuro-psychologische Affekt-
strukturierungen (Frust, Wut u. a.) seien hinreichende Bedingungen der Radi-
kalisierungsprozesse im Sinne linearer Kausalität.
Im Gegenteil bedürften sie
zusätzlicher enthemmender Prozesse in der radikalisierten Gruppe.
78
Es gilt aus Sicht der Verfasser, die oben genannten Aspekte des sozialen
Interaktionismus auf der Mikro- und Makroebene sowie den Umgang des
Staates mit radikalen und extremistischen Milieus in Untersuchungen politisch
motivierter Kriminalität
(erneut) einzubringen.
4.1.4. Profile rechter Gewalttäter
Das sozialbiographische Profil rechter Täter wird oft wie folgt beschrieben:
»junge Männer zwischen 14 und 24 Jahren mit niedrigem Bildungsstatus, die der
Polizei häufig bereits wegen früherer Gesetzesverstöße bekannt sind«.
79
Dabei
unterschied Helmut Willems in den 1990er Jahren mindestens vier Tätertypen:
Der Mitläufer sei weder fremdenfeindlich noch extremistisch; der kriminelle
Schlägertyp setze Gewalt nicht als politisches, sondern als alltägliches Mittel der
Konfliktlösung ein; der Ausländerfeind und Ethnozentrist verkehre meist in
gewaltbereiten Jugend- und Subkulturen, während der ideologisch-motivierte
rechte Täter nicht selten parteipolitisch aktiv und/oder an organisierte rechts-
extremistische Gruppen gebunden sei.
80
Das oben beschriebene Profil trifft
gemäß dieser Typologie lediglich auf zwei rechte Tätertypen zu, nämlich auf den
kriminellen Jugendlichen und den Ausländerfeind/Ethnozentristen. Der Mit-
läufer komme demgegenüber aus »einem intakten, häufig auch bürgerlichen
Elternhaus« und habe »keine größeren privaten oder beruflichen Probleme«,
während der ideologisch-motivierte Täter meist
über
einen erfolgreichen
76 Schmidtchen, Jugend und Staat, S. 217.
77 Vgl. Böllinger, Die Entwicklung.
78 Vgl. ebd., S. 61.
79 Ziercke, Lagebild, S. 71.
80 Vgl. Willems u. a., Fremdenfeindliche Gewalt, S. 200 – 207.
Forschungsstand
33
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Schulabschluss verfüge und im Besitz einer festen Arbeitsstelle sei.
81
Willems
stellte bei der Durchsicht der Gerichtsakten
überdies
fest, dass »der größte Teil
der fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttäter […] unauffällige, ›normale‹ Ju-
gendliche und Ersttäter waren«.
82
Joachim Müller
83
identifizierte in seiner Untersuchung
84
fünf Täterprofile:
den Typus des
Überzeugten
mit Verbindungen zum organisierten Rechtsex-
tremismus; den Typus des Mitläufers, dem es verhältnismäßig gleich sei, mit
wem er laufe, und der aus Wut, Neid, Angst oder Enttäuschung agiere; den Typus
des Cliquenzentrierten, für den die informelle Gruppe seinen Lebensmittel-
punkt darstelle und die Straftaten keiner politischen oder ideologischen Fun-
dierung bedürfen
; den Typus des Aggressiven, der entweder seine Aggressionen
nicht zu kontrollieren vermöge oder gezielt gewalttätige Auseinandersetzungen
mit seinen »Gegnern« suche. Der Typus des Devianten lässt sich am wenigsten
mit der ideologisch motivierten Gewalt in Verbindung bringen.
Klaus Wahl
85
nahm in einer Studie die Kategorisierung der Kriminalitäts-
karrieren und Tätervarianten entlang zweier Dimensionen vor – der Aggressi-
vität sowie dem Fremdenfeindlichkeits- und Ideologisierungsgrad. Kriminelle
Schläger zeichnen sich demnach durch Anwendung von Gewalt als Mittel der
Konfliktlösung, aber auch durch Spaß- bzw. ritualisierte Gewalt aus, wobei
Überschneidungen
zur Hooligan-Szene feststellbar seien. Fremdenfeindliche
Schläger seien Träger von verfestigten fremdenfeindlichen und/oder rechtsex-
tremen Einstellungen. Der Unterschied dieser Tätergruppe zu politisierten
Schlägern bestehe darin, dass die Letzteren eine Kombination aus verfestigten
fremdenfeindlichen und rechtsextremistisch-ideologischen Orientierungen
aufwiesen. Ein propagandistischer Gewalttäter
als Mischform verbinde seine
politischen Ziele, »die in politisch organisierter Form gelebt werden«,
86
mit
gelegentlichen Gewalttaten.
81 Ebd., S. 200, 207.
82 Ebd., S. 146.
83 Vgl. Müller, Täterprofile, S. 58 f.
84 Vgl. auch Heitmeyer/Müller, Fremdenfeindliche Gewalt.
85 Vgl. Wahl (Hg.), Skinheads.
86 Ebd., S. 64.
34
Problemstellung
und
Forschungsansatz
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4.2.
Ausprägungen und Spezifika der rechts motivierten Gewaltkriminalität
Obwohl sich Schockeffekte infolge des zufälligen Bekanntwerdens des NSU im
wissenschaftlichen Diskurs, anders als in der Sicherheitspolitik, nicht einstell-
ten, muss konstatiert werden, dass die Rechtsextremismusforschung die
»heiße«,
87
oder besser : expressive, Gewalt ins Zentrum gerückt hat, während
andere Formen eher vernachlässigt wurden. Der Radikalisierungspfad »Ge-
troffen – gesoffen – gedroschen«
88
galt als typischer Verlauf rechter Gewaltver-
brechen. Die prägnante Formel impliziert zahlreiche Attribute der rechten Ge-
waltkriminalität und verweist zugleich auf ihre Kontexte. Erstens agierten die
Täter in der Regel in Gruppen (»getroffen«). Der Alkoholkonsum als Prozedur
zur Enthemmung der spontan-situativen Gewaltanwendung gehört inzwischen
zum Gemeinplatz der einschlägigen Analysen. »Das ›gedroschen‹ verweist auf
die Gewaltmittel, bei denen es neben den Fäusten meistens leicht zugängliche
Schlag- und Stichwaffen sind, wie Baseballschläger oder Messer. Die Auswahl
der Opfer geschieht zufällig.«
89
Im Gegensatz zur expressiven Gewaltanwendung
verlaufe die planhafte Gewalt im reflexiv-kalkulierenden Modus. Auch Psych-
iater unterscheiden zwischen dem primär
emotional gesteuerten, impulsiv-ag-
gressiven und dem geplanten, instrumentell-aggressiven Verhalten.
90
Nimmt man terroristische Aktionsformen des RAF- bzw. NSU-Typus als
Maßstab, erscheint die »typische« rechte Gewaltkriminalität tatsächlich als eher
situativ und spontan. Wird diese Sichtweise zu einem dominierenden Erklä-
rungsmuster, bleibt jedoch das zweckrationale Handeln im Rechtsextremismus
größtenteils
ausgeblendet. Dabei handelt es sich um zwei funktional ver-
schränkte Dimensionen – eine Legitimation bzw. Steuerung ausgeübter Gewalt
durch rechtsextreme Ideologeme (praxeologische Komponente des diagnosti-
schen Frames, s. u.) und eine Durchsetzung der Ideologie durch Anwendung von
Gewalt.
91
Zieht man beide Dimensionen in Betracht, erscheint das zufällige
Aufeinandertreffen von Tätern und Opfern in nicht wenigen Fällen als das einzig
»Spontane« im dynamischen Gewaltgeschehen. Denn einerseits gewannen in der
rechten Szene kalkulierte Aktionen wie beispielsweise »Ortskontrollfahrten«
(OKF) an Bedeutung, die sowohl planhaft, arbeitsteilig und mit Lagebespre-
chungen
92
als auch spontan nach einem Saufgelage vorgenommen werden
87 Zu den Begriffen »heiße« und »kalte« Gewalt vgl. Kohlstruck, Rechtsextreme Jugendkultur
und Gewalt, S. 65.
88 Vgl. Frindte/Neumann (Hg.), Fremdenfeindliche Gewalttäter, S. 91.
89 Busch, Die NSU-Morde, S. 220.
90 Vgl. Schmeck/Poustka, Biologische Grundlagen, S. 4.
91 Vgl. Kohlstruck, Rechtsextremistische Milieus.
92 Vgl. die Aussage eines Tatverdächtigen gegenüber der Polizei: »Wir machten eine ›OKF‹, eine
Ortskontrollfahrt. Mir ist das nicht eingefallen. Das heißt so. Man will dann gucken, ob noch
Forschungsstand
35
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(können). Andererseits stellt das womöglich nicht geplante, aber typische,
durch und durch absichtliche »Losziehen« der rechten Täter, um »jemanden zu
boxen«, ein anscheinend nicht minder verbreitetes Phänomen der rechten
Gruppengewalt dar.
Darüber
hinaus finden sich verschiedene Mischformen bzw. Schnittmengen
zwischen Planung, Absicht und Spontaneität.
93
So nimmt der sozialpädagogi-
sche Dienst einer sächsischen JVA unter dem Stichwort »instrumentalisierte
Gewalt« folgende Einschätzung eines rechten Gewalttäters vor (Gefangenen-
personalakte): »Das Gewaltproblem hat einen instrumentellen Charakter zur
Durchsetzung eigener Interessen und Einstellungen bei schwach ausgeprägter
Aggressionshemmung zur Gewaltanwendung. Der Heranwachsende ist ein
Schläger
aus
Überzeugung
und Prinzipien.« Es mag sein, dass solche »Schläger
aus
Überzeugung
und Prinzipien« spontan auf ihre – dem szenetypischen
Feindbild entsprechenden – Opfer treffen. Doch sie schlagen nur selten spontan
zu, wofür
auch das Mitführen von offensiven (beispielsweise Quarzsandhand-
schuhe) und defensiven (beispielsweise Mundschutz) Waffen spricht. Die Ge-
waltforschung darf solche Facetten der tätlichen
Auseinandersetzungen nicht
ignorieren. In nicht wenigen Fällen stellen Aussagen zur Spontaneität der Taten
zudem plumpe Schutzbehauptungen dar.
94
Würdigt das jeweilige Gericht die
politische Motivation bzw. die politischen Kontexte der Tat nicht bzw. ordnet sie
falsch ein, werden Gewaltforscher, die nur Urteilsschriften untersuchen, auf die
falsche Fährte
gelockt. Dabei steht außer Frage, dass es auch andere Fälle gibt:
(Fremdenfeindliche) Taten aus Gruppen heraus werden auf der individuellen
Ebene mitunter erst im Nachhinein mit der »richtigen« Einstellung untermau-
ert.
95
Die Forschung hat verschiedene Abstufungen rechter Gewalt herausgear-
beitet. Nicht nur dezidiert ideologische, planvolle und instrumentelle, sondern
auch spontan-situative, automatisierte
96
Gewaltausübung dient der Macht- und/
oder Selbsterfahrung (der Effekt des Handelns). Heitmeyer spricht in diesem
etwas los ist. Ob noch jemand an der Tankstelle oder am Markt ist. [Zur Tankstelle]: Das ist
einer der Hauptpunkte, wo sich die Jugendlichen in […] treffen. […] Am alten NVA-Ar-
meegelände […] haben wir eine Lagebesprechung gemacht. Wir wollten noch einmal gu-
cken, wo noch welche rumspringen, Ausländer halt.« Zur Opferauswahl hieß es weiter:
»Wenn wir einen Linken getroffen hätten, wäre es auch gut gewesen. Aber irgendeinen sollte
es nicht treffen« (StA Bautzen, Az. 170 Js 728/03).
93 Vgl. Willems u. a., Fremdenfeindliche Gewalt, S. 182: »Die Mehrzahl von fremdenfeindlichen
Gewalttaten stellen jedoch eine Mischform aus Spontaneität und Planung dar.«
94 Vgl. zu Gewalttätern als »Experten der Diskurse« und dem vermittelten Erfahrungswissen
über
juristische Urteilspraxen: Münch, Gewalt, S. 68: »Ja. Sag ich mal hier, Karl-Heinz wohnt
da und da, den schnappen wir uns heute. Also det is mir denn zu doof. Det ist ja schon wieder
ein geplantes Verbrechen. [grinst] Wird ja wieder noch härter bestraft.«
95 Vgl. Ohlemacher, Fremdenfeindliche Gewalt, S. 56.
96 Vgl. Frindte/Neumann (Hg.), Fremdenfeindliche Gewalttäter, S. 94.
36
Problemstellung
und
Forschungsansatz
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Zusammenhang von instrumenteller Gewalt zur Eroberung territorialer Macht
97
und expressiver Gewalt zur situativen Machtdemonstration.
98
Gewalt fungiert
vor diesem Hintergrund als Statussicherung, Durchsetzung kollektiver Ambi-
tionen/Ziele und identitätsstabilisierende
Machtdemonstration (gewaltexterne
Motivation).
99
Physische Gewalt kann als Ausdruck der Dominanzansprüche
und eigener
Überlegenheit
durch die Degradierung der definierten Feind-
gruppen interpretiert werden.
100
Gewalttaten werden ebenfalls begangen, um
»Spaß« zu haben.
101
Das hedonistische Motiv des Verstoßes gegen die Regeln der
bürgerlichen Kontrollinstanzen scheint dabei für die jugendlichen »Provoka-
teure« attraktiv und lusterzeugend zu sein.
Zugleich ist zu bedenken, dass »die spezifische Erlebnisqualität
und -inten-
sität eine eigene Motivationsquelle der Gewaltausübung darstellen und eine
Eigendynamik gewinnen kann«.
102
In der Tat sind die intrinsischen Gewaltmo-
tive – physische
Überlegenheit,
die Schmerzen des Opfers und die Außerkraft-
setzung der alltäglichen Kontrollmechanismen
103
– als das Agens der Gewalttat
nicht von der Hand zu weisen. Dabei entstehen auch »Gewaltmythologien«
104
mit »Kämpferidealen« und eine Art »Gewaltästhetik«.
4.2.1. Jugendkonflikte oder Hassverbrechen?
Eine Reihe von Studien zweifelte an, dass im Falle der rechten Gewalt eine
dezidiert ideologisch untermauerte Motivation vorliege. Marneros identifizierte
ein homonomes psychologisch-kognitives Korrelat als gemeinsamen Nenner
von Täter
und Tat, der weitgehend unabhängig von Rasse, Nationalität oder
Religionszugehörigkeit des Opfers sei.
105
Martin Schmid und Marco Storni
fassen in einer Viktimisierungsuntersuchung
übereinstimmend
zusammen:
»Die Erkenntnisse der quantitativen Analyse machen deutlich, dass rechtsextreme
Gewalt im jugendsubkulturellen Freizeitbereich angesiedelt ist und häufig zwischen
97 So rief Ende der 1990er Jahre eine »Stormfront« in einem Strategiepapier zur »Etablierung
einer Gegenmacht« gemäß dem Motto »Schafft national befreite Zonen!« auf: »Wir müssen
Freiräume schaffen, in denen wir faktisch die Macht ausüben, in denen wir sanktionsfähig
sind, das heißt, wir bestrafen Abweichler und Feinde. Es genügen zehn oder zwölf ent-
schlossene Revolutionäre, und WIR bestimmen, was aus militanter Sicht in einer Stadt ist
und was nicht.«
98 Vgl. Heitmeyer, Rechtsextremistische Gewalt, S. 506.
99 Vgl. Albrecht, Soziologische Erklärungsansätze, S. 798 f.
100 Vgl. Rommelspacher, »Der Hass hat uns geeint«, S. 57, 60.
101 Vgl. Schroeder, Rechtsextremismus und Jugendgewalt, S. 139.
102 Sutterlüty, Gewaltkarrieren, S. 47.
103 Vgl. ebd.
104 Vgl. ebd., S. 251.
105 Vgl. Marneros, Der soziobiographische Hintergrund, S. 75.
Forschungsstand
37
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unterschiedlichen Gruppierungen ausgetragen wird. Inwiefern dabei die Ideologie der
Ungleichwertigkeit ausschlaggebend ist, ist schwierig zu beurteilen. […] Die reine Lust
an der Gewalt,
übertriebenes
Männlichkeitsgebaren in der Gruppe sowie der kollektive
Gruppendruck spielten eine wichtige Rolle.«
106
Die meisten Opfer seien nämlich einem Cluster der cliquenbezogenen, delin-
quenten und rauschorientierten Jugendlichen zuzuordnen, die einen aus-
schweifenden und risikohaften Freizeitstil mit Partys, Alkohol- und Drogen-
konsum pflegten.
Der Jugendkonflikthypothese zufolge stellt rechte und fremdenfeindliche
Gewalt eine Spielart der allgemeinen Jugendgewaltkriminalität
mit typischen
Konfliktkonstellationen in ihren Milieus dar. Dieser Erklärung widerspricht die
Hate-Crime-Hypothese, wonach Gewalt mit ideologischem Hintergrund be-
gangen wird. Helmut Willems und Sandra Steigleder haben beide Annahmen auf
der Basis der fremdenfeindlichen Gewalt im Land Nordrhein-Westfalen in den
Jahren 2001 bis 2003
überprüft
und sind zu dem Schluss gelangt, dass das
fremdenfeindliche Gewaltgeschehen durch stark asymmetrische Konfliktsitua-
tionen gekennzeichnet sei.
107
Hier stünden gewalterfahrene, hoch mit Delin-
quenz belastete männliche Tätergruppen einzelnen Personen mit geringer Ge-
waltkompetenz gegenüber. Die zentrale Ursache für die analysierten Gewalttaten
liege demnach
»in den meisten Fällen nicht in einem Interessenskonflikt zwischen Gruppen, einer
persönlichen Konfliktsituation oder in einer vorausgehenden Provokation durch die
Opfer begründet, sondern allein in dem Willen der Aggressoren, ihre Macht, ihre
Ablehnung und ihren Hass gegenüber meist anonymen Personen zu demonstrieren,
sofern sie von ihnen bestimmten gesellschaftlichen, politischen oder ethnischen
›Feindgruppen‹ zugeordnet werden können.«
108
Damit bestätigten die Forscher eine in der angelsächsischen Literatur weit
verbreitete Erkenntnis: Für die Definition der Hassverbrechen seien objektive
Indikatoren des Opferwerdens, d. h. die Opferidentität, ausschlaggebend.
109
Aus
der Hassverbrechenforschung ist ebenfalls bekannt, dass geplante, orchestrierte
Aktionen nur ca. drei Prozent der Fälle
ausmachen. Als Charakteristikum und
Besonderheit der Hassverbrechen gelten »Schädigungen des symbolischen
Status, der Identität und des So-Seins der Opfer, die als Hasssymbole, Feinde,
entpersonalisierte ›gesichtslose‹ Hassobjekte verstanden werden«.
110
Aus diesem
106 Schmid/Storni, Konfliktkonstellationen, S. 17.
107 Vgl. Willems/Steigleder, Täter-Opfer-Konstellationen.
108 Willems/Steigleder, Jugendkonflikte oder hate crime?, S. 26.
109 Vgl. Schneider, Hass-Gewalt-Delinquenz, S. 37.
110 Ebd.
38
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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Grund definiert Mark S. Hamm die amerikanischen Skinheads als »Terrorist
Youth Subculture«.
111
In Deutschland finden strengere Terrorismuskriterien Anwendung. Nichts-
destotrotz ist der vorhandenen wissenschaftlichen Systematik der Hassverbre-
chen mehr Gehör
zu schenken, denn diese werden nicht nur aus Spaß an Gewalt
begangen. Die Hate-Crime-Forschung unterscheidet vier Tattypen: Sensations-
Hassverbrechen aus Freude am Zufügen
von Leid; Reaktions-Hassverbrechen
gegen »Eindringlinge«, die eine Nachbarschaft angeblich bedrohen; aus einem
»Sendungsbewusstsein« resultierende Missions-Hasstaten, mit denen die Welt
von einem »Übel«
zu befreien sei und Organisations-Hassverbrechen als Mis-
sions-Delikte, die von strukturierten Gruppierungen verübt werden.
112
Somit ist
es in der Gewaltforschung eher zielführend, die ideologisch motivierte Opfer-
struktur bzw. -auswahl hervorzuheben und zu analysieren, anstatt nach einem
geschlossenen politischen Weltbild der rechts motivierten Täter
zu suchen.
113
4.2.2. Mesoebene(n) der Gewalt
Mikro- wie makrosoziologische Hypothesen konnten in der Rechtsextremis-
musforschung empirisch nicht
überzeugend
bestätigt werden. Dirk Baier setzte
sich in einer Untersuchung abweichenden Verhaltens mit den verbreitetsten
Annahmen
114
für die Mikro-, Makro- und Mesoebene systematisch auseinander
und kam zu dem Schluss: »Die einzige These, die
über
alle Abweichungsindices
hinweg empirisch bestätigt werden kann, ist die Sozialisationsthese. […] Die
Assoziationsthese erhält bei drei der vier Abweichungsformen empirischen
Zuspruch.«
115
In einer weiteren Studie schlussfolgern Wissenschaftler, dass die
Indikatoren »Ausländerfeindlichkeit«, »niedrigschwelliges Verhalten« und
»Straftaten« durchschnittlich enger miteinander in Beziehung stünden als mit
der »Mitgliedschaftsquote«, »was als empirischer Beleg dafür gewertet werden
kann, diesen Indikator – also die Mitgliedschaft in einer rechten Gruppe oder
111 Vgl. Möller/Schuhmacher, Rechte Glatzen, S. 83 f.
112 Vgl. Schneider, Hass-Gewalt-Delinquenz, S. 37.
113 Die historischen Vorbilder, an denen sich die »politischen Soldaten« von heute orientieren,
wiesen spezifische ideologisch-politische Organisationsformen auf. Jene hatten mit ge-
schlossenen, gnosiologisch fundierten Weltbildern wenig zu tun – moralisch begründeter
Gewaltaktivismus zur Herstellung eines besonderen Modus Operandi und zur Rechtferti-
gung von Hass und Gewalt war das Ziel, welchem bspw. die NS-affinen Ideologiefragmente
bis heute dienen. So kann auch die »Gewaltästhetik« als sinnstiftendes Phänomen gelten.
114 Analysiert wurden die Anomiethese, die Konkurrenzthese, die Sozialisationsthese, die
Assoziationsthese und die Kontrolltheorie.
115 Baier, Abweichendes Verhalten, S. 391.
Forschungsstand
39
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Kameradschaft – bei der Bestimmung rechtsextremer Jugendlicher nicht ein-
zubeziehen«.
116
Dies ist insofern ein
überraschendes
Fazit, als der Anteil der Gruppenstraf-
taten zumindest im Bereich der rechten Konfrontationsgewalt stetig steigt.
Darüber
hinaus sind es die Mesomobilisierungsakteure einschließlich Kame-
radschaften, losen Gruppen und Cliquen, die neben den Interaktionseffekten
zwischen der funktionalen Qualität
des Familienlebens und der Delinquenz
einen nicht unbedeutenden Einfluss auf das Gewalthandeln ausüben. Denn sie
vermitteln bzw. zementieren und verstärken als Resonanzräume eine Pro-
blemdefinition und damit zusammenhängende, aus Sicht der Gruppen nahe-
liegende Reaktionen. Deutschland gilt demnach als ein verratenes Land, und die
Deutschen erscheinen als ein von inneren und
äußeren
Feinden bedrohtes Volk.
117
Daher ist
übrigens
die Frage durchaus berechtigt, »ob die ›subjektive Depriva-
tion‹ eine Erklärung für rechtsextreme Einstellungen oder nicht bereits ein
Ausdruck davon ist bzw. was hier die Ursache und was Wirkung ist«.
118
Eine
breite Feindbildpalette erhöht dabei den Pegel der Gewaltbereitschaft.
Es konnten bis jetzt auch deshalb keine
überzeugenden
Erklärungen der
Ursachen rechter Gewalt geliefert werden, weil man die Frage nach der Ursache
und Wirkung oft nur einseitig diskutierte. Es ist nicht unplausibel, subjektive
Deprivationserfahrungen eines Straftäters
als Gewaltursache zu erwägen.
Klammert man dabei die wie auch immer gearteten Ideologiefragmente als
motivationalen Bestandteil sowie die Rolle der kriminellen Karriere für
die
Deprivationserfahrung aus, ergibt sich eine direkt wirkende Last der Sozio-
biographie. Doch das tatsächliche
Zusammenspiel zwischen der Makro-, Meso-
und Mikroebene ist ohne Berücksichtigung des um die gewalttätige Subkultur
(Gewaltgruppen als Realität sui generis) gelegten »Gummizauns«
119
kaum zu
erklären.
116 Baier/Pfeiffer, Regionale Unterschiede, S. 140.
117 Vgl. Rommelspacher, »Der Hass hat uns geeint«, S. 125: »Geht man wie sie vom Prinzip der
›nationalen Präferenz‹ aus, fühlt man sich allein schon durch die Existenz von Nicht-
Deutschen bedroht und wittert
überall
die Gefahr, von den ›Fremden‹
übervorteilt
zu
werden.«
118 Ebd.
119 Vgl. Buschbom, Anlass oder Legitimation?, S. 323: »Der ›Gummizaun‹ – errichtet aus
subjektiven Evidenzen, Glaubensinhalten, Erzähltem
und den selbstauferlegten Verkehrs-
formen untereinander – isoliert ideologisierte Gruppen von den sozialen Realitäten au-
ßerhalb.
Dieses Außen wird meist als feindlich wahrgenommen. Ideologie ist das Ensemble
aus all dem, womit Individuen und Gruppen den ›Gummizaun‹ um sich herum schließen.
Radikalisierung ist demnach kein Phänomen von Wissensbeständen
über
ideologisierte
Inhalte, etwa umfangreiches Detailwissen
über
den historischen Nationalsozialismus. Ra-
dikalisierung muss vielmehr daran bemessen werden, in welchem Maße es dem Indivi-
duum (noch) gelingt, sozial wirksam zu sein. Denn je geringer das Verständnis für die
Verkehrsformen in der (erwachsenen) Umgebungsgesellschaft ausfällt, desto ohnmächtiger
40
Problemstellung
und
Forschungsansatz
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Unter dem Stichwort »sozial-kognitive Informationsverarbeitung« weisen
Friedrich Lösel und Thomas Bliesener
120
auf die Einflüsse der mentalen Selek-
tionsprozesse aggressiver Akteure auf die Wahrnehmung der Situation und das
daraus resultierende Handeln hin. Auch Ferdinand Sutterlüty
hebt die Bedeu-
tung der soziobiographisch bedingten gewaltaffinen Interpretationsregimes
deutlich hervor.
121
Somit lässt sich in der Tat behaupten, dass Gewalt in ge-
waltbereiten Subkulturen als ordnendes Prinzip und Deutungsmuster fun-
giert.
122
Mehr noch: Die Mesomobilisierungsakteure berücksichtigen die
schichtenspezifische Ausprägung der Gewalt. War der Linksextremismus in den
1970/80er Jahren durch die Merkmale »Jugendlichkeit und höhere Bildung«
123
geprägt, scheinen die rechten Gewalttäter vor allem unteren Schichten zu ent-
stammen.
4.3.
Mehrfach- und Intensivtäter als kriminalistisch-kriminologische
Kategorie
Mehrfachdelinquenz bzw. Mehrfachtäterschaft
stellt international wie auch in
Deutschland seit Jahrzehnten ein viel beachtetes kriminalistisches Phänomen
dar. Die Begriffe der Wiederholungs-, Rückfall- bzw. Berufs-, Karriere- oder
Hangtäter, die in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik durch den Terminus
des (jugendlichen) Mehrfach- und Intensivtäters konkretisiert wurden, um-
schreiben eine spezielle Gruppe der Täter bzw. Tatverdächtigen mit einer
überdurchschnittlich
hohen Deliktbelastung. Somit sind zwar die Begriffe
wird die ideologisierte Persönlichkeit ihr gegenübertreten. Es ist ein Teufelskreis: Ohn-
macht bestätigt, was die ideologisierte Persönlichkeit zu wissen glaubt; Ohnmacht befeuert
Opfernarrative, Feindbilder und Gewaltmythen. Die Bedeutung von Gruppe und Gewalt zur
Herstellung von Wirksamkeit und Mächtigkeit steigt, der ideologische Narrativ wird zu-
sehends konstitutiv zur Herstellung von Sinn, und die ideologisierten Wahrheiten liefern
die
Äquivalente
des Umgangs und die Interpretationsregimes, d. h. die Antriebe und An-
lässe ideologisierter Gewalt.«
120 Vgl. Lösel/Bliesener, Aggression und Delinquenz, S. 23 f: »Im Unterschied zu Vergleichs-
gruppen weisen diese spezifische Muster auf: 1) Wahrnehmung der Situation: selektive
Aufmerksamkeit für feindselige/aggressive Hinweisreize; 2) Mentale Repräsentationen und
Interpretation der Situation: Defizite beim Erkennen der Motive anderer, Unterstellen
aggressiver Absichten bei mehrdeutigen Situationen; 3) Zielfestlegung: egozentrische und
antisoziale Ziele; 4) Reaktionssuche: körperliche und verbale Aggression, Impulsivität und
mangelhafte Vielfältigkeit; 5) Handlungsauswahl und -bewertung: kurzfristige Abschät-
zung der Handlungsfolgen, positive (Selbstwirksamkeits-)Erwartung mit Blick auf ag-
gressive Reaktionen, positive moralische Bewertung der Aggression.«
121 Vgl. Sutterlüty, Gewaltkarrieren.
122 Vgl. Henning, »Wert habe ich nur als Kämpfer«, S. 91.
123 Vgl. Backes/Jesse, Politischer Extremismus, S. 371. Mit dem Aufkommen neuer Organi-
sationsformen in den 2000er Jahren scheint dieser Trend abgeklungen zu sein.
Forschungsstand
41
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»Mehrfach-« und »Intensivtäter« (MIT) verhältnismäßig neu, aber nicht die mit
ihnen erfassten Inhalte. Die Einführung der polizeilichen Definitionskriterien
für die Mehrfachauffälligkeit machte ein bis dahin eher abstraktes kriminalis-
tisches Phänomen greifbar und seine statistische Darstellung in Form der Kri-
minalitätsfrequenzen möglich.
124
So konnte polizeilich eine quantitativ eher
kleine Gruppe identifiziert werden, die einen Großteil der Straftaten begeht (im
Durchschnitt liegt das Verhältnis bei 3 bis 5 zu 40 bis 50 Prozent) und im Sinne
der Kriminalitätsprognose und -prävention von herausragender Bedeutung für
die Kontrollinstanzen, Strafverfolgungsbehörden sowie kriminalpolitischen
Strategien ist. Damit ging die Etablierung einer in der akademischen Forschung
bereits reflektierten Analysemethode einher, in die Ansätze
der (polizeilichen)
Prognose- wie Präventionsforschung einflossen. Ausgewertet wurden nun nicht
nur Entwicklungen der Kriminalitätsbelastung, sondern auch Besonderheiten
der ermittelten Gruppe sowie Kontinuitäten und (etwas später) Diskontinuitäten
in der Begehung der Straftaten zusammen mit altersabhängigen Verläufen und
Interdependenzen der Kriminalität. Denn für die relevanten Fragen der Pro-
gnose und Prävention waren Klassifizierungen nach rein formalen Kriterien
nicht mehr ausreichend. Vielmehr wurde zugleich »nach konkreten Faktoren in
der Lebensgeschichte des Individuums gefragt, durch die ein bestimmter De-
linquenzverlauf beeinflusst wird«.
125
Sozialdaten dien(t)en im entwicklungsdy-
namischen Ansatz als Projektionsfläche für die Delinquenzverläufe, wobei ihr
Vergleich die Bedeutung der kriminellen Abweichung im Lebenslängsschnitt
bzw. Lebenslauf sichtbar machen soll(te).
126
124 Vgl. Bartz, Die besondere polizeiliche Erfassung, S. 221 f.
125 Göppinger, Kriminologie, S. 201.
126 Vgl. zur Geschichte des Ansatzes: Mehrfach- und Intensivtäter, S. 48; Göppinger, Krimi-
nologie, S. 202. Das bindungstheoretische Erklärungsmodell konnte von Wolfgang Stelly
und Jürgen Thomas in einer empirischen Analyse der »Tübinger Jungtäter-Vergleichsun-
tersuchung« aus den 1960er Jahren (TJVU) bestätigt werden. Zugleich vertiefte die Analyse
»Kriminalität im Lebenslauf« (2005) das Verständnis des Phänomens der Mehrfachauf-
fälligkeit. Die TJVU selbst stellte einen der ersten Versuche in Deutschland dar, Täter in
ihren sozialen Bezügen im Längsschnitts- und Querschnittsvergleich zu analysieren
(Göppinger, Der Täter). Das »Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales
Strafrecht« führt die »Freiburger Kohortenstudie zur Entwicklung polizeilich registrierter
Kriminalität und strafrechtlicher Sanktionierung« durch, die sich mit einer Vielzahl der
bisher in der Grundlagenforschung diskutierten Fragen auseinandersetzt (vgl.
http://www.
mpicc.de/ww/de/pub/forschung/forschungsarbeit/kriminologie/kohortenstudie.htm;
13. 2.
2014). Langzeitanalysen wiederholter strafrechtlicher Auffälligkeiten förderten Erkennt-
nisse zutage, die für die Kriminalpraxis weitreichende Konsequenzen besitzen sowie für die
vorliegende Studie von besonderer Relevanz sind. Vgl. Stelly/Thomas, Entwicklungsver-
läufe, S. 19. Die Kontinuität von kriminellem Verhalten fand ihren Niederschlag in den
Begrifflichkeiten des Karriere- bzw. Intensivtäters. Die zweite Gruppe wurde in der späteren
kriminologischen Forschung als »Mehrfachtäter« bezeichnet. Eine Evaluation des »Office
of the Legislative Auditor« ergab 2001, dass fünf Prozent der »chronic offenders« für
42
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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4.3.1. Zum Begriff des Mehrfach- und Intensivtäters in Deutschland
Auch nach 30 Jahren polizeilicher Beschäftigung mit dem MIT-Phänomen liegt
in Deutschland keine einheitliche Definition beider Kategorien vor. Der Hinweis
auf die Vagheit der Begrifflichkeiten gehört
inzwischen zum Gemeinplatz kri-
minologischer Forschung. Bereits die Auswertung des Bundeskriminalamtes
»Intensivtäter.
Eine
Übersicht
zu aktuellen Entwicklungen« aus dem Jahr 1999
zeigt die Vielfalt der polizeilichen Bestimmungen auf Bundes- wie Landesebene,
weshalb weder Vergleichbarkeit noch generalisierende Aussagen
über
das MIT-
Problem in Deutschland möglich seien.
127
In der Tat kommt es zur synonymen
Verwendung verschiedener Begriffe, die selbst wiederum vieldeutig sind.
128
Zugleich liegen unterschiedliche Kriterien der Polizeibehörden vor, nach denen
die Spezifik der Tätergruppen und Regelmäßigkeiten in der Begehung der
Straftaten erfasst werden.
129
Nichtsdestotrotz ist der begriffliche Kern der Kategorien klar umrissen. Nach
einer von der Projektgruppe der Länder und des Bundes erarbeiteten Definition
aus dem Jahr 2003 sind MIT Personen, 1) »die eine besondere kriminelle Energie
oder erhöhte
Gewaltbereitschaft gezeigt haben«, 2) »die in der Regel wiederholt –
insbesondere in der Massen- und/oder Straßenkriminalität – in Erscheinung
getreten sind« und 3) »bei denen eine Negativprognose insbesondere aufgrund
offensichtlicher Wirkungslosigkeit bisheriger Erziehungs-, Straf- und Resozia-
lisierungsmaßnahmen
oder aus anderen Gründen gegeben ist«.
130
Der ergeb-
nisoffene Ansatz der Arbeitsgruppe ist insofern von Vorteil, als das nicht zu eng
geschnürte
definitorische Korsett es ermöglicht, Daten vorurteilsfrei sowohl im
Hinblick auf die Altersstruktur der Täter als auch auf die Zahl der Delikte zu
erheben. Angesichts der Tatsache, dass die Kriminalitätsbelastung in verschie-
denen Phänomenbereichen in unterschiedlichen Ländern divergiert, wobei die
37,5 Prozent aller Straftaten verantwortlich waren (Hessisches Landeskriminalamt (Hg.),
Mehrfach- und Intensivtäter, S. 49). Moffit arbeitete heraus, dass im Gegensatz zu den
adoleszenzbedingten Straftätern (»adolescence-limited antisocial behavior«) »life-course-
persistent-offenders« etwa sechs Prozent der Kohorte ausmachen. Während bei der ersten
Gruppe vor allem anomietheoretische Erklärungen greifen würden, führte Moffit die De-
linquenz der zweiten Tätergruppe auf kognitive, emotionale und psychische Defizite zu-
rück, die durch das familiäre Umfeld bedingt und verstärkt werden. Neuere Kriminali-
tätsverlaufsanalysen identifizieren nach den Kriterien der Häufigkeit der Straftatenbege-
hung vier Gruppen, wobei »Low-Level-Offenders« 30 Prozent der Straftäter ausmachen,
während »Persistent High-Level Offenders« sieben Prozent betragen (vgl. Göppinger,
Kriminologie; Stelly/Thomas, Entwicklungsverläufe jugendlicher Mehrfachtäter).
127 Vgl. Wiebke, Mehrfach- und Intensivtäter, S. 153 f.
128 Vgl. Roth, Intensivtäter, S. 318.
129 Vgl. Meier, Junge Mehrfach- und Intensivtäter; Wolke, Jugendliche Mehrfach- und Inten-
sivtäter; Sonka/Riesner, Junge »Mehrfach- und Intensivtäter«; Krüger, Jugendliche Viel-
fachtäter.
130 Bericht der Gemeinsamen Projektgruppe der UA FEK, S. 6.
Forschungsstand
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Polizei auf jeweilige Entwicklungen flexibel reagieren muss, erscheint die Defi-
nitionsvielfalt auf der Landesebene nicht zwangsläufig nachteilig.
131
Es bestand
eben das »besondere Interesse an einer Flexibilität der Erfassung«, das den
»ursprünglichen Wunsch nach einer aussagekräftigen und klar umgrenzten
kriminologischen Einteilung in den Hintergrund [drängte]«.
132
Darüber hinaus
kann der Auswahlprozess der einschlägigen Merkmale mit einem Trichtermo-
dell beschrieben werden: von der allgemeinen Definition der (Fach-)Öffent-
lichkeit (einschließlich medialer Konstruktionen)
über
politisch-konzeptionelle
Vorgaben und kriminalpolitische Konzeptionen bis hin zu Auswahlkriterien der
bearbeitenden Behörden.
133
Unterschiedliche Zählweisen und Erfassungsmo-
dalitäten sind somit nicht nur mit rein statistischen Spezifika zu erklären.
Während in einigen Bundesländern nach wie vor keine verbindlichen Defini-
tionen vorliegen, haben die Behörden anderer Länder die jeweiligen Kriterien
unterschiedlich verwendet.
Der Begriff »Intensivtäter«
(IT) wurde in einer statistischen Sonderauswer-
tung zur Jugendkriminalität des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen
(LKA NRW) 1974 in den deutschen Sprachgebrauch eingeführt. Als jugendliche
Intensivtäter galten demnach Personen zwischen 14 und 17 Jahren, die in einem
Berichtsjahr mindestens zweimal in Erscheinung getreten waren und mehr als
fünf
Straftaten begangen hatten.
134
1985 stellte die Behörde die »Intensivtäter-
untersuchungen« ein, unter anderem weil die Datenerhebung aufgrund der rein
quantitativen Kriterien ohne Gewichtung des Schweregrades der Straftaten in
die Kritik geraten war.
135
Eine 2005 abgeschlossene Studie der Kriminalistisch-
Kriminologischen Forschungsstelle des LKA NRW zu jungen
Mehrfachtatver-
dächtigen
nahm die quantitative Definition (mindestens fünf Straftaten wäh-
rend eines Kalenderjahres) wieder auf.
136
Das Landeskriminalamt Hamburg
übernahm
in seiner Auswertung der
Mehrfachtäter (1979) die IT-Definition des LKA NRW, wobei die analysierten
Straftaten unter anderem in verschiedene Deliktsgruppen wie Straßen-, Gewalt-
und Rauschmittelkriminalität unterteilt wurden.
137
Im weiteren Verlauf kristal-
lisierte sich jedoch eine andere Gruppe als Schwerpunkt des polizeilichen
Handelns in Hamburg heraus. So führte
das LKA Hamburg Anfang der 1980er
Jahre den Begriff des Vielfachtäters ein, dessen Definition im Gegensatz zu
früheren Bestimmungen auch ein qualitatives Kriterium (eine Tat mit einer
131 Vgl. Sonka/Riesner, Junge »Mehrfach- und Intensivtäter«, S. 120.
132 Bartz, Die besondere polizeiliche Erfassung, S. 226.
133 Vgl. Sonka/Riesner, Junge »Mehrfach- und Intensivtäter«, S. 120.
134 Vgl. Bartz, Die besondere polizeiliche Erfassung, S. 12.
135 Vgl. ebd., S. 47.
136 Mehrfach- und Intensivtäter (I), S. 58.
137 Vgl. Bartz, Die besondere polizeiliche Erfassung, S. 58.
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Problemstellung
und
Forschungsansatz
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Mindeststrafandrohung von drei Monaten Freiheitsentzug) enthielt, das Ge-
wichtungen der Schweregrade der Kriminalität ermöglichte.
In einer Vielzahl der Bundesländer stellt die qualitative Dimension (Delikt-
schwere, hohe kriminelle Energie und/oder negative Kriminalitätsprognose) ein
zentrales Unterscheidungskriterium dar. Auch in der Kriminologie werden als
Intensivtäter
»diejenigen Mehrheitsdelinquenten bezeichnet, die aufgrund der
Art, Schwere und Häufigkeit ihrer Delikte eine gegenüber Gelegenheitstätern
gesteigerte Sozialgefährlichkeit aufweisen«.
138
Demgegenüber kann die Polizei-
liche Kriminalstatistik (PKS) des Bundes lediglich die Anzahl der Mehrfach-
tatverdächtigen
ausweisen, d. h. jene Tatverdächtige, die mindestens zweimal
während eines Berichtsjahres polizeilich erfasst wurden.
139
Daher sei der Begriff
»nicht mit dem zum Teil auf Landesebene benutzten Begriff des Intensivtäters
gleichzusetzen«.
140
Der Grund für diesen »weißen Fleck« der Kriminalitätssta-
tistik besteht in den oben beschriebenen Abweichungen der Definitionen auf der
Landes- sowie im Fehlen einer allgemeinen Definition auf der Bundesebene.
Relevant für
kriminologische Gewaltanalysen erscheint die vom LKA Ham-
burg 2000 eingeführte Kategorie »Intensivtäter-Gewalt«, die sich in abgewan-
delter Form auch auf den PMK-Bereich extrapolieren lässt. Zwar wurden die
polizeilichen, zum Teil »publizistisch geprägten«
141
Auswahlkriterien durch
öffentliche
Diskussionen
über
(jugendliche) Gewaltstraftäter in den 1990er
Jahren maßgeblich beeinflusst, weshalb sie als nicht ganz abgrenzungssicher
gelten. Dennoch trägt die Schwerpunktsetzung auf Rohheitsdelikte den krimi-
nologischen Erkenntnissen mit Blick auf die Intensivtäterschaft Rechnung.
Unter die Kategorie »Intensivtäter-Gewalt« fallen jene Tatverdächtigen, die in
einem Berichtszeitraum (zwölf Monate) wiederholt an Delikten mit brutaler
Tatausführung wie Raub oder schwerer Diebstahl beteiligt waren.
»Sind Personen bei einem unter Gewaltanwendung begangenen Delikt durch eine
besonders rohe, menschenverachtende Tatbegehung (z. B. Quälen, Foltern des Opfers,
Ausleben der Macht zur Gewaltanwendung gegenüber dem Opfer) auffällig geworden
und es ist aufgrund der negativen Gefährlichkeitsprognose (Tatumstände, andere
hinreichende Anhaltspunkte, Lebensumstände, soziales Umfeld) zu erwarten, dass sie
bei Begehung weiterer derartiger Straftaten erneut in gleicher Weise vorgehen werden,
können sie im Einzelfall bereits nach
erster
Tatbegehung als Intensivtäter-Gewalt er-
fasst und ausgeschrieben werden.«
142
138 Meier, Junge »Mehrfach- und Intensivtäter«, S. 423.
139 Vgl. Polizeiliche Kriminalstatistik, S. 47.
140 Vgl. ebd.
141 Vgl. Bartz, Die besondere polizeiliche Erfassung, S. 73.
142 Zit. nach: ebd., S. 71.
Forschungsstand
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Zieht man in Betracht, dass die rechts motivierte Gewalt in vielen Fällen durch
menschenverachtende Ideologeme legitimiert und durch gruppendynamische,
nicht selten durch Alkoholmissbrauch enthemmte Aufschaukelungsprozesse
(Eskalation) begleitet wird, die es bei einer
öfters
brutalen, mitunter lebensbe-
drohlichen Tatbegehung eher dem Schicksal
überlassen,
welche Schäden das
jeweilige Opfer davonträgt, erscheint die Anwendung des Begriffes »Intensiv-
täter(-Gewalt)« bzw. »Gewaltintensivtäter« im oben beschriebenen Sinn be-
rechtigt. Zudem kommt der Topos der »Machtauslebung« bzw. »Machtausübung
durch Gewalt« immer wieder in Täterinterviews vor. Daher legt diese Studie ein
besonderes Augenmerk auf lebensbedrohliche Tatausführung. Die Kriminologie
definiert Gewaltintensivtäter demgegenüber eher nüchtern als Wiederho-
lungstäter, die – auch in Tätergemeinschaften Skinheads, Rocker, Hooligans –
dauerhaft Gewaltstraftaten begehen.
143
In der deutschen Kriminologie wurde der Begriff des (gefährlichen) Inten-
sivtäters 1977 von Hans Joachim Schneider eingeführt.
144
Ein knappes Jahrzehnt
später wurden die Begriffe »Mehrfach-« und »Intensivtäter« in einer wissen-
schaftlichen Veröffentlichung des Kriminologen Hans-Jürgen Kerner aufge-
griffen, in der sich der Autor vor allem mit polizeilicher Erfassung und Krimi-
nalitätsstatistik
sowie mit der Strukturierung strafbaren Verhaltens im Quer-
schnitt auseinandersetzte.
145
Kerner wirkte auch an einer 2010 erschienenen
Studie des Hessischen Landeskriminalamtes mit, in der das in Hessen 2002
eingeführte,
quantitativ ausgerichtete MIT-Konzept auf einer breiten Datenbasis
Anwendung findet. Die Auswertung arbeitete relevante Zusammenhänge, Fak-
toren und Muster der Straftaten sowie verschiedene MIT-Typen heraus und gilt
zu Recht als »State of the Art« in der polizeilichen MIT-Forschung. Im PMK-
Bereich sind Mehrfachtäteruntersuchungen
dagegen Mangelware.
4.3.2. Forschungen über Mehrfach- und Intensivtäter in Sachsen
Ende der 1990er Jahre entstand in Sachsen eine intensive kriminalistisch-kri-
minologische Forschung,
146
die sich anschließend auch kriminalpolitisch aus-
richtete.
147
So werteten Rolf Kreher und Ulrich Schmiedl in einer Untersuchung
des LKA zu mehrfach in Erscheinung getretenen Tatverdächtigen die Datensätze
des Polizeilichen Auskunftssystems (PASS) mit Blick auf das »Einstiegsalter«,
das Zeitintervall der begangenen Delikte sowie ihre strafrechtliche Relevanz aus.
143 Vgl. Danwitz, Examens-Repetitorium, S. 191.
144 Vgl. Schneider, Berufsverbrecher.
145 Vgl. Kerner, Mehrfachtäter.
146 Vgl. Mehrfachtatverdächtige [I]; Mehrfachtatverdächtige [II]; Mehrfachtatverdächtige
[III]; Top Ten; Mehrfachtatverdächtige [IV].
147 Vgl. Kopp, Die Genese des Begriffs, S. 268.
46
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Darüber hinaus traf die Studie Aussagen »zu Tatverdächtigen im Rahmen einer
Zufallsstichprobe anhand von Kriminalakten«.
148
Auch die Erkenntnisse des
LKA Sachsen stützten die These, dass die Kriminalität in »hohem Maße von
Mehrfachtatverdächtigen geprägt [wird]«: 30 Prozent der ermittelten Tatver-
dächtigen mit zwei und mehr Delikten »begingen insgesamt etwa zwei Drittel
der aufgeklärten Kriminalität des Freistaates«, wobei drei Prozent aller Tatver-
dächtigen besonders hohe kriminelle Energie aufwiesen.
149
Hinsichtlich der
Kriminalitätsverläufe der MT treffen die Autoren eine weitreichende Aussage.
Demnach sei die Tendenz »der fortschreitenden Verringerung des Abstandes
zwischen den einzelnen Delikten […] bei etwa 40 Prozent« der untersuchten
Personen feststellbar.
150
Darüber hinaus tendieren MT im Gegensatz zu Ersttä-
tern dazu, Straftaten an ihren Wohnorten zu begehen.
151
Wolfgang Melzer und Diana Jakob untersuchten daraufhin im Auftrag des
Sächsischen Staatsministeriums des Innern in einer qualitativen Studie die auf
Grundlage der LKA-Datensätze identifizierten Personen, um ihre soziobiogra-
phischen Hintergründe, Gewaltkontexte, Drogen- bzw. Alkoholbelastungen
sowie Beziehungen zu Gleichaltrigengruppen zu eruieren.
152
Wiederkehrende
»eindeutige und gesetzmäßige Zusammenhänge« zwischen Delinquenzent-
wicklung und familiärem Hintergrund vermochte die Studie nicht festzustellen.
Die Gewalt in der Familie und ihr Einfluss im Sinne des Modelllernens waren
demgegenüber
stark ausgeprägt.
153
Im Bereich der sekundären Sozialisation
waren ebenfalls »weitreichende
Übereinstimmungen«
feststellbar: »Besonders
auffällig sind die diskontinuierlichen Schulbiographien und die formal niedri-
gen Schulabschlüsse.«
154
Als besondere Risikofaktoren identifizierten die Au-
toren frühzeitigen massiven Alkohol- und/oder Drogenkonsum, wodurch ab-
weichende Karrieren beschleunigt und die bestehenden Desintegrationserfah-
rungen verstärkt
würden: »Es kommt vermehrt zu Problemen mit Eltern und der
Schule, Beziehungskonflikten und auch zur Begehung von Straftaten.«
155
Im
Hinblick auf den Forschungsgegenstand dieser Studie ist die Untersuchung von
Melzer und Jakob allerdings nicht weiterführend,
denn die Zuordnung der
Probanden zur rechten Szene stellte die Autoren vor größere Schwierigkeiten,
wodurch die meisten Befragten der (linken) »Punkszene« angehörten.
148 Kreher/Schmiedl, Mehrfachtatverdächtige, S. 11.
149 Vgl. ebd., S. 59.
150 Ebd., S. 60.
151 Vgl. ebd.
152 Vgl. Melzer/Jakob, Delinquenz und Sozialisation.
153 Vgl. ebd., S. 96.
154 Ebd.
155 Ebd., S. 97.
Forschungsstand
47
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
In einer Auswertung von Gerichtsurteilen mit dem Titel »Top Ten der Ge-
waltkriminalität: Jugendliche und Heranwachsende« ging das LKA Sachsen
folgenden Fragen nach: Wie sehen die Lebenswege der Tatverdächtigen aus?
Welche sozialen Auffälligkeiten gehen mit der Entwicklung einher? Welche In-
terventionsmöglichkeiten bieten sich an?
156
Es ließ sich wiederholt bestätigen,
dass ein »kleiner Teil von Personen eine Vielzahl von Straftaten [begeht]«.
157
Zu
den soziobiographischen Auffälligkeiten zählt das LKA unter anderem: den
männlichen »Charakter« der Gewalt, das auffallend niedrige Bildungsniveau der
Probanden, die Dominanz einfacher bzw. handwerklicher Berufe der Täter
sowie gestörte formale und/oder funktionale Familienbeziehungen.
158
»Von den
insgesamt 177 Probanden sind zu 138 Probanden soziale Auffälligkeiten in den
Urteilen beschrieben.«
159
Mit Blick auf die untersuchten Gewaltstraftaten för-
derten die Urheber weitreichende Erkenntnisse zutage. So wurden 80,2 Prozent
der Straftaten aus der Gruppe heraus,
160
wahllos und meistens gegen Einzelne
verübt, wobei mehr als jeder Fünfte zur Begehung der Straftaten eine Waffe
benutzte. Mehr als ein Drittel griff auf Hilfsmittel zurück (Springerstiefel, Latten
u. a.). Annähernd die Hälfte der Straftäter stand während der Tatbegehung unter
Alkohol- oder Drogeneinfluss. Bezüglich der Rolle der Gewalt in sozialen In-
teraktionen merkt die Studie an, dass die allgemein verinnerlichte Ausübung der
Gewalt als Mittel der Konfliktbewältigung »zum alltäglichen Erleben des Pro-
banden« gehöre und »absolut nichts Besonderes mehr« darstelle. Neben der
intrinsischen Motivation der Gewalt thematisierte die Auswertung die Domi-
nanz der gewaltaffinen Interpretationsregimes mit entsprechenden Frames und
Skripten einer Situationsdeutung, in der die gewalttätige
Lösung eines Konflikts
als naheliegend erscheint. Die Autoren interpretieren dies allerdings als fehlende
»Fähigkeit
der Selbstreflexion«: »Die Probanden […] erkennen die Bedingungen
und Zusammenhänge ihrer sozialen Umwelt nicht oder nur unzureichend.«
161
Die Anmerkung ist insofern treffend, als die – womöglich von der Familie in die
jugendliche Lebenswelt transferierten – gewaltaffinen Interpretationsregime
und in Gewaltgruppen entstandenen Gewaltmythologien
162
die außerhalb der
156 Vgl. Top Ten, S. 2.
157 Vgl. ebd.
158 Vgl. ebd., S. 3.
159 Ebd., S. 23.
160 Vgl. ebd., S. 26: »Hier findet sich auch eine weitere Bestätigung
dafür, dass der Großteil der
Probanden aus den Familien gelöst und eng in peer groups eingebunden ist, denen sozi-
alabweichende Verhaltensformen immanent sind.«
161 Ebd., S. 28.
162 Sutterlüty (Gewaltkarrieren, S. 251) beschreibt »Gewaltmythologien« als Herausbildung
von »gewaltverherrlichenden Wertbindungen, die auf
überhöhten
Erwartungen der Ju-
gendlichen an die Wirkung der Gewalt beruhen und in denen sich ihre auf Kämpferideale
gestützten Selbstbilder artikulieren«.
48
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
gewalttätigen Subkulturen geltenden sozialen Interaktionsregeln außer Kraft
setzen.
163
Die durch die kriminalistisch-kriminologischen Forschungen gesicherten
Erkenntnisse
über
wachsende Relevanz der (jugendlichen) Intensivtäter ver-
anlassten die zuständigen Institutionen zu kriminalpolitischen Reaktionen. So
erschien am 1. Dezember 2006 eine »Gemeinsame Verwaltungsvorschrift des
Sächsischen
Staatsministeriums des Innern, der Justiz und für Soziales
über
die
Arbeit mit jungen Intensivtätern im Freistaat Sachsen (VwV Junge Intensivtäter
– VwV JunI)«,
164
deren Ziel es ist, »Strafverfahren gegen minderjährige Inten-
sivtäter (JunI), bei denen eine Verfestigung krimineller Verhaltensweisen bereits
sichtbar geworden ist oder befürchtet werden muss«, zu optimieren.
165
Die Ergebnisse einer vom Bundeskriminalamt in Auftrag gegebenen Studie
»NPD-Wahlmobilisierung und politisch motivierte Gewalt. Sachsen und
Nordrhein-Westfalen im kontrastiven Vergleich«,
166
der zufolge sich PMK-rechts
auf bestimmte Schwerpunktregionen konzentrieren und in diesen Regionen
gehäufter
Gewalttätigkeit Gruppen unter dem Einfluss ideologisierter MT eine
dominante Rolle spielen,
167
veranlassten das Sächsische Innenministerium, das
LKA mit einer internen Auswertung dieser Tätergruppe unter Einbeziehung der
Erkenntnisse des Landesamtes für Verfassungsschutz zu beauftragen.
168
Im
Berichtszeitraum konnten 96 MT-rechts (davon zwei weiblich) identifiziert
werden, wobei »der Anteil der Mehrfach-Gewalttäter
an den aufgeklärten Ge-
waltstraftaten in den letzten drei Jahren stetig gestiegen ist«. Aus der Anzahl der
Registrierungen sei ersichtlich, dass es in der PMK nur einige wenige »Inten-
sivgewalttäter«
(fünf oder mehr Taten) gebe.
169
Die Zahl der durch den Perso-
nenkreis der 96 MT begangenen Straftaten belief sich dabei auf 71 (ein Drittel
des Gesamtaufkommens). »Der Hauptteil der Gewalt wurde also
nicht
durch die
untersuchte Personengruppe ausgeübt«,
schlussfolgert der Bericht. Allerdings
163 Zur Rolle jener Gewaltmythen, die sich als »Gummizaun« um die subkulturellen Gewalt-
gruppen und ideologisierten Täter legen, vgl. Buschbom, Anlass oder Legitimation?
164 Zit. nach: Schwind, Intensivtäter, S. 58. Als JunI gelten »Tatverdächtige, die das 18. Le-
bensjahr noch nicht vollendet haben, die mindestens fünfmal wegen einer Straftat oder
mindestens zweimal wegen eines Deliktes der Gewaltkriminalität in Erscheinung getreten
sind, bei denen mindestens eine Straftat innerhalb der letzten 12 Monate registriert wurde
und die ihren Wohn- oder Aufenthaltsort im Freistaat Sachsen haben. […] Darüber hinaus
[soll] in jedem Fall die Tatschwere und Fallintensität bei der Auswahl (des JunI) berück-
sichtigt werden.«
165 Ebd., vgl. auch: »Die bereits auffälligen JunI sollen durch vernetztes Handeln aller an
diesem Prozess Verantwortung tragenden Ressorts, Institutionen und Behörden vor einer
Fortsetzung ihrer kriminellen Karriere bewahrt werden.«
166 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung.
167 Hier und im Folgenden: Projekt.
168 Vgl. Mehrfachtäter [II].
169 Vgl. ebd., S. 6.
Forschungsstand
49
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
 
wurde im Jahr 2009 knapp die Hälfte der aufgeklärten Straftaten durch/unter
Beteiligung von MT begangen. Weitere Erkenntnisse werden vom LKA als »nicht
wesentlich neu« eingestuft:
– Die MT machen lediglich ca. fünf
Prozent aller Gewalttäter aus.
– Relevanter Personenkreis seien Erwachsene.
– Es gebe beinahe zu allen MT Erkenntnisse im Bereich der Allgemeinkrimi-
nalität;
»75 % haben dort (auch) Gewaltdelikte begangen«.
– »Reine« PMK-Gewalttäter seien in der Minderzahl.
– Mit Ausnahme von »Sturm 34« und »SSS« ließen sich aus dem Straftaten-
aufkommen keine strukturellen Verbindungen der MIT erkennen, obgleich
den sicherheitsbehördlichen
Erkenntnissen zufolge 64 Prozent der MT
strukturelle Anbindungen aufweisen.
– »Die personenbezogene Analyse bringt keine grundlegend neuen Erkennt-
nisse, weder
über
die Mehrfachtäter selber noch [über] eventuelle Verbin-
dungen.«
Es ist somit ersichtlich, dass eine beträchtliche Zahl kriminalistischer wie kri-
minologischer Forschungen
über
die spezifische Gruppe der MIT vorliegt, die
die notwendigen Erkenntnisse für vertiefende Untersuchungen als Vergleichs-
werte bereithalten. Im Bereich der politisch motivierten Gewaltkriminalität
erscheint der Forschungsbedarf allerdings nach wie vor groß.
5.
Fazit
Obwohl die deutsche Rechtsextremismusforschung auf eine lange Tradition
zurückblickt, muss an dieser Stelle festgehalten werden: Analysen der rechten
Gewalt betrieben
überwiegend
Ursachenforschung und erklärten »schlechte
Ereignisse« oft mit »sozialpathologischen« Faktoren. Darüber hinaus zeigten sie
wenig Neigung, zwischen verschiedenen Erscheinungsformen »der« Gewalt
(fremdenfeindliche, Konfrontationsgewalt u. a.) zu differenzieren. Dies lag unter
anderem darin begründet,
dass die »mikroskopische«, dichte Beschreibung des
Gewaltgeschehens als Konfiguration von Täter, Opfer und Dritte(n) sowie die
Auseinandersetzung mit der intrinsischen Motivation der Gewaltanwendung
nur in wenigen Fällen
erfolg(t)en.
170
Viele deutsche Gewaltstudien waren und
sind zudem in erster Linie Täteranalysen.
171
Indem sie die Eskalationsdynami-
ken stiefmütterlich behandel(te)n, blende(te)n sie relevante Konfliktkonstella-
170 Vgl. Sutterlüty, Gewaltkarrieren.
171 Frindte/Neumann (»Fremdenfeindliche Gewalttäter«) und Wahl (»Skinheads, Neonazis,
Mitläufer«) gehen allerdings auf die Täter-Opfer-Konstellationen sowie Tatsituationen ein.
50
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
tionen im oben beschriebenen Sinne aus. Umso erstaunlicher erscheint vor
diesem Hintergrund die These, rechte Gewalt sei Ausdruck der Rivalitäten, die
zwischen Jugendgruppen ausgetragen werden. Auf der anderen Seite sind auch
Ergebnisse jener Untersuchungen vergleichend heranzuziehen, denen zufolge
im Bereich der fremdenfeindlichen Gewalt größtenteils
asymmetrische Kon-
stellationen zwischen Tätern und Opfern vorzufinden seien.
172
Gilt der Befund
auch für andere Themenfelder?
Einzelne Faktoren bzw. Ursachen der rechten Gewalt wurden im
ätiologi-
schen Paradigma nicht selten monokausal bewertet, wobei
Äquifinalität
(un-
terschiedliche Ausgangsbedingungen führen zur gleichen Entwicklung) und
Multifinalität (gleiche Risikokonstellationen haben unterschiedliche Folgen)
selten Berücksichtigung fanden.
173
Kennzeichnend ist in diesem Zusammen-
hang, dass die Ursachenforschung keine Antwort auf die Frage zu finden ver-
mochte, warum »normale« Adoleszenzkonflikte »abweichende« Lösungen
nach
sich ziehen.
174
Die Bedeutung der subkulturellen Vergemeinschaftung
175
sowie
Gruppen-
176
und Gewaltdynamiken im Zusammenhang mit situativen Einflüs-
sen wurden im
ätiologischen
Paradigma ebenfalls nur selten detailliert erforscht.
Dies gilt auch für Multiproblemmilieus, obwohl die Transmissionswirkung der
Risikofaktoren einen
äußerst
voraussetzungsvollen Prozess darstellt.
177
172 Vgl. Willems/Steigleder, Täter-Opfer-Konstellationen.
173 Vgl. Lösel/Bliesener, Aggression und Delinquenz, S. 30 f.
174 Vgl. Hennig, Neonazistische Militanz, S. 121.
175 Willems u. a. (Fremdenfeindliche Gewalt, S. 253) betonten, dass nicht die Individualisie-
rung der entscheidende soziostrukturelle Faktor für fremdenfeindliche Gewalt sei, sondern
»die Existenz eines ausdifferenzierten Systems jugendlicher Gruppen und Subkulturen, in
denen sich Gewaltbereitschaften und Gewaltmotive immer neu erzeugen und verstärken«.
176 Vgl. Möller/Schuhmacher, Rechte Glatzen.
177 Vgl. Riesner/Jarausch/Schmitz/Bliesener, Die biografische Entwicklung, S. 13: »Neben
kausal wirksamen Risikofaktoren
existieren sogenannte
Risikomarker,
welche zwar ge-
meinsam oder zeitlich vor einem Problemverhalten auftreten, jedoch für dieses selbst nicht
ursächlich sind (korrelativer Zusammenhang). Von kausal wirksamen Risikofaktoren da-
gegen geht ein direkter risikoerhöhender Effekt aus. Bei genauerer Betrachtung lässt sich
die Entfernung eines Risikofaktors in der Kausalkette auf einem Kontinuum beschreiben.
Distale Risikofaktoren zeigen eher schwache direkte Zusammenhänge mit dem Problem-
verhalten, sie können jedoch
über
Drittvariablen das Individuum in seiner Entwicklung
beeinträchtigen. So kann beispielsweise familiäre Armut dazu führen, dass die Umwelt, in
welcher ein Kind aufwächst,
über
wenig entwicklungsanregende Aspekte verfügt (z. B.
bestimmte Spielsachen, Ausflüge, Musikunterricht). Proximale Risikofaktoren dagegen
beeinflussen das Problemverhalten unmittelbar. Inkonsistente Erziehungspraktiken der
Eltern z. B. erschweren auf direktem Wege das Erlernen von Regeln und Normen. […]
Weiterhin können Risikofaktoren
statisch
oder
dynamisch
sein. Statische Faktoren be-
zeichnen unveränderliche Merkmale (z. B. neurobiologische Schädigungen), während va-
riable Risikofaktoren Veränderungen im Entwicklungsverlauf unterliegen (z. B. delinquente
Peers). Problemverhalten kann durch Risikofaktoren sowohl
initiiert
als auch
stabilisiert
werden.«
Fazit
51
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Viele beschriebene Schwachstellen der Gewalt- und Ursachenforschung las-
sen sich durch stärkere Einbindung des phänomenologischen und interaktio-
nistischen Paradigmas verbessern. Aus diesen Gründen strebt die vorliegende
Studie eine multifaktorielle Analyse an, die unmittelbar beim Gewaltgeschehen
ansetzt und vor dem Hintergrund der dichten Beschreibung der Gewalt indi-
viduelle und soziale Faktoren heranzieht. Neben der Täter-
findet auch die
Opferperspektive Berücksichtigung. Die Studie verknüpft qualitative und
quantitative Methoden und verzahnt dabei Makro-, Meso- und Mikroebene
unter Rückgriff
auf den Karriereansatz.
178
178 Vgl. Hess/Scheerer, Theorie der Kriminalität.
52
Problemstellung
und
Forschungsansatz
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
 
III.
»Rechte« Gewalt in Sachsen
Von Uwe Backes
Folgt man der kriminalpolizeilichen Statistik zur »Politisch Motivierten Kri-
minalität« (PMK), so erreichte die rechts motivierte Gewalt in Sachsen im Un-
tersuchungszeitraum (2001 bis 2011) – wie im
übrigen
Bundesgebiet – nicht die
quantitativen Spitzenwerte, die zu Beginn der 1990er Jahre im Zuge der frem-
denfeindlichen Gewaltwelle registriert worden waren,
1
hielt sich aber auf hohem
Niveau. Die Zahl der Gewalttaten mit »rechter« Motivation bewegte sich in
einem Korridor zwischen 63 (2004) und 126 (2008) Delikten pro Jahr. Die Ver-
laufskurve der in Sachsen polizeilich registrierten Gewaltstraftaten weist im
Vergleich zu jener auf Bundesebene ein höheres
Maß an Konstanz, also weniger
ausgeprägte Wellenberge und -täler auf.
Diese Feststellungen treffen in der Tendenz auch zu, wenn wie in Abb. 1
»rechte« und »rechtsextremistische« Gewalttaten getrennt ausgewiesen werden.
Als »rechtsextremistisch« gilt jene Teilmenge »rechter« Gewalttaten, bei denen
eine gegen die »freiheitliche demokratische Grundordnung« gerichtete Moti-
vation erkennbar ist. Nach dem 2001 eingeführten
PMK-Erfassungssystem
reicht für die Einstufung einer Gewalttat als »rechtsextremistisch« die etwa im
»Hassverbrechen« zum Ausdruck kommende Verletzung der Menschenwürde
des Opfers nicht aus. Die Tat muss vielmehr auf die »Außerkraftsetzung oder
Abschaffung eines Elementes der freiheitlich demokratischen Grundordnung
(Extremismus)«
2
zielen. In der Praxis wird ein Großteil der »rechten« Gewalt-
taten zugleich als »rechtsextremistisch« eingestuft. Die in den ersten Jahren nach
der Einführung
des Erfassungssystems noch deutlicher erkennbare Größen-
differenz zwischen beiden statistischen Kategorien dürfte im Wesentlichen auf
Probleme bei der Umstellung auf die Erfordernisse des neuen Erfassungssys-
tems auf Länderebene
zurückzuführen sein.
3
Zeigt das quantitative Verlaufsmuster in Sachsen kein bedeutsames Abwei-
1 Vgl. dazu vor allem Willems u. a., Fremdenfeindliche Gewalt.
2 Vgl. Antwort der Bundesregierung zum Erfassungssystem Politisch Motivierte Kriminalität.
In: Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Drucksache 1928 vom 7. 6. 2010, S. 5.
3 Vgl. VSB 2002, S. 28.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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chen vom Bundestrend, so treten Unterschiede in der Größendimension zutage,
sobald man das Gewaltaufkommen nach der Bevölkerungszahl gewichtet. Der
sächsische Anteil der rechts motivierten Gewaltdelikte pro 100 000 Einwohner
(»PMK-rechts«) lag im gesamten Untersuchungszeitraum (2001 bis 2011)
deutlich
über
dem bundesweiten Niveau. In einigen Jahren
überstieg
der säch-
sische Anteil den Bundeswert um mehr als das Doppelte. Dieser Befund fügt sich
nahtlos in das allgemeine Bild des Rechtsextremismus in Sachsen ein, dessen
Akteure wie in anderen
östlichen
Ländern vom nachwirkenden autokratischen
Erbe des »real existierenden Sozialismus« sowie den langfristig wirksamen
politischen, sozialen und kulturellen Transformationsfolgelasten profitierten.
Zu den von der Forschung herausgearbeiteten begünstigenden
Rahmenbedin-
gungen zählen insbesondere: die anhaltende Schwäche der in der DDR in ihrer
Autonomie weitgehend zerstörten Bürgergesellschaft (Parteien, Interessen-
gruppen, Vereine, Initiativen, Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften),
die materiellen wie seelischen Transformationsfolgen, in erster Linie die Wellen
von Entlassungen mit sich teils verfestigender Arbeitslosigkeit, auch und be-
sonders unter Jugendlichen, und infolge dessen eine
über
viele Jahre hinweg
ungebremste Abwanderung vor allem der gut Ausgebildeten in die wirtschaft-
lich prosperierenden Regionen des westlichen Deutschland mit allen Folge-
problemen in den strukturschwachen
östlichen
Landesteilen.
4
2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012
Sachsenrechts
96
112
77
63
93
78
90
126
84
98
84
58
Sachsen rechtsextremistisch
85
89
69
63
89
77
90
126
84
98
84
54
Bund rechts
980 940 845 832 1.034 1.115 1.054 1.113 959 806 828 842
Bund rechtsextremistisch
709 772 759 776 958 1.047 980 1.042 891 762 755 802
0
200
400
600
800
1.000
1.200
Abb. 1: Entwicklung der politisch motivierten Gewalttaten »rechts«/»rechtsextremistisch« in
Sachsen und auf Bundesebene, 2001 – 2012 (Quelle: Jahreslageberichte BKA, LKA Sachsen)
4 Vgl. Backes, Rechtsextreme Wahlmobilisierung; Heydemann, DDR; Jesse/Schubert/Thieme,
Politik in Sachsen, S. 305 – 329; Schroeder, Die veränderte
Republik.
54
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Tab. 1: Bevölkerungsanteil der »rechten« Gewalttaten in Sachsen und auf Bundesebene,
2001 – 2012 (Quelle: Lageberichte BKA, LKA Sachsen; eigene Zusammenstellung und
Berechnung)
Jahr
Bund
Sachsen
Summe
Bevölkerungsanteil
Summe
Bevölkerungsanteil
2001
980
1,2
96
2,4
2002
940
1,1
112
2,8
2003
845
1,0
77
1,9
2004
832
1,0
63
1,6
2005
1.034
1,3
93
2,3
2006
1.115
1,4
78
1,9
2007
1.064
1,3
90
2,2
2008
1.113
1,4
126
3,1
2009
959
1,2
84
2,1
2010
806
1,0
98
2,4
2011
828
1,0
84
2,1
2012
842
1,0
58
1,4
Erläuterung
: Bevölkerungsanteil pro 100 000 Einwohner.
Lassen sich
über
diese quantitative Differenz der sächsischen Gewalttaten im
Bereich der »PMK-rechts« auch qualitative Unterschiede zum Bundestrend
feststellen? Auf der Grundlage der zur Verfügung
stehenden polizeistatistischen
Daten sind Vergleiche auf zwei Ebenen möglich: zum einen hinsichtlich der
Deliktstruktur, zum anderen in Bezug auf die Zielrichtung der Taten, also ihre
thematische Zuordnung (»Themenfelder«). Zur Deliktstruktur auf Bundesebene
gibt Tab. 2 nähere
Auskunft. Wie sich zeigt, rangieren die Körperverletzungs-
delikte mit großem Abstand an erster Stelle. Ihr Anteil an den Gewaltdelikten lag
im Berichtszeitraum zwischen 82 und 89 Prozent – mit jährlichen Schwankun-
gen ohne erkennbaren Trend. Mit großem Abstand folgen – jeweils ungefähr auf
gleicher Ebene – Widerstandsdelikte und Landfriedensbrüche; Straftaten, die
meist im Zusammenhang mit Kundgebungen und
öffentlichen
Veranstaltungen
begangen werden. Im Schnitt der Jahre 2001 bis 2011 entfallen rund fünf bzw.
vier Prozent auf diese beiden Deliktgruppen. Danach folgen Brandstiftungen mit
2,6 Prozent. Jene Delikte, die oft von Gruppen mit höherer
Handlungskonti-
nuität und Planungsintensität begangen werden, also z. B. Sprengstoffanschläge,
Raub, Freiheitsberaubung, Erpressung, sind quantitativ nicht sehr bedeutsam,
auch wenn sie im Zusammenhang mit der Analyse der Gewaltdynamik und bei
der Bestimmung des Ausmaßes
der Bedrohung der inneren Sicherheit höchste
Aufmerksamkeit verdienen. Gleiches gilt für die nicht ganz seltenen, quantitativ
aber wenig ins Gewicht fallenden Tötungsdelikte (versuchte oder vollendete
Tötung). An diesem Befund wird wohl auch die von der späten Aufdeckung der
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
55
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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NSU-Mordserie angestoßene, groß angelegte
Überprüfung
der erfassten Fälle
nichts
ändern.
5
Tab. 2: Politisch motivierte Gewalttaten »rechts« nach Delikten auf Bundesebene, 2001 –
2011 (Quelle: Jahreslageberichte BKA, LKA Sachsen)
Jahr
S
Töt Kör Brand Spre Land Gef Frei Raub Erp Wid
2001
980
10
870
22
2
42
4
0
11
3
16
2002
940
9
792
27
1
36
12
1
13
5
44
2003
845
7
703
27
0
30
5
2
12
5
54
2004
832
6
686
38
2
25
6
2
9
5
53
2005
1.034
2
882
14
3
44
10
0
23
6
50
2006
1.115
0
976
18
1
36
6
0
13
9
56
2007
1.054
1
914
24
1
39
7
0
12
4
52
2008
1.113
6
955
32
0
48
5
1
12
7
47
2009
959
6
800
18
0
45
5
3
18
6
58
2010
806
6
672
30
2
25
6
0
9
4
52
2011
828
5
699
26
0
30
6
2
14
4
42
2001 – 2011
10.506
58
8.949
276
12
400
72
10
146
58
525
Erläuterung
: Töt – Tötungsdelikte (§§ 211 ff. StGB) einschließlich versuchter, aber un-
vollendeter Tötung; Kör – Körperverletzungsdelikte (§§ 223 ff. StGB); Brand – Brand-
stiftung (§§ 306 ff. StGB); Spre – Sprengstoffdelikt (Herbeiführung einer Sprengstoffex-
plosion, § 308 StGB); Land – Landfriedensbruch (§§ 125 ff. StGB); Gef – Gefährliche
Eingriffe in den Bahn-, Luft-, Schiffs- und Straßenverkehr (§§ 315 ff. StGB); Frei – Frei-
heitsberaubung (§§ 234, 239 ff. StGB); Raub (§§ 249 ff. StGB); Erp – Erpressung (§§ 253,
255 StGB); Wid – Widerstandsdelikte (Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte etc.,
§§ 113 ff. StGB).
Wie fügt sich das sächsische Deliktprofil in dieses bundesweite Bild? Um es
vorweg zu sagen: Es weicht nicht grundlegend davon ab, auch wenn einige
Besonderheiten Aufmerksamkeit verdienen (siehe Tab. 3). Die Körperverlet-
zungen stehen auch im Freistaat mit großem Abstand an der Spitze der De-
liktgruppen. Aber der Durchschnittswert liegt unterhalb des für die Bundes-
ebene ermittelten Korridors: 77,8 Prozent. Mit fast neun Prozent liegen die
Landfriedensbrüche
an zweiter Stelle, was darauf hindeutet, dass
öffentliche
Kundgebungen von Rechtsextremisten in Sachsen als Anlass von Gewalttaten
stärker
ins Gewicht fallen als auf Bundesebene. Die Widerstandsdelikte folgen
im Vergleich zur Bundesebene den Landfriedensbrüchen mit größerem Ab-
stand. Der Durchschnittswert der Jahre 2001 bis 2011 liegt mit etwa 3,5 Prozent
unter dem im Bund gemessenen. Brandstiftungen sind seltener als auf Bun-
5 Vgl. die Antwort der Bundesregierung »Konkrete Ermittlungen zur Prüfung möglicher
rechtsextremer und/oder rassistischer Hintergründe bei ungeklärten vollendeten und ver-
suchten Tötungsdelikten in den Jahren 1990 bis 2011«. In: Deutscher Bundestag, 18. Wahl-
periode, Drucksache 1786 vom 19. 6. 2014.
56
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
desebene. Für die
übrigen
Delikte trifft zu, was bereits für den Bund gesagt
wurde. Allerdings liegt der Raub als Delikt in Sachsen vor Freiheitsberaubung,
Erpressung und Sprengstoffanschlägen.
Die für fester organisierte Gruppen mit
auf Gewalt zielenden Vorbereitungshandlungen typische Beschaffungskrimi-
nalität
ist vergleichsweise selten, stellt aber für die Analyse der Gewaltdynamik
ein bedeutendes Phänomen dar.
Tab. 3: Politisch motivierte Gewalttaten »rechts« nach Delikten in Sachsen, 2001 – 2011
(Quelle: Jahreslageberichte BKA, LKA Sachsen)
Jahr
S
Töt Kör Brand Spre Land Gef Frei Raub Erp Wid
2001
95
2
72
2
0
12
0
0
4
1
2
2002
112
1
93
0
0
11
2
0
5
0
0
2003
77
1
62
7
0
3
2
0
1
0
1
2004
66
0
53
2
1
0
6
2
1
1
0
2005
93
0
69
2
0
13
0
0
2
1
6
2006
78
0
68
2
0
4
0
0
2
0
2
2007
90
0
74
4
1
8
0
0
2
0
1
2008
127
0
92
12
0
11
0
1
2
0
9
2009
86
1
67
1
2
9
0
0
0
0
6
2010
98
2
69
13
0
8
0
0
2
0
4
2011
88
0
67
0
4
9
1
0
1
1
5
2001–2011
1.010
7
786
45
8
88
11
3
22
4
36
Erläuterung
: Töt – Tötungsdelikte (§§ 211 ff. StGB) einschließlich versuchter, aber un-
vollendeter Tötung; Kör – Körperverletzungsdelikte (§§ 223 ff. StGB); Brand – Brand-
stiftung (§§ 306 ff. StGB); Spre – Sprengstoffdelikt (Herbeiführung einer Sprengstoffex-
plosion, § 308 StGB); Land – Landfriedensbruch (§§ 125 ff. StGB); Gef – Gefährliche
Eingriffe in den Bahn-, Luft-, Schiffs- und Straßenverkehr (§§ 315 ff. StGB); Frei – Frei-
heitsberaubung (§§ 234, 239 ff. StGB); Raub (§§ 249 ff. StGB); Erp – Erpressung (§§ 253,
255 StGB); Wid – Widerstandsdelikte (Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte etc.,
§§ 113 ff. StGB).
Ein zweiter Bereich, in dem Vergleiche zwischen der bundesweiten und der
sächsischen Entwicklung gezogen werden können, betrifft die Zielrichtung der
Gewalttaten. Auch hier gibt es neben Gemeinsamkeiten charakteristische Un-
terschiede. In Sachsen wird die »Hassgewalt« wie auf Bundesebene von frem-
denfeindlich motivierten Delikten beherrscht, während
antisemitische Delikte
quantitativ weitaus weniger bedeutend sind. Und bei der Konfrontationsgewalt
überwiegen
jene Delikte, die aus der Sicht der Täter »gegen Links« gerichtet sind,
während andere politische Gegner seltener Opfer von Angriffen wurden (für die
Gewalt gegen Polizeibeamte lagen keine Daten für den gesamten Berichtszeit-
raum vor, weshalb sie hier ausgeklammert bleibt).
Ein ins Auge stechender Unterschied betrifft die Verteilung der Gewalttaten
auf die Kategorien »Hassgewalt« und »Konfrontationsgewalt«. So rangiert die
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
57
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
»Hassgewalt« auf Bundesebene in allen Jahren eindeutig und mit zum Teil er-
heblichem Abstand vor der Konfrontationsgewalt (siehe Abb. 2), während dies
in Sachsen umgekehrt ist: Die Summe der fremdenfeindlichen und antisemiti-
schen Delikte lag in allen Jahren des Berichtszeitraums außer
2003 deutlich unter
dem Niveau der Konfrontationsgewalt »gegen Links« und »andere politische
Gegner«. In den Jahren 2004 bis 2011 fielen allein die Konfrontationsdelikte
»gegen Links« (also ohne gegen »andere politische Gegner« verübte)
erheblich
höher aus als die sogenannte Hassgewalt. Die Konfrontationsgewalt stieg zwi-
schen 2003 und 2010 fast kontinuierlich an, um 2011 wieder leicht zurückzu-
gehen. Im Jahr 2010 war die Zahl der Konfrontationsdelikte in etwa doppelt so
hoch wie die der gewaltsamen Hassdelikte.
Das besondere Themenprofil der sächsischen
Gewalt im Bereich der PMK-
rechts im Vergleich zur Bundesebene (und insbesondere den westlichen Län-
dern) ist allein mit den bereits erwähnten sozial-ökonomischen und sozial-
kulturellen Rahmenbedingungen nicht befriedigend zu erklären. Unerlässlich
ist vielmehr eine genaue Betrachtung der Akteurskonstellationen und Gele-
genheitsstrukturen im Freistaat. Auch müssen
die Interaktionen zwischen mi-
litanten Gruppierungen (»Rechts« gegen »Links«, aber auch »Links« gegen
»Rechts«) und ihre Wechselbeziehungen mit einer im Berichtszeitraum bei
Wahlen erstarkenden rechtsextremistischen Partei in die Untersuchung einbe-
zogen werden. Hierbei können
Ergebnisse einer früheren Studie
über
»NPD-
Wahlmobilisierung und politisch motivierte Gewalt« einfließen, auch wenn
2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012
fremdenfeindlich
519 512 465 391 373 511 440 409 366 295 362 401
antisemitisch
27
30
38
40
50
44
61
44
31
31
26
37
gegen Linke
189 198 158 207 351 326 328 357 283 245 211 207
gegen sonstige politische Gegner
7
0
0
0
0
23
45
45
51
45
50
0
100
200
300
400
500
600
0
Abb. 2: Ziele und Themenfelder im Bereich der »PMK-Gewalt-rechts« auf Bundesebene (Quelle:
Lageberichte des BKA)
58
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
deren Untersuchungszeitraum im Jahr 2006 endet.
6
Viele der für die Jahre 2003
bis 2006 im Vergleich zum größten (westlichen) Bundesland erarbeiteten Be-
funde haben auch in den Folgejahren ihre Gültigkeit behalten.
Zunächst ist einzuräumen: Ein beträchtlicher Teil der statistisch erfassten
Gewalttaten mit »rechter« Motivation wird in Sachsen (wie auf Bundesebene)
von Tätern
verübt, bei denen die ermittelnden Polizeibeamten »vor Ort« gar
keine oder allenfalls lose Gruppenzusammenhänge feststellen. Jedoch sind auch
solche Fälle keineswegs selten, bei denen die Verwendung politischer Symbolik,
die Kleidung, verbale Bekundungen, der Tatablauf oder sogar umfangreiche
Vorbereitungshandlungen auf einen Gruppenzusammenhang schließen
lassen.
Der im Vergleich zur Bundesebene weit
überdurchschnittliche
Anteil von
Konfrontationsdelikten in Sachsen legt die Vermutung nahe, dass organisiertes
Vorgehen hier häufiger
ist, denn gewaltsame Konfrontationen stellen per defi-
nitionem Taten dar, die aus dem Zusammentreffen einander als feindlich defi-
nierender Individuen und Gruppen erwachsen.
7
Wie eine Berliner Gewaltstudie
2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011
fremdenfeindlich
34
38
39
17
19
18
24
44
25
27
24
antisemitisch
0 0 1 2 0 0 0 1 0 2 0
gegen Linke
30 47 15 32 38 30 43 52 42 57 45
gegen sonstig politische Gegner
17
14
15
7
22
23
18
3
1
1
2
0
10
20
30
40
50
60
Abb. 3: Ziele und Themenfelder im Bereich der »PMK-Gewalt-rechts« in Sachsen (Quelle: La-
geberichte des LKA Sachsen)
6 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung.
7 In der internationalen Politik dient der Begriff der »Konfrontation« als »Bezeichnung für
die
Gegenüberstellung oder die Auseinandersetzung zweier oder mehrerer Streitparteien eines
politischen Interessen- oder Wertekonfliktes«, im engeren Sinne auch »für die Phase des
Aufmarsches und der Positionseinnahme von Kontrahenten«. Vgl. Art. »Konfrontation«. In:
Schmidt, Wörterbuch der Politik, S. 497. Allerdings ist ungewiss, in welchem Umfang dieser
Gesichtspunkt bei der Erfassung der Konfrontationsdelikte durch Polizeistellen beachtet
wird. Zudem wirft die Abgrenzung zur »Hassgewalt« im konkreten Fall und in schwierigen
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
59
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
zeigt, ist der Gruppentäter-Anteil der Konfrontationsgewalt »Rechts gegen
Links« wesentlich höher als bei der fremdenfeindlichen Gewalt.
8
Wo extremistische, im Widerspruch zu elementaren Werten und Verfah-
rensregeln demokratischer Verfassungsstaaten stehende Orientierungen er-
kennbar sind (und dies gilt für
das Gros der Fälle), ordnen die Verfassungs-
schutzbehörden die Täter zwei Organisationszusammenhängen zu: Die erste
Gruppe bilden die »Neonazis« – oder sachlicher : »Neonationalsozialisten« –, die
in dieser Untersuchung meist als »NS-Affine« firmieren, weil der historische
Nationalsozialismus einen zentralen Bezugspunkt der Gruppenidentität
bildet,
zugleich aber ideologische Differenzen sichtbar werden, die zumindest für das
Selbstverständnis der politisch reflektierteren Aktiven bedeutsam erscheinen.
9
Die zweite Gruppe weist weniger klare Konturen auf, was schon die changie-
renden Bezeichnungen der Sicherheitsbehörden verdeutlichen: So verwandten
die Verfassungsschutzberichte des Bundes wie des Landes Sachsen im Unter-
suchungszeitraum nebeneinander die Bezeichnungen »subkulturell geprägt«
und »gewaltbereit«, um die so erfassten Personen von der Gruppe der »Neo-
nazis« zu unterscheiden, wobei die Jahresberichte teils mehr auf die »Subkul-
tur«-Zugehörigkeit,
teils stärker auf die »Gewaltbereitschaft« abhoben. Der
Verlegenheitscharakter der Bezeichnungen ist offensichtlich: Weder müssen
»Gewaltbereite« stark »jugendsubkulturell« geprägt sein, noch sind »Jugend-
subkulturelle« generell »gewaltbereit«. Zudem fehlen bei den NS-affinen
»Neonazis« weder gewaltbereite noch jugendsubkulturell geprägte
Aktivisten.
Die Problematik der Kategorienbildung resultiert in hohem Maße aus dem
fluiden Charakter der erfassten Akteursgruppen: Die zu Beginn des Berichts-
zeitraums noch erkennbare Grenze zwischen NS-affinen »Kameradschaften«
und der im Bereich der »Subkulturellen« dominierenden »Skinheads« ver-
wischte mehr und mehr; die ursprünglich
aufgrund ihres
äußeren
Erschei-
nungsbildes klar identifizierbare Jugendsubkultur büßte beträchtlich an Un-
terscheidbarkeit und Bedeutung ein. Hatten sich die Szenen in den frühen
1980er Jahren am Vorbild der aus Großbritannien kommenden Skinhead-Sub-
kultur (Stoppelkopf, klobige Schuhe und Stiefel, Bomberjacken, Tätowierungen)
orientiert, verstärkten sich im neuen Jahrtausend Einflüsse aus anderen Milieus;
Haartracht und Bekleidung wurden vielfältiger und verloren an Unterschei-
dungskraft. Vor allem der gemeinsame Musikkonsum (mit viel Alkohol) be-
wirkte Gruppen- und Szenezusammenhalt. Doch diversifizierten sich auch hier
Ermittlungszusammenhängen oftmals große Probleme auf. Bei der Interpretation der Poli-
zeistatistiken ist daher bei realistischer Betrachtung von einer beträchtlichen Fehlerquote
auszugehen.
8 Vgl. Rechte Gewalt in Berlin, S. 70.
9 Eine Fülle an Befunden hierzu bietet unter besonderer Berücksichtigung der
östlichen
Län-
der: Thein, Wettlauf mit dem Zeitgeist.
60
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Stilrichtungen und Inhalte. So wurde der ursprünglich aus New York stammende
»Hatecore«-Stil
übernommen
und mit emotional-rassistischen Liedtexten auf-
geladen.
10
Dessen ungeachtet sind Konzerte mit martialisch benannten Bands
(in Sachsen langjährig aktive Gruppen heißen »Blitzkrieg« und »White Resis-
tance«) und hasserfüllten Liedtexten ein zentrales Bindemittel geblieben. Wur-
den im Jahr 2011 bundesweit 131 Konzerte registriert, waren es allein in Sachsen
22 Konzerte mit im Schnitt 150 Teilnehmern.
11
Das Personenpotential der von den Verfassungsschutzbehörden erfassten
NS-affinen und »subkulturellen« Rechtsextremisten war in den 1990er Jahren
beträchtlich
angewachsen und stabilisierte sich ab 2002 auf hohem Niveau. Von
2006 an war ein leichter Rückgang feststellbar, doch blieb ein fester Sockel
organisiert-aktionsorientierter Rechtsextremisten bestehen (siehe Abb. 4). Die
Entwicklung wird deutlich, führt
man sich die Gesamtzahl für die Jahre 1991,
2001 und 2011 stichprobenartig vor Augen: auf Bundesebene: 6 300, 13 200, 13
500; in Sachsen: 1 000, 1 550, 1 850.
Betrachtet man die von den Verfassungsschutzämtern
erfassten »Neonazis«
und »subkulturellen Rechtsextremisten« getrennt, zeigt sich für die Bundes-
10 Vgl. Menhorn, Die Erosion der Skinhead-Bewegung; Möller/Schumacher, Rechte Glatzen,
S. 18–63.
11 Vgl. VSB Sachsen 2011, S. 15; VSB 2011, S. 92.
0
2.000
4.000
6.000
8.000
10.000
12.000
14.000
16.000
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
Neo-NS + Subk. Bund
Neo-NS + Subk. Sachsen
Abb. 4: »Neonationalsozialisten« und »subkulturelle« Rechtsextremisten in Sachsen und auf
Bundesebene, 1991 – 2012 (Quelle: Verfassungsschutzberichte des Bundes und des Freistaates
Sachsen)
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
61
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
ebene wie für Sachsen ein
ähnlicher
Entwicklungsverlauf (siehe Abb. 5): Wäh-
rend das lange Zeit von den »Skinheads« dominierte Personenpotential der
»subkulturellen« Rechtsextremisten etwa von 2002 an allmählich
schrumpfte,
konnten die Neonationalsozialisten Zulauf verzeichnen – wenn auch in Sachsen
etwas weniger kontinuierlich als auf Bundesebene.
Berechnet man den Bevölkerungsanteil
der beiden Personenkreise für die
Bundesebene und für Sachsen, so tritt der schon für die Gewalttaten konstatierte
Niveauunterschied zutage: Auf Bundesebene liegt der Anteil in den Jahren 2001
bis 2011 zwischen 16,3 und 18,1 Szeneangehörigen
pro 100 000 Einwohner. In
Sachsen bewegt sich der Wert im gleichen Zeitraum zwischen 38,3 und 50,6. Das
arithmetische Mittel ist hier mehr als doppelt so hoch wie auf Bundesebene.
Allerdings würde
eine detailliertere Betrachtung nach Regionen zeigen, dass die
sächsischen Anteile denen der anderen
östlichen
Bundesländer
ähneln,
während
die alte Bundesrepublik durchweg ein deutlich niedrigeres Organisationsniveau
der Szenen aufweist. Die von Beginn der 1990er Jahre an erkennbare Differenz ist
bis in die Gegenwart erhalten geblieben (siehe Tab. 4).
Im Bereich der NS-affinen Szene hatte sich der
Übergang
von fest organi-
sierten Vereinigungen zu meist lose strukturierten »Kameradschaften« in
Sachsen wie auf Bundesebene bereits in der zweiten Hälfte
der 1990er Jahre
vollzogen – nicht zuletzt als Reaktion auf eine Serie bundesweiter Vereinsverbote
(»Nationalistische Front« [NF] 1992; »Deutsche Alternative« [DA] 1992; »Na-
0
2.000
4.000
6.000
8.000
10.000
12.000
14.000
16.000
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
Neo-NS Bund
Subkulturelle Bund
Neo-NS Sachsen
Subkulturelle Sachsen
Abb. 5: Neonationalsozialisten und »subkulturelle« Rechtsextremisten in Sachsen und auf
Bundesebene (getrennte Betrachtung), 1991 – 2012 (Quelle: Verfassungsschutzberichte des
Bundes und des Freistaates Sachsen)
62
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
tionale Offensive« [NO] 1992; »Wiking Jugend« [WJ] 1994; »Freiheitliche
Deutsche Arbeiterpartei« [FAP] 1994).
12
Im Berichtszeitraum war das bundes-
weite Verbot der ursprünglich aus Großbritannien stammenden NS-affinen
Skinheadvereinigung »Blood
&
Honour« (B& H) mit ihrer Jugendorganisation
»White Youth« auch für
Sachsen von Bedeutung, wo eine regionale Sektion
bestanden hatte. Allerdings entwickelte diese nach Einschätzung des Landes-
amtes für Verfassungsschutz auch vor dem Verbot wenig Aktivitäten. Als be-
deutender wurden die aus den USA stammenden »Hammerskins« eingeschätzt,
die bundesweit und international vernetzt waren, Kontakte insbesondere nach
Tab. 4: Bevölkerungsanteil der Neonationalsozialisten und »subkulturellen« Rechtsex-
tremisten in Sachsen und auf Bundesebene, 1991 – 2012 (Quelle: Verfassungsschutzbe-
richte des Bundes und des Freistaates Sachsen; eigene Zusammenstellung und Berech-
nung)
Jahr
Bund
Sachsen
Neo-NS
Subkult.
Bev.-anteil
Neo-NS
Subkult.
Bev.-anteil
1991
2.100
4.200
7,8
200
800
24,7
1992
2.200
6.400
10,6
200
900
27,2
1993
2.450
5.600
10,0
300
900
29,6
1994
3.740
5.400
11,3
200
750
23,5
1995
1.980
6.200
10,1
200
800
24,7
1996
2.420
6.400
10,9
175
800
24,1
1997
2.400
7.600
12,4
105
900
24,8
1998
2.400
8.200
13,1
35
900
23,1
1999
2.200
9.000
13,8
40
1.100
28,1
2000
2.200
9.700
14,7
50
1.300
33,3
2001
2.800
10.400
16,3
50
1.500
38,3
2002
2.600
10.700
16,5
80
1.750
45,2
2003
2.600
10.700
16,5
110
1.500
39,8
2004
3.800
10.000
17,1
170
1.600
43,7
2005
4.100
10.400
17,9
270
1.660
47,7
2006
4.200
10.400
18,1
550
1.500
50,6
2007
4.400
10.000
17,8
720
1.280
49,4
2008
4.800
9.500
17,7
910
940
45,7
2009
5.000
9.000
17,3
950
890
45,4
2010
5.600
8.300
17,2
970
890
45,9
2011
6.000
7.600
16,8
1.000
850
45,7
2012
6.000
7.500
16,7
1.000
800
44,4
Erläuterung
: Bevölkerungsanteil pro 100 000 Einwohner.
12 Vgl. die Zusammenstellung im VSB 2013, S. 30 – 34, sowie Gerlach, Vereinsverbotspraxis,
S. 567 f.
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
63
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Tschechien, in die Schweiz, in die USA und nach Kanada unterhielten.
13
Grup-
pen- und szeneübergreifenden Charakter hatte die im Jahr 2011 verbotene,
über
viele Jahre von der
überzeugten
Neonationalsozialistin Ursula Müller (mit ihrem
Ehemann Curt Inhaberin einer Gärtnerei in Mainz-Gonsenheim) geführte
»Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.
V.« (HNG), deren 25 sächsische Mitglieder (2001) ihre Kontakte zu inhaftierten
Rechtsextremisten verstärkten. Im Jahr 2001 unterhielten 15 Inhaftierte in
sächsischen Justizvollzugsanstalten Briefkontakt zur HNG.
14
Die 1990 aus dem
»Bund Heimattreuer Jugend« (BHJ) hervorgegangene »Heimattreue Jugend
Deutschlands« (HJD) erregte nicht wegen ihrer wenigen sächsischen
Mitglieder
Aufsehen, sondern weil sie im Jahr 2008 nacheinander ihr »Oster-« und ihr
»Pfingstlager« in Sachsen durchführte,
das eine im vogtländischen Limbach, das
andere in Koltzschen (Landkreis Leipzig). Die Staatsanwaltschaft Leipzig er-
mittelte u. a. wegen des Verstoßes
gegen das Uniformverbot. Im Rahmen des im
März 2009 vollzogenen Vereinsverbots durchsuchte die Polizei auch Räume
sächsischer HDJ-Aktivisten.
15
Tab. 5: Verbote rechtsextremistischer Vereinigungen in Sachsen und auf Bundesebene,
2000 – 2014 (Quelle: Verfassungsschutzberichte des Bundes und des Freistaates Sachsen;
eigene Zusammenstellung)
Sachsen
Gründung
Verbot
Anhängerzahl
Skinheads Sächsische Schweiz (SSS)
1997
April 2001
120
Sturm 34 (S 34)
2006
April 2007
175
Nationale Sozialisten Döbeln (NSD)
2009
Febr. 2013
26
Nationale Sozialisten Chemnitz (NSC)
2007
März 2014
30
Bund
Gründung
Verbot
Anhängerzahl
Blood
&
Honour Division Deutschland (B& H)
mit »White Youth«
ca. 1997
Sept. 2000
200
Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestrei-
tens des Holocaust Verfolgten (VRBHV)
2003
April 2008
200
Internationales Studienwerk – Collegium Hu-
manum e. V. (CH) mit »Bauernhilfe e. V.«
1963
April 2008
n. b.
Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ)
1990
März
2009
400
Hilfsorganisation für nationale politische
Gefangene und deren Angehörige e. V. (HNG)
1979
Sept. 2011
600
Erläuterung: n. b.
=
nicht bekannt.
Im Unterschied zu den bundesweit verbotenen Vereinigungen, die in Sachsen
meist nur schwach verankert waren, handelte es sich bei den durch den säch-
13 Vgl. VSB Sachsen 2001, S. 18.
14 Vgl. ebd., S. 28.
15 Vgl. VSB Sachsen 2008, S. 30.
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»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
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sischen Innenminister verbotenen Vereinigungen SSS, S 34, NSD und NSC (siehe
Tab. 5) um sächsische »Eigengewächse« mit lokaler oder regionaler Veranke-
rung, auch wenn aus anderen Regionen, teils auch aus dem westlichen
Deutschland, Hinzugekommene in allen Formationen aktiv waren. Sie zählten
zum aktionsorientierten Rechtsextremismus, traten provokativ in der
Öffent-
lichkeit hervor, verstanden sich teilweise als »Ordnungsmächte« gegen »Frem-
de« und »Linke« und wiesen mehr oder weniger starke ideologische Affinitäten
zum historischen Nationalsozialismus auf. Der Verfassungsschutz rechnet diese
Gruppierungen den Neonationalsozialisten zu.
NS-affine und »subkulturelle« Rechtsextremisten konnten sich während
des
Berichtszeitraums als Teil eines expandierenden Milieus empfinden, das in lo-
kalen Schwerpunkten eine gewisse soziale Verankerung und Akzeptanz er-
reichte, auch wenn die Gegenmobilisierung zunahm und größere
öffentliche
Kundgebungen meist heftige Proteste von teils friedlichen, teils gewalttätigen
Gegendemonstranten auslösten. Die Szenen bewiesen in Sachsen und anderen
östlichen
Ländern mehr als im »alten Westen« Anpassungsfähigkeit an die Er-
wartungshaltungen der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen. Viele »Kamerad-
schaften« verringerten ihre Führerzentriertheit,
öffneten
sich für neue Themen
(Antiglobalisierung, »Hartz IV«) und
übernahmen
Stilelemente und Aktions-
formen ihrer militant-»antifaschistischen« Kontrahenten.
16
Einen Höhepunkt
dieser Entwicklung stellte das Auftauchen »nationaler Schwarzer Blöcke« mit
bislang untypischem, »autonomem« Erscheinungsbild (Vermummung, Paläs-
tinensertücher, Anstecker mit abgewandelten Parolen, Baseball-Mützen) dar –
zunächst ab etwa dem Jahr 2002 in Berlin, bald darauf auch an Rhein und Ruhr
und durch den Nachahmungseffekt sehr schnell in weiteren Regionen (in
Deutschland wie auch in europäischen
Nachbarländern). Der Anteil »Autono-
mer Nationalisten« an der NS-affinen Szene stieg nach Informationen der Ver-
fassungsschutzbehörden
im Jahr 2009 von rund zehn auf 15 Prozent (also von
rund 500 auf 750 bundesweit).
17
Ende 2010 waren es bereits 20 Prozent (also etwa
1 100).
18
Die von ihren linksextremistischen Kontrahenten kaum noch zu un-
terscheidenden Militanten traten bei Demonstrationen aggressiver auf als an-
dere Gruppierungen des rechtsextremen Spektrums, bildeten »Schwarze Blö-
cke«, griffen politische Gegner wie Polizeibeamte an. In Sachsen traten »Auto-
nome Nationalisten« später
auf als in anderen Bundesländern. Noch im Jahr
2008 waren deren Anhänger lediglich vereinzelt im Bereich der Landesdirektion
16 Vgl. Thein, Wettlauf mit dem Zeitgeist.
17 Vgl. »Autonome Nationalisten«, S. 2; Menhorn, »Autonome Nationalisten«; Brandstetter,
Autonome Nationalisten im Vergleich; Schedler,
Übernahme;
ders., »Autonome Nationa-
listen«.
18 Vgl. VSB 2010, S. 57.
»Rechte«
Gewalt
in
Sachsen
65
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Leipzig und in Hoyerswerda mit Plakatierungen anzutreffen.
19
In den folgenden
Jahren tauchten auch in anderen Landesteilen vermehrt Gruppen auf. Wie im
übrigen
Bundesgebiet beeinflussten sie mit ihren stilistischen Merkmalen das
Erscheinungsbild weiter Teile der NS-affinen Szene nachhaltig.
20
Dies gilt in noch höherem Maße, aber auf andere Weise für einen weiteren
rechtsextremistischen Akteur, der zwar im Wesentlichen einen legalistischen
Kurs verfolgt, strategisch jedoch zugleich den »Kampf um die Straße«
führt, NS-
affine Szenen wie »subkulturelle« Gruppierungen als Rekrutierungsreservoir
nutzt und mit diesen eng verflochten ist. Die
älteste
der aktiven rechtsextre-
mistischen Parteien, die »Nationaldemokratische Partei Deutschlands« (NPD,
gegründet
1964), kann bei der Erörterung der Rahmenbedingungen, Gelegen-
heitsstrukturen und Akteurskonstellationen rechter Gewalt nicht ausgeklam-
mert bleiben. Zum einen zeichnet sich auch ihre Ideologie und Programmatik
durch ein hohes Maß
an NS-Affinität aus.
21
Zum anderen ist sie mit den akti-
onsorientierten Szenen personell verflochten. Dies war nicht zuletzt Ergebnis
eines bereits im Jahr 1996 eingeleiteten Strategiewandels.
22
Der neue Partei-
vorsitzende Udo Voigt (geb. 1952) hielt seinerzeit zwar am legalistischen Kurs
der Partei fest, setzte aber verstärkt
auf provokative
öffentliche
Auftritte und
propagierte eine Mischung aus Ethnonationalismus und Antikapitalismus. Die
Akzentuierung der »Straßenpolitik«
und das Bemühen um die Integration ju-
gendlicher Subkulturen zeitigten vor allem in den
östlichen
Ländern Erfolge. In
Sachsen stellte die Partei soziale Themen in den Vordergrund, gebärdete sich
aggressiv-antikapitalistisch, warb um »ehemalige Hoheitsträger und Füh-
rungskräfte der DDR«. Auf einer Wahlkampfreise beteuerte der NPD-Vorsit-
zende Voigt, seine Partei habe »mehr mit der PDS zu tun als mit rechten Par-
teien«.
23
Die Mobilisierungsbemühungen im Osten waren so erfolgreich, dass
die NPD bald einen höheren Anteil
östlicher
Mitglieder aufwies als alle in den
Parlamenten vertretenen Parteien, die PDS ausgenommen (Mai 2006: CDU/
CSU: 8,56 Prozent; SPD: 6,89 Prozent; FDP: 19,59 Prozent; Grüne:
14,46 Pro-
zent; Die Linke/PDS: 89,88 Prozent; NPD: 37,46 Prozent).
24
In Sachsen hatte die
NPD zeitweilig ihren stärksten Landesverband. Auf dem Höhepunkt dieser
Entwicklung, im Jahr 1998, wurden im Freistaat 1 400 Mitglieder gezählt. Das
Ausmaß der Mobilisierungserfolge lässt sich abschätzen, wenn der Bevölke-
rungsanteil pro 100 000 Einwohner in Sachsen mit dem Bundesdurchschnitt
verglichen wird: 1998 gab es in Sachsen 34,6 NPD-Mitglieder pro 100 000 Ein-
19 Vgl. Sächsisches Handbuch, S. 39.
20 Vgl. VSB Sachsen 2012, S. 21.
21 Vgl. Kailitz, Die nationalsozialistische Ideologie der NPD.
22 Vgl. Brandstetter, Die NPD unter Udo Voigt.
23 Zitiert nach VSB Sachsen 1998, S. 28.
24 Vgl. Schröder,
Die veränderte Republik, S. 481.
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Gewalt
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Sachsen
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wohner, bundesweit nicht einmal ein Viertel davon (7,4). Diese Kluft hat sich in
den folgenden Jahren verringert, ist aber nicht verschwunden (siehe Tab. 6).
Tab. 6: NPD-Mitglieder in Sachsen und auf Bundesebene, 2001 – 2012 (Quelle: Verfas-
sungsschutzberichte des Bundes und des Freistaates Sachsen, 1991 – 2012)
Jahr
Bund
Sachsen
Mitglieder
Bevölkerungsanteil
Mitglieder
Bevölkerungsanteil
1991
6.400
7,9
400
9,9
1992
5.000
6,2
250
6,2
1993
5.500
6,8
250
6,2
1994
4.500
5,6
100
2,5
1995
4.000
5,0
200
4,9
1996
3.500
4,3
300
7,4
1997
4.300
5,3
900
22,2
1998
6.000
7,4
1.400
34,6
1999
6.000
7,4
1.000
24,7
2000
6.500
8,0
1.100
27,2
2001
6.500
8,0
1.000
24,7
2002
6.100
7,5
900
22,2
2003
5.000
6,2
800
19,8
2004
5.300
6,6
950
23,5
2005
6.000
7,4
1.000
24,7
2006
7.000
8,7
1.000
24,7
2007
7.200
8,9
850
21,0
2008
7.000
8,7
850
21,0
2009
6.800
8,4
800
19,8
2010
6.600
8,2
800
19,8
2011
6.300
6,6
760
18,8
2012
6.000
7,4
700
17,3
Erläuterung
: Bevölkerungsanteil je 100 000 Einwohner (gerundete Zahlen).
Die Kluft verringerte sich, obwohl der Partei ihre größten Erfolge bei Wahlen
erst noch bevorstanden. Einen ersten bescheidenen Wahlerfolg erzielte sie bei
der Landtagswahl 1999, als sie mit 1,4 Prozent ihr seit langem bestes Ergebnis
auf Landesebene verbuchte. Auf der Wahlliste hatte ein ehemaliger Professor für
»dialektischen und historischen Materialismus« kandidiert, der gegenüber
Journalisten bekundete, nur zwei Parteien könnten in Deutschland die Kata-
strophe abwenden: »die PDS in Teilen und gänzlich die NPD«.
25
In ihren Wahlkampagnen konnte die Partei zunehmend auf Helfer aus »Ka-
meradschaften« setzen. Besonders die Jugendorganisation »Junge Nationalde-
mokraten« (JN) hatte in diesen, von Vereinigungsverboten betroffenen und sich
25 Zitiert nach Kehr, Die zweite Karriere.
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umorientierenden Kreisen erfolgreich Aktive geworben. Auch Teile der militanten
»Skinhead«-Szene galten als potentielles Rekrutierungsreservoir. Der Erfolg die-
ser Integrationsbemühungen
zeigte sich u.a. in einer steigenden Frequenz und
Teilnehmerzahl der von der NPD organisierten Aufmärsche und Demonstratio-
nen.
26
Diese Bemühungen wurden zwar durch das 2001 eingeleitete NPD-Ver-
botsverfahren zeitweilig unterbrochen; für Irritationen sorgten das taktische
Lavieren der NPD-Führung zwischen heuchlerischer Verfassungstreue und
ostentativer Verfassungsfeindschaft ebenso wie das Bekanntwerden der Präsenz
von V–Leuten des Verfassungsschutzes in hohen Parteirängen. Nachdem das
Bundesverfassungsgericht aber im März 2003 wegen der V – Mann-Problematik
(in den Verbotsanträgen waren u.a. Zitate von V – Leuten des Verfassungsschutzes
als Beleg für die Verfassungsfeindlichkeit der NPD verwendet worden) die Ein-
stellung des Verfahrens verkündet hatte, fand die nun im Rampenlicht der Me-
dienöffentlichkeit stehende NPD bald den Weg aus der Krise.
Im Vorfeld der sächsischen Landtagswahl vom September 2004 konzentrierte
die Partei ihre Kräfte auf den stärksten Landesverband. Erfahrenes Personal
wurde nach Dresden entsandt. Schon zuvor hatte man die Zentralen des
Theorieorgans »Deutsche Stimme« und der JN nach Sachsen verlegt. Um Kon-
kurrenz bei Wahlen zu verhindern, bemühte
man sich um Einvernehmen mit
den – gemäßigteren – »Republikanern« (REP), deren sächsischer Landesver-
band sich teilweise auflöste, nachdem die Führung auf Konfrontation mit dem
Bundesvorstand gegangen war und die Landtagswahl-Kandidatur hintertrieben
hatte.
27
Mit der Konkurrenzpartei »Deutsche Volksunion« (DVU) hatte sich die
NPD 2004 auf ein koordiniertes Vorgehen bei Wahlen verständigt.
Im Vorfeld der sächsischen Landtagswahl ließen sich szenebekannte »Freie
Nationalisten« zu einer Mitgliedschaft bewegen. In einer »Erklärung zum Ein-
tritt in die NPD« riefen Thomas Wulff, der frühere Gründer der Hamburger
»Nationalen Liste« (NL), Thorsten Heise, ein erfolgreicher Szenemedien-Un-
ternehmer, und Ralph Tegethoff, wie Heise ehemals führender
Aktiver der 1995
verbotenen NS-affinen »Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei« (FAP), zur
Bildung einer »Volksfront von rechts«
28
auf. Heise wurde wenig später in den
NPD-Bundesvorstand (2004) gewählt. Er und seine beiden Mitunterzeichner
kandidierten bei der Bundestagswahl 2005 auf Landeslistenplätzen. Damit
wurde die Kooperation der NPD mit der »Kameradschaftsszene« gleichsam
institutionalisiert. Dies stärkte
die Kampagnefähigkeit der Partei, die in ihren
Wahlkämpfen »massiv von Neonazis unterstützt«
29
wurde.
26 Vgl. Virchow, Dimensionen der »Demonstrationspolitik«.
27 Vgl. VSB Sachsen 2004, S. 71.
28 Vgl. Wulff/Heise/Tegethoff, Erklärung.
29 Die »Nationaldemokratische Partei Deutschlands« (NPD), S. 5.
68
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Sachsen
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Auch in den folgenden Jahren war die NPD bemüht, Aktive aus NS-affinen
»Kameradschaften« zu rekrutieren. 2006 wurde Sascha Roßmüller, ein ehema-
liger Aktivist des 1993 verbotenen »Nationalen Blocks« (NB), zu einem der drei
stellvertretenden Bundesparteivorsitzenden gewählt.
Mit ihm kam der bekannte
Szeneverteidiger Jürgen Rieger in den Bundesvorstand.
30
Dies wirkte bei den
NS-affinen »freien Kräften« wie ein Signal. Allerdings wurden die so geweckten
Erwartungen in den folgenden Jahren nur teilweise erfüllt. Die Landtagsfraktion
in Dresden war – mehr als die im mecklenburg-vorpommerischen Schwerin seit
2006
31
– trotz ihrer vielfältigen
öffentlichen
Provokationen um ein bürgerlich-
seriöses Erscheinungsbild bemüht und wollte die bei der Landtagswahl von 2004
erreichten breiteren Wählergruppen (9,2 Prozent der Stimmen) nicht verprel-
len.
32
Dies führte zu mancherlei Enttäuschungen beim betont national- und
sozial-revolutionären Flügel,
33
zumal der Kurs der »Anbiederung« aus dieser
Sicht nur mäßig erfolgreich war: Obwohl die NPD im sächsischen Landtags-
wahlkampf 2009 mehr als früher Sachargumente in den Vordergrund stellte und
schrille Töne zu vermeiden suchte,
34
sank ihr Stimmenanteil auf 5,6 Prozent. Mit
der erneuten
Überwindung
der Fünfprozenthürde und dem zweitmaligen Ein-
zug in das Landesparlament blieb Sachsen zwar eine elektorale Hochburg – noch
dazu auf einem weit
über
dem Bundesdurchschnitt liegenden Niveau, wie der
Vergleich der Bundestagswahlergebnisse zeigt (siehe Tab. 7). Doch markierte
der massive Stimmenrückgang
einen negativen Trend, der sich in den folgenden
Jahren – in Sachsen wie in anderen Ländern – fortsetzen sollte.
Tab. 7: Zweitstimmenanteil von Rechtsaußenparteien bei den Bundestagswahlen 1990 –
2013 auf Bundesebene und im Freistaat Sachsen (in Prozent) (Quelle: Amtliche Wahl-
statistik; eigene Berechnungen)
Jahr
Bund
Sachsen
Differenz (%-Punkte)
DVU
REP
NPD
S
DVU
REP
NPD
S
1990
2,1
0,3
2,4
1,2
0,3
1,5
–0,9
1994
1,9
1,9
1,4
1,4
–0,5
1998
1,2
1,8
0,3
3,3
2,6
1,9
1,2
5,7
+3,1
2002
0,6
0,4
1,0
1,0
1,4
2,4
+1,4
2005
0,6
1,6
2,2
0,5
4,8
5,3
+2,6
2009
0,1
0,4
1,5
2,0
0,3
4,0
4,3
+2,3
2013 –
0,2 1,3 1,5
– –
3,3 3,3
+1,8
30 Vgl. ebd.; Brandstetter, Die NPD unter Udo Voigt, S. 163 – 176.
31 Vgl. Buchstein/Heinrich (Hg.), Rechtsextremismus in Ostdeutschland.
32 Vgl. Rehse, Die Oppositionsrolle.
33 Vgl. nur Wulff, Das Ende der Volksfront.
34 Vgl. Jesse, Wahlen 2009, S. 118.
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Eine Serie von Wahlniederlagen verschlimmerte die ohnehin desaströse Fi-
nanzlage der Partei und verschärfte innerparteiliche Auseinandersetzungen.
Oberdrein beraubte der plötzliche Tod Jürgen Riegers im November 2009 die
Szene der »Freien Nationalisten« eines ihrer wichtigsten Gewährsmänner im
Bundesvorstand.
35
Dies stärkte die Anhänger des »sächsischen Weges« im
Bundesvorstand, deren wichtigster Repräsentant Holger Apfel im November
2011 nach einer Kampfabstimmung gegen den amtierenden Vorsitzenden Voigt
die Führung
übernahm.
Dieser kündigte an, die Zusammenarbeit mit koope-
rationsfähigen »freien Kräften« fortzusetzen, sich aber klar von jenen abzu-
grenzen, die auf »pubertäre Bambule mit der Antifa oder der Polizei«
36
setzten.
Gemeint war insbesondere das Spektrum der »Autonomen Nationalisten«, die
mit ihrem Stil- und Verhaltensrepertoire mehr und mehr normgebend auf den
aktionsorientierten Rechtsextremismus wirkten. Die Partei dürfe
nicht »als
Sektierer oder Bürgerschreck auftreten«.
37
Die guten Vorsätze des neuen Parteivorsitzenden wurden allerdings schon im
Monat seines Amtsantritts nachhaltig konterkariert. Der in der Wirkungsperi-
ode seines Vorgängers
erreichte hohe Grad an Verflechtung mit aktionsorien-
tierten und gewaltgeneigten Szenen brachte die NPD in die Schlagzeilen,
nachdem die Polizei am 4. November 2011 in einem Wohnmobil bei Eisenach
zwei aus der thüringischen
Neo-NS-Szene bekannte Männer, Uwe Böhnhardt
und Uwe Mundlos, tot aufgefunden hatte. Im Wohnmobil wurden die Dienst-
waffen zweier Heilbronner Polizisten sichergestellt, die im April 2007 einem
Pistolenattentat zum Opfer gefallen waren. Mit einer Schusswaffe, die Sicher-
heitskräfte
in der Wohnung der Männer in Zwickau entdeckten, war in den
Jahren 2000 bis 2006 eine Mordserie u.a. an Betreibern von Döner-Imbiss-
ständen verübt worden.
38
Wenige Tage später stellte sich die Gefährtin der beiden
Männer, Beate Zschäpe. Gegen sie wurde Haftbefehl wegen des Verdachts der
»Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und
versuchtem Mord sowie der schweren Brandstiftung« erlassen. Die von ihr mit
den Komplizen gegründete
Gruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU)
habe das Ziel verfolgt, »aus einer fremden- und staatsfeindlichen Gesinnung
heraus vor allem Mitbürger
ausländischer Herkunft zu töten«.
39
Insgesamt neun
Menschen, acht türkischer, einer griechischer Herkunft, seien ihr in Nürnberg,
Hamburg, München, Rostock, Dortmund und Kassel zum Opfer gefallen. Per-
sonelle Verbindungen zur NPD gerieten rasch in den Mittelpunkt
öffentlicher
35 Vgl. Philippsberg, Biographisches Porträt: Jürgen Rieger.
36 Apfel, Volksnah und zukunftsorientiert.
37 Apfel, Der Aufbruch in die Zukunft.
38 Vgl. Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, Pressemitteilung Nr. 35 vom 11. 11.
2011.
39 Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, Pressemitteilung Nr. 37 vom 13. 11. 2011.
70
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Aufmerksamkeit. Genannt wurde u. a. Ralf Wohlleben, »der als aktives NPD-
Mitglied zugleich ein Verbindungsglied zwischen Rechtsterror und rechtsex-
tremer Partei gewesen sein könnte«.
Angeblich habe er »gemeinsam mit einem
anderen Rechtsextremen in Altlobeda […] ein Wirtshaus gekauft […], das als
Treffpunkt der
örtlichen
Szene diente und den Namen ›Braunes Haus‹ […] trägt.
Der Mann wird verdächtigt, beim Untertauchen 1998 einer der ersten Helfer der
Gruppe gewesen zu sein, möglicherweise auch einer derjenigen, die Geld bei
sogenannten ›Solidaritätskonzerten‹ der rechten Szene bei Böhnhardt, Mundlos
und Beate Z. sammelten.«
40
Am 29. November 2011 wurde Wohlleben in Jena
von Beamten des thüringischen Landeskriminalamtes verhaftet. Er sei dringend
verdächtig, der Terrorgruppe NSU »2001 und 2002 eine Schusswaffe nebst
Munition verschafft zu haben«.
41
Die neu gewählte NPD-Führung distanzierte
sich zwar eilends von »den abstoßenden Taten des Kriminellen-Trios« und er-
klärte, »dass sie Terrorismus und Gewalt jedweder politischer Richtung ablehnt
und aufs Schärfste verurteilt«,
42
konnte damit aber die Wiederbelebung der
Diskussion um ein Verbot der Partei nicht verhindern. Der Verbotsantrag des
Bundesrates vom Dezember 2013 enthält
unter anderem einen Punkt »Solida-
risierung mit Straftätern/NSU-Verfahren«, der exemplarisch die Sympathiebe-
kundung eines Parteifunktionärs für das Vorgehen des NSU dokumentiert.
43
Jedoch dürften
Äußerungen
dieser Art in der Partei keine ungeteilte Zu-
stimmung finden. Die NPD-Strategie zielte im Berichtszeitraum auf die Ge-
winnung von politischem Einfluss mit legalen Mitteln. Gewaltsame Ausschrei-
tungen waren unerwünscht.
Auch NPD-Repräsentanten des »sächsischen
Weges« waren zur Kooperation mit der Kameradschaftsszene bereit, doch
knüpften
sie diese an die Einhaltung bestimmter Spielregeln. Insofern
übte
die
Partei eine gewisse disziplinierende Wirkung aus. Daher distanzierte sich die
NPD-Parteileitung – in Sachsen wie auf Bundesebene – vom aggressiven Auf-
treten »Autonomer Nationalisten« bei Demonstrationen. Allerdings wurde diese
Haltung insbesondere von Vertretern der Jugendorganisation JN nicht unbe-
dingt geteilt, wie folgende
Äußerung
belegt:
»Stellt man in Rechnung, dass in der Vergangenheit tatsächlich ein unerträglicher
Zustand bei der Durchführung von Veranstaltungen und Demonstrationen zur Regel
40 Peter Carstens, Mit viel Hilfe von den Kameraden, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom
22. 11. 2011, S. 4.
41 »Weitere Festnahme im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Mitglieder und Un-
terstützer der terroristischen Vereinigung ›Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)‹«, Der
Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, Pressemitteilung Nr. 41 vom 29. 11. 2011.
42 NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, NPD-Fraktion verurteilt jegliche Form des Terro-
rismus und fordert Aufklärung
über
geheimdienstliche Verstrickungen in Sachen »Döner-
Morde«, Meldung vom 14. 11. 2011.
43 Bundesrat, Antrag auf Feststellung der Verfassungswidrigkeit der NPD, S. 91.
»Rechte«
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geworden ist, wird die Bereitschaft, eigene Aktionen konkret auch mit Gewalt durch-
zusetzen, verständlich. Konzerte und politische Versammlungen können quasi nur
noch unter absurden Bedingungen durchgeführt werden. Auf nationalistischen De-
monstrationen gängeln Polizei und Ordnungsmacht durch Auflagen, Kontrollen und
ähnliches
unter dem Beifall der Medien die Teilnehmer in einem Maße, das längst nicht
mehr hinnehmbar erscheint. Insofern war die Entscheidung, das nicht länger zu dul-
den, durchaus verständlich.«
44
Umgekehrt unterhielten Teile der Kameradschaftsszene ein instrumentelles
Verhältnis zur NPD, solange diese mit ihren Ressourcen Mittel für Aktivitäten
vielfältiger Art bereitstellte. Andere lehnten eine Zusammenarbeit mit dem
»klauende[n] Parteibüttel«
45
grundsätzlich ab. Ungeachtet des konkreten Ko-
operationsverhaltens erbringt die statistische Analyse keine generelle Bestäti-
gung der Stimulations- oder Absorbtionshypothese.
46
Das heißt: Erfolgreiche
NPD-Wahlmobilisierung (wie in Sachsen in den Wahlkämpfen 2004 und 2009)
wirkt sich weder eindeutig fördernd noch drosselnd auf die PMK-rechts-Gewalt
aus. Allerdings lassen sich stimulierende Effekte auf die Konfrontationsgewalt
»gegen Links« feststellen. Für
den Untersuchungszeitraum 2001 bis 2006 ergab
sich in der Zeitreihenanalyse für Sachsen folgender Zusammenhang: Erfolg-
reiche NPD-Wahlmobilisierung sorgt für starke Medienaufmerksamkeit und
intensive Gegenmobilisierung – mit einem Anstieg der Konfrontationsgewalt
»Links gegen Rechts« als Begleiterscheinung. Dies wiederum hat eine Erhöhung
der Konfrontationsgewalt »Rechts gegen Links« zur Folge.
47
Das Wechselspiel
von PMK-rechts und PMK-links bedarf somit verstärkter Aufmerksamkeit in
jenen Regionen (wie in Sachsen), in denen rechtsextreme Parteien steigende
bzw. relativ hohe Stimmenanteile verbuchen.
44 Nagel, Die schwarze Herausforderung, S. 44 f.
45 Meinungsfreiheit, (2006) 12, S. 19 (unpaginiert). Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahl-
mobilisierung, S. 181.
46 Vgl. zur Wechselwirkung rechtsextremer Wahlmobilisierung und politisch motivierter
Gewalt auf europäischer Ebene: Backes/Hintermeyer/Moreau (Hg.), Extr misme et violence.
47 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung, S. 52.
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Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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IV.
Quantitative Beschreibung der Mehrfach- und
Intensivtäter
Von Jan Stoye
Im Untersuchungszeitraum (2001 – 2011) wurden insgesamt 1 683
1
Tatver-
dächtige ermittelt. Davon traten 461
2
mindestens zweimal mit einer Gewalttat in
der PMK-Statistik in Erscheinung. Das ist rund ein Drittel. Diese waren an 471
der 994 erfassten Delikte
3
beteiligt, also an knapp der Hälfte.
Von diesen Mehrfachtätern
(MT) wurden 70 als Intensivtäter (IT) eingestuft,
weil sie mindestens viermal an einer Gewalttat beteiligt waren. Mit 33 wurde
davon fast die Hälfte
als Intensivtäter/lebensbedrohlich (IT-l.) bewertet. Das
heißt, mindestens eine ihrer Taten hätte für das oder die Opfer mit dem Tod
enden können. Diese Gruppe von 70 IT (vier Prozent von allen Tatverdächtigen)
war an 151 Delikten und damit 15 Prozent des Gesamtaufkommens rechter
Gewalt in Sachsen beteiligt. Wie in Abb. 2 deutlich wird, ist der Anteil der Taten
mit Beteiligung von MTund IT bis 2008 relativ konstant. Die absolute Häufigkeit
der Tatbeteiligung verläuft in diesem Zeitraum in etwa parallel zum Gesamt-
1 Diese Zahl ist mit Unsicherheiten behaftet, weil die jeweiligen Jahresdatensätze sich durch
Datenschutzauflagen und Korrekturen nach Gerichtsverfahren in ihrer Zusammensetzung
unterscheiden.
2 Hier gibt es zusätzliche Unsicherheiten durch eine unbekannte Zahl von Tätern mit gleichem
Geburtsdatum.
3 Die Zahl weicht geringfügig von der offiziellen Statistik (vgl. Kapitel 3) ab. Zu Problemen der
Erfassung und Bewertung siehe Kapitel 2.
IT-lebens-
bedrohlich
47%
IT-nicht
lebens-
bedrohlich
MT
53%
85%
IT
15%
Abb. 1: Mehrfach- und Intensivtäter 2001 – 2011
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
aufkommen. In den Jahren 2009 bis 2011 hat sich das jedoch geändert. Die
erfasste Tätergruppe der IT ist nur noch an sieben bzw. acht Delikten im Jahr
beteiligt gewesen, die erfassten MT insgesamt an 28 bis 35. Dies ist vermutlich in
erster Linie auf den Reifungsprozess der Kohorte zurückzuführen.
Mit stei-
gendem Lebensalter nimmt bei der
überwiegenden
Zahl jugendlicher Straftäter
generell die Delinquenz ab. Die Kriminologie spricht hier von Episodenhaftig-
keit.
4
Nicht minder relevant war der ständige hohe Verfolgungsdruck der Si-
cherheitsbehörden.
Die Beteiligung der MIT unterscheidet sich je nach Art des Deliktes. Kör-
perverletzungen stellen mit 335, also rund 70 Prozent, den Hauptteil der Delikte.
Dies entspricht auch dem Anteil an der PMK-Gewaltstatistik insgesamt. Auffällig
ist aber die hohe Zahl der Landfriedensbrüche mit 15 Prozent (MT/IT insge-
samt) bzw. 21 Prozent (IT). Alles in allem waren die MT/IT an 73 von 91
Landfriedensbrüchen
und damit an 80 Prozent beteiligt. Diese werden häufig im
Umfeld von Demonstrationen von einer großen Tätergruppe begangen.
Auch die Mitwirkung an 55 Prozent aller Brandstiftungen war
überdurch-
schnittlich. Zwei der sieben sächsischen Tötungsdelikte verübten MT, aber
keines die IT. An den zwei Sprengstoffdelikten war die Tätergruppe dagegen gar
nicht beteiligt.
4 Bock, Kriminologie, S. 300.
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
Alle
94
111
77
62
91
80
90
125
82
98
84
davonIT
18 18 9 13 19 17 17 19 7
davonMT/IT
49
63
44
29
49
37
38
60
28
39
35
0
20
40
60
80
100
120
140
8 8
Abb. 2: Tatbeteiligung der Mehrfach- und Intensivtäter an PMK-Gewalt 2001–2011
74
Quantitative
Beschreibung
der
Mehrfach-
und
Intensivtäter
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Tab. 2: Tatbeteiligung der Mehrfach- und Intensivtäter an PMK-Gewalt 2001 – 2011 nach
Delikten
Tatbestand
PMK-Gewalt
gesamt
mit Beteiligung
von MT/IT
mit Beteiligung
von IT
Körperverletzung
774
335
98
Landfriedensbruch
91
73
32
Brandstiftung
44
24
8
Widerstand
35
16
4
Raub/Diebstahl/
Erpressung
27
13
1
Tötung
7 2 0
gefährliche Ein-
griffe
5 51
Sprengstoff
2 0 0
Auch bei den Themenfeldern unterscheiden sich die Taten mit Beteiligung von
MT/IT vom Gesamtaufkommen der PMK-Gewaltstatistik. 195 (41 Prozent) der
Taten wurden dem Themenfeld »Konfrontation – Gewalt gegen links« zuge-
ordnet. Insgesamt wurde jedoch nur ein Drittel der PMK-Gewalt unter diesem
Punkt erfasst (vgl. Tab. 3). Bei den IT ist dieser Anteil mit fast zwei Dritteln noch
höher.
An 58 Prozent der Konfrontationsgewalt »gegen Links« waren MT/IT
beteiligt.
Allein die Gruppe der 70 ITwar an fast 30 Prozent derartiger Delikte beteiligt.
Das ist ein
überproportionaler
Anteil. Nimmt man noch die 19 Fälle sonstiger
Konfrontationsgewalt dazu, so kann man schlussfolgern, dass sich die Straftaten
der IT vor allem gegen zumindest so empfundene politische Gegner richteten.
Tab. 1: Tatbeteiligung der Mehrfach- und Intensivtäter an PMK-Gewalt 2001 – 2011
Jahr
alle
davon MT/IT
davon IT
2001
94
49
17
2002
111
63
18
2003
77
44
9
2004
62
29
13
2005
91
49
19
2006
80
37
16
2007
90
38
17
2008
125
60
19
2009
82
28
7
2010
98
39
8
2011
84
35
8
Summe
994
471
151
Quantitative
Beschreibung
der
Mehrfach-
und
Intensivtäter
75
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Die Beteiligung an fremdenfeindlichen Gewalttaten ist dagegen mit 20 von 253
weit unterdurchschnittlich.
Tab. 3: Tatbeteiligung der Mehrfach- und Intensivtäter an PMK-Gewalt 2001 – 2011 nach
Themenfeldern
Tatbestand
PMK-
Gewalt
gesamt
MT/IT-
Gesamt
MT/IT-
Gesamt
Anteil in
Prozent
IT-
Gesamt
IT-Gesamt
Anteil in
Prozent
Konfrontation gg.
Links
336
195
58,04
98
29,17
fremdenfeindlich
253
104
41,11
20
7,91
Konfrontation gg.
sonstige politi-
sche Gegner
93
57
61,29
19
20,43
Sonstige und
mehrfach
273
115
42,12
16
5,86
Die Dauer der statistisch erfassten Gewaltkarriere der Intensivtäter variiert sehr
stark. 24 von 70 Tätern begingen ihre vier oder mehr Taten innerhalb von nur
zwei bis fünf Monaten. 18 waren zwischen einem halben Jahr und zwei Jahren
aktiv. Nur bei 26 Tätern betrug der Abstand zwischen erster und letzter Tat mehr
als zwei Jahre. Damit endet bei 63 Prozent der Täter die Karriere laut Statistik
nach zwei Jahren. Dagegen war ein Drittel der Tätergruppe länger aktiv. Aber
lediglich zwei Einzelfälle tauchen
über
den langen Zeitraum von mehr als sieben
Jahren (94 bzw. 121 Monate) auf. Im Durchschnitt betrug der Abstand zwischen
erster und letzter Tat 23,5 Monate.
Tab. 4: Dauer zwischen erstem und letztem Gewaltdelikt der IT
Mittelwert
bis 6 Monate
7–24 Monate
>
24 Monate
IT (ohne l.)
20,3
13
12
12
IT-l.
29,9
13
6
14
IT gesamt
23,5
26
18
26
Dabei unterscheiden sich die IT mit (IT-l.) und ohne lebensbedrohliche Delikte.
Zwar endet jeweils bei etwa einem Drittel beider Gruppen von IT – soweit
bekannt – im ersten halben Jahr die PMK-Gewaltkarriere, die IT-l. weisen aber
zwischen erster und letzter Tat im Durchschnitt mit knapp 30 Monaten einen
höheren
Abstand auf. 14 von 33 dieser Täter waren länger als zwei Jahre aktiv.
Auch die zwei Täter mit der längsten Dauer gehörten zu dieser Gruppe. IT-l.
wurden also
über
längere Zeiträume hinweg mit politisch motivierten Gewalt-
delikten auffällig. Insgesamt zwei Drittel der IT ohne Beteiligung an lebensbe-
drohlichen Delikten erscheinen dagegen nach spätestens zwei Jahren nicht mehr
76
Quantitative
Beschreibung
der
Mehrfach-
und
Intensivtäter
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
in der PMK-Statistik. Im Durchschnitt dauert ihre Gewaltkarriere »nur« 20,3
Monate. Die Ursachen für das Ende der delinquenten Karrieren sind vielfältig:
Staatliche Repressionsmaßnahmen und Inhaftierungen, Ausstiege aus oder
Aufstiege sowie Rollenwechsel in der Szene erscheinen plausibel. In vielen Fällen
ist von Ursachenbündeln auszugehen, die in der vorliegenden Studie aufgrund
der Datenlage nicht nachzuvollziehen waren. Weitere Forschungen zur Frage
»Wie enden Gewaltkarrieren?« könnten
wichtige Einsichten zu den Verläufen
der Mehrfachdelinquenz und zur Beurteilung der Erfolgschancen präventiver
wie repressiver Interventionen zutage fördern.
Noch größer
ist der Unterschied nach Handlungsweise. Für 36 IT konnte
anhand der Datenlage zwischen
expressivem
und
instrumentellem
Handeln
unterschieden werden. Expressives Verhalten zeichnet sich typischerweise
durch Territorialverhalten, allgemeine Fremdenfeindlichkeit und Feindseligkeit
gegen das »Unmännliche«
aus. Gewaltdelikte werden ungeplant und maßlos
ohne Ziel begangen.
5
Instrumentell handeln dagegen Täter, die mit der geplanten
Tat ein
übergeordnetes
politisches Ziel verfolgen. Dies erfordert ein gewisses
Maß an Ideologisierung.
6
Während expressiv handelnde Täter eine durchschnittliche Deliktskarriere
von knapp 15 Monaten aufweisen, erstreckt sie sich bei instrumentell han-
delnden Tätern
auf
über
38 Monate. Auch die beiden o. g. Einzelfälle mit extrem
langen Abständen zwischen erster und letzter Tat gehören zu dieser Kategorie.
Dagegen liegen nur bei einem einzigen instrumentell handelnden Täter weniger
als sechs Monate zwischen erster und letzter Tat. Instrumentell handelnde In-
bis 6
Monate
7-24
Monate
>24
Monate
IT-nicht lebensbedrohlich
13
12
12
IT-lebensbedrohlich
13
6
14
0
2
4
6
8
10
12
14
16
Abb. 3: Dauer zwischen erstem und letztem Gewaltdelikt der IT/IT-l.
5 Vgl. Kohlstruck, Rechtsextremistische Milieus und Gewalt, S. 5 ff.
6 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung, S. 16.
Quantitative
Beschreibung
der
Mehrfach-
und
Intensivtäter
77
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
tensivtäter begehen also meist
über
längere Zeiträume hinweg politisch moti-
vierte Gewalttaten.
Tab. 5: Dauer zwischen erstem und letztem Gewaltdelikt der IT nach Handlungsweise
Handlungsweise
Mittelwert
bis 6 Monate
7–24 Monate
>
24 Monate
expressiv
15
9
2
9
instrumentell
38
2
8
6
Für die Intensivtäter lagen genug Daten vor, um eine Einstufung nach dem Grad
der Ideologisierung vornehmen zu können. Der verwendete Punkte-Index setzt
sich aus acht Merkmalen zusammen. Diese haben jeweils unterschiedliche Aus-
prägungen.
Wenn zumindest eine Ausprägung vorhanden war, wurde ein Punkt
vergeben. War keine Ausprägung zutreffend, wurden null Punkte vergeben.
Tab. 6: Kriterien für den Ideologisierungsgrad
Kriterien
Ausprägungen
explizites Bekenntnis zu
rechtsextremer Ideologie
Aussagen in Prozessen,
Vernehmungen,
Gutachtergesprächen
NPD-Bezug
Mitgliedschaft, Mitgliedschaft in Vorfeld-Organisationen,
lose Zusammenarbeit
Anführer
maßgebliches Lenken einer Gruppe
Demonstrationsbezug
Anmeldung, Teilnahme
Medienaktivität
Konsument rechtsextremer Medien, Produzent, Musiker,
Redakteur
Besitz von Propaganda-
mitteln
Schriften, Tonträger
,
NS-Devotionalien,
historische NS-Schriften
öffentliche
Hetze
Grölen von Parolen
Teilnahme an Gewaltdis-
kursen
Beiträge zu PMK-Gewalt in Online-Foren, Blogs, Zeit-
schriften
Die einzelnen Merkmale wurden addiert, um die Täter in eine der vier Kate-
gorien einstufen zu können. Diese reichen von »kaum ideologisiert« (0 Punkte),
»niedrig« (1–3 Punkte) bis hin zu »hoch« (4–6 Punkte) und »extrem ideolo-
gisiert« (7 – 8 Punkte).
Nur fünf
Täter wurden danach als »extrem ideologisiert« eingestuft. Diese
vereinen alle oder fast alle Merkmale eines ideologiegetriebenen Täters auf
sich. 13 weitere wiesen zumindest vier bis sechs zutreffende Merkmale auf. Bei
32 lagen mindestens ein bis drei zutreffende Merkmale vor. Meist war dies die
Teilnahme an einer Demonstration. Vier Täter
waren dagegen kaum bzw. wenig
von einer rechtsextremen Ideologie durchdrungen, denn bei ihnen traf keines
der verwendeten Merkmale zu. Zu den restlichen 16 IT konnten aufgrund der
78
Quantitative
Beschreibung
der
Mehrfach-
und
Intensivtäter
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
fehlenden Informationen keine Aussagen getroffen werden. Der Gesamtbefund
deckt sich nur eingeschränkt mit den Ergebnissen der bisherigen empirischen
Täterforschung zum Rechtsextremismus.
7
Danach finden sich explizit politische
oder ideologische Motive nur bei einer kleinen Minderheit rechter Gewalttäter.
Bei den IT dieser Studie ist es aber rund ein Drittel.
Die räumliche
Verteilung der Täter in Sachsen ist ungleichmäßig. Ein
knappes Drittel aller Mehrfachtäter hatte bei seiner letzten Tat den Wohnsitz im
Großraum Dresden (Postleitzahlgebiet 01…). Hier konzentriert sich auch fast
die Hälfte der Intensivtäter. Der Schwerpunkt liegt dabei im Gebiet der rechten
Hochburg Pirna/Sächsische Schweiz.
8
Im Großraum Leipzig (Postleitzahlgebiet 04…) wohnten zwar auch 106 MT,
aber nur elf IT. Dagegen ist deren Zahl im Raum Chemnitz (Postleitzahlgebiet
09…) bei annähernd
gleicher Zahl an MT doppelt so hoch. Auch hier befand sich
mit Mittweida (»Sturm 34«) im Untersuchungszeitraum eine Hochburg der
gewaltbereiten Szene.
9
In der Lausitz (Postleitzahlgebiet 02…) und im Vogtland
(ein IT) einschließlich der Städte Zwickau und Plauen (Postleitzahlgebiet 08…)
wohnten jeweils knapp
über
30 MT. Die restlichen 45 MT (davon drei IT) hatten
ihren Wohnsitz zum Zeitpunkt der letzten Tat nicht in Sachsen; das sind weniger
als zehn Prozent.
7 Vgl. Kohlstruck/Münch, Hypermaskuline Szenen und fremdenfeindliche Gewalt; Rechte
Gewalt in Berlin.
8 Vgl. Backes/Mletzko/Stoye, NPD-Wahlmobilisierung, S. 144 ff.
9 Vgl. ebd., S. 149 ff.
22,9%
5,7%
45,7%
18,6%
7,1%
keine Angaben
kaum (0 Punkte)
niedrig (1-3 Punkte)
hoch (4-6 Punkte)
extrem (7-8 Punkte)
Abb. 4: Einstufung der Intensivtäter nach Ideologisierungsgrad
Quantitative
Beschreibung
der
Mehrfach-
und
Intensivtäter
79
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Anzahl
Gesamt
Großraum
Dresden
(PLZ 01…)
Großraum
Chemnitz
(PLZ 09…)
Großraum
Leipzig
(PLZ 04…)
Großraum
Vogtland
(PLZ 08…)
Großraum
Lausitz
(PLZ 02…)
Sonstige
MT
461
146
99
106
34
3
5
davonIT
70
33
22
11
1
0
0
100
200
300
400
500
1
4
3
Abb. 5: Räumliche Verteilung der Mehrfach- und Intensivtäter in Sachsen
80
Quantitative
Beschreibung
der
Mehrfach-
und
Intensivtäter
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
 
V.
Täter
Von Michail Logvinov
Für die Täterdatei wurden zu 70 sächsischen IT personenbezogene Akten, die
sich in der Regel aus mehreren Justizakten zusammensetzen, erstellt und mit
Hilfe einer Datenbank ausgewertet. Neben den biographischen Variablen wur-
den unter anderem ideologische Einflüsse/Aktivitäten
und die Zugehörigkeit zu
rechten Gruppen dokumentiert. Um die
Überprüfbarkeit
bzw. Vergleichbarkeit
der gewonnenen Informationen mit früheren wissenschaftlichen Erkenntnissen
über
rechte Gewalt zu gewährleisten, werden hier einige frühere Studien zum
Vergleich herangezogen.
1
1.
Soziobiographische Perspektive
1.1.
Geschlecht und Alter im PMK-Vergleich
Alle ermittelten IT sind Männer. Der Frauenanteil an der Gesamtpopulation der
MIT (n
=
461) beträgt lediglich drei Prozent. Ein signifikanter Anstieg der
Anzahl rechter (Mehrfach-)Täterinnen kann anhand der für diese Studie aus-
gewerteten Daten nicht bestätigt werden.
2
Dies gilt jedoch nicht zwangsläufig für
die tatbegleitenden Umstände und/oder das Engagement der Frauen in den
rechten Szenen. Die in den Gerichtsakten vorhandenen Informationen
über
die
Umfelder der rechten Gruppen legen den Schluss nahe, dass der Frauenanteil
dort höher
ist als gemeinhin angenommen. Jedenfalls widerlegt ein Blick in die
Ermittlungsakten die gängige Behauptung, es handele sich um einsame Männer
bzw. reine Männerbünde, die ihren (sexuellen) Frust mit Gewalt abreagieren.
Zwar ist die Anzahl der Frauen in den linken Szenen höher, dennoch sind auch in
den rechten Gruppen bzw. ihren Umfeldern viele Frauen (bis zu 20 Prozent)
vertreten. Sie nehmen verschiedene »Funktionen« wahr: Rechte Frauen richten
1 Vgl. Willems u. a., Fremdenfeindliche Gewalt; Wahl (Hg.), Skinheads; Frindte/Neumann
(Hg.), Fremdenfeindliche Gewalttäter; Willems/Steigleder, Täter-Opfer-Konstellationen.
2 Vgl. Willems/Steigleder, Täter-Opfer-Konstellationen, S. 64.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
Feiern aus, fungieren als Fahrerinnen, die die »Jungs fürs Grobe« zum Tatort
bringen, oder als Lockvögel, sie sichern die Tatorte ab, lösen aber auch das
Gewaltgeschehen durch Provokationen unmittelbar aus bzw. feuern die Schläger
an. In wenigen Fällen schlagen sie auch zu oder werden von Mittätern daran
gehindert.
3
Rechte Gewalttäter sind in der Regel zwischen 14 und 25 Jahren alt, wobei die
Gruppe der 18- bis 20-Jährigen eine knappe Mehrheit (46 Prozent) ausmacht,
dicht gefolgt von jugendlichen Gewalttätern im Alter zwischen 14 und 18 Jahren
(41,5 Prozent). IT im Alter von
über
21 Jahren sind mit etwa zehn Prozent
vertreten, während lediglich zwei IT erfasst wurden, die
älter
als 25 Jahre waren.
Einige wenige Täter begannen ihre Gewaltkarrieren im Alter unter 14 Jahren.
Somit kann der Trend zum Anstieg der
älteren
Täter nur eingeschränkt bestätigt
werden (vgl. Abb. 1).
4
3 So beteiligten sich zwei Frauen an der Gewaltserie einer Leipziger Gruppe (»Leipzig 01«)
sowohl durch Provokationen als auch aktiv. In einem Fall soll eine Beschuldigte ihren
Kampfhund auf ein ausländisches Opfer gehetzt haben. Der Hund griff allerdings nicht an. Ein
Tatbeteiligter
äußerte
in einem anderen Fall
über
eine weibliche Täterin: »Die ›E.‹ wollte auch
mal [auf das Opfer eintreten – M. L.]. Wir mussten sie regelrecht wegzerren.« (StA Leipzig,
Az. 302 Js 16068/01).
4 Vgl. Willems/Steigleder, Täter-Opfer-Konstellationen, S. 68.
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
Gesamt
1.790 1.496 1.103 1.159 2.050 1.772 1.563 1.526 1.149 1.140 1.166
davon weiblich
105 97 58 81 90 110 141 80 65 63 55
Kinder
18
24
6
4
5
12
9
8
6
14
Jugendliche
599
459
267
317
531
337
330
268
178
199
182
Heranwachsende
575
468
354
331
602
476
469
462
295
288
206
Erwachsene
598
545
476
507
912
947
755
788
670
645
764
0
500
1.000
1.500
2.000
2.500
8
Abb. 1: Rechte Täter (PMK gesamt) nach Geschlecht und Alter (Quelle: Jahreslageberichte des
LKA Sachsen)
82
Täter
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
 
1.2.
Herkunftsfamilien und Familienstand
Die Rechtsextremismusforschung hebt seit längerem die zerrütteten Familien-
verhältnisse und defizitären Familienstrukturen rechter Gewalttäter hervor.
»Broken home«, »Scheidungskinder« und »Heimkarrieren« sind dafür weit
verbreitete Bezeichnungen. Mit den im Projekt gewonnenen Daten lässt sich
dieser Befund allerdings nicht eindeutig bestätigen, denn im Hinblick auf die
Familienstrukturen der IT ist festzuhalten, dass sie in
über
50 Prozent der Fälle
intakt waren. Scheidungskinder bzw. IT aus unvollständigen Familien mit per-
sistent negativem Erziehungsklima scheinen dabei kaum in der
Überzahl
zu
sein. Gewaltstraftäter weisen demnach ganz unterschiedliche Herkunftsumfel-
der auf. Setzt man die Familienstrukturen in Bezug zum Erziehungsstil der
Eltern bzw. zum familiären
Klima der IT, sind vier idealtypische Fälle zu un-
terscheiden:
(1) intakte Familienstruktur mit einem positiven Familienklima,
(2) intakte Familienstruktur mit einem negativen Familienklima,
(3) nicht intakte Familienstruktur mit einem positiven Familienklima,
(4) nicht intakte Familienstruktur mit einem negativen Familienklima.
Obwohl die rechten IT aus allen vier Familientypen und ganz unterschiedlichen
sozialen Schichten stammten, wobei die Berufspalette der Eltern von
Ärzten,
DEKRA-Gutachtern und Erzieherinnen
über
Berufskraftfahrer und Handwerker
bis hin zu Arbeitslosen bzw. Ein-Euro-Jobbern reichte, begünstigten vor allem
die Unterkategorien 2 und 4 die Entwicklung schädlicher Neigungen bei Ju-
gendlichen. Auch alleinerziehende Elternteile (Typ 3) bzw. intakte Familien mit
positivem Familienklima hatten aufgrund der Erziehungsdefizite (»Überbehü-
tung« oder Zeitmangel) in einigen Fällen die Annäherung der Jugendlichen an
rechte Gruppen nicht unterbinden können.
Die absolute Mehrheit der untersuchten Gewalttäter war ledig, was angesichts
ihres mehrheitlich jungen Alters nicht zu
überraschen
vermag. Darin liegt auch
die Tatsache begründet, dass ein Gros der IT in ihrem Elternhaus wohnt(e).
Lediglich knapp 15 Prozent lebten zum Zeitpunkt der ersten Tat in den eigenen
vier Wänden,
wobei in einigen Fällen eine
Überforderung
durch den Haushalt
vorlag, so dass von einer selbstständigen Lebensweise kaum die Rede sein kann.
Etwa 20 Prozent der Täter hatten eine feste Freundin und/oder lebten in einer
Lebensgemeinschaft. In einigen wenigen Fällen (unter zehn Prozent) liegen
Informationen
über
Kinder vor, die während der Gewaltkarriere zur Welt
kamen. Dass der Nachwuchs den Ausstieg aus der rechten Szene fördert, lässt
sich mit den vorhandenen Daten nicht mit Gewähr behaupten. Lediglich in
einem Fall war der Ausstieg eindeutig auf die Geburt des Kindes zurückzufüh-
ren. In einem markanten Fall führte die Normalisierung der Lebenssituation vor
Soziobiographische
Perspektive
83
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
 
einem anstehenden Haftantritt gar zu einem weiteren, expressiven Gewaltdelikt
gegen einen Polizeibeamten.
5
1.3.
Schul- und Berufsausbildung
Aussagen
über
die berufliche Situation der MIT gestalten sich schwierig, denn es
lässt sich nicht ausreichend nachvollziehen, wie ihre Karrieren verlaufen. Eine
Inhaftierung zieht in der Regel einen Abbruch der Berufsausbildung nach sich.
Handelt es sich um eine kurzfristige (Untersuchungs-)Haft, ist nicht auszu-
schließen,
dass der ehemalige Auszubildende eine zweite Chance im Ausbil-
dungsunternehmen bekommt. Zudem absolvieren die inhaftierten Täter oft eine
Ausbildung in den JVAs, was für sie einen Neubeginn nach der Haftentlassung
bedeuten kann. Solche Karriereverläufe können nur in seltenen Fällen lückenlos
verfolgt werden.
Angesichts des mehrheitlich jungen Alters der Täter
verwundert es kaum,
dass lediglich etwa zehn Prozent der erfassten Personen eine feste Arbeitsstelle
hatten. Die Zahl der arbeitslosen IT, sofern sie keine Schüler
waren, ist im
Landesdurchschnitt
überrepräsentiert.
Auch ITmit abgeschlossener Ausbildung
(ca. 20 Prozent) waren
überdurchschnittlich
oft arbeitslos. Etwa ein Drittel der
Täter befand sich zum Zeitpunkt der erste(n) Tat(en) in einer Berufsausbildung
bzw. absolvierte ein Berufsvorbereitungsjahr, wiederum mehr als ein Drittel der
IT hatten während
ihrer Gewaltkarrieren eine Ausbildung abgebrochen (in ei-
nigen Fällen mehrmals). Lediglich in Ausnahmefällen ging die Lehrstelle aus
betrieblichen oder gesundheitlichen Gründen verloren. Viel
öfter
spielten Ver-
haltensauffälligkeiten und Disziplinprobleme wie Fehlzeiten sowie Strafver-
fahren und Inhaftierungen eine Rolle. In einem Fall machte das Strafverfahren
gegen einen Gebirgsjäger
der Bundeswehr mit Spezialausbildung seine Pläne
zunichte, sich als Berufssoldat zu verpflichten.
Insgesamt dominieren einfache Ausbildungsberufe wie Koch, Maler/La-
ckierer, Teilezurichter, Hochbau- bzw. Tiefbaufacharbeiter, Fliesenleger oder
Fleischfachverkäufer
das Berufsbild der IT. Ausbildungsberufe wie Assistent für
Informatik, Anlagen- und Maschinenführer, Bürokaufmann oder Kfz-Mech-
atroniker sind demgegenüber unterrepräsentiert. Etwa 20 Prozent der Täter
entschied sich während der Haft für eine (weitere) Berufsausbildung und ver-
band damit positive soziale und berufliche Erwartungen, was dafür spricht, die
5 (TI) B: »Aber habe noch 1,4 Bewährung drauf gekriegt, also drei Jahre, zwei Monate. Weil bei
der Festnahme habe ich noch einen Beamten angestochen gehabt, mit einem Dönermesser.
Mit einem Dönermesser! Muss man sich mal
überlegen.
– I: Wie kam es dazu? – B: In der Zeit
hatte ich halt drei Haftbefehle gehabt. Ich wollte halt nicht rein, weil draußen alles so gut lief:
Arbeit, Freundin, Kind.«
84
Täter
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
 
Resozialisierungsmaßnahmen verstärkt anzubieten. Dabei bringen insbeson-
dere IT mit technischen Berufen während ihrer Zweitausbildung in Haft gute
Leistungen. So zählte beispielsweise ein Assistent für Informatik, der aus Des-
interesse an diesem Beruf in das Hotelgewerbe wechselte, zu den leistungs-
stärksten
Gefangenen seiner Gruppe.
Die IT in Berufsausbildung erzielten in der Regel ein geringfügiges monat-
liches Nettoeinkommen unter 500 Euro. Im Durchschnitt verdienten sie zwi-
schen 250 und 350 Euro. Eine vergleichsweise geringe Gruppe von ca. zehn
Prozent verfügte
über
500 bis 1 000 Euro im Monat, während ein Gehalt in Höhe
von 1 000 bis 1 500 Euro eher eine Ausnahme war. Erfolgreiche »Bewegungs-
unternehmer« unter den IT sind ebenfalls selten, aber durchaus vorhanden
(beispielsweise Betreiber der Szeneläden).
Sehr hoch sind demgegenüber die
Schuldenlasten der MIT, die größtenteils aus Verfahrenskosten und Schadens-
ersatzansprüchen der Opfer resultieren und die wirtschaftliche Deprivation der
Täter potenzieren.
»Einfache« Berufe und geringfügiger Verdienst lassen sich größtenteils mit
den niedrigen Schulabschlüssen der Täter erklären. Denn
überproportional
viele IT (über 75 Prozent) weisen Haupt-, Real- und Förderschulabschlüsse auf.
Darüber hinaus musste das Gros der Täter inklusive der Gymnasiasten eine oder
mehrere Klassen wiederholen. IT ohne Schulabschluss machen knapp 15 Pro-
zent aus. Obwohl Abiturienten unter den untersuchten IT (eine Person) unter-
repräsentiert
sind, entstand in einem Fall in Glauchau eine rechtsextreme
Gruppe (»Glauchauer Jungs«), deren Kernmitglieder sich aus dem Gymnasium
kannten. Studierende gab es unter den untersuchten IT nicht.
1.4.
Psychosoziale bzw. psychische Belastungen
Die Autoren der vorliegenden Studie halten pathologische Ansätze zur Erklä-
rung rechter Gewalt
6
für wenig
überzeugend,
denn etwa die klinischen Erfah-
rungen von Annette Streeck-Fischer
7
lassen erkennen, dass das Versagen in der
6 Vgl. Marneros, Hitlers Urenkel bzw. Marneros/Steil/Galvao, Der soziobiographische Hinter-
grund. Marneros stellte seine Befunde aus psychopathologischer Perspektive dar, um kri-
minogene soziobiographische Hintergründe auszuleuchten. Demnach stammten fast
70 Prozent der rechten Gewalttäter aus zerrütteten Familien. Bis zu 80 Prozent der Täter
hätten ein niedriges oder sogar sehr niedriges Bildungsniveau, wobei es bei einem Viertel der
Untersuchten Hinweise auf eine intellektuelle Minderbegabung gebe. 89 Prozent der Ge-
walttäter hätten zudem nicht einmal ansatzweise eine gnosiologisch fundierte Ideologie. Aus
der defizittheoretischen Sicht erscheinen die erfassten Faktoren als ausschlaggebend, wobei
ideologische Motive und Gruppendynamiken eher keine Rolle spielten. Auch Willems u.a.
(Fremdenfeindliche Gewalt, S. 168) sprechen von kognitiven Defiziten rechter Gewalttäter.
7 Vgl. König, Die rechte Subkultur, S. 210.
Soziobiographische
Perspektive
85
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Schule als Risikofaktor nicht zwangsläufig mit kognitiven Defiziten oder intel-
lektueller Minderbegabung zusammenhängen muss. Auch emotionale Konflikte
bzw. psychosoziale Belastungen und (aggressiv-)provozierendes Verhalten
können
zu »Lernschwächen« führen – und zwar dann, wenn ungehorsame, laute
und/oder provozierende Schüler durch schlechte Zensuren gestraft werden.
Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen dürfen kognitive, emotionale sowie
psychische Belastungen der Täter als Risikofaktoren nicht ausgeblendet werden.
Bei etwa einem Viertel der analysierten IT ließen sich in Akten Hinweise auf
psychische Störungen und andere psychologische Belastungen bzw. Entwick-
lungsbeeinträchtigungen finden. In elf Fällen handelte es sich um Lernbeein-
trächtigungen wie Lese-Rechtschreib-Schwächen, emotionale Instabilität in-
klusive hoher Frustrationsneigungen oder um allgemeine, nicht näher konkre-
tisierbare »Reife- und Entwicklungsdefizite«, die in Urteilsschriften Erwähnung
fanden. Bei einer weiteren Person stellte das Gericht schädliche Neigungen fest
und forderte den Täter zu regelmäßiger
ärztlicher
Betreuung auf. Zwei IT litten
unter einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), die
medikamentös behandelt wurde. In einem der Fälle verzichtete der Täter teil-
weise auf die Einnahme von Medikamenten, da er sich nach eigenen Angaben
»besonders im Freizeitbereich eingeschränkt«
sah. Drei der IT litten unter
gravierenden psychischen Störungen. In zwei Fällen ging es um Schizophrenie,
wobei beide Personen klinisch behandelt wurden. Ein weiterer, familiär sehr
vorbelasteter IT hatte in der 7. Klasse so starke Depressionen, dass ein Klinik-
aufenthalt erforderlich war. In einer der eingesehenen Akten wird darüber
hinaus ein Selbstbericht eines IT
über
mehrmonatige sexuelle Nötigung in der
4. Klasse durch einen
älteren
Mitschüler zitiert. Trotz Therapien hielt die in-
folgedessen festgestellte Enuresis bis zum 14. Lebensjahr an. Ab der 7. Klasse
traten zahlreiche Verhaltensprobleme in der Schule auf, so dass der Jugendliche
kurz darauf den Schulbesuch verweigerte, zunehmende Aggressivität
an den Tag
legte und sich einer rechten Clique anschloss. Die Intervention des Jugendamtes
(Heim-/Wohngruppenunterbringung) schlug fehl.
Wie voraussetzungsvoll die moderierende Wirkung unterschiedlicher Be-
einträchtigungen
sein kann, zeigt das nachfolgende Beispiel besonders deutlich.
Bei einem der IT handelte es sich um einen jungen Mann, der bis zum 14. Le-
bensjahr Radsport als Leistungssport betrieben hatte und die sportlichen Ak-
tivitäten
aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Seine sprachliche
Beeinträchtigung fiel während der Sportkarriere kaum ins Gewicht. Nach dem
erzwungenen Verzicht auf den Radsport schloss er sich einer rechtsorientierten
Clique an. Der psychologische Dienst einer JVA merkt dazu treffend an:
86
Täter
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»K. fiel es schwer, Sozialkontakte zu knüpfen, da sein Vermögen, sich verbal auszu-
drücken, begrenzt war (bzw. noch zum Teil zum jetzigen Zeitpunkt ist). K.s proble-
matisches Verhalten entwickelte sich im Zusammenhang mit seinem Freizeitumfeld.
Sowohl seine Gesinnung, die er als ›rechtsgerichtet‹ bezeichnet, festigte sich in diesem
Kontext als auch das zunehmend unkontrollierte Trinkverhalten.«
Zum Anschluss an die deviante Gruppe heißt es weiter :
»Ein Grund dafür, dass sich K. derart unmittelbar und fest in diese Gruppe integrierte,
könnte in seinem eingeschränkten sprachlichen Vermögen zu sehen sein. Innerhalb
dieser Gruppe könnte die Anforderung an einen geschliffenen differenzierten
Sprachgebrauch eher gering gewesen sein, so dass K. hier die Möglichkeit der Aner-
kennung und der Bestätigung fand.«
8
In der Tat ermöglichen die nicht elaborierten Sprachcodes sowie die gewalt-
orientierten und körperbetonten Umgangsformen rechter Szenen eher eine
gleichberechtigte Mitgliedschaft als linksorientierte »sozialphilosophierende«
Kreise. Das Beispiel zeigt zugleich, dass Aussagen
über
die Wirkungsweise der
Risikofaktoren mit Vorsicht zu treffen sind.
2.
Gewaltdynamische Perspektive
2.1.
Verhältnis zwischen PMK-Gewalt- und AK-Delikten
Politisch motivierte Straftaten der untersuchten IT bildeten den Schwerpunkt
dieser Studie. Nichtsdestotrotz stellt die Gruppe der Mehrfachauffälligen mit
polizeilichen Vorerkenntnissen nur im PMK-Bereich eine Minderheit von
ca. 15 Prozent dar. Die ITsind also auch mit allgemeinkriminellen Delikten hoch
belastet. Die Kombination aus AK- und PMK-Vorerkenntnissen lässt
sich bei
mindestens zwei Dritteln der IT feststellen. Somit bestätigen die vorliegenden
Daten die Trendaussagen der polizeilichen PMK-Statistik.
Dabei sind unter Ausschluss der AK-resistenten IT und der gewaltlosen De-
likte wie Fahren ohne Fahrerlaubnis oder Diebstahl zwei idealtypische Verläufe
zu unterscheiden. Einerseits findet der Einstieg in die gewaltaffinen Szenen in
mehrheitlich jungem Alter nach AK-Straftaten statt, so dass die jeweiligen Täter
bereits vorher
über
ein hohes Gewaltpotential und entsprechende »Gewalt-
kompetenzen« verfügen. Andererseits führt der Anschluss an deviante rechte
Gruppen zur Senkung der Hemmschwelle für AK-Delikte. Wenn es sich dabei
nicht um eine Sondergruppe der Beschaffungskriminalität handelt, lässt sich
daraus auf die fördernde Rolle der PMK auf die Allgemeinkriminalität schließen.
8 JVA Leipzig, Gefangenen-Personalakte Axel M., Buchnr.: 42110.
Gewaltdynamische
Perspektive
87
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Mit Blick auf die untersuchten Gewaltdelikte ließ sich bei
über
der Hälfte der IT
ein – mitunter signifikanter – Anstieg der Gewaltschwere und -frequenz fest-
stellen.
2.2.
Gruppenzugehörigkeit der IT
Eine der auffälligsten
Erkenntnisse betrifft die Verortung der IT in Gruppen-
kontexten. Denn die gesammelten Daten belegen eindeutig, dass die unter-
suchten IT die Gewalttaten mehrheitlich aus Gruppen heraus verübten,
wobei
ihre Präsenz und Rolle in den mehr oder weniger strukturierten Personenzu-
sammenschlüssen (Kameradschaften, Ad-hoc-Gruppen und Freizeitcliquen)
hervorsticht. So wiesen mindestens vier IT strukturelle Anbindungen an die
Gruppen SHS und SSS auf. Mindestens 18 IT gehörten
der verbotenen Kame-
radschaft S 34 an. Auch Ad-hoc-Gruppen bzw. lose Cliquen bilden sich oft um
mehrfachauffällige
und gewalterfahrene Personen bzw. werden von diesen ge-
steuert und/oder beeinflusst. In einigen besonders markanten Fällen waren IT in
unterschiedlichen rechten Gewaltgruppen aktiv und wiesen Verbindungen zur
Hooligan- und Rockerszene auf. Insgesamt gehörten
etwa 30 Prozent der Täter
NS-affinen Kameradschaften und ca. 70 Prozent passageren rechten Personen-
zusammenschlüssen
oder rechtsaffinen Gruppen an, die mehrheitlich aus die-
sen strukturierten Gruppen hervorgegangen waren. In dieser Hinsicht weichen
die Befunde von den sicherheitsbehördlichen
Erkenntnissen zu den PMK-Ge-
walttätern im Allgemeinen ab.
Im Hinblick auf die Qualität der Gruppen mit IT-Präsenz lässt sich unter
2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011
Gesamt
1.790 1.496 1.103 1.159 2.050 1.772 1.563 1.526 1.149 1.140 1.166
mit Vorerkenntnissen
1.217 1.109 811
819 1.509 1.275 1.163 1.176 897
921
837
allgemeinkriminell
517
524
351
395
724
580
533
565
426
430
381
PMK
125 75 94 73 87 119 93 55 54 55 67
beides
575
510
366
351
698
576
537
556
417
436
389
0
500
1.000
1.500
2.000
2.500
Abb. 2: Rechte Täter (PMK gesamt) mit polizeilichen Vorerkenntnissen (Quelle: Jahreslagebe-
richte des LKA Sachsen)
88
Täter
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Berücksichtigung der allgemeinen Szeneentwicklungen (Dezentralisierung und
Volatilität) festhalten, dass rechtsextreme Kameradschaften mit (festen)
Strukturen eine herausgehobene Rolle gespielt und zahlreiche Gewaltverbre-
chen verübt
haben (SSS, SHS, S 34). Mit der Zeit wurden sie durch szeneüber-
greifende Netzwerke und schwach strukturierte, passagere Organisationsfor-
men
überlagert.
Auch Angehörige dieser Netzwerke bzw. loser Gruppen legten
ein beachtliches Gewaltverhalten an den Tag. Somit lässt sich ein Trend zur
Herausbildung informeller rechter Milieus mit zahlreichen Schnittmengen
feststellen.
2.3.
Verhältnis zwischen Gewaltverhalten und Einstellung
Eines der nach wie vor nicht gelösten
Probleme der Rechtsextremismusfor-
schung betrifft das Verhältnis zwischen Einstellungen und Gewaltverhalten. Nur
in seltenen Fällen wird bei Untersuchungen auf die keineswegs triviale Frage
eingegangen, ob rechtsextreme Einstellungen als Antezedenzbedingungen von
Gewaltakzeptanz gelten sollen oder umgekehrt bzw. ob und wie beide Faktoren
sich wechselseitig beeinflussen.
9
Um vielfältige Korrelationen zwischen Gewalt
und Einstellung auszuarbeiten, wurden sie in dieser Studie als drei Verlaufs-
muster operationalisiert: 1) Gewalt vor Einstellung, 2) Gleichlauf (miteinander
verbundene Entwicklung von Gewalt und Einstellung
überwiegend
nach Kon-
takt mit einschlägigen Tätern/Gruppen) und 3) Einstellung vor Gewalt.
10
Für verschiedene Tätertypen ergeben sich daraus unterschiedliche Figura-
tionen. Im ersten Fall spielen die rechten Ideologeme bzw. Orientierungen »le-
diglich« insofern eine Rolle, als sie bereits vorhandene Gewaltpotentiale und
-erfahrungen kanalisieren und in eine den Feindbildern entsprechende Rich-
tung steuern.
11
Der Befund, dass die rechte Einstellung »nicht direkt, sondern
vermittelt
über
die Gewaltakzeptanz einen starken positiven Einfluss auf ma-
nifeste Gewalttätigkeit« ausübt (Gewaltakzeptanz als Mediatorvariable),
12
lässt
sich in einem Drittel der untersuchten Fälle beobachten. Auch aus diesem Grund
finden sich in den Gewaltkarrieren vieler »Aggressiver« und »Schläger« zahl-
9 Vgl. Fuchs, Rechtsextreme Orientierung, S. 252.
10 Vgl. Krüger, Zusammenhänge und Wechselwirkungen, S. 78 ff.
11 Vgl. Henning, »Wert habe ich nur als Kämpfer«, S. 93: »Aus der abstrakten Ansprache von
Gewalt […] ergibt sich die Interpretationskraft des Rechtsextremismus. Seine prinzipiell
nicht-elaborierten Sprachcodes und seine Gewaltformeln sprechen die Erfahrung und
Wunschbilder solcher Schichten und Individuen an, die von ihrer sozialen Realität her
wissen, wie gewaltförmig und -bestimmt Gesellschaft ist, wie ungleich und geprägt von
Benachteiligungen sich der politisch-sozioökonomische Prozessablauf präsentiert.«
12 Vgl. Krüger, Zusammenhänge und Wechselwirkungen.
Gewaltdynamische
Perspektive
89
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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reiche Delikte aus dem Bereich der allgemeinen (Gewalt-)Kriminalität. Umso
größer scheint dabei die moderierende Wirkung der interiorisierten ideologi-
schen Feindbilder auf die Verhaltensrelevanz im Cluster der expressiven und
instrumentalisierten Gewalt. Das dritte Muster (Gewalt nach Einstellung) legten
ca. 20 Prozent der Täter
an den Tag, während bei einem weiteren Drittel der IT
Gewalttätigkeiten aus dem Anschluss an deviante Gruppen resultierten. In
diesem Fall hing die Gewaltqualität vordergründig mit der ideologischen Aus-
richtung bzw. mit den ausgeprägten Feindbildern der Gruppe zusammen. ITaus
dem zweiten bzw. dritten Cluster wiesen dabei die Tendenz zur Gewaltdosierung
auf. »Schläger
aus
Überzeugung
und Prinzipien« sind allerdings bei allen drei
Verlaufsmustern zu beobachten. Gewaltabstinente ideologisierte Anhänger der
rechten Szenen stellen eher eine Ausnahme dar.
2.4.
Instrumentell und spontan agierende IT
Die ausgewerteten Daten bestätigen die anfängliche Prämisse, dass die Unter-
scheidung der Gewaltereignisse in instrumentelle und expressive Taten mit
korrespondierenden Aussagen
über
Tätertypen nicht ausreichend ist. Einerseits
zeigt diese Analyse auf, dass spontane und expressive Gewaltverbrechen (im
Sinne ihrer Ausführung)
unterrepräsentiert sind. Es sind in der Tat oft impul-
sive, sich aus einer Situation heraus ergebende Gewalttaten, die scheinbar »le-
diglich« auf günstige
Gelegenheitsstrukturen zurückzuführen sind. Splittet man
das gesamte Gewaltaufkommen in drei Kategorien – rein spontane/situative bzw.
nicht intentionale, absichtlich herbeigeführte
bzw. intentionale und planhaft-
instrumentelle Gewalt – auf, ergibt sich ein klares Bild: Das Attribut der Spon-
taneität
lässt sich dann lediglich einem Fünftel der untersuchten Gewaltstraf-
taten zuordnen, während die restlichen Taten absichtlich herbeigeführt oder
planhaft verübt wurden. Offensichtlich vermengt die Unterscheidung instru-
menteller und expressiver Gewalt die Ebenen der extrinsischen wie intrinsischen
Zweckrationalität
bzw. Intention und des Modus Operandi. Das typische »Los-
ziehen« als intentionales, in vielen Fällen sogar aufsuchendes Verhalten mag
zwar die Schwelle zu planhaftem Handeln nicht
überschreiten.
Dies
ändert
je-
doch wenig an der Tatsache, dass viele Tathandlungen dieser Art im reflexiv-
kalkulierenden Modus (Absicht bzw. Intention, Abwägen
der Erfolgschancen,
Suche nach Gelegenheitsstrukturen entsprechend dem Feindbild usw.) verlau-
fen. Rein spontane Gewalthandlungen zeichnen sich im Großen
und Ganzen
dadurch aus, dass die IT weder die Auswahl der entsprechenden Gelegenheits-
strukturen noch der Opfergruppen (Ausländer,
Linke, »Studenten«) zu beein-
flussen vermögen. Für intentionale Taten ist demgegenüber charakteristisch,
dass Gelegenheitsstrukturen und/oder Opfer sich aus einer zunächst nicht näher
90
Täter
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zu konkretisierenden Situation ergeben, die dennoch aus der Intention der Täter
im Sinne einer Herbeiführung der Auseinandersetzung resultieren. Bei plan-
haftem Handeln sind IT imstande, alle genannten Faktoren zu beeinflussen.
Mit Hilfe des allgemeinen Modells des Handelns, dem die Annahme einer
variablen Rationalität
der Akteure
13
zugrunde liegt, kann auch gezeigt werden,
warum die Spontaneität der rechten Gewalt in vielen Fällen kein Grund zur
Entwarnung ist. Ausgehend vom sogenannten Thomas-Theorem (»Wenn die
Menschen Situationen als real definieren, so sind auch ihre Folgen real.«), erklärt
das Modell, wie ein Akteur eine Situationsdefinition vornimmt (Frame-Selek-
tion), welches Programm des Handelns er heranzieht (Skript-Selektion) und
welches Handeln darauf folgt (Handlungsselektion). Die Prämisse
der variablen
Rationalität besagt, dass nur ein Teil der Handlungen dem reflexiv-kalkulie-
renden Modus (rc) entstammen, denn die automatisch-spontane Alternative
(as) sei mental stark verankert.
In grob vereinfachter Form lässt
sich das Modell wie folgt erklären: In einem
unbewussten Prozess der Modusselektion »beantworten« die Handelnden
unter Zugriff auf mentale Modelle kontinuierlich folgende Fragen: »Welche Art
der Situation liegt hier eigentlich vor?«, »Welches Verhalten ist in einer der-
artigen Situation angemessen oder sozial erwartet?« und »Was werde ich
tun?«. Psychomentale Modelle der Situationen (Frames) umfassen immer
»bestimmte
Situationsobjekte«,
die mentale Repräsentationen
typischer Si-
tuationen aktivieren. »So werden mit einem Frame bestimmte Wissensstruk-
turen wie etwa situationsspezifische Oberziele des Handelns sowie unter
Umständen
auch Werte und Emotionen aktiviert, die mit dem Frame assoziiert
sind.«
14
Skripte
al
s Programme des Handelns können sowohl das individuelle
Handeln als auch komplexere Abläufe enthalten und decken daher verschie-
dene Arten von Konventionen im weiteren Sinne ab. Welche Situations- und
Handlungsmodelle einer Person zur Verfügung
stehen, hänge mit der Sozia-
lisation zusammen. »In der
generellen Verfügbarkeit
eines Skripts kommt etwa
zum Ausdruck, wie stark ein Akteur bestimmte Normen internalisiert oder
bestimmte Routinen habitualisiert hat.«
15
In der dritten Phase erfolgt die
Handlungsauswahl, die nicht zwangsläufig einem naheliegenden Skript folgen
muss. Ob der Akteur die angemessenste Alternative für sein Handeln findet,
hänge von der Modusselektion ab.
Im rc-Modus, vorausgesetzt, dass ausreichende Reflexionsopportunitäten
vorliegen, wiegt der handelnde Akteur Kosten und Nutzen seiner Handlung ab
und stellt die Geltung des Ausgangsframes infrage. Er trifft eine bewusste Ent-
13 Vgl. Kroneberg, Die Definition der Situation.
14 Ebd., S. 346.
15 Ebd., S. 351.
Gewaltdynamische
Perspektive
91
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

image
scheidung »unter systematischer Berücksichtigung der vorliegenden Informa-
tionen und der zu erwartenden Folgen«.
16
Die Logik des as-Modus wird dem-
gegenüber mit dem Begriff »Match« beschrieben: »Eine Alternative zu der vom
Skript nahegelegten Handlung existiert im as-Modus der Handlungsselektion
nicht. […] Mit dem Eintritt in die Situation ist er automatisch als mögliche
Situationsdefinition gegeben.«
17
Denn die Situationsobjekte zeigen relativ
deutlich die Geltung eines Frames an, wobei Akteure
über
Skripte verfügen, die
eindeutig zum mentalen Modell einer Situation passen, stark verankert sind und
die Handlungswahl demzufolge stark determinieren.
Den Unterschied zwischen den beiden Selektionsmodi zeigt Clemens Kro-
neberg am Beispiel des adligen Ehrenkodexes auf.
»Der Match des Frames ›Ehrkränkung‹ in einer Situation ist umso größer, je stärker das
Ehrgefühl des Akteurs ausgeprägt ist […], je stärker ein Verhaltenstyp als Beleidigung
aufgefasst wird […] und je eindeutiger das konkrete Verhalten des Gegenübers diesem
Verhaltenstyp entspricht.«
18
Darüber hinaus war der as-Modus im Ehrenkodex sogar normativ verankert, so
dass der Ehrenkodex der Gruppe zur zweiten Natur geworden sei.
Projiziert auf rechte Subkulturen und Gruppen mit stark ausgeprägten
ge-
waltaffinen Interpretationsregimen und feindseligen Attributionsstilen, wirkt
anscheinend die bloße
Wahrnehmung bzw. das
Über-den-Weg-Laufen
eines
bestimmten Opfertypus als »Match« zur Aktivierung der gewalttätigen Situa-
tionsdeutungen, Handlungsprogramme und Taten im as-Selektionsmodus.
Anders ist nämlich
nicht nachzuvollziehen, warum selbst auf Bewährung ent-
lassene Gewaltverbrecher bzw. stark vorbelastete MIT die Konsequenzen ihrer
etwaigen weiteren Gewalttätigkeiten
ausblenden und »es darauf ankommen
lassen«. Die Wahrscheinlichkeit der as-Modusselektion erscheint höher, wenn es
sich um Gruppenakteure handelt. Die Spontaneität des Gewaltgeschehens ver-
weist in diesem Zusammenhang auf die tiefe Verankerung der kaum noch re-
flektierten, gewaltlastigen Triade der Frame-, Skript- und Handlungsselektion.
Zugleich besitzt die rechte Gewalt im subkulturellen Kontext auch ihren Nutzen,
wie beispielsweise intrinsische Befriedigung durch körperliche
Überlegenheit,
Festigung der Stellung in der Gruppe bzw. die Verbreitung von Angst oder
»Respekt« unter Gleichaltrigen.
Die Problematik der Spontaneität
wird nicht nur in den Sozialwissenschaften
unterschätzt. Auch für die justizielle Fallbearbeitung
19
ist das Missverständnis
16 Ebd., S. 347.
17 Ebd., S. 351, 354.
18 Ebd.
19 So ist in einem Gerichtsurteil
über
einen ideologisierten IT mit dem Marker »lebensbe-
drohlich« (bei mindestens vier Gewalttaten) zu lesen: »Zu Lasten des Angeklagten muss die
92
Täter
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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des dynamischen Gewaltgeschehens charakteristisch, weshalb weitere For-
schungen mehr Licht ins Dunkel der »völlig unmotivierten Gewalttaten« brin-
gen sollten.
2.5.
Enthemmung durch Alkohol
Dass eine Vielzahl der rechten Gewalttäter zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss steht
und einem exzessiven Alkoholkonsum nachgeht, ist ein gesicherter Befund, den
auch diese Studie bestätigt.
Die Hälfte der IT war zu den jeweiligen Tatzeit-
punkten mehrfach oder sogar immer alkoholisiert. Der kausale Zusammenhang
zwischen Alkoholkonsum und Gewalt scheint daher erwiesen zu sein, obwohl
reliable Wirkungen von Alkohol auf aggressives Verhalten nicht ausreichend
beleuchtet sind.
20
Die im Projekt gewonnenen Daten legen zugleich den Schluss
nahe, dass der Alkoholkonsum nicht primär als Auslöser des gewalttätigen
Verhaltens fungiert, sondern im Zusammenhang mit Gruppenprozessen eine
katalytische Wirkung ausübt.
Gemeint sind Implikationen im Sinne der Self-
fulfilling Prophecy, die eine psychopharmakologische Erklärung zwar nicht
komplett infrage stellen, doch zumindest zweifelhaft erscheinen lassen und er-
gänzen
können.
21
Denn die Annahme, der Alkoholkonsum führe womöglich
(nur) zu gewalttätigem Verhalten gegenüber deklarierten Feindgruppen, wenn
bestimmte Handlungsschemata vorgegeben seien, ist keinesfalls abwegig. Der
Alkoholkonsum setzt in diesem Fall Hemmungen herab, beeinflusst bei Perso-
nen mit gruppenbezogenen Feindbildern die Deutung sozialer Situationen und
lenkt sie in eine aggressive Richtung.
Überdies
erhöht Alkohol den »Spaßfak-
tor«. Daher erscheint es plausibel, dass gewaltaffine rechte Gruppen auch des-
halb zum »kollektiven Saufen« und Hören
aggressiver Musik neigen, weil sie sich
damit ein »Gefühl der Stärke« antrinken und die aggressive Stimmung poten-
zieren, um anschließend »loszuziehen« und auf ihre potentiellen Opfer »ein-
zudreschen«.
22
Dabei erfolgt die Kanalisierung der Erwartungen durch Aspekte
Bedenkenlosigkeit gewertet werden, mit der er sich an völlig unmotivierten Gewalttaten
beteiligt hat, die zu Verletzungen von Personen geführt haben und insbesondere die ein
hohes Gefährdungspotential beinhalten. […] Angesichts seines zur Tatzeit jungen Alters, der
Gruppendynamik und der daraus resultierenden eingeschränkten Entscheidungsfreiheit
[sic], war auch für das Merkmal ›Schwere der Schuld‹ keinerlei Raum.« (StA Dresden,
Az. 214 Js 5626/06).
20 Vgl. aber Remschmidt, Tötungs- und Gewaltdelikte, S. 53: »Insgesamt ist der Zusammen-
hang zwischen Alkoholkonsum und Gewalttaten vielfältig belegt.«
21 Vgl. Tadeschi, Die Sozialpsychologie, S. 592.
22 Vgl. die Angaben von Frindte/Neumann (Fremdenfeindliche Gewalttäter, S. 91) zur »allge-
meinen Stimmung vor der Tat« und Beschäftigungen bzw. singulären Reizen während des
Tatvorlaufs.
Gewaltdynamische
Perspektive
93
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND

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der (Gruppen-)Identität.
23
Es spricht einiges dafür, dass Alkohol (und womög-
lich auch andere Substanzen) instrumentell eingesetzt wird. Auch unter diesem
Blickwinkel erscheint die aus rechten Gruppen heraus verübte
Gewalt als we-
niger spontan und unkalkuliert. Denn bei Personen und Gruppen mit stark
ausgeprägten
Feindbildern und mit einem feindseligen Attributionsstil scheint
sie vielmehr geradezu programmiert.
24
Dafür spricht das mehrmals beschrie-
bene Gefühl der Täter, Opfer einer vermeintlichen Provokation geworden zu
sein, die eher eine negative Projektion darstellte.
25
Auch synthetische Drogen
spielen in der Szene eine nicht zu unterschätzende Rolle.
26
Unerwartet oft liegen
Informationen zu Betäubungsmitteldelikten vor.
2.6.
Profile rechter IT
Das bisher in der Rechtsextremismusforschung ausgearbeitete »Profiling«
rechter Gewalttäter scheint mit Blick auf MIT nur in Ausnahmefällen zu greifen.
Zum einen, weil es sich um Karrieretäter handelt, deren Gewalthandlungen sich
über
mehrere Monate bzw. Jahre und Themenfelder der PMK erstrecken. Zum
anderen, weil sich Gruppendynamiken
äußerst
voraussetzungsvoll auf die
Gruppenrollen der IT und ihr Gewaltverhalten auswirken. Mitläufer im allge-
meinen Sinne des Wortes stellten beispielsweise unter den untersuchten IT eine
Gruppe mit einem Anteil unter zehn Prozent dar. Die Hälfte
davon fungierte als
23 Vgl. Tadeschi, Die Sozialpsychologie, S. 593.
24 Vgl. eine (typische) Aussage, bei der das »Lesen zwischen den Zeilen« notwendig ist:
»Normalerweise lief ein Abend vor einer Schlägerei, wenn es dann dazu gekommen ist, so ab,
dass man sich irgendwo getroffen hat. […] Dann wurde getrunken, d. h. der Alkoholpegel
wurde nach oben gebracht, und irgendjemand hatte dann eine Idee, irgendwo auf ein
Dorffest zu gehen […]. Dort kam es dann manchmal dazu, dass anders gesinnte Personen da
waren. Irgendeiner von uns fing dann an, zu stänkern
oder zu provozieren und man putschte
sich gegenseitig auf. […] Wir wussten, dass uns die Gruppe im Ernstfall auf alle Fälle
unterstützen wird. […] Bei mir war für die Aggression ein großer Auslöser der Alkohol.«
(StA Dresden, Az. 370 Js 12874/08).
25 Vgl. Friedmann, »Der guckt schon so …«.
26 So lautete eine Interviewaussage (TI) wie folgt: »B: Aber ich kenne keinen aus der Gruppe
von Sturm 34, der keine Drogen mehr nimmt. […] – I: Aber passt es dann zu der Ideologie? –
B: Ja, die gehen davon aus …, das sind auch sogenannte Hitler-Speed und so, was die Flieger
hatten und so, dass die das …, die haben ja auch Drogen genommen in dem Sinne und dann
können
die auch Drogen nehmen, so sehen die das halt. – I: Interessant. Aber damals war die
Gruppe noch relativ clean, ich meine außer Alkoholkonsum … – B: Damals, ja. […] Ei-
gentlich ist die rechte Szene jetzt nicht anders wie bei den Linken und Autonomen. Ist das
Gleiche jetzt. Kleiden sich so. Bei uns waren es noch solche, die Messer in der Hand hatten,
kariertes Hemd, Springerstiefel, Hosenträger, so ist es bei uns noch gewesen. […] Ich habe
auch eher Drogen genommen. Von 2011 bis 2012 war ich heroinabhängig. Bin jetzt aber alles
in allem weg, keine Drogen und kein Alkohol, nichts mehr.«
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Täter
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Initiator des Gewaltgeschehens. Einige Einsteiger bzw. Mitläufer legten zudem
beachtliches Gewaltpotential an den Tag, um sich innerhalb der Gruppe zu
profilieren.
Ein Beispiel zeigt
überdies,
dass professionelle Beobachter vor Einstufungs-
fehlern nicht gefeit sind. So stellte der psychologische Dienst einer JVA fest:
»Aus der Tatanalyse ging hervor, dass der Gefangene, getragen von der Gruppendy-
namik, der typische Mitläufer war, was letztendlich in seiner Persönlichkeitsstruktur
ursächlich zum Ausdruck kam. Diese Struktur ist geprägt von geltungsstrebigen, de-
monstrativen Zügen, welche nach Anerkennung strebt. Diese fand der Gefangene
vornehmlich in diesen Gruppierungen und ließ sich von diesen auch benutzen.«
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Darauf angesprochen, bestand auch der IT selbst auf dieser Gruppenrolle. Zu-
gleich betonten Justizbeamte seinen »schlechten Einfluss auf Mitgefangene« und
das Bestreben, sich für
Schwächere einzusetzen. Daraus lässt sich eher auf eine
exponierte Stellung und Durchsetzungsfähigkeit unter bzw. gegenüber den
Mitgefangenen schließen. Auch unsere Tatanalyse ergab, dass der besagte IT bei