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NA
… wenn’s um Wildtiere geht
Ulrich Wotschikowsky
Wölfe, Jagd und Wald in
der Oberlausitz
April 2006

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
1
Wölfe, Jagd und Wald in
der Oberlausitz
Ulrich Wotschikowsky
V
AUNA E. V.
Ludwig-Lang-Str. 12
D 82487 Oberammergau
Auftraggeber:
Staatliches Museum für Naturkunde Görlitz
April 2006

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
2
Inhalt
Zusammenfassung................................................................................................................ 3
1
Einleitung...................................................................................................................... 4
2
Wölfe und Schalenwild.................................................................................................. 6
2.1
Probleme für Jäger und Waldbesitzer .................................................................. 6
2.2
Wissenschaftlicher Kenntnisstand – ein Überblick............................................... 7
3
Die Situation in der Oberlausitz................................................................................... 10
3.1
Die Wolfspopulation ........................................................................................... 10
3.2
Die Schalenwildpopulationen ............................................................................. 12
3.3
Die Nahrungswahl der Oberlausitzer Wölfe ....................................................... 17
4
Das Muskauer Rudel................................................................................................... 20
4.1
Quantifizierung der Eingriffe............................................................................... 20
4.2
Vergleich mit der Jagdstrecke ............................................................................ 22
5
Andere Wolfsgebiete................................................................................................... 24
5.1
Das Neustädter Rudel........................................................................................ 24
5.2
Das frühere Rotwildgebiet Ostsachsen .............................................................. 24
5.3
Resümee und Perspektiven zum Verhältnis Wölfe-Schalenwild ........................ 25
6
Wölfe und Jäger: Synopsis ......................................................................................... 27
6.1
Jagd in der Kulturlandschaft: zwischen Pflicht und Kür...................................... 27
6.2
Jagdwert und Jagdertrag in Wolfsgebieten ........................................................ 29
6.3
Sonderfall Muffelwild.......................................................................................... 31
6.4
Erschwernisse der Jagdausübung durch Wölfe ................................................. 32
6.5
Einsatz von Jagdhunden in Wolfsgebieten......................................................... 34
6.6
Wölfe und Wildschäden...................................................................................... 34
6.7
Zum rechtlichen Status des Wolfes.................................................................... 36
6.8
Resümee............................................................................................................ 37
7
Perspektiven ............................................................................................................... 39
7.1
Gedanken zur weiteren Entwicklung ................................................................. 39
7.2
Konfliktlösung..................................................................................................... 40
7.3
Monitoring........................................................................................................... 41
7.4
Anreize zur Verbesserung der Akzeptanz.......................................................... 43
7.5
Ausblick.............................................................................................................. 43
8
Quellen........................................................................................................................ 45

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
3
Zusammenfassung
In der Oberlausitz, Freistaat Sachsen, hat sich im Jahr 1998 ein Wolfspaar eingefunden. Im
Jahr 2000 wurden die ersten Welpen geboren. Gegenwärtig (April 2006) besteht die
Population aus 16 Tieren, organisiert in zwei Rudeln zu je sieben Tieren sowie zwei
einzelnen Wölfen, die sich zu Jahresbeginn 2006 vom Muskauer Rudel abgesondert haben.
Die Streifgebiete umfassen etwa 330 qkm (Muskauer Rudel) bzw. 240 qkm (Neustädter
Rudel).
Die Verteilung des Schalenwildes in der Beute der Wölfe besteht aus 47 % Rehwild, 25 %
Rotwild, 24 % Schwarzwild und 2 % Muffelwild in Biomasse
(ANSORGE unveröff.). Umge-
rechnet auf Individuen ergaben sich 62 Rehe, neun Stück Rotwild und 14 Sauen pro Wolf
und Jahr. Dabei wurde unterstellt, dass die Hälfte der gerissenen Beutetiere Jungtiere des
laufenden Jahres waren. Der Nahrungsbedarf pro Wolf und Tag wurde mit 4 kg angesetzt.
Ferner wurde für jeden Wolfswelpen im Geburtsjahr der halbe Nahrungsbedarf eines er-
wachsenen Wolfes unterstellt. Daraus errechnet sich der Eingriff eines Rudels von acht
Wölfen (davon vier Welpen) mit 54 Stück Rotwild, 372 Rehen und 84 Sauen pro Jahr. Bei
einem Streifgebiet von 330 qkm entspricht dies 0,16 Stück Rotwild, 1,13 Rehen und 0,25
Sauen pro 100 ha.
Im Muskauer Wolfsgebiet fallen den Wölfen beim Rotwild 10 %, beim Schwarzwild 9 %, bei
den Rehen 40 % des Gesamtabgangs (das ist die verbuchte Jagdstrecke einschließlich
Unfallwild plus die geschätzte Beute der Wölfe) zur Beute, gegenüber 90, 91 bzw. 59 %
durch die Jagd. Ausweislich der Jagdstrecken ist ein quantitativer Einfluss der Wölfe auf die
Schalenwildpopulationen jedoch nicht erkennbar. Die Rotwildabschüsse haben im Muskau-
er Wolfsgebiet zugenommen, die Rehwildabschüsse sind in beiden Streifgebieten etwa
gleich geblieben, die Abschüsse von Schwarzwild sind auf das Drei- bis Vierfache angestie-
gen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Wolfsgebieten bildet das Rehwild die Haupt-
beute. Dies lässt sich nur mit einer hohen Populationsdichte und relativ geringem Interesse
der Jäger an dieser Wildart erklären.
Aus den Nahrungsanalysen in der Oberlausitz lässt sich die Zusammensetzung der Wolfs-
beute nach Alter, Geschlecht und Zustand der Beutetiere nicht bestimmen. Legt man Unter-
suchungen in anderen europäischen Wolfsgebieten zu Grunde, so kann davon ausgegan-
gen werden, dass Wölfe größtenteils Jungwild und weibliches Wild reißen. Wölfe entneh-
men demnach hauptsächlich Tiere, deren Bejagung für den Jäger weniger attraktiv, nicht
selten sogar aufwändig und lästig ist. Deshalb ist die Konkurrenz zwischen Wölfen und
Jägern geringer, als es ein reiner Zahlenvergleich nahe legen könnte.
Mit Ausnahme einer kleinen Muffelwildkolonie außerhalb des genehmigten Verbreitungs-
areals, die eliminiert wurde, hat die Jägerschaft durch die Wölfe bisher keine Einbußen in
den Jagdstrecken hinnehmen müssen. Offensichtlich finden die Wölfe ein reichliches Nah-
rungsangebot an Rehen und Schwarzwild, deren Populationen jagdlich nicht effizient ge-
nutzt werden.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
4
1 Einleitung
Vorgeschichte
Der Wolf gilt im heutigen Gebiet der Bundesrepublik Deutschland seit etwa 150 Jahren als
ausgerottet bzw. ausgestorben. Zwar sind einzelne Wölfe immer wieder aus dem Osten bis
nach Deutschland gewandert, doch wurden sie regelmäßig früher oder später geschossen
oder überfahren. Bis zum Jahr 2000 konnte sich keine Population bilden.
Das Jahr 2000 ist ein Meilenstein in der Geschichte des Wolfes in Mitteleuropa; denn in
diesem Jahr wurden erstmals wieder Jungwölfe in Deutschland geboren. Seitdem hat sich
in der Oberlausitz, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Polen, eine kleine Population von
derzeit 16 Wölfen entwickelt. Fast ebenso viele halbwüchsige Wölfe sind aus dieser Popula-
tion abgewandert und verschollen (K
LUTH & REINHARDT, unveröff.).
Anfangs hielten sich die Wölfe überwiegend auf dem Truppenübungsplatz Muskauer Heide
auf. An Besuche von Einzelwölfen seit Jahren gewöhnt, machte das Bundesforstamt kein
Aufhebens davon. Als jedoch im Sommer 2000 die Geburt von Welpen allgemein bekannt
wurde, eroberten die Wölfe umgehend die Titelseiten der Zeitungen. Seitdem ist die Diskus-
sion über die Zukunft der Tiere nicht abgerissen.
Die Stimmung ist nicht einheitlich. Insbesondere unter den Jägern sind die Meinungen ge-
teilt. Für die Zukunft der Oberlausitzer Wölfe ist die Jägerschaft, trotz ihres geringen Anteils
an der Bevölkerung, die wichtigste Interessengruppe. Namhafte Vertreter des Landesjagd-
verbandes, aber auch örtliche Jäger haben sich wiederholt dazu bekannt, mit den Wölfen
leben zu wollen. Eine Umfrage unter den Jägern von G
ÄRTNER & HAUPTMANN (2005) ergab
eine Aufteilung in zwei etwa gleich große Lager von Befürwortern und Gegnern.
Im Dezember 2004 gab das Bundesamt für Naturschutz bekannt, dass ein „Fachkonzept für
ein Wolfsmanagement in Deutschland“ erstellt werden soll. Im Rahmen dieses Fachkonzep-
tes erteilte das mit der Durchführung beauftragte Staatliche Museum für Naturkunde Görlitz
an
V
AUNA
im Oktober 2005 den Auftrag, das Spannungsfeld Wölfe – Jagd – Wald zu analy-
sieren.
In der Oberlausitz und auch darüber hinaus gibt es dazu einige Missverständnisse. Es ist
nicht klar, ob ein Managementplan erstellt werden soll (und ob für das Bundesgebiet, für
Sachsen oder die Oberlausitz) oder „nur“ ein Fachkonzept, und vielen ist der Unterschied
zwischen Managementplan und Fachkonzept nicht geläufig. Zu dem einen wie dem ande-
ren herrschen überdies unterschiedliche, oft auch objektiv falsche Vorstellungen. Hier sollte
rasch für Klärung gesorgt werden (siehe auch Kap. 7.2).
Problemaufriss
Auf einem Workshop am 21. Januar 2006 wurde der Frage nachgegangen, welche Proble-
me mit den Wölfen auf Jagdwirtschaft und Waldwirtschaft in der Oberlausitz zukommen. Die
23 Teilnehmer waren in der Mehrzahl Jäger bzw. Jagdpächter, außerdem einige Forstleute
sowie Vertreter von Jagdgenossenschaften.
Weitere Hinweise über die Einstellung der ortsansässigen Jäger, Forstleute, Waldbesitzer
und Landwirte hatten sich schon zwei Jahre zuvor in einer öffentlichen Veranstaltung (ca.
100 Teilnehmer) am 05.02.2004 in Neustadt / Spree, ferner in einer Veranstaltung des NA-
BU zum Wolf am 06.11.2004 in Neustadt / Spree sowie aus zahlreichen Presseartikeln
ergeben. Hinzu kommen die Ergebnisse einer anonymen Umfrage von G
ÄRTNER & HAUPT-
MANN
(2005).

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
5
Da die Wölfe erst seit wenigen Jahren in der Oberlausitz sesshaft sind, kann nicht davon
ausgegangen werden, dass sich ihre Anwesenheit bereits spürbar auf das Schalenwild
ausgewirkt hat, ausgenommen eine Kolonie von Mufflons, die eliminiert wurde. Noch weni-
ger ist dies für die Waldwirtschaft zu erwarten. Zudem fehlt den Jägern und Forstleuten die
praktische Erfahrung mit einer seit langem existenten Wolfspopulation. Deshalb sind die
Gesichtspunkte, die anlässlich des Workshops zur Sprache kamen, mit Sicherheit nur ein
Ausschnitt aus der Gesamtproblematik, die sich im Laufe der Zeit ergeben kann.
Das vom Auftraggeber so benannte Konfliktfeld Wölfe-Jagd-Wald weckt die Erwartung,
dass die Waldwirtschaft von den Wölfen spürbar beeinflusst und dass dieses Thema des-
halb ausführlich bearbeitet wird. In dem hier vorgelegten Bericht wird diesem Aspekt jedoch
nur wenig Raum gewidmet. Dies liegt an der fehlenden Daten- bzw. Erkenntnissubstanz
dazu. Der Verfasser hat dies bereits anlässlich einer Recherche für den WWF zu diesem
Thema erfahren müssen (W
OTSCHIKOWSKY 2001). Schon das Beziehungsgefüge Wölfe-
Schalenwild-Jagd ist überaus komplex. Das gleiche gilt für das Beziehungsgefüge Scha-
lenwild-Waldwirtschaft. Die Verschränkung beider Konfliktfelder führt notgedrungen in prob-
lematisches Terrain.
Gegenwärtig können die Konflikte, wie sie von den Ortsansässigen im Zusammenhang mit
Jagdwirtschaft und Waldwirtschaft gesehen werden, etwa folgender Maßen beschrieben
werden:
Private Jäger und Jagdrechtsinhaber
sorgen sich vor allem um ein Sinken des Jagdertrages
in Folge zurückgehender Rotwildbestände. Sie befürchten, man könne weniger Wild erlegen
und die Jagden nicht zu guten Preisen verpachten. Rotwild spielt dabei die Hauptrolle,
Rehwild eine wesentlich geringere. Zum Schwarzwild ist das Verhältnis ambivalent, weil die
Populationsdichte allgemein als sehr hoch angesehen wird und beträchtliche Schäden in
der Landwirtschaft verursacht. Hohe Schwarzwildbestände können sich sowohl positiv (ho-
he Jagdstrecken) als auch negativ (teure Wildschäden) auf den Pachtpreis auswirken.
Bundesforstleute
sehen in den Wölfen durchaus Partner bei der schwierigen Aufgabe, die
Schalenwildbestände im Sinne eines akzeptablen Wald-Wild-Verhältnisses zu kontrollieren.
Private Waldbesitzer
erwarten von den Wölfen eine Reduktion des Schalenwildes. Dies
kann eine Verringerung der Wildschäden zur Folge haben. Da sie aber gleichzeitig auch
Jagdrechtsinhaber sind, befürchten sie eine Verminderung der Jagdeinnahmen. Ferner
rechnen sie mit einer veränderten räumlichen Verteilung des Rotwildes – dünnere Besied-
lung und deshalb geringere Wildschäden einerseits, Wildkonzentrationen mit höheren
Schäden andererseits. Je nach der Wildschadenssituation können Waldbesitzer Vor- oder
Nachteile durch Wölfe haben.
Landwirte und Agrargenossenschaften
klagen allgemein über hohe Wildschäden durch
Sauen, teilweise auch durch Rotwild. Sie waren beim Workshop nicht vertreten. Äußerun-
gen dieser Gruppe zu den Wölfen fehlen.
Dank
Für kritische Anmerkungen zu früheren Entwürfen dieser Studie und für zahlreiche wertvolle
Informationen bedanke ich mich bei Gesa Kluth und Ilka Reinhardt vom Büro Lupus. Jana
Schellenberg vom Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz, Petra Kaczensky und Felix Knauer
danke ich für die kritische Durchsicht des Manuskripts, Reinhard Göpfert für die Überlas-
sung seiner Auswertungen der Jagdstatistik, Hermann Ansorge für seine noch nicht veröf-
fentlichten Nahrungsanalysen, und Kai Elmauer für die Moderation des Workshops.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
6
2 Wölfe und Schalenwild
2.1 Probleme für Jäger und Waldbesitzer
Das Bild, das wir von dem Beziehungsgefüge Wolf – Schalenwild haben, ist nicht einheit-
lich, sondern voller Gegensätze. Die Mehrzahl der Jäger befürchtet durch Wölfe drastische
Bestandseinbußen beim Schalenwild. Andere glauben an eher marginale Eingriffe oder
auch an eine Verbesserung der Fitness beim Schalenwild. Tatsache ist, dass das Bezie-
hungsgefüge überaus komplex ist und keine einfachen Antworten erlaubt.
Mit nur wenigen Ausnahmen leben Wölfe überall in ihrem riesigen Verbreitungsgebiet in
erster Linie von Schalenwild. Auf dessen Populationen nehmen sie in vielfältiger Weise
Einfluss: Sie können die Dichte drastisch reduzieren, die Altersstruktur verschieben, die
räumliche Verteilung verändern, und vieles mehr. Wölfe sind effiziente Antagonisten ihrer
Beutetiere.
Wölfe können Schalenwildpopulationen drastisch reduzieren. Dies ist durch eine Fülle von
Untersuchungen in verschiedenen Lebensräumen belegt und wird heute nicht mehr ernst-
haft bestritten. In den Jahren um 1950 – 70 war dies jedoch keineswegs selbstverständlich.
Damals standen sich in der Wildökologie zwei Lager mit gegensätzlichen Meinungen ge-
genüber. Während das eine Lager in Beutegreifern, insbesondere in Wölfen, einen (auch
quantitativ) entscheidenden Kontrollfaktor von Beutetierpopulationen sah, hielt das andere
Lager die Nahrungsgrundlage des Lebensraums für den überragenden Einflussfaktor. Beide
Lager konnten, so schien es, auf überzeugende Belege für ihre Ansicht verweisen. Verwir-
rend in diesem Zusammenhang war dabei die enorme Bandbreite, in der sich das Verhältnis
Wölfe – Schalenwild einspielen kann: In manchen Fällen können sich Schalenwildpopulati-
onen scheinbar unkontrolliert von Wölfen zu hohen Dichten entwickeln, in anderen dagegen
von Wölfen auf eine Minimaldichte gedrückt werden (predator pit). Entscheidend für das
Endergebnis ist das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Wölfen und Beutetieren. Alternative
Beute, Konkurrenz durch andere Beutegreifer und durch die Jagd, sowie die Eigenarten des
Lebensraums können das System jedoch stark modifizieren.
Die Komplexität des Geschehens zeigt am eindrucksvollsten das „natürliche Experiment“
auf Isle Royale, einer Insel in Michigan, USA. Dort wird das Zusammenspiel Wolf – Elch seit
50 Jahren wissenschaftlich beobachtet (P
ETERSON 1994). Aus diesem Zeitraum kann man
sich verschiedene Dekaden herausgreifen und damit völlig unterschiedliche, ja gegensätzli-
che Anschauungen zum Verhältnis Wolf-Elch belegen, von einem marginalen bis hin zu
einem geradezu dramatischen Einfluss der Wölfe auf die Elche. Diese verschiedenen Inter-
pretationen des Geschehens auf Isle Royale haben die Räuber-Beute-Diskussion über
Jahre geprägt. Ähnlich verhält es sich mit dem berühmten Zyklus Schneeschuhhase-
Kanadaluchs. Hierzu liegen inzwischen mehrere wissenschaftliche Interpretationen vor
(S
INCLAIR ET AL. 1993).
Zwei Wolfsforscher von Weltruf drücken die Komplexität des Beziehungsgefüges Wölfe-
Schalenwild in folgenden Worten aus: „Huftierpopulationen bestehen zum einen Teil aus
gesunden Tieren in bestem Alter, zum anderen aus verwundbaren oder weniger vitalen
Tieren – Neugeborene, schwache, kranke, verletzte oder zurückgebliebene Individuen;
dazu aus Jungtieren, denen die Kraft, Ausdauer und Erfahrung der erwachsenen Tiere fehlt.
Beutetierpopulationen erhalten sich durch Reproduktion und Überleben der kräftigen Tiere.
Wölfe koexistieren mit ihren Beutetieren, indem sie die weniger tauglichen Tiere nutzen.
Dies hat zur Folge, dass die meisten Beutezüge von Wölfen erfolglos sind, dass Wölfe viel
unterwegs sein müssen, um Beutetiere in schlechter Verfassung zu finden, und dass diese
Beutegreifer mit drastisch wechselnden Nahrungsmöglichkeiten zurecht kommen müssen.“
(M
ECH & PETERSON, in MECH & BOITANI 2003, S. 131).

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
7
2.2 Wissenschaftlicher Kenntnisstand – ein Über-
blick
Über die Beziehungen zwischen Wölfen und Schalenwild liegen aus Nordamerika und Ka-
nada zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vor. Die Verhältnisse sind aber kaum auf
Mitteleuropa übertragbar, weil das Beutespektrum anders zusammengesetzt ist. Gute Refe-
renzgebiete für die Oberlausitz sind Bialowieza und Bieszczady in Polen, weil das Beute-
spektrum (Rotwild, Rehwild und Wildschwein) jenem in der Oberlausitz entspricht, Haustiere
oder Abfall hier wie dort keine wesentliche Rolle spielen, und weil die Schalenwildbestände
ebenfalls bejagt werden.
Im folgenden Kapitel wird deshalb eine kurz gefasste Übersicht der Beziehungen Wölfe-
Schalenwild gegeben, wie sie sich in Polen darstellen. Wo es dem Verständnis dient, wird
auch auf überseeische Erkenntnisse verwiesen.
Opportunistische Beutewahl
Wegen der Lebensweise von Wölfen in Rudeln liegt der Gedanke nahe, dass sie größere
Beutetiere bevorzugen; denn wenn sie beispielsweise einen Hirsch erlegen, wird das ganze
Rudel satt, dagegen bleiben sie bei einem Reh hungrig. In Polen und in den Karpaten stellt
Rotwild den größten Anteil in der Nahrung der Wölfe. In Biomasse gerechnet ermittelten
OKARMA ET AL. (1995) 68 % Rotwild in der Wolfsnahrung in Bialowieza. In Bieszczady und
im Valle Susa, Italien, dominiert Rotwild ebenfalls in der verzehrten Biomasse. Ob Rotwild
deshalb als „bevorzugte“ Beutetierart anzusehen ist, kann nur beantwortet werden, wenn
die Dichteverhältnisse der Schalenwildarten bekannt sind, die als Beute in Frage kommen,
und wenn die verzehrte Biomasse in Individuen umgerechnet wird. Für Bialowieza geben
O
KARMA ET AL. (1995) Dichten von 4 / 4 / 2 Stück pro qkm für Rot- / Reh- / Schwarzwild an.
Für Bieszczady werden analog 4 / 1 / 0.3 angeführt (S
MIETANA & VAJDA 1997).
Die Rehwilddichten sind in den meisten osteuropäischen Gebieten wesentlich geringer als
in Mittel- und Westeuropa. Generell sind jedoch stets erhebliche Zweifel an den Bestands-
zahlen des Schalenwildes angebracht, was von den Autoren auch ausdrücklich eingeräumt
wird (z. B. O
KARMA ET AL., 1995).
In Bialowieza wird signifikant weniger Schwarzwild gerissen, als es seiner Vorkommenshäu-
figkeit entspricht (O
KARMA ET AL. 1995). Auch in Bieszczady finden sich Reste von Schwarz-
wild in der Wolfsnahrung nur selten, was mit dessen geringer Dichte erklärt wird. Im Winter
nimmt der Anteil von Sauen in der Wolfsnahrung jedoch markant zu, während die Cerviden-
anteile zurückgehen. Je strenger der Winter, desto höher ist dort der Anteil des Schwarzwil-
des in der Wolfsnahrung.
Im Valle Susa, Norditalien, haben sich seit 2000 zwei Wolfsrudel etabliert (G
AZZOLA ET AL.
2005). Rotwild deckt im Winter 62 % der Wolfsnahrung, gefolgt von Rehwild mit 26 % und
Gamswild mit 8 % (Biomasse).
Hoher Anteil von Jungtieren.
Generell fallen den Wölfen hauptsächlich junge, unerfahrene, überalterte und kranke oder
schwache Tiere zum Opfer, während vitale Tiere in den mittleren Altersklassen entkommen
(M
ECH & BOITANI 2003, S. 131). Dies ist umso stärker ausgeprägt, je größer die Beutetiere
sind: Elche im Alter von drei bis acht Jahren sind für Wolfsrudel nahezu tabu. Mittelalte
Rothirsche sowie erwachsene Sauen werden von Wölfen gemieden (J
EDRZEJEWSKA &
J
EDRZEJEWSKI 1998). In Bialowieza sind über 50 % des erbeuteten Rotwildes Kälber
(J
EDRZEJEWSKI 2005) und 94 % der erbeuteten Sauen Frischlinge (jeweils Individuen;

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Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
8
J
EDRZEJEWSKI ET AL. 1992). Im Valle Susa ermittelten GAZZOLA ET AL. (2005) ein Verhältnis
von etwa 1 : 1 zwischen juvenilen und adulten Tieren in der Winterbeute. In Bieszczady
tragen Kälber bzw. Kitze im Sommer 28 % zur Wolfsnahrung bei (Biomasse; S
MIETANA &
K
LIMEK 1993). Im Wolfsgebiet Oberlausitz wurden bisher zehn adulte und 19 juvenile geris-
sene Stücke Rotwild identifiziert (K
LUTH & REINHARDT, unveröff.).
Sehr hoch kann der Eingriff von Wölfen in die soeben geborenen Jungtiere im Sommer
sein. In dieser Jahreszeit jagen Wölfe größtenteils nicht im Rudel, sondern einzeln. Das
erhöht ihre Chancen, Jungtiere, die sich in Deckung befinden, aufzuspüren. Sie werden
meist an Ort und Stelle restlos gefressen, später jedoch als Nahrung für die Welpen teilwei-
se wieder ausgewürgt (M
ECH & BOITANI 2003).
Selektion nach Geschlecht
Wölfe erbeuten mehr weibliches als männliches Rotwild. Dies kann daran liegen, dass die
weiblichen Tiere in Huftierpopulationen generell überwiegen. Stärkere Hirsche werden je-
doch gemieden. Von den zehn adulten Tieren, die im Oberlausitzer Wolfsgebiet von K
LUTH
& REINHARDT (unveröff.) untersucht wurden, waren zwei männlich und acht weiblich. SMIE-
TANA (mdl.) fand in Bieszczady einen relativ hohen Anteil junger (unter fünfjähriger) Hirsche
in der Beute von Wölfen. Er erklärt dies mit hohen jagdlichen Eingriffen in starke Hirsche
(Trophäenjagd), so dass junge Hirsche bereits aktiv an der Brunft teilnehmen und deshalb
geschwächt in den Winter kommen. Mittelalte Hirsche werden nur selten Beute von Wölfen.
Beim Rehwild ist eine Selektion nach dem Geschlecht unwahrscheinlich. Hinweise darauf
sind nicht bekannt.
Selektion nach der körperlichen Verfassung und nach Lebensraumbedingungen
Die Jagdweise des Wolfes bringt es mit sich, dass ihm kranke, verletzte oder gehandikapte
Tiere leicht zum Opfer fallen. Auf Isle Royale werden arthritische Elche bevorzugt gerissen
(P
ETERSON 1997). Ein in der Oberlausitz gerissener elfjähriger Hirsch hatte eine starke
Arthrose in einem Hinterlauf, ein Spießer hatte Verletzungen von einer Drahtschlinge am
Lauf (Abbildungen 1, 2; K
LUTH & REINHARDT, unveröff.).
Wölfe nutzen manchmal hohe Schneelagen, um mehr Beute zu machen, als sie zur unmit-
telbaren Ernährung brauchen. Sie können Schalenwild, das sich in ungeeignetem Gelände
aufhält (z. B. Gamswild im Bergwald), drastisch reduzieren. Ähnlich sind starke Eingriffe in
Populationen des Muffelwildes im Flachland zu interpretieren.
Abbildung 1, 2: In der Oberlausitz von Wölfen erbeutete Hirsche, links mit verlet-
zungsbedingter Arthrose im Hinterlauf, rechts mit einer Drahtverletzung (Foto: K
LUTH
& REINHARDT).

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
9
Nahrungsbedarf pro Wolf
Eine Zusammenfassung von 18 Studien in Nordamerika ergibt eine Nahrungsverfügbarkeit
von 5,4 kg pro Wolf und Tag, oder 0,14 kg pro kg Wolfslebendgewicht (M
ECH & BOITANI
2003, S. 127). Unter „Nahrungsverfügbarkeit“ ist die erlegte (nicht die verzehrte) Beutebio-
masse zu verstehen. In guter Übereinstimmung damit ermittelten J
EDRZEJEWSKI
ET AL.
(2002) 5.6 kg für Bialowieza. Das Untersuchungsmaterial (Rissserien) stammt allerdings
größtenteils aus dem Winterhalbjahr. Die Nahrungswahl im Sommer, wenn die Wölfe deut-
lich weniger wiegen und auch weniger Nahrung brauchen, ist weit weniger gut erforscht.
Zweifellos ist der Nahrungsbedarf bei kalten Temperaturen und Schneelage höher als im
Sommer. Deshalb ist der Wert 5,4 kg pro Wolf und Tag
für den Jahresdurchschnitt
vermut-
lich überhöht. Außerdem ist der Anteil, der übrig bleibt oder von Aasverwertern verzehrt
wird, nicht berücksichtigt. Dieser kann bei großen Beutetieren und kleinen Wolfsrudeln sehr
hoch sein.
Wolfsdichten und Rudelstreifgebiete
Wolfsrudel besetzen Territorien und dulden darin in der Regel keine fremden Wölfe. Die
Größe der Territorien steht in direktem Zusammenhang mit dem Beuteangebot. Im wildar-
men Yukon, Nordkanada, sind die Territorien etwa zehnmal so groß wie in Europa. Die
Territorien von Rudeln in Mittelschweden umfassen 311 – 1.990, im Durchschnitt 1.166 qkm
(P
EDERSEN ET AL. 2005), und zwischen den Territorien befinden sich große unbesetzte
Räume. Dies wird damit erklärt, dass sich die Population erst im Aufbau befindet.
Wölfe erreichen in Europa nirgends eine natürliche Populationsdichte, weil sie überall (legal
oder illegal) bejagt werden. Die höchste Dichte wurde mit neun Wölfen pro 100 qkm vorü-
bergehend in Bialowieza in einer Periode ohne Nachstellung erreicht (J
EDRZEJEWSKA &
J
EDRZEJEWSKI 1998, S. 342). Vor Einstellung der Bejagung lag die höchste Dichte vermut-
lich in Bieszczady mit etwa fünf Tieren pro 100 qkm (S
MIETANA & VAJDA 1997). Die meisten
Streifgebiete von Wolfsrudeln in Mitteleuropa liegen bei 80 – 200 qkm (siehe Tabelle 9).
Nach P
EDERSEN ET AL. (2005) wird die Populationsdichte von Wölfen – sofern ausreichend
Beute verfügbar ist – entscheidend vom Sozialverhalten gesteuert. Sie soll sich demnach
langfristig bei 4 – 7,8 (Mittel 5,9) Tieren pro 100 qkm einstellen.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
10
3
Die Situation in der Oberlausitz
In diesem Kapitel werden die bisherigen Ergebnisse und Erfahrungen mit den Wölfen in der
Oberlausitz, soweit sie für diese Arbeit relevant sind, vorgestellt, diskutiert und mit Erfah-
rungen in anderen Wolfsgebieten verglichen. Die Informationen stammen von K
LUTH &
R
EINHARDT, unveröff., und GÖPFERT, unveröff., die Nahrungsanalysen von ANSORGE ET AL.
(2006) bzw. unveröff..
3.1 Die Wolfspopulation
Tabelle 1 zeigt die Entwicklung der Wolfspopulation in der Oberlausitz seit 1998 (KLUTH &
R
EINHARDT, unveröff.). Die Streifgebietsgröße des Muskauer Rudels ist auf Grund von
Wolfsbeobachtungen geschätzt. Die des Neustädter Rudels ist durch Radiotelemetrie ermit-
telt, nachdem die Wölfin im März 2004 gefangen und mit einem Sender ausgerüstet werden
konnte. Die neun Welpen des Jahres 2003 waren Wolf / Hund-Hybriden. Im ersten Winter
2003 / 04 lebten anscheinend nur noch drei oder vier, von denen zwei eingefangen und
nicht mehr freigelassen wurden. Die anderen sind verschollen.
Tabelle 1: Status der Wolfspopulation in der Oberlausitz 1998 – 2005 (K
LUTH & REIN-
HARDT
, unveröff.).
WE: Wolfseinheiten zur Schätzung des Nahrungsbedarfes. Adulte Wöl-
fe zählen als eine Einheit (WE), juvenile Wölfe als eine halbe. Siehe dazu Kapitel 3.3.
Muskauer Rudel; ca. 330 qkm
Neustädter Rudel; 240 qkm
Jahr Ad. Juv. Summe WE Ad. Juv. Summe WE
1998 2 2 2
1999 2 2 2
2000 2 4 6 4
2001 6 2 8 7
2002 4 3 7 5,5 2
2003 5 5 10 7,5 2 9 11 6,5
2004 6 2 8 7 2 0 2 2
2005 4 5 9 6,5 2 5 7 4,5

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Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
11
Abbildung 3: Das Oberlausitzer Wolfsgebiet.
Grün: ungefähre Grenze des Gebietes mit regelmäßigen Wolfshinweisen (umfasst
die Streifgebiete der beiden Rudel).
Grün gebrochen: ungefähre Grenze der beiden Streifgebiete.
Blau: von G
ÖPFERT analysierte Jagdreviere im Muskauer Wolfsgebiet.
Violett: Neustädter Teilgebiet für Analyse der Jagdstrecken.
Rot gebrochen: Truppenübungsplatz Oberlausitz (der Ostteil wird vom BFoA
Muskauer Heide bewirtschaftet, der Westteil vom BFoA Lausitz).

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
12
3.2 Die Schalenwildpopulationen
Einschätzung des Lebensraums
Vom Nahrungsangebot her sind die Waldstandorte als außerordentlich arm für Schalenwild
einzuschätzen. Der Truppenübungsplatz Oberlausitz besteht fast gänzlich aus „armen“ bzw.
„ziemlich armen“ Sanden, die Bestockung fast nur aus Kiefer, davon etwa drei Viertel aus
Jungbeständen unter 60 Jahren (R
ÖDER mdl., GRAF PLETTENBERG mdl.). Entsprechend
spärlich ist die Bodenvegetation ausgebildet. Im Winter, wenn Rotwild seinen Stoffwechsel
reduziert und mit wenig Nahrung auskommt, bieten ihm diese Waldstandorte günstige ge-
schützte Einstände. Im Sommer jedoch, wenn sein Nahrungsbedarf stark ansteigt, zieht es
in die landwirtschaftlich geprägten Gebiete. Dieser saisonale Standortwechsel wird also
hauptsächlich vom wechselnden Nahrungsbedarf und -angebot bestimmt. Auch außerhalb
des Truppenübungsplatzes wird das Waldbild von jungen und mittelalten Kiefernforsten mit
wenig Bodenvegetation geprägt (G
RAF PLETTENBERG, mdl.).
Die landwirtschaftlichen Flächen sind ebenfalls nur gering produktiv, mit Bodenwertzahlen
von 20 – 25 (R
ÖDER mdl.). Angesichts der kargen Nahrungsbasis sollte eine geringe Scha-
lenwilddichte erwartet werden.
Schätzungen der Jägerschaft
Nach Einschätzungen der Jägerschaft (Wildtiererfassung des Landesjagdverbandes 2000
und 2002) betragen die Wilddichten in der Oberlausitz 2,5 Stück Rotwild, 5,2 Rehe und 2,9
Sauen pro qkm. Für eine Beurteilung, welchen Einfluss die Wölfe auf das Schalenwild ha-
ben, sind die Daten nicht geeignet; denn es sind Durchschnittswerte, die erheblich von den
Werten in den eigentlichen Wolfsgebieten abweichen können (und, wie gezeigt wird, dies
auch tun). Angaben dieser Art sind darüber hinaus beim Rehwild und Schwarzwild erwiese-
ner Maßen unbrauchbar, weil die tatsächlichen Wildbestände dabei drastisch unterschätzt
werden.
Die Entwicklung der Jagdstrecken
Erklärung der Begriffe bzw. Flächen:
Das Muskauer Wolfsgebiet ist das Streifgebiet des Muskauer Rudels:
330 qkm.
Das Neustädter Wolfsgebiet ist das Streifgebiet des Neustädter Rudels:
240 qkm.
Das Neustädter Teilgebiet ist eine Teilfläche im Neustädter Wolfsgebiet:
131 qkm.
Siehe dazu Abbildung 3.
Jagdstrecken stellen die einzigen überhaupt verfügbaren Daten zur Einschätzung der Popu-
lationsgrößen dar. Sie sind zumindest ein Indikator für die tatsächlich vorhandenen Scha-
lenwildbestände.
Für das Gebiet des Muskauer Rudels hat G
ÖPFERT (unveröff.) die Jagdstrecken von 1999
bis 2004 (für Rehwild ab 1998) zusammengestellt. Für ein 131 qkm großes Teilgebiet des
Neustädter Rudels liegen die Jagdstrecken der Unteren Jagdbehörde Kamenz von 1998 –
2004 vor. Für das Gebiet zwischen Spree und B 156 fehlen Daten. Es wird von einer ca.
5.000 ha großen Tagebaufläche beherrscht. Die Jahresjagdstrecke für Rotwild liegt bei rund
30 Stück (H
ANSPACH, mdl.).

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
13
Muskauer Wolfsgebiet,
330 qkm:
9
Beim Rotwild stiegen die Abschüsse etwa von 450 auf 550 an (ca. 1,7 Stück pro qkm).
9
Beim Rehwild sanken die Abschüsse geringfügig; sie liegen bei über 500 Stück (1,5
Stück pro qkm).
9
Beim Schwarzwild stiegen die Abschüsse von etwa 400 auf ca. 1.200 Stück (das Drei-
fache), bzw. von 1,2 auf 3,5 Stück pro qkm.
Rehabschüsse im Muskauer Wolfsgebiet
0
100
200
300
400
500
600
700
800
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
Rotwildabschüsse im Muskauer Wolfsgebiet
0
100
200
300
400
500
600
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
Schwarzwildabschüsse im Muskauer Wolfsgebiet
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
Abbildung 4: Jagdstrecken im Muskauer Wolfsgebiet.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
14
Neustädter Teilgebiet,
131 qkm:
9
Die Abschüsse beim Rotwild schwanken zwischen 27 und 81 Stück (0,2 – 0,6 pro qkm).
9
Die Abschüsse beim Rehwild steigen und fallen; sie liegen bei 1,2 – 1,9 pro qkm.
9
Die Abschüsse beim Schwarzwild steigen von rund 100 auf das Vierfache, das sind 0,7
– 2,8 pro qkm.
Die flächenbezogenen Reh- und Schwarzwildstrecken sind also in den beiden Gebieten
ähnlich. Dagegen wird im Neustädter Teilgebiet flächenbezogen nur rund ein Viertel der
Rotwildstrecke des Muskauer Teilgebietes erreicht.
Rehabschüsse im Teilgebiet Neustadt
0
50
100
150
200
250
300
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
Rotwildabschüsse im Teilgebiet Neustadt
0
20
40
60
80
100
1999
2000
2001
2002
2003
2004
Schwarzwildabschüsse im Teilgebiet Neustadt
0
100
200
300
400
500
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
Abbildung 5: Jagdstrecken im Neustädter Teilgebiet (55 % des Neu-
städter Wolfsgebietes).

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
15
Rückrechnung der Rotwildpopulation
Durch Rückrechnungen aus der Jagdstrecke kann auf den Mindestbestand einer bejagten
Population geschlossen werden. Plausible Ergebnisse sind zu erwarten, wenn alle (oder
fast alle) erlegten Tiere in die Jagdstatistik eingehen, die nichtjagdliche Mortalität nur gering
ist und die Nachwuchsrate nur eine geringe Variabilität aufweist. Diese Voraussetzungen
sind beim Rotwild gegeben: Die Nachwuchsrate ist stabil (ein Kalb pro Alttier), die nichtjagd-
liche Mortalität ist gering (Wölfe werden gesondert betrachtet), Wilderei und nicht gemeldete
Abschüsse halten sich in engen Grenzen. Bei Reh- und Schwarzwild muss dagegen von
erheblichen Verlusten der Jungtiere in den ersten Lebenswochen ausgegangen werden,
und die Nachwuchsrate variiert stark von Tier zu Tier (Rehe 1 – 2, Schwarzwild 4 – 8) und
von Jahr zu Jahr (strenge Winter oder Mastjahre). All dies macht Rückrechnungsverfahren
beim Rehwild und noch mehr beim Schwarzwild nahezu sinnlos.
Für die Rückrechnung der Rotwildpopulation wurde der statistisch erfasste Abgang durch
Jagd und der geschätzte Abgang durch Wölfe (siehe Tabelle 5) in den Jahren 2000 – 04
(fünf Jahre) gemittelt und mit dem Faktor 2,5 multipliziert. Der Faktor 2,5 impliziert eine
jährliche Zuwachsrate der Population von 40 %, wie sie bei einem zu Gunsten des weibli-
chen Teils leicht verschobenen Geschlechterverhältnis zu erwarten ist.
Für das 330 qkm große Muskauer Wolfsgebiet ergibt sich somit eine Rotwildpopulation von
mindestens 1.430 Stück, das sind etwa 4,3 Stück pro qkm. Der Zuwachs wurde aber offen-
sichtlich nicht genutzt, denn die Abschüsse sind weiter gestiegen. Die tatsächliche Populati-
onsgröße ist also mit Sicherheit höher. Es wird deshalb mit einer Populationsdichte von 4,5
Stück pro qkm bzw. einer Population im Muskauer Wolfsgebiet von 1.500 Stück gerechnet.
Das Neustädter Teilgebiet ist etwa deckungsgleich mit der östlichen Hälfte der 240 qkm
großen Hegegemeinschaft (HG) Lohsa-Spreetal. Im Teilgebiet werden lt. Jagdbehörde
Kamenz pro Jahr etwa 60 Stück Rotwild erlegt, in der gesamten HG etwa 100 (P
AJONK
mdl.). Das entspricht einer Rotwildpopulation in der HG von etwa 250 Stück, also einer
Dichte von etwa eins pro qkm. Im östlichen Teil des Neustädter Wolfsgebietes ist die Daten-
lage unklar. Hier liegt die Rotwilddichte zwischen den Werten der HG Lohsa-Spreetal und
der HG Muskauer Heide (G
ÄSSNER mdl.). In dem ca. 5.000 ha großen Tagebaugebiet ergibt
die Rückrechnung eine Rotwilddichte von etwa 1,8 Stück pro qkm.
Rehwild
Die Rehwilddichte lässt sich besonders schwer einschätzen. Karge Standortbedingungen,
im Muskauer Wolfsgebiet auch hohe und zunehmende Konkurrenz durch Rotwild sprechen
für eine geringe Dichte. Dieser Eindruck wird durch vergleichsweise sehr niedrige Jagdstre-
cken (um 1,5 Stück pro qkm) bestätigt. Dem widersprechen jedoch häufige Beobachtungen
bzw. das Fährtenbild (K
LUTH & REINHARDT, pers.), der hohe Anteil an Rehen in der Wolfs-
nahrung (siehe dort) und der hohe Anteil Verkehrsfallwild (etwa 20 % der Jagdstrecke;
HA-
MANN
mdl.). Vor Ort werden die Diskrepanzen mit einem geringen Interesse der Jäger an
Rehen erklärt (H
AMANN, GÄSSNER, GÄRTNER, WEGNER, alle pers.). Die „Wildtiererfassung“
durch die Jägerschaft gibt eine Rehdichte von 5,2 Stück pro qkm an.
Im Muskauer Wolfsgebiet sind die Rehabschüsse seit Auftreten der Wölfe insgesamt mini-
mal zurückgegangen, obwohl der Gesamtabgang durch die Wölfe zusätzlich um etwa ein
Drittel angestiegen ist (siehe dort
). Eine Ausnahme bildet das Bundesforstamt Muskauer
Heide. Dort sind die Abschüsse von etwa 200 (bis Jahr 2000) auf etwa 40 im Jahr 2005
gesunken. Dieser Rückgang im Bundesforstamt allein reicht aus, um den Rückgang der
Jagdstrecke im gesamten Muskauer Wolfsgebiet zu erklären. Er trifft zeitlich mit der Geburt
der ersten Welpen (also einem Anstieg der Wolfsdichte) zusammen, allerdings auch mit

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
16
einer im Jahr 2000 stärkeren Bejagung der Rehe (R
ÖDER mdl.) (zur Rehwilddichte siehe
auch Kap. 5.3).
Im Neustädter Teilgebiet fällt ein geringfügiger Rückgang der Jagdstrecke zeitlich etwa mit
der Etablierung des Wolfsrudels zusammen. Die Unfallzahlen sind ebenfalls gesunken. Ein
Einfluss der Wölfe ist unwahrscheinlich, kann aber nicht ausgeschlossen werden.
Schwarzwild
Im Muskauer Wolfsgebiet sind die Jagdstrecken innerhalb von sechs Jahren auf das Zwei-
einhalbfache gestiegen, im Neustädter Teilgebiet auf das Vierfache. Im Jahr 2003 kam es
zu einem Einbruch in der Jagdstrecke, der in der Oberlausitz nur mäßig ausfiel, in der Ge-
samtstrecke für Sachsen jedoch sehr deutlich, nämlich um etwa 37 % (von 33.134 auf
20.787).
Jäger und Wölfe gemeinsam scheinen nur einen geringen Einfluss auf die Populationsdy-
namik dieser Wildart auszuüben. Dies haben u. a. O
KARMA ET AL. (1995) für Bialowieza
eindrucksvoll nachgewiesen.
Zur Interpretation der Jagdstrecken
Die Jagdstrecken von Rehwild und Schwarzwild weisen in beiden Wolfsgebieten pro Flä-
cheneinheit ähnliche Werte auf. Deshalb wird eine ähnliche Verfügbarkeit dieser beiden
Wildarten für Wölfe angenommen. Dagegen unterscheidet sich die Populationsdichte (Ver-
fügbarkeit) des Rotwildes etwa um den Faktor 2 – 3.
Generell muss festgestellt werden: Schwankungen von Jahr zu Jahr, auch innerhalb mehre-
rer Jahre, sind bei Jagdstrecken durchaus üblich, auch bei anscheinend gleichen Bedin-
gungen. Jagdstrecken können Indikatoren der Populationsdichte sein, doch ist der Zusam-
menhang schwächer als oft angenommen wird. Auch verläuft das Auf und Ab der Strecken
meist nicht synchron mit der Populationsdichte, sondern mit zeitlicher Verzögerung. Es ist
deshalb große Zurückhaltung geboten, wenn von Jagdstrecken auf Populationsdichten oder
gar auf den Einfluss von Wölfen geschlossen werden soll.
Insgesamt ist der Schalenwildbestand im Wolfsgebiet relativ hoch – jedenfalls nach forst-
lich-jagdlichen Maßstäben. Diese Maßstäbe sagen jedoch wenig aus über die ökologische
Kapazität des Lebensraums, die fast immer höher ist als die sog. wirtschaftliche Tragbar-
keit. Die Rotwilddichte im Oberlausitzer Wolfsgebiet schwankt stark sowohl von Ort zu Ort
als auch saisonal. Die hohe allgemeine Schalenwilddichte ist kein Widerspruch zur insge-
samt geringen Produktivität der Standorte. Sie liegt an einer zurückhaltenden Bejagung, aus
welchen Gründen auch immer.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
17
3.3 Die Nahrungswahl der Oberlausitzer Wölfe
Bisherige Analysen
Die Nahrungswahl der Oberlausitzer Wölfe wurde von A
NSORGE ET. AL (2006) an Hand von
192 Losungsproben aus den Jahren 2001 – 03 analysiert. Inzwischen ist die Anzahl der
Proben bis 2005 auf 582 gestiegen. Die Anteile der Schalenwildarten sind in Tabelle 3
aufgeführt. Nicht dargestellt ist, dass sich die Nahrungsanteile zwischen dem Neustädter
und dem Muskauer Wolfsgebiet nur geringfügig unterscheiden (A
NSORGE ET AL., unveröff.).
Im Neustädter Wolfsgebiet ist der Rehanteil etwas höher, der des Rotwildes niedriger.
Tabelle 2: Biomasse der Wildarten in der Wolfsnahrung (A
NSORGE ET AL. 2006 bzw.
unveröff.)
Zeitraum
Losungen
Rotwild %
Rehwild %
Sauen %
Mufflon %
2001 – 03
192
35
44
13
5
2001 – 05
582
25
47
24
2
In der Zusammenschau von Nahrungsanalysen und Jagdstrecken ergeben sich folgende
Schlüsse:
9
Rehe stellen für die Oberlausitzer Wölfe nahezu die Hälfte der Nahrung.
9
Der hohe Rehanteil in der Wolfsbeute legt eine hohe Populationsdichte nahe. Diese
kommt jedoch in den relativ geringen Jagdstrecken nicht zum Ausdruck.
9
Der Jagdstreckenverlauf lässt keinen Populationsrückgang bei den Rehen erkennen.
9
Der Anteil des Schwarzwildes in der Nahrung steigt im betrachteten Zeitraum an. Dies
entspricht dem Anstieg der Population, der sich auch deutlich in den Jagdstrecken aus-
drückt.
9
Der Rückgang des Rotwildanteils in der Wolfsbeute trotz steigender Populationsdichte
(Muskauer Teilgebiet) ist durch die Zunahme des Schwarzwildanteils rein rechnerisch
erklärbar.
9
Der Rückgang des Muffelwildes auf Null in der zweiten Phase (der Wert 2 ist aus-
schließlich durch die ersten drei Jahre verursacht) kennzeichnet das Erlöschen der Po-
pulation, die offensichtlich den Wölfen zur Last zu legen ist.
9
Die Nahrungsanalysen und die Eliminierung des Muffelwildes belegen den ausgeprägt
opportunistischen Beuteerwerb der Wölfe.
Umrechnung von Biomasse auf Individuen
Die Ermittlung der verzehrten Biomasse und die Umrechnung auf Individuen bereitet große
methodische Schwierigkeiten. Eines der Probleme ist der Anteil der verzehrten Jungtiere.
Sie werden rascher und vollständiger verdaut, weshalb manchmal Korrekturverfahren ein-
gesetzt werden. Dabei kann aber das Problem nicht behoben werden, dass der Jungtieran-
teil in der Nahrung nicht bekannt ist und in der Losung meist auch nicht festgestellt werden
kann: An den Haaren gelingt die Unterscheidung bis etwa vier Monate, an Hufen und Zäh-

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
18
nen länger, doch werden diese nur selten verzehrt. In dieser Analyse wird die Unterschei-
dung zwischen „jung“ und „alt“ bei zwölf Monaten getroffen.
Um von der verzehrten Biomasse auf die Anzahl Individuen zu schließen, muss für diese
ein Durchschnittsgewicht bestimmt werden. Dieses hängt ab vom Anteil der einzelnen Al-
tersstufen an der Gesamtbeute. Beispielsweise wiegt ein Reh zwischen 1,5 kg (Kitz im Mai)
und 25 – 30 kg (erwachsener Bock; Lebendgewichte).
Für die anschließenden Schätzungen wurden folgende
verwertbare Gewichte
unterstellt:
Rotwild:
Kälber
30 kg
adulte / subadulte Tiere
50 kg
Rehwild:
Kitze
8 kg
adulte / subadulte Rehe
14 kg
Sauen:
Frischlinge
10 kg
adulte / subadulte Sauen 40 kg
Tabelle 3: Umrechnung von verzehrter Biomasse auf Individuen pro Wolf und Jahr.
1
) Verwertbares Durchschnittsgewicht bei gleichen Anteilen juveniler und (sub-) adulter
Tiere in der Beute.
Wildart Prozent Biomasse (kg) Gewicht
1
) (kg)
Individuen
Rehwild 47 682 11 62
Rotwild 25 365 40 9
Schwarzwild 24 350 25 14
Beim
verwertbaren Gewicht
wird vom „Gewicht aufgebrochen“ im Herbst ausgegangen:
Lebendgewicht minus innere Organe, Blut, Verdauungstrakt mit Inhalt. Das „Gewicht auf-
gebrochen“ entspricht knapp 70 % des Lebendgewichtes (W
OTSCHIKOWSKY, unveröff.).
Wölfe verzehren die inneren Organe und die Eingeweide, nicht aber Mageninhalt, Fell und
größere Knochen. Das „Gewicht aufgebrochen“ entspricht daher mit guter Annäherung der
verzehrten Biomasse der Wölfe.
Abbildung 6 und 7 Anteile des Schalenwildes in der Nahrung der Oberlausitzer Wöl-
fe: links als Biomasse nach A
NSORGE (unveröff.; ohne Mufflon und sonstiges), rechts
umgerechnet auf Individuen pro Wolf und Jahr.
Nahrungsanteile
(% Biomasse)
Nahrung eines Wolfes
(Individuen) pro Jahr
24 % Sauen
47 % Rehe
14 Sauen
62 Rehe
25 % Rotwild
9 Rotwild

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
19
Für Bialowieza nehmen
JEDRZEJEWSKA & JEDRZEJEWSKI (1998)
an, dass 75 % des Lebend-
gewichts verwertbar sind und davon wiederum 91 % tatsächlich verzehrt werden. Dies ent-
spricht 68 % des Lebendgewichts und stimmt mit der hier gemachten Annahme von knapp
70 % sehr gut überein.
Kritische Interpretation der Befunde
Die Umrechnung der Nahrungsanalysen von A
NSORGE (unveröff.) bildet die Grundlage für
alle weiteren Schätzungen bzw. Kalkulationen, welchen Einfluss die Wölfe auf die Schalen-
wildpopulationen und damit auf die Jagdwirtschaft in der Oberlausitz nehmen. Deshalb
muss nachdrücklich auf die Unsicherheiten hingewiesen werden, die mit der Umrechnung
von verzehrter Biomasse auf die Anzahl Individuen verbunden sind.
Das Ergebnis ist erstens stark beeinflusst vom angenommenen Durchschnittsgewicht der
Beutetiere, und dieses wiederum vom Anteil Jungtiere. In der hier dargestellten Umrech-
nung wurde im Einklang mit anderen Untersuchungen (siehe Kap. 2.2) angenommen, dass
bei jeder Wildart je zur Hälfte Jungtiere (< 12 Monate) und ältere Tiere erbeutet werden. In
grober Annäherung beträgt der Anteil der Jungtiere in den Schalenwildpopulationen beim
Rotwild etwa 40 %, beim Rehwild 50 – 70 %, beim Schwarzwild 50 – 150 %. Die Rissfunde
im Oberlausitzer Wolfsgebiet zeigen beim Rotwild ein Verhältnis von 19 : 10 zu Gunsten
von Jungtieren (K
LUTH & REINHARDT unveröff.). Vor dem Hintergrund dieser Stichprobe ist
die Annahme von 50 % Jungtieren in der Wolfsbeute zu gering. Das gleiche dürfte beim
Schwarzwild zutreffen. Insgesamt wird also die Anzahl der gerissenen Individuen in dieser
Rechnung bei Rot- und Schwarzwild wahrscheinlich unterschätzt.
Zweitens beeinflusst die unterstellte tägliche Nahrungsmenge das Ergebnis. Die in dieser
Analyse angenommene Menge von 4 kg pro Wolf und Tag ist geringer als in der Literatur
angegeben (siehe Kapitel 2.2), erscheint aber unter den Bedingungen in der Oberlausitz gut
vertretbar (B
OITANI mdl.).
Der Anteil der Rehe in der Wolfsnahrung ist unverhältnismäßig höher als in den zitierten
polnischen und norditalienischen Analysen, wo Rotwild in der Beute der Wölfe dominiert.
Dafür können individuelle Vorlieben der Elterntiere in der Oberlausitzer Population nicht
ausgeschlossen werden. Auch scheinen die Oberlausitzer Wölfe die Einzeljagd zu bevorzu-
gen; denn bei 224 Sichtbeobachtungen wurde in 71 % der Fälle nur ein Wolf gesehen, in 17
% zwei Wölfe (K
LUTH & REINHARDT 2005). Einzeljagd macht Sinn bei relativ kleinen Beute-
tieren. Der Hauptgrund dürfte aber in einer hohen Populationsdichte im Wolfsgebiet zu
suchen sein – siehe dazu Kapitel 3.2 und 5.3.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
20
4
Das Muskauer Rudel
In diesem Kapitel wird das Beziehungsgefüge Wölfe – Schalenwild – Jagd im Muskauer
Wolfsgebiet auf der Grundlage des vorangegangenen Nahrungsbedarfs analysiert.
4.1 Quantifizierung der Eingriffe
Folgende Annahmen liegen der Analyse zu Grunde:
9
Das Streifgebiet des Rudels umfasst 330 qkm (Kluth & Reinhardt, unveröff.). Das Rudel
besteht aus zwei adulten und zwei subadulten Wölfe, die vier Welpen aufziehen (acht
Wölfe im Winter). Dies entspricht etwa dem Mittel der letzten sechs Jahre (siehe Tabel-
le 1).
9
Die Welpen werden im Mai geboren und etwa ab Jahresmitte mit fester Nahrung ver-
sorgt. Für jeden aufgezogenen Welpen wird deshalb der halbe jährliche Nahrungsbe-
darf eines erwachsenen Wolfes unterstellt. Das achtköpfige Modellrudel besteht somit
aus sechs Wolfseinheiten (WE).
9
Das Angebot an Beutetieren lässt sich nur für Rotwild einschätzen. Auf Grund der
Rückrechnung (siehe Kapitel 3.2) ist von etwa 1.500 Stück auszugehen (Dichte
4,5/qkm).
9
Der Nahrungsbedarf pro Wolf und Tag beträgt 4 kg (weniger als die in der Literatur
genannten 5 kg).
9
Die Zusammensetzung der Nahrung entspricht den Befunden von A
NSORGE (unveröff.)
auf der Basis von 582 Losungen (siehe Kap. 3.3).
9
Die Hälfte der von Wölfen erbeuteten Tiere sind Jungtiere (Kälber, Kitze bzw. Frischlin-
ge). Das entspricht den Erfahrungen in Polen sowie den Befunden in der Oberlausitz
(K
LUTH & REINHARDT unveröff.).
Analog zu der Schätzung des Nahrungsbedarfes eines einzelnen Wolfes (gleich eine WE)
ergibt sich unter diesen Annahmen für ein Rudel von acht Wölfen (sechs WE) eine Beute
von
Rotwild
54 Stück;
pro Wolf (WE) 9 Stück
Rehwild
372 Stück;
pro Wolf (WE) 62 Stück
Sauen
84 Stück;
pro Wolf (WE) 14 Stück.
In Faustzahlen bedeutet dies:
9
Ein Wolf verzehrt 62 Rehe, neun Stück Rotwild und 14 Sauen pro Jahr.
9
Pro Woche fallen dem Rudel ein Stück Rotwild, sieben Rehe und ein bis zwei Sauen
zum Opfer.
9
Pro Jahr verzehrt dieses Modellrudel 510 Stück Schalenwild.
9
Die Wölfe verzehren etwa 1,5 Stück Schalenwild pro qkm (100 ha) und Jahr.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
21
Tabelle 4: Geschätzte Eingriffe des Muskauer Rudels in das
Schalenwild seit 1999.
Jahr
WE
Rotwild
Rehwild
Schwarzwild
1999 2
18
124
28
2000 4
36
248
56
2001 7
63
434
98
2002 5,5
50
341
77
2003 7,5
68
465
105
2004 7
63
434
98
2005 6.5
59
403
91
Im Vergleich zu polnischen Ermittlungen ergibt sich für das Muskauer Rudel eine große
Zahl von erbeuteten Tieren, im Durchschnitt 1,4 Tiere pro Rudel und Tag. In Bialowieza
fanden J
EDRZEJEWSKA & JEDRZEJEWSKI (1998; S. 206) wesentlich weniger, nämlich nur
etwa 0,8 Stück Schalenwild für ein fünf- bis sechsköpfiges Rudel. Der Unterschied erklärt
sich sowohl durch die größere Anzahl Wölfe im Muskauer Rudel (acht statt fünf bis sechs)
als auch durch den hohen Anteil von Rotwild in Bialowieza. Das Durchschnittsgewicht eines
erbeuteten Stücks wird dort mit 55 kg angegeben (ca. 38 kg „aufgebrochen“), also wesent-
lich mehr als ein durchschnittliches Stück in der Oberlausitz. Die große Zahl erbeuteter
Individuen in der Oberlausitz hängt außerdem mit der Annahme zusammen, dass die Hälfte
davon Jungtiere mit geringem Gewicht sind.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
22
4.2 Vergleich mit der Jagdstrecke
Wie ist im Muskauer Wolfsgebiet von 330 qkm der geschätzte Eingriff des Rudels von acht
Wölfen (sechs WE) im Vergleich mit der Jagdstrecke zu sehen? Wir betrachten dazu den
Zeitraum der Jahre 2000 – 2004 (fünf Jahre). In Tabelle 5 werden die geschätzten Eingriffe
der Wölfe (sechs WE im Durchschnitt der fünf Jahre) dieser Jagdstrecke gegenübergestellt.
Tabelle 5: Vergleich Jagdstrecke und geschätzte Abgänge durch Wölfe im Muskauer
Wolfsgebiet im Jahresmittel 2000 – 2004
(Prozentzahlen auf- bzw. abgerundet).
Muskauer Wolfsgebiet
Rotwild
Rehwild
Schwarzwild
Jahresjagdstrecke 509 559 902
Von Wölfen erbeutet (geschätzt)
54
372
84
Jagdstrecke pro qkm (100 ha)
1,54
1,69
2,73
Wolfsbeute pro qkm (100 ha; geschätzt)
0,16
1,13
0,25
Wolfsbeute in % des Gesamtabgangs
10
40
9
Am jährlichen Gesamtabgang durch Jagd und Wölfe beträgt der Anteil der Wolfsbeute beim
Rotwild 10 %, beim Schwarzwild 9 %, bei den Rehen 40%.
Mit insgesamt etwa sechs Stück Schalenwild pro 100 ha beträgt die Jagdstrecke etwa das
Vierfache der Wolfsbeute.
Vergleich Abschüsse und geschätzte
Wolfsbeute im Jahresmittel 2000-2004
0
200
400
600
800
1000
Rotw ild
Rehw ild
Schw arzw ild
Abbildung 8: Vergleich der Abgänge durch Jagd (links)
und geschätzt durch Wölfe (rechts) im Muskauer Wolfs-
gebiet pro Jahr.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
23
Rehwild: Abschüsse und geschätzte Wolfsbeute im
Muskauer Wolfsgebiet
0
200
400
600
800
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
Rotwild: Abschüsse und geschätzte Wolfsbeute im
Muskauer Wolfsgebiet
0
100
200
300
400
500
600
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
Schwarzwild: Abschüsse und geschätzte Wolfsbeute im
Muskauer Wolfsgebiet
0
500
1000
1500
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
Abbildung 9: Vergleich von Jagdstrecke (links) und geschätzter Wolfs-
beute (rechts) im Muskauer Wolfsgebiet.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
24
5
Andere Wolfsgebiete
5.1 Das Neustädter Rudel
Die Verhältnisse im Neustädter Rudel sind für eine Analyse bzw. für Folgerungen nicht
geeignet, weil die Zusammensetzung des Rudels von Jahr zu Jahr stark schwankte: Es
bestand in seinem ersten Jahr aus einer Wölfin und neun Hybridwelpen, von denen etwa
die Hälfte bereits im Winter fehlten, ebenso wie der Hunderüde (K
LUTH & REINHARDT, unver-
öff.); im zweiten Jahr aus zwei Wölfen ohne Welpen, erst im dritten Jahr aus zwei adulten
Wölfen und fünf Welpen (siehe Tab. 1). Mit nur 26 kg ist die Wölfin dieses Rudels zudem
ein ungewöhnlich kleines Tier.
Die Nahrungsanalysen (A
NSORGE unveröff.) – wegen des kurzen Zeitraums handelt es sich
um eine relativ kleine Stichprobe – ergeben im Vergleich zur Gesamtanalyse einen höheren
Anteil an Rehen, jedoch weniger Rotwild. Die Jagdstrecken sprechen nicht dafür, dass sich
die Verfügbarkeit an Rehen oder Schwarzwild von der im Muskauer Wolfsgebiet unter-
scheidet. Wohl aber ist die Rotwilddichte wesentlich geringer. Der höhere Rehanteil in der
Nahrung kann deshalb an der geringeren Rotwilddichte liegen, aber auch an der Zusam-
mensetzung des Wolfsrudels, dessen Nahrungserwerb von einer besonders kleinen Wölfin
bestimmt wird. Das Streifgebiet, ermittelt anhand der mit einem Halsbandsender ausgerüs-
teten Wölfin, beträgt 240 qkm, also nur etwa 73 % des Muskauer Wolfsgebietes.
Die Rotwilddichte beträgt im westlichen Teil des Neustädter Wolfsgebietes (Hegegemein-
schaft Lohsa-Spreetal) etwa ein Stück pro qkm. Wenn im östlichen Teil eine Übergangs-
dichte zum Muskauer Wolfsgebiet von etwa drei Stück angenommen wird, ergibt sich
durchschnittlich eine Dichte von etwa zwei Stück Rotwild pro qkm. Verglichen mit dem
Muskauer Wolfsgebiet ist dies weniger als die Hälfte.
5.2 Das frühere Rotwildgebiet Ostsachsen
Das Oberlausitzer Wolfsgebiet ist Teil des früheren Rotwildgebietes Ostsachsen. Im Jahr
2004 umfasste es 1.512 qkm. Die Rotwilddichte wurde durch Rückrechnung auf 1,7 Stück
pro qkm geschätzt (W
OTSCHIKOWSKY & KERN 2004). Die Abgrenzung folgte ungefähr der
gegenwärtigen südlichen Streifgebietsgrenze des Muskauer Rudels (siehe Abbildung 3) und
schwang im Westen bei Senftenberg nach Norden. Im Osten bildet die Neiße die Grenze,
im Norden schließt sich eine große Population in Brandenburg mit ähnlicher Dichte an.
Inzwischen ist das Rotwildgebiet nach Westen wesentlich vergrößert worden (D
ITTRICH,
mdl.).
Angenommen, im früheren Rotwildgebiet Ostsachsen etablierten sich vier Wolfsrudel (je
acht Wölfe = sechs WE; insgesamt 32 Wölfe), was einer Wolfsdichte von etwa 2,1 pro 100
qkm entspräche (etwas geringer als im Muskauer Wolfsgebiet mit 2,4). Nehmen wir außer-
dem an, dass Reh- und Schwarzwild für die Wölfe in ähnlicher Dichte verfügbar sind wie im
Muskauer Wolfsgebiet, so würden sich die Wölfe mit etwa einem Fünftel am jährlichen Ab-
gang aus der Rotwildpopulation beteiligen (siehe Tabelle 7). Welche Auswirkungen dies auf
die Jagdstrecken hat, hängt davon ab, ob die Population stabil oder im Ansteigen begriffen
ist. Ist sie stabil und soll sie unverändert erhalten bleiben, so muss der Abschuss um etwa
21 % zurückgenommen werden. Beim Schwarzwild wird der Eingriff der Wölfe kaum zu
bemerken sein. Unklar ist, wie sich der hohe Aderlass bei den Rehen auswirkt.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
25
Tabelle 6: Schätzung des Einflusses der Wölfe im Rotwildgebiet Ostsachsen.
1
) Mittel der Jagdstrecke aus den Jahren 2000 – 2004 (WOTSCHIKOWSKY & KERN 2004).
Wildart
Wölfe
Jagd
Gesamt % durch Wölfe
Rehwild 1.488 2.680 4.168 36
Rotwild 216
1
) 836
1.052
21
Schwarzwild 336 4.328 4.664 7
Abgänge durch Jagd und Wölfe p. a. im
Rotwildgebiet Ostsachsen
0
1000
2000
3000
4000
5000
Rotw ild
Rehe
Sauen
Abbildung 10: Geschätzter Abgang durch Jagd (links) und Wölfe
(rechts) im Rotwildgebiet Ostsachsen.
5.3 Resümee und Perspektiven zum Verhältnis
Wölfe-Schalenwild
Die Vergleiche zwischen den Jagdstrecken und dem geschätzten Abgang durch die Wölfe
zeigen, dass die Jagd seit dem Auftreten der Wölfe insgesamt noch keine Einbußen zu
verzeichnen hat. Bei Rotwild und Schwarzwild sind die Strecken deutlich angestiegen, beim
Rehwild etwa gleich geblieben. Nur eine Mufflonkolonie ist eliminiert worden.
Das Ergebnis ist mehr als eine Momentaufnahme, aber dennoch nur ein Zwischenergebnis.
Das hier diskutierte Beziehungsgefüge ist ein hoch komplexes und sehr dynamisches Sys-
tem. Überraschungen sind deshalb nicht ausgeschlossen. Besonders viel Potential dafür
liegt auf der Seite der Beutetiere, nämlich der kaum voraussagbaren Entwicklung der drei
Schalenwildpopulationen. Aber auch auf der Seite der Wölfe ist mit Veränderungen zu
rechnen.
Die Rolle des Rehwildes
Die Rehe sind in dem Räuber-Beute-System der Oberlausitz das große Fragezeichen. Ob-
wohl sie mit Abstand den größten Anteil in der Nahrung der Wölfe einnehmen, lässt sich
eine Abnahme der Populationsdichte bisher nicht feststellen. In den drei diskutierten Bei-
spielen summieren sich die Eingriffe durch Jäger und Wölfe zusammen auf 2,8 bis 3,2
Stück pro 100 ha. Ein jährlicher Aderlass dieser Größenordnung erfordert theoretisch kaum
mehr als eine Populationsdichte von etwa sechs Rehen; denn die Zuwachsraten liegen im

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
26
Hügelland oder Flachland im Bereich von 60 % und mehr (allerdings mit starken Schwan-
kungen, bedingt durch Mähverluste im Grünland, hohe Fuchsdichte und nasskaltes Wetter
während der Setzzeit). Eine solche Populationsdichte ist nach heutigen Erkenntnissen eher
gering. Die „Wildtiererfassung“ durch die Jägerschaft gibt eine Rehdichte von 5,2 Stück pro
qkm an. Dies ist sicherlich eine drastische Unterschätzung. Nach S
TUBBE (1990; S. 307)
sind Rehwilddichten unter fünf Stück pro qkm „nicht zu bewirtschaften“ (d. h. nicht planmä-
ßig zu bejagen), denn „bei solch geringen Beständen sieht der Jäger kein Rehwild.“ Rehe
sind aber im Oberlausitzer Wolfsgebiet ständig und praktisch überall zu sehen.
Anscheinend bilden die ungenutzten Reserven der Rehe bisher einen wirksamen Puffer
zwischen Wölfen und Rotwild. Ob auf längere Sicht mit einem Rückgang der Rehdichte
gerechnet werden muss, lässt sich gegenwärtig nicht voraussagen. In diesem Fall müssten
die Wölfe entweder ihre Streifgebiete vergrößern (d. h. ihre Dichte nähme ab). Die Streifge-
biete liegen aber, verglichen mit anderen europäischen Wolfsgebieten, heute schon im
oberen Bereich (siehe Tabelle 9). Oder sie müssten verstärkt Rotwild und / oder Schwarz-
wild nutzen. Bei der hohen Dichte dieser beiden Arten ist dies die wahrscheinlichere Alter-
native.
Die Rolle des Schwarzwildes
Auch das Schwarzwild bietet für die Wölfe ein großes Nahrungspotential. Dies wird in dem
drastischen Anstieg der Jagdstrecken deutlich, der auf einen entsprechenden Anstieg der
Populationsdichte zurückzuführen ist. Das drastische Auf und Ab in der Schwarzwildpopula-
tion ist auf das hohe Vermehrungspotential dieser Wildart und auf ihre rasche Reaktion auf
Umweltbedingungen zurückzuführen: Strenge Winter werfen die Population zurück, milde
Winter und Mastjahre lassen sie ansteigen. Jahre mit vielen Frischlingen bieten Wölfen viel
leichte Beute. Das bedeutet eine Entlastung für die anderen Beutewildarten. Rein rechne-
risch ist zu erwarten, dass in solchen Jahren der Eingriff in die anderen Schalenwildarten
abnimmt.
Mit der Bejagung ist es bisher nicht gelungen, die landesweit als überhöht eingestufte Popu-
lation zu reduzieren. Auch in Zukunft ist damit kaum zu rechnen.
Einbußen beim Rotwild
Wie sich die Rotwildpopulation unter einer möglicher Weise zunehmenden Wolfspopulation
entwickeln wird, hängt also, wie dargelegt, zum einen davon ab, welche Reserven in den
Populationen von Rehwild und Schwarzwild vorhanden sind; denn keine dieser beiden
Wildarten wird derzeit jagdlich effizient genutzt (sonst müssten beim Rehwild die Jagdstre-
cken abnehmen, beim Schwarzwild dürften sie nicht zunehmen). Zum anderen profitieren
sowohl Jäger als auch Wölfe derzeit von einem Anstieg der Rotwildpopulation. Dies ist
belegt durch den Anstieg der Jagdstrecken wie auch durch das zunehmende Auftreten von
Rotwild außerhalb der amtlichen Rotwildbewirtschaftungsbezirke. Es ist anzunehmen, dass
Wölfe und Jäger zusammen den Zuwachs derzeit nicht nutzen.
Anderes Schalenwild
Einzelne Wölfe wurden in den letzten Monaten südlich des Muskauer Wolfsgebietes beob-
achtet. Dort kommt kein Rotwild, jedoch Damwild vor. Wie sich Wölfe auf das Vorkommen
dieser Wildart auswirken, lässt sich gegenwärtig nicht abschätzen.
Südlich der Autobahn A 4 lebt in den Königshainer Bergen eine Mufflonpopulation hoher
Dichte. Sollten sich die Wölfe dort einfinden, so sind hohe Einbußen zu erwarten.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
27
6
Wölfe und Jäger: Synopsis
Jäger sind von Natur aus keine Freunde von Wölfen. Beide konkurrieren nicht nur miteinan-
der um Beute. Jäger fühlen sich auch durch die Anwesenheit von Wölfen in ihrer Jagdaus-
übung gestört, weil das Schalenwild sein Verhalten ändern, gewohnte Einstände wechseln
und scheuer werden kann. Manche Hegebemühungen wie Fütterung, Wildäcker, Ausset-
zungen von Wild u. dgl. können ebenfalls durch Wölfe beeinträchtigt werden. Andererseits
können Wölfe durch ihre ausgeprägt opportunistische, selektive Beutewahl auch positiv auf
Schalenwildpopulationen einwirken, sowohl im Sinne des Jägers als auch des Waldbesit-
zers.
6.1 Jagd in der Kulturlandschaft: zwischen Pflicht
und Kür
Jagd als Kür: Beute machen
Jagd diente ursprünglich der Nahrungsbeschaffung. Diese Rolle spielt sie in unserem Kul-
turkreis seit langem nicht mehr. Jagd wird allgemein als Hobby, als Freizeitbeschäftigung,
sogar als Luxus aufgefasst. Jäger in Deutschland zu sein ist teuer. Als Jäger kann man an
der Jagd nicht verdienen, im Gegenteil. Verdienen kann allenfalls der Inhaber des Jagd-
rechts.
Jagd diente ursprünglich der Nahrungsbeschaffung. Diese Rolle spielt sie in unserem Kul-
turkreis seit langem nicht mehr. Jagd wird allgemein als Hobby, als Freizeitbeschäftigung,
sogar als Luxus aufgefasst. Jäger in Deutschland zu sein ist teuer. Als Jäger kann man an
der Jagd nicht verdienen, im Gegenteil. Verdienen kann allenfalls der Inhaber des Jagd-
rechts.
Dies gilt jedenfalls in Ländern mit gutem Einkommen, so auch in Westdeutschland. In den
neuen Ländern liegen die Verhältnisse anders. Dort sind die Möglichkeiten, an der Jagd
teilzunehmen, ungleich billiger – sei es als Revierpächter, als Teilhaber, als Inhaber eines
befristeten Jagdbegehungsscheins oder als Jagdgast. Anders als im Westen ist es im Osten
durchaus möglich, mit der Pacht eines Jagdreviers Gewinn zu erzielen, z. B. durch Verkauf
von Wildbret oder von Jagdmöglichkeiten an Gäste.
Ein grobes Rechenbeispiel ergibt für das Oberlausitzer Wolfsgebiet folgende Bilanz pro 100
ha eines Jagdreviers: Pachtzins 400 €, Aufwendungen im Revier 300 €, Gesamtaufwand
also 700 €. Die Jagdstrecke stellt bei einem Durchschnittserlös von 4 € pro kg einen Ge-
genwert von etwa 730 € dar (Jagdstrecke lt. Tabelle 5: 1,54 Rotwild zu 50 kg, 1,69 Rehe zu
14 kg, 2,73 Schwarzwild zu 30 kg Wildbretgewicht). Die Bilanz ist also etwa ausgeglichen.
Für Revierinhaber, die sich eine Jagd mit dem Ziel gepachtet haben, damit Geld zu verdie-
nen, sind Konkurrenten bei der Nutzung des Schalenwildes nicht gern gesehen. Freilich
dürfte eine solche Einstellung zur Jagd von den meisten Jägern in unserem Kulturkreis
Die Jagd auf Schalenwild hat in der Kulturlandschaft, wo große Beutegreifer fehlen, eine
wichtige Funktion: Sie muss die Wölfe ersetzen und für eine Balance zwischen den großen
Pflanzenfressern und der Vegetation sorgen. Das eigentliche Motiv zu jagen ist aber das
Beutemachen. Der Jagdertrag spielt eine wichtige Rolle, sowohl für den Grundeigentümer
als auch für den Jäger selbst. Daneben hat das Jagen selbst noch zahlreiche andere Fa-
cetten, die sich einer materiellen Bewertung entziehen.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
28
kritisch gesehen werden. In der deutschsprachigen Jagdliteratur der letzten hundert Jahre
lässt sich eine unverhohlene Abneigung gegen eine einkommensorientierte Jagd belegen.
Eine solche verträgt sich auch nur schwer mit dem Anspruch, dass Jagd aktiver Naturschutz
sei.
Jagd als Pflicht: Abschusserfüllung und Auslese
Jäger reklamieren für sich, dass sie in der Kulturlandschaft die verloren gegangenen Beute-
greifer ersetzen müssen, und leiten daraus ab, dass die Jagd eine wichtige Funktion bei der
Kontrolle des Schalenwildes erfülle. Laut Bundesjagdgesetz darf die Hege des Schalenwil-
des die „berechtigten Belange der Land- und Forstwirtschaft ... nicht beeinträchtigen“. Die
Bejagung muss dafür sorgen, dass die Schalenwildbestände nicht übermäßig anwachsen.
Sie erfolgt deshalb nach Abschussplänen, die lt. Jagdgesetz erfüllt werden müssen (ausge-
nommen Schwarzwild).
Dieser „Pflicht“-Teil der Jagd, die Erfüllung des Abschussplans, kann mit beträchtlichen
Aufwendungen von Seiten der Jäger verbunden sein. Darüber hinaus besteht der Pflichtteil
nicht nur aus der rein zahlenmäßigen Beschränkung der Wildbestände im Sinne des Ge-
meinwohls. „Die Abschussregelung soll dazu beitragen, dass ein gesunder, in seiner Sozi-
alstruktur intakter Bestand“ erhalten bleibt (DJV-H
ANDBUCH 2004, S. 14). Darunter wird ein
relativ hohes Durchschnittsalter und ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis verstanden.
Dies erfordert hohe jagdliche Eingriffe in Jungtiere und weibliches Wild. So besteht das
Abschusssoll bei der Rotwildbejagung in der Regel zu je einem Drittel aus Hirschen, weibli-
chen Tieren und Kälbern. Von den Hirschen wiederum entfallen 70 – 80 % auf ein- bis drei-
jährige Tiere (Spießer, Sechser, Achter) mit geringen Trophäen. Die wirklich attraktiven
Trophäenträger machen nur einen kleinen Prozentsatz der Jagdstrecke aus, kaum mehr als
15 Prozent. Die eigentliche Trophäenjagd nimmt also nur einen geringen Teil ein. Im deut-
schen Jagdwesen steht sie
beim Rotwild
jedoch unbestreitbar im Vordergrund.
Jäger bemühen sich außerdem um eine „Auslese“ bei der Bejagung des Schalenwildes.
Gemeint ist dabei nicht die biologisch fragwürdige Auslese nach Geweihmerkmalen, son-
dern das bevorzugte Erlegen schlecht entwickelter, kranker, schwacher oder verletzter
Tiere. Dadurch tragen sie zur Gesunderhaltung des Wildes bei.
Gegenüber Wölfen ist der menschliche Jäger dabei freilich weit im Nachteil. Ohne Zweifel
fallen kranke Tiere den Wölfen leichter zum Opfer als gesunde. Wölfe sind auch besser als
Jäger in der Lage, solche Tiere aufzufinden, weil diese sich meist passiv verhalten und in
Deckung bleiben, wo sie der Jäger nicht finden kann. Wölfen wird sogar nachgesagt, dass
sie Wildkrankheiten und Seuchen unterbinden könnten. Wissenschaftliche Belege dafür
sind allerdings nicht vorhanden. Ob Wölfe Wildkrankheiten unterbinden können, bleibt Spe-
kulation.
Pointiert ausgedrückt, besteht das Wesen der Schalenwildbejagung in der heutigen Kultur-
landschaft aus Pflicht und Kür. Kür ist die Jagd auf Trophäenwild, Pflicht ist die Erfüllung de
Abschusses an jungem und weiblichem Wild, damit eine naturnahe Populationsstruktur
erhalten und eine übermäßige Zunahme der Wildbestände verhindert wird.
Aus dieser Einsicht könnte sich eine fruchtbare Koexistenz zwischen Jägern und Wölfen in
der Oberlausitz entwickeln: Die Jäger überlassen einen Teil der „lästigen Pflicht“ den Wölfen
und haben dadurch mehr Spielraum, der „lustigen Kür“ nachzugehen. Pflicht und Kür wür-
den wie ein Reißverschluss zusammenpassen (siehe dazu Tabelle 7).

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
29
6.2 Jagdwert und Jagdertrag in Wolfsgebieten
Jagd zwischen Naturschutz und Bodennutzung
Der materielle Wert der Jagd hat in der Oberlausitz (wie überhaupt in weiten Teilen Ost-
deutschlands) einen höheren Stellenwert als in Westdeutschland. Dies liegt an den unter-
schiedlichen Einkommensverhältnissen. Anders als in den westlichen Ländern, wo die meis-
ten Jagdreviere an finanzstarke, oft ortsfremde Leute verpachtet sind, werden die Jagden
im Osten überwiegend von ortsansässigen Jägern genutzt, von denen viele nur über ein
mittleres Einkommen verfügen. Die Ortsgebundenheit der Jagdinhaber ist ein großer Vorteil
für das Jagdwesen insgesamt. Sie bietet eine gewisse Sicherheit vor Auswuchserscheinun-
gen (v. a. übermäßige Hege mit überhöhten, wildschadensträchtigen Schalenwildbestän-
den).
Aus diesen Gründen müssen die Sorgen der Jäger und Jagdrechtsinhaber um ein Sinken
des Jagdertrages anders beurteilt werden als in westdeutschen Revieren. Der Jagdertrag ist
der Schlüssel für die Duldung der Wölfe durch die Jäger.
Der materielle Jagdwert
Nach einer Umfrage von G
ÄRTNER & HAUPTMANN (2005) befürchten 73 % der befragten
Jäger der Oberlausitz eine wesentliche bzw. starke Reduktion der Schalenwildbestände
durch die Wölfe. 56 % der Jäger sind dennoch bereit, den Wölfen bis zu 10 % des Jagder-
trages zu überlassen. Dabei stellt sich die Frage, was die Jäger unter Jagdertrag verstehen.
Ist dieser mit dem Ertrag an Wildbret oder der Anzahl erlegter Tiere oder der Anzahl bzw.
der Qualität der erbeuteten Trophäen gleichzusetzen? Welchen Unterschied machen Jäger
zwischen den Wildarten, die sie erbeuten?
Jäger bewerten die drei Schalenwildarten unterschiedlich. Rotwild hat ohne Zweifel den
höchsten Status. Es ist unter Jägern fast ausschließlich „positiv besetzt“, trotz der Tatsache,
dass es oft erhebliche Wildschäden anrichtet (für die der Jäger ersatzpflichtig gemacht
werden kann). Schwarzwild besitzt einen hohen Erlebniswert, spielt als Trophäenwild aber
kaum eine Rolle (wegen der geringen Anzahl von Keilern), kann dagegen wegen Wildschä-
den im Agrarland lästig und kostspielig werden. Rehwild schließlich gilt dort, wo Rot- und
Schwarzwild reichlich vorkommen, lediglich als Gelegenheitsbeute. Wo Damwild statt Rot-
wild vorkommt, nimmt es den Status des Rotwildes ein. Muffelwild schließlich weckt starke
emotionale Bindungen der Jägerschaft, weil es stets auf aktive Aussetzungen zurück geht
und sich die Jäger deshalb besonders stark mit den Tieren identifizieren (zum Muffelwild
siehe Kap. 6.3 ff).
Auch innerhalb der Wildarten machen die Jäger Unterschiede. Trophäenträger haben eine
höhere Wertigkeit als weibliches Wild, und Jungwild gilt noch weniger. Bis heute haben
manche Jäger sogar Hemmungen, weibliches oder junges Wild zu erlegen. Jedes zehnte
Hirschkalb abzutreten wäre für viele Jäger wahrscheinlich leicht zu verschmerzen, nicht
aber jeder zehnte Hirsch. Die Marge „10 % des Jagdertrages“, die lt. G
ÄRTNER & HAUPT-
Jäger und Jagdrechtsinhaber im Oberlausitzer Wolfsgebiet sehen den Jagdwert ihrer Re-
viere durch die Wölfe geschmälert. Sie meinen, der Jagdertrag würde geringer, der Erleb-
niswert beeinträchtigt, die Jagd schwieriger, manche Wildart fast oder gänzlich ausgerottet.
Der Staat, der die Rückkehr der Wölfe dulde bzw. sogar begrüße, müsse für Entschädi-
gungen der Jäger aufkommen.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
30
MANN (2005) manche den Wölfen überlassen würden, bedarf also der Differenzierung: 10 %
des Rotwildes, der Rehe, der Sauen, und innerhalb derselben – welcher Tiere?
Schließlich besteht ein nicht unerheblicher Teil der Wolfsbeute aus Tieren, die zum Jagder-
trag nur wenig oder nichts beitragen. Rehkitze und Frischlinge unterliegen einer hohen
frühen Mortalität, ein beträchtlicher Teil von ihnen überlebt nicht bis zur Jagdzeit. Von der
hohen Zahl an Beutetieren, die den Wölfen in den voran gegangenen Kapiteln rechnerisch
zugemessen wurden, sind (wie dort erwähnt) etwa die Hälfte Jungtiere des laufenden Jah-
res. In strengen Wintern fallen auch viele einjährige Sauen (Überläufer) aus oder werden
leichte Beute von Wölfen, kämen jedenfalls als Beute für den Jäger nicht in Frage. Auch
kranke und verletzte Tiere können vom Jäger oft nicht verwertet werden.
Entschädigung
Einige Teilnehmer des Workshops haben die Auffassung vertreten, es bestünde eine Ga-
rantie für einen bestimmten Wildbestand, und der Staat habe für Einbußen durch Wölfe bei
der Jagd aufzukommen, da er diese Einbußen durch den Schutz der Wölfe verursacht ha-
be. In diesem Zusammenhang beklagten die Jäger eine Ungleichbehandlung gegenüber
Schafhaltern, die für Verluste durch Wölfe entschädigt werden.
Diese Auffassungen sind durch die Gesetzeslage nicht gedeckt und auch grundsätzlich in
Frage zu stellen.
Kein Gesetz gibt eine Garantie für einen bestimmten Wildbestand bzw. für dessen jagdliche
Nutzung. Ein Jagdausübender kann grundsätzlich nicht davon ausgehen, dass ihm eine
bestimmte Jagdstrecke gleichsam zustehe.
Wenn überhaupt, dann kann eine Entschädigung für entgangene Jagdbeute allenfalls zwi-
schen dem Jagdnutzungsberechtigten (Revierpächter) und dem Jagdrechtsinhaber (Grund-
eigentümer bzw. Jagdgenossenschaft) privatrechtlich ausgehandelt werden. Auch dies ist
im Einzelfall schwierig; denn eine Garantie für eine nachhaltig erzielbare Jagdstrecke wird
bei der Ausstellung eines Jagdpachtvertrages in der Regel nicht gegeben. Allenfalls kann
der Revierpächter eine Änderung der Bedingungen ins Feld führen, unter denen der Vertrag
abgeschlossen worden war. Das Vorkommen von Wölfen allein wäre jedoch noch kein
ausreichender Grund; denn wie gezeigt wurde, müssen Wölfe den jagdlichen Ertrag des
Reviers nicht unbedingt schmälern.
Von den Gerichten wird der Standpunkt vertreten, dass die Jagdnutzung nicht unter die
Gemeinwirtschaft fällt, also kein Zweig der Volkswirtschaft ist, an dem ein Interesse der
Allgemeinheit besteht (z. B. Verwaltungsgericht Dresden, AZ: 13 K 1960/04). Vielmehr wird
die Jagd als eine Freizeitbeschäftigung angesehen, die mehr kostet als sie einbringt. Jagd-
rechtsinhaber werden zwar für Eingriffe der öffentlichen Hand in die Substanz ihres Jagd-
rechts in der Regel entschädigt, z. B. bei Straßenbaumaßnahmen. Die natürliche Rückkehr
der Wölfe kann jedoch nicht als „Eingriff“, sondern muss als ein Naturereignis angesehen
werden, ebenso wie ein Hochwasser, ein Hagelschlag oder ein schneereicher Winter. Die-
ses Naturereignis (die Rückkehr der Wölfe) entspricht vollkommen den Zielen des Natur-
schutzes und findet seinen unmittelbaren juristischen Ausdruck darin, dass der Wolf streng
geschützt ist. Deshalb lässt sich eine Entschädigungspflicht für Eingriffe durch Wölfe in den
Wildbestand nicht begründen.
Auch bei Haustieren ist der Staat nicht verpflichtet, Schäden durch Wölfe zu ersetzen. Vieh-
haltung gilt jedoch als Zweig der Volkswirtschaft. Es liegt also im Interesse des Staates,
diesen Wirtschaftszweig zu erhalten. Deshalb können Schäden an Schafen und anderen
Nutztieren nach bestimmten Regeln ersetzt werden. Einen Rechtsanspruch gibt es dafür
jedoch nicht.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
31
Der immaterielle Wert von Jagdrevieren
Nach Meinung von 61 % der von G
ÄRTNER & HAUPTMANN (2005) befragten Jäger bedeutet
das Vorkommen von Wölfen eine Senkung des Jagdwertes im nichtmateriellen Sinn. Nur 10
% sehen eine Steigerung. Auch im Workshop wurde wiederholt der Standpunkt geäußert,
dass durch die Wölfe eine Minderung des immateriellen Jagdwertes eintrete.
Ungezählte Umfragen, Interviews, Erlebnisschilderungen, Statements und Verlautbarungen
ergeben, dass Jägern nicht nur an Beute, Trophäen oder Wildbret liegt, sondern dass sie
mit Jagd auch Erlebniswerte, Naturnähe, Abenteuer und andere, emotionale Dinge verbin-
den. Jäger, die im Ausland jagen, erzählen zu Hause mit großer Begeisterung von der
„Wildnis“ in allen erdenklichen Ausdrucksformen. Begegnungen mit Wölfen oder anderen
großen Beutegreifern nehmen dabei oft eine positive Rolle ein. Auch bringen sie die Qualität
ihrer erbeuteten Trophäen und das erlebte starke Wild mit der Präsenz von Wölfen in Ver-
bindung.
Zu Hause jedoch herrschen offenbar große Vorbehalte bei dem Gedanken, dass Wölfe zum
Erlebniswert oder zur Vitalität der Schalenwildes, insgesamt also zur Qualität des Jagdre-
viers etwas positives beitragen könnten. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Grundeigentümer,
der sein Jagdrecht verpachten will, in einer Annonce mit der Anwesenheit von Wölfen in
seinem Revier wirbt (soweit bekannt, ist es allerdings auch noch nicht versucht worden.
Vielleicht brächte ein Experiment erstaunliche Hinweise).
6.3 Sonderfall Muffelwild
Muffelwild ist an vielen Orten in Ostdeutschland eingebürgert worden. Allein in Sachsen
sind neun räumlich voneinander getrennte Vorkommen als offizielle Bewirtschaftungsgebie-
te ausgewiesen. Nach dem Bundesjagdgesetz gilt das Mufflon als „heimische Art“. Dies ist
jedoch lediglich eine formaljuristische Definition. Nach diesem Gesetz gilt eine Art als „hei-
misch“, wenn sie bei Inkrafttreten dieses Gesetzes im Bundesgebiet gelebt hat, also im Jahr
1952.
Zoogeografisch ist das Mufflon jedoch ohne Zweifel eine fremde Art. Muffelwild kam nach
der Eiszeit in Deutschland nicht vor. Die heutigen Populationen im Bundesgebiet verdanken
ihre Existenz ausschließlich der Einbürgerung durch Jäger oder Privatleute, nicht aber einer
natürlichen Ausbreitung oder Einwanderung. Die Herkunft der Art ist umstritten. Es gibt
Vermutungen, das Mufflon stamme von verwilderten Hausschafen ab (BLV-Lexikon, 4.
Aufl.).
Wie alle Wildschafe, so ist auch das Mufflon eine Tierart arider oder semiarider Lebensräu-
me. Unter (semi-)humiden Bedingungen gedeihen Wildschafe nur schlecht. Die ungenü-
Die Entwicklung der Jagdstrecken zeigt, dass von Ertragseinbußen derzeit noch keine
Rede sein kann. Auch bei einer Vergrößerung der Wolfspopulation ist mit Ertragseinbu-
ßen nicht zu rechnen (siehe Kap. 7.1).
Einer Entschädigungsregelung für entgangene Jagdbeute fehlt die Rechtsgrundlage. Sie
stünde auch in grundsätzlichem Widerspruch zur Auffassung von der Jagd als einer Nut-
zung von Naturgütern.
Die Jäger erkennen in der Rückkehr der Wölfe derzeit noch keinen immateriellen Gewinn.
Dies kann sich durch zunehmende Gewöhnung und durch vermehrte Einsichten in das
Verhalten und die Auswirkungen
der Wölfe zu deren Gunsten ändern.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
32
gende Anpassung äußert sich u. a. in Erkrankungen der Hufe (Moderhinke, Auswachsen
der Schalen). Das gelegentliche Einwachsen der Schnecken in die Halspartie könnte auf
frühere Einkreuzungen anderer Schafe (z. B. Zackelschaf) zurückzuführen sein.
Mufflons lebten in ihrer ursprünglichen Heimat (Mittelmeerinseln) über einen sehr langen
Zeitraum ohne natürliche Feinde. Deshalb haben sie kaum Verhaltensweisen entwickelt, um
sich vor Wölfen in Sicherheit zu bringen. Wo felsreiches, unzugängliches Gelände erreich-
bar ist, flüchten sie dort hin, ähnlich wie Stein- oder Gamswild. Felsiges Gelände entspricht
ihrem eigentlichen Lebensraum. Es fehlt jedoch im Flachland.
Für den Wolf stehen Mufflons als Beuteobjekt zwischen einheimischem Schalenwild und
Hausschafen. Rot-, Reh- und Schwarzwild können sich durch Flucht, Verstecken oder Ge-
genwehr erfolgreich vor Wölfen in Sicherheit bringen. Hausschafe sind dagegen eine leich-
te, wehrlose Beute und müssen deshalb geschützt werden. Mufflons verhalten sich nicht
viel anders als Hausschafe, werden aber nicht geschützt. Deshalb können Wölfe einer
Mufflonkolonie große Verluste beibringen, ja sie sogar eliminieren. Der Fall Nochten ist ein
treffendes Beispiel dafür.
Verständlicher Weise macht sich die Jägerschaft Sorgen um die Mufflonkolonien. Der Lan-
desjagdverband fordert vom Staatsministerium „wirkungsvolle Maßnahmen“ zum Schutz der
Mufflonbestände vor den Wölfen (Beschlussvorlage Nr. 5, 22.04.2006). Was man sich dar-
unter vorstellt, wird nicht ausgeführt, doch sind in der freien Wildbahn kaum andere Maß-
nahmen denkbar als Eingriffe in die Wolfspopulation. Bei dem hohen Schutzstatus, den der
Wolf nach nationalem und internationalem Recht genießt, werden Eingriffe kaum durch-
setzbar sein. Bei dem gegenwärtig noch äußerst fragilen Zustand der Wolfspopulation sind
Eingriffe unter allen Umständen abzulehnen. Wie soll also der Konflikt zwischen Wolf und
Mufflon gelöst werden?
gebührt
6.4 Erschwernisse der Jagdausübung durch Wölfe
Viele Jäger – nach GÄRTNER & HAUPTMANN (2005) 87 % der Umfrage – beurteilen die An-
wesenheit von Wölfen für das Verhalten des Schalenwildes als wesentlich bzw. als sehr
stark. Sie befürchten eine Erschwerung der Jagd, weil die Tiere scheu werden, den schüt-
zenden Wald nicht mehr bei Tageslicht verlassen, sich zu großen, schwer bejagbaren Ru-
deln (Rotwild) zusammenschließen oder das Revier sogar meiden. Wildäcker und Winterfüt-
terungen, so heißt es, würden nicht mehr angenommen und Hegebemühungen dadurch
empfindlich gestört. Möglicher Weise sind die Befürchtungen der Jäger hinsichtlich einer
mittelbaren Beeinflussung des Wildes ein größeres Hindernis für Toleranz als der direkte
Entgang von Jagdbeute.
Wissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Problematik liegen kaum vor. Eigene Recher-
chen in Osteuropa haben ebenfalls keine Hinweise erbracht, dass Wölfe das Schalenwild
aus dem Revier vertreiben oder den Jagdbetrieb stören (W
OTSCHIKOWSKY 2001). Die Be-
denken der Jäger können deshalb nur theoretisch erörtert werden.
Aus der Sicht des Naturschutzes gebührt dem Wolf als heimischer Art ohne Zweifel Vor-
rang gegenüber dem nicht heimischen Mufflon. Dies wird deutlich im Status des Wolfes als
„streng zu schützende Tierart“ lt. Anhang IV des Bundesnaturschutzgesetzes.
Wölfe und Mufflons sollten ihre naturgegebene Auseinandersetzung selbst austragen. Das
Ergebnis kann bedauerlich sein, muss aber hingenommen werden.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
33
Entscheidend: Nahrung und Deckung
Das Verhalten von Schalenwild wird im Wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt: Deckung
des Nahrungsbedarfes und Feindvermeidung. Hinzu kommen lokale Wetterbedingungen.
Stark vereinfacht könnte erwartet werden, dass Schalenwild Gebiete meidet, in denen Wölfe
vorkommen. Dies hätte eine geringere Wilddichte in Wolfsgebieten zur Folge, jedoch eine
entsprechend höhere dort, wo Wölfe nicht oder nur selten sind. Theoretisch könnte das
Schalenwild aus manchen Jagdrevieren also verschwinden, dagegen in anderen Revieren
hohe Konzentrationen bilden.
Eine solche Vermeidungsstrategie gegen Wölfe ginge jedoch ins Leere. Denn Wölfe sind
nicht nur außerordentlich mobil. Ihre Streifgebiete umfassen auch ein Vielfaches von Rot-
wildrudelgebieten. Ein Wolfsrudel kann in einer Nacht die Streifgebiete mehrerer Rotwildru-
del oder Wildschweinrotten durchqueren. Ein Ortswechsel macht deshalb für Schalenwild
kaum Sinn, wenn es Wölfen ausweichen will.
Wohl aber stellt sich Schalenwild auf die Gegenwart von Beutegreifern ein. Unbestritten ist,
dass sich Rotwild bei hohem Jagddruck vermehrt in dichten Waldbeständen aufhält und das
Offenland bei Tageslicht meidet; es wird „nachtaktiv“. Gegenüber dem menschlichen Jäger
ist diese Strategie erfolgreich. Gegenüber Wölfen wäre sie jedoch kontraproduktiv: Rotwild
fühlt sich vor Wölfen vermutlich in einer offenen Landschaft sicherer als im Wald; denn es
verfügt über ein hervorragendes Sehvermögen und gute Fluchteigenschaften. Das könnte in
Wolfsgebieten sogar in einer stärkeren Nutzung offener Habitattypen durch Rotwild resultie-
ren.
Vice versa
würde der Wald in geringerem Maße genutzt.
Rudelbildung als Feindvermeidung
Sozial lebende Schalenwildarten (alle heimischen Arten außer Rehwild) schließen sich
gerne zu größeren Rudeln zusammen, sofern es das Nahrungsangebot zulässt. Die Regel
ist: Rotwildrudel sind umso größer, je geringer der Anteil Wald und je höher die Wilddichte
ist (Beispiel: Großrudel im waldlosen schottischen Hochland, ohne Wölfe. Gegenbeispiel:
Kleinrudel im Karpatenwald, trotz Wölfen). Rudelbildung ist aber auch ein Element der
Feindvermeidung in offenen Landschaften: das Individuum fühlt sich im Verband sicherer,
viele Augen sehen mehr als zwei. Es ist daher nicht auszuschließen, dass Wölfe zur Bil-
dung größerer Rotwildrudel beitragen, sofern der Lebensraum über offene Habitate verfügt.
Große Rotwildrudel im geschlossenen Wald sind dagegen in erster Linie ein Ergebnis hoher
Wilddichte. Mit der Anwesenheit von Wölfen haben sie nichts zu tun.
Schalenwildansammlungen bilden selbstverständlich Anziehungspunkte für Wölfe. Beim
Rotwild entstehen sie durch gute saisonale Nahrungsbedingungen (Getreidefelder, Raps-
schläge, günstige Wintereinstände), aber auch durch gezielte Maßnahmen von Jägern
(Wildäcker, intensive Kirrung, Winterfütterung). Wiederholte Angriffe von Wölfen können das
Wild dazu veranlassen, solche Lokalitäten zu meiden. Daraus entsteht eine andere räumli-
che Verteilung des Schalenwildes. Je nach der Position des menschlichen Betrachters kann
sie mal positiv, mal negativ bewertet werden. Manche als Hege verstandenen Maßnahmen
(insbesondere Winterfütterung) können auf diese Weise hinfällig werden.
In der Oberlausitz gibt es zum räumlichen Verhalten von Schalenwild unter dem Einfluss
von Wölfen viele Mutmaßungen, die sich jedoch oft widersprechen und geprägt sind von der
persönlichen Sicht der Nutzer. So wollen einzelne Waldbesitzer eine starke Massierung von
Rotwild im Wald beobachtet haben, Feldeigentümer dagegen ein vermehrtes Auftreten von
Schalenwild in der Feldmark – jeweils mit erheblichen Wildschäden als Folge.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
34
6.5 Einsatz von Jagdhunden in Wolfsgebieten
Frei jagende Hunde können von Wölfen angegriffen und verletzt bzw. getötet werden. In
Schweden, wo viel mit frei und weiträumig agierenden Hunden gejagt wird (Bracken bei der
Hasenjagd, wolfsgroße Spitze bei der Elchjagd), sind in den letzten Jahren mehrere Dut-
zend Hunde von Wölfen getötet worden. Im Neustädter Wolfsgebiet verlor G
RAF PLETTEN-
BERG (mdl.) einen Jagdterrier an die Wölfe. Die Bedenken von Jägern, ihre Hunde bei der
Jagd einzusetzen, sind daher begründet und verständlich.
Allerdings unterscheiden sich die Jagdmethoden in der Oberlausitz – bzw. in Deutschland –
wesentlich von jenen in Skandinavien. Die eigentliche Brackenjagd kommt hier kaum vor,
weil die Reviere (vorgeschrieben sind 1.000 ha) zu klein und zudem von zu vielen Straßen
durchschnitten sind. Anlässlich sog. Bewegungsjagden auf Schalenwild jagen jedoch viele
Hunde nach Brackenmanier, d. h. selbständig und weiträumig, ohne Kontakt zu ihrem Füh-
rer. Dabei sind allerdings mehrere Dutzend Schützen im bejagten Gebiet aufgestellt. Bei
einer solchen Menschendichte und den mit dem Jagdbetrieb verbundenen Aktivitäten (reger
KFZ-Verkehr, Türenschlagen, Hundegebell, Schüsse, Menschenwitterung) kann angenom-
men werden, dass die Wölfe ein solches Gebiet rasch verlassen. Eine Begegnung mit Hun-
den wird nur selten stattfinden.
6.6 Wölfe und Wildschäden
Einige Waldbesitzer bringen Schälschäden durch Rotwild, einige Landwirte wiederum Feld-
schäden durch Schwarzwild mit den Wölfen in Zusammenhang. In einem Einzelfall lastet
ein Waldbesitzer das Auftreten „orientierungsloser Rotwildrudel“ außerhalb des ausgewie-
senen Rotwildbewirtschaftungsbezirkes den Wölfen an (
VON EGGELING, pers.).
Die Ursachen für Wildschäden sind komplexer Natur. Oft werden sie in einen direkten (line-
aren) Zusammenhang mit der Populationsdichte gebracht: je mehr Wild, desto größer der
Schaden. Eine Reduktion der Wilddichte durch Wölfe müsste demnach eine Verringerung
der Schäden bewirken. Insofern erwarten manche Leute, die von hohen Wildschäden in der
Oberlausitz ausgehen, eine Verbesserung der Situation durch die Wölfe.
Ebenso wichtig wie die Wilddichte ist aber die Prädisposition der Felder bzw. des Waldes.
Attraktive Feldfrüchte können Schalenwild aus größeren Entfernungen anziehen, z. B.
Maiskulturen im Sommer (Schwarz- und Rotwild), Rapsschläge in der nahrungsarmen Jah-
Eine Gefährdung frei jagender Hunde durch Wölfe ist nicht auszuschließen. Sie kann je-
doch durch umsichtige Jagdorganisation klein gehalten werden.
Konzentrationen von Rot- oder Schwarzwild im Wald als Reaktion auf Wölfe sind unwahr-
scheinlich, beim Rehwild wegen seiner solitären Lebensweise ausgeschlossen. Denkbar
ist, dass Rotwild seine Tageseinstände aus Dickungen und Stangenhölzern in Habitate mit
besseren Sichtbedingungen verlegt.
Hohe Konzentrationen von Rot- und Schwarzwild in Folge übermäßiger Hegemaßnahmen
(Wildäcker, starke Kirrung können durch Wölfe aufgelöst werden. Mit größerer Scheu des
Schalenwildes wegen der Wölfe ist nicht zu rechnen. Es ist sogar eine Zunahme der Tag-
aktivität nicht auszuschließen.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
35
reszeit (Rotwild). Dabei kann es lokal zu hohen Wilddichten kommen, die ausschließlich
durch das Nahrungsangebot bestimmt sind, aber weder durch insgesamt zu hohe Wildbe-
stände noch etwa durch Wölfe.
Unbestritten sind hohe Schäden durch Wildschweine in den Feldern und im Grünland, so-
wohl im Wolfsgebiet als auch außerhalb. Diese hängen mit der hohen Populationsdichte der
Sauen zusammen. Diese Schäden werden in der Regel ohne Formalitäten zwischen den
Grundeigentümern (meist Agrargenossenschaften) und dem Jagdpächter geregelt. Statisti-
sche Erhebungen gibt es dazu nicht. Eine ursächliche Verbindung zu den Wölfen lässt sich
auch hier nicht herstellen.
Waldwildschäden: schwierig interpretierbar
Bei den Waldwildschäden stehen Schälschäden im Vordergrund. Diese haben seit der
Wende deutlich nachgelassen, was (außer mit der Absenkung sehr hoher Rotwildbestände
unmittelbar nach der Wende) sowohl mit der gegenwärtigen Waldstruktur als auch mit einer
grundlegenden Änderung des Verjüngungsverfahrens begründet wird. Zum einen besteht
ein großer Teil der Wälder aus mittelalten Kiefernbeständen, die dem schälgefährdeten
Alter entwachsen sind. Diese Wälder sind noch nicht hiebsreif, deshalb unterbleiben Ver-
jüngungsmaßnahmen. Wo der Wald verjüngt wird, geschieht dies nicht mehr wie früher in
Form von Kahlschlägen mit anschließender Pflanzung, aus denen nach wenigen Jahren
dichte, schälgefährdete Dickungen heranwachsen, sondern durch Naturverjüngung auf
großer Fläche und im Halbschatten des Altbestandes (R
ÖDER mdl., EICHHORST mdl.). Die-
ses Verfahren liefert ein eher zerstreutes statt konzentriertes Angebot von Jungpflanzen, die
überdies für Pflanzenfresser weniger attraktiv sind als Pflanzen aus der Baumschule. Allein
aus diesen Gründen sind in den Jahren nach der Wende die Wildschäden im Wald vermut-
lich zurückgegangen.
Waldwildschäden sind oft mit Störungen der Nahrungsaufnahme verbunden. In der verbrei-
teten Scheu des Rotwildes, nahrungsreiches Offenland wie Felder oder Grünland noch bei
Tageslicht aufzusuchen („Nachtaktivität“), sehen viele einen Grund für eine Zunahme der
Waldschäden: Je mehr Zeit das Wild im Wald verbringen muss, desto höher sei zwangsläu-
fig die Belastung der Waldvegetation. Diese Scheu ist in erster Linie auf die Bejagung zu-
rückzuführen. Ein Zusammenhang mit der Anwesenheit von Wölfen lässt sich weder bewei-
sen noch widerlegen, doch ist er, wie im vorangegangenen Kapitel bereits erörtert, eher
unwahrscheinlich.
Seit einigen Jahren werden im Freistaat Sachsen die Verbiss- und Schälschäden im dreijäh-
rigen Turnus erhoben. Die genannten gravierenden Änderungen der letzten Jahre im wald-
baulichen Vorgehen machen es schon ohne Wölfe ungemein schwierig, die Ursachen für
Waldwildschäden richtig zu deuten. Doch egal wie sich die Schadenssituation heute dar-
stellt – ein Zusammenhang (positiv oder negativ) zwischen Waldschäden und Wölfen, wenn
es ihn gäbe, könnte derzeit unmöglich nachgewiesen werden, weil die Wölfe noch kaum
Einfluss auf die Schalenwildpopulationen genommen haben. Auf die Ergebnisse des wald-
baulichen Gutachtens wird deshalb nicht eingegangen.
Nicht zuletzt ist auch auf die Gefahr hinzuweisen, dass die Wölfe für die Reduktion des
Schalenwildes instrumentalisiert werden könnten. Das Existenzrecht der Wölfe liegt allein
im Arten- bzw. Naturschutz begründet. Nutzen-Schaden-Überlegungen sind dabei fehl am
Platze.
Durch die Wölfe ist weder eine Zunahme noch eine Abnahme von Wildschäden zu erwar-
ten.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
36
6.7 Zum rechtlichen Status des Wolfes
Hegepflicht
Hege im klassischen Sinne bedeutet die Förderung jagdlich interessanter Arten „mit Flinte,
Falle und Futtersack“, d. h. durch Wahlabschuss („Flinte“ gleich „Büchse“), durch Beutegrei-
ferreduzierung und durch Fütterung (BLV-Lexikon, 4. Aufl.). Die Jägerschaft versucht seit
Jahren, diesen Hegebegriff neu im Sinne eines besseren Ökosystemverständnisses zu
interpretieren. Dabei stellt sie vor allem die Bedeutung des Lebensraums für die Wildtiere
heraus. Die Förderung der jagdbaren Tierarten, v. a. des Schalenwildes, bleibt aber nach
wie vor der Kerngedanke der Hege.
Deshalb kann man sich eine „Hege“ weder beim Wolf noch bei anderen Beutegreifern vor-
stellen. Da die Jägerschaft, von wenigen Ausnahmen abgesehen, von Wölfen eine Störung
des Jagdbetriebes erwartet, würde dies den aktuellen Hegevorstellungen beim Schalenwild
grundsätzlich zuwiderlaufen und ist mit Sicherheit nicht die Absicht der Jägerschaft. Wölfe
brauchen auch keine Hege. Das einzige, was ihre Existenz sichern kann, ist Toleranz.
Rechtsposition
Von Jägerseite wird oft die Ansicht vertreten, dass der widerrechtliche Abschuss von Tieren,
die dem Jagdrecht unterliegen, härter geahndet werde als bei solchen, die dem Natur-
schutzrecht unterliegen, weil damit auch ein Eingriff ins Eigentumsrecht verbunden sei.
Dieser Verweis ist jedoch nicht relevant; denn der widerrechtliche Abschuss eines Wolfes
geschieht in der Regel im eigenen Revier und stellt keinen Eingriff in fremdes Jagdrecht dar.
Davon abgesehen hat ein Wolf keinen nutzbaren Wert (Wildbret oder Trophäe; anders als z.
B. ein Hirsch), der sich finanziell beziffern ließe; denn er darf bzw. kann ja nicht jagdlich
genutzt werden.
Der Wolf ist im Anhang IV der „streng zu schützenden Tier- und Pflanzenarten von gemein-
schaftlichem Interesse“ des Bundesnaturschutzgesetzes aufgeführt und genießt daher ei-
nen besonders strengen Schutz.
Das eigentliche Anliegen des Landesjagdverbandes ist sicherlich nicht die Sorge um die
Wolfspopulation; denn die Wölfe können von einer geänderten Rechtsstellung nicht profitie-
ren. Das Anliegen ist eine Erleichterung der Eingriffsmöglichkeit, um die Wölfe zu kontrollie-
ren. Eine solche wäre zweifellos gegeben, wenn der Wolf dem Jagdrecht unterläge; denn
eine (begrenzte, vorübergehende o. ä.) Aufhebung der Schonzeit ist auf unterer Ebene
machbar und relativ unbürokratisch zu handhaben.
Gelegentlich wird die Frage gestellt, ob die Wölfe nachhaltig bejagt werden könnten. Aus
populationsökologischer Sicht steht dem nichts entgegen, vorausgesetzt natürlich, es han-
delt sich um eine vitale Population. Eine solche ist in der Lage, jagdliche Eingriffe in der
Größenordnung von 25 – 30 % pro Jahr zu kompensieren (z. B. H
AYES 1995, SMIETANA &
W
AJDA 1997). Doch davon ist die Population in der Oberlausitz noch weit entfernt, und es
muss als sehr fraglich beurteilt werden, ob sie sich jemals so weit entwickeln kann.
Der Landesjagdverband wünscht, dass der Wolf vom Naturschutzrecht ins Jagdrecht
übernommen wird. Als „jagdbare Tierart“ unterläge er dann, so wurde beim Workshop
argumentiert, der „Hegepflicht“ wie alle anderen jagdbaren Wildarten. Außerdem würde
eine widerrechtliche Erlegung nach Eigentumsgesichtspunkten beurteilt, was schwerer
wiege.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
37
6.8 Resümee
Die Tabelle 7 stellt eine grobe Einschätzung der Präferenzen von Jägern und Wölfen dar.
Dabei wird deutlich, dass Wölfe sich ihre Beute vorrangig aus den von den Jägern weniger
bevorzugten Segmenten der Schalenwildpopulationen nehmen. Wölfe und Jäger haben
also nicht die gleichen Vorlieben – im Gegenteil: Die von den Jägern hoch begehrten Stü-
cke (starke bzw. mittelstarke Hirsche sowie Keiler) werden von den Wölfen gemieden.
Umgekehrt greifen sich Wölfe hauptsächlich Kälber, Frischlinge und Kitze – das kommt
einem Altersaufbau zu Gute, wie ihn sich die Jäger wünschen. Es muss freilich eingeräumt
werden, dass sich die Tabelle nicht auf Befunde in der Oberlausitz stützt, sondern auf
Ergebnisse in anderen Wolfsgebieten, v. a. Bialowieza, Bieszczady, Valle Susa. Die bisheri-
gen Rissfunde im Oberlausitzer Wolfsgebiet (K
LUTH & REINHARDT, unveröff.), obwohl noch
von geringem Datenumfang, passen allerdings gut in dieses Bild.
Tabelle 7: Präferenzen von Jägern und Wölfen.
Grün: von Jägern bevorzugt. Rot: von Wölfen bevorzugt.
Rotwild
Starke Hirsche
Werden von Wölfen gemieden
Mittlere Hirsche
Werden von Wölfen gemieden
Junge Hirsche
Weibliche Tiere
Kälber
Werden von Wölfen bevorzugt gerissen
Verletzte, kranke
Werden von Wölfen bevorzugt gerissen
Schwarzwild
Keiler
Werden von Wölfen gemieden
Bachen
Werden von Wölfen gemieden
Überläufer
Frischlinge
Werden von Wölfen bevorzugt gerissen
Verletzte, kranke
Rehwild
Rehböcke
Rehricken
Rehkitze
Werden von Wölfen bevorzugt gerissen
Verletzte, kranke
Werden von Wölfen bevorzugt gerissen

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
38
Gegenwärtig nutzen Jäger und Wölfe gemeinsam noch nicht den Zuwachs der Rotwildpo-
pulation. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Abschusszahlen erhöht werden, bis sich
die Population stabilisiert; denn dies ist das Prinzip der Schalenwildbejagung bzw. der Sinn
der Abschussplanung. Gänzlich unabhängig davon können die Eingriffe der Wölfe in den
Rotwildbestand zunehmen, etwa weil alternative Beutetiere (Rehe, Schwarzwild) abneh-
men, oder weil die Wolfsdichte ansteigt. Dann müssten die Gesamtabgänge durch Wölfe
und Jagd zu einem Rückgang der Rotwildpopulation führen. In dieser Situation bietet es
sich an, den Abschuss etwas zurückzunehmen – aber nicht undifferenziert in allen Alters-
klassen, sondern bevorzugt dort, wo die Wölfe stark eingreifen: also in der Klasse der Käl-
ber, Schmaltiere und Schmalspießer. Damit bleibt den Jägern der attraktivere Teil erhalten.
Die Eingriffe der Wölfe in die Schwarzwildpopulation können gegenwärtig nur begrüßt wer-
den, zumal sich die Wölfe auch hier überwiegend in der jüngsten Altersklasse bedienen.
Mögliche Einbußen im Jagdertrag können hier keinesfalls beklagt werden; denn eine Re-
duktion der hohen Schwarzwildpopulation ist im Sinne der Landeskultur erwünscht, egal ob
durch Jäger oder durch Wölfe. Freilich darf nicht erwartet werden, dass die Wölfe gravie-
rend dazu beitragen. Die Nahrungsanalysen sprechen jedenfalls nicht dafür.
Schwer abzuschätzen ist die Entwicklung der Rehe. Sollte die Populationsdichte unter dem
Einfluss von Jagd und Wölfen sinken, so sollten die Jäger auf den Abschuss von Ricken
teilweise oder gänzlich verzichten. Dagegen könnten Böcke wie bisher bejagt werden.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
39
7 Perspektiven
7.1 Gedanken zur weiteren Entwicklung
Ohne Zweifel können Wölfe in Sachsen nahezu überall leben. Die bisherige Entwicklung
beweist es, und an der Anpassungsfähigkeit von Wölfen besteht kein Zweifel. Allenfalls
meiden Wölfe Gebiete, die stark von Menschen frequentiert werden. Das zeigt sich bei allen
Populationen, die sich in jüngerer Zeit in Europa etabliert bzw. wieder ausgebreitet haben,
so in Schweden (P
EDERSEN ET AL. 2005), Italien (GAZZOLA ET AL. 2005) und Frankreich,
nicht zuletzt auch in der Oberlausitz. Wölfe scheinen Wert darauf zu legen, dass sie den
Tag in weitgehend ungestörten Bereichen verbringen können. Nachts jagen sie jedoch ohne
weiteres in unmittelbarer Nähe von Siedlungen, so auch die mit einem Sender ausgerüstete
Wölfin des Neustädter Rudels (K
LUTH & REINHARDT, unveröff.).
Wölfe aus der Oberlausitzer Population können nach allen Richtungen abwandern und
dabei rasch nach Brandenburg, Polen oder Tschechien gelangen. Wo und in welcher Zahl
bzw. Dichte sich Wölfe künftig einfinden und ansiedeln werden, ist unmöglich vorherzusa-
gen. Prädestiniert als neue Zentren für Wolfsrudel sind große Tagebauflächen sowie ehe-
malige militärische Übungsplätze mit Betretungsbeschränkungen, zumal dort meist auch
hohe Schalenwilddichten vorkommen. Zu bedenken ist, dass etwa die Hälfte der abwan-
dernden Wölfe bei zufälliger Wahl der Migrationsrichtung in Brandenburg (Nord) oder in
Polen (Ost) ankommen, und dass die Migrationsrichtung Süden durch große waldarme
Gebiete sowie die Autobahn A 4 (die allerdings über einen langen Autobahntunnel in den
Königshainer Bergen querbar ist) wenig attraktiv ist.
Wölfe haben ein hohes Vermehrungspotential. Im Laufe eines Jahres kann eine Population
um etwa 30 % anwachsen, bzw. sie kann jährliche Verluste in dieser Größenordnung kom-
pensieren (M
ECH & BOITANI 2003). Dennoch wird es in der Oberlausitz aller Voraussicht
nach nicht zu einer raschen Zunahme kommen. Dies liegt an der hohen Verlustrate junger,
abwandernder Wölfe. Auch in Schweden dauerte es zwei Jahrzehnte, bis die Population
von wenigen Tieren auf gegenwärtig etwa 120 Stück anwachsen konnte (P
EDERSEN ET AL.
2005). Unklar ist, ob sich die enge Verwandtschaft potentieller Rudelgründer nachteilig auf
Paarbildung und Reproduktion auswirkt. Im gegenwärtigen Stadium kann von einer lebens-
fähigen, vitalen Population wegen der engen Verwandtschaft der Tiere und wegen der ge-
ringen Anzahl noch nicht gesprochen werden.
Tabelle 8: Wolfsdichten und Dichteverhältnisse Wolf zu Rotwild in einigen europäi-
schen Gebieten
(Quellen zu Tab. 8 siehe Tab.9).
Gebiet
Wolfsdichte
pro 100 qkm
Rotwilddichte
pro 100 qkm
Rotwild / Wolf
Muskauer Heide (6 Jahre)
2,3
450
190
Bialowieza mit Jagd
3 – 4
400 – 500
125
Bialowieza ohne Jagd
9
100
11
Bieszczady mit Jagd
5
400
80

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
40
Tabelle 9: Territoriengrößen einiger europäischer Wolfsrudel.
Örtlichkeit n Rudel Größe (qkm) Quelle
Oberlausitz 2 240, 330 KLUTH & REINHARDT (unveröff.)
Dalmatien 2 141, 160 KUSAK ET AL. 2005
Bieszczady
3
82, 84, 90
SMIETANA & WAJDA 1997
Bialowiesa
3
216, 288, 350 JEDRZEJEWSKI 2005
Valle Susa
2
113, 117
GAZZOLA ET AL. 2005
Im europäischen Vergleich zeigt sich: Den Oberlausitzer Wölfen steht ein hohes Nahrungs-
angebot zur Verfügung, trotzdem sind ihre Streifgebiete relativ groß bzw. ist ihre Dichte
gering. Sollte die Zahl der Wölfe zunehmen, so wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht
zu einem Anstieg der Populationsdichte in den bereits besetzten Gebieten kommen, son-
dern zur Gründung neuer Territorien. Zwischen den Rudeln solcher in Expansion befindli-
cher Populationen ist oft viel freier Raum. Für die Gebiete, in denen Wölfe bereits sesshaft
sind, ändert sich also nichts. Die Dichte und damit der Einfluss auf den Wildbestand bleibt
lokal gleich.
7.2 Konfliktlösung
Wölfe werden in unserer Landschaft immer Anlass von Konflikten sein. Das Schicksal einer
Wolfspopulation wird deshalb entscheidend davon abhängen, wie diese Konflikte gelöst
werden. Anders als in Ländern mit verbreiteter Schafweide wie Norwegen, Italien, Frank-
reich oder der Schweiz stehen in Deutschland jagdliche Probleme im Vordergrund. Deshalb
sind die Jäger die wichtigste Interessengruppe.
Derzeit scheinen die Konflikte im Oberlausitzer Wolfsgebiet noch begrenzt, weil sich die
Wolfspopulation erst in der Initialphase ihrer Entwicklung befindet und Auswirkungen auf
den Jagdbetrieb bzw. den Jagdertrag noch nicht erkennbar sind. Aus wildbiologischer bzw.
jagdwirtschaftlicher Sicht mögen die Bedenken gegen die Wölfe in der Tat unbegründet
sein. Doch hat dies wenig mit der Befindlichkeit der Jäger zu tun. Eine Meinungsumfrage
von G
ÄRTNER & HAUPTMANN (2005) belegt, dass etwa die Hälfte von ihnen die Wölfe ab-
lehnt. Diese Gruppe glaubt offenbar nicht daran, dass sich ihre jagdlichen Vorstellungen mit
der Existenz einer Wolfspopulation vereinbaren lassen.
Der Landesjagdverband Sachsen und namhafte Vertreter der Jägerschaft haben sich zwar
wiederholt ausdrücklich dazu bekannt, die Wölfe dulden zu wollen. Äußerungen in jüngerer
Zeit lassen allerdings eine zunehmende Intoleranz erkennen. Zielscheibe der Kritik sind
weniger die Wölfe selbst, als vielmehr das Geschehen im Umfeld. Die Rede ist von einer
Vergeudung von Steuergeldern, Medienrummel, Wolfstourismus, ungebetenen auswärtigen
Experten, Einmischung in lokale Angelegenheiten u. v. m..
Der Landesjagdverband hat im April 2006 eine „Arbeitsgruppe Wolf“ gegründet. Vorsitzen-
der ist ein führendes Mitglied des „Vereins für Sicherheit und Artenschutz“, welcher an sei-
ner Ablehnung der Wölfe keinen Zweifel lässt. Mit diesem Vorgang und mit Äußerungen,
dass „die Geduld der Jäger zu Ende gehe“, hat sich der Landesjagdverband in einen un-
übersehbaren Widerspruch zu seinen eigenen früheren Erklärungen begeben.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
41
All dies sind deutliche Signale, dass die Jägerschaft Schwierigkeiten hat, mit dieser für sie
neuen Situation fertig zu werden.
Wenn die Toleranz der Jäger verbessert werden soll, so muss an der Gruppe angesetzt
werden, die den Wölfen kritisch gegenübersteht. Bei den ausgewiesenen Wolfsgegnern, die
sich im „Verein für Artenschutz und Sicherheit“ gefunden haben, wird allerdings eine Annä-
herung kaum zu erreichen sein. Diese Gruppe zeigt sich für Gespräche und Information
kaum zugänglich.
Die beiden entscheidenden Voraussetzungen für eine Verbesserung der Toleranz sind
verlässliche Information und gegenseitiges Vertrauen. Verlässliche Information setzt neben
guten Kenntnissen in der Wolfsökologie auch solche im örtlichen Jagdwesen und überhaupt
intime Vertrautheit mit dem Jagdgeschehen voraus. Natürlich muss der aktuelle Stand der
Situation bei den Wölfen und beim Schalenwild bekannt sein. Dazu dient ein zielgerichtetes
Monitoring (siehe folgendes Kapitel).
Voraussetzungen für Vertrauen sind Unvoreingenommenheit, Offenheit und Ehrlichkeit bei
allen Beteiligten. Alle Anliegen müssen ernst genommen werden, seien es die von Jägern,
Naturschützern, Schafhaltern oder anderen Interessengruppen, selbst dann, wenn sie sach-
lich nicht nachvollziehbar sein sollten. Informationen dürfen nicht verschwiegen werden,
auch wenn sie unangenehm sein sollten.
Kontaktpflege und Informationsaustausch auf lokaler Ebene
Dem Jäger sitzt „das Hemd näher als der Rock“. Deshalb interessiert ihn in erster Linie das
Geschehen im eigenen Revier. Seine persönlichen Anliegen stehen für ihn im Vordergrund.
Jäger fühlen sich nicht verstanden, wenn ihnen z. B. von Auswärtigen etwas von europäi-
scher Verantwortung im Artenschutz erzählt wird, oder wenn die Eingriffe von Wölfen in den
Wildbestand mit Verlusten an Schafen in anderen Ländern relativiert werden. Revierinhaber
fühlen oder betrachten sich als Besitzer des Wildbestandes (was sie nicht sind) und als
dessen legitime Nutznießer (das sind sie in der Tat). Dies ist die Folge des sog. Reviersys-
tems: Es stellt den Jäger in die Verantwortung für sein Revier mitsamt seinen tierischen
Bewohnern.
Die Kontaktpflege sollte deshalb hauptsächlich auf lokaler Ebene ablaufen. Eine über-
schaubare räumliche Einheit wäre das Streifgebiet eines Rudels: Bei 200 qkm sind 30 – 50
Reviere betroffen. Auch eine Rotwildhegegemeinschaft kann eine gut geeignete Einheit
sein. Dabei kann auf bereits vorhandene Strukturen zurückgegriffen werden.
Wie Kontaktpflege und Informationsaustausch schließlich im Detail organisiert werden,
sollte vor Ort von den Betroffenen festgelegt werden, nicht von einer Behörde oder einer
anderen, amtlichen Einrichtung. Das heißt: Die Jäger, Grundeigentümer und Waldbesitzer
sollten von Anfang an in die Organisation der Kontaktpflege (über das wer, wo, wann, wie
oft etc.) eingebunden werden.
7.3 Monitoring
Über „Monitoring“ herrschen oft unklare Vorstellungen. Monitoring ist
nicht
ein mehr oder
weniger ungerichtetes Einsammeln von Daten, ist
nicht
„Dauerbeobachtung“. Unter Monito-
ring im wissenschaftlichen Sinne wird die Beobachtung einer Entwicklung verstanden, wenn
eine Maßnahme gesetzt bzw. ein Ereignis eingetreten ist (hier: die Einwanderung der Wöl-
fe). Das Monitoring im Oberlausitzer Wolfsgebiet soll also die Veränderungen dokumentie-
ren, die durch den Auftritt der Wölfe eingetreten sind.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
42
Große Teile des Oberlausitzer Wolfsgebietes sind FFH-Gebiet. Hier muss durch das Moni-
toring der „Erhaltungszustand“ der Wolfspopulation ermittelt und alle sechs Jahre an die EU
berichtet werden. Im Zusammenhang mit der Lösung von Konflikten muss das Monitoring
jedoch noch andere Aufgaben erfüllen. Bei der herausragenden Bedeutung der jagdlichen
Interessen muss es so organisiert sein, dass kritische Fragen der Jäger beantwortet werden
können.
Monitoring ist strikt zu unterscheiden von Forschungsvorhaben, die sich einer speziellen
wissenschaftlichen Frage widmen.
Monitoring der Wölfe
Es wäre wünschenswert, dass in jedem Rudel ein Tier (am besten ein Elterntier) mit einem
Senderhalsband ausgerüstet ist. Damit wäre eine präzise Definition des Streifgebietes des
jeweiligen Rudels möglich. Allerdings ist damit ein erheblicher Aufwand verbunden, dessen
Finanzierung sichergestellt sein muss.
Die bisherigen Losungsanalysen sollten fortgesetzt und verfeinert (d. h. nach Jahreszeiten
und Rudeln differenziert) werden. Dies geschieht bereits durch das Museum für Naturkunde
Görlitz..
Es sollte verstärkt versucht werden, Wolfsrisse im Gelände zu finden, um zusätzliche Auf-
schlüsse zu bekommen, die sich aus den Losungsanalysen nicht herleiten lassen (Beute-
ausnutzung, Alters- und Geschlechterverteilung, Gesundheitszustand). Revierinhaber, die
Risse melden, sollten dafür eine Aufwandsentschädigung erhalten. Dies könnte den man-
gelhaften Informationsfluss bedeutend verbessern. Wichtig ist, dass darunter eine Auf-
wandsentschädigung verstanden wird, nicht aber ein Ersatz für gerissenes Wild.
Monitoring des Schalenwildes
Die Jagdstrecken sollten Jahr für Jahr von einer Fachkraft analysiert werden.
In einigen ausgewählten, großen Revieren sollte auch der Jagdaufwand untersucht werden.
Wegen des geringen Anteils staatlicher Regiejagdflächen bieten sich dazu vornehmlich
Bundesforstämter an.
Forschungsthemen
Mit dem oben aufgeführten Katalog ist ein Minimum an Aktionen für das Monitoring be-
schrieben. Selbstverständlich gibt es darüber hinaus noch andere, wichtige Fragen, die
bearbeitet werden sollten, doch handelt es sich dabei um Forschungsthemen, nicht um
Monitoring. Einige Beispiele:
9
Klärung des Schicksals abwandernder Jungwölfe (Radiotelemetrie von Welpen und
Jährlingen).
9
Detaillierte Erfassung des Meinungsbildes der Jäger (einschließlich der Entwicklung
dieses Meinungsbildes im Laufe der Gewöhnung an die Wölfe).
9
Optimierung von Bejagungsstrategien in der Gegenwart von Wölfen.
Es wird empfohlen, das Monitoringkonzept und die Forschungsfragen alsbald in einem
Workshop zu klären und dabei neben Wissenschaftlern und Fachleuten unbedingt auch
Vertreter der örtlichen Interessengruppen zu beteiligen.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
43
7.4 Anreize zur Verbesserung der Akzeptanz
Die Haltung der Jäger zu den Wölfen ist geteilt. Etwa die Hälfte ist bereit, mit den Wölfen zu
leben (G
ÄRTNER & HAUPTMANN 2005), die andere Hälfte lehnt die Wölfe ab. Darin besteht
eine ernste Gefahr für deren Zukunft.
Der Workshop und viele persönliche Gespräche haben den Eindruck vermittelt, dass noch
beträchtliche Reserven bestehen, die Akzeptanz der Jäger zu vergrößern. Einige Hinweise:
Abschussplanung und Abschusserfüllung
Bei der Abschussplanung muss der Einfluss der Wölfe berücksichtigt werden. Wie in Kapitel
5.7 ausgeführt, wäre es aber falsch, den Jägern lediglich geringere Abschussquoten zuzu-
gestehen. Gerade auf die attraktiven Individuen des Schalenwildes kann wahrscheinlich
weiterhin ohne Einschränkungen gejagt werden. Die Zugeständnisse zugunsten der Wölfe
müssen hauptsächlich beim Abschuss des Jungwildes und des weiblichen Wildes gemacht
werden. Dies wird von vielen Jägern leichter akzeptiert werden.
Positive Bewertung der Wölfe für den Jagdwert
Vielen Jägern in der Oberlausitz ist noch nicht bewusst, dass Wölfe die Qualität (Fitness)
des Schalenwildes und seine Populationsstruktur positiv im Sinne der Jagd beeinflussen
können. Hier ist zu hoffen, dass die Jäger im Laufe der Gewöhnung an die Wölfe hinzuler-
nen und diese Vorteile erkennen und schätzen. Dabei kommt es auf ein gutes Monitoring
und eine überzeugende Aufarbeitung der Jagdergebnisse an.
Einmaligkeit der Situation
Die Einmaligkeit der Situation findet bereits durch zahlreiche Einrichtungen (Wildbiologi-
sches Büro Lupus, Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz) und wolfsbezogene Veranstaltungen
ihren Ausdruck. Dabei muss der (lokalen) Jägerschaft eine angemessene Position einge-
räumt und Gelegenheit gegeben werden, ihre Anliegen darzustellen. Die Jägerschaft ist ein
wichtiger Akteur in der Wolfsszene der Oberlausitz und muss deshalb auch eine entspre-
chende Rolle spielen.
Versicherung von Jagdhunden
Jagdhunde, die zum freien Jagen eingesetzt werden (Stöberhunde und Schweißhunde),
sollten eigens gegen Wölfe versichert werden.
7.5 Ausblick
Der Verfasser hat sich mit konkreten Vorschlägen zu Konfliktvermeidung, Monitoring und
Akzeptanzverbesserung zurückgehalten, um nicht den Eindruck zu erwecken, den Jägern
vor Ort solle aus großer räumlicher Distanz empfohlen werden, wie sie mit den Wölfen um-
zugehen haben. Die Lösung von Konflikten zwischen Wölfen und Jägern ist in erster Linie
eine Angelegenheit der Leute vor Ort. Sie sollen und müssen dabei die Hauptrolle spielen.
Dem steht nicht entgegen, dass sie sich fachlichen Beistand von außen heranholen, wenn
sie sich davon einen Fortschritt versprechen.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
44
Die Lösung von Konflikten auf der
lokalen
Ebene macht allerdings ein
landesweites
, sogar
über die Grenzen des Freistaates Sachsen hinaus gehendes Konfliktmanagement nicht
entbehrlich. Die dafür notwendige Institution ist bisher nicht eingerichtet. Erfahrungsgemäß
erfordern Wölfe gelegentlich Entscheidungen auf höchster Ebene. Dafür wird ein Gremium
vorgeschlagen (Runder Tisch, Management board o. ä.), dem die Spitzen der Interessen-
gruppen, die zuständigen Behörden, die vor Ort mit den Wölfen befassten Institutionen,
unabhängige Fachleute und die Vertreter der lokalen Arbeitsgruppen angehören. Wie in
einem demokratischen, parlamentarischen System repräsentieren die Empfehlungen dieses
Gremiums den Willen der Bevölkerung im Wolfsgebiet. Anders als Entscheidungen, die in
einer Behörde oder einem Ministerium getroffen werden, haben sie deshalb hohe Chancen,
von der Allgemeinheit akzeptiert und mitgetragen zu werden. Dies ist bei einem so kontro-
versen Thema wie Wölfe es sind von größter Bedeutung.

Wölfe, Jagd und Wald in der Oberlausitz
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